Elektra (Rob Bowman, USA, Kanada, Schweiz 2005)

Posted by – 13. Dezember 2014

elektraWas ich über „Daredevil“ gesagt habe, dass er rückblickend vor allem deswegen so interessant ist, weil er sich von den geleckten, aktuellen Marvel-Produktionen abhebt, gilt für „Elektra“ sogar noch in weit größerem Maße. Das liegt nicht nur an der Heldin – eine absolute Ausnahmeerscheinung in der männerdominierten Filmwelt Marvels – sondern auch an seiner von einer seltsamen Melancholie und Schwere durchzogenen Stimmung.

Elektra Natchios (Jennifer Garner) arbeitet als Profikillerin. Bei ihrem neuen Auftrag – auf einer abgelegenen Insel soll sie Mark Miller (Goran Višnjić) und dessen 13-jährige Tochter Abby (Kirsten Prout) umbringen – schaltet sich ihr Gewissen ein. Sie lehnt den Job ab. Und ehe sie sich versieht, befindet sie sich in der Rolle der Beschützerin der Millers. Keine leichte Aufgabe, denn die gefährliche Verbrecherorganisation „Die Hand“ hat es auf Vater und Tochter abgesehen.

In kurzen Rückblicken erfährt der Zuschauer, dass Elektra, die ja eigentlich in „Daredevil“ gestorben war, von einem blinden Sensei namens Stick (Terence Stamp) von den Toten zurückgeholt und zu einer noch besseren Kämpferin ausgebildet wurde. Vielleicht war es ihr Tod, vielleicht die Ausbildung durch Stick oder das tägliche Meditationstraining, jedenfalls ist Elektra seitdem nicht nur besonders kampfstark, sondern kann manchmal auch einen Blick in die Zukunft werfen. Wenn man von dieser Fähigkeit absieht, und davon dass die Schergen der Hand mit Superkräften ausgestattet sind, könnte „Elektra“ auch als bodenständiger Actionfilm über Profis auf Abwegen durchgehen. Ja, wahrscheinlich funktioniert nahezu jeder Vertreter dieser Kategorie, der nach dem Muster „Killer kneift und bekommt danach selber Ärger“ aufgebaut ist. Und in der Tat strahlt Bowmans Film die Melancholie und Einsamkeit aus, die in diesem Genre charakteristisch ist. Zwar sind auch viele Superhelden Einzelgänger, müssen sie ja darauf achten, dass niemand ihre zweite Identität erkennt, doch so richtig trostlos geht es dort trotzdem nicht zu. Es ist eher eine kindliche Lust an Heimlichkeiten, würde ich mal behaupten, das viele Superhelden-Filme gemeinsam haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Elektra ist schon durch ihr rotes Kostüm farbdramaturgisch in dem entsättigten Film isoliert, aber auch dem Charakter ihrer Figur fällt es unglaublich schwer, andere Menschen an sich heranzulassen. Hier wartet der Film auch nicht, wie sonst üblich, mit einem Charakterwandel auf – ein Küsschen hier, ein freundlicher Blick da, aber ansonsten bleibt Elektra die einsame Wölfin und unnahbare Killerin. Trotzdem ist der Film natürlich kein ausgefeiltes Psychogramm, sondern immer noch eine Comic-Verfilmung, in gewisser Hinsicht so eine besonders grob geschnitzte. Genauer darüber nachdenken, was da eigentlich warum passiert, sollte man eher nicht, das versaut einem den Spaß. Auf die Comic-Elemente möchte ich aber genauso wenig verzichten wie auf übernatürlichen Aspekte des Films, besonders die von Hong-Kong-Kino inspirierten (Super-)Schurken, den geschwinden Boss, einen steinharten Koloss, eine Dame, deren Küsse töten und ein Tätowierter, der die Bilder auf seinem Körper zum Leben erwecken kann. Besonders letztgenannter hat es mir angetan. Die Kämpfe mit den Schurken sind allesamt ordentlich choreografiert und hübsch anzusehen und warten mit der ein oder anderen feinen visuellen Idee auf.

Wenn man, wie gesagt, mal davon absieht, dass die Geschichte hinten, vorne und mittendrin kaum Sinn macht (was mir persönlich ziemlich leicht fällt), kann man durchaus mal behaupten, dass man es bei „Elektra“, wenn auch nicht mit einem Meisterwerk, so doch mit einem unterschätzten Beitrag im Marvel-Universum zu tun hat. Aus dem Giftschrank einer der bekömmlicheren Tropfen.

Bild © Universum
 

The Divergent (Neil Burger, USA 2014)

Posted by – 10. Dezember 2014

divergent„Tut mir leid, ihr Nörgler da draußen“, habe ich diesen Text während des Filmschauens etwas voreilig begonnen, „ich weiß nicht, was ihr habt, „The Divergent“ ist doch wirklich nicht schlecht!“ Doch dann ging der Film weiter. Und der Satz machte auf einmal nicht mehr so viel Sinn. Dabei ging alles recht vielversprechend los.

„The Divergent“, der auf dem ersten Teil der Roman-Trilogie von Veronica Roth beruht, erzählt die Geschichte der jungen Beatrice (Shailene Woodley), die mit ihrem Bruder Caleb (Ansel Elgort) und ihren Eltern Natalie (Ashley Judd) und Andrew Prior (Tony Goldwyn) in Chicago wohnt. Die Stadt ist zerstört und von einer Schutzmauer umgeben. Die Menschen sind in ein Kastensystem eingeteilt, den Altruan, zu denen auch die Familie Prior gehört, die sich um andere kümmern und die Regierung stellen, die Kämpferkaste der Ferox, den Wissenschaftler genannt „Ken“, die Candor, die das Justizsystem bilden und die friedfertigen Amite, die für Verwaltung und Landwirtschaft zuständig sind. Zu ihrem 16. Geburtstag machen die Jugendlichen einen Eignungstest und können sich danach entscheiden, ob sie, was die Regel ist, in der Kaste ihrer Eltern bleiben oder wechseln wollen. Diese Entscheidung steht nun für Beatrice und ihren Bruder an.

Wahrscheinlich verrate ich nicht zu viel, der Filmtitel deutet es ja ebenfalls an: Sowohl Beatrice als auch ihr Bruder entscheiden sich gegen die Kaste ihrer Eltern. Sie wird Ferox, er Ken. Der Zuschauer begleitet die junge Frau in ihrer neuen Lebenswelt, in der sie weiterhin verschiedene Prüfungen bestehen muss. In dieser, seiner stärksten Phase wirkt „The Divergent“ wie die Verfilmung eines futuristischen Bildungsromans. Interessant ist der Spagat, den Regisseur Neil Burger hier hinbekommt, indem er keinen Zweifel daran lässt, dass wir uns in einer Dystopie bewegen. Stabilität und Nachhaltigkeit sind in dieser Welt gleichbedeutend damit, seinen Platz zu kennen. Diesen Aspekt betreffend erinnert Burgers Film sehr an „Snowpiercer“. Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Burger ist viel weniger in das seinem Film zu Grunde liegende Konstrukt verliebt als sein koreanischer Kollege Joon-ho Bong, Burger interessiert sich für seine Figuren, zumindest für seine Hauptfigur, die versucht ihren Platz im Leben zu finden. Wer sich z.B. noch erinnert, wie es damals war, als die Empfehlungen ausgesprochen wurden, welche weiterführende Schule man besuchen soll – eine Lebensentscheidung mit weitreichenden Konsequenzen – hat vielleicht eine Ahnung davon, wie sich „The Divergent“ in seinen besten Momenten anfühlt. An dieser Stelle muss das andere Standbein des erwähnten Spagats, man könnte auch sagen, die freundliche Seite des Films genannt werden. Für komplexe Wesen, die Menschen nun mal sind, ist es nämlich nicht nur unangenehm, in eine Schublade gesteckt zu werden. Gleichzeitig will man nämlich unbedingt irgendwo zu gehören. Diese beiden widerstreitenden Wünsche, einzigartig und gleichzeitig ein Teil von etwas zu sein, repräsentiert die Figur der Beatrice ganz wunderbar. Ihr dabei zuzusehen, wie sie eine für sie neue Welt kennenlernt und versucht, dort ihren Platz zu finden, ist spannend und einfühlsam erzählt.

Doch anders als die meisten anderen Jugendlichen, die sich komplett wohl in ihrer Schublade fühlen, ist Beatrice am zweifeln. Denn ihre Testergebnisse waren uneindeutig. Irgendwo hier beginnen aber auch die Probleme des filmischen Konstrukts. Ein Unbestimmter zu sein, ist nämlich etwas ganz Schlimmes. Wird das bekannt, fliegt man sofort aus seiner Kaste und muss sein restliches Leben jenseits der Armutsgrenze auf der Straße verbringen. Bei den Ferox wird man sogar umgebracht. Beatrice muss also höllisch aufpassen, dass niemand mitbekommt, dass sie nicht dazu gehört. Das ist anfangs noch ganz spannend, aber wirkt dann aber bald – ab hier muss ich leider selbst zum Nörgler werden – ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Genau wie die Verschwörung, der Beatrice dann auf die Schliche kommt und die sie wegen ihrer besonderen Fähigkeiten verhindern kann. In dieser Phase wimmelt es von plausiblen Momenten, die sowohl die innere Logik der Geschichte als auch das Verhalten der Figuren betreffen. Kate Winslet, die ich eigentlich sehr mag und die hier die Oberverschwörerin Jeanine Matthews spielt, habe ich noch nie so lustlos spielen sehen. Vielleicht kein Wunder, so eindimensional wie diese Figur angelegt ist. Die letzte halbe Stunde, wenn das interessante Sci-Fi-Jugenddrama zum Actionfilm morpht und sich Salve für Salve weiter ins Abseits ballert, habe ich mich nur noch gelangweilt. Sehr schade, nach dem starken Beginn und der interessanten Mischung aus Dystopie und Coming of Age und der wunderbaren Shailene Woodley. Die Romanvorlage kenne ich nicht und ich habe keine Ahnung, was in Teil zwei und drei passieren soll. Aber nach diesem durchwachsenen Auftakt, hält sich meine Neugier in Grenzen.

Bild ©  Concorde Video 
 

The Hobbit: The Battle of the Five Armies (Peter Jackson, Neuseeland / UK / USA 2014)

Posted by – 9. Dezember 2014

Aus J. R. R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“ ist ein großer Film geworden. Fast acht Stunden benötigt Peter Jackson, um das doch recht übersichtliche Buch für die Leinwand zu adaptieren. Im letzten Teil treten nicht zwei, nicht drei, sondern gleich fünf Heere gegeneinander an. Vorher reiten noch kleine, große, hässliche und schöne Wesen, mal hier, mal da entlang; die Sonne geht auf und unter, desorientierte Schauspieler und Pixelwesen, sagen irgendwelche Sätze in die Kamera… Trotzdem bleibt der Film seltsam leer. Für Kino-Zeit.de habe ich meinem Unmut Luft gemacht. (Etwas nach unten scrollen, zuerst kommt die eher wohlwollende Kritik von Kollege Diekhaus.)

Daredevil (Mark Steven Johnson, USA 2003)

Posted by – 8. Dezember 2014

daredevilMittlerweile, so scheint es, haben die Marvel-Helden die Kinos erobert und fest in ihrem stählernen Griff. Es gibt kein Entkommen mehr aus Marvel Cinematic Universe. Vor etwas über 10 Jahren war die Situation noch nicht ganz so krass, da wurden noch (Marvel-)Filme gemacht, die mit dem geleckten Coorporate Design heutiger Beiträge nicht allzu viel zu tun hatten. Ein bisschen wehmütig hat mich das Wiedersehen mit „Daredevil“ an diese Zeit erinnert.

Es geht um den Anwalt Matt Murdock (Ben Affleck), der durch einen Unfall in der Kindheit erblindet ist, seitdem aber besondere Fähigkeiten hat. Kostümiert und mit geschärften Sinnen macht er Jagd auf die Ganoven, die mit legalen Mitteln nicht zu fassen sind. Als der die ebenso kampfstarke wie schöne Griechin Elektra Natchios (Jennifer Garner) kennenlernt, ahnt er noch nicht, dass er bald die Chance bekommen wird, den mysteriösen Tod seines Vaters aufzuklären.

Marvel war im frühen Jahrtausend noch in der Findungsphase was kostümierte Männer, die von Hausdächern entschlossen herabblicken, angeht. Schon damals feierte Marvel mit Filmen wie „X-Men“ oder „Spider-Man“ Erfolge, aber selbst die Gurken, zu denen gemeinhin auch „Daredevil“ gezählt wird, haben noch den gewissen Charme des Unvollkommenen. Ein helles Licht in der Dunkelheit des Marvel Cinematic Universe ist Mark Steven Johnsons Film tatsächlich nicht – das sehe ich auch nach der Zweitsichtung noch so –, aber er wird nicht ganz zu Recht so gebashed, finde ich. Es gibt viele schöne Einfälle in dem Film, bereits zu Beginn, als der Teufel in eine Kirche stürzt; die von Colin Farrells völlig überzogene, aber trotzdem irgendwie ziemliche geile Interpretation des Superschurken Deadshot; oder der völlig sinnbefreite Kampf zwischen Matt Murdock und Elektra Natchios auf dem Kinderspielplatz – so eine Szene wäre heute gar nicht mehr möglich. Hinzu kommt, dass sich Johnson gar nicht mal so schlecht darin schlägt, sich den Herausforderungen, die der „Daredevil“-Stoff durch die Blindheit seines Helden mit sich bringt, zumindest entschlossen zu stellen. In Ansätzen klappt es gar nicht schlecht, die veränderte Wahrnehmung des Protagonisten auf die Kämpfe zu übertragen. Hier wäre vor allem die Sequenz zu nennen als Daredevil einen zu Unrecht freigesprochenen Verbrecher jagt und in einer Kneipe stellt. Das darauf folgende unübersichtliche Getümmel zeigt meines Erachtens recht gut die mit seiner besonderen Wahrnehmung zusammenhängenden Fähigkeiten des blinden Superhelden.

So gut wie an dieser Stelle klappt das im weiteren Verlauf leider nur noch selten. Was dem Film, wenn auch vielleicht nicht das Genick bricht, so aber doch diesen einen gehörigen Knacks verpasst, ist die Action, die ihm mehr schlecht als recht funktioniert. Viele Bewegungsabläufe wirken von Sam Raimis „Spider-Man“ abgeguckt, ohne allerdings dessen Eleganz zu erreichen, es will den Effektkünstlern einfach nicht gelingen, die Bewegungen echt aussehen zu lassen. Mich hat das während des Films immer wieder herausgerissen, mir ist ein unbeweglicher „Batman“ à la Tim Burton lieber als Choreografien der Marke „gewollt und nicht gekonnt“. Einige andere Kritiken wie die an Ben Affleck als Hauptdarsteller, kann ich nachvollziehen, hat mich allerdings nicht gestört. Das ernsthafte Musikproblem, das dem Film mitunter unterstellt wird, höre ich ebenfalls nicht. Für mich sind Figuren wie Songs gleichermaßen over the top und passen daher gut zusammen.

Wie gesagt, „Daredevil“ gehört noch zu den Filmen, bei denen von der eintönigen Qualität späterer Produktionen noch nicht allzu viel zu merken war. Besser macht ihn das freilich auch nicht. Aber allein, dass er ein Stück aus der Masse der Hochglanz-Produkte herausragt, macht ihn schon sehenswert. Und wenn ich mir hier im Blog nicht immer Sachen schwarz auf weiß vornehmen würde, die ich dann in 97,9 % der Fälle nicht einhalte, würde ich sagen, dass ich mir demnächst mal die ganzen „hässlichen Entlein“ der Marvel-Filme zu Gemüte führe – vielleicht finde sich ja doch der eine oder andere schwarze Schwan darunter.

Bild © Studiocanal
 

Lazy Madox’ Final Words (Manuel Antônio de Macedo, Brasilien 1993)

Posted by – 7. Dezember 2014

Madox FinalDie Apokalypse ist schriftgewordene Ekstase – Honoré de Balzac

Ich hatte neulich den Auftrag, einen Text über die Apokalypse bzw. apokalyptische Filme zu schreiben. (Anfangs hieß das Thema noch „Endzeit“, wozu mit wesentlich mehr eingefallen wäre.) Gar nicht so leicht, denn so viele Filme, ist mir nach einigem Nachdenken aufgegangen, die sich wirklich mit dem Untergangs beschäftigen und Bilder dafür finden, gibt es gar nicht. Entweder die Apokalypse wird gerade noch verhindert, oder sie wird im Vorspann des Films kurz abgehandelt. Zum Glück ist mir ein Film wieder eingefallen, den ich im Rahmen eines Brasilien-Specials mal auf einem Regionalsender gesehen habe. Meine Erinnerung ist zugegebener Maßen etwas nebulös und ich bitte vage und ungenauere Aussagen zu entschuldigen.

„Lazy Madox’ Final Words“ (OT: O último relatório) von Manuel Antônio de Macedo, hierzulande auch bekannt unter dem korrekt übersetzten, aber doch irgendwie weniger schönen Titel „Der letzte Bericht“, ist in meiner Erinnerung das Manifest der Apokalypse schlechthin. Hier geht die Welt unter, aber so richtig! In ihm bekommt der arbeitslose Journalist Madox (Wilson Carrero) den Auftrag, den Tag des jüngsten Gerichts zu protokollieren. Ob von Gott oder dem Teufel beauftragt und warum gerade er, das weiß er selber nicht so genau. Auf jeden Fall steht eines Morgens ein offensichtlich nicht-menschliches Geschöpf vor seiner Apartmenttür in São Paulo und weiht den ungläubigen Reporter in seine neue Aufgabe ein. Widerspruch ausgeschlossen und schwupps geht auch schon die Welt unter.

So schön und detailverliebt wie in de Macedos TV-Film hat man das allerdings noch nie erlebt, da öffnen sich die Himmelspforten, schwarz wird zu weiß, oben zu unten; der Boden reißt auf, ihm entströmen die Himmels- und Höllenscharen, welche die Menschen ihrer Bestimmung zuführen, frei nach dem Motto „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“. Und der gute (faule?) Madox ist gezwungen, über alles haarklein zu berichten. Ein Haufen Arbeit, was die über sechsstündige Laufzeit des Films durchaus rechtfertigt. Viel passiert auf der reinen Handlungsebene nicht, Langeweile kommt in diesem apokalyptischen Doku-Thriller, der die bürokratische Seite des Weltuntergangs zeigt, zumindest für den Zuschauer, trotzdem nicht auf. Während die Szenen im Pugatorium nichts für schwache Nerven sind, entbehren die Interviews mit den vor der Himmelspforte Wartenden allerdings nicht einer gewissen Komik, ach was, sie sind zum Schreien! Wenn der Teufel ein Eichhörnchen ist, sind die himmlischen Heerscharen Schafe im Wolfsfell. Freud und Leid liegen auch am Ende unserer Tage und in diesem letzten Bericht nicht allzu viele Seiten auseinander.

„Schönschmerz“ und „Gutweh“ sind wohl die Begriffe, der das Gefühl, das der Film auslöst, am ehesten beschreiben. „Lazy Madox’ Final Words“ ist ein Film über das Ende. Doch gibt es kaum eine zweite Geschichte, die so stark den Wunsch auslöst, zu wissen, wie es weitergeht. Insofern bewahrheitet sich mal wieder, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt. De Macedos tragikomisches Stück TV lässt den Zuschauer nicht allein, sondern vermittelt – gerade ob der Endgültigkeit seiner Geschichte – paradoxerweise Hoffnung. Und vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich aus meinem Streifzug durch die Filmwelt der Apokalypse mitgenommen habe und die dieser Film mir noch einmal in besonderer Weise ins Gedächtnis zurückgerufen hat, dass es nämlich nie um das Ereignis als solches geht, sondern um das Gefühl. Der Weltuntergang am frühen Morgen kann einem dem Sprichwort nach ja den ganzen Tag versauen. Wenn die Welt allerdings so schön wie hier untergeht, zehrt man da Jahre von.

Bild © Mil Imagens
 

Antboy (Ask Hasselbalch, Dänemark 2013)

Posted by – 6. Dezember 2014

AntboyNur ein paar Worte, weil ich es so schön finde, dass es Filme wie diesen gibt, Superhelden-Filme, die ihre Geschichte mal nicht mit den typischen Sprüche klopfenden Muskelpaketen erzählen, sondern ins Schulmilieu verlagern und einen Jugendlichen als Protagonisten haben.

Da wird der schüchterne Pelle (Oscar Dietz) von einer Ameise gebissen und hat danach Superfähigkeiten: Er kann plötzlich Wände hinaufklettern, sein Urin ist die reinste Säure und er ist ziemlich stark – wenn er genug Zucker zu essen bekommt. Anfangs weiß Pelle kaum wie ihm geschieht, Comic-Nerd Wilhelm (Samuel Ting Graf) klärt ihn jedoch auf und entwirft für ihn ein Kostüm. Aus Pelle wird Antboy! Sein erster großer Job als Superheld lässt nicht lange auf sich warten. Seine heimliche Liebe Amanda (Amalie Kruse Jensen) wird von Super-Bösewicht „Der Floh“ (Nicolas Bro) entführt. Zusammen mit Wilhelm und Amandas Ida (Amalie Kruse Jensen) macht sich Antboy an die Rettung.

Der Film von Ask Hasselbalch ist vor allem deswegen so charmant, weil er ihn nicht als Parodie auf Superheldenfilme anlegt, sondern seine Geschichte und die Figuren ernst nimmt, aber gerade hierdurch subversiv lustig ist. Wenn man sieht, wie gut die Standard-Superheldenfilm-Dramaturgie im Grundschulmilieu und wahrscheinlich auch im Kindergarten oder der Seniorenresidenz (freue mich schon auf „GrANTpa“!) funktioniert bzw. funktionieren würde, sagt das vieles über das aktuelle Superheldenkino, das sich zwar immer redlich aber letztlich erfolglos müht, mehr sein zu wollen, als naive Ermächtigungsphantasie.

Dies wäre dann auch mein einziger Kritikpunkt an Hasselbalchs Film, dass er nämlich seinen besonderen Humor gewinnt, indem er alles so macht, wie es sich in dem Genre gehört, aber leider, das ist die Kehrseite der Medaille, deswegen weder Überraschungen noch besondere Finesse bietet. Aber vielleicht wird dieser kleine Schönheitsfehler ja in der Fortsetzung „Den Røde Furies Hævn“ ausgemerzt. Ich freue mich jedenfalls darauf.

Bild © Ascot Elite
 

John Wick (Chad Stahelski, David Leitch, USA / Kanada / China 2014)

Posted by – 1. Dezember 2014

„Papa, da sind Monster im Haus…“ – mit diesen Worten beginnt das Actionmanifest „Universal Soldier – Day Of Reckoning“ von John Hyams. „John Wick“, das Debüt der ehemaligen Stuntmen David Leitch und Chad Stahelski, startet mit einem Beagle und endet mit einem Kampfhund. Auch Wick hat Monster in seinem Haus und auch ihm werden gleich am Anfang Dinge genommen, die er liebt. Und auch er ist, wie die Soldaten in Hyams Film, eine Kampfmaschine. Doch wo Hyams trotz aller vordergründigen Brutalität mit erstaunlichem Feingefühl vorging und einen der geistreichsten Genrebeiträge der letzten Dekade erschuf, gibt es in Leitch & Stahelskis ultra-brutaler Killer-Phantasmagorie jenseits der stilisierten Gewalt nur wenig zu entdecken. Für Kino-Zeit.de habe ich etwas zu dem Film geschrieben.

Schoolgirl Hitchhikers (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by – 26. November 2014

Schoolgirl HitchhikersNoch einmal Youtube. Aber diesmal konnten weder das kleine, pixelige Bild noch die mäßige Synchronisation den Filmgenuss wesentlich schmälern. Was für ein Film! Und das ganz ohne Clowns, Friedhöfe und Vampire.

Die Schülerinnen Monica (Joëlle Coeur) und die blonde Jackie (Gilda Arancio) campen im Wald, aber als sie ein scheinbar verlassenes Haus finden, können sie nicht widerstehen und machen es sich dort für die Nacht bequem. So unbewohnt ist das Haus allerdings doch nicht. Weil Monica nach dem Liebesspiel nicht schlafen kann, schlendert sie ein wenig durchs Haus und entdeckt in der Wohnstube den Gangster Fred (toll: Willy Braque mit Streichholzbeinen und Puschelbart), den die noch nicht vollständig gesättigte Schülerin auch sofort vernascht. Das Liebes- hat allerdings ein Nachspiel. Als tags darauf die Gangsterkollegin Béatrice (Marie Hélène Règne) und ihr Handlanger (François Brincourt) erscheinen, sind die im Haus versteckten Diamanten verschwunden. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf Monica und Jackie…

Friedhöfe und Vampire fehlen, einige Erkennungszeichen eines Rollin-Films hat „Schoolgirl Hitchhikers“ (OT: Jeunes filles impudiques, was besser passt, weil die Mädchen zwar ziemlich unkeusch sind, wahrscheinlich weder Schulmädchen sind noch per Anhalter fahren) aber doch. Das – meist weibliche – Pärchen, das in ein mysteriöses Abenteuer stolpert, scheint so etwas wie die Blaupause für die meisten Filme des Regisseurs zu sein. Ausgeprägter als die in den anderen Filmen, die ich bisher kenne, ist allerdings der Humor. Irgendwann hatte ich einfach nur noch ein breites Grinsen im Gesicht. Der Film wirkt auf mein erwachsenes Ich wie ein jugendlicher, feuchter Fiebertraum aus der Rubrik „Räuber und Gendarm“. Die Party findet direkt im limbischen System statt. Selbst die ein oder andere härtere Szene, z.B. wenn die wütenden Gangster eine Peitsche oder Zange an den Mädchen applizieren, kommt zu freundlich und unbekümmert daher, ja wie eine leicht infantil-pubertäre Phantasie eben, und man stellt es sich gar nicht so schlimm vor, selbst einmal von Béatrices Zangen bearbeitet zu werden. Die schöne Kameraführung von Jean-Jacques Renon, mit der Rollin auch in „La Rose de Fer“ gearbeitet hat, taucht das Ganze in ein Traumlicht und der jazzige, frivole Score von Pierre Raph tut sein übriges, dass man „Schoolgirl Hitchhikers“ nicht allzu ernst nehmen mag.

Vergleiche? Schwierig. Natürlich hat er Ähnlichkeit mit anderen Rollin-Filmen, wobei ich nach jetzigem Kenntnisstand sagen würde, dass dieses 60-minütige, knackige Teil hier ein Stück heraussticht. Dass mich „Schoolgirl Hitchhikers“ manchmal ein ganz klein wenig an Rainer Werner Fassbinders „Liebe ist Kälter als der Tod“ erinnert hat, liegt wohl weniger an der tatsächlichen Ähnlichkeit als daran, dass ich in diesem Genre nicht besonders zu Hause bin und dass sich mein Hirn etwas zu verkrampft nach Vergleichen umgesehen hat. Lediglich das Schauspiel, dass in beiden Filmen wie gehobenes Schülertheater wirkt, das aber perfekt mit der einfachen Geschichte harmoniert, könnte man vielleicht als Gemeinsamkeit heranziehen. Ein Klaps auf den Po des Gangsterfilms an sich ist „Schoolgirl Hitchhikers“ auf jeden Fall.

Kritik? Ganz ehrlich: Habe ich nicht. Der Film ist in seiner unperfekten Art ganz und gar makellos. Mir fällt nichts ein, das ich lieber anders gehabt hätte, das ist wohl das Qualitätskriterium. Und wenn Jean Rollin (der diese Auftragsarbeit unter dem Pseudonym Michel Gentil gedreht hat) dann am Ende sogar noch persönlich erscheint und für die trotteligen Gangster, den ebenfalls nicht allzu cleveren Cop Harry (Pierre Julien) wie auch für den Zuschauer den Fall löst, dann gehört der letzte Lacher wohl dem Film.

Bild © Salvation Films 
 

The Sacrament (Ti West, USA 2013)

Posted by – 25. November 2014

the sacramentDie Vice-Reporter Sam (AJ Bowen), Jake (Joe Swanberg) und Patrick (Kentucker Audley) reisen in den Urwald, wo Patricks Schwester Caroline (Amy Seimetz) in der Gemeinde der Eden Parish lebt. Obwohl sich die Mitglieder der sektenartigen Kommune anfangs durchaus freundlich zeigen und ihr geistiges Oberhaupt (Gene Jones) in einem Interview die Vorzüge der Gemeinschaft betont, wird bald deutlich, dass hinter der glücklichen Fassade doch nicht alles so gut ist, wie alle behaupten.

Ti West ist längst kein Newcomer mehr, sondern gehört aktuell zu den interessantesten US-amerikanischen Filmemachern. Mit „House Of The Devil“ und „The Inkeepers“ lieferte der 1980 in Wilmington, Delaware geborene Filmemacher zwei erwachsene, äußerst eigenständige Horrorfilme ab, wie man sie im Genre-Einerlei nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Mit seinem neuen Werk, dem Sekten-Drama „The Sacrament“, überrascht West erneut. Angelehnt an den Massensuizid von Jonestown, bei dem im Nordwesten Guyanas 1978 über 900 Menschen ums Leben kamen, lässt der Film den Zuschauer sprachlos zurück. Zumindest für mich gilt das zu einhundert Prozent. Noch Tage nach dem Kinobesuch, saß der Schrecken tief. Aber es ist auch nach der kürzlichen Zweitsichtung gar nicht so leicht, den Finger darauf zu legen, warum der „The Sacrament“ mich zu mitgenommen hat.

West setzt weder auf die Standardrezepte des Horrorfilms noch hat er seinen Film als packendes Drama mit markigen Charakteren inszeniert – ja sogar eine gewöhnliche Dramaturgie geht ihm völlig ab. Patricks Suche nach seiner Schwester Caroline, aber auch diese Verbindung löst sich schnell auf, schließlich wird er gleich am Anfang des Films fündig und spielt darüber hinaus etwas später selbst kaum noch mit. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, West interessiere sich nicht für seine Figuren und so ganz falsch ist das sicherlich nicht. Er hat es vielmehr auf den Zuschauer abgesehen: Diesem zeigt er, was man bei einem Besuch in Jonestown oder Eden Parish, wie es im Film heißt, zu sehen bekommen würde: nicht viel. Durch seine Unerklärlichkeit wird das Grauen, für welches das Kamerateam in gewisser Weise als Initiator fungiert – ganz groß: das Interview zwischen dem Vice-Reporter und dem Sektengründer Vater (Gene Jones) – sogar noch größer. Dabei zu sein, fühlt sich nicht an, wie ein spannender Spielfilm, es sind Wahrnehmungsfetzen, fast banale Fragmente, die im Augenblick des Erlebens keinerlei Hinweise auf das Große und Ganze, geschweige denn dessen Bedeutung geben. Diese Erfahrung macht West dem Zuschauer durch seinen Film zugänglich, und wahrscheinlich ist es auch dieses Gefühl der unvollkommenen Unmittelbarkeit, aus dem der Film seine Stärke und seinen Schrecken zieht.

Mit „The Sacrament“ ist West ein Lehrstück über Perspektivität gelungen, und er zeigt, dass Found-Footage doch noch nicht restlos ausgelutscht ist. Für mich einer der wichtigsten Horrorfilme der letzten 10 Jahre, ja Ausnahmewerk, das glücklich macht, aber auch nachhaltig verstört.

Bild © Highlight
 

Daisies (Věra Chytilová, CSSR 1966)

Posted by – 24. November 2014

TausendschönchenVon zu viel Kunst bekomme ich schlechte Laune. Und den Begriff „experimentell“ übersetze ich mir fast automatisch mit „angestrengt künstlerisch“. Das macht es mir schwer, Filme wie „Daisies“ – besser bekannt unter dem deutschen Titel „Tausendschönchen“ (OT: Sedmikrásky) und Hauptwerk der Tschechischen Neuen Welle, zu der auch „Valerie And Her Week Of Wonders“ gehört – richtig zu mögen. Auch „Daisys“ gilt als Kunst- bzw. Experimentalfilm.

Es geht um die Mädchen Marie 1 (Jitka Cerhová) und Marie 2 (Ivana Karbanová), die beschließen, weil die Welt verdorben ist, selbst verdorben zu sein. Das bedeutet für die beiden vor allem, ältere Herren auszunehmen und sich bei jeder Gelegenheit ordentlich die Wampe vollzuschlagen. Ihre Odyssee beginnt im Garten Eden, wo sie vom Baum der Erkenntnis naschen – zu mehr Schamgefühl trägt das allerdings nicht bei – und endet an einer festlich gedeckten Tafel. Auch hier wird noch einmal ordentlich zugelangt.

Ich gebe zu: Ich hatte große Startschwierigkeiten. „Daisies“ kommt mir von Anfang an stilistisch reichlich überladen vor, fast wie die Tafel bei der sich die beiden Frauen am Ende reichlich bedienen. Der Zuschauer bekommt ein mehr oder weniger form- und farbschönes Rauschen präsentiert, bedeutungsschwanger aber gleichzeitig so offen, dass alles, was man dazu sagt, irgendwie passt. Oder eben nicht. Denn „alles“ ist ja auch nur ein Synonym für „nichts“. Ein wenig hat sich meine Laune im Verlauf gebessert, aber richtig warm geworden bin ich mit diesem wahrscheinlich wichtigen und auf jeden Fall besonderen Film aber nie. Wenn man so umher liest, scheinen viele Autoren zu glauben, dem Film am ehesten dadurch Herr zu werden, indem darauf verwiesen wird, dass er sich jeder Beschreibung entziehe, und tatsächlich weiß ich auch nicht recht, von welcher Seite ich mich ihm nähern soll. Mich hat der Film ein bisschen an „Don’t Deliver Us From Devil“ oder sogar auch „The Nine Lives of Tomas Katz“ erinnert. Was sind die beiden? Sind sie defekte Automaten oder Unheilsboten, die vom nahen Ende künden? Oder verlorene Geschöpfe, die an der Sinnlosigkeit des Lebens zugrunde gehen? Oder Prototypen Frau, die sich das zurückholen, was ihnen von der Männerwelt gestohlen wurde. Insofern: Auch irgendwas mit Feminismus, definitiv. Oder auch nicht.

Jedenfalls tickt die Uhr, ganz buchstäblich, das Glück der Völlerei kann nicht ewig dauern, und zum Schluss wird noch einmal ordentlich bereut: „Wir werden brav sein, ganz brav, und fleißig…“ versichern die beiden im Finale, in dem ich den Film dann mal für einige Momente ganz großartig fand. Diese repetitive, äußerst hypnotische Litanei aus Entschuldigungen geht mir seitdem nicht aus dem Kopf. Und spätestens ab hier (eigentlich schon im Vorspann, da sieht man ein Räderwerk und es explodieren Bomben) geht es in dem Film auch um Politik: Das Bankett, über die sich die beiden Fressmaschinen hermachen, gehört ja möglicherweise der Kommunistischen Partei. Nicht nur die eigene Freiheit endet dort wo die Freiheit des anderen (der herrschenden Klasse) beginnt – auch die Verdorbenheit der beiden Frauen findet ihre Grenze dort, wo sie der Verdorbenheit der Bosse in die Quere kommt. Du kannst fressen soviel du willst – solange du nicht den Falschen die Torte von der Tafel mopst.

„Dieser Film ist all jeden gewidmet, deren einziger Anlass zur Empörung, ein Haar in der Suppe ist“, heißt es am Ende. Ein bisschen fühle ich mich ertappt, weil ich gerade so rumnöle. Aber wahrscheinlich richtet sich der Satz doch eher an die politische Führung der Tschechoslowakei des Jahres 1966. Kein Wunder, dass „Daisies“ gleich nach Erscheinen verboten wurde und Věra Chytilová Berufsverbot erhielt. Da der Film jedenfalls auch in seiner experimentellen Form umgehend als nicht-systemkonform erkannt wurde, hätte Chytilová vielleicht einfach ganz direkt Kritik üben können. So ganz unverblümt hätte er mir, dessen Organ zum Genuss von Kunst wie gesagt etwas unterentwickelt scheint, vielleicht noch besser gefallen. Andererseits: Was bleibt eigentlich noch von einem Gänseblümchen, wenn man ihm die Blütenblätter ausreißt?

Bild © Bildstörung / Alive