All That Jazz (Bob Fosse, USA 1979)

Posted by – 24. April 2015

All That JazzGenie, Workaholic, Frauenheld – Joe Gideon (Roy Scheider) ist ein gefeierter Regisseur und Choreograph am Broadway. Gerade ist er dabei, ein neues Stück vorzubereiten – da streikt sein Körper. Joe hat die letzten Jahre über seine Verhältnisse gelebt, zu viel Arbeit, zu viele Drogen und zu wenig Schlaf zollen nun ihren Tribut. Nach einem Herzanfall wird er ins Krankenhaus eingeliefert.

Der Film ist mir auf den Radar geraten, weil ich nach „A Chorus Line“ neulich Lust hatte, mir noch ein paar Sachen aus der Welt des Showbiz und der Bühne anzusehen. Die Geschichte von Richard Attenboroughs Musical-Verfilmung – das Casting für ein Broadway-Stück – wird allerdings schon in den ersten Minuten von Fosses Film quasi im Zeitraffer abgehandelt. Und auch der Rest des Films, in dem es um den Niedergang von Joe Gideons geht, ist wahnsinnig schnell erzählt. Die Geschichte wird allerdings nicht streng chronologisch ausgebreitet. Bereits am Anfang ist der Regisseur in einer Art Zwischenwelt, in der er mit einer Frau (Jesssica Lange) über sein Leben räsoniert. Ob sie ein Engel ist oder ein Abbild seiner irdischen Wünsche, bleibt offen. Der Stress, der ansonsten in seinem Leben hervorsticht, ist in diesen Momenten verschwunden, charmant und abgeklärt, nicht ohne seine Bereitschaft für einen Flirt durchscheinen zu lassen, redet er mit dem hübschen Wesen; nicht ganz so entspannt geht es während seiner letzten Lebensmonate zu, seine Liebschaften wachsen ihm über den Kopf und er hat starke Zweifel, ob er sein neues Stück in den Griff bekommt. Der Film ist in diese Phasen wie Joes Leben – ein einziger Rausch.

Was den Film auszeichnet, sind vor allem drei Dinge: Erstens hat es genau mit dieser erwähnten Rauschhaftigkeit tun. Nicht nur die Traumsequenzen, auch Gideons Leben wirkt wie ein Fiebertraum, seine letzten Monate, die exemplarisch für sein ganzes Lebens stehen können, sind ein nervöses Blitzlicht-Stakkato, in denen es für den Protagonisten und den Zuschauer keinen ruhigen Moment gibt. Zweitens, sein Hauptdarsteller, Roy Scheider, der so viele Kollegen, die sich an ähnlichen Rollen versucht habe, an die Wand spielt und hier wohl die beste Leistung seiner Karriere abliefert. Man glaubt ihm diese Figur, ihr Getriebensein und ihre Manie, alles für ihr neues Stück zu geben. Der Mann tut einem leid, aber man möchte ihn nicht zum Innehalten auffordern, denn man weiß, was ihn treibt und was er tun muss – koste es was es wolle! Drittens sind die beeindruckenden Musical-Einlagen zu nennen bis hin zur abschließenden Traumsequenz, in der Gideon sein neues Stück vorweg imaginiert. Mir persönlich gefällt die kleine Nummer am besten, die Gideons Tochter (Erzsebet Foldi) und seine Geliebte (Ann Reinking) für ein eine kleine Einlage eingeübt haben und die sie dem müden Choreografen in seinem Wohnzimmer vortanzen.

In Deutschland wurde „All That Jazz“ unter dem Titel „Hinterm Rampenlicht“ vermarktet. Das passt auch insofern ganz gut, als dass der Film selbst ein wenig im Schatten zu stehen scheint. Der Film erhielt zwar 9 Oscar Nominierungen und gewann davon auch vier – Bestes Szenenbild, Beste Kostüme, Bester Schnitt und Beste Musik – so richtig im Rampenlicht war er dennoch nie. Bevor ich durch einen Tipp auf ihn gestoßen bin, hatte ich nie von ihm gehört, was mir, jetzt da ich ihn gesehen habe, ziemlich eigenartig vorkommt. „All That Jazz“ ist ein wahnsinniger und wahnsinnig guter Film und jedenfalls einer der besten, die ich in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe. Anhand einiger Wochen aus dem Leben eines Künstlers wird ein ganzes Leben, ja eine komplette Branche auf der Grenze von Schaffensdrang und Selbstausbeutung eindrucksvoll portraitiert. Wie gesagt: Wahnsinn!

Bild © Twentieth Century Fox

A Chorus Line (Richard Attenborough, USA 1985)

Posted by – 22. April 2015

A Chorus LineFür die Besetzung eines Broadway-Musicals sucht Zach (Michael Douglas) geeignete Tänzerinnen und Tänzer. In einem schwierigen Auswahlprozess müssen diese ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und Zach überzeugen, dass sie die Richtigen für den Job sind. Auch Cassie (Alyson Reed), Zachs Ex-Freundin, ist unter den Bewerberinnen.

Zu Filmgenres, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann, gehören Tanzfilme komischer Weise nicht. Warum das so ist, kann ich selbst nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht liegt es daran, dass Tanzfilme oft Filme über ein wie auch immer geartetes Bildungssystem sind. Das interessiert mich Erziehungswissenschaftler natürlich. Oder es ist ihre strukturelle Ähnlichkeit mit Kung-Fu-Filmen? Oder ihr exotischer Sexappeal (im wirklichen Leben liegen mir wenige Tätigkeiten so fern wie Tanzen)? Wer weiß.. „A Chorus Line“ erfüllt jedenfalls alle diese Kriterien und noch mehr. Ihn nach sehr langer Zeit mal wieder zu sehen, war eine seltsame Erfahrung, vermutlich auch, weil es einfach ein verdammt seltsamer Film ist!

Ich kann mich noch gut erinnern, was mich früher an dem Film fasziniert hat: sein zwiespältiger Protagonist, der Regisseur und Choreograph Zach. Die meiste Zeit des Films sitzt er im Parkett des Zuschauerbereichs und ist für die Tänzer nur eine Stimme aus dem Off. Das ist manchmal fast, als wenn der Gott des alten Testaments zu den Menschen spricht und erbarmungslos mitteilt, was er entschieden hat. Du bist raus, du auch, du darfst bleiben. Als ich den Film das erste Mal gesehen habe – ich war bestimmt nicht älter als 10 Jahre – fand ich es unglaublich und verwirrend, dass die Hauptfigur so.. unfreundlich sein darf. Klar, was ein echter Held ist, der kann immer nett sein, schließlich muss er dem Bösen eins auf die Nase geben. Aber Zach ist kein Held dieser Sparte, er ist einfach nur ein selbstverliebtes Arschloch. Mein Damals-Selbst, das bis dahin eher von James T. Kirk, Colt Seavers und Curtis Newton geprägt war, fand die Tatsache der Möglichkeit einer solchen Figur jedenfalls faszinierend.

Heute finde ich den Film immer noch seltsam, aber das liegt weniger an dem übellaunigen Choreographen als an eigentlich allem anderen. Dass Richard Attenborough Zachs Figur als Workaholic und beleidigte Leberwurst mit Gott-Komplex inszeniert hat, empfinde ich heute nicht weniger sonderbar als damals, aber, will sagen – die Eigenartigkeit des Restes stiehlt diesem Irritationsmoment die Show. Wahrscheinlich ist einfach zu viel gefühlte Künstlichkeit in Form von Theater und Musical in diesem Film, als dass ich nicht befremdet sein könnte von seinen Figuren, die selbst, als sie ihre „wahre Persönlichkeit“ preisgeben sollen, so unnatürlich sind, wie man es als jemand mit Vorurteilen wahrscheinlich von Menschen aus dem Showbiz erwarten würde. Ihre Künstlichkeit darf man also durchaus als ein Thema des Films verstehen, der zumindest zum Teil eine Kritik an der Branche und bestimmt auch ein wenig Satire ist. So richtig einfühlen in die Leute und ihre Schicksale kann ich mich aus diesem Grund aber leider nicht. Und es erklärt noch nicht, warum „A Chorus Line“ sich so seltsam anfühlt. Eine Vermutung: Vielleicht liegt es daran, dass er eben nicht nur Kritik und Satire ist, sondern auf eine ganz anrührend naive Art ernst gemeint. Zach ist nicht nur ein Depp, irgendwie ist er gleichzeitig auch der coole Regisseur und Frauenheld; und die Tänzer sind nicht nur Karikatur-Vertreter ihrer Milieus, sondern auch Menschen mit Schicksalen, die dem Zuschauer zu Herzen gehen sollen. „A Chorus Line“ zu sehen ist, als würde man auf mehrere Filme schauen.

Neben dieser Musical-Verfilmung kenne ich von Attenborough nur noch „Ghandi“, den ich schon etliche Male gesehen habe und sehr mag sowie „Chaplin“, an den ich mich nicht mehr so recht erinnern kann. „A Chorus Line“ ist ein Film, der breitschultrig seit 30 Jahren seinen Platz behauptet und der – obwohl es mir diesmal irgendwie fast ein bisschen unangenehm war, ihn zu sehen – auch einer, das kann ich kaum abstreiten, von seltener Energie und Kraft.

Bild © AVU

Ex Machina (Alex Garland, USA 2015)

Posted by – 21. April 2015

Ex Machina„Künstliche Intelligenz“ ist, wie ich finde, ein sehr spannendes Thema. Schließlich läutet der Mensch durch die Erschaffung neuen, intelligenten Lebens seinen nächsten evolutionären Quantensprung ein. Oder macht er sich selbst überflüssig? Was macht den Mensch zum Menschen? Was macht ihn aus? – Überraschenderweise fallen mir gerade nur sehr wenige Filme ein, die sich ernsthaft, kompetent und unterhaltsam mit diesen Fragen auseinandersetzen. Natürlich gibt es eine ganze Reihe Filme mit intelligenten Maschinen – diese Intelligenz wird allerdings immer nur behauptet, eine wirkliche Auseinandersetzung, was sie ausmacht, findet nicht statt. Anders bei Alex Garlands grandiosem Quasikammerspiel „Ex Machina“.

Der Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) gewinnt bei der firmeninternen Lotterie den Hauptpreis. Er darf Firmengründer Nathan (Oscar Isaac) treffen. Dieser lebt zurückgezogen in einem streng abgesicherten Areal in den Weiten Alaskas. Dort arbeitet der Tech-Guru an einen Projekt zur Künstlichen Intelligenz. Caleb hat nun die Aufgabe, den verblüffend menschlich aussehenden Roboter Ava (Alicia Vikander), einer Art Turing-Test zu unterziehen und herauszufinden, ob Ava wirklich über Intelligenz verfügt.

Der Turing-Test, benannt nach seinem Erfinder Alan Turing, ist eine Versuchsanordnung, um festzustellen, ob eine Maschine ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat. Dabei interviewt ein menschlicher Fragesteller ohne Sichtkontakt zwei andere Personen, von denen einer ein Mensch und einer eine Maschine ist. Wenn der Fragesteller nach dem Interview nicht sagen kann, wer Mensch und wer Maschine ist, hat die Maschine den Turing-Test bestanden. Caleb führt die Gespräche mit Ava gleich von Angesicht zu Angesicht, so wird schnell klar: Ava verhält sich wie ein Mensch! Und Caleb beginnt ziemlich schnell, eine Beziehung zu dem weiblich aussehenden Roboter aufzubauen.

Auf die Frage, warum „Ex Machina“ ein so starker – drei Wochen nach Sichtung möchte ich immer noch sagen – überragender Film geworden ist, gibt es mehrere Antworten. Die nachvollziehbaren Figuren z.B. Das Verhalten der zwei Menschen wie auch der KI erklärt sich aus ihre Wünschen – und was sie dafür zu tun bereit sind. Für mich ist das stärkste Argument für den Film die Ruhe und konzentrierte Kraft, mit der er sich seinem Thema stellt. Ganz allgemein könnte man sagen, das Gelingen des Films ist eine Sache von Form und Inhalt. Die meisten Filmemacher bisher konnten der Versuchung nicht widerstehen, dem Publikum auch etwas fürs Auge zu bieten. Aber mit Sensationen und den Mitteln des Actionkinos lässt sich das Geheimnis der Künstlichen Intelligenz eben nur unzureichend einfangen. Das soll nicht heißen, dass etwas an der Form in Alex Garlands Film in irgendeiner Hinsicht nicht zufriedenstellend wäre, im Gegenteil, das Design ist zurückhaltend aber dennoch ausgeklügelt, so wie fast alles an dem Film. So einen durchdacht-ästhetischen Film habe ich seit langem nicht gesehen! Nur steht sie, die Form, hier eben im Dienste des Inhalts und dieser ist – das kann man kaum anders sehen – äußerst clever gemacht.

Warum ich den „Ex Machina“ so schlau finde, kann ich hier leider nicht in aller Tiefe ausbreiten, ohne diejenigen, die ihn noch nicht gesehen haben, eine Erfahrung zu nehmen. Insofern belasse ich es bei Andeutungen, empfehle aber allen, die den Film unbefangen genießen wollen, nicht weiterzulesen. Spontan würde ich denken, was die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz spannend machen kann, sind zwei Dinge. Zum einen die Frage, was es für das Selbstverständnis des Menschen und gesellschaftlich bedeuten würde, wenn es eine wirkliche KI gäbe. Zum anderen – und dies ist die zentrale Frage des Films – wie eine KI beschaffen sein muss, dass man ihr tatsächlich zugestehen würde, in allen wesentlichen Eigenschaften wie ein Mensch zu sein. Den Turing-Test zu bestehen, ist dabei sicherlich nur die eine Seite. Welche Eigenschaften gehören noch dazu? Mitgefühl? Die Fähigkeit, Probleme zu lösen, Beziehungen einzugehen? Überlebenstrieb? Irrational sein zu können? Sexappeal? Soviel sei verraten – Garland findet hier seine ganz eigene Antwort.

Nun ist „Ex Machina“ aber nicht nur deswegen so gut, weil er auf einer cleveren Prämisse beruht. Auch links und rechts seines Plots findet sich mehr als genug zum Entdecken. Es ist erstaunlich, wie viele Ideen Garland in seinen Stoff verwoben hat, ohne dass dieser überfrachtet wirkt; und wie spannend der britische Schriftsteller sein Regiedebüt – unterstützt durch das fantastische Trio Alicia Vikander, Oscar Isaac und Domhnall Gleeson – bis zum überraschenden, nachdenklich stimmenden und je nach Interpretation ziemlich traurigen Finale erzählt. Entgegen der genretypischen Klischees stellt sich hier nicht die Frage nach der Weltherrschaft der Maschinen, sondern eher ob die KI im Film nicht ein Epiphänomen und Ava nicht nur die erste, sondern gleich auch schon die letzte künstliche Frau sein wird. „Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt“ sing Herbert Grönemeyer – „weil er lügt und betrügt“ hätte der Text bei Alex Garland gelautet. Und „weil er scheitern kann“, möchte ich noch hinzufügen.

Bild © Universal Pictures Germany

The Strange Vice Of Mrs. Wardh (Sergio Martino, Italien / Spanien 1971)

Posted by – 15. April 2015

der killer von wienIn Wien geht ein Rasiermessermörder um. Als Julie Wardh (Edwige Fenech), Frau eines wohlhabenden Geschäftsmannes (Alberto de Mendoza), von dem Killer bedroht wird, fällt ihr Verdacht sofort auf ihren brutalen Ex-Liebhaber Jean (Ivan Rassimov). Könnte er der Killer sein? Oder vielleicht ihr neuer Liebhaber George (George Hilton)?

Für den Killer und die Morde, die, fürs Genre untypisch recht kurz, fast schon lieblos abgehandelt werden, interessiert sich Sergio Martino in „The Strange Vice Of Mrs. Wardh“ herzlich wenig. Wer dem Giallo vor allem wegen dessen Schmuddelflair und blutigen Einlagen zugetan ist, für den dieser hier möglicherweise nicht der perfekte Film. Das gilt etwas anderen Gründen auch für mich. Ich bin in Kladde gesprochen vor allem an der Ästhetik der Gewalt interessiert und daran, wie das Böse beinahe schon in abstrahierter Form in die oft nur rudimentären Geschichten eindringt. Aus diesem Grund gehört der Film, ehrlich gesagt, auch nicht so richtig zu meinem Beuteschema. Dennoch erkenne ich durchaus an, wie geschickt Sergio Martino seinen Psychokrimi-Plot webt. Zum Schluss macht all das, was sich während des Sehens für den ein oder anderen vielleicht etwas unzusammenhängend oder sogar wirr anfühlt, richtig Sinn. Und ich denke, Martino ist es durch den starken Fokus auf seine Hauptfigur hier sogar gelungen, einen bestimmten Aspekt vieler Gialli, der mit dem Verhältnis Täter-Opfer zu tun hat, besonders schön herauszuarbeiten. Damit gefällt mir Film, der mich ein wenig  Lucio Fulcis „A Lizard In A Woman’s Skin“, wesentlich besser als Martinos zwei Jahre jüngerer„Torso“.

Neben einschlägigen Werken von Dario Argento und Mario Bava ist „The Strange Vice Of Mrs. Wardh“ wahrscheinlich einer der hierzulande bekanntesten Gialli. Zumindest kannte ich schon bevor ich meine ersten Erfahrungen mit diesem Genre machte den deutschen Titel „Der Killer von Wien“. Wie so oft – und das ist mir neulich bei meiner Zweitsichtung des Films noch einmal aufgefallen – passt der Originaltitel weitaus besser, und das nicht nur weil der deutsche Name aus Gründen, die zu nennen einem Spoiler gleichkäme, irreführend ist. Nein der Originaltitel (OT: La strano vizio della Signora Wardh) passt einfach so gut, geht es in Martinos Film doch wirklich vor allem um Mrs. Wardh und ihr Laster. Ob man darunter ihre masochistische Neigung oder ihre schlechte Angewohnheit, sich immer mit den komplett falschen Männern einzulassen, verstehen will, bleibt jedem selbst überlassen.

Bild © Media Target Distribution

Rachel Getting Married (Jonathan Demme, USA 2008)

Posted by – 13. April 2015

rachel getting marriedDer Oscarpreisträger Jonathan Demme hat schon einige beachtliche Filme gemacht. An die Spitze der US-amerikanischen Regisseure brachte ihn die Roman-Verfilmung des Thomas-Harris-Thrillers „The Silence of the Lambs“, für den er auch die begehrte Trophäe der Academy erhielt sowie zwei Jahre später das Aids-Drama „Philadelphia“. Nach einigen weiteren sehenswerten, aber kommerziell wenig erfolgreichen Filmen meldete sich der Ausnahmeregisseur mit „Rachel Getting Married“ im Jahre 2008 eindrucksvoll zurück. Und auch für seine Hauptdarstellerin Anne Hathaway bedeutet er die endgültige Aufnahme in die Riege der ernstzunehmenden Schauspieler. Völlig zu Recht wurde sie für ihre Rolle der Kym für den Oscar nominiert.

Die alkoholabhängige Kym (Anne Hathaway) kehrt zur Hochzeit ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) aus der Entzugsklinik nach Hause zurück. Doch Kym kann sich mit der Nebenrolle am großen Tag ihrer Schwester und der vordergründigen Harmonie in ihrem Elternhaus nicht abfinden. Sie sabotiert die Hochzeitsvorbereitungen und die anschließende Feier mit bissigen Kommentaren und melodramatischen Auftritten. Auch wenn ihr Vater Paul (Bill Irwan) versucht, die Wogen zu glätten, kommt es doch zum offenen Konflikt in der Familie Buchmann. Alte Wunden drohen wieder aufzureißen.

Drogensüchtige Tochter stört Hochzeit ihrer Schwester und sorgt somit für Spannungen. Liest man diese Kurzzusammenfassung, die zugegebener Maßen nicht allzu originell klingt, mag noch keine rechte Vorfreude aufkommen. Demjenigen, der die Filmhandlung lediglich als einfaches Familiendrama begreift, wird sich Demmes Film auch nicht erschließen. Doch Demme wäre nicht der Regisseur, der er ist, hätte er in dem Drehbuchdebüt von Jenny Lumet (Tochter des großen Sidney Lumet) nicht viel Potenzial erkannt. Erstaunlich schonungslos und trotzdem immer fair analysiert er den fragilen Mikrokosmos der Familie Buchmann. Kameramann Declan Quinn ist immer ganz dicht am Geschehen und zeigt mit seiner Handkamera in teilweise dokumentarisch wirkenden Bildern, die an ein echtes Hochzeitvideo erinnern, die ungeschminkte Wahrheit hinter der bröckelnden Fassade. Doch „Rachels Hochzeit“ ist kein Problemfilm. Trotz aller Enthüllungen und Dramatik ist Demme immer darauf bedacht, sich die Geschichte aus sich selbst heraus entwickeln zu lassen.

In der filmischen Umsetzung der bereits ausgezeichneten Vorlage gelingt Demme Erstaunliches: bei größtmöglicher Genauigkeit die Figuren betreffend zeigt er das wahrhaftig anmutende Portrait einer zerrütteten Familie, der es trotz aller Widrigkeiten irgendwie gelingt, eine ergreifende Hochzeit zu feiern. Es ist wunderbar, wie geschickt Demme die Themen Drogensucht, Co-Abhängigkeit und Familientraumata verbindet und trotzdem niemals zum Boten einer wie auch immer gearteten Message wird. Der Zeigefinger bleibt unten. Dadurch wird „Rachel Getting Married“ zu einem wunderbar vielschichtigen, differenzierten Film, der seinem komplexen Thema voll und ganz gerecht wird und – wie nebenbei – noch die schönste Hochzeit des Jahres auf die Leinwand bringt.

Bild © Sony Pictures Germany

Hercules In The Haunted World (Mario Bava, Italien 1961)

Posted by – 13. April 2015

Vampire gegen HeraklesBesonders gut kenne ich mich noch im umfangreichen Werk von Mario Bava (noch) nicht aus. Aber schon jetzt kann ich sagen: Es gibt Filme, die ich sehr gerne habe, wie „Bay Of Blood“ beispielsweise oder „Blood And Black Lace“ und solche, mit denen ich nicht so recht warm werde („Hatchet For Honeymon“). „Hercules In The Haunted World“ (OT: Ercole al centro della terra), markiert nun den bisherigen Tiefpunkt meiner Erkundungsreise in die Welt des italienischen Meisterregisseurs.

Es geht um Herakles bzw. Herkules (Reg Park) und seinen Kumpel Theseus (Giorgio Ardisson), die nach etlichen Abenteuern ins Königreich Icalia zurückkehren – nur um dort gleich das nächste zu erleben. Eigentlich wollte Herakles ja die schöne Deianira (Leonora Ruffo) heiraten, doch die ist irgendwie nicht ganz bei Sinnen und so machen sich die beiden Raufbrüder auf den Weg in die Unterwelt, um dort einen Stein zu besorgen, der Deianira wieder gesund und heiratswillig macht.

Warum der Film unter dem deutschen Titel „Vampire gegen Herakles“ bekannt geworden ist, erklärt sich aus dem Ende: Deianiras Onkel Lykus (Christopher Lee) ist nämlich in Wahrheit ein Vampir. Vampire im Plural spielen allerdings nicht mit, nur als kleine Warnung an diejenigen, die sich den Film vielleicht aus diesem Grund anschauen wollten. Aber auch anderen Menschen mit anderen Beweggründen kann ich nicht gerade Mut machen. Wer weiß, in der richtigen Stimmung mag „Hercules In The Center Of The Earth“ eine bewusstseinserweiternde Erfahrung sein. Aber es gibt eben auch eine andere Stimmung und in der habe ich den Film gesehen. „Hercules In The Haunted World“ ist ein meinen Augen mit seiner Farbenpracht ein eher öder Sandalenfilms. Denn trotz der bunten Pappmachee-Kulissen und allerlei fantastischer Wesen schafft es Bava nicht, seine Geschichte spannend zu erzählen, von den einfältigen Figuren ganz zu schweigen („As long as Theseus steals other men’s girls, I have nothing to worry about.“) Herakles löst hier alle Probleme, indem er irgendwas wirft, einen großen Stein zum Beispiel oder wahlweise auch einen Pferdewagen. Am interessantesten ist der Film noch kurz vor Schluss als mal nichts zum Werfen da ist. Hier ist Herakles ziemlich aufgeschmissen und braucht sofort Hilfe, die er in Gestalt der Tochter des Totengottes Persephone (Ida Galli) erhält. Ob das ein ironischer Hinweis auf die eigene, muskelbepackte aber hirnlose Geschichte sein sollte?

Bild © Kinowelt

The Babadook (Jennifer Kent, Australien 2014)

Posted by – 11. April 2015

babadookStephen King sagt: „Deeply disturbing and highly recommended“. William Friedkin sagt: „I’ve never seen a more terrifying film“. Ich hab dann gesagt: Das klingt ja vielversprechend!

In „The Babadook“, dem Debütfilm der Australierin Jennifer Kent, geht es um die alleinerziehende Mutter Amelia (Essie Davis), die mit ihrem Sohn Samuel (Noah Wiseman) zusammenlebt. Seit dem Unfall-Tod ihres Ehemanns und Sams Vaters haben es die beiden nicht leicht, der Sohn hat Albträume, und Amelia weiß sich kaum noch zu helfen. Als sie in der Wohnung ein Kinderbuch über die Gruselgestalt Babadook findet, verschlimmert sich die Situation. Sams Albträume werden schlimmer, manchmal scheint er wie besessen. Als sich die seltsamen Vorfälle häufen, zieht sich die überforderte Frau mit ihrem Sohn immer mehr zurück.

„Angst! Wut! Zorn! Aggressive Gefühle! Die dunkle Seite der Macht sind sie!“ hat Yoda mal gesagt. Aber nicht nur das, diese Gefühle sind auch die Essenz, aus denen Horrorfilme gemacht sind – und das mindestens in dreifacher Hinsicht. Natürlich sollen solche Filme dem Zuschauer erstens ganz einfach Angst machen. Doch zweitens ist sie oft auch das Gefühl, das dem Bösen seine Macht gibt. Drittens und wichtigstens manifestieren sich in Horrorfilmen Gefühle oft zu fleischlichen Wesen. Dieser psychogenetischer Horror ist mal mehr (z.B. in „Honeymoon“ oder „Mama“), mal weniger offensichtlich (z.B. „Child’s Play“). „The Babadook“ darf hier aber, denke ich, zu den eindeutigen Vertretern gezählt werden, auch wenn Jennifer Kents geschickte Metapher über Verdrängung ihre Spannung eine Zeitlang vor allem daraus generiert, indem sie den Zuschauer über ihre Eigentlichkeit im Unklaren lässt. Die Stärke von Kents Debüt ist meiner Ansicht nach ohnehin weniger, dass es hier um eine Manifestation psychischer Zustände geht, sondern welcher Art diese sind. So könnte man den ganzen Film wahrscheinlich als düster gezeichnetes Bild über eine Depression und der Entfremdung zum eigenen Kind als Resultat von missglückter Trauerarbeit deuten. Schöne Idee. Aber.

So ganz verstehe ich die überwiegend positiven, teilweise jubelnden Reviews und zahlreichen Auszeichnungen nicht. Denn ich komme nicht darüber hinweg, dass „The Babadook“ unterm Strich doch ein recht konventionell inszenierter Horrorfilm ist, der darüber hinaus für meinen Geschmack seitens der Hauptdarstellern overacted und zusätzlich noch zäh im Mittelteil und langgezogen am Ende ist. Auch auf die Gefahr hin, dass sich das jetzt vielleicht schlimmer anhört als es gemeint ist, sage ich: „The Babadook“ ist seinem Wesen nach auf jeden Fall kein 08/15-Horrorfilm, seinem Erscheinungsbild aber eben leider schon! Frischer Wein in alten Schläuchen, sozusagen. Ich bin somit ein wenig hin und her gerissen. Ich mochte den Film, aber ich bin zugegeben auch ein kleines bisschen enttäuscht, weil ich denke, dass man die Stärken des Films besser hätte herausarbeiten können.

Bild ©  capelight pictures

What About Bob? (Frank Oz, USA 1991)

Posted by – 7. April 2015

What About BobDass ich mit Komödien sehr oft nichts anfangen kann, erwähnte ich bestimmt schon mal. Der Grund, warum ich Frank Oz’ „What About Bob?“ trotzdem so mag, ist wahrscheinlich, dass es sich hierbei im Grunde nicht um eine Komödie, sondern um einen Horrorfilm handelt.

Worum geht’s? – Um den Psychiater Leo Marvin (Richard Dreyfuss), der mit Bob Wiley (Bill Murray) einen Patienten bekommt, der ihn an seine Grenzen bringt – und darüber hinaus. Nicht nur, dass Bob seinen Therapeuten bis an dessen Urlaubsdomizil verfolgt und sich dort breit macht, der multiphobische Neurotiker erobert auch im Nu die Herzen von Leos Familie. – Natürlich ist das lustig. Denn Bill Murray und Richard Dreyfuss sind kongenial als Seelenklempner und Irrer. Während Murrays Fähigkeiten als Comedian auf der Hand liegen, möchte ich an dieser Stelle nachdrücklich bemerken, wie perfekt Dreyfuss für seine Rolle gecastet ist und wie gut er sie ausfüllt. Ich denke, seine Performance als selbstgefälliger Arzt trägt maßgeblich zum Gelingen des Films bei. Der Horror, von dem ich eingangs sprach, wird durch den Humor sogar noch verstärkt. Für Leo ist es furchtbar, dass Bob ihn bis an seinen Urlaubsort verfolgt, noch schrecklicher ist es allerdings, dass alle den Eindringling zwar als liebenswert kauzig, auf keinen Fall aber als Bedrohung ansehen. Und eine Bedrohung für Leib und Leben ist er ja auch nicht, wohl aber für die Spießerwelt des Egozentrikers Leo. Für den Zuschauer bedeutet das ein Wechselbad der Gefühle, denn einerseits ist es natürlich nicht ganz ohne Reiz, mitzuzusehen, wie der Verrückte im geordneten Leben Leos alles durcheinander bringt. Andererseits kann man auch tiefes Mitgefühl und empathische Panik dafür empfinden, was der plötzlich hilflose Helfer durchmacht.

Was ich an dem Film ebenfalls sehr schätze, ist die Art, wie er Psychotherapie des letzten Jahrhunderts auf die Schippe nimmt. Das tut er nicht, in dem er sich infantil veralbert, sondern indem er ihr Selbstverständnis ad absurdum führt: Sicherlich kann eine psychologische Behandlung helfen, doch das tut sie eher weniger aufgrund von psychologischem Geheimwissen, sondern durch das Gespräch zwischen Therapeut und Patient, dem Aufdecken versteckter Ressourcen und dem Aktivieren von sozialen Netzwerken. Die der Figur des Leo innewohnende Arroganz, ist auch die Arroganz seiner ganzen Profession – der Hilfesuchende wird hier behandelt wie der Kunde jeder anderen Dienstleistung. Er bekommt ein Produkt verkauft und soll sich dann bitte schnell wieder entfernen. Dass Patienten keine Objekte sind, sondern dass die Wirkung von Therapien gerade in der persönlichen Beziehung zwischen Arzt und Hilfesuchendem liegt, zeigt Bob dem selbstgefälligen Psycho-Doc eben dadurch, dass er in einem Tabubereich netzwerkt und sich die Beziehung zu seinem Arzt mit Gewalt holt. Das ist scharfsinnig beobachtet, ziemlich lustig umgesetzt aber, wie gesagt, auch ganz schön gruselig.

Ich komme zum Ende. An diesem Film stimmt so gut wie alles. Außer vielleicht die Grimasse, die der gebeutelte Psychiater in seine letzten Szene zieht, die Resignation aber auch so etwas wie Akzeptanz zum Ausdruck bringt. Hier ist der Film dann auf einmal doch versöhnliche Komödie, indem er den Anschein erweckt: Alles halb so wild. Oder doch nicht? Offenbart „What About Bob?“ möglicherweise eben an dieser Stelle erst seinen wahren Schrecken? Denn der Leidensgenosse Leo ist besiegt und das gleich doppelt: Nicht nur sein Renommee ist dahin, denn er hat seine Familie sowie seine Schwester an den Patienten verloren. Und benimmt sich zum Schluss, wie man es von einer Figur in diesem Gerne erwartet. Damit kehrt er dem Zuschauer den Rücken zu. Dann ist man ganz allein. Paranoia.

Bild © Touchstone

Nightcrawler (Dan Gilroy, USA 2014)

Posted by – 1. April 2015

nightcrawlerJake Gyllenhaal… – ach nein, ich fange anders an: Dass Journalismus und die Sensationen, über die er berichtet, gemeinsam ein System bilden, in dem nicht einfach das eine ein Resultat des anderen ist, sondern dass die Zusammenhänge komplexer sind, weiß man nicht erst seit gestern. Trotzdem sind die Ausprägungen der Verflechtungen – vielleicht durch die neuen Medien, vielleicht durch den mentalen Wandel – heute weit stärker als noch vor 20 oder 30 Jahren. Vom Katastrophen- und Sensationsjournalismus und dem Wettrennen um mediale Aufmerksamkeit handelt Dan Gilroys Regiedebüt „Nightcrawler“. Oder besser gesagt um einen Soziopathen, der gleichzeitig Produkt wie Motor und Inovator dieser schönen neuen Medienwelt ist.

Gyllenhaal, Jake, spielt Louis Bloom, diesen Mann, der nur auf den ersten Blick unbeholfen wirkt, in Wirklichkeit aber, wie er selber sagt, ein „schneller Lerner“ ist – und dabei völlig ohne Skrupel. Das Credo des American Dream, den Willen zum Erfolg, hat er in sich aufgesogen und verinnerlicht, Werte des Zusammenlebens sind allerdings nur noch Variablen in seinem zweckrationalen Kalkül. Bloom arbeitet sich hoch, der Zuschauer verfolgt seine anfangs noch linkischen Versuche, zunächst überhaupt einen Job zu bekommen und sich dann als freier Journalist einen Namen zu machen, mit wachsendem Unwohlsein. Dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt, das wird schnell klar. Wie weit er für seine selbstgesteckten Ziele zu gehen bereit ist, das offenbart sich erst im Laufe dieses Thrillers.

Gyllenhaal ist das absolute, unhintergehbare Zentrum des Films, der Faktor, der dieses ambitionierte Stück Film zu einer besonderen Erfahrung macht. Seine Figur ist zweifellos ein Produkt der Leistungsgesellschaft, vgl. „Whiplash“, und beispielhaft eine Kreatur des amerikanischen Traums bzw. Albtraums in seiner schlimmsten Ausprägung. Schon zuletzt in „Prisoners“ hat Gyllenhaal mehr noch als alle anderen Darsteller einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach „Nightcrawler“ drängen sich Vergleiche mit Robert de Niro, der in „Taxi Driver“, „Raging Bull“ oder „Cape Fear“ unvergessliche Charaktere schuf, förmlich auf. Es ist wohl nicht übertrieben, zu sagen: Gyllenhaal ist derzeit einer der interessantesten Hollywoodstars. Und für mich der wichtigste Grund, warum ich „Nightcrawler“ sehr gerne gesehen habe.

Dass der Film als Ganzes bei mir etwas weniger Eindruck gemacht hat als dem medialen Echo zufolge bei einigen anderen, mag daran liegen, dass ich ihn für meinen Geschmack als etwas zu ausformuliert und damit teilweise redundant empfunden habe. Schon der Anfang, der zusätzliche Informationen über seine Hauptfigur liefert, wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen. Und auch das Grundthema, die Kritik am Sensationsjournalismus und die Analyse, wie er sich im Wechselspiel mit Charakteren wie Bloom herausbildet, ist nicht schlecht, aber doch irgendwie recht offensichtlich und ein wenig formelhaft umgesetzt. Das führt zu Abzügen in der B-Note und dazu, dass mir „Nightcrawler“ insgesamt etwas weniger gefallen hat, als der bereits erwähnte, wunderbar ambivalente „Whiplash“. Nichtsdestotrotz, ein feiner Film und wie gesagt: Gyllenhaal.

Bild © Concorde Filmverleih

The Fog (John Carpenter, USA 1980)

Posted by – 16. März 2015

the fogAnfangs ist es nur die Meldung der Wetterstation, dass eine Nebelbank Richtung Küste zieht. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Bewohner der Stadt Antonio Bay in Kalifornien noch nicht, dass der Nebel kein natürliches Phänomen ist, sondern dass er ihretwegen kommt. Denn Antonio Bay birgt ein dunkles Geheimnis.

Nach einer Redewendung verliert sich die Geschichte immer mehr im Nebel. Bei John Carpenters „The Fog“ bringt ein Seenebel die Ereignisse der Vergangenheit allerdings zurück – in Gestalt von sechs mörderischen Geistern, die Rache wollen für das, was ihnen angetan wurde. Überhaupt ist „The Fog“, John Carpenters Film direkt nach „Halloween“ einer, der sich zwar an klassischen Gruselstoffen orientiert, aber gleichzeitig sehr modern ist, indem er vieles hervorholt und explizit macht, das bis dahin eher versteckt und andeutungsweise wirksam war. Traditionsbewusst und trotzdem innovativ rasseln bei Carpenter zwar die Tassen im Schrank, Uhren bleiben stehen, Glas birst – und doch sind seine Gespenster keine ätherischen Schatten, sondern eine sehr stoffliche Bedrohung in Gestalt von sechs verrotteten Seemännern, die mit Säbeln und Enterhaken beträchtlichen Schaden anrichten.

Doch auch wenn „The Fog“ den Anfang einer neuen Ära des Horrorfilms markierte, ist das doch alles schon wieder Geschichte. Filme wie dieser werden heute nicht mehr gemacht. In den 1980er Jahren war das Erzähltempo noch ein anderes, hier lag die Kraft in der Ruhe, Atmosphäre und Spannung wurde mit anderen Mitteln erreicht als es heute der Fall ist. Zumindest für mich stelle ich fest, dass mir Carpenters Art Filme zu drehen, einfach besser gefällt, als das allermeiste, was man in den letzten 10, 20 Jahren zu sehen bekommen hat. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Nicht nur der Nebel ist ein lebendiges Wesen, der ganze Film, die Musik, die Kameraeinstellungen, die Landschaft und die Darsteller, sie alle verschmelzen zu einem Organismus, der zu gar nichts verpflichtet ist als zu sich selbst. Das ist schön, genauso wie das meines Erachtens besonders Interessante an Carpenters viertem Kino-Langfilm, nämlich dass hier zwei in früheren und späteren Filmen immer wiederkehrende Themen zum ersten Mal so offensichtlich aufeinandertreffen: Enge und Weite. Dass es Carpenter virtuos versteht, Begrenzungen des Raums zu Spannungszwecken einzusetzen, ist beispielsweise in Filmen wie „Assault On Precinct 13“, „The Thing“ oder „Prince Of Darkness“ unmittelbar einsichtig. Aber auch durch das Fehlen von Grenzen und die (scheinbare) Freiheit, überall hin zu können, hat bei Carpenter nichts Befreiendes. „Dark Star“, „Halloween“ oder „Memoirs of an Invisible Man“ sind Paradebeispiele für das agoraphobische Talent des Regisseurs. In „The Fog“, in dem die Straßen nicht in die Freiheit führen, sondern stets nur wieder in neue Gefängnisse, kommt nun, wie gesagt, beides zusammen. Fast wirkt es so, als wollte Carpenter hier systematisch verschiedene Varianten des Eingesperrt- und in die Enge-getrieben-Seins durchdeklinieren. In sofern muss man diesem Film, dergemeinhin zur Gruppe der besten oder sagen wir eher prägendsten Filme des Regisseurs gezählt wird, wahrscheinlich wirklich eine Schlüsselrolle in seinem Werk zusprechen.

„The Fog“ gehört dennoch zu den Carpenter-Filmen die ich nie so richtig in mein Herz schließen konnte. Als Kind fand ich ihn ziemlich gruselig, aber wenn ich ihn dieser Tage sehe, wie gestern mal wieder geschehen, ist es mehr so eine Art wohlmeinendem Zuneigung. Ich bewundere einige Szenen, ich mag die Stimmung und die Figuren, aber mich stören auch einige Aspekte wie der etwas holprige Spannungsaufbau und das hingehutschte Finale. Auch Captain Blake (Rob Bottin) und seine modrigen Matrosen hätten sich meinethalben nicht zu zeigen brauchen, sondern wären verborgen im Nebel besser aufgehoben gewesen. Aber vielleicht ist das auch Meckern auf hohem Niveau, denn wie oben schon geschrieben: Filme wie dieser werden heute gar nicht mehr gemacht. Dass es „The Fog“ gibt, dafür bin ich John Carpenter sehr dankbar!

Bild © Studiocanal