My Skinny Sister (Sanna Lenken, Schweden / Deutschland 2015)

Posted by – 3. September 2015

Für Kino-Zeit.de habe ich etwas zu „My Skinny Sister“ (Min lilla syster) geschrieben, der Mitte September unter dem Namen „Stella“ in den deutschen Kinos startet. Für die Langfassung klickt ihr hier. In Kürze: Ich kann diesen Film empfehlen. Auch wenn er für meinen Geschmack manchmal etwas zu wenig in die Tiefe gegangen ist, wird hier doch mit hohem Einfühlungsvermögen eine Familie in der Krise portraitiert. Was tun, wenn die ältere Schwester auf einmal magersüchtig ist? Fertige Antworten werden von der Sanna Lenken, die sich für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, hier nicht gegen. Wohl aber erhält der Zuschauer einen Eindruck davon, wie in einer Familie alles mit allem zusammenhängt. „My Skinny Sister“ ist aber nicht nur ein Film über eine Familie, sondern auch ein Film für die ganze Familie: warmherzig, rührend und zum Nachdenken anregend.

She (Avi Nesher, Italien 1982)

Posted by – 22. August 2015

sheIn diesem Blog verfolge ich ja weniger den Anspruch, zu allem, was ich sehe, etwas zu schreiben. Es ist vielmehr der Versuch, durch die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden mich den Filmen meines Lebens, also denen, die mich besonders beeindruckt und beeinflusst haben, durchs anzunähern und mir meine Einstellung zu ihnen klarer zu machen. Ein Film, der da auf keinen Fall fehlen darf ist „She“ von Avi Nesher. Den habe ich irgendwann in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre ein einziges Mal gesehen. Seitdem verfolgt er mich. Vor ein paar Tagen gab es – fast 30 Jahre später – nun endlich ein Wiedersehen.

Nach dem Atomkrieg ist die Welt eine andere. Zauberer, Monster und verstrahlte Typen lauern quasi überall. Tom (David Goss), seine Schwester und ihr Kumpel Dick (Harrison Muller jr.) kommen in ein Dorf, um Handel zu treiben. Bei einem Überfall auf den Basar wird Toms Schwester entführt, er selbst und Dick geraten kurze Zeit später Gefangenschaft der Herrscherin She (Sandahl Bergman). Doch sie können sich befreien, können She überrumpeln, machen sich mit ihr als Geisel auf die Flucht – und stolpern von einem Abenteuer ins nächste.

„Abenteuer“ – das Wort klingt eigentlich viel zu unschuldig für das, was die Gruppe in den folgenden 90 Minuten erlebt. Eine bizarrere Begegnung jagt hier die nächste. Warum ich „She“ so mag? Weil er spannend ist und witzig, gruselig bisweilen und weil er überrascht, weil hier Einfälle nebeneinander existierten, die man sonst nie zusammen sieht, weil die Melange von einer seltsam sympathischen Unbekümmertheit gekennzeichnet ist, so dass zumindest ich mich dem Charme des Films auch diesmal nicht entziehen konnte. Ich zähle die Einfälle nicht auf, um allen, die den Film noch nicht gesehen haben, die Überraschung nicht zu verderben. Nur eine Szene muss ich kurz vorstellen, weil es nämlich die ist, die ich vor allen anderen über die Jahre nicht aus dem Kopf bekommen habe und die auch bei diesem Sehen den stärksten Eindruck bei mir hinterlassen hat: Die Brücken-Szene. Da überquert Tom eine ebensolche und begegnet dabei einem Mann (David Traylor), der wie eine Mischung aus Soldat und Seemann angezogen ist. Er tänzelt um Tom herum, imitiert Groucho Marx, Popeye u.a., erschafft eigene Charaktere. Dass er sich, wenn man ihm einen Arm, Bein oder Kopf abtrennt, multipliziert, so dass Tom es bald mit einer ganzen Horde des Brückenwächters zu tun hat, macht dieses Wesen, das einer besonders bösen Folge „Monty Python’s Flying Circus“ entsprungen sein könnte, noch unheimlicher. Dieser Clown ist der Stoff, aus dem meine Alpträume sind.

Ein wenig schade ist, dass Avi Nesher, der im Detail so kreativ zu Werke geht, die Geschichte nicht nur sehr konventionell, sondern sogar leider auch ziemlich monoton vorträgt. Ich kann selbst nicht genau sagen, was ich mir gewünscht hätte, aber wäre ein wenig Irrsinn, den Nesher in den Reiseetappen findet, auch in den Film als solchem geflossen, hätte er mir wohl möglich noch besser gefallen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, auch so ist „She“ ein Film, wie man ihn, wenn überhaupt, zumindest nicht alle Tage zu sehen bekommt. Sein Trash-Appeal ist noch sein kleinster Vorzug, mich fasziniert mehr, wie Nesher hier unterschiedlichste Lebensformen, die sich nach der Apokalypse entwickelt haben, skizziert. Das tut er nicht nur fantasievoll, sondern auch mit Verstand. Denn letztlich weist er durch das Kuriositätenkabinett seines Films auch auf die Kontingenz und Sonderbarkeit unseres eigene Lebens. Leider ist „She“ der einzige Film, den ich von dem israelischen Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent kenne, so dass ich nicht wirklich ein Gefühl für seine Arbeit habe. Aber wenn die anderen ähnlich eigen sind, muss ich die unbedingt auch bald mal sehen.

In einem kleinen Interview mit Christian von Moviroyal habe ich schon mal erzählt, dass ich eigentlich nicht sammle. Ich habe lediglich zwei Billy-Regale, mehr will ich nicht. Das führt dazu, dass, wenn ein neuer Film dazu kommt, ein alter weg muss. Aus diesem Grund verschenke ich unter der Rubrik „Alles muss raus“ auch gelegentlich DVDs. Insofern evolutioniert mein Filmregal seit ein paar Jahren vor sich hin. Filme die ich behalte, sind solche, dir mir irgendwie wichtig sind oder mal waren, die Filme meines Lebens sozusagen. Durch „She“ von Avi Nesher ist mein Filmregal auf eine neue evolutionäre Stufe gerückt.

Bild © Pegasus

They Live (John Carpenter, USA 1988)

Posted by – 16. August 2015

they live„So ein Humbug“, sagt mein Vater nach dem Film, und meine Mutter: „Bist du nicht langsam zu alt für sowas?“ Ich fühle mich geehrt, dass mir ein so exklusiver Geschmack bescheinigt wird. Aber ich wundere mich auch: Wie können meine Eltern nicht erkennen, was für einen fantastischen Film sie mit John Carpenters „They Live“ vor sich haben?

Auf der Suche nach Arbeit kommt John Nada (Roddy Piper) nach Los Angeles und heuert dort auf dem Bau an. Mehr oder weniger zufällig fällt ihm ein Karton mit Sonnenbrillen in die Hände. John traut seinen Augen nicht – der Blick durch die Brille offenbart, wie die Welt wirklich ist: Die Erde ist von Außerirdischen infiltriert, die alle Menschen mit unterbewussten Botschaften beeinflussen. Zusammen mit seinem Kumpel Frank (Keith David) sagt er den Besetzern den Kampf an. Wobei der Ausdruck „Kumpel“ der Geschichte vorgreift. Ehe John und Frank an einem Strang ziehen und den Außerirdischen entgegentreten, muss John seinen Kollegen zunächst einmal von seiner Entdeckung überzeugen, was in eine der längsten Prügelszenen der Filmgeschichte kulminiert. „Put the glasses on! Put ‚em on!“. Bäng. Zosch. Krawumm.

Humbug ist das aus einem bestimmten Blickwinkel natürlich schon. Da prügeln sich zwei, weil der eine will, dass der andere eine Brille aufsetzt, das ist schon was anderes, als man sonntäglich beim Tatort zu sehen bekommt. Und ich kann meinen Eltern eigentlich auch nicht vorwerfen, dass sie von „They Live“ nicht so fasziniert sind wie ich heute. Denn ehrlich gesagt hatte ich diesen Carpenter-Film auch nicht in bester Erinnerung, ich habe ihn erst jetzt wirklich ins Herz geschlossen. Denn Humbug in dem Sinne, dass hier Bedeutung vorgegeben wird, die tatsächlich aber nur Schwindel ist – das ist der Film mit Sicherheit nicht, das ist mir diesmal klar geworden. Es geht um eine fremde Macht, die die Menschen über die wahre Beschaffenheit der Welt im Unklaren lässt. Willensfreiheit ist in diesem Szenario eine Illusion. Die Menschen werden durch unbewusste Signale gesteuert und dazu animiert, zu gehorchen und zu konsumieren. Ich will hier nicht den Gesellschaftskritiker raushängen lassen, aber ganz anders geht es in der Welt ja wirklich nicht zu. Im Kapitalismus muss der Mensch zum Kaufen animiert werden – um jeden Preis. Wir sind schon so erzogen, aber auch die allgegenwärtige Werbung macht uns jeden Tag klar: der Mensch ist ein Mängelwesen, doch er kann diesem Mangel durch Konsum entgegenwirken. Und selbst für diejenigen, die aus dem System ausbrechen wollen, gibt es noch das passende Selbsthilfebuch oder den Yogakurs im Angebot. Doch mit der Selbstverwirklichung verhält es sich wie mit dem Esel und der Karotte, natürlich ist sie nicht erreichbar, ständig fehlt noch ein weiterer Konsumartikel zum letzten Glück.

Da hat es der Widerstand im Film natürlich ein wenig leichter: Brille auf – und schon lässt sich die Illusion als solche entlarven. Man merkt schon daran, wie genial Carpenters Drehbuch ist, dass es Menschen gibt, die den Film als Humbug bezeichnen. In plakativen und eindringlichen Bildern wird hier die moderne westliche Gesellschaft aufs Korn genommen, aber aller Einfachheit zum Trotz ist es gar nicht so leicht, die Ähnlichkeit zwischen Fiktion und Wirklichkeit klar zu erkennen – so umfassend ist die Gehirnwäsche, der die meisten von uns seit Beginn ihres Lebens ausgesetzt sind. Ehe ich zu verschwörungstheortetisch klinge, möchte ich einfach noch einmal betonen, was für einen großen Spaß dieser Film macht, wenn man ihn mit der richtigen Einstellung anguckt. Humbug im Sinne von Quatsch mit Soße ist er nämlich auch. Man merkt allen Beteiligten ihren Spaß an, den sie während des Drehs hatten. Allen voran Roderick George Toombs, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Roddy Piper, was mich zum Schluss noch zu einem traurigen Anlass bringt. Piper ist ist am 1. August 2015, einen Tag nachdem ich mir „They Live“ angesehen habe, gestorben. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich weder ein besonderes Interesse am Wrestling noch bewusst andere Filme mit Piper gesehen habe, geht mir sein Tod nahe. Piper hat in Carpenters Film eine unheimlich sympathische Ausstrahlung und nicht zuletzt ist er der Grund dafür, warum „They Live“ so ein feiner Film geworden ist. Oder mit John Nadas Worten: „I have come here to chew bubblegum and kick ass… and I’m all out of bubblegum.“ Oh ja, das ist ihm gelungen! Die außerirdischen Invasoren haben hier den Arschtritt ihres Lebens bekommen. Außerhalb des Films verhält sich alles leider etwas komplizierter. Wir haben keine Brille, die uns dabei hilft, die Welt zu erkennen, wie sie wirklich ist.

Bild © Optimum

Inherent Vice (Paul Thomas Anderson, USA 2014)

Posted by – 15. August 2015

Inherent ViceIm Los Angeles der 1970er Jahre arbeitet Larry „Doc“ Sportello (Joaquin Phoenix) als Privatdetektiv – wenn er den Tag nicht gerade stoned im Marihuana-Nebel auf dem Sofa verbringt. Dann taucht seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston) auf, und er hat einen neuen Fall: er soll ihren Liebhaber, den Immobilienhai Mickey Wolfmann (Eric Roberts) retten, den dessen Frau Sloane (Serena Scott Thomas) und deren Lover Riggs Warbling (Andrew Simpson) in eine psychiatrische Anstalt stecken wollen. Doch kaum hat Sportello erste Nachforschungen anstellt, überschlagen sich die Ereignisse – Shasta wie auch Wolfmann sind plötzlich verschwunden, sein Freundfeind, der Cop Christian „Bigfoot“ Bjornsen (Josh Brolin), tritt ihm die Tür ein, und dann wird Sportelle auch noch in der Wüste niedergeschlagen. Soweit alles klar? Sportello jedenfalls nicht. Aber das hält ihn nicht davon ab, sich von da an noch mehr in den Fall zu hängen.

„Boogie Nights“, „Magnolia“, „Punch-Drunk Love“, „There Will Be Blood“,„The Master“ – Paul Thomas Anderson macht sehr unterschiedliche aber ohne Frage brillant Filme. Doch mit ihrer Makellosigkeit geht auch eine gewisse Kälte einher, die es mir schwer macht, sie richtig zu mögen – von großer Liebe ganz zu schweigen. Das gilt auch für die Thomas-Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“. In dieser somnambul-dämmrigen Krimi-Face, zeigt Anderson weitere Facetten seines Könnens, aber auch diesmal bin ich nicht so richtig war mit dem Film geworden. Anderson ist der Erste, der sich an eine Verfilmung eines Romans des geheimnisvollen Thomas Pynchon gewagt hat, und man könnte sagen – hier haben sich zwei gefunden, denn beide Künstler sind in ihrem Schaffen überaus eigensinnig. Das kommt „Inherent Vice“ doppelt zu gute. Auf der inhaltlichen Ebene fordert der skurrile Zeitgeist-Krimi-Plot heraus, die Inszenierung von Anderson schafft es aber irgendwie einen ästhetischen Sinn über diesen „Unsinn“ zu legen, so dass es der Geschichte möglich wird, auch als Film zu funktionieren. Und auch wenn es, wie gesagt, die große Liebe zwischen mir und dem Film nicht geworden ist, habe ich es trotzdem irgendwie genossen habe, mit Doc Sportello durch diese Geschichte zu gleiten. Den Faden hatte ich recht schnell verloren, glaube ich jedenfalls, vielleicht auch nicht, egal, jedenfalls, „Big Lebowski“ trifft hier „China Town“ und „Der Tod kennt keine Wiederkehr“. Und dann ist da natürlich noch viel Anderson-Eigenes, die Kälte und Distanz, die den Film irgendwie unnahbar macht und einen außen, ihn aber auch zu dem macht, was er ist, einen weiteren verdammt starken Film von Paul Thomas Anderson nämlich: kryptisch, kühl und clever. Und auf seine sehr spezielle lethargische Art und Weise brüllend komisch.

© Warner Bros.

Big Trouble In Little China (John Carpenter, USA 1986)

Posted by – 30. Juli 2015

big troubleDer Trucker Jack Burton (Kurt Russell) hilft seinem Freund Wang Chi (Dennis Dun) seine Verlobte aus den Klauen von Lo Pan, einem uralten chinesischen Magier (James Hong) und seinen Schergen zu befreien. Unterstützt werden die beiden von dem Touristen-Führer Egg Shen (Victor Wong) und der Anwältin Grace Law (Kim Cattrall).

Mit „Big Trouble In Little China“ verbinde ich viel. Ich sah ihn das erste Mal zu einer Zeit, in der sich seine wahnwitzigen Ideen wie Lichtblitze in mein junges Hirn brannten und die Synapsen neu verschalteten. Im zarten Teenager-Alter habe ich ihn das erste Mal gesehen, und es ist nicht übertrieben zu sagen – nach diesem verrückten Action-Fantasy-Spukfilm mit Hongkong-Flair war ich ein anderer. Seitdem habe ich aber nicht nur ein Faible für große Strohhüte. Ich war damals sehr empfänglich für Geschichten, die zeigen, dass neben unserer sichtbaren noch eine andere, uns verborgene Welt existiert. John Carpenters Film spielt in San Franciscos Stadtteil China-Town. Doch: Einmal falsch abgebogen, finden sich Jack und Wang gleich inmitten eines Straßenkampfs zwischen zwei rivalisierenden Gangs wieder, bei dem auch die „3 Stürme“ – die Magier Regen, Donner und Blitz – und schließlich sogar Lo Pan mitmischen. Dies ist Jacks erste Begegnung mit dem Übersinnlichen, dabei bleibt es jedoch selbstverständlich nicht. Im Folgenden gewinnt man den Eindruck, dass tatsächlich hinter jeder Ecke und Tür eine bewusstseinserweiternde Überraschung auf die Helden wartet, und das war, wie gesagt eine Idee, die ich damals wie heute sehr mochte – das überall Geheimnisse und Überraschungen lauern. Und apropos Held: Kurt Russels Jack Burton ist ein wirklich interessanter Vertreter dieser Gattung, ein nicht gerade überkomplex gestrickter Charakter, aber ein Kumpel-Typ, einer, mit dem man Pferde bzw. entführte grünäugige Ladys (zurück-)stehlen kann. Neben der Non-Stop-Action und dem Ideenfeuerwerk ist es wahrscheinlich diese charmante Figur, die mir den Film, der so ehrlich und unbedarft ist wie sein Protagonist, so ans Herz hat wachsen lassen.

Bei aller Liebe zu dem Film gehören dazu auch noch ein paar melancholische Worte. Ich habe „Big Trouble In Little China“ in den letzten Jahrzehnten oft gesehen, doch spätestens mit der Begegnung vor ein paar Tagen muss ich leider feststellen, dass der Film – trotz aller Begeisterung, die ich oben geschrieben habe durchblicken lassen – seine Wirkung nicht mehr annähernd in dem Maße entfaltet wie früher. Ich gebe zu, diesmal habe ich ihn unter unvorteilhaften Bedingungen gesehen, gestückelt, in drei Anläufen, weil ich immer so müde war. Die letzte Etappe war die zermürbendste auf dem Fernseher meiner Eltern. Wir brauchten ca. eine Stunde, um eine DVD zum Laufen zu bringen und sind bis zum Schluss der Einstellung des komplizierten Soundsystems nicht Herr geworden. Das macht wahrscheinlich nur einen kleinen Teil des empfundenen Qualitätsverlusts aus. Vielleicht ist es die Übersättigung an Attraktionen, vielleicht lege ich heute einfach auf andere Dinge Wert als damals. Mit dem Film verhält es sich ein wenig so wie mit dem Jahrmarkt, den ich heutzutage auch nicht mehr mit der gleichen Faszination erleben kann wie als Kind. Das Gefühl ist einfach anders.

Wir hatten schöne Zeiten zusammen, aber jetzt behalte ich dich lieber in guter Erinnerung, anstatt mir durch die Wirklichkeit etwas anderes einreden zu lassen. Und während du, oh „Big Trouble In Little China“, dich auf dem festen Platz in meinem Herzen ein wenig ausruhen und neue Kraft schöpfen darfst, schaue ich mir ein paar der Filme an, die ich noch nicht so oft gesehen habe.

Bild © Twentieth Century Fox

Starman (John Carpenter, USA 1984)

Posted by – 26. Juli 2015

StarmanDie Voyager Golden Record ist eine Datenplatte, die mit der Raumsonde Voyager in die Weiten des Universums gesendet worden ist. Mit ihrer Hilfe sollten Aliens von der Existenz der Menschheit erfahren. Extrem unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. John Carpenters „Starman“, der auf einem Drehbuch von Bruce A. Evans und Raynold Gideon beruht, spielt die Idee durch, was wäre wenn eine außerirdische Intelligenz die Einladung annimmt. Doch anders als in so vielen Science-Fiction-Filmen erweisen sich hier nicht die Besucher als feindlich, sondern die Menschheit als verdammt schlechter Gastgeber. Kaum angekommen, wird das UFO auch schon abgeschossen. Der „Starman“ an Bord überlebt, nimmt die Gestalt des verstorbenen Mannes (Jeff Bridges) von Jenny Hayden (Karen Allen) an und reist mit ihr quer durch die USA zu dem Ort, wo er in zwei Tagen wieder abgeholt werden soll. Und wie soll es anders sein: das Militär ist ihnen dicht auf den Fersen.

Da es niemand sonst so richtig tut, möchte ich hier eine Lanze für John Carpenters „Starman“ brechen, den ich nach einer Ewigkeit vor ein paar Tagen wieder einmal gesehen habe. Das Science-Fiction-Roadmovie, dem die typischen thematischen und stilistischen Erkennungsmerkmale des Regisseurs zwar fehlen, weiß nichtsdestotrotz zu überzeugen, weil es nämlich nicht nur ganz wunderbare, prägnante Momente (die Szene mit dem Baby!, herrliche Landschaftsaufnahmen), sondern auch inhaltlich einiges zu bieten hat. Dass der Mensch mehr ist als sein Körper, gehört zu einer häufig strapazierten Binsenweisheit des Wohlfühlkinos. Dass der Mensch wie jedes Lebewesen aber nun mal eben auch Körper ist und dass damit einiges zusammenhängt, wird gerne mal unter den Tisch gekehrt. Nicht umsonst besorgt sich das außerirdische Energiewesen in Carpenters Film erst einmal einen Körper, denn nur so kann es erleben, wie es ist ein Erdenbewohner zu sein und nur auf diesem Weg ist es in der Lage, eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen. Doch es sind nicht nur die Chancen der Körperlichkeit, welche die Geschichte vorantreiben, sondern auch ihre Tücken. Der Starman ist gefangen im Fleisch, unddas mit allen seinen Bedürfnissen – Hunger, Schmerzen und vor allem Liebe – die zwar nicht das Ziel, aber doch die Beschaffenheit seiner Reise bestimmen. Und für Jenny Hayden ist die Gestalt des Außerirdischen natürlich alles andere als nebensächlich. Dass er aussieht wie ihr verstorbener Mann ist anfangs natürlich vor allem ein Grund für Irritation, Angst und Misstrauen. Doch schon bald ist es gerade seine Gestalt, die ihr hilft, Vertrauen zu fassen und sich schließlich sogar zu verlieben. Mit Blick auf viele seiner anderen Filme frage ich mich, ob es vielleicht dieser Aspekt gewesen sein könnte, der Carpenters Interesse an dem Stoff geweckt hat – dass unsere Körper letztlich unsere Freiheitsgrade bestimmen, dass wir in gewisser Weise sogar ihre Gefangenen sind, weil sie bestimmen, was wir tun und empfinden können.

Aber ich will diesen Gedanken auch nicht überstrapazieren. Denn wie gesagt, dies ist ein Carpenter-Film der etwas anderen Art, einer in dem der Regisseur seine Vielfältigkeit und sein großes thematisches Spektrum unter Beweis stellt. Hier geht es nicht um Angst, es geht um Liebe, weniger um Zwänge denn um Möglichkeiten und nicht carpenter-typisch ums Gefangensein, sondern um Freiheit. „Starman“ gehört zu den seltenen Filmen, welche die schönen Seiten der USA zeigen, in denen es um Hilfsbereitschaft geht und um guten Kuchen. Er ist damit ein wenig wie ein Märchen, in dem der Außerirdische wie die gute Fee dem Menschen seine Wünsche erfüllt. Nach der Begegnung mit dem Starman sind alle, die es zugelassen haben, bereichert. Sie hatten die Chance, etwas zu lernen. Und auch er selbst hat zum Schluss, wenn er sich auf den Rückweg zu seinem Planeten macht, wertvolle Erfahrungen dazugewonnen.

Bild © Sony Pictures

Schindler’s List (Steven Spielberg, USA 1993)

Posted by – 20. Juli 2015

Schindlers-ListeIm Zweiten Weltkrieg gelingt es dem deutschen Geschäftsmann Oskar Schindler, über eintausend Juden vor der Ermordung zu retten, indem er sie in seiner Fabrik „kriegswichtige Arbeit“ verrichten lässt.

Eine kurze Inhaltsangabe, ein Satz – aber eine Geschichte, die so voll Bedeutung, Grausamkeit, Tragik und Mut ist, dass ich mich, ehrlich gesagt, ein wenig scheue, mich überhaupt zu Steven Spielbergs meisterhaftem Film nach dem Roman von Thomas Keneally, der sich 194 intensive Minuten mit der oben genannten Situation auseinandersetzt, zu äußern. Ich habe ihn vor ein paar Tagen zum ersten Mal komplett gesehen. Und da ist immer noch dieses Frösteln, wenn ich an ihn denke. Viel ist zu „Schindler’s List“ schon geschrieben worden, von Leuten die sich besser mit Film, mit Spielberg und mit dem Dritten Reich auskennen, und ich möchte das jetzt nicht alles wiederkäuen, sondern lediglich zwei Aspekte kurz vorstellen, die mir an dem Film besonders wichtig sind und die ich für sehr gelungen halte.

Der eine Aspekt betrifft den Wahnsinn des Dritten Reiches – oder vielmehr Hitlers Wahnsinn, sein (Selbst-)Zerstörungstrieb. Hitlers einziges Ziel – hier folge ich Sebastian Haffner, der in „Anmerkungen zu Hitler“ eindrucksvoll die Geschehnisse des Krieges analysiert –war ja nach dem gescheiterten Russlandfeldzug 1941 nicht mehr die Vorherrschaft in Europa, sondern allein die Vernichtung aller Juden, die seitdem mit noch größerer Systematik und kompromissloser Entschlossenheit vorangetrieben wurde. Doch während die Todesmaschine effizient ihren Dienst verrichtete, machten sich Auflösungserscheinungen in allen anderen Bereichen bemerkbar. Spielbergs Verdienst ist es, hierfür Szenen zu finden. Stellvertretend für den Irrsinn des Systems kann hier Ralph Fiennes Figur genannt werden, der als sadistischer Nazioffizier Amon Göth das Arbeitslager Plaszow und spätere KZ Plaszow leitete. Das Chaos, das er erzeugte, konnte Schindler sich zu Nutze zu machen, zumindest spielte es ihm in die Hände.

Der andere Aspekt, den ich erwähnen möchte, betrifft den Mann Oskar Schindler beziehungsweise dessen filmische Reinkarnation. Ein Vorwurf, der spätestens nach Erscheinen der Schindler-Biografie von David M. Crowe immer wieder im Zusammenhang mit Spielbergs Film zu hören ist, lautet, Schindler sei zu sehr als Held dargestellt, wobei er doch auch ein Opportunist gewesen sein soll, dem es lange Zeit nicht um die Rettung von Menschen, sondern vor allem um seinen persönlichen Erfolg ging. Wie es sich in Wirklichkeit verhielt, mag ich nicht beurteilen. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass der Film diesem Charakterzug einerseits Rechnung trägt und für meine Begriffe den Wandel seiner Persönlichkeit – den es ohne Zweifel gegeben hat – ziemlich präzise nachzeichnet. Zum anderen möchte ich herausstellen, dass die Rettung so vieler Menschen nur möglich war, weil Schindler es verstanden hat, sein Fähnchen in den Wind zu drehen. Nur weil er nach außen Nazi war, weil er es verstanden hat, mit wichtigen Entscheidungsträgern des Nazi-Regimes umzugehen und in der Lage war, Unrecht vor seinen Augen geschehen zu lassen, konnte er helfen. Wäre er ein wenig mehr „Held“ gewesen, wer weiß, was dann geschehen wäre.

Oskar Schindler hat etwa 1200 Menschenleben gerettet. Spielbergs Film hilft, dass die Erinnerung daran ebenfalls lebt.

Bild © Universal

Ant-Man (Peyton Reed, USA 2015)

Posted by – 20. Juli 2015

Superhelden-Filme aus dem Hause Disney/Marvel – so mein Eindruck – stagnieren gerade auf hohem Niveau. Mittlerweile finde ich es gar nicht mehr so leicht, dazu überhaupt noch etwas Interessantes zu schreiben, so gleichgeschaltet kommen mir die Filme gerade vor. „Avengers: Age Of Ultron“ habe ich aus diesem Grund schon gar nicht mehr mit einem Text gewürdigt. „Ant-Man“ heißt nun der jüngste (Fließband-)Produkt aus der Marvel-Film-Schmiede, das – überraschender Weise – im engen Rahmen seiner Möglichkeiten sogar mal wieder für etwas Abwechslung sorgt. Argumente für den Film ist neben dem sympathischen Humor vor sein visueller Einfallsreichtum. Wenn man sich jetzt noch dazu entschließen könnte, mal keine 08/15-Geschichte zu erzählen und sich daran erinnern würde, dass vor allem spannende Konflikte und mehrdimensionale Figuren Filme interessant machen, dann würde ich mich vielleicht bald wieder zu den Marvel-Fanboys zählen. Für Kino-Zeit.de habe ich etwas zu „Ant-Man“ geschrieben.

Es wird eng (12)

Posted by – 20. Juli 2015

Streng genommen ist diesmal nicht fehlender Platz der Grund für diesen Post (ich habe ein neues Regal und daher mehr Platz für Filme), aber aus alter Gewohnheit belasse ich es mal bei dem bekannten Titel. Und auch sonst bleibt alles beim Alten: Ich möchte DVDs loswerden, ihr könnt sie haben. Dazu schreibt ihr mir einfach in einem Kommentar, warum die gewünschten Filme (bis zu drei) bei euch besonders gut aufgehoben wären. Wenn sich mehrere Menschen den gleichen Film wünschen, entscheidet der überzeugendere Kommentar.

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P.S. Bei DVDs handelt es sich um eine aussterbende Spezies, und dies ist wahrscheinlich die letzte oder vorletzte derartige Aktion. Das mag für den einen oder anderen Grund sein, hier noch einmal zuzuschlagen. Denn wer weiß – in ein paar hundert Jahren sind die Dinger vielleicht richtig was wert.

Trespass (Walter Hill, USA 1992)

Posted by – 19. Juli 2015

TrespassDen beiden Feuerwehrmännern Vince Gillian (Bill Paxton) und Don Perry (William Sadler) fällt eine Schatzkarte in die Hände. In einem verlassenen Gebäude soll die Beute eines Kirchenraubs versteckt sein. Gold! So viel Gold! Hoffnungsfroh machen sich die beiden Männer auf die Suche, nicht ahnend, dass das Gebäude zur gleichen Zeit auch von King James (Ice-T) und seiner Gang zwecks Hinrichtung eines Rivalen besetzt wird. Und Zeugen können die Gangster natürlich nicht gebrauchen.

Ich kenne bisher nur wenige Filme von Walter Hill, und „Trespass“ legt den Schluss nahe, dass das ein großer Fehler ist. Zwar wird der Gesamteindruck ein wenig durch das linkische Schauspiel des Duos Ice-T & Ice-Cube geschmälert, aber ansonsten ist dies ein Film nach einem Drehbuch von Bob Gale und Robert Zemeckis ganz nach meinem Geschmack: hard-boiled, direkt, voller Action und trotzdem mit dem gewissen Subtext, der die Abenteuerfilme der letzten Dekaden kurzerhand auf die Müllhalde der Vergangenheit verweist. Glorreiche Abenteuer, edle Helden und echte Freundschaft, ja schöne Geschichten über Menschen, die etwas Tolles erleben – so die Aussage des Films – gibt es heute nicht mehr. Aber warum? Weil der Mensch gierig ist und das macht ihn hässlich. Goodbye Abenteuerfilm, Tschüss Buddymovie, Hallo „Trespass“!

Und weil ich eigentlich gar nicht mehr zu sagen habe, als dass ich den Film großartig finde, ende ich mit diesem von Wikiquote geklauten, aber sehr treffenden Sinnspruch: „Wohl dem Menschen, der Weisheit findet, und dem Menschen, der Verstand bekommt! Denn es ist besser, sie zu erwerben, als Silber; denn ihr Ertrag ist besser als Gold. Sie ist edler denn Perlen; und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen.“

Amen.

Bild © Koch Media