Daisies (Věra Chytilová, CSSR 1966)

Posted by – 24. November 2014

TausendschönchenVon zu viel Kunst bekomme ich schlechte Laune. Und den Begriff „experimentell“ übersetze ich mir fast automatisch mit „angestrengt künstlerisch“. Das macht es mir schwer, Filme wie „Daisies“ – besser bekannt unter dem deutschen Titel „Tausendschönchen“ (OT: Sedmikrásky) und Hauptwerk der Tschechischen Neuen Welle, zu der auch „Valerie And Her Week Of Wonders“ gehört – richtig zu mögen. Auch „Daisys“ gilt als Kunst- bzw. Experimentalfilm.

Es geht um die Mädchen Marie 1 (Jitka Cerhová) und Marie 2 (Ivana Karbanová), die beschließen, weil die Welt verdorben ist, selbst verdorben zu sein. Das bedeutet für die beiden vor allem, ältere Herren auszunehmen und sich bei jeder Gelegenheit ordentlich die Wampe vollzuschlagen. Ihre Odyssee beginnt im Garten Eden, wo sie vom Baum der Erkenntnis naschen – zu mehr Schamgefühl trägt das allerdings nicht bei – und endet an einer festlich gedeckten Tafel. Auch hier wird noch einmal ordentlich zugelangt.

Ich gebe zu: Ich hatte große Startschwierigkeiten. „Daisies“ kommt mir von Anfang an reichlich überladen vor. Der Zuschauer bekommt ein mehr oder weniger form- und farbschönes Rauschen präsentiert, bedeutungsschwanger aber gleichzeitig so offen, dass alles, was man dazu sagt, irgendwie passt. Oder eben nicht. Denn „alles“ ist ja auch nur ein Synonym für „nichts“. Ein wenig hat sich meine Laune im Verlauf gebessert, aber richtig warm geworden bin ich mit diesem wahrscheinlich wichtigen und auf jeden Fall besonderen Film aber nie. Wenn man so umher liest, scheinen viele Autoren zu glauben, dem Film am ehesten dadurch Herr zu werden, indem darauf verwiesen wird, dass er sich jeder Beschreibung entziehe, und tatsächlich weiß ich auch nicht recht, von welcher Seite ich mich ihm nähern soll. Mich hat der Film ein bisschen an „Don’t Deliver Us From Devil“ oder sogar auch „The Nine Lives of Tomas Katz“ erinnert. Was sind die beiden? Sind sie defekte Automaten oder Unheilsboten, die vom nahen Ende künden? Oder verlorene Geschöpfe, die an der Sinnlosigkeit des Lebens zugrunde gehen? Oder Prototypen Frau, die sich das zurückholen, was ihnen von der Männerwelt gestohlen wurde. Insofern: Auch irgendwas mit Feminismus, definitiv. Oder auch nicht.

Jedenfalls tickt die Uhr, ganz buchstäblich, das Glück der Völlerei kann nicht ewig dauern, und zum Schluss wird noch einmal ordentlich bereut: „Wir werden brav sein, ganz brav, und fleißig…“ versichern die beiden im Finale, in dem ich den Film dann mal für einige Momente ganz großartig fand. Diese repetitive, äußerst hypnotische Litanei aus Entschuldigungen geht mir seitdem nicht aus dem Kopf. Und spätestens ab hier (eigentlich schon im Vorspann, da sieht man ein Räderwerk und es explodieren Bomben) geht es in dem Film auch um Politik: Das Bankett, über die sich die beiden Fressmaschinen hermachen, gehört ja möglicherweise der Kommunistischen Partei. Nicht nur die eigene Freiheit endet dort wo die Freiheit des anderen (der herrschenden Klasse) beginnt – auch die Verdorbenheit der beiden Frauen findet ihre Grenze dort, wo sie der Verdorbenheit der Bosse in die Quere kommt. Du kannst fressen soviel du willst – solange du nicht den Falschen die Torte von der Tafel mopst.

„Dieser Film ist all jeden gewidmet, deren einziger Anlass zur Empörung, ein Haar in der Suppe ist“, heißt es am Ende. Ein bisschen fühle ich mich ertappt, weil ich gerade so rumnöle. Aber wahrscheinlich richtet sich der Satz doch eher an die politische Führung der Tschechoslowakei des Jahres 1966. Kein Wunder, dass „Daisies“ gleich nach Erscheinen verboten wurde und Věra Chytilová Berufsverbot erhielt. Da der Film jedenfalls auch in seiner experimentellen Form umgehend als nicht-systemkonform erkannt wurde, hätte Chytilová vielleicht einfach ganz direkt Kritik üben können. So ganz unverblümt hätte er mir, dessen Organ zum Genuss von Kunst wie gesagt etwas unterentwickelt scheint, vielleicht noch besser gefallen. Andererseits: Was bleibt eigentlich noch von einem Gänseblümchen, wenn man ihm die Blütenblätter ausreißt?

Bild © Bildstörung / Alive 
 

Requiem For A Vampire (Jean Rollin, Frankreich 1971)

Posted by – 23. November 2014

Requiem For A VampireWahrscheinlich habe ich gar nicht das Recht, meine Meinung kund zu tun, schließlich habe ich den Film in schlechter Qualität im Originalton auf Youtube gesehen. Da ich des Französischen auch nach 5 Jahren Schulfranzösisch nicht mächtig bin, mögen mir einige inhaltliche Aspekte entgangen sein. Soviel habe ich verstanden bzw. mir zusammengereimt: Marie (Marie-Pierre Castel) und Michelle (Mireille Dargent) gelangen auf der Flucht nach einem Überfall zunächst auf einen Friedhof und dann zu einem Schloss. Entgegen dem ersten Anschein ist dieses allerdings nicht verlassen, sondern wird von einigen Vampiren und ihren menschlichen Helfern bewohnt. Die beiden Frauen sind dazu auserkoren, die Nachfolge der aussterbenden Rasse anzutreten.

Worum es genau geht ist aber wie so oft bei Rollin eh nicht so wichtig. Auch „Requiem For A Vampire“ (OT: Requiem pour un vampire bzw. Vierges et Vampires) lebt von seiner traumwandlerischen Atmosphäre und dieser typischen Rollin-Stimmung. Wenn man ein paar Filme des Mannes gesehen hat, fühlt man sich immer vertrauter mit seiner Symbolik und wiederkehrenden Mustern – ohne dass sich diese einem freilich komplett erschließen. Trotzdem, auch wenn Rollins Filme keine Rätsel sind, die man vollständig entschlüsseln könnte, so fühle ich mich bei meiner nunmehr vierten Begegnung mit diesem besonderen Regisseur auf seltsame Weise zu Hause in seinen malerischen Tableaus und Bilderwelten.

Was mir an „Requiem For A Vampire“ am besten gefallen hat, ist die Zeit, die sich Rollin für seine Geschichte nimmt. Wer einen Abgesang auf den Vampir dreht, der darf es nicht eilig haben. Bis die beiden freizügigen Freundinnen im Schloss ankommen, vergeht schon eine von seltsamer Stummfilmmusik umspielte Weile; bis dahin müssen sie sich erst einmal ihrer Clownskostüme entledigen, einen Kioskbesitzer verführen und ausrauben; und auf dem Friedhof, auf den es sie vor ihrer Ankunft im Schloss noch verschlägt, wird eine der beiden Frauen sogar lebendig begraben. Dort angekommen, fließt die Zeit wie ein Rinnsal Nektar durch Rollins Traumlandschaft. Wobei – das klingt jetzt süßer, als es gemeint ist. Denn der Film-Titel kommt nicht von ungefähr. „Requiem For A Vampire“ ist tatsächlich ein melancholisches „Adieu“ auf die Gattung der Blutsauger. Das Vampirdasein hat seinen Reiz verloren, die schief angeklebten Zähne, das karge, lediglich mit einigen billigen Requisiten bestückte Schloss, die tumben Gefolgsleute, die wahrscheinlich nur folgen, weil ihnen ab und an eine blanke Brust in die Hände hüpft – wer will da schon Vampir sein? Eben.

So ganz hat es „Requiem For A Vampire“ nicht geschafft, sich an die Spitze der mir bisher bekannten Rollin-Filme zu setzen – da thront immer noch unangefochten „The Night Of Hunted“ –, aber ich gebe zu, er hatte es auch schwer. Rollins Filme sind nicht dafür gemacht, sie auf einem kleinen Computerbildschirm zu sehen. Sie gehören ins Kino. Trotzdem hat mir auch diese Begegnung Lust gemacht, die Entdeckungsreise im Werk dieses wunderbaren Regisseurs fortzusetzen.

Bild © Redemption
 

The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 (Francis Lawrence, USA 2014)

Posted by – 19. November 2014

Wie man hier und hier nachlesen kann, gefallen mir die ersten beiden Teile der „The Hunger Games“-Filme richtig gut. Nach Teil 3 bin ich sogar soweit zu sagen: Hier kommt etwas ganz Großes auf uns zu, etwas, das vielleicht irgendwann in einer Reihe mit Jahrhundert-Trilogien wie „Star Wars“, „The Godfather“, „Spider-Man“ oder „Lord Of The Rings“ genannt werden wird. Das klingt übertrieben? Lasst uns in 10 oder 20 Jahren noch einmal darüber sprechen! „The Hunger Games: Mockingjay – Part 1“ ist eine überragende, in fast allen Belangen konsequente Fortsetzung, die ihre Kraft in der Tradition von Werken wie Orwells „1984“ ganz aus ihrer dystopische Substanz und der damit verbundenen Tragik der persönlichen Schicksale schöpft. Weitere Gründe, warum mir der Film so gut gefallen hat, wie auch einen Kritikpunkt, verrate ich auf Kino-Zeit.

Es wird eng (10)

Posted by – 15. November 2014

Wiedermal wird aussortiert. Falls Du einem, zwei oder sogar drei dieser Filmen ein neues Zuhause bieten willst, bitte ich um eine kurze Antwort unter diesen Post. (Wünschen sich mehrere Leute den gleichen Film, entscheidet der schönere Kommentar!)

es wird eng

True Detective – Season 1 (Cary Fukunaga, USA 2014)

Posted by – 15. November 2014

True DetectiveIn Louisiana wird 1995 eine Frauenleiche entdeckt. Die beiden Ermittler Rustin „Rust“ Cohle (Matthew McConaugheyn) und Detective Martin Hart (Woody Harrelson ) werden mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Die Partner wider Willen könnten unterschiedlicher nicht sein: Hart ist Pragmatiker, Christ und notorischer Fremdgänger. Cohle ein grüblerischer Misantroph mit dunkler Vergangenheit. Während Hart den Fall möglichst schnell zu den Akten legen will, vermutet Cohle einen Serienmörder hinter der Tat. 17 Jahre später werden Cohle und Hart getrennt voneinander zu dem Fall befragt, nach und nach enthüllt sich, was damals wirklich geschehen ist. Es wird klar: Der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Welt der Serien wirklich im Blick hätte. Aber auch mir fällt auf, dass die Anzahl der hervorragend produzierten Serien hat in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Für gewöhnlich interessieren mich diesen potenziell unendlich weitererzählbaren Fortsetzungsgeschichten, die sich meinem Vorurteil nach viel zu sehr am Geschmack des Zuschauers ausrichten, nicht besonders. Mit „True Detective“ verhält es sich aber anders: Das Konzept von der Serie sieht für jede Staffel eine in sich abgeschlossene Handlung mit neuem Schauspielerensemble vor. Staffel eins, geschrieben von Nic Pizzolatto und durchweg inszeniert von Cary Fukunaga, hat es nicht eilig, den Zuschauer das ganze Ausmaß ihrer Geschichte zu offenbaren. Und auch sonst unterscheidet sich „True Detective“ von anderen Serien. So sucht man die Mikrodramaturgie einer herkömmlichen Serien-Episode vergebens. Das Ganze ist eher wie ein 8-stündiger Film, ganz aus einem Guss, eine düstere Meditation über das Leben und Menschen, die versuchen, die große Leere mit Sinn zu füllen. Die Grenze zwischen gut und Böse ist fließend, wann Gewalt gerechtfertigt ist, ist relativ. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen dem, was menschlich und dem, was einfach nicht mehr okay ist. Hart und Cohle wissen nicht immer was richtig ist, doch sie eint der Glaube an das Verbrechen, das sie gemeinsam untersuchen. Das Ganze ist manchmal eher philosophische Reflexionen als Krimi, und folgerichtig stehen am Ende mehr Fragen als Antworten.

Ein bisschen Kritik muss aber auch noch sein: Zum einen bin das Gefühl nicht loswerden, die Geschichte wäre etwas künstlich in die Länge gezogen worden. Hätte man aus dem Stoff, der manchmal reichlich bedeutungsschwanger daher kommt, nicht auch einen knackigen, 2-stündigen Film machen können? Denn viel passiert ja eigentlich nicht, in den 8 Episoden. Sicherlich, viele Details sind wichtig für die Atmosphäre und machen das Verhältnis zwischen den Protagonisten plastischer. Aber ich habe wieder einmal festgestellt, dass ich die Kunst des Scharfschützen desjenigen vorziehe, der einfach ein paar Ladungen Schrot in den Wind ballert. Zum anderen bin ich mit den beiden Protagonisten bin ich nicht ganz warm geworden. Schon klar, dass so ein Hard-Boild-Krimi markige Figuren braucht und Matthew McConaugheyn und Woody Harrelson machen ihre Sachen ohne Frage ganz hervorragend. Aber mussten die Charaktere wirklich so Machoheinis und alle Frauen entweder Opfer von Männergewalt, frustrierte Ehefrauen (Michelle Monaghan) oder leichte Mädchen sein, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als mit Martin Hart das Kopfkissen zu teilen? Innerhalb der düsteren, manchmal fast schon nihilistisch wirkenden Ausrichtung er Serie scheint diese Figurenkonstellation ja durchaus sinnvoll, leider bin ich bis zum Schluss das Gefühl nicht losgeworden, dass Fukunaga und Pizzolatto ihre beiden Detectives tatsächlich für die einzig wahren halten und diesen angestaubten Heldentyp ein bisschen zu unreflektiert abfeiern.

Eine zweite Staffel steht schon in den Startlöchern. Ich hoffe, dass da ein paar noch nicht ganz perfekt angezogenen Schrauben nachjustiert werden.

Bild © Warner Home Video
 

Tracks (John Curran, Australien 2014)

Posted by – 15. November 2014

Spuren BluRayDie Welt war, ist und wird wohl auch immer voll von Menschen sein, die unzufrieden sind mit ihrem Leben, die das Bedürfnis haben „auszusteigen“ und „sich selbst zu finden“. Doch nur Wenige wagen den (temporären) Schritt heraus aus der Gesellschaft und nur eine Handvoll ist dabei so zielstrebig wie die 1950 in Queensland geborene und in Brisbane aufgewachsene Australierin Robyn Davidson, die ihren Selbstfindungs-Trip quer durch die Wüste von langer Hand plante und sich durch nichts von ihrem Vorhaben abbringen ließ. Zusammen mit ihrem Hund Diggity und einer Handvoll Kamele macht sie die 2700 Kilometer lange Strecke Reise bis an die Westküste. Für das Geld für die benötigte Ausrüstung lässt sie sich von dem von dem „National Geographic“-Fotografen Rick Smolan helfen, der sie als Gegenleistung während der Reise fotografieren darf. Außerdem verpflichtet sich Davidson im Anschluss ihrer Reise einen Artikel für National Geographic zu verfassen – die Grundlage ihres späteren Beststellers „Spuren“, der auch Grundlage für diesen Film war.

„Tracks“ ist in gewisser Hinsicht so etwas wie die helle, freundliche Version von Sean Penns „Into The Wild“. Das ist allerdings nicht rein positiv zu werten. Schon Penn hatte anscheinend nicht hundertprozentiges Vertrauen in seine Bilder, und den Film zu dessen Nachteil beinahe schon in Musik ertränkt. Ganz so schlimm ist es bei Curran nicht, aber so richtig bewusst, welches Pfund er mit der Geschichte von Davidson eigentlich in der Hand hält, scheint auch ihm nicht gewesen zu sein: Brav chronologisch erzählt er seine Story runter, hakt die Plotpoints ab, pingelig darauf bedacht, dass auch ja nicht zu viel Leerlauf entsteht – ständig passiert irgendwas!, und wenn es ihm dann doch zu viel Wüste in seinem ganz und gar nicht wüsten Film wird, darf natürlich stimmungsvolle Musik nicht fehlen. Ja, mit Curran und seinem Film verhält es sich ein wenig wie mit Robyn und dem Reporter Smolan (im Film gespielt von Adam Driver), der ihren Trip zwar erst möglich gemacht hat, dessen ständige Einmischung ihr aber auch die Ruhe stiehlt und sie immer wieder daran hindert, ihre Reise so zu erleben, wie sie es sich gewünscht hat.

Dass ich „Tracks“ trotzdem mag, liegt maßgeblich an Mia Wasikowska. Sie schenkt nicht nur der Figur der Robyn Davidson, sondern dem ganzen Film seine Kraft. Diese Kraft liegt in Ruhe der Darstellerin, nicht in der Ruhe des Films, die Curran sich und dem Zuschauer viel zu selten gestattet. Und es liegt auch an ihr, dass „Tracks“ mehr ist, als ein gefälliges Biopic über einen Selbstfindungstrip. Dank Wasikowska und ihrem subtilen Spiel weiß man, dass das doch nicht ganz so einfach mit der Selbstfindung. Schließlich findet sie am Ende ihres Trips auch nicht sich selbst, sondern nur den Ozean. Von dem sie ja schon die ganze Zeit wusste, wo er ist.

 Bild © Ascot Elite
 

Horrors of the Black Museum (Arthur Crabtree, Großbritannien 1959)

Posted by – 12. November 2014

Horrors Of The Black Museum#horrorctober 13, Nachtrag

So ein schöner Titel und dann so ein zerfahrener Film, der irgendwie nicht auf den Punkt kommt, oder keinen hat. Vielleicht war ich zu müde, vielleicht von den zwölf vorausgehenden, teilweise recht expliziten Filmen etwas übersättigt, jedenfalls konnte mich dieser Nachzügler meines #horrorctober nicht so recht überzeugen. Es geht um eine Mordserie erschüttert London, die London in Angst und Schrecken versetzt. Inspektor Graham (Geoffrey Keen) und das Scotland Yard sind ratlos. Auch als sich der vermeintliche Täter stellt, gehen die Morde weiter. Der Psychiater Dr. Ballan (Gerald Anderson) ist der erste mit einem handfesten Verdacht: Steckt vielleicht der von Morden faszinierte Schriftsteller und Journalist Edmund Bancroft (Michael Gough) – sein Patient! – dahinter?

Während Scotland Yard noch rätselt, weiß der Zuschauer längst Bescheid. Wohin der Hase ist nach wenigen Minuten klar, der Rest ist Warten, dass mal wieder ein Mord geschieht oder wenigstens handlungsmäßig irgendwas Überraschendes geschieht. Tut es – von dem kingkongesken Finale einmal angesehen – leider nicht. Mit Ausnahme von Bancroft, bleiben alle anderen Figuren blass. Selbst dessen Gehilfe Rick (Graham Curnow), zu dem er ein sehr besonderes Verhältnis hat, die im Verlauf des Films noch sehr wichtig wird, bleibt skizzenhaft.

Der Film hätte selber ein wenig mehr sein müssen, wie ein Museum, das zweifellos dann die größte Anziehungskraft hat, wenn es seltene Exponate in ihm zu sehen bzw. es schlicht überhaupt etwas zu entdecken gibt. Davon ist in Crabtrees Film aber zu wenig zu sehen. Man mag ihm zu Gute halten, dass er für vieles, beispielsweise den italienischen Giallo ein Vorläufer gewesen sein mag, aber um zu goutieren, wer vielleicht von wem irgendwie, irgendwann inspiriert wurde, kenne ich mich in den Jahrzehnten zu wenig aus. Ich weiß nur: Robert Fuest hat das gut zehn Jahre später in „The Abominable Dr. Phibes“ wesentlich besser hinbekommen. Sein von dem grandiosen Vincent Price gespielter Antagonist hat sich wirklich ein paar schräge Sachen einfallen lassen, um die nach seiner Sicht Schuldigen um die Ecke zu bringen. Bei Crabtree muss man sich mit einem manipulierten Fernglas, einem Elektrodings sowie ordinären Dolch und Zange zufrieden geben. Außerdem hatte Phibes für einen Psychopathen ein recht anständiges Motiv, dass ihn nicht nur zu einer gruseligen, sondern auch zu einer tragischen Figur gemacht hat. Der Schurke in „Horrors of the Black Museum“ hat nichts davon, sein diffuser Hass auf Frauen macht ihn genauso wenig plastisch wie sein behauptetes Interesse für Morde, dass leider nicht einmal im Gebrauch der sicherlich zahlreichen Mordwerkzeugen seines schwarzen Museums zum Ausdruck kommt.

Als Fazit sage ich mal „ganz nett“, aber was heißt das schon für einen Film, der gruselig sein will?

Bild ©  Network
 

Interstellar (Christopher Nolan, USA 2014)

Posted by – 5. November 2014

interstellarDie globale Nahrungsknappheit hat die Erdbevölkerung an den Rand des Abgrunds gebracht. Diese hat sich infolgedessen von der Wissenschaft abgewandt und steckt ihre ganze Energie in die Landwirtschaft. Der Ingenieur und ehemalige NASA-Pilot Cooper (Matthew McConaughey), Vater von Tochter Murph (Mackenzie Foy) und Sohn Tom (Timothée Chalamet), gehört zu den wenigen, die dies für den falschen Weg halten, seiner Meinung nach kann nur die Wissenschaft die Menschheit retten. Wie durch ein Wunder erhält er dazu die Chance: Mysteriöse Hinweise führen ihn und Murph zu einem geheimen Labor der US-Regierung, wo unter der Leitung von Professor Brand (Michael Caine) fieberhaft an der Rettung der Menschheit gearbeitet wird. Cooper erhält die Chance, seinen Beitrag zu leisten – allerdings muss er dafür seiner Kinder zurücklassen…

Wenn man etwas über aktuelle Filme sagt, muss man natürlich oberhöllisch aufpassen, nicht zu spoilern (d.h. anderen den Film zu verderben, indem man darüber spricht). Das gilt natürlich besonders für Filme von Geheimniskrämer Christopher Nolan, die ja immer atemraubende Überraschung bereithalten. Insofern verrate ich der Inhaltsangabe nicht einmal, warum der Film eigentlich „Interstellar“ heißt und beiße mir heftig auf die Zunge, ehe ich mich darüber auslasse, dass Nolan hier eigentlich ein altbekanntes Sci-Fi-Topos aufgreift, das niemanden, der mehr als einen ersten Kontakt mit der Materie hatte, besonders erstaunen dürfte. Die schönen Kritiken gibt’s also anderswo (z.B. hier und hier und hier und hier). Was gibt es sonst zu sagen?

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben, Nolans neuestes Werk als meisterwarteten Film des Jahres zu bezeichnen. Zumindest kam es nach den geheimnisvollen Trailern, den ehrfürchtigen Ankündigungen und den kindlich-nervösen Diskussionen im Netz so vor. Ich glaube der Hype tut „Interstellar“ nicht gut, und das in doppelter Hinsicht: Zum einen wird eine übertriebene Erwartungshaltung („Was hat der Nolan diesmal wieder Großes vollbracht?“) früher oder später dazu führen, dass die Zuschauer enttäuscht sein werden. Zum anderen scheint Nolan – möglicherweise hervorgerufenen durch die Erwartungen des Publikums? – selbst mehr und mehr dem (Irr-)Glauben zu verfallen, er müsste etwas nie Dagewesenes liefern. Im schlimmsten Fall kommen beide Probleme zusammen: Der ständige Druck zum Meisterwerk führt zum Kollaps der Wundermaschine, während Nolan sich selber weiter als Innovator wähnt und das in seinen Filmen unglücklicherweise etwas zu sehr raushängen lässt. Das kann schnell peinlich werden. (Nicht, dass Nolan noch irgendwann das Schicksal eines M. Night Shaymalan erleidet!) Schon „Inception“, „The Dark Knight Rises“ und „Interstellar“ geben – alle auf ihre Weise – einen Vorgeschmack darauf, was sein könnte, wenn’s schlecht kommt. Doch noch ist es zum Glück nicht so weit. Denn „Interstellar“ ist gut, sehr gut sogar.

Auch wenn er nicht frei davon ist, sich etwas zu (und den Zuschauer etwas zu wenig) ernst zu nehmen. Der Eindruck des Wichtigtuerischen liegt weniger an Nolans Themen – Identität, Wahrheit, Erinnerung, Ordnung, Chaos sind natürlich allesamt wirklich bedeutend! – es geht um den Impetus, mit dem Nolan eine Stoffe vorstellt. Sätze wie „Love is the one thing that transcends time and space“ sagen sich eben nicht so leicht ohne große Geste. Zum Glück bietet der in diesem Fall gelegentlich aufflackernde Humor einen angenehmen Kontrapunkt zum Ernst der Lage, denn der Film bietet einen reichhaltigen Zitatfundus aus Jahrzehnten Sci-Fi-Geschichte: „2001“, „Star Wars“ „The Black Hole“,„Sunshine“ oder aktuelle „Gravity“ sind nur einige der offensichtlichen Bezugspunkte, Referenzen die mitunter ganz putzig sind. Außerdem ist „Interstellar“ abgesehen von einigen hochtrabenden Dialogen und dem zunehmend aufdringlicher werdenden Hans-Zimmer-Score und trotz der galaktischen Fragen, die ihn umtreiben, glücklicherweise erstaunlich bodenständig in Inhalt und Ausführung. Im Zentrum der Geschichte steht weniger die Technik als das, was Menschen verbindet und antreibt. Das ist mitreißend erzählt, emotional herausfordernd und bildgewaltig in Szene gesetzt. Vielleicht sind es diese Superlativen, die mir etwas die Lust rauben, mich mit den Feinheiten zu beschäftigen und die es erschweren, „Interstellar“ richtig gerne zu haben.

Bild © Warner Bros. GmbH
 

Drag Me To Hell (Sam Raimi, USA 2009)

Posted by – 31. Oktober 2014

#horrorctober 12

„Mit Flüchen ist nicht zu spaßen“ habe ich 2009 meine Filmstarts-Rezension zu Sam Raimis „Drag Me To Hell“ begonnen. Diesen und auch ein paar Sätze aus dem Text würde ich heute noch so (unter)schreiben. Insofern fasse ich mich kurz: Dass verflucht werden eine ersten Sache ist, bekommmt jedenfalls die Bankangestellte Christine (Alison Lohman) zu spüren, die einer Zigeunerin den Kredit verweigert und darauf hin einen fetten fluch an den Hals gehext bekommt. Es folgt: Geisterbahn-Kino à la Rami. „Drag Me To Hell“ ist seine Lockerungsübung zwischen den Blockbustern „Spider-Man 3“ und „Oz: The Great And Powerful“ und gleichzeitig die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Interessant ist der Film nicht nur, weil er einen verspielten Umgang mit den Genrekonventionen pflegt, sondern auch die moralischen Standards des Horrorkinos augenzwinkernd unterläuft. Eine Art „Tanz der Teufel“ light, nicht ganz so böse, etwas weniger einfallsreich mit einigen unfreiwillig schaurigen CGI-Effekten, aber alles in allem immer noch sehr feucht fröhlich und einfach unterhaltsam. Und deutlich anders, als das Horror-Fastfood, das man sonst so serviert bekommt.

P.S. Obwohl ich mit dem #horrorctober schon etwas regelbeugend im September angefangen habe, habe ich es diesmal wieder nicht ganz geschafft. Heute, Freitag, den 31.10. um Punkt 23: 55 war der zwölfte Film vorüber, für den letzten ist keine Zeit mehr. Vielleicht lastet auf mir auch eine Art Fluch? Ich werde das nächstes Jahr mal genauer beobachten.

Halloween H20: 20 Years Later (Steve Miner, USA 1998) 

Posted by – 29. Oktober 2014

Halloween H20#horrorctober 11

Weil ich schon bei „Halloween II“ eine Ahnung davon bekommen habe, wie sehr es mich stört, wenn sich Fortsetzungen wenig bis gar nicht um den „Geist“ des Originals scheren, und weil ich neugierig darauf war, „Halloween H20“ noch einmal in dem Wissen zu sehen (das letzte Mal war im Jahr des Kinostarts), dass Steve Miner auf dem Regiestuhl sitzt, habe ich umdisponiert und schaue mir zum Schluss meiner kleinen #horrorctober-Retro lediglich noch diesen „Halloween“-Teil an. War bereits die erste Fortsetzung überflüssig, so darf dieser Film immerhin wohlwollend als Folgefehler durchgehen.

Miners Film lässt die letzten Teile außer Acht und schließt inhaltlich an „Halloween II“ an. Zwanzig Jahre später lebt Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) unter dem Namen Keri Tate in Kalifornien. Als Direktorin der Elite-Schule „Hillcrest“ hat sie Verantwortung für viele Schüler, darunter ist auch ihr Sohn John (Josh Hartnett). Dem geht das überfürsorgliche Verhalten seiner Mutter extrem auf die Nerven. Deswegen kümmert er sich auch nicht weiter um ihre Warnungen, Michael Myers könne noch irgendwo da draußen sein, und stiehlt sich zusammen mit ein paar Freunden von einer Klassenfahrt davon, um im Keller des Internats eine wilde Party zu feiern. Hätte er auf seine Mutti gehört…

… wäre der Film auch nicht anders gelaufen. Michael, der Lauries Tarnidentität mittlerweile aufgedeckt hat, dringt in das gut gesicherte Internatsgelände ein und metzelt sich durch die Belegschaft. Dass nun ein paar Schüler mit John eine Party feiern, spielt für das Grundgerüst der Story keine Rolle. Und das ist wahrscheinlich auch schon der Hauptaspekt, der mich an „Halloween H20“ stört: Das meiste, was passiert, ist einfach ganz schrecklich egal. Miner hat Jason immerhin seine Maske geschenkt und damit die „Friday“-Reihe zu dem gemacht, was sie ist. Ein vergleichbarer Coup gelingt ihm bei „Halloween“ nicht. Für diesen Jubiläums-Film, der nach ursprünglicher Planung das endgültige Ende der Reihe markieren sollte, ist das Drehbuch von Robert Zappia, Matt Greenberg und Kevin Williamson echt schludrig – respektive: vieles macht einfach keinen Sinn. Das fängt mit diesem seltsamen Konstrukt des Internats an, reicht über die völlig unplausible Handlung (warum muss John seine Mutter erst überreden, mit am Schulausflug teilnehmen zu dürfen, nur um dann „heimlich“ doch zu Hause zu bleiben?) und schlecht geschriebene Charakter, wie z.B. Laurie Strode, die mittlerweile schwere Alkoholikerin ist, was für den Verlauf der Geschichte aber rein gar keine Rolle spielt.) Da helfen weder alte Stars wie Jamie Lee Curtis, die sich noch einmal erbarmt hat in ihre Rolle zu schlüpfen, noch die kommenden (Michelle Williams, Joseph Gordon-Levitt), noch die Handvoll Gänsehautmomente nicht weiter. Z.B. als Laurie – die Michael zuvor schon einige Male imaginiert hat – den Killer mit der weißen Maske dann wirklich sieht. Oder das Finale, in dem Laurie gegen ihren Nemesis antritt und ein für alle Mal (schön wär’s) einen Schlussstrich unter das Kapitel Halloween zieht. Solche Momente sind in Ordnung, vieles ist nicht wirklich schlecht – aber nichts ist eben richtig gut. Außerdem frage ich mich, was das Ende, wenn der eingeklemmte Michael seiner Schwester die Hand entgegenstreckt, bedeuten soll. Dass das Böse doch auch nur geliebt werden will? Wenn sich hier wirklich eine Idee versteckt, dann hätte sie besser ausgearbeitet gehört. Bei John Carpenter ist die künstlerische Vision bei der Umsetzung des Stoffs klar erkennbar. Das absolut Böse ist bei ihm eine unerklärbare, leere Größe. Miner nutzt die„Halloween“-typischen Gadgets, die weiße Maske, den Carpenter-Score, doch als hätten er und seine Autoren das Thema des Originals wirklich verstanden, kommt es mir nicht vor.

Mir hat der Film vor allem noch einmal klar gemacht, was ich am ersten sowieso, aber vor allem auch am unterschätzen zweiten Teil der Reihe eigentlich hatte. Ich überlege seit zwei Tagen, ob man „Halloween H20“ als einen würdigen Ausklang der Reihe betrachten kann, aber dazu kann ich mich leider nicht entschließen. Das beste, was ich gerade noch über diesen siebten Teil sagen kann: es hätte schlimmer kommen können.

 Bild © Lions Gate