Memento (Christopher Nolan, USA 2000)

Posted by – 9. Januar 2017

Elementarer als der Wunsch nach Vergeltung ist vielleicht nur die Liebe. Aber um die soll es hier nicht gehen. Sondern um Rache. Nur ganz selten ist das Thema so umfassend, tiefsinnig und clever behandelt worden, wie in Christopher Nolans „Memento“. Schon die Bibel beginnt mit einem Akt des Ungehorsams und der göttlichen Vergeltung. Die Vertreibung aus dem Paradies ist damit gleich auch der erste pädagogische Akt der Geschichte in dem die Zöglinge Rache mit dem ersten Schluck Apfelsaft eingeimpft bekommen. Sich an anderen zu rächen scheint von da an tief in unserem Wesen verwurzelt; kein Wunder also, dass es seit Anbeginn aller Zeiten so viele Geschichten zu dem Thema zu erzählen gibt.

Im Bereich Film gehören zu den großen Werken des Genres sicherlich „Once Upon A Time In The West“ (OT: C’era una volta il West) von Sergio Leone aus dem Jahre 1968. Ein Meisterwerk, ohne Frage und trotz seines unerfreulichen Racheplots ein seltsam positiver Film, zeigt er doch, dass der Wunsch, etwas zu erschaffen, den nach Rache sogar noch überdauert. Ganz anders ist da der mehrfach verfilmte Roman „Moby Dick“ Herman Melville (ich liebe die John-Huston-Version aus dem Jahre 1958!) bei dem die typisch menschliche Eigenschaft der Rachsucht bzw. seine Unfähigkeit zu vergeben, thematisiert wird. Er zeigt eindrucksvoll, dass Rache nichts Individuelles ist, sondern stets in ein System eingebunden ist, welches in letzter Konsequenz mit in den Untiefen des Hasses versinkt. Auch aktuell gibt es immer wieder starke Filme zu dem Thema. Exemplarisch nenne ich hier „Irreversible“ von Gaspar Noé, der mich damals ziemlich durcheinander gebracht hat. Das liegt nicht nur an seinen schonungslosen Gewaltszenen, sondern auch an seiner Erzählweise: Der Film beginnt seine Rache-Geschichte am Ende und arbeitet sich schrittweise zum Anfang zurück. Hierdurch wird ein seltsamer Effekt hervorgerufen: Auch wenn die Vergewaltigung, der Auslöser aller weiteren Ereignisse ist, gesühnt wurde, empfindet der Zuschauer keine Befriedigung. Dadurch, dass das Verbrechen auf die Rache folgt, wirkt es, als wäre man in einer Gewaltspirale, einem ewigen Kreislauf gefangen.

Aber genug von anderen Filmen. Hier soll es ja um Christopher Nolans „Memento“ gehen, den ich vor ein paar Wochen mal wieder gesehen haben. Obwohl: „Irreversible“ und die anderen genannten Titel sind schon eine gute Überleitung… Für mich ist „Memento“ nämlich einerseits die Essenz all dieser Filme sowie andererseits gleichzeitig ein Kommentar auf etwas, das dem Thema Rache wesentlich ist. In Nolans Films geht es um einen Mann namens Leonard (Guy Pearce), der den Mord an seiner Frau aufklären will. Doch er leidet unter einer Störung seines Kurzzeitgedächtnisses und kann deswegen keine neuen Erinnerungen abspeichern. Aus diesem Grund ist er komplett von seinen Aufzeichnungen und Notizen abhängig . Nolan beginnt seinen Film damit, wie Leonard einen Mann erschießt. Wie es dazu kommen konnte, erfährt der Zuschauer erst im weiteren Verlauf. Wie in „Irreversible“ wird auch in „Memento“ die Geschichte rückwärts erzählt. Auch hier ist die anti-chronologische Form kein artifizieller Selbstweckt, sondern dient dem Inhalt, auch wenn sie zusätzlich noch den irritierenden Effekt hat, die Schlusspointe mit der Kraft einer Bombe zünden zu lassen.

Durch diese Erzählweise erreicht Nolan folgendes: Wie der Hauptfigur fehlt auch dem Zuschauer der Überblick, so dass die Frage, ob die Rache hier – egal welchen moralischen Maßstab man anlegt – in irgendeiner Form legitim sein könnte, von Beginn an ad absurdum geführt wird. Am Anfang steht ein geschichtsloses Ergebnis. Ohne triftige Gründe kann es schwerlich das richtige sein, zumal sich – wie im weiteren Verlauf des Films nach und nach herausgearbeitet wird – die Lösung als Folgefehler entpuppt. Doch auch der größte Fehler sieht der Wahrheit täuschend ähnlich, wenn man es nur doll genug möchte; ist er auch noch weniger schmerzlich diese, rutscht man, wie Leonard leicht, in einen niemals endenden Kreislauf, in dem Rache erst zur schmerzlindernden Medizin und schließlich zum Lebenssinn wird.

Mit biblischem Ernst erzählt Nolan seine Rache-Parabel, und ich finde, dass der Ton gut zum Thema passt. Filme wie „Once Upon A Time In The West“, „Moby Dick“ oder eben auch „Memento“ sind existenzialistische und damit quasi religiöse Filme. Sie sagen etwas über unser Leben, etwas über den Sinn – darüber, was Rache für den Menschen bedeutet. Doch selten ist das Ergebnis so vielschichtig und umfassend wie in Nolans Film. Rache ist nicht mehr nur Reaktion auf ein angeblich oder tatsächlich erlittenes Unrecht, sondern (wie die Liebe) etwas urwüchsig elementares, von dem die gesamte Menschheitsgeschichte durchzogen ist, wie der Waldboden von einem Pilzmyzel.

Bild © EuroVideo

Passengers (Morten Tyldum, USA 2016)

Posted by – 8. Januar 2017

Stell dir vor: Du bist einer von 5.000 tiefgefroren Passagieren eines das Raumschiffs auf dem Weg zu deinen neuen Heimat. Doch etwas geht schief und du als einziger erwachst als einziger aus dem Kälteschlaf. 90 Jahre zu früh! Wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut. So ergeht es Jim Preston (Chris Pratt). Er ist Passagier auf dem Raumschiff Avalon, das sich auf dem Weg zur Kolonie Homestead II befindet. Dort wollen er und die anderen Passagiere sich ein neues Leben aufbauen. Seine Versuche die Lage zu klären oder in den abgesicherten Schiffsbereich zu gelangen, in dem die Crew schläft, scheitern. Muss er den Rest seines Lebens allein auf dem Schiff verbringen?

Besonders zu Beginn funktionierte „Passangers“ für mich auch noch sehr gut. Alles sieht sehr hübsch aus und ist kurzweilig inszeniert. Der Protagonist erwacht und ist allein. Er versucht einen Ausweg aus seiner Situation zu finden – vergeblich. An Nahrung und Entertainment mangelt es ihm auf dem gut ausgestatteten Schiff nicht, doch gegen die immer mehr von ihm Besitz ergreifende Einsamkeit ist auch der höfliche Serviceroboter der Schiffsbar (Michael Sheen) nur ein unzureichender Ersatz. Dabei läge die Lösung so nahe. Ein Jahr kann er widerstehen…– doch dann entscheidet er sich, mit Aurora (Jennifer Lawrence) eine weitere Passagierin aus dem Kälteschlaf zu erwecken. Die beiden verlieben sich. Dass er sie geweckt hat, verschweigt er ihr allerdings.

Auch dieses, romantische zweite Drittel des Films funktioniert für sich genommen vor allem Dank Pratt und Lawrence gut. Und trotzdem deuten sich spätestens hier bereits die Probleme des Films an. Was ist schief gegangen da draußen im All? Aus dem existenzialistischen Abenteuerfilm, der kurz angerissen wurde, wird eine Liebesgeschichte. Doch auch hier ist wieder nicht genug Zeit, die Beziehung zwischen den beiden wirklich auszuloten: die Annäherung der Figuren und der Konflikt zwischen ihnen (Auroa erfährt, dass Jim sie geweckt hat, findet sie das natürlich gar nicht so lustig) werden bald aufgegeben, um es im letzten Drittel noch einmal richtig krachen zu lassen. Auf einmal hat es der Zuschauer mit einem Katastrophenfilm zu tun. Da darf Mann noch einmal das Schiff retten und Frau bekommt auch etwas zu tun. Ehe es holterdiepolter noch mal romantisch wird. Unentschlossen durchs Weltall.

Eigentlich ist „Passengers“, der auf einem Drehbuch von Jon Spaihts beruht, nicht ein, sondern drei Filme in einem. Leider komplementieren sich die verschiedenen Themen nicht gegenseitig, sie stehlen einander Zeit, die es erfordert hätte, dem Abenteuer-, Liebes- und Katastrophenfilm im Film gerecht zu werden. Stell dir vor: Nach fast 2 Stunden Spielzeit weißt du aufgrund des Schlingerkurses am Ende auch nicht mehr, ob du hier eigentlich hinwolltest. So ist es mir ergangen. Und unterwegs wurde soviel über Bord geschmissen, dass dabei auch ein paar wichtige Dinge verloren gegangen sind. Meine Gänsehaut vom Anfang war jedenfalls nicht mehr da.

Bild © Sony Pictures Germany

Kino 2016: Meine Top 10

Posted by – 30. Dezember 2016

Auch in diesem Jahr habe ich – wieder – nicht sehr viel im Kino sehen können. Aber es hätte angesichts des beruflichen Hin und Her sowie einiger gesundheitlich unschöner Episoden auch noch weniger seinen können. Und so bin ich dankbar für das, was ich vor die Linse bekommen konnte und präsentiere hier voller Demut meine Top-10 des Jahres 2016. Berücksichtigt wurden wie immer ausschließlich Filme, die einen deutschen Kinostart hatten.

Toni Erdmann (Maren Ade, Deutschland / Österreich 2016)

Schon „Alle anderen“ von Maren Ade hat mir sehr gut gefallen. „Toni Erdmann“ fand ich trotzdem noch einmal ungleich besser, vielleicht weil sich hier mögliche Interpretationen nicht ganz so aufdrängen, wie in ihrem Beziehungsfilm von 2008. Auch in „Toni Erdmann“, meinem Film des Jahres, geht es um eine Beziehung. Diesmal um die von Vater (Peter Simonischek) und Tochter (Sandra Hüller). Papa beschließt, seine Tochter, eine erfolgreice Unternehmensberaterin in Bukarest zu besuchen. Doch das Treffen läuft für bei beide nicht so richtig gut, und der alte Herr beschließt, es noch einmal – diesmal allerdings in Verkleidung! – zu versuchen. Wieder sind es weniger die Individuen, die Ade interessieren, als vielmehr etwas Übergeordnetes, Allgemeineres. Ade selbst nennt ihren Film eine „Ausbruchsfantasie“ aus einem statischen Familiengebilde. Das kann ich nachvollziehen, reicht mir aber noch nicht weit genug, denn es geht in„Toni Erdmann“ ja um so viel mehr: Es geht um Alt und Neu, sich finden und sich verlieren, um Abschiede. Es geht aber auch um Verkleidungen, Masken, Rollen, in die wir schlüpfen. Und vieles mehr. Und doch gibt es nicht die Moral der Geschichte, keine Auflösung und keinen Punkt, auf den sich alles konzentriert. Sonst bin ich manchmal ein wenig skeptisch, wenn so gut wie alle einen Film großartig finden. Aber im Falle dieses Films verstehe ich es, bin glücklich darüber und schließe mich mit Freude der großen und immer noch wachsenden Bewegung an. „Toni Erdmann“ bleibt ein offenes, vielschichtiges Werk, in das man, jeder auf seine Weise und immer wieder neu auf Entdeckungsreise gehen kann. Ein Kunstwerk eben.

Vor der Morgenröte (Maria Schrader, Deutschland / Österreich / Frankreich 2015)

Als ich „Vor der Morgenröte“ kurz nach Kinostart gesehen habe, hätte ich nicht ahnen können, was für einen Sturm dieser kleine, ruhige Film in mir auslösen würde. Maria Schraders Film über die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig ist das Portrait eines großen Denkers, dessen Weltbild von der Realität eingerissen wird. Man hat das Gefühl, die Regisseurin würde ihre Hauptfigur, beeindruckend gespielt von Josef Hader, während des Films immer weiter aus den Augen verlieren, aber das ist nur eine von mehren Irritationen, die die Zerrissenheit der Hauptfigur aufzeigt und das Seelenleben des Protagonisten nachzeichnet, der sich immer mehr selbst verliert. Dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, bedeutete für Zweig nach jahrelangem stillem Kampf mit sich selbst letzten Endes den Weg in den Freitod. „Vor der Morgenröte“ ist einer der traurigsten Filme, die ich kenne.

Spotlight (Tom McCarthy, USA 2015)

Ein Film, der nachwirkt: In Tom McCarthys „Spotlight“ geht es um eine Gruppe von Journalisten, die in den frühen 2000er Jahren tausende Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche und deren systematische Vertuschung durch dieselbe aufdeckt. (Ich hatte hier schon kurz etwas dazu geschrieben.) Was mich an dem Film nach wie vor fasziniert, ist wie geduldig und unprätentiös er seine furchtbare Geschichte erzählt, die ja eigentlich gar keine Geschichte ist, sondern die Wirklichkeit – was alles nur noch furchtbarer macht! Doch „Spotlight“ ist nicht nur auf der inhaltlichen Seite überzeugend, auch die Form dieses Recherche-Thrillers und die Perspektive einiger hartnäckiger, investigativer Journalisten, die trotz ihres nur zähen Fortschritts einfach nicht aufgeben, hat mich beeindruckt. Hier zeigt sich: die Wahrheit ist nicht ohne Mühe zu haben und es braucht Menschen, die Strapazen auf sich nehmen, weil sie fern jeder Religion an eine bessere Welt glauben, welche aber nur zu erreichen ist, wenn man versucht, das Leid zu mindern und gegen jede Lüge eintritt, die versucht, Aufklärung und Bildung zu verhindern. Wie auch immer der derzeitige Stand der Aufarbeitung und Prävention innerhalb der katholischen Kirche sein mag – zunächst unter Papst Benedikt und nun unter Franziskus –, scheint es langsam voran zu gehen. Ich denke, Filme wie „Spotlight“ leisten durchaus einen Beitrag dazu, dass alles in Bewegung bleibt und nicht hinter einem „Vorhang des Schweigens“ zum Stillstand kommt.

X-Men: Apocalypse (Bryan Singer, USA 2016)

Die „X-Men“ sind für mich derzeit einfach die spannendste Superhelden-Truppe, weil sie dem Superhelden-Sein interessante Aspekte abgewinnen und die Filme darüber hinaus – hinter all dem, manchmal etwas den Blick verschleiernden Bombast – spannende Geschichten von elementaren Konflikten, aber letztlich eben immer auch von Menschen erzählen. Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich mich ein wenig ausführlicher geäußert.

Arrival (Denise Villeneuve, USA 2016)

Schwierig. Weil ich  so viel erwartet habe – die letzten Filme von Denise Villeneuve, „Prisoners“, „Enemy“ und „Sicario“ fand ich überwältigend! –, weiß ich gerade nicht so genau, wohin mit diesem Film. Vielleicht gehört er gar nicht in diese Liste? Oder müsste er höher, müsste er niedriger platziert sein? In dem Film geht es um 12 Raumschiffe, die unvermittelt auf der Erde landen. Eine Linguistin (Amy Adams) soll die Sprache der Aliens entschlüsseln, bevor die ohnehin angespannte Weltlage eskaliert. ­– Fest steht, dass „Arrival“ mich von allen in diesem Jahr gesehen Filmen visuell am meisten beeindruckt hat. Doch der Film ist auch – in unterschiedlicher Ausprägung – selbstverliebt, bedeutungsschwanger, pathetisch und verrätselt. Und ich bin mir nicht sicher, ob zum Schluss alles so gut zusammen passt, wie es eine ambitionierte Konstruktion dieses Kalibers erfordert. Wie dem auch sei – für mich geht es in dem Film nur vordergründig oder sagen wir nicht zentral um Kommunikation, sondern eher um einen – spirituellen? – onto- wie phylogenischen Prozess der Selbsterkenntnis sowie die Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit und der unserer Liebsten. Und dass es die Stärke des Menschen ist – eine Stärke, die ihn schließlich auf paradoxe Weise retten wird – sich allen noch ausstehenden Tragödien zum Trotz immer wieder für das Miteinander zu entscheiden. Ja doch, – „Arrival“ gehört in diese Liste, weil er mich vor allem in seinen letzten Szenen berührt hat und seitdem nicht loslässt.

Midnight Special (Jeff Nichols, USA / Griechenland 2015)

Ein Vater flieht mit seinem übersinnlich begabten Sohn quer durch die USA. So schön einfach lässt sich der aktuelle Film von Jeff Nicols („Take Shelter“,„Mud“) zusammenfassen. Doch einfach ist die Geschichte nicht, oder sagen wir besser – sie hat ihre Tücken, sie fordert heraus. Wenn man den Film als Metapher auf das Sterben und den Tod eines Kindes und der Trauer seiner Eltern sieht, gewinnt an emotionaler Intensität, die wahrscheinlich nicht nur junge Väter zu Tränen rührt. Ein wenig wundere ich mich, dass die Mehrheit „Arrival“ als großartigen Science-Fiction-Film mit Hintersinn bejubelt, der endlich mal anders ist und zeigt, was das Genre ausmacht, „Midnight Special“ aber verschmäht, weil er irgendwie durchs Raster fällt, er weder Fisch noch Fleisch und noch nicht mal etwas Halbes oder Ganzes sei. Dabei haben beide Filme, was ihre Andersartigkeit und ihren Verdienst ums Genre angeht, viele Gemeinsamkeiten. Die Sci-Fi-Aspekte sind kein Selbstzweck, sondern dienen in beiden Fällen dazu, sich einem verborgenen Sinn anzunehmen, wie es anders nicht möglich gewesen wäre. Unabhängig voneinander sind beide Filme verdammt gut und in gewisser Weise hat mich Nichols emotionale Vater-Sohn-Geschichte sogar mehr berührt als Villeneuves abstrakte Mutter-Tochter-Geschichte. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Regisseuren ist übrigens auch, dass jeder der beiden einen fantastischen Film nach dem nächsten dreht. Möge das noch lange so weitergehen!

Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo, Süd-Korea 2015)

Von Hong Sang-soo kannte ich bisher nur „Nobody’s Daughter Haewon“, an dem mich nach meinen Notizen zur Berlinale 2013 vor allem „seine verträumte Erzählweise fasziniert hat, die gekonnt an der Grenze zur Belanglosigkeit entlangspaziert, diese aber niemals überschreitet“. Das gilt auch für „Right Now, Wrong Then“, der ebenfalls wunderbar leichtfüßig, aber doch mit einer gewissen schelmischen Boshaftigkeit die Geschichte von einem Regisseur erzählt, der sich in eine Frau verliebt und mit ihr einen Tag verbringt – um ab genau der Hälfte der Spielzeit des Films die gleiche Geschichte noch einmal zu erzählen. Allerdings haben die von den gleichen Schauspielern gespielten Figuren diesmal andere Charakter-Eigenschaften, so dass sich die Handlung ein wenig anders entwickelt. „Right Now, Wrong Then“ – heißt das, die zweite Episode ist die richtigere? Ohne Frage ist es die romantischere, in ihr finden die beiden Figuren auf eine schönere Weise zusammen als in der ersten. Oder ist doch der erste Durchlauf der, der irgendwie richtiger ist – vielleicht weil sein unsympathischer Protagonist in seiner Verlogenheit dort authentischer wirkt? Und was soll das eigentlich alles? Diese und ähnliche Fragen gehen mir seit dem Filmgenuss durch den Kopf. „Right Now, Wrong Then“ ist – jetzt wie damals – ein großer, stiller Spaß!

The Hateful Eight (Quentin Tarantino, USA 2015)

Als ich Quentin Tarantinos 8. Film Anfang des Jahres im Kino gesehen habe, war ich zunächst für ein paar Stunden, Tage vielleicht, der Meinung dies wäre wohl das bisher schwächste Werk des Meisterregisseurs. Haben wir das nicht alles schon gesehen? Nein, haben wir nicht und: „The Hateful Eight“ ist nicht sein schwächster, sondern einer seiner besten, weil wütendsten Filme. Es sind wie so oft nämlich auch hier die Widersprüche, die einen Film gut machen: Hass und Liebe, Geist und Grütze, Tragik und Komik, Bewegung und Ruhe, Gewalt und gute Laune – all das hat „The Hateful Eight“, Tarantinos gallig-grandioser achter (der es wie durch ein Wunder auf den achten Platz meiner Jahres-Top-10 gebraucht hat!). Dazu hatte ich auch schon mal etwas aufgeschrieben und zwar hier!

The Forbidden Room (Guy Maddin, Kanada 2015)

Ein Film im Film im Film im Film… Guy Maddin und Ko-Regisseur John Evans haben die Stummfilmära geplündert und ein cineastisches Panoptikum voller Ideen-Fragmente niemals gedrehter Filme erschaffen – ein eigenes filmisches, in sich verschachteltes Multiversum voller Absurditäten, das seinesgleichen sucht. Verstanden habe ich zwar nichts, überwältigt war ich aber trotzdem. Und auch wenn mir „The Forbidden Room“ selbst für Maddin-Verhältnisse ein wenig zu überfrachtet war, haben Botschaften aus einer anderen Welt wie diese auf jeden Fall einen Platz in meinen Top-10 verdient.

Batman V Superman: Dawn Of Justice (Zach Znyder, USA 2016)

„High-Rise“, „Dibbuk“, „Don’t Breathe“,„Der Bunker“, „Wild“ „The Witch“, „Der Nachtmahr“ und „The Lobster“ – ich habe verschiedene Filme an diese, zehnte Position der Liste gesetzt, aber es fühlte sich einfach nicht richtig an. Nein, „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ MUSS einfach irgendeinen Platz in meiner Top-10 bekommen, weil er einfach seiner riesigen Probleme zum Trotz (alles an dem Film ist riesig!) ein gigantischer, ja ein wahrhaft monströser Film ist, wie er in diesem Kinojahr vergeblich seinesgleichen sucht. Mein ambivalentes Verhältnis zu „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ , bei dem letztlich aber die Faszination überwiegt, habe ich ausführlich auf Kino-Zeit beschrieben. Dürft ihr gerne lesen; und ich würde mich freuen, wenn der eine oder die andere sich danach vielleicht entschließt, doch nicht so hart mit dem Film ins Gericht zu gehen – denn das hat er trotz aller Schwächen nicht verdient.

X-Men: Apocalypse (Bryan Singer, USA 2016)

Posted by – 17. Dezember 2016

Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich einen Text zu „X-Men: Apokalypse“ beigesteuert. Darin beschreibe ich ein wenig, warum ich die aus „X-Men: First Class“, „X-Men: Days Of Future Past“ und nun „Apocalypse“ bestehende Reihe so mag. Kurz gesagt: Es geht um viel. Es geht um elementare Konflikte, Krieg, Frieden, Macht, Verantwortung, Einsamkeit und Freundschaft, Schuld und Vergebung,… Um zu verdeutlichen, was ich an der Reihe so brillant finde, sollte man sich die raffinierte alternative Realität vergegenwärtigen, die sie zu dem bis dahin existierenden X-Universum aufbaut. Diese alternative Zukunftslinie ermöglicht, sich von den ersten drei Filmen zu distanzieren, ohne sie zu leugnen, was nicht nur erzählerisch interessante Chancen eröffnet, auch philosophisch ist dieser Zugang faszinierend. Das Denken in Möglichkeiten, das hier für eine Comicverfilmung gewohnt unterhaltsam aber ungewohnt clever veranschaulicht wird, steht in direkter Verbindung mit den zunehmenden geopolitischen Herausforderungen und bietet – ebenfalls für eine Comicverfilmung ungewöhnlich – echte Antworten. Durch das Erkunden der Möglichkeiten können uns Filme wie „X-Men: Apokalypse“ vielleicht tatsächlich ein wenig dabei helfen, uns klar darüber zu werden, wie wir leben wollen. Amen.

P.S. Alex Summers lebt!

Star Wars: Rogue One (Gareth Edwards, USA 2016)

Posted by – 16. Dezember 2016

„Star Wars“, „Star Wars: Episode V – The Empire Strikes Back“ und „Star Wars: Episode VI – Return of the Jedi“ waren und sind für mich persönlich sehr wichtige Filme. (Deswegen habe ich mich glaube ich hier auch noch nicht getraut, etwas dazu zu schreiben.) Da haben auch die misslungenen Prequels „Star Wars: Episode I – The Phantom Menace“, „Star Wars: Episode II – Attack Of The Clones“ und „Star Wars: Episode III – Revenge Of The Sith“ nicht viel dran ändern können. Seit dem irgendwie doch ganz okayen „Star Wars: The Force Awakens“ bin ich jedenfalls wieder dabei und beobachte gespannt, wie sich die Geschichte – „A long time ago, in a galaxy far, far away…“ – entwickelt. Mit „Star Wars: Rogue One“ wird ein weiteres Detail aus der schon grob bekannten Geschichte ausgeleuchtet – die Beschaffung der Pläne, die vor 40 Jahren unserer Zeitrechnung in „Star Wars“ durch eine Handvoll mutiger Rebellen zur Zerstörung des Todessterns führten. Obwohl „Rogue One“ wirklich umwerfend aussieht, finde ich ihn insgesamt leider nicht besser als „ganz nett“. Nach „Monsters“ und „Godzilla“ möchte ich fast sagen, typisch Edwards halt. Aber mal postiv gesagt: Auch ganz nett ist ja bei dem wiedererwachten Franchise, das ich nach Episode I, II und III schon verendet wähnte, immerhin etwas. Insofern danke. Ein wenig ausführlicher äußere ich mich zu der neuen „Star Wars“-Kriegsfilm auf Kino-Zeit.de

Phantasm IV: Oblivion (Don Coscarelli, USA 1998)

Posted by – 4. Dezember 2016

phantasm-4#horrorctober 13

Den Abschluss meines diesjährigen #horrorctober bildet der vierte Teil der Phantasm-Reihe: Mit „Phantasm IV: Oblivion“ – „OblIVion“ – erreicht die Reihe ihr vorläufiges Ende. Obwohl – soviel sei vorweg genommen – ich dem Finale zwiespätige Gefühle entgegen bringe, hätte ich mir kaum einen besseren Film als Höhepunkt der 13 im Oktober gesehenen Horrorfilme aussuchen können. Aller Schwächen zum Trotz ist auch Teil vier ein essentieller Bestandteil der „Phantasm“-Reihe, durch den noch deutlicher zum Vorschein kommt, was die Reihe schon immer war: ein Alptraum, in den man sich als Kind verirrt und aus dem man nie wieder herausfindet.

Der Film beginnt, wo der Teil zuvor endete: Reggie (Reggie Bannister) wird von dem Tall Man (Angus Scrimm) gefangen gehalten, Mike (A. Michael Baldwin), der zuletzt entdeckt hatte, dass sich in seinem Kopf eine Sperre befindet, ist in einem Leichenwagen auf der Flucht. Während er dem Tall Man in eine andere Dimension folgt, kann sich Reggie befreien und macht sich auf die Suche nach seinem Freund.

Viel detaillierter auf die Handlung einzugehen, halte ich nicht für besonders sinnvoll. Und ganz leicht ist es auch nicht, da sich dieser Teil, wie eigentlich die anderen auch, kaum um die Regeln des Erzählens schert, sondern einer Traumlogik folgt, sprich assoziativ vorgeht. In Coscarellis Welt also business as usual. Auffällig und deswegen berichtenswert finde ich an diesem vierten Teil vor allem folgendes. Das erste ist eine irgendwie ganz und gar schöne Beobachtung:

Seit fast 20 Jahren kämpfen Reggie und Mike jetzt gegen den Tall Man. Dieser Abschnitt der Geschichte ist deswegen einmal mehr wie das Treffen guter Freunde, die noch einmal zusammenkommen, um der Vergangenheit zu huldigen. Interessant finde ich diesbezüglich weiterhin, dass in der Beziehung zwischen den beiden deutlicher als zuvor Risse angedeutet werden, die sich darin zeigen, dass die beiden wenig Screentime zusammen haben und Mike – während Reggie immer mehr er selbst wird – sich zu verlieren scheint, so dass zum Schluss gar nicht mehr klar ist, auf welches Seite er überhaupt steht.

Dass Coscarelli als Regisseur immer schwieriger – oder sagen wir lieber: masseninkompatibler – wird und von Film zu Film weniger darauf achtet, auf was man als Filmemacher bei Erfolgsaussicht Wert legen sollte (eine plausible Geschichte, nachvollziehbare Figuren, spannende Konflikte usw.), macht den vierten Teil auf alle Fälle sympathisch, hat aber gute und seine schlechte Seiten. Zu den Vorzügen auch dieses „Phantasm“-Teils gehört, dass er zweifellos ein ungewöhnlicher Film ist, dessen kongeniale Melange aus (alp)traumhaften Bildern, einem einprägsamen Score und dieser eigenartigen Coscarelli-Stimmung, die alles irreal und irgend beiläufig erscheinen lässt. Doch die immerwährende Wiederholung macht auch dem Besondersten irgendwann den Garaus. Den ersten und mit Abstrichten auch noch den zweiten Teil finde ich fantastisch, im Text zum letzten Teil habe ich mir noch gewünscht, dass die Reihe niemals vorbei geht. Beim vierten Teil ist das nicht mehr der Fall. Ich fühle mich ein wenig wie die Figuren, die stets aufs neue in ähnliche (Traum-)Situationen kommen, ohne dass es sie noch wirklich zu interessieren scheint, so als hätten sie die Hoffnung ohnehin schon aufgegeben, jemals wieder zu erwachen. Ob da mal wieder eine Nebenfigur vom Bösen besessen ist oder hinter der nächsten Ecke ein Killerzwerg lauert, ist auf eine Weise egal, die sich einerseits fast schon – positiv gesagt – beruhigend vertraut anfühlt, die andererseits irgendwie nicht so kompatibel mit dem Horrorgenre ist. Man fühlt sich wohl in „Phantasm IV: Oblivion“ – so wohl wie man sich in einem gut bekannten Alptraum nur fühlen kann.

Aufwachen, endlich mal richtig Aufwachen wäre nach der gefühlten Ewigkeit, die die Figuren das Böse und mich diese Reihe begleitet hat, deswegen auch nicht schlecht – auch auf die Gefahr hin, dass der Traum, der schon so oft geträumt wurde, verblasst, wie ein Traum mit geöffneten Augen nun mal verblasst. Ich nehme dieses, 20-jährige Klassentreffen gerne noch mit und behalte gute und schlechte Dinge dieses melancholischen, ein wenig enttäuschenden aber trotz allem auch irgendwie freudigen Wiedersehens ehrerbietig in Erinnerung. Zum nächsten Treffen – „Phantasm: Ravager“ (2016) – werde ich allerdings voraussichtlich nicht mehr erscheinen. Sonst schreibe ich nachher noch zum fünften Mal den gleichen Text.

Bild © Anchor Bay

Notizen #15

Posted by – 30. Oktober 2016

#horrorctober Film 8-12

Lisa And The Devil (Mario Bava, Italien / Deutschland / Spanien 1972)

Kurz nachdem Lisa (Elke Sommer) auf ihrem Spanien-Trip ein Wandgemälde betrachtet, das den Teufel zeigt, verläuft sie sich in der Stadt und findet sich kurz darauf in einer unheimlichen Halbwelt wieder, in der Leibhaftige selbst die Strippen zieht. – So oder auch ganz anders könnte man den Inhalt von Mario Bavas drittletztem Film beschreiben. Ich kenne mich mit Bava noch nicht genug aus, um diesen Film als Quintessenz seines Schaffens zu bezeichnen, aber man darf, denke ich, behaupten, dass sich in „Lisa And The Devil“ (OT: Lisa e il diavolo) viele Motive seines Schaffens wiederfinden und dieser stimmungs- und geheimnisvolle Film zumindest insofern ein Highlight seines Gesamtwerks darstellt. Gehört nach erster Einschätzung nicht zu meinen allerliebsten Bava-Filmen, ist aber weiter oben mit dabei.

Bad Biology (Frank Henenlotter, USA 2008)

Für jeden Topf ein Deckelchen: Eine Frau mit einer 7-fach Klitoris und unstillbarem Sexhunger gerät an einen jungen Mann mit mutiertem, mörderischem Riesenpenis. Dort, wo die Geschichte von (Charlee Danielson) und Batz (Anthony Sneed) eigentlich erst beginnt, ist sie auch leider schon wieder zu Ende. Und vorher passiert in Henenlotters Film leider auch nichts, was man von ihm nicht schon kennt und leider auch schon wesentlich besser in „Brain Damage“ oder „Basket Case“ (hier was zum ebenfalls guten zweiten Teil) gesehen hätte. Immerhin – und zumindest das muss man ihm zugutehalten – ist „Bad Biology“ eben auch kein Film von der Stange, sondern in seinem Zusammenspiel aus Komik, Tragik und Horror ein echter Henenlotter.

Lemora: A Child’s Tale of the Supernatural (Richard Blackburn, USA 1975)

Wenn Jean Rollin ein Vertreter der Tschechoslowakische Neuen Welle gewesen wäre und er in den späten 1960er Jahren in die USA geladen worden wäre, um unter völliger künstlerischer Freiheit eine Version von „Alice In Wonderland“ zu drehen, wer weiß, vielleicht wäre dann ein Film wie „Lemora: A Child’s Tale of The Supernatural“ dabei herausgekommen. Jedenfalls ist Richard Blackburns Film definitiv die Entdeckung meines diesjährigen Horrorctober. Es ist ein Werk, von dessen Existenz ich – und bestimmt noch ein paar andere da draußen – bis vor ganz kurzer Zeit keine Ahnung hatte. Sehr gerne möchte ich zu dessen wachsender Bekanntheit und Ruhm beitragen indem ich hier verkünde, was für ein wunderbarer und eigensinniger (im aller wohlmeinendsten Wortsinne!) Film Blackburns „Lemora“ doch ist. Anschauen und weitersagen!

Green Room (Jeremy Saulnier, USA 2016)

Nazis vs. Punks: Bei ihr Tour durch den Nordwesten der USA landet die Punk-Band Ain’t Rights in einer abgelegenen Nazi-Bar auf dem Land. Zwar geht das Konzert ohne größere Pannen über die Bühne, aber als die Band danach im Backstage-Bereich einen Mord beobachtet, ist die braune Kacke am dampfen. – „Green Room“ ist ein geradliniger, recht harter Thriller, aber mir will, wie schon bei Jeremy Saulniers Vorgängerfilm „Blue Ruin“, nicht wirklich einleuchten, warum er bei Kritik und Publikum so gut angekommen ist. Vieles an diesem Film ist gut, ordentlich, hier stimmt das Große und Ganze wie das Detail. Und trotzdem sträube ich mich, „Green Room“ wirklich zu mögen. Vielleicht weil ihr den alle mögt. Und ich hier der eigentliche Punk bin.

Textas Chainsaw Massacre 2 (Tobe Hooper, USA 1986)

WAHNSINN!!!1

 

Notizen #14

Posted by – 15. Oktober 2016

Als nächsten Programmpunkt im #horrorctober (Film 4-7) habe ich mir ein paar mir unbekannte Slasher-Jahre angesehen. Von hui bis pfui war alles dabei.

Terror Train (Roger Spottiswoode, USA / Kanada 1980)

Ein Film, den ich überhaupt nicht auf dem Radar hatte, den ich zufällig auf Youtube entdeckt und den ich mir trotz schlechter Bild- und Tonqualität und störender Untertitel angesehen habe. Daran kann man schon erkennen, dass „Terror Train“ von Roger Spottiswoode gar nicht so schlecht sein kann. Hier läuft zwar weitestgehend alles nach bekanntem Strickmuster ab, aber auf eine angenehm zurückhaltende Art und Weise, mit Gefühl für die Figuren und Blick für die Atmosphäre des ungewöhnlichen Settings: Der Film spielt in einem Zug, den die nach und nach dahinscheidenden Mitglieder einer Uni-Verbindung zwecks rauschhafter Party gemietet haben. Vielleicht noch erwähnenswert: Neben Jamie Lee Curtis, die in gefühlt jedem dritten Slasher der Dekade mitspielt ist auch der Zauberer David Copperfield mit von der Partie.

The Burning (Tony Maylam, USA 1981)

Meine Erwartung an meinen 5. #horrorctober-Film waren aufgrund einer Empfehlung eines ansonsten sehr zuverlässigen Tippgebers in Sachen Slasher-Kunst hoch – zu hoch wie sich leider herausstellte. Ein durch die Folgen eines Streichs verunstalteter Sommercamp-Aufseher rächt sich hier an ein paar Teenies, und das beste, das ich über ihn sagen kann, ist, dass mir nichts wirklich Schlechtes zu ihm einfällt. Sagen wir mal ganz nichtssagend: ein solider Genrebeitrag. Filmquiz-Frage: Welche Oscar-Preisträgerin ist hier in ihrer ersten Rolle zu sehen? Richtig, Holly Hunter!

Offerings (Christopher Reynolds, USA 1989)

Ich kann mir ja einiges gutschreiben. Aber im Falle von Christopher Reynolds „Offerings“ fällt mir nichts mehr ein. Wer einen amateurhaften, durch und durch unoriginellen Slasher (am auffälligsten bedient Reynolds sich bei John Carpenters „Halloween“, sogar die Musik ist nur einen Millimeter vom Plagiat entfernt) mit wirklich dilettantischen Darstellerinnen und Darstellern sehen will, der ist hier richtig. Allenfalls der ein oder andere Mord ist ganz hübsch in Szene gesetzt aber das fällt angesichts der ganzen anderen Unzulänglichkeiten kaum noch ins Gewicht.

Alice Sweet Alice (Alfred Sole, USA 1976)

Hui! „Alice Sweet Alice“ – hierzulande vielleicht eher bekannt unter dem Titel „Communion – Messe des Grauens“ – ist definitiv das bisherige Highlight meiner diesjährigen #Horrortober-Saison. Er ist schön, er ist ungewöhnlich. Und er ist irgendwie auf eine besondere Art spannend, die ich noch gar nicht richtig fassen kann. Die Atmosphäre dieses brutalen Psychothrillers mit Giallo-Einschlag hat mich jedenfalls ziemlich gepackt; und anders als andere würde ich es Alfred Sole, der das Drehbuch zusammen mit Rosemary Ritvo schrieb, nicht negativ auslegen, dass er sich in seinem Film scheinbar nicht so recht entscheiden kann, welchen Fokus die Geschichte haben soll. Die Unsicherheit, in welche Richtung sich die Story entwickelt, hat den Film für mich noch interessanter gemacht. Ob Alice dann zum Schluss wirklich noch… – naja, ich will ja nicht zu viel verraten. So oder so ist „Alice Sweet Alice“ wahres Genre-Juwel und so in etwas das Gegenteil von dem, was der „dilettantisch inszenierter blutrünstiger Gruselfilm“. Wobei, blutrünstig…

Notizen #13

Posted by – 6. Oktober 2016

Und wieder mal haben wir Oktober. Im Rahmen der Internet-Aktion #Horrorctober werden ich und andere uns bis zum 31. des Monats 13 Horrorfilme ansehen. Im letzten Jahr hat das bei mir leider nicht so gut geklappt. Auch wenn es sich andeutet, dass ich aufgrund eines neuen Jobs wieder wenig Zeit haben werde, will ich, trotz Filmkrise, es zumindest nicht unversucht lassen, die Aufgabe zu bewältigen. Was ich mir anschauen werde, steht hier. Eine Liste aller anderen Teilnehmer, Links zu ihren Listen und Texten hier. Statt längerer Kritiken werde ich mich diesmal wahrscheinlich nur in Form einiger Sammelnotizen begnügen. Los geht’s mit Film 1-3..

Don’t Breathe (Fede Alvarez, USA 2016)

Den diesjährigen, hoch erfreulichen Auftakt macht „Don’t Breathe“, den ich, zugegeben, schon im September gesehen habe – aber wir wollen da mal nicht so sein. Der Film von Fede Alvarez ist ein Paradebeispiel dafür, dass im Horror-Genre immer noch etwas geht und man dafür nicht mal das Rad neu erfinden muss: Erzählerisch effizient, clever, vom Szenario her minimalistisch, hinsichtlich seiner Bezüge aber reichhaltig, stilistisch herausragend, aber trotzdem nie selbstzweckhaft oder gar selbstverliebt. Zweifellos einer der ganz wichtigen Horrorfilme 2016. Hier meine Kritik auf Kino-Zeit.de.

Hush (Mike Flanagan, USA 2016)

Weil ich nach „Don’t Breathe“ Lust hatte, mir noch ein paar andere Filme anzusehen, die grob in die Rubrik „Home Invasion“ fallen, habe ich mich ein wenig umgesehen und mich schließlich für „Hush“ von Mike Flanagan entschieden, den es praktischerweise bei Netflix gab. Inhaltlich gibt es sogar einige Parallelen zu Alvarez’ Film, was nicht nur durch das minimalistische Szenario gegeben war. Bei Alvarez war der Antagonist blind, bei seinem Flanagan ist die Protagonistin taub. Doch leider macht der US-Amerikaner nicht annähernd so viel aus der Ausgangssituation wie sein Kollege aus Uruguay. Das Ergebnis ist ordentlich inszeniert, aber wenig überraschend und deswegen leider nur mäßig spannend. „Hush“ hat etwas von einer Fingerübung. Er ist der nette Horrorfilm für zwischendurch, aber keiner, für den man lange, anhaltende Liebe entwickelt.

Knock Knock (Eli Roth, USA, Chile 2015)

Von diesem Film wurde mir vorab abgeraten, weil a) schlecht und b) kein Horror und c) noch irgendwas (vergessen). Aber ich fand die Ausgangslage doch so spannend – Strohwitwer bekommt Besuch von zwei unbekannten Damen,..–, weil das könnte ja jedem mal passieren und da kann man sich durch einen Film wie „Knock Knock“ schon mal seelisch drauf vorbereiten. Den Anfang, vielleicht sogar gut die erste Hälfte, fand ich dann fast auch grandios, das Gefühl von drohender Gefahr, knisternde Erotik, eine Stimmung, die mehr und mehr ins Unangenehme kippt. Leider ändern nicht nur die beiden Besucherinnen ihr, sondern der ganze Film im weiteren Verlauf sein Gesicht. Die im positiven wie negativen sinnliche Stimmung weicht (wie man das ja von Roth schon kennt“) einer, meiner Wahrnehmung nach platten, grell-satirischen Ausrichtung. Doch wo ich bei „Hostel“ noch eine Ahnung davon hatte, in welche Richtung die Spitzen gerichtet sind, habe ich bei „Knock Knock“ keine Idee mehr, gegen wen oder was diese Satire gerichtet sein soll. Schlussendlich fand ich den Film wohl nicht so schlecht wie diejenigen, die mir von ihm abgeraten haben, für einen großen Wurf halte ich ihn allerdings auch nicht.

Filmkrise, kurze Pause

Posted by – 22. August 2016