Across The River (Lorenzo Bianchini, Italien 2013)

Posted by – 1. Februar 2015

across the riverVielleicht darf ich auch einfach mal schreiben, dass mir nicht viel zu einem Film einfällt. Kritiken lese ich eigentlich nicht allzu oft, aber zu „Across The River“ (OT: Oltre il Guado) sind mir einige sehr positive Texte untergekommen und deswegen wollte ich ihn gerne sehen. Das habe ich jetzt getan. Mir ist allerdings nicht klar geworden, was Publikum und Kritik an dem mehrfach ausgezeichneten Film sehen. Ich habe nicht einmal viel zu meckern, weil: da ist einfach nichts. Bestenfalls dieses Nichts kann ich kritisieren, ein Horror- bzw. Gruselfilm sollte ja „Etwas“ haben und zwar ein Etwas, das Angst macht.

Ein Mann (Marco Marchese) läuft erst durch einen Wald, dann durch ein verlassenes Dorf. Da mal eine schräge Klaviernote, dort ein Horn. In einigen Texten ist zu lesen, der Regisseur Lorenzo Bianchini, der hier auch für das Drehbuch und den Schnitt verantwortlich zeichnet, spiele mit Genre-Konventionen, ich aber sage: er reiht sie aneinander. Das hat man alles schon etliche Male und zwar meist besser gesehen. Lediglich das Timing unterscheidet sich ein wenig von ähnlichen Produktionen. Soweit, dies als „behutsamen Spannungsaufbau“ zu bezeichnen, würde ich aber auch nicht gehen. Und nur dafür, dass Bianchini wie ich kein großer Fan von Jump Scares zu sein scheint, bin ich noch nicht bereit zu klatschen. Zumindest ich war nicht ge- sondern eher entspannt, um nicht zu sagen gelangweilt – bist das Genervt sein dazu kam. Änderungsvorschlag für den Film: Alle Nebenstränge (alten Mann, Sanitäter und vor allem die beiden Schwestern weglassen), die Im-Traum-Ertrinken-Szene zum Schluss noch einmal wiederholen und ihn nicht aufwachen lassen. Dann wäre das zwar immer noch kein toller Film, aber zumindest wäre er dann stringenter aufgebaut und hätte am Ende auf die zwei schmierigen Schwestern aus der Mottenkiste des Horrorfilms verzichten können.

Positiv aufgefallen ist mir lediglich, wie der Aktions- und Wahrnehmungsradius der Hauptfigur immer weiter schrumpft. Stehen ihm am Anfang Wald und Wiesen offen und ist sein Sensorium durch die Kameras an den Füchsen sogar noch erweitert, verengen sich die Grenzen seiner Welt nach dem Ansteigen des Flusses und seiner Ankunft im Dorf immer weiter, bis er schließlich desorientiert durch die verfallenen Räume irrt. Ein glücklicher Zuschauer ist wohl einer, auf den sich diese Irritation und Klaustrophobie überträgt. Das hat bei mir leider nur in sofern funktioniert, dass mein Sofa von Filmminute zu -minute unbequemer geworden ist.

Bild © Marctropolis

Constantine (Francis Lawrence, USA / Deutschland 2005)

Posted by – 31. Januar 2015

constantineScheiße, der Speer des Schicksals ist verschwunden. Das ist deswegen doof, weil, wer ihn in den Händen hält, bestimmt die Geschicke der Welt. Im zweiten Weltkrieg verschwunden, taucht er nun wieder auf als ein Schrottsammler namens Manuel (Jesse Ramirez) sie durch Unfall bei Ausgrabungen entdeckt. Ist aber erst mal egal, denn eigentlich geht es um den Exorzisten John Constantine (Keanue Reeves), der soviel wie möglich von der teuflischen Brut zurück in die Hölle schickt – um sich so seinen Weg in den Himmel zu erkaufen. Sein aktueller Fall: Die Zwillingsschwester von Angela Dodson (Rachel Weisz) hat sich umgebracht. Die glaubt aber nicht an einen Selbstmord und wendet sich an Constantine. Außerdem sind die Dämonen gerade besonders aggressiv. Da ist doch irgendwas im Busch.

Ich habe „Constantine“ gestern zum dritten Mal gesehen. Die ersten beiden Male fand ich ihn ganz nett, aber nicht überwältigend. Nun bin ich kurz davor, Meisterwerk zu rufen, so gut hat er mir diesmal gefallen. Die Stimmung stimmt, wie man so schön sagt. Visuell und inhaltlich einfallsreich reiht sich eine tolle Idee an die andere. Schon der Anfang, wenn der Herr Manuel die Speerspitze findet und dann von einem Auto angefahren wird, wow! Aber auch gleich danach, Constantins erster Job, bei dem er einen stinkigen Kriegerdämon aus einer jungen Frau in einen Spiegel umsiedelt und aus dem Fenster und versehentlich auf das Auto seines Partners Chas Kramer (Shia LaBeouf) schmeißt.. „If you would have told me there was a three hundred pound mirror you were dropping with a pissed-off demon, I would have moved it further“, beschwert sich Chas und ich lache jedes Mal. Das gefällt mir so an dem Film, jedenfalls ist es mir bei diesem dritten Sehen erst richtig bewusst geworden, dass er in sehr vielen kleinen Details überrascht. Die Physik des Übersinnlichen ist in „Constantine“ frisch und unverbraucht.

Zwar störten mich auch ein paar Details, beispielsweise, dass hier etwas lieblos mit den Nebenfiguren umgegangen wird (sind sie erst einmal verschieden, werden sie nicht einmal mehr erwähnt); oder dass der Film manchmal ein wenig zu langwierig seinen Plot entwickelt. Und wenn Manuel (hallo! willkommen zurück!) und der Speer des Schicksals dann zum Schluss wieder auftauchen, fällt irgendwo ein McGuffin tot vom Baum und dem einen oder anderen Zuschauer vielleicht auf, was für einen Unfug er da gesehen hat. „Constantine“ macht auf absolut faszinierende Art keinen Sinn, aber das macht unter anderem den Reiz dieses Höllentrips aus, diese unglaublich quatschige Geschichte, die sich während des Sehens trotzdem „richtig“ anfühlt, weil hier andere Gesetze gelten und alles völlig durcheinander und trotzdem am richtig Ort ist.

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als Eure Schulweisheit sich träumen lässt, da sind Engel, ein Haufen hässliche Dämonen, der schnöde Mammon, Luzifer (Peter Stormare) persönlich und vieles mehr. Sogar der liebe Gott schimmert ab und zu durch. Was kann man sich mehr erhoffen?

Bild © Warner Bros.

Das ewige Leben (Wolfgang Murnberger, Österreich 2015)

Posted by – 30. Januar 2015

Es ist schon erstaunlich, dass die Verfilmungen der Romane von Wolf Haas um den sehr kauzigen Privatdetektiv Simon Brenner zwar in Fan-Kreisen durchaus Kultstatus genießen, dass ihnen aber die ganz große, breite Anerkennung bisher verwehrt geblieben ist. Dabei gäbe es mehrere Gründe, die kongenialen Filme des eingespielten Teams bestehend aus Regisseur Wolfgang Murnberger, Hauptdarsteller Josef Hader und Autor Wolf Haas so manchem gelackten Hollywood-Thriller vorzuziehen. Zum einen sind die Filme zeitlos und brandaktuell gleichzeitig. Mord, Korruption, Menschenhandel, et cetera pp. – hier werden die dunklen Seiten von Österreich angegangen, doch eigentlich sind es die Schattenseiten der ganzen Welt, die Zivilisationskrankheiten, die aus menschlichen Wünschen und Ängsten hervorgehen, die in Haas’ Romanen behandelt werden. Zum anderen, dass es die Filme überhaupt gibt! Wer schon mal einen Brenner-Krimi gelesen hat, kann sich vorstellen, wie unmöglich es auf den ersten Blick erscheint, solche durch ihre Sprache besonderen Stoffe für die Leinwand zu adaptieren. Doch dem Triumvirat Murnberger, Hader und Haas ist es gelungen. Mal wieder. Warum auch der vierte Film, „Das ewige Leben“, wieder ding ist, führe ich in meiner Kritik für kino-zeit.de aus.

Catwoman (Pitof, USA 2004)

Posted by – 21. Januar 2015

Catwoman

Ein verschmähtes Werk der Filmgeschichte neu zu entdecken und herauszufinden, dass es, entgegen allen anders lautenden Behauptungen, doch ganz toll ist – davon träume ich schon länger. Um diesen Traum jetzt endlich Wirklichkeit werden zu lassen, habe ich mir „Catwoman“ ausgesucht. Den findet ja bekanntlich niemand gut. Auch wenn ich große Vorbehalte gegen Regisseure habe, die nur mit ihrem Spitznamen gecredited werden, kann ich sagen, dass mir Pitofs „Vidocq“ ganz gut gefällt und zumindest insofern schon einmal nichts dagegen spräche, dass ich auch mit „Catwoman“ etwas würde anfangen können. Soviel vorweg: Meinen Wunsch konnte ich mir leider nicht erfüllen. Aber immerhin bin ich nicht grandios gescheitert, sondern lag nur ein klitzekleines Bisschen daneben.

Nun, wieso das? An der Story kann’s wohl nicht liegen, denn die ist doch so generisch wie fast alle Superhelden-Filme. Und sind die Effekte aus dem Computer nicht ziemlich käsig und Halle Berry als Catwoman nicht ganz unpeinlich? Dass der Film in der Gunst der Kritiker und Zuschauer nicht besonders hoch lag, ist jedenfalls verständlich. Ein paar Details sind sicher kaum der Rede wert, andere, durchaus handfeste Probleme lassen sich nicht so leicht vom Tisch wischen. Eines davon ist der Spannungsaufbau, der nicht nur völlig überraschungsfrei verläuft – der Zuschauer weiß leider auch stets mehr als seine Protagonistin, was den Film zusätzlich ausbremst. Während die daraus resultierende Langeweile vielleicht noch durch seine Schauwerte kaschiert werden könnte, sind es leider genau diese, die ihm einen weiteren, unschönen Schmiss verpassen. Superheldinnen sind ein trauriger Mangel in der Marvel- und, wie in in diesem Falle, in der DC-Filmwelt. „Catwoman“ ist eine Figur, die, so behaupte ich mal, durchaus Potenzial gehabt hätte, die Weichen für zukünftige Comic-Verfilmungen zu stellen, doch leider scheitert Pitof hier. In emanzipatorischer Hinsicht ist sein Film leider alles andere als gelungen. Dafür, dass es thematisch um ein gefährliches Schönheitsprodukt geht, mit dem die Frauen dieser Welt versklavt werden sollen, wird zumindest nach meinem Empfinden seine Protagonistin als Sexsymbol zu sehr ausgestellt. Ganz abgesehen davon, dass sich hochhackige Schuhe vielleicht für den Laufsteg, ganz bestimmt aber nicht für eine Heldin eignen, die mit neuen inneren und äußeren Stärken gegen ihre Mörder und die Versklavung der Frau eintritt bzw. eintreten soll. Die Kamera klebt zudem viel zu oft an ihrem Hintern, um dem Film ernsthaft abzunehmen, dass er sich für die gesamte Person interessiert.

Wahrscheinlich lohnt es nicht, darauf im Detail etwas zu erwidern und es ist bestimmt ebenso müßig, ausgewählte Aspekte zur Verteidigung zu nennen, die den Film charmant machen. Da wäre zum Beispiel die schöne Kamera von Thierry Arbogast und überhaupt nicht wenige visuelle Ideen, wie man sie so noch nicht gesehen hat. Und manchmal dreht der Film völlig frei, wie bei der Basketball-Musical-Schmunzel-Einlage oder der wunderbaren Sequenz, als Patience (Halle Berry) mit ihrer Freundin telefoniert und dabei miezisch durch ihre Wohnung tänzelt. Manchmal ist der Film so leicht, so unschuldig wie ein Blättchen Katzenminze. Ja, sicher, bei einigen Szenen stellen sich einem die Nackenhärchen auf, und der eine oder andere Zuschauer mag immer mal wieder versucht sein, wegzugucken, aber – und nun zu dem wichtigsten Grund, warum ich den Film gar nicht so übel fand – ich bin mir sicher: das soll so. Denn „Catwoman“ legt durch seine Aktionen, die manchmal jenseits der Schamgrenze sind, etwas frei, was bei vielen anderen Superhelden-Filmen bestenfalls vage durchschimmert. Nämlich dass diese Sache mit den kostümierten Helden und ihren Fähigkeiten einfach etwas ist, was die Grenzen des guten Geschmacks und die Konventionen überschreiten muss! Der Blick auf sein weibliches Subjekt mag ein männlicher sein. Und doch gelingt es Halle Berry sich irgendwie freizuspielen, so als würde sich ihre Catwoman immer weiter von den Erwartungen der Zuschauer emanzipieren. Ob Pitof das seinem Film in vollem Bewusstsein angelegt hat oder ob ihm hier intuitiv etwas geglückt ist, weiß ich nicht. Jedenfalls macht er dem Zuschauer durch seine Inszenierung diese Grenz-Übertritte immer wieder bewusst. Im Gegensatz zu den pubertären Ermächtigungsfantasien vieler anderer Superhelden-Filme vermittelt Pitof ein Gefühl der Travestie, die ja das Leben eines Helden in Strumpfhosen auch immer bedeutet. Das macht „Catwoman“ zwar nicht zu einem der besten Superhelden-Filme, aber dennoch zu einem, den man kennen und nicht gleich abfällig zur Seite schieben sollte.

Ein Fazit zu ziehen, fällt mir schwer. Mir hat „Catwoman“ irgendwie gefallen, es hat mir aus noch nicht völlig geklärten Gründen Spaß gemacht, ihn zu sehen und ein paar Tage über ihn nachzudenken. Vielleicht sehe ich ein Stück Freiheit, wo gar keine ist, doch trotz und vielleicht auch gerade wegen seiner Schwächen (von denen sich ein paar sogar als seine Stärken erweisen), kann ich jedem Superhelden-Fan nur empfehlen, sich den Film noch einmal offen (oder vielleicht auch dicht) anzusehen.

Bild © Warner Home Video

Whiplash (Damien Chazelle, USA 2014)

Posted by – 19. Januar 2015

WhiplashI was there to push people beyond what’s expected of them. I believe that’s an absolute necessity! – Terence Fletcher

Der Schlagzeugschüler Andrew (Miles Teller) hat ein Ziel: Er will ganz nach oben. Sein Lehrer, Terence Fletcher (J.K. Simmons), hat ebenfalls eine Mission. Er unterrichtet nicht einfach nur gute Schüler. Er will Musiker entdecken, die zu den besten der Welt gehören. Fletcher nimmt Andrew unter seine Fittiche und schreckt vor nichts zurück, um Andrew zu Höchstleistungen zu pushen.

„Whiplash“ bezeichnet im Englischen nicht nur den Peitschenriemen, sondern ist auch der medizinische Ausdruck für ein Schleudertrauma. Die Symptome sind Schwindel, Benommenheit, stechende Schmerzen, Hör- und Sehstörungen, Spasmen,… Andrew kann davon ein Lied singen. Damien Chazelles schmerzhaftes Musik-Drama erinnert ein wenig an eine düstere Version von Peter Weirs „Dead Poets Society“, in dem statt des gütigen John Keating nun ein fanatischer Terence Fletcher seine Jungs antreibt. Doch entgegen dem ersten Anschein ist „Whiplash“ keine Kritik am (amerikanischen) Schulsystem, zumindest nicht nur, denn hier haben sich zwei gefunden, die sich brauchen, ja – die ohne einander gar nicht könnten. Der Film erklärt sich nicht allein aus dem Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Institution bzw. des Lehrers, hier gehören zwei dazu: Andrew ist nicht einfach das passive Material, aus dem Fletcher seine Vision des Weltmusikers formt. In dem jungen Mann selbst schlummert der absolute Wille zum Erfolg. Er ist seines Glücks (oder Unglücks?) nicht weniger Schmied als das Schulsystem oder der Lehrer, in dem Andrew aller ihm innewohnen Grausamkeit zum Trotz den passenden Mentor für seine Selbstoptimierungs-Passion gefunden hat. Insofern ist „Whiplash“ weniger der böse Zwilling von „Dead Poets Society“, sondern eine weniger morbid-fantastische vielleicht sogar weiter reichende Variation von Darren Aronofskys „Black Swan“. Bei Chazelle geht es um die Transformation des Menschen der Leistungsgesellschaft. (Oder vielleicht auch des Mannes? Es ist bestimmt kein Zufall, dass alles Feminine in der Welt von Fletcher, Andrew & co mit Schwäche gleichgesetzt ist…)

Kurz könnte man denken, der Film selbst ist der Leistungslogik, die er kritisiert auf den Leim gegangen. Am Ende erweisen sich die Methoden des Lehrers als die richtigen. Die Welt hat einen neuen Supermusiker. Außerdem waren Blut, Schweiß und Tränen selten so ästhetisch und das Leiden so schön wie in „Whiplash“. Doch gerade deshalb, weil sich Chazelle nicht zu offensichtlich positioniert, weil es ihm gelingt, die Ambivalenzen seiner Geschichte herauszuarbeiten und er auch das Schöne, Reizvolle dieser hässlichen neuen (Männer-)Welt zeigt, kann sein Film funktionieren. Und wenn wir uns am Schluss mit Andrew freuen, saust die unsichtbare Peitsche nieder. Ihre brennenden Striemen wird der ein oder andere bestimmt noch lange nach dem Filmgenuss spüren.

Bild © Sony Pictures Germany

28 Days Later (Danny Boyle, Großbritannien 2002)

Posted by – 16. Januar 2015

28 days laterDa überlebst du die Zombie-Apokalypse, weil du dich während des Ausbruchs der Epidemie zufällig gerade im Koma befindest; du wachst auf und schlägst dich mit ein paar weiteren Überlebenden zum letzten Militärstützpunkt durch – nur um festzustellen, dass die Soldaten beinahe verroht sind, wie die tollwütigen Infizierten. Doof gelaufen. Aber angesichts der globalen Katastrophe eben auch nur eine kleine Tragödie, die im Meer des Schreckens sicherlich untergegangen wäre – hätten sich Danny Boyle und Alex Garland nicht entschlossen, genau darüber einen Film zu machen. Warum tun sie das? Weil sie zu Recht der Meinung sind, dass man das Kleine sehen muss, um das Große zu verstehen.

Was der Zuschauer zu sehen bekommt, ist nicht nur ein absoluter Zusammenbruch der Zivilisation, sondern auch die Erosion unserer Werte. Richtig ist in der postapokalyptischen Welt von „28 Days Later“ nur, was verhindert, dass du krepierst. Jede Art von Gemeinschaft kann hier nur Zweckbündnis sein. Wer nicht so lebt, lebt bald gar nicht mehr. Denn: „People killing people“, wie eine Figur an einer Stelle ganz richtig bemerkt. Die guten Menschen haben diese Welt bereits freiwillig verlassen. Wer noch lebt, hat entweder den Schuss nicht gehört oder ist bereit, alles zu opfern – auch seine Menschlichkeit. Da braucht es gar keine Zombies respektive mit dem „Wut“-Virus infizierte Maniacs, um deutlich zu machen, dass wir am Arsch sind.

Danny Boyle und sein Kameramann Anthony Dod Mantle schaffen Bilder, die zusammen mit der Musik von John Murphy zu Momenten werden, die sich einbrennen und einem auch noch Jahre später nicht aus dem Kopf gehen. „28 Days Later“ gehört meiner Meinung nach insofern fraglos zu den interessantesten Beiträgen des Epidemie- und Zombie-Genres, eben weil hier anhand einer kleinen Gruppe von Leuten bereits so viel erzählt wird. Tolles Drehbuch von Alex Garland auch! Dass ich diesen Film trotzdem nicht zu meinen ganz persönlichen Lieblingen zähle, hat aber genau diesen Grund: er ist mir ein klein wenig zu sehr auf diese schicken Szenen aus. Wenn der Protagonist Jim (Cillian Murphy) anfangs in seinem Krankenhauskittel durch das verlassene London stromert, dann ist das atmosphärisch, sehr sogar; oder wenn er man Ende – selbst schon beinahe ein lebender Toter – Jagd auf die letzten Un-Menschen macht: très chic! Für einen Film, der den Untergang wirklich fühl- und erfahrbar macht, ist das alles meiner Ansicht nach aber zu ästhetisch. John Rambo sagt: „Um den Krieg zu überleben, muss man selbst zum Krieg werden“. Ich wandle das mal leicht ab und sage: „Um nicht nur einen guten, sondern einen richtig großartigen Zombiefilm zu machen, darf man sich nicht davor fürchten, selbst ein wenig zu stinken“. Etwas mehr Mief hätte „28 Days Later“ bestimmt gut getan. Ansonsten aber starker Film!

Bild © Twentieth Century Fox

Murder On The Orient Express (Sidney Lumet, Großbritannien 1974)

Posted by – 15. Januar 2015

mord im orientexpressZeit, mir mal wieder ein paar Klassiker zu vergegenwärtigen. „Murder On The Orient Express“ habe ich bestimmt schon einmal gesehen, Erinnerungen an den mehrfach Oscar-nominierten Film habe ich aber kaum welche. Am Anfang, wenn der Kriminalfall über die Entführung des Mädchens Daisy Armstrong aufgerollt wird, deren Leiche nach Zahlung des Lösegelds kurze Zeit später entdeckt wird, bin ich kurz verwirrt (muss ich mir das jetzt alles merken?). Die Verwirrung weicht, als der Film mit Ankunft der Fahrgäste im Orientexpress so langsam ins Rollen kommt. Ich bin fasziniert von der geschäftigen Atmosphäre in Istanbul, dem Auflauf an Figuren, die, so denke ich mir, ja bestimmt alle für die Story wichtig sind. Die anfängliche Freude wird allerdings abgebremst, als der Zug erst einmal unterwegs ist. Die Figuren, die mir gerade noch vielfältig interessant scheinen, mutieren auf einmal zu überschminkten, albern ausstaffierten Kreaturen, von denen die eine einen schlimmeren Dialekt spricht als die andere. Auch der Protagonist, der belgische Detektiv Hercule Poirot (Albert Finney), ist keine Ausnahme, und darüber hinaus ist er auch noch ein ganz unangenehmer Zeitgenosse. Nicht nur nutzt er seine Beziehungen, um einen besseren Platz im Zug zu ergattern, gerne weist er andere auch bei jeder Gelegenheit darauf hin, wie dumm er sie findet. Und als der Fahrgast Mr. Ratchett (Richard Widmark) ihn um Hilfe bittet, weil er sich bedroht fühlt, lehnt Poirot kurzerhand ab. Dieser Fall wäre ihm zu langweilig. Kurze Zeit später ist Mr. Ratchett tot, ermordet durch 12 Messerstiche. Vielleicht hat der ultra-schlaue Detective ja so etwas geahnt und ihm deswegen die Hilfe verweigert. So hat er wenigstens etwas zu tun, während die Eisenbahn irgendwo in Jugoslawien im Schnee stecken bleibt.

Man liest es vielleicht heraus, so richtig umgehauen hat mich „Murder On The Orient Express“ bei diesem Wiedersehen nicht, zumindest zuerst nicht. Irgendwann bin ich nur noch genervt von den Masken und Akzenten. Erst ganz am Schluss, als Poirot die Verdächtigen um sich versammelt und den Fall klärt macht es bei mir auf einmal „klick“. Der Film ist so etwas wie das böse Gegenstück zu „12 Angry Men“, sein zynisches Komplementär! In beiden Filmen spielt die Zahl „12“ eine entscheidende Rolle. In dem Drama um die zwölf Geschworenen sind es die Zweifel eines einfachen Mannes, die dazu führen, dass schließlich Recht gesprochen und ein Unschuldiger vor dem Tode bewahrt wird. In „Murder On The Orient Express“ weiß der arrogante Poirot sofort, dass etwas nicht stimmt, ja den Tod hat er in gewisser Weise sogar selbst herbeigeführt, ihn zu verhindern war ihm zu langweilig. Seine Zweifel, die schlussendlich zur Auflösung des Falls führen und die zahlreichen Personen an Bord des Zuges miteinander in Beziehung bringen, legitimieren hingegen nachträglich den im Orientexpress geschehenen Mord. Wenn man sich das einmal klar macht, bleibt einem die Spucke weg.

Ich habe keine Ahnung, ob ich diese Parallelen herbeifantasiere. Ich kenne keine entsprechenden Texte dazu, oder Aussagen von Lumet selbst, warum er sich gerade für diesen Agatha-Christie-Stoff entschieden hat. Aber die Verbindungen zwischen „12 Angry Men“ und „Murder On The Orient Express“ sind so deutlich, und so, wie ich ihn sehe, würde es auch es die unangenehme Aura des Films erklären. Der wäre dann nämlich keine „heiter-parodistische Unterhaltung mit Hollywood-Touch“, wie das Lexikon des internationalen Films behauptet, sondern ein burlesque-zynisches Requiem anlässlich der Beisetzung des Rechtsstaats.

Bild © Zweitausendeins

In The Cut (Jane Campion, USA / Australien 2003)

Posted by – 8. Januar 2015

In The CutNach fast drei Wochen unfreiwilliger Film-Abstinenz habe ich endlich mal wieder was gesehen. Und zwar „In The Cut“, welches ein sonderbar uneindeutiger Film ist und das nicht nur weil sich Meg Ryan vor meinem inneren Auge mehrmals in Nicole Kidman verwandelt hat (die ja, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, tatsächlich für die Rolle vorgesehen war). Der ganze Film ist ein seltsam oszillierendes Etwas irgendwo zwischen Pulp, Poesie und Politik. Erzählt wird die Geschichte der Englischlehrerin Frannie (Meg Ryan), die zunächst in einer Bar beobachtet, wie ein Paar Sex hat. Den Mann kann sie nicht erkennen, sieht nur seine auffällige Tätowierung am Handgelenk. Kurze Zeit später steht die Polizei in Gestalt von Detective Giovanni Malloy (Mark Ruffalo) vor ihrer Tür. Die beobachtete Frau ist tot, umgebracht von einem Serienkiller, Frannie wurde in der Bar gesehen und der Kopf der Toten wurde in ihrem Garten gefunden.

Virginia Woolf meets Brian de Palma: Jane Campions Film ist ein klassischer, atmosphärischer Serienkillerfilm auf der einen, ein mit wahnsinnig vielen Bezügen, Symbolen etc. bis zum bersten vollgestopftes Kunstwerk auf der anderen Seite. Beide Seite haben hier Qualitäten, so ganz fügt sich das aber nicht zu einem homogenen Ganzen zusammen. Viele tolle Momente gibt es ohne Frage, mitunter war ich beinahe berauscht von den Bildern, die wie Blicke durch ein schmutziges Fenster auf eine Welt wirkten, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Diese Fantasiefragmente sind manchmal kaum mehr als Szenen aus einem Groschenroman, dann wirken sie wieder wie eine geistreiche Reflexion über… ja, über was eigentlich? Irgendwas mit Männern und Frauen sicherlich. Frauen wollen Liebe, die Männer sind bestenfalls vulgäre Sex-Maniacs, in der Regel aber völlig durchgeknallte Wracks, was man ihnen nur nicht auf den ersten Blick ansieht. Ob sich Campions Einschätzung auf das Genre bezieht, in dem er beheimatet ist oder auf die wirkliche Welt, gibt der Film nicht preis.

Ein wenig hat mich „In The Cut“ an die Satz-Schnipsel an Frannies Wand erinnert (sie sammelt Poesie, die sie an ihre Zimmerwand heftet): Jeder Satz ist für sich genommen schön, doch tritt man einen Schritt zurück und sieht sich das „Kunstwerk“ aus der Entfernung an, verlieren die Details ihre Bedeutung. Neue Muster entstehen, die aber noch nicht so recht ein Bild ergeben wollen. Was bleibt ist ein großes Durcheinander.

Bild © Euro Video

Taken 3 (Olivier Megaton, Frankreich 2014)

Posted by – 5. Januar 2015

Schon zweimal musste der Ex-CIA-Agent und Familienvater Bryan Mills (Liam Neeson) seine Familie aus den Fängen fieser Ausländer befreien. Doch diesmal scheitert er und das nicht nur, weil er nicht verhindern kann, dass seine Ex-Frau (Famke Janssen) umgebracht wird. „Taken 3“ misslingt in so vieler Hinsicht – die Actionszenen, zusammenhangslose Fetzen Bild, die wie falsch zusammengeklebtes Daumenkino wirken, sind da nur eines von vielen Beispielen –, dass es sich lohnt, dazu einen etwas längeren Text zu schreiben. Das habe ich für Kino-Zeit.de getan.

“Liebster Award” oder: Jemand mag mich

Posted by – 4. Januar 2015

Ich bin so schlecht in so etwas. Ich will gar nicht wissen, wie viele Stöckchen ich schon im Keller habe. Aber ich wurde ich von Sophie alias der Filmlöwin für den „Liebster Blogger“-Award nominiert und das ist natürlich etwas ganz Besonderes (sie ist die erste Filmlöwin!). Wenn ich das richtig verstehe, muss ich die 11 Fragen, die sie mir gestellt hat beantworten und darf mir dann selber Fragen ausdenken und meine Lieblings-Blogger nominieren, die dann usw. Zumindest den ersten Teil der Aufgabe will ich versuchen, zu erfüllen, also:

Angenommen Dein Leben würde verfilmt werden. Wie würde der Film heißen und wer sollte die Hauptrolle spielen?

„Er wartete bis nichts geschah“ heißt die prickelnd-erotische Komödie, die mein Leben zum Thema hat. In der Hauptrolle Albert Camus, Heinz Rühmann oder – wenn der Star noch lebendig sein soll – Oliver Korittke. Aber: Mein Leben soll bitte bitte nicht verfilmt werden.

Das Internet – Segen oder Fluch? Und warum?

Segen. Zumindest für mich. Weil Langeweile quasi Geschichte. Leider komm ich zu nix mehr seitdem. Also Fluch. Ganz klar.

Worüber würdest Du gerne einmal ein Buch schreiben?

Da fallen mir sehr viele Themen ein. Mein erster Roman wird eine Mischung aus einer unlustigen Version von „Herr Lehmann“ und einer nicht-jugendfreien von „Twilight“.

Was war der erste (fiktionale) Text, den Du jemals ohne Aufforderung von Lehrern oder Eltern, also aus purer Lust an der Freude geschrieben hast?

Einer meiner ältesten Texte heißt „Sommernacht am Meer“ und handelt von einem Mann, der nach Jahren wieder in sein Heimatdorf an der Nordsee kommt – dort aber keine Menschenseele vorfindet. Er sucht und sucht und am Abend kommt er dann schließlich ans Meer – wo alle Dorfbewohner schon auf ihn warten! Der Text ist nicht autobiografisch, obwohl ich auch von der Nordsee komme.

Welches Lied oder Musikstück kannst Du Dir immer und immer wieder anhören und es bleibt trotzdem so berauschend wie beim ersten Mal?

Nichts ist wie beim ersten Mal. Wobei ich das erste Mal jetzt gar nicht überbewerten will – im Gegenteil. Eigentlich sind mir die folgenden Male immer schon lieber gewesen, so als würden meine Sinneszellen mit jedem Mal mehr werden und sich mein Sensorium immer besser justieren. Wie war nochmal die Frage? Musikstück, das ich immer wieder hören kann? Michael Nyman „Memorial“.

Wenn Du in die Vergangenheit reisen könntest, welche Zeit würdest Du wählen und warum?

Ich google gerade schon die ganze Zeit, in welcher Epoche wohl die besten Partys gefeiert wurden. Bin aber anscheinend zu doof, das herauszufinden. Deswegen vielleicht lieber nach London des Jahres 1888. Wohlmöglich schnapp ich ja Jack the Ripper. Oder ins Mesozoikum, Dinosaurier gucken. Aber eigentlich würde ich eh lieber in die Zukunft reisen. Und deswegen mache ich das ja auch.

Du darfst den Friedensnobelpreis verleihen. Wer bekommt ihn?

Ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss. Ich habe absolut keine Ahnung, wer den verdient hat.

Welche Erfindung fehlt dieser Welt? Was brauchen wir unbedingt?

Oh, sehr viele. Erfindungen, die das Leben verlängern, das Leid der Welt lindern, etc. Ein paar Anregungen für die sehr ferne Zukunft finden sich in Greg Egans Roman „Diaspora“. Für’s erste täten es aber sich selbst kühlende Koppfkissen.

Wenn Du genau ein weltweites Gesetz erlassen dürftest, welches wäre das?

Ich würde Hupen verbieten.

Welche Begabung, die Du nicht besitzt, hättest Du gerne und warum? Superkräfte zählen nicht!

Ich wäre gerne besser darin, mich zu Dingen zu zwingen, ich gerne will. (Das hört sich verkorkst an. Und das ist es auch.)

Welche Internetseite bzw. welches Blog sollte Pflichtlektüre in deutschen Schulen sein und warum?

Bücher, die jeder gelesen und Filme, die jeder gesehen haben muss, gehören genauso wenig zu meiner Vorstellung von guter Schule wie Pflichtblogs. Gleichwohl glaube ich, dass man soviel Kultur aufnehmen und verarbeiten sollte wie geht, um dann, optimalerweise gemeinsam mit anderen, „etwas daraus zu machen“.