Cube (Vincenzo Natali, Kanada 1997)

Posted by – 21. Mai 2015

CubeEingesperrt zu sein – das gehört wohl zu den furchtbarsten Erfahrungen überhaupt. Dass sich das klaustrophobische Gefängnis dann aber noch als bösartige Todesfalle entpuppt, macht die Sache natürlich nicht besser.

Sechs Menschen erwachen in einem Raum. Dieser hat die Form eines Kubus. Sechs Türen an jeder Seite führen in andere Räume, die dem vorherigen bis aufs Haar zu gleichen scheinen. Keiner der Verschleppten hat eine Ahnung, wie er in dieses Labyrinth geraten konnte und jeder versucht anders mit der Situation zurecht zu kommen. Ausbrecherkönig Rennes (Wayne Robson) will sich lieber alleine durchschlagen, die hochbegabte Matheschülerin Leaven (Nicole De Boer) hat einfach nur Angst, der Architekt und Zyniker Worth (David Hewlett) sitzt apathisch da und scheint keinen Überlebenswillen zu besitzen. Die Ärztin Holloway (Nicky Guadagni) sorgt sich vor allem um ihren Mitgefangenen, den Autisten Kazan (Andrew Miller). Cop Quentin (Maurice Dean WInt) will die Gruppe zusammenhalten. Der Zusammenhalt ist bitter nötig, denn bald stellen die Gefangenen fest, dass hinter jeder Tür eine Todesfalle lauern kann.

Manchmal gibt es Filmerlebnisse, die keiner so richtig mitbekommt. Vincenzo Natalis „Cube“ ist so ein Fall. Sein Film aus dem Jahre 1997 ist nicht nur ein unglaublich intensiver, schwer erträglicher klaustrophobischer Alptraum, sondern ebenso ein intellektuelles Puzzlespiel, das Sozialpessimismus mit ätzender Zivilisationskritik verbindet. Die Genialität seiner düsteren, bis ins Kleinste durchgeplanten Technologieparabel, die einst auf dem Fantasy Filmfeste für Furore sorgte, sprach sich erst nach und nach auch in größeren Kreisen herum. Mich hat er damals jedenfalls von den Socken gehauen.

Während die Protagonisten einen Moment brauchen, bis sie ihre nahezu aussichtslose Lage erkennen, weiß der Zuschauer bereits nach dem Intro, welches mörderische Potenzial das kubusartige Gefängnisses hat. Wie schlimm alles wirklich ist, dürfte damals wie heute auch die eingefleischtesten Genre-Kenner überrascht haben bzw. überraschen. Doch „Cube“ vorschnell als reinen Genrefilm abzustempeln, wird ihm nicht gerecht. Mögliche Kritikpunkte, wie das übertriebene Acting oder die teilweise artifiziell wirkenden Dialoge passen in gewisser Weise gut zu seiner theaterhaften Künstlichkeit. In mancherlei Hinsicht erinnert er an Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“, ohne ganz in dessen Beziehungs-Nihilismus zu erschöpfen. Auch hier sind die Figuren, bzw. die Chemie zwischen ihnen, der eigentlich Spengstoff. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist, ist meiner Meinung nach trotzdem nur ein Nebenaspekt des Films. In der Schreckensformel dieses Konstrukts sind Individuen lediglich ein Teil der Gleichung. Es ist der „grenzenlose, menschliche Stumpfsinn“ für dessen Realität der Kubus ein Existenzbeweis ist.

Warum passiert das alles? Warum gibt es den Würfel und warum wurden Menschen in ihn verschleppt? Vincenzo Natalis Antwort ist gleichermaßen unbefriedigend wie einfach und bitter: Weil es möglich ist. Oder um es mit einem Zitat aus dem Film zu sagen: „Why put people in it?“ „Because it’s here. You have to use it or admit it’s pointless.“ „But IT IS pointless“ „That’s my point“.

Bild © Highlight

Prince Of Darkness (John Carpenter, USA 1987)

Posted by – 19. Mai 2015

Prince Of DarknessWenn man sich über Carpenter-Filme unterhält, wundere ich mich regelmäßig, wie viele Filmfans „Prince Of Darkness“ sehr mögen, ohne sich wirklich durchringen zu können, ihn an die Spitze ihrer persönlichen Rangliste des Regisseurs zu stellen. Wobei – irgendwie kann ich es auch gut nachvollziehen. Schließlich geht es mir ähnlich. Bei mir rangiert der Film pi mal Daumen auf Platz 5 meiner Carpenter-Charts. Meine Einstellung zu dem Film ist mir bei der letzten Sichtung etwas klarer geworden und ich will versuchen, das hier mal ganz knapp zu notieren.

In diesem Film erzählt John Carpenter nach eigenem Drehbuch die Geschichte einer im wahrsten Sinne teuflischen Bedrohung: Im Keller einer lange geschlossenen Kirche wird eine seltsame Entdeckung gemacht. Ein Priester (Donald Pleasence) verständigt daraufhin eine Gruppe von Wissenschaftlern unter der Leitung Howard Birack (Victor Wong), die das Phänomen genauer untersuchen wollen. Doch ehe sie sich versehen, sitzen sie in der Falle – sie können die Kirche nicht verlassen. Und im Keller lauert der Prinz der Finsternis und wartet darauf, wiedergeboren zu werden.

Irgendwo zwischen den allseits bejubelten Meisterwerken und den Filmen, bei denen sich die meisten einig sind, dass sie wirklich gar nichts taugen, hat John Carpenter einige Filme gedreht, die sich im Mittelfeld versteckt halten. „Prince Of Darkness“, nach „The Thing“ und vor „Mouth Of Madness“ der zweite Teil von Carpenters sogenannter apokalyptischer Trilogie, ist so ein Film, der nie ganz zu den Klassiker aufgeschlossen hat, der sich angesichts seiner mannigfaltigen Stärken aber ohne Frage irgendwo im oberen Drittel verorten lässt. Schon der Anfang versetzt mich jedes Mal in Hochstimmung. Die zielführende Hinführung zum Plot, die dezente Vorstellung der gleichwohl markanten Figuren und dann die Location, diese wunderbar gruselige Kirche in einem ebenso gruseligen Teil von Los Angeles, die anfangs schwer fassbare Bedrohung, die innerhalb und außerhalb der Gemäuer lauert. Eingesperrt sein ist auch hier wieder ein ganz zentrales Thema. Je mehr Raum das Böse bekommt, desto unfreier werden die Figuren, die im Laufe des Filmes verschiedene Stadien der Gefangenschaft durchlaufen. Ja, „Prince Of Darkness“ hat alles, was Carpenter-Filme auszeichnet – und noch mehr.

Für manchen mögen hier auch die Probleme anfangen. Hat dieser apokalyptische Sci-Fi-Horror- und Zeitreisefilm von allem etwas zu viel? Zu viel pseudo-wissenschaftliches Gebrabbel enthält er mit Sicherheit, aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm, so bluten einem wenigsten ordentlich die Ohren. Mich jedenfalls hat dieses relative Manko eigentlich nicht gestört, zumal der geniale Regisseur Carpenter die Schwächen des Drehbuchautors Carpenter mehr als ausgleicht. Ich empfinde den dadurch entstehenden Trash-Appeal sogar als ganz guten Ausgleich für die Horror-Seite des Films. Ja, ich würde sagen – nach „The Thing“ ist „Prince Of Darkness“ der spannendste Film, den John Carpenter je gemacht hat. Insofern habe ich meine Probleme auch eher mit dem letzten Drittel des Films, denn hier funktioniert er für mich dramaturgisch nicht mehr so gut. Mich würde sehr interessieren – geht es anderen ähnlich? Die Figuren sind zu dem Zeitpunkt eingeschlossen in drei verschiedenen Räumen. Sie können nicht heraus, aber auch nicht bleiben. Bei einer besteht sogar die Notwendigkeit, ihren Aufenthaltsort zu verlassen. Was auf dem Papier ganz reizvoll klingt, erweist sich im Film – möglicherweise noch nicht gleich beim ersten Sehen, aber bei jeder erneuten Sichtung etwas mehr – als zunehmend zäh. Mehr Gefängnisse erhöhen nicht den Grat an Gefangenschaft. Carpenter schneidet von Raum zu Raum und nach einer langen Weile, ohne besondere dramaturgische Notwendigkeit, mündet das Ganze in einem wenig glorreichen Finale. Die Wissenschaftler können den Prinzen der Finsternis recht unspektakulär auf einmal aus der Welt schubsen. Und ab dafür.

Viel gruseliger sind da schon die letzten Sekunden, die für die letzte halbe Stunde mehr als entschädigt. Carpenter verabschiedet sich mit einem eindrucksvollen Bild, wenn nämlich deutlich wird, dass das Böse zwar vertrieben aber niemals völlig aus der Welt ist. Es blickt uns tagtäglich in unserem Ebenbild an. Und weil der Wissenschaftler ein Narzisst ist, wird er die verspiegelte Büchse der Pandora auch immer wieder von neuem öffnen.

Bild © Studiocanal

Terminator (James Cameron, USA / Großbritannien 1984)

Posted by – 19. Mai 2015

TerminatorUm mich für „Mad Max: Fury Road“ einzustimmen, den ich letzten Sonntag Abend im Kino gesehen habe (Text folgt vielleicht noch), habe ich zuvor diesen Klassiker aus dem Regal gezogen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich „Terminator“ mittlerweile gesehen habe – oft! – aber weil das letzte Mal schon wieder ein Weilchen zurückliegt und das Thema „Wiederholung“ ohnehin gut zu dem Film passt, ist es an der Zeit, meine Erinnerung an ihn mal wieder aufzufrischen.

„Terminator“ erzählt die Geschichte von zwei Zeitreisenden – dem Soldaten Kyle Reese (Michael Biehn) und dem Cyborg T-800 (Arnold Schwarzenegger). Beide sind aus der Zukunft in die Gegenwart des Jahres 1984 zurückgekehrt, um eine Frau zu finden: Sarah Connor (Linda Hamilton). Der eine will sie töten, der andere sie retten. Denn in der Zukunft haben nach einem Atomkrieg die Maschinen die Macht übernommen und die Reste der Menschheit fürchtet ums Überleben. Sarah Connors zukünftiger Sohn John, der im Jahre 1984 noch nicht geboren ist, wird die Rebellion gegen die Maschinen erfolgreich anführen; aus diesem Grund wollen die Maschinen seine Geburt verhindern.

„Terminator“ ist für mich so etwas wie die Sci-Fi-Version von John Carpenters „Halloween“, weil der Film in Struktur und Stimmung ähnliche Merkmale aufweist. (Und sogar Schwarzenegger sieht in ein paar Einstellungen aus wie Michael Myers.) In diesem Action-Bollwerk kommt die Bedrohung allerdings nicht aus dem Irrenhaus, sondern aus der Zukunft; und sie ist auch nicht so schwer fassbar wie Carpenters Film, denn wir wissen, was der Terminator will. Er will die Mutter des ärgsten Feindes der Robomacht der Zukunft vernichten, ehe dieser zu einer Gefahr werden kann. Klingt straight, ist es aber nicht. Denn: Gelänge ihm dies, würde es den Film wohl nicht geben, wäre die Menschheit der Zukunft Geschichte. Weil es den Film aber gibt, können wir daraus schließen, dass der Terminator scheitert – und die Geschichte ist eine unmögliche Figur, die sich immer wiederholt, ohne wirklich sein zu können. Ad infinitum. Wenn man jetzt noch einbezieht – Menschen, die „Terminator“ noch nicht gesehen haben, überlesen das bitte mal kurz –, dass Sarah und Kyle ein Stelldichein haben, dessen Produkt Sarahs Sohn John sein wird, erstrahlt dieses ödipale Escher-Gemälde von einem Film erst in voller Pracht.

Der Sohn schickt seinen Vater durch die Zeit zurück, um die eigene Zeugung sicherzustellen, die Maschinen, deren Emporkommen sich später ebenfalls als direktes Resultat des Zusammentreffens der Zeitreisenden im Jahr 1984 zeigt, schicken eine Art Anti-Vater zurück, der die Zeugung verhindern soll – der dadurch aber andererseits auch wieder die Bedingung der Möglichkeit der eigenen Existenz nihiliert hätte. Zum Schluss ist der einst so mächtige T-800 wie ein Baby, das mit letzter Kraft durch die Fabrikhalle krabbelt, bis er von der Mutter in einem schöpferischen Akt zerquetscht wird. Aber als Baby steht er auch für Leben und tatsächlich sichert gerade seine Zerstörung seine zukünftige Existenz und ewige Wiederkehr ins Jahr 1984. Halleluja! Je länger man darüber nachdenkt, desto fester zieht der Möbiusknoten im Kopf. Jedenfalls ist – und das ist es, was ich vermutlich sagen will – „Terminator“ damals wie heute eine runde Sache!

Bild © Twentieth Century Fox

Tomorrowland (Brad Bird, USA 2015)

Posted by – 19. Mai 2015

Bei „Tomorrowland“ bzw. „A World Beyond“, wie er auf gut deutsch heißt, weiß ich auch nicht so recht. Einerseits fand ich ihn flott, amüsant und warmherzig. Gute Action-Szenen! Und auch die Figuren – George Clooney als griesgrämiger Erfinder Frank Walter, Britt Robertson als das junge Genie Casey Newton und Raffey Cassidy als Götterbotin Athena – waren mir sehr sympathisch. Trotzdem hat mich Brad Birds Film in einer ambivalenten Stimmung zurückgelassen. Am Ende ist alles zu einfach, zu schwarz-weiß und moralisch zumindest zu hinterfragen. Denn wenn es wirklich Disney’s Träumer-Elite obliegt, die Welt von Morgen (er)finden, wage ich die Prognose, dass sich nicht jeder Mensch gleichermaßen gut vertreten fühlen wird. Auf Kino-Zeit.de führe ich diese Gedanken weiter aus.

Giftchen (Konrad Kästner, Deutschland 2011)

Posted by – 13. Mai 2015

FullSizeRender (2)Es gibt kaum etwas, das schizophrener ist, als die Drogenpolitik in Deutschland. Das zeigt sich besonders beim Thema Alkohol. Nach Aussage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung sterben jährlich in Deutschland fast 20.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Wenn man einen kombinierten Tabak- und Alkoholkonsum dazurechnet, sind es sogar fast 75.000 Menschen. Ein paar halbherzige Kampagnen der Bundesregierung oder die Altersgrenze von 16 für Bier und Wein bzw. 18 Jahren Spirituosen ändern nichts daran, dass das Trinken zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland gehört, aber trotzdem fest in der Gesellschaft verankert ist. Schizophren ist aber nicht nur der politische Umgang mit diesem Thema, sondern auch der gesellschaftliche: Jeder weiß um die Gefahren von Alkohol und kennt die Zahlen, trotzdem ist Trinken normal und es hält sich hartnäckig das Ideal vom maßvollen Alkoholkonsum, der im Gegensatz zur skeptisch beäugten Abstinenz als erstrebenswert gilt.

Konrad Kästner thematisiert in seiner Dokumentation die gesellschaftspolitische Dimension nur am Rande. Er konzentriert sich auf seine vier Protagonisten, Karin, Oli, Rolf – und seine eigene Mutter. Er begleitet die vier in seinem Film ein Stück auf ihrem Lebensweg und lässt sie über das berichten, was Alkohol für sie ist. Für alle gilt: Eine Welt ohne Alkohol ist für kaum vorstellbar. Das wird in berührenden Szenen deutlich. Zum Beispiel bei Rolf, der entgegen dem ersten Anschein nach der Sucht noch nicht entkommen ist. Oder bei Karin, die so deprimiert und überfordert wirkt, dass der Zuschauer ihre Hoffnungslosigkeit beinahe am eigenen Leibe spürt. Selbst bei Kästners Mutter, die seit sechs Jahren abstinent lebt, nimmt das Thema immer noch großen Raum in ihrem Denken ein. Auch Kästner,der eine Bar in Berlin betreibt und dem man seine persönliche Betroffenheit mehrmals im Film anmerkt, nimmt sich da nicht aus. Wie sollte es auch anderes sein. Alkohol ist ominpräsent in unserer Gesellschaft, der Späti, in dem man 24 Stunden am Tag Schnaps kaufen kann, befindet sich, wie Oli berichtet, direkt vor der Entzugsklinik. Wahrscheinlich ist er nicht Wenigen bereits zum Verhängnis geworden.

In der für mich vielsagendsten Szene des Films diskutiert der aus der Klinik entlassene Oli mit einem alten Freund über das Thema Alkohol. Während der Süchtige unsicher an einem Glas Tee herummacht, trinkt sein Kumpel fast schon provokativ ein Bier. Nicht nur, dass der Freund die Regeln, die Oli für das gemeinsame Wohnen aufstellt (kein Alkohol in der Wohnung) mit einem ironischen, süffisanten Lächeln quittiert, auch Olis Erzählung über die Anfänge seiner Sucht werden von dem Freund in Frage gestellt („du erinnerst dich falsch, es war alles ganz anders“). Was ich hieran unheimlich finde, ist, dass selbst im direkten Gespräch mit einem Betroffenen, die Deutungshoheit darüber, wie die Dinge sind und waren, was normal und was es nicht ist, bei den vermeintlich Nicht-Kranken liegt. Diese Szene macht meiner Meinung nach sehr gut den eigenartigen Umgang mit dem Thema Alkohol bzw. Alkoholkrankheit deutlich. Trinken ist so lange akzeptiert, bis jemand die unsichtbare Linie zwischen „normalem“ Trinken und Suchttrinken überschreitet. Der Süchtige – das wird beispielhaft in dieser Szene sichtbar – ist in den Augen der Anderen das Problem und nicht etwa die Substanz oder die gesellschaftlichen Verhältnisse. So ein Feierabendbierchen kann ja wohl nicht schlecht sein.

Dass die Dokumentation so eindrucksvoll geworden ist, liegt aber nicht nur an Kästners sensiblen Umgang mit dem Thema, dem Respekt, den er den alkoholkranken Menschen entgegenbringt und seinem Erzähl-Rhythmus wie seinem feinen Gespür dafür, wann Distanz und wann Nähe gefragt ist. Auf der technischen Seite kann die Dokumentation ebenfalls überzeugen. Besonders hervorzuheben ist hier die Kamera von Sandra Staffl, die nicht nur die Interviewpassagen unverfälscht und sachlich aber niemals bloßstellend eingefangen hat, sondern auch in einigen rauschhaften Zwischenpassagen Trübsinn und Verheißung des Alkohols einfängt. Unsere Hochachtung haben sich nicht zuletzt die vier Protagonisten dieser gelungenen Dokumentation verdient, die den Mut hatten, sich mit ihren Problemen ungeschönt der Welt zu stellen – wohl weil sie ahnten, dass sie nur in einer aufgeklärten Gemeinschaft ihrer Alkoholsucht werden entkommen können. Vielleicht trägt Kästners starker Dokumentarfilm ja ein Stück dazu bei.

The Guest (Adam Wingard, USA 2014)

Posted by – 9. Mai 2015

guestAls es an der Tür der Familie Peterson klopft, ahnt diese noch nicht, dass sich ihr Leben bald entscheidet ändern wird. Vor der Tür steht David (Dan Stevens), angeblich der Kamerad ihres gefallenen Sohnes Caleb. David wird schnell ein Freund der Petersons, vor allem Sohn Luke (Brendan Meyer) bewundert den selbstbewussten, schlagkräftigen Soldaten. Nur Tochter Anna (Maika Monroe) bleibt misstrauisch. Zu recht, wie sich bald herausstellt.

„Falsche Freunde gleichen unseren Schatten“, las ich kürzlich. „Sie halten sich dicht hinter uns, solange wir in der Sonne gehen und verlassen uns, sobald wir ins Dunkel geraten.“ Dieses Zitat von Unbekannt passt auch sehr gut auf meine nach „You’re Next“ nunmehr zweiten Film von Adam Wingard, der mir gleich noch einmal ein gutes Stück besser gefallen hat. Wieder geht es um das Thema Familie und wieder ist diese in gewisser Weise dysfunktional. War sie in „You’re Next“ durch Missgunst und Gier ausgehöhlt, haben die Petersons die Trauer um Caleb nicht verarbeitet und lassen deswegen allzu breitwillig einen Fremden ins Haus, der ihnen die Illusion der Nähe zu ihrem verstorbenen Sohn schenkt. Ob der Vater Spencer (Leland Orser) schon früher ein Alkoholproblem hatte, die Mutter Laura (Sheila Kelley) ähnlich passiv war, Anna sich mit gerne mit Versagern einließ und ob Luke in seiner Schule schon immer das Opfer – oder ob all das erst die Folge von Calebs Tod war, erfährt der Zuschauer nicht. Doch durch das Auftauchen von David passiert etwas im Familiengefüge. Und die Änderungen sind nur zu ihrem besten und deutlich, wie sehr das Kind bzw. große Bruder fehlt und wie wenig es den Petersons bisher gelungen ist, diese Leerstelle zu füllen. Dem ersten Anschein zum Trotz ist David ist kein Ersatz für den verlorenen Sohn, sondern erweist sich für das brüchige Familien-Gefüge als äußerst zerstörerisch – nicht zuletzt weil der falsche Freund selber nicht nur einen leichten Knacks hat. Und so werden aus kleinen plötzlich sehr große Probleme bis zum Schluss kein Stein mehr auf dem anderen liegt.

Doch „The Guest“ ist – auch wenn das vielleicht bis hierhin so klingt – alles andere als ein differenziertes Psychodrama, fast möchte ich sagen im Gegenteil! Die angesprochenen Aspekte über die nicht verarbeiteten Traumata der Familie machen den Film zusätzlich interessant, weil sie wie David für die Petersons Projektionsflächen für den Zuschauer sind, doch bleiben sie letztlich Leerstellen und weiteres Nachdenken über die Zusammenhänge deswegen bloße Spekulation. Wer ist der unbekannte Gast? Ein Fremder? Der Freund des Sohnes oder vielleicht sogar dieser selbst? Auf diese und weitere Fragen, die man sich stellen könnte, gibt es keine Antworten. Aber das ist nicht weiter schlimm, weil Wingards Film auch als straighter Thriller mit einigem Campappeal ganz prächtig funktioniert! Er ist extrem unterhaltsam, markant und angenehm substanzlos – ohne dumm zu sein; und wie schon „You’re Next“ wirkt er irgendwie aus der Zeit gefallen, vereint dabei aber die Vorzüge verschiedener Epochen. Wahnsinnig guter Score auch. Aber anders als bei genanntem Film hat man bei „The Guest“ allerdings nicht mehr den Eindruck, Wingard würde mit angezogener Handbremse inszenieren, sondern mit durchgedrücktem Gaspedal statt den Parcours zu fahren, direkt das Ziel ansteuern. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob der Film nicht ein Remake ist sei, weil es irgendwie schwer vorstellbar ist, dass erst jemand wie Adam Wingard im Jahre 2014 daherkommen muss, um diese „Righ in your face“-Story zum ersten Mal zu erzählen. Aber bei der anschließenden Recherche habe nichts dementsprechendes herausfinden können. Schon das zeigt, meine ich, was für Kinnhaken von einem Film „The Guest“ geworden ist.

Bild © Splendid Film/WVG

You’re Next (Adam Wingard, USA 2011)

Posted by – 9. Mai 2015

You're NextEs ist eine schwer zu meisternde Herausforderung für einen Filmemacher, sich der Geschichte des Horrorfilms und der Mechanismen des Genres bewusst zu sein, weiterhin eine bestimmte Ära erkennbar zu favorisieren – und dann einen eigenen Film zu drehen, der weder wirkt wie schamlos abgekupfert, angeberisches Zitat- oder Meta-Kino. Adam Wingard ist dieses Kunststück mit „You’re Next“ zwar geglückt, allerdings auf Kosten echter Alleinstellungsmerkmale.

Der Film handelt von einer wohlhabenden Familie, die sich anlässlich des Hochzeitstags des Sippenoberhaupts Paul (Rob Moran) und seiner Frau Aubrey (Barbara Crampton) in einem abgelegenen Landhaus einfindet. Dass sich nicht alle der Anwesenden grün sind, bekommt der Zuschauer schnell mit. Doch die Zwistigkeiten zwischen ihnen sind der Familienmitglieder geringste Sorge als beim Abendessen plötzlich Pfeile durchs Fenster fliegen und klar wird – jemand hat es auf ihrer aller Leben abgesehen. Dass die Bedrohung keine rein äußerliche ist, sondern die Gefahr von Innen kommt, ahnen die meisten Zuschauer bestimmt schon sehr bald. Beweise erhalten sie nicht viel später. Das tut der Spannung von Wingards blutiger, Home-Invasion-Farce mit Retro-Krimi-Einschlag allerdings keinen Abbruch – und das nicht nur, weil die Handlung noch die ein oder andere Wendung parat hält, sondern weil der Regisseur nach meinem Empfinden hier einfach sehr oft den richtigen Ton trifft: zum einen im wahrsten Wortsinne durch einen tollen, minimalistischen Score, zum anderen, weil er es weder in Sachen Humor, noch Gewalt und glücklicherweise auch nicht durch übermäßig offensichtliches Zitate-Dropping übertreibt. Wingards Film könnte fast ein Werk aus jedem Jahrzehnt der letzten 50 Filmjahre sein, ihm gelingt es, viele Stärken unterschiedlicher Zeiten miteinander zu vereinen.

Das ist alles sehr erfreulich, die benutzten Versatzstücken sind gekonnt aneinandergereiht und an Geschmack fehlt es Wingard offensichtlich auch nicht. Und doch fehlt das letzte bisschen, um in mir einen echten Sturm der Begeisterung zu entfachen. Dafür wirkt der Film in seiner zurückhaltenden, austarierten Art irgendwie etwas zu aufgeräumt, zu brav, so als würde Wingard der Mut fehlen, dem Stoff seinen Stempel aufzudrücken. Es kommt mir ein wenig so vor, als würde er durch eine 30-Zone fahren, aber denken, er sei in eine Spielstraße. Die Pflicht ist hier tadellos erfüllt, an der Kür darf der Regisseur, der schon für „Home Sick“, „A Horrible Way To Die“ und seine Kurzfilme im Rahmen der „V/H/S“-Reihe mir gegenüber lobend erwähnt wurde, meines Erachtens noch ein wenig arbeiten. Das würde sich lohnen. Ich habe das starke Gefühl, der Film ist weniger, als er hätte sein können. Zum Glück ist in diesem Fall auch weniger schon erheblich mehr als viele andere zeitgenössische Genre-Regisseure auf die Reihe bekommen. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß und Freue mich darauf, noch weitere Filme von Adam Wingard zu sehen.

Bild © Splendid Film/WVG

Dracula: Pages From A Virgin’s Diary (Guy Maddin, Kanada 2002)

Posted by – 6. Mai 2015

Dracula- Pages From A Virgin's DiaryBram Stokers „Dracula“ wurde schon sehr oft für die Leinwand adaptiert. Als bekennender Vampirfilm-Fan im Allgemeinen und dieser speziellen Geschichte im Besonderen machen sich natürlich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Irgendwann hat man alles gesehen. Zumindest dachte ich das, bis ich „Dracula: Pages From A Virgin’s Diary“ von Guy Maddin gesehen hatte.

Vielleicht zu Beginn ein wenig persönlichen Kontext: Diesen Film von Guy Maddin habe ich bei meinem ersten und leider auch einzigen Besuch in den Berliner Tilsiter Lichtspielen gesehen. Es war nach „My Winnipeg“, den ich auf der Berlinale gesehen hatte, „The Saddest Music In The World“ und „Brand Upon The Brain“ (beide auf dem TV) mein vierter Film des kanadischen Regisseurs und momentan einer der mir liebsten. Nicht nur, dass mich sein eigenwilliger Stil, Filme zu drehen, erneut begeisterte, auch war ich sehr erstaunt eine Adaption zu sehen, die dem klassischen Dracula-Stoff noch einmal neue Seiten abringen konnte. Das liegt sicher auch daran, dass Maddin für den Sender CBC die Ballettversion des Stoffes von Mark Godden und dem Royal Winnipeg Ballett für die Leinwand adaptiert hat – aber nicht nur. Auch inhaltlich setzt der Film wichtige Akzente.

Was mir vorher nie aufgefallen ist und was Maddins Film wunderbar herausarbeitet: In der Stokers Dracula-Geschichte geht mehr oder weniger explizit um Fremdenfeindlichkeit. Schließlich kauft der Graf aus Übersee nicht nur Grundstücke in England, er spannt (und saugt) den britischen Gentlemen auch die Damen aus. Kein Wunder also, dass der männliche Verehrerkreis um Lucy Westenra (Tara Birtwhistle), die Freundin von Mina Murray (CindyMarie Small), Jonathan Harkers Verlobte, ziemlich alle allergisch darauf regieren, als Lucy sich auf einmal seltsam verhält. Als Schuldiger wird von Professor Abraham van Helsing (David Moroni), einem Experten für fremdländische Bedrohungen, schnell Graf Dracula (Wei-Qiang Zhang) ausgemacht, den der Männertrupp danach erbarmungslos jagt – allerdings nicht ohne Mina vorher ins Jenseits zu befördern, schließlich ist sie durch den Kontakt mit dem Grafen irgendwie besudelt. Maddin & Mark Godden machen das unglaublich geschickt, wie sie dem Stoff frech ihren Stempel aufdrücken, z.B. indem sie Jonathan Harkers Reise zum Grafen, seine Erlebnisse auf dem Schloss in knapp einer Minuten und zudem erst spät im Stück als Rückblende abhandeln, dafür aber die sexuellen Aspekte des Stoffs ironisieren und seine xenophobe Tendenz wunderbar stimmig nicht ohne Humor herausarbeiten. So richtig schön tanzen die Frauen hier nur, wenn Dracula zugegen ist. Kein Wunder, dass Briten sich von dem Fremdling gehörig auf den Schwanz getreten fühlen und so sind das Unheimlichste an diesem insgesamt eher amüsanten Film die selbsternannten Vampirjäger, die erst ruhen, als sie den Ausländer, der ihnen die Frauen und ihr Geld stiehlt, ausgeschaltet haben.

Ich zögere gerade ein wenig, diesen Film mit dem Tag „Lieblingsfilm“ (neu im Blog!) zu versehen. Zwar mag ich ihn immer noch sehr, aber die gleiche Faszination wie im Kino konnte diese Zweitsichtung nicht entfalten. Man kann einen Film eben nur einmal zum ersten Mal sehen; außerdem sind Filme im Kino in der Regel einfach besser. Andererseits kann der Film für diejenigen, die glauben schon alles Wesentliche über Blutsauger zu wissen, eine kleine Offenbarung sein. Deswegen möchte ich ihn ganz dringend allen ans Herz legen, die sich für den Dracula-Stoff interessieren, wie denen, die bisher nichts damit anfangen konnten. In einem Genre, das heutzutage mehr tot als lebendig wirkt, erweist sich Maddins „Dracula: Pages From A Virgin’s Diary“ stilistisch wie inhaltlich frisch und äußerst vital.

Bild © Tartan Video

German Angst (Jörg Buttgereit, Andreas Marschall, Michal Kosakowski, Deutschland 2015)

Posted by – 30. April 2015

German Angst„German Angst“ bezeichnet eigentlich die „typisch deutsche Zögerlichkeit“, die den Deutschen im angelsächsischen Raum zugeschrieben wird. Dass dieser Film ein Beispiel für eben diese kollektive Charaktereigenschaft ist, kann man allerdings nicht behaupten. Eher ist das Gegenteil zutreffend, denn so radikal und schmerzhaft war wohl schon lange kein deutscher Genre-Beitrag mehr. Somit darf der Titel des Films, der aus drei Kurzfilmbeiträgen von Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall besteht, auch eher in seinem eigentlichen Wortsinne verstanden werden: Hier geht es um Ängste, die zwar nicht typisch deutsch, wohl aber auf die ein oder andere Weise mit der Bundesrepublik eng verwoben sind. Damit berührt der Film auf nicht besonders zärtliche Weise einen einen halb freiliegenden Nerv. Und das tut weh!

Den Anfang der Kurzfilmkompilation macht Jörg Buttgereits „Final Girl“. Hier geht es um ein missbrauchtes Mädchen (Lola Gave), das sich rächt. Eigentlich war ich auf „German Angst“ auch vor allem wegen Buttgereits Beitrag gespannt, da mich der Berliner Filmemacher in den 1990er Jahren bereits nachhaltig durch seine beiden „Nekromantik“-Filme verwirrt hat. „Final Girl“ besticht nun weniger durch seine expliziten Gewaltdarstellungen – hier ist er entgegen der Erwartungen sogar relativ zurückhaltend –, sondern durch seine eindrucksvolle Inszenierung und die psychologisch stimmige Charakterisierung von Täter und Opfer. Direkt während des Schauens war ich ob der schmalen Geschichte eher unbeeindruckt, mit zwei Tagen Abstand muss ich jedoch sagen, dass Buttgereits Film am meisten nachwirkt.

Michal Kosakowskis „Make A Whish“ fällt dagegen trotz guter Prämisse in meinen Augen etwas ab. Es geht um ein taubstummes Pärchen, das von Nazis aufgegriffen und grausam gequält wird. Einem Amulett, mit dem Menschen angeblich die Körper tauschen können, kommt in dieser Geschichte eine entscheidende Bedeutung zu. Die Idee ist stark, der Gewaltpegel schwer erträglich, aber leider sind die Figuren zu sehr Klischee und die Geschichte auch recht umständlich erzählt. Vielleicht ist „Make A Whish“ einfach zu sehr Kopfgeburt, um wirklich seine volle Kraft zu entfalten. Was bleibt, ist ein schlechtes Gefühl durch einige wirklich grausame Szenen – aber einen nachhaltigen Eindruck hat der Film bei mir trotz seiner bösen Schlusspointe nicht gemacht.

Ein wenig besser hat mir dann wieder der letzte Beitrag von Andreas Marschall gefallen, auch wenn der ebenfalls nicht ohne Klischees auskommt (Stichwort: Party). Von Marshall, der seine Karriere als Comiczeichner begann und einigen vielleicht auch durch seine Artworks für diverse Metalbands bekannt sein dürfte, kannte ich schon „Tears Of Kali“, der aus meiner Erinnerung heraus ganz ok war. In „Alraune“, den ich mir auch als Comic ganz gut vorstellen kann, erzählt Marshall die Geschichte um einen Modefotografen (Milton Welsh), der die Schattenseiten von sexueller Erfüllung kennenlernen muss. Dass hinter der sichtbaren eine weitere, unsichtbare aber verheißungsvolle Welt liegt, die sich dann allerdings meist als ziemlich abgründig und ambivalent entpuppt, ist ein Thema, das man z.B. in den Werken Clive Barkers häufig findet und das auch immerhin in „Alraune“ touchiert wird. Das bringt ihm das Prädikat „ganz ordentlich“ ein.

Insgesamt ganz ordentlich ist auch die gesamte Horror-Anthologie „German Angst“ mit einem sehr guten und zwei passablen Beiträgen. Es gibt ihn also doch, den deutschen Genre-Film – und er muss sich nicht verstecken. Das haben Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall hier eindrucksvoll und schmerzhaft bewiesen. Ein Unding ist es, dass es der aus der breiten Masse herausstechende deutsche Genre-Beitrag fast gar nicht geschafft hat, eine Freigabe ab 18 Jahren zu erhalten und ungeschnitten auf DVD zu erscheinen. Zum Glück hatten die Jugend- und Erwachsenenschützer nach einigem Zaudern doch ein Einsehen und erkannten, dass die deutsche Kurzfilm-Kompilation „German Angst“ zwar äußerst brutal und furchteinflößend, aber keinesfalls gewaltverherrlichend ist.

Bild © Drop-Out Cinema

All That Jazz (Bob Fosse, USA 1979)

Posted by – 24. April 2015

All That JazzGenie, Workaholic, Frauenheld – Joe Gideon (Roy Scheider) ist ein gefeierter Regisseur und Choreograph am Broadway. Gerade ist er dabei, ein neues Stück vorzubereiten – da streikt sein Körper. Joe hat die letzten Jahre über seine Verhältnisse gelebt, zu viel Arbeit, zu viele Drogen und zu wenig Schlaf zollen nun ihren Tribut. Nach einem Herzanfall wird er ins Krankenhaus eingeliefert.

Der Film ist mir auf den Radar geraten, weil ich nach „A Chorus Line“ neulich Lust hatte, mir noch ein paar Sachen aus der Welt des Showbiz und der Bühne anzusehen. Die Geschichte von Richard Attenboroughs Musical-Verfilmung – das Casting für ein Broadway-Stück – wird allerdings schon in den ersten Minuten von Fosses Film quasi im Zeitraffer abgehandelt. Und auch der Rest des Films, in dem es um den Niedergang von Joe Gideons geht, ist wahnsinnig schnell erzählt. Die Geschichte wird allerdings nicht streng chronologisch ausgebreitet. Bereits am Anfang ist der Regisseur in einer Art Zwischenwelt, in der er mit einer Frau (Jesssica Lange) über sein Leben räsoniert. Ob sie ein Engel ist oder ein Abbild seiner irdischen Wünsche, bleibt offen. Der Stress, der ansonsten in seinem Leben hervorsticht, ist in diesen Momenten verschwunden, charmant und abgeklärt, nicht ohne seine Bereitschaft für einen Flirt durchscheinen zu lassen, redet er mit dem hübschen Wesen; nicht ganz so entspannt geht es während seiner letzten Lebensmonate zu, seine Liebschaften wachsen ihm über den Kopf und er hat starke Zweifel, ob er sein neues Stück in den Griff bekommt. Der Film ist in diese Phasen wie Joes Leben – ein einziger Rausch.

Was den Film auszeichnet, sind vor allem drei Dinge: Erstens hat es genau mit dieser erwähnten Rauschhaftigkeit tun. Nicht nur die Traumsequenzen, auch Gideons Leben wirkt wie ein Fiebertraum, seine letzten Monate, die exemplarisch für sein ganzes Lebens stehen können, sind ein nervöses Blitzlicht-Stakkato, in denen es für den Protagonisten und den Zuschauer keinen ruhigen Moment gibt. Zweitens, sein Hauptdarsteller, Roy Scheider, der so viele Kollegen, die sich an ähnlichen Rollen versucht habe, an die Wand spielt und hier wohl die beste Leistung seiner Karriere abliefert. Man glaubt ihm diese Figur, ihr Getriebensein und ihre Manie, alles für ihr neues Stück zu geben. Der Mann tut einem leid, aber man möchte ihn nicht zum Innehalten auffordern, denn man weiß, was ihn treibt und was er tun muss – koste es was es wolle! Drittens sind die beeindruckenden Musical-Einlagen zu nennen bis hin zur abschließenden Traumsequenz, in der Gideon sein neues Stück vorweg imaginiert. Mir persönlich gefällt die kleine Nummer am besten, die Gideons Tochter (Erzsebet Foldi) und seine Geliebte (Ann Reinking) für ein eine kleine Einlage eingeübt haben und die sie dem müden Choreografen in seinem Wohnzimmer vortanzen.

In Deutschland wurde „All That Jazz“ unter dem Titel „Hinterm Rampenlicht“ vermarktet. Das passt auch insofern ganz gut, als dass der Film selbst ein wenig im Schatten zu stehen scheint. Der Film erhielt zwar 9 Oscar Nominierungen und gewann davon auch vier – Bestes Szenenbild, Beste Kostüme, Bester Schnitt und Beste Musik – so richtig im Rampenlicht war er dennoch nie. Bevor ich durch einen Tipp auf ihn gestoßen bin, hatte ich nie von ihm gehört, was mir, jetzt da ich ihn gesehen habe, ziemlich eigenartig vorkommt. „All That Jazz“ ist ein wahnsinniger und wahnsinnig guter Film und jedenfalls einer der besten, die ich in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe. Anhand einiger Wochen aus dem Leben eines Künstlers wird ein ganzes Leben, ja eine komplette Branche auf der Grenze von Schaffensdrang und Selbstausbeutung eindrucksvoll portraitiert. Wie gesagt: Wahnsinn!

Bild © Twentieth Century Fox