The Fog (John Carpenter, USA 1980)

Posted by – 16. März 2015

the fogAnfangs ist es nur die Meldung der Wetterstation, dass eine Nebelbank Richtung Küste zieht. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Bewohner der Stadt Antonio Bay in Kalifornien noch nicht, dass der Nebel kein natürliches Phänomen ist, sondern dass er ihretwegen kommt. Denn Antonio Bay birgt ein dunkles Geheimnis.

Nach einer Redewendung verliert sich die Geschichte immer mehr im Nebel. Bei John Carpenters „The Fog“ bringt ein Seenebel die Ereignisse der Vergangenheit allerdings zurück – in Gestalt von sechs mörderischen Geistern, die Rache wollen für das, was ihnen angetan wurde. Überhaupt ist „The Fog“, John Carpenters Film direkt nach „Halloween“ einer, der sich zwar an klassischen Gruselstoffen orientiert, aber gleichzeitig sehr modern ist, indem er vieles hervorholt und explizit macht, das bis dahin eher versteckt und andeutungsweise wirksam war. Traditionsbewusst und trotzdem innovativ rasseln bei Carpenter zwar die Tassen im Schrank, Uhren bleiben stehen, Glas birst – und doch sind seine Gespenster keine ätherischen Schatten, sondern eine sehr stoffliche Bedrohung in Gestalt von sechs verrotteten Seemännern, die mit Säbeln und Enterhaken beträchtlichen Schaden anrichten.

Doch auch wenn „The Fog“ den Anfang einer neuen Ära des Horrorfilms markierte, ist das doch alles schon wieder Geschichte. Filme wie dieser werden heute nicht mehr gemacht. In den 1980er Jahren war das Erzähltempo noch ein anderes, hier lag die Kraft in der Ruhe, Atmosphäre und Spannung wurde mit anderen Mitteln erreicht als es heute der Fall ist. Zumindest für mich stelle ich fest, dass mir Carpenters Art Filme zu drehen, einfach besser gefällt, als das allermeiste, was man in den letzten 10, 20 Jahren zu sehen bekommen hat. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Nicht nur der Nebel ist ein lebendiges Wesen, der ganze Film, die Musik, die Kameraeinstellungen, die Landschaft und die Darsteller, sie alle verschmelzen zu einem Organismus, der zu gar nichts verpflichtet ist als zu sich selbst. Das ist schön, genauso wie das meines Erachtens besonders Interessante an Carpenters viertem Kino-Langfilm, nämlich dass hier zwei in früheren und späteren Filmen immer wiederkehrende Themen zum ersten Mal so offensichtlich aufeinandertreffen: Enge und Weite. Dass es Carpenter virtuos versteht, Begrenzungen des Raums zu Spannungszwecken einzusetzen, ist beispielsweise in Filmen wie „Assault On Precinct 13“, „The Thing“ oder „Prince Of Darkness“ unmittelbar einsichtig. Aber auch durch das Fehlen von Grenzen und die (scheinbare) Freiheit, überall hin zu können, hat bei Carpenter nichts Befreiendes. „Dark Star“, „Halloween“ oder „Memoirs of an Invisible Man“ sind Paradebeispiele für das agoraphobische Talent des Regisseurs. In „The Fog“, in dem die Straßen nicht in die Freiheit führen, sondern stets nur wieder in neue Gefängnisse, kommt nun, wie gesagt, beides zusammen. Fast wirkt es so, als wollte Carpenter hier systematisch verschiedene Varianten des Eingesperrt- und in die Enge-getrieben-Seins durchdeklinieren.

„The Fog“ gehört dennoch zu den Carpenter-Filmen die ich noch nie so richtig in mein Herz schließen konnte. Mir ist bewusst, dass er gemeinhin zur Gruppe der besten oder sagen wir eher prägendsten Filme des Regisseurs gezählt wird. Viele Gründe kann ich nachvollziehen. Als Kind fand ich ihn ziemlich gruselig. Doch wenn ich ihn dieser Tage sehe, wie gestern mal wieder geschehen, ist es mehr so eine Art wohlmeinendem Zuneigung. Ich bewundere einige Szenen, ich mag die Stimmung und die Figuren, aber mich stören auch einige Aspekte wie der etwas holprige Spannungsaufbau und das hingehutschte Finale. Auch Captain Blake (Rob Bottin) und seine modrigen Matrosen hätten sich meinethalben nicht zu zeigen brauchen, sondern wären verborgen im Nebel besser aufgehoben gewesen. Aber vielleicht ist das auch Meckern auf hohem Niveau, denn wie oben schon geschrieben: Filme wie dieser werden heute gar nicht mehr gemacht. Dass es „The Fog“ gibt, dafür bin ich John Carpenter sehr dankbar!

Bild © Studiocanal

The Equalizer (Antoine Fuqua, USA 2014)

Posted by – 7. März 2015

the equalizerDer ehemalige Agent Robert McCall (Denzel Washington) ist nach seinem vorgetäuschten Tod untergetaucht. Nun führt er ein ruhiges Leben als Baumarkt-Angestellter. Zumindest so lange, bis er sich entscheidet, sich für Teri, eine in Bedrängnis geratene Prostituierte (Chloë Grace Moretz) einzusetzen. Schwupps, hat er die Russenmafia am Hals. Bzw. die Russenmafia ihn.

Geschichte um ausgestiegene Agenten, wahlweise Profikiller, denen ein ruhiges Privatleben dann doch nicht vergönnt ist, gibt es ja so einige. Antoine Fuquas „The Equalizer“, der auf der gleichnamigen, mir aber unbekannten TV-Serie aus den 1980ern beruht, hat zwar wenig Alleinstellungsmerkmale, unterhält aber trotzdem überdurchschnittlich. Fuqua, der mit „Training Day“ seinen bisher größten Erfolg feiern konnte, aber auch in den folgenden Jahren immer wieder mit aus der Masse herausragenden Thrillern und Actionfilmen zu überzeugen konnte, weiß, dass ein spannender Film nicht durch die Aneinanderreihung von Krawumm-Szenen entsteht. In „The Equalizer“ strahlt in jeder Szene – das ist seine große Stärke! – sowohl Ruhe als auch unheimliche Kraft aus, ganz wie seine Hauptfigur, die von Denzel Washington gewohnt eigensinnig und diesmal leicht zwangsneurotisch verkörpert wird. Die Action stimmt übrigens trotzdem: Der Showdown im Baummarkt gehört wahrscheinlich zum Besten, was das Kinojahr 2014 in Sachen Action zu bieten hatte.

Dass mit großer Macht große Verantwortung einhergeht, wissen wir spätestens seit „Spider-Man“. McCall hat definitiv äußerst tödliche Fähigkeiten und er nimmt seine Verantwortung auch im Ruhestand durchaus ernst. So versucht er z.B. seinen Baumarkt-Kollegen Ralphie (Johnny Skourtis) auf die Prüfung zum Sicherheitsbeamten vorzubereiten. „I think you can be anything you wanna be“ sagt McCall irgendwann zur Prostituierten Teri. Er gibt allen die Chance das Richtige zu tun, er glaub, dass jeder die Fähigkeit hat, sich zu ändern. Für ihn selbst gilt das allerdings nicht: „You gotta be who you are in this world, no matter what“ sagt er über sich. Deswegen quittiert er, als er die Russen-Mafia ohne allzu große Probleme aus dem Weg geräumt hat, auch seinen Job im Baumarkt und inseriert im Internet. Wer Probleme habe, möge sich an ihn wenden. Der Fortsetzung „Return Of The Equalizer“ steht dann ja wohl auch nichts im Wege.

Doch anstatt darüber zu spekulieren, wie es weitergehen könnte, höre ich hier lieber auf. Es gibt Filme, das springt mein Hirn irgendwie nicht an. „The Equalizer“ ist einer davon. Und das ist nicht als Kritik gemeint.

Bild © Sony Pictures

Kristy (Oliver Blackburn, USA 2014)

Posted by – 6. März 2015

kristyNeulich gab es auf Twitter eine kleine Diskussion darüber, warum wir Slasher mögen. Ich schaue sie mir in der Regel nicht an, weil ich mich gruseln will, sondern eher ästhetischen und – als Carpenter-Fan – aus, ich nenne es mal: räumlichen Gründen. Außerdem finde ich es spannend, sie mit anderen Filmen des Genres zu vergleichen. Slasher sind sich schon alle sehr ähnlich, deswegen fallen die kleinen aber feinen Unterschiede umso mehr ins Gewicht. In besagter Diskussion wurde mir jedenfalls von Christian von Moviroyal der College-Invasion-Streifen „Kristy“ empfohlen. Den habe ich mir nun angesehen und will hier kurz meine Gedanken mitteilen

Es geht um die Studentin Justine (Haley Bennett). Neben dem Security-Mann Wayne (Mathew St. Patrick) und dem Hausmeister Scott (James Ransone) ist sie über die Thanksgiving-Tage ganz alleine auf dem Campus. Plötzlich taucht eine Gruppe Maskierter auf, die erbarmungslos Jagd auf die junge Frau machen. Ja und mehr passiert auch schon nicht in „Kristy“. Warum heißt der Film so, was sind die Motive der Täter, das alles erfährt der Zuschauer bereits zu Beginn in einen kleinen Epilog. Die nächsten Minuten stehen im Zeichen des Spannungsaufbaus, die Protagonisten und ihr Freund Aaron (Lucas Till) werden kurz vorgestellt, hinterher bekommen wir schnell einen Eindruck, wie sich der Leere Campus anfühlt. Justine beschäftigt sich so gut es geht, sie telefoniert, sie schwimmt, sie plaudert mit dem Wachmann, doch am Thanksgiving-Abend ist ihr etwas fad und sie beschließt, von der nahegelegenen Tankstelle etwas zum Knabbern und Eis zu holen. Dort trifft sie einen der Killer und von da an hat sie keine ruhige Minute mehr.

Sicherlich, das ist alles nichts Neues und recht konventionell. Und auch ein paar gängige Klischees haben hier unvermeidlicher Weise Einzug gehalten. Hinzu kommt, dass der Film über wenig echte Höhepunkte verfügt. Auf der anderen Seite hat der Film einen schönen Spannungsaufbau, ein wirklich atmosphärisches Setting und vor allem mit der Sängerin und Schauspielerin Haley Bennett eine sympathische Hauptdarstellerin. Ab knapp der Hälfte des Films, kurz nach dem Justine von der Tankstelle auf das Campusgelände zurückgekehrt ist, gibt es Action Non-Stop.

Ich sagte gerade „konventionell“, aber in einigen Details hebt sich „Kristy“ doch von der Masse ab. Das fängt schon damit an, dass es kein klassisches Final Girl, sondern nur das One And Only Girl Justine gibt. Durch die Happy-Slapping-Thematik – die Killer filmen ihre Taten mit dem Handy und stellen sie dann ins Netz – hat er weiterhin einen aktuellen Bezug, der in vielen anderen Genrebeiträgen entweder aufgesetzt wirkt oder gar nicht erst vorkommt. Bei Blackburn ist es aber durchdachter, als es wohl möglich zunächst den Anschein haben mag, denn hinter der vordergründig einfach gehaltenen Campus-Hatz tut sich ein Drama um die Machtverteilung in der Gesellschaft und um soziale Unterschiede auf. Justine wird von den Tätern als „Kristy“ bezeichnet. Kristy bedeutet hier Anhänger von Christus. Tötest du Christus, sagen sie, dann tötest du Gott. Die müssen eine ganz schöne Wut haben! Eine Kristy ist hübsch, behütet und unschuldig. Doch gerade diese Eigenschaften machen sie in den Augen der Täten schuldig. Denn sie sind auch privilegiert. Justine ist hübsch, freundlich und studiert. Denn sie ist auch ziemlich clever. Das müssen ihre Widersacher im Verlauf des Films feststellen. Mit ihren Taten lehnen sich die Killer gegen das System auf und prangern die Ungerechtigkeit, ja die göttliche Ordnung der Welt an – und scheitern. Das ist, wie ich finde, schon ein interessanter Aspekt an Blackburns Film, dass die Protagonistin hier triumphiert, weil sie im Sinne der Anklage schuldig ist. Das Final Girl hat sich hier von den starren Genreregeln insofern emanzipiert, als dass sie nicht überlebt, weil sie keusch und drogenfrei lebt, sondern weil sie einfach gebildeter ist als ihre Widersacher (und damit tatsächlich privilegiert!). Die Gegner sind hier keine anonymen Wesen wie beispielsweise in „F“, sondern echte Menschen. Das deutet sich schon durch den verwahrlosten Eindruck an, den der weibliche Teil der Killertruppe (Ashley Greene) macht, aber spätestens wenn Justine einem Widersacher den Schädel spaltet und ihm dann die Maske abnimmt… Gänsehaut!

Man könnte „Kristy“ als soliden, straighten Slasher bezeichnen. Aber er ist eben auch noch etwas mehr. Ich sage: Sehenswert!

Bild © Tiberius Film

Seventh Son (Sergei Wladimirowitsch Bodrow, USA 2014)

Posted by – 4. März 2015

Mir fällt zur Abwechslung mal gar nichts Nettes über einen Film zu sagen ein. „Seventh Son“ ist ein seelenloses Fließband-Produkt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich auch die Stars, die an diesem Debakel mitgewirkt haben, ziemlich geärgert haben müssen, als sie den fertigen Film gesehen haben. Na gut, Jeff Bridges vielleicht nicht, der spielt ja eh nur noch Variationen der gleichen Rolle und es ist ihm anscheinend ganz egal, wo. So ein dickes Fell werden die meisten Zuschauer nicht haben. Ich zumindest war ziemlich angeödet. Für Kino-Zeit habe ich meinen Film-Frust in Worte gefasst.

Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen, Deutschland 2011)

Posted by – 4. März 2015

halt auf freier strecke„Wir wissen nicht die Ursachen, warum jemand ein Glioblastom, also so ein Tumor, bekommt, das ist sozusagen das Schicksal.“ Diesen Satz muss Frank Lange (Milan Peschel) von seinem Arzt hören. Danach ist sein Leben und das einer Familie nicht mehr wie es war. Die verbleibenden Monate versucht sie sich so gut es geht, auf das Bevorstehende einzustellen. Es dauert jedoch nicht mehr lange und die Krankheit bestimmt ihrer aller Leben.

Ich konnte mit dem sozial-realistischen, häufig halb-dokumentarischen Kino von Andreas Dresen bisher nicht sonderlich viel anfangen, ob es an seinen Themen oder seinem Stil liegt, weiß ich nicht genau. „Halt auf freier Strecke“ wollte ich mir aber trotzdem schon länger ansehen, weil mich das Thema interessiert. Gestern habe ich mich dann endlich an den Film herangetraut. Ein Mann, ein Familienvater, der unter einem Hirntumor leidet – wahrlich kein leichter Stoff. Milan Peschel ist wirklich famos als sterbenskranker, hilfloser Familienvater. Es gibt viele Szenen, wie gleich die erste, beim Arzt, oder die, als Frank von seinen Eltern besucht wird, oder das letzte gemeinsame Weihnachtsfest, bei denen man eine Gänsehaut bekommt. Und ich will nicht abstreiten, dass ich einige Male auch feuchte Augen bekommen habe. Das Meer aus Tränen blieb allerdings aus. Einerseits schön – wer heult schon gerne? – anderseits frage ich mich, warum mich der Film anscheinend doch nicht so sehr berührt hat, wie angenommen. Bestimmt hat es auch etwas damit zu tun, dass Dresen wieder auf Laiendarsteller und improvisierte Dialoge setzt, die auf mich weniger realistisch als artifiziell wirken. Was mich vielleicht noch mehr daran gehindert hat, in den Film einzutauchen und zu zerfließen, war wohl, dass Dresen sich für meinen Geschmack zu sehr auf die Krankheit fokussiert. Wirklich jede Szene soll zeigen, wie sich die Situation zuspitzt. Alles, wirklich alles liegt im Schatten des Tumors. Ich will gar nicht abstreiten, dass sich nach einer Diagnose, wie sie Frank Lange erhalten hat, das Leben radikal verändert und sich in Großteilen um die Krankheit dreht. Durch Momente von Normalität hätte für mich das Leben im Zeichen des Todes aber noch emotionale Substanz gewonnen. So kam mir „Halt auf freier Strecke“ trotz aller Bemühungen, ihn möglichst realistisch wirken zu lassen, manchmal vor, wie eine etwas zu durchkalkulierte Tragödie.

Verglichen mit Filmen, in denen die sterbende Hauptfigur zum Schluss noch das ganz große Ding dreht, ist der reduzierte Zugang von Dresen allerdings eine Wohltat. Frank möchte noch einen Geburtstag mit seinem Sohn verbringen. Aber nicht einmal das ist ihm gewährt. Vergönnt ist ihm nur zu Hause, bei seiner Familie und vielleicht allen Leids zum Trotz auch in Würde zu sterben. Was immer das genau heißt.

Bild ©  Pandora Filmverleih

Es wird eng (11)

Posted by – 3. März 2015

Aus akutem Platzmangel muss ich mich wieder von einigen Filmen trennen. Wer etwas davon geschenkt haben möchte, schreibt hier einfach einen Kommentar und begründet kurz, warum die (bis zu drei) gewünschten Filme bei ihr oder ihm gut aufgehoben wären.

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Berlinale 2015

Posted by – 3. März 2015

Die letzten Jahre im Februar bin ich regelmäßig in die Berlinale-Welt ein- und erst 10 Tagen später erschöpft wieder aufgetaucht. Zwischen 30 und 40 Filmen habe ich in dieser Zeit gesehen. In diesem Jahr war alles anders. Als frischgebackener Vater konnte ich mir nicht so recht vorstellen, die Tage im Kino und die Nächte schreibend am Rechner zu verbringen. Ein paar Filme habe ich dennoch gesehen, ganz kurz ein paar Sätze.

Android’s Dream (Ion de Sosa, Spanien / Deutschland 2014)

„Android’s Dream“ (OT: Sueñan los androides) ist eine freie Adaption von Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ – und ein Film, der mich extrem gelangweilt hat. Für Kino-Zeit.de habe ich einen Verriss zu geschrieben. Nach diesem Auftakt konnte es nur besser werden..

Portrait Of The Artist (Antoine Barraud, Frankreich 2014)

..und das wurde es dann auch. So ganz verstanden habe ich „Portrait Of The Artist“ (OT: Le dos rouge) glaube ich nicht, reizvoll fand ich die Suche eines Regisseurs nach dem Monströsen aber dennoch. Ruhig erzähl, aber voller Irritationen. Auch für diesen Film habe ich etwas für Kino-Zeit.de geschrieben.

The Three Musketeers (George Sidney, USA 1948)

Als Kind hatte ich etwas übrig für Mantel- und Degenfilme, warum, daran hat mich „The Three Musketeers“erinnert, der in Retrospektive „Glorious Technicolor“ lief. Erzählerisch war er etwas eigenartig, nach der Hälfte hatte ich das Gefühl, der Film müsste eigentlich vorbei sein. Nach etwas Leerlauf ging’s dann aber noch einmal los. Toll choreographiert, manchmal witzig, immer energiegeladen. Ich wette, Jackie Chan hat diesen Film gesehen und sich davon ganz kräftig inspirieren lassen.

The Forbidden Room (Guy Maddin, Evan Johnson, Kanada 2015)

Guy Maddin ist ein Phänomen. Kaum ein anderer Filmemacher ist seinem extravaganten Stil über die Jahre so treu geblieben, wie der Kanadier. Seine Filme orientieren sich optisch an alten Stummfilmen, oft mit starkem, autobiografischem Zug. Innerhalb dieses Rahmens ist Maddin allerdings durchaus experimentierfreudig. In „The Forbidden Room“ haben er und sein Co-Regisseur Evan Johnson Ideen-Fragmenten niemals gedrehter Film ein eigenes filmisches, in sich verschachteltes Multiversum voller Absurditäten erschaffen. Verrückt. Genial. Aber auch unkonzentriert und damit etwas anstrengend.

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Dominik Graf, Deutschland 2015)

Ich lese nicht viele Texte über Filme, aber als ich neulich von Michael Althen „Liebling, ich bin im Kino“ in die Finger bekam, habe ich es in einem Rutsch durchgelesen. Althen hatte eine wunderbare Art, Kritiken zu schreiben! Die Dokumentation von Dominik Graf über den 2011 verstorbenen Filmkritiker war für mich deswegen ein absolutes Muss. Und wie ich nach dem Sehen feststellte, mein Highlight auf der diesjährigen Berlinale. Meisterwerk. Ich hatte Tränen in den Augen.

Honeymoon (Leigh Janiak, USA 2014)

Posted by – 2. März 2015

Honeymoon„Nach den Flitterwochen kommen die Zitterwochen“ heißt es doch so schön. Manchmal allerdings gibt es die Gänsehaut auch schon währenddessen. Bea (Rose Leslie) und Paul (Harry Treadaway) sind frisch verheiratet. Ihre Flitterwochen verbringen sie in einer einsamen Hütte im Wald. Alles scheint perfekt – bis Paul eines Nachts aufwacht – und seine Frau verschwunden ist. Er sucht und findet sie schließlich verwirrt und nackt wie angewurzelt im Wald stehend. Bea behauptet, dass es ihr gut gehe und sie sich an nichts erinnern könne. Doch in den nächsten Tagen stellt Paul Veränderungen an seiner Frau fest, die ihn misstrauisch machen.

Schon auf dem letzten Fantasy Filmfest wollte ich diesen Film sehr gerne sehen. Hinter der Werbeprosa im Programmheft meinte ich einen besonderen Film zu erahnen. Ganz falsch lag ich mit meiner Intuition nicht, denn Leigh Janiak ist mit „Honeymoon“ tatsächlich ein interessanter Film gelungen. Der Regisseurin geht es mehr um die Missverständnisse und Kommunikationsprobleme innerhalb einer Beziehung, als darum, dem Zuschauer klassischen Kost zu servieren. Zwar ist auch ihr Film recht spannend, und es gibt eine geheimnisvolle, übernatürliche Bedrohung, diese Elemente scheinen mir jedoch eher dazu zu dienen, um den hintergründigen Konflikt zwischen den Ehepartnern mit metaphorischen Mitteln herauszuarbeiten.

Dafür dass die beiden– aller Zärtlichkeit und Liebesbeteuerungen zum Trotz – schon vor Beas offensichtlicher Veränderung nicht ganz im Einklang schwingen, gibt es von Anfang an subtile Hinweise. Nicht erst durch seinen Kommentar nach dem Sex über ihre Gebärmutter lassen sich, wenn man will, Misstöne zwischen den beiden feststellen. Er ist derjenige mit der Definitionsmacht, er beurteilt die Waldhütte, die Beas Familie gehört, sagt wie das Essen gekocht werden muss usw. Und schon in dem vermeintlich zärtlichen „Honeybee“, seinem Kosenamen für sie, deutet sich eine Schieflage in der Beziehung an. So lange er die Macht hat, läuft der Laden; doch als seine Frau auf einmal „anders“ ist, gerät die Beziehung außer der Balance. Seine Frau verhält sich anders als gewohnt – er verliert die Kontrolle, er wird aggressiv, sie beginnt sich zu entziehen, er erklärt sie für krank. Je fester sein Griff, desto mehr entgleitet ihm seine Frau. Doch „Honeymoon“ ist kein Film über die Fehler eines (Ehe-)Mannes, denn ähnliches gilt für Bea: seit ihrer „Verwandlung“ ist sie viel zu sehr bei sich und ihrem Unterleib, als ihren Partner noch wahrnehmen zu können. Ein paar beflissentlich notierte und auswendig gelernte Erinnerungsschnipsel reichen nicht, die halbherzigen Versuche, die Beziehung für die restlichen Tage am Leben zu halten, laufen ins Leere. Ihr letzter Akt der Liebe ist von einem tödlichen Unverständnis die Natur ihres Mannes betreffend gekennzeichnet.

Ich finde es etwas schade, dass sich Janiak zum Schluss doch nicht ganz verkneifen kann, auf ein paar abgegriffene Standards in ihrer Inszenierung zurückzugreifen. Es soll wohl für Spannung sorgen, schadet dem Film meines Erachtens aber eher, als dass es nützt. Zu kritisieren wäre weiterhin, dass sich der Film bisweilen ein wenig wie eine künstlich in die Länge gezogene Short Story anfühlt, was wohl vor allem an einigen Szenen irgendwo zwischen Halbzeit und Finale liegt. Nichtsdestotrotz hebt sich Janiaks Kinodebüt angenehm von der typischen Genrekost ab. Sie wollte sichtbar mehr, als einfach einen spannenden Film zu drehen – und das ist ihr gelungen. „Honeymoon“ ist ziemlich bedeutungsoffen. Ob man die Ereignisse im Film beispielsweise als Metapher auf eine Schwangerschaft, eine Vergewaltigung, normale Kommunikationsprobleme zwischen zwei Menschen oder einfach als fantastischen Stoff sehen will, ist jedem frei gestellt. In anderen Horrorfilmen ist es oft so, dass ein übernatürliches Ereignis die schlechten Seiten an den Menschen hervorkehrt. Hier ist anders herum. Hier sind es die feinen, dann immer sichtbarer werdenden Risse in der Beziehung, die Fleisch werden und sich in düsterem Wurzelwerk manifestieren, das aus den Körpern der Figuren schlangengleich herauswindet.

Bild © Alive

The Town That Dreaded Sundown (Alfonso Gomez-Rejon, USA 2014)

Posted by – 28. Februar 2015

the town that dreaded sundownIch bin kein großer Fan, aber es lässt sich trotzdem kaum leugnen: Mit „Scream“ hat Wes Craven im Jahre 1996 den Slasher auf ein neues Niveau gehoben. In seinem augenzwinkernden, selbstreferenziellen Horror-Manifest beschäftigte er sich mit den Regeln des Genres und ließ die Figuren des Films Charaktere sein, die sich dieser Regeln durchaus bewusst waren. „Scream“ war aber nicht nur ein liebevolles Necken seines eigenen Stamm-Genres, sondern auch ein Kritik des Immergleichen, das man hier zu sehen bekommt. Ironischer Weise wurde sein Seitenhieb Richtung der Epigonen des Genres auch gleich wieder kopiert und fand dutzende Nachahmungstäter, die dachten, Horrorfilme müssen möglichst selbstbezüglich und ironisch sein und am besten so viele Zitate wie möglich enthalten. Leider sind viele Filme dieser degenerierten Denke viel weniger originell als sie sich selbst vorkommen. Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt rühmliche Ausnahmen. „The Town That Deaded Sundown“ von Alfonso Gomez-Rejon ist, auch wenn er in gewisser Weise ein prototypischer Vertreter des postmodernen Horrorfilms ist, eine davon!

Gomez-Rejon bezieht sich zunächst einmal vor allem auf einen Film, den dokumentarisch angehauchten, im Original gleichnamigen Slasher aus dem Jahre 1976, der auf deutsch unter dem Titel „Der Umleger“ bekannt ist. Dieser wiederum hat eine reale Mordserie aus Grundlage, die 1946 in der Stadt Texarkania. Ein maskierter Mann – das Phantom –, brachte damals zahlreiche Liebespaare um. Gomez-Rejons Film setzt sowohl die wahren Ereignisse als auch die Existenz des Films voraus. Die Handlung setzt mit der Vorführung des Films von 1976, der jährlich zu Halloween gezeigt wird. Jami (Addison Timlin) und ihr neuer Freund Corey (Spencer Treat Holland) verlassen das Autokino vorzeitig, um auf einem verlassenen Parkplatz ein wenig Liebe zu machen. Plötzlich taucht ein maskierter Mann auf, der das Paar mit vorgehaltener Waffe zwingt, das Auto zu verlassen. Jami muss beobachten, wie ihr Freund brutal umgebracht wird. Sie selbst kann fliehen, aber nicht ehe das Phantom ihr noch etwas ins Ohr geflüstert hat…

Seit ein paar Jahren habe ich den Eindruck – wenn Filmemachern nichts einfällt, machen sie einfach einen ach so ironischen Film, der möglichst viele Werke der Vergangenheit zitiert. Mich nervt das. Gomez-Rejons Film ist anders. Zwar zitiert auch er seine Vorlage und andere Filme, doch hier scheint es mir keine Anbiederung an den Genre-Fan zu sein. Und an einem Mangel an eigenen Ideen es auch nicht liegen, denn sein Film ist voll davon. „The Town That Deaded Sundown“ ist ein starkes und trotz – ja in diesem Fall sogar auch wegen! – seiner Bezüge ein sehr eigenes Werk, das gekonnt zwischen Horror, Arthouse und Experimentalfilm oszilliert und dabei sogar hier und da einen psychotischen Witz durchblitzen lässt. Mit plumpem Zitatdropping des aktuellen Horrorfilms der Nach-„Scream“-Ära hat das nichts zu tun, es ist eher, als würde wie Frankensteins Monster aus Leichenteilen hier ein neuer Film aus schillernden Fragmenten des Genres zusammengesetzt werden. Dabei ist es nicht nur die Kunstfertigkeit, mit der Gomez-Rejon die wahren Ereignisse und den Film von 1976 in sein eigenes Werk einbettet, die beeindruckt, sondern mit welchem Stilwillen und Inszenierungsfreude er seine Vision umsetzt. In manchen Momenten erinnert der Film an Recherche-Thriller à la „Zodiac“, in anderen, vor allem während der Mordsequenzen, die allesamt zum Niederknien sind, bricht der albtraumbunte Wahnsinn durch und zumindest ich fühlte mich an die technicoloren Mordfantasien eines Dario Argento erinnert.

Ich habe seit einiger Zeit nichts mehr gesehen, das so geschichtsbewusst und gleichzeitig so frisch und unverbraucht daher gekommen ist wie dieser Film. Dem Regisseur, der bisher vor allem durch seine Arbeit im TV bekannt war, ist mit seinem Kinodebüt der wahrscheinlich beste Slasher seit Jonathan Levines „All The Boys Love Mandy Lane“ gelungen – ein großer Wurf aber ist „The Town That Deaded Sundown“ mit Sicherheit.

Bild © Tiberius Film

When Animals Dream (Alexander Arnby, Dänemark 2014)

Posted by – 27. Februar 2015

When Animals DreamIch habe den Film zwar schon vor ein paar Monaten im Kino gesehen, hier aber noch nachträglich eine kleine Erinnerungsstütze:

Marie (Sonia Suhl), die mit ihrem Vater (Lars Mikkelsen), ihrer an den Rollstuhl gefesselten, apathischen Mutter (Sonja Richter) in einem kleinen dänischen Dorf wohnt. Seit einiger Zeit schon verändert sich Maries Körper, was von ihrem Vater und dem Dorfarzt (Stig Hoffmeyer) misstrauisch beobachtet wird. Als die Wandlung offenkundig wird, interessieren sich auch die anderen Dorfbewohner für sie. Vornehmlich auf junge Männer hat Marie eine besondere Wirkung, die von Begehren bis zu offen gezeigtem, aggressivem Verhalten reicht. Als die Stimmung umschlägt, ist nur Daniel (Jakob Oftebro) bereit, der verfolgten Frau zu helfen.

Zugegeben, neu ist Arnbys Verknüpfung des „Werwolf“- und „Coming of Age“-Themas nicht. Besser gefällt mir z.B. „Ginger Snaps“, weil ich ihn reichhaltiger fand und spritziger fand. Wenn Jon Fawcetts Film ein kleines, freches Mädchen ist, dann ist Arnbys ein Lethargiker. Tatsächlich geht es dem Regisseur weniger darum, dem Genre-Fan klassische Lykantrophenkost zu servieren als seine Geschichte möglichst behut- und einfühlsam zu erzählen, was ihm ein wenig auf Kosten des Unterhaltungswerts auch recht gut gelingt. Ihm geht es um die Entwicklung der Protagonistin, einer jungen Frau, die anders ist und die davon träumt, ihre Wünsche auch ausleben zu dürfen; und vielleicht geht es sogar ganz allgemein um die Rolle der Frau und den Druck der Gesellschaft, sich möglichst widerstandslos in sie einzufügen. Arnbys Film wirkt wie eine morbide Fabel zu diesem Thema, die sich in verträumter Weise mit dem sexuellen Erwachen einer seiner Protagonistin – und der Reaktion ihrer Umwelt darauf – auseinandersetzt. Träume können schön sein, wie schon der von Weichzeichnern, Überblendungen und Unschärfen gekennzeichnete Anfang des Films suggeriert – aber auch grausam. Während das Tier davon träumt, ein Mensch zu sein, ist der Mensch wach viel zu oft eine Bestie. Das zeigt der Verlauf des Films, wenn die Dorfbewohner zur Hetzjagd auf die haarige Marie ausrufen. Hier zeigt sich: Zum wichtigstem im Leben gehören gute Freunde, solche, die uns beistehen, wenn wir in Not sind. Diesen Aspekt teilt „When Animals Dream“ mit dem Meisterwerk „Let the Right One In“. Wie dieser ist Arnbys Film nämlich nicht nur ein originelles Coming-of-Age, sondern auch ein starkes Plädoyer für Toleranz.

Weitere Vorbilder waren für Arnby nach eigenem Bekunden übrigens so unterschiedliche Filme wie Brian de Palmas „Carrie“ und Debra Graniks „Winter’s Bone“. Die Kraft dieser Vorlagen wird zwar nicht ganz erreicht, sehenswert und wichtig ist der Film über den Wolf im Weibe aber trotzdem.

Bild © Prokino