Schoolgirl Hitchhikers (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by – 26. November 2014

Schoolgirl HitchhikersNoch einmal Youtube. Aber diesmal konnten weder das kleine, pixelige Bild noch die mäßige Synchronisation den Filmgenuss wesentlich schmälern. Was für ein Film! Und das ganz ohne Clowns, Friedhöfe und Vampire.

Die Schülerinnen Monica (Joëlle Coeur) und die blonde Jackie (Gilda Arancio) campen im Wald, aber als sie ein scheinbar verlassenes Haus finden, können sie nicht widerstehen und machen es sich dort für die Nacht bequem. So unbewohnt ist das Haus allerdings doch nicht. Weil Monica nach dem Liebesspiel nicht schlafen kann, schlendert sie ein wenig durchs Haus und entdeckt in der Wohnstube den Gangster Fred (toll: Willy Braque mit Streichholzbeinen und Puschelbart), den die noch nicht vollständig gesättigte Schülerin auch sofort vernascht. Das Liebes- hat allerdings ein Nachspiel. Als tags darauf die Gangsterkollegin Béatrice (Marie Hélène Règne) und ihr Handlanger (François Brincourt) erscheinen, sind die im Haus versteckten Diamanten verschwunden. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf Monica und Jackie…

Friedhöfe und Vampire fehlen, einige Erkennungszeichen eines Rollin-Films hat „Schoolgirl Hitchhikers“ (OT: Jeunes filles impudiques, was besser passt, weil die Mädchen zwar ziemlich unkeusch sind, wahrscheinlich weder Schulmädchen sind noch per Anhalter fahren) aber doch. Das – meist weibliche – Pärchen, das in ein mysteriöses Abenteuer stolpert, scheint so etwas wie die Blaupause für die meisten Filme des Regisseurs zu sein. Ausgeprägter als die in den anderen Filmen, die ich bisher kenne, ist allerdings der Humor. Irgendwann hatte ich einfach nur noch ein breites Grinsen im Gesicht. Der Film wirkt auf mein erwachsenes Ich wie ein jugendlicher, feuchter Fiebertraum aus der Rubrik „Räuber und Gendarm“. Die Party findet direkt im limbischen System statt. Selbst die ein oder andere härtere Szene, z.B. wenn die wütenden Gangster eine Peitsche oder Zange an den Mädchen applizieren, kommt zu freundlich und unbekümmert daher, ja wie eine leicht infantil-pubertäre Phantasie eben, und man stellt es sich gar nicht so schlimm vor, selbst einmal von Béatrices Zangen bearbeitet zu werden. Die schöne Kameraführung von Jean-Jacques Renon, mit der Rollin auch in „La Rose de Fer“ gearbeitet hat, taucht das Ganze in ein Traumlicht und der jazzige, frivole Score von Pierre Raph tut sein übriges, dass man „Schoolgirl Hitchhikers“ nicht allzu ernst nehmen mag.

Vergleiche? Schwierig. Natürlich hat er Ähnlichkeit mit anderen Rollin-Filmen, wobei ich nach jetzigem Kenntnisstand sagen würde, dass dieses 60-minütige, knackige Teil hier ein Stück heraussticht. Dass mich „Schoolgirl Hitchhikers“ manchmal ein ganz klein wenig an Rainer Werner Fassbinders „Liebe ist Kälter als der Tod“ erinnert hat, liegt wohl weniger an der tatsächlichen Ähnlichkeit als daran, dass ich in diesem Genre nicht besonders zu Hause bin und dass sich mein Hirn etwas zu verkrampft nach Vergleichen umgesehen hat. Lediglich das Schauspiel, dass in beiden Filmen wie gehobenes Schülertheater wirkt, das aber perfekt mit der einfachen Geschichte harmoniert, könnte man vielleicht als Gemeinsamkeit heranziehen. Ein Klaps auf den Po des Gangsterfilms an sich ist „Schoolgirl Hitchhikers“ auf jeden Fall.

Kritik? Ganz ehrlich: Habe ich nicht. Der Film ist in seiner unperfekten Art ganz und gar makellos. Mir fällt nichts ein, das ich lieber anders gehabt hätte, das ist wohl das Qualitätskriterium. Und wenn Jean Rollin (der diese Auftragsarbeit unter dem Pseudonym Michel Gentil gedreht hat) dann am Ende sogar noch persönlich erscheint und für die trotteligen Gangster, den ebenfalls nicht allzu cleveren Cop Harry (Pierre Julien) wie auch für den Zuschauer den Fall löst, dann gehört der letzte Lacher wohl dem Film.

Bild © Salvation Films 
 

The Sacrament (Ti West, USA 2013)

Posted by – 25. November 2014

the sacramentDie Vice-Reporter Sam (AJ Bowen), Jake (Joe Swanberg) und Patrick (Kentucker Audley) reisen in den Urwald, wo Patricks Schwester Caroline (Amy Seimetz) in der Gemeinde der Eden Parish lebt. Obwohl sich die Mitglieder der sektenartigen Kommune anfangs durchaus freundlich zeigen und ihr geistiges Oberhaupt (Gene Jones) in einem Interview die Vorzüge der Gemeinschaft betont, wird bald deutlich, dass hinter der glücklichen Fassade doch nicht alles so gut ist, wie alle behaupten.

Ti West ist längst kein Newcomer mehr, sondern gehört aktuell zu den interessantesten US-amerikanischen Filmemachern. Mit „House Of The Devil“ und „The Inkeepers“ lieferte der 1980 in Wilmington, Delaware geborene Filmemacher zwei erwachsene, äußerst eigenständige Horrorfilme ab, wie man sie im Genre-Einerlei nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Mit seinem neuen Werk, dem Sekten-Drama „The Sacrament“, überrascht West erneut. Angelehnt an den Massensuizid von Jonestown, bei dem im Nordwesten Guyanas 1978 über 900 Menschen ums Leben kamen, lässt der Film den Zuschauer sprachlos zurück. Zumindest für mich gilt das zu einhundert Prozent. Noch Tage nach dem Kinobesuch, saß der Schrecken tief. Aber es ist auch nach der kürzlichen Zweitsichtung gar nicht so leicht, den Finger darauf zu legen, warum der „The Sacrament“ mich zu mitgenommen hat.

West setzt weder auf die Standardrezepte des Horrorfilms noch hat er seinen Film als packendes Drama mit markigen Charakteren inszeniert – ja sogar eine gewöhnliche Dramaturgie geht ihm völlig ab. Patricks Suche nach seiner Schwester Caroline, aber auch diese Verbindung löst sich schnell auf, schließlich wird er gleich am Anfang des Films fündig und spielt darüber hinaus etwas später selbst kaum noch mit. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, West interessiere sich nicht für seine Figuren und so ganz falsch ist das sicherlich nicht. Er hat es vielmehr auf den Zuschauer abgesehen: Diesem zeigt er, was man bei einem Besuch in Jonestown oder Eden Parish, wie es im Film heißt, zu sehen bekommen würde: nicht viel. Durch seine Unerklärlichkeit wird das Grauen, für welches das Kamerateam in gewisser Weise als Initiator fungiert – ganz groß: das Interview zwischen dem Vice-Reporter und dem Sektengründer Vater (Gene Jones) – sogar noch größer. Dabei zu sein, fühlt sich nicht an, wie ein spannender Spielfilm, es sind Wahrnehmungsfetzen, fast banale Fragmente, die im Augenblick des Erlebens keinerlei Hinweise auf das Große und Ganze, geschweige denn dessen Bedeutung geben. Diese Erfahrung macht West dem Zuschauer durch seinen Film zugänglich, und wahrscheinlich ist es auch dieses Gefühl der unvollkommenen Unmittelbarkeit, aus dem der Film seine Stärke und seinen Schrecken zieht.

Mit „The Sacrament“ ist West ein Lehrstück über Perspektivität gelungen, und er zeigt, dass Found-Footage doch noch nicht restlos ausgelutscht ist. Für mich einer der wichtigsten Horrorfilme der letzten 10 Jahre, ja Ausnahmewerk, das glücklich macht, aber auch nachhaltig verstört.

Bild © Highlight
 

Daisies (Věra Chytilová, CSSR 1966)

Posted by – 24. November 2014

TausendschönchenVon zu viel Kunst bekomme ich schlechte Laune. Und den Begriff „experimentell“ übersetze ich mir fast automatisch mit „angestrengt künstlerisch“. Das macht es mir schwer, Filme wie „Daisies“ – besser bekannt unter dem deutschen Titel „Tausendschönchen“ (OT: Sedmikrásky) und Hauptwerk der Tschechischen Neuen Welle, zu der auch „Valerie And Her Week Of Wonders“ gehört – richtig zu mögen. Auch „Daisys“ gilt als Kunst- bzw. Experimentalfilm.

Es geht um die Mädchen Marie 1 (Jitka Cerhová) und Marie 2 (Ivana Karbanová), die beschließen, weil die Welt verdorben ist, selbst verdorben zu sein. Das bedeutet für die beiden vor allem, ältere Herren auszunehmen und sich bei jeder Gelegenheit ordentlich die Wampe vollzuschlagen. Ihre Odyssee beginnt im Garten Eden, wo sie vom Baum der Erkenntnis naschen – zu mehr Schamgefühl trägt das allerdings nicht bei – und endet an einer festlich gedeckten Tafel. Auch hier wird noch einmal ordentlich zugelangt.

Ich gebe zu: Ich hatte große Startschwierigkeiten. „Daisies“ kommt mir von Anfang an stilistisch reichlich überladen vor, fast wie die Tafel bei der sich die beiden Frauen am Ende reichlich bedienen. Der Zuschauer bekommt ein mehr oder weniger form- und farbschönes Rauschen präsentiert, bedeutungsschwanger aber gleichzeitig so offen, dass alles, was man dazu sagt, irgendwie passt. Oder eben nicht. Denn „alles“ ist ja auch nur ein Synonym für „nichts“. Ein wenig hat sich meine Laune im Verlauf gebessert, aber richtig warm geworden bin ich mit diesem wahrscheinlich wichtigen und auf jeden Fall besonderen Film aber nie. Wenn man so umher liest, scheinen viele Autoren zu glauben, dem Film am ehesten dadurch Herr zu werden, indem darauf verwiesen wird, dass er sich jeder Beschreibung entziehe, und tatsächlich weiß ich auch nicht recht, von welcher Seite ich mich ihm nähern soll. Mich hat der Film ein bisschen an „Don’t Deliver Us From Devil“ oder sogar auch „The Nine Lives of Tomas Katz“ erinnert. Was sind die beiden? Sind sie defekte Automaten oder Unheilsboten, die vom nahen Ende künden? Oder verlorene Geschöpfe, die an der Sinnlosigkeit des Lebens zugrunde gehen? Oder Prototypen Frau, die sich das zurückholen, was ihnen von der Männerwelt gestohlen wurde. Insofern: Auch irgendwas mit Feminismus, definitiv. Oder auch nicht.

Jedenfalls tickt die Uhr, ganz buchstäblich, das Glück der Völlerei kann nicht ewig dauern, und zum Schluss wird noch einmal ordentlich bereut: „Wir werden brav sein, ganz brav, und fleißig…“ versichern die beiden im Finale, in dem ich den Film dann mal für einige Momente ganz großartig fand. Diese repetitive, äußerst hypnotische Litanei aus Entschuldigungen geht mir seitdem nicht aus dem Kopf. Und spätestens ab hier (eigentlich schon im Vorspann, da sieht man ein Räderwerk und es explodieren Bomben) geht es in dem Film auch um Politik: Das Bankett, über die sich die beiden Fressmaschinen hermachen, gehört ja möglicherweise der Kommunistischen Partei. Nicht nur die eigene Freiheit endet dort wo die Freiheit des anderen (der herrschenden Klasse) beginnt – auch die Verdorbenheit der beiden Frauen findet ihre Grenze dort, wo sie der Verdorbenheit der Bosse in die Quere kommt. Du kannst fressen soviel du willst – solange du nicht den Falschen die Torte von der Tafel mopst.

„Dieser Film ist all jeden gewidmet, deren einziger Anlass zur Empörung, ein Haar in der Suppe ist“, heißt es am Ende. Ein bisschen fühle ich mich ertappt, weil ich gerade so rumnöle. Aber wahrscheinlich richtet sich der Satz doch eher an die politische Führung der Tschechoslowakei des Jahres 1966. Kein Wunder, dass „Daisies“ gleich nach Erscheinen verboten wurde und Věra Chytilová Berufsverbot erhielt. Da der Film jedenfalls auch in seiner experimentellen Form umgehend als nicht-systemkonform erkannt wurde, hätte Chytilová vielleicht einfach ganz direkt Kritik üben können. So ganz unverblümt hätte er mir, dessen Organ zum Genuss von Kunst wie gesagt etwas unterentwickelt scheint, vielleicht noch besser gefallen. Andererseits: Was bleibt eigentlich noch von einem Gänseblümchen, wenn man ihm die Blütenblätter ausreißt?

Bild © Bildstörung / Alive 
 

Requiem For A Vampire (Jean Rollin, Frankreich 1971)

Posted by – 23. November 2014

Requiem For A VampireWahrscheinlich habe ich gar nicht das Recht, meine Meinung kund zu tun, schließlich habe ich den Film in schlechter Qualität im Originalton auf Youtube gesehen. Da ich des Französischen auch nach 5 Jahren Schulfranzösisch nicht mächtig bin, mögen mir einige inhaltliche Aspekte entgangen sein. Soviel habe ich verstanden bzw. mir zusammengereimt: Marie (Marie-Pierre Castel) und Michelle (Mireille Dargent) gelangen auf der Flucht nach einem Überfall zunächst auf einen Friedhof und dann zu einem Schloss. Entgegen dem ersten Anschein ist dieses allerdings nicht verlassen, sondern wird von einigen Vampiren und ihren menschlichen Helfern bewohnt. Die beiden Frauen sind dazu auserkoren, die Nachfolge der aussterbenden Rasse anzutreten.

Worum es genau geht ist aber wie so oft bei Rollin eh nicht so wichtig. Auch „Requiem For A Vampire“ (OT: Requiem pour un vampire bzw. Vierges et Vampires) lebt von seiner traumwandlerischen Atmosphäre und dieser typischen Rollin-Stimmung. Wenn man ein paar Filme des Mannes gesehen hat, fühlt man sich immer vertrauter mit seiner Symbolik und wiederkehrenden Mustern – ohne dass sich diese einem freilich komplett erschließen. Trotzdem, auch wenn Rollins Filme keine Rätsel sind, die man vollständig entschlüsseln könnte, so fühle ich mich bei meiner nunmehr vierten Begegnung mit diesem besonderen Regisseur auf seltsame Weise zu Hause in seinen malerischen Tableaus und Bilderwelten.

Was mir an „Requiem For A Vampire“ am besten gefallen hat, ist die Zeit, die sich Rollin für seine Geschichte nimmt. Wer einen Abgesang auf den Vampir dreht, der darf es nicht eilig haben. Bis die beiden freizügigen Freundinnen im Schloss ankommen, vergeht schon eine von seltsamer Stummfilmmusik umspielte Weile; bis dahin müssen sie sich erst einmal ihrer Clownskostüme entledigen, einen Kioskbesitzer verführen und ausrauben; und auf dem Friedhof, auf den es sie vor ihrer Ankunft im Schloss noch verschlägt, wird eine der beiden Frauen sogar lebendig begraben. Dort angekommen, fließt die Zeit wie ein Rinnsal Nektar durch Rollins Traumlandschaft. Wobei – das klingt jetzt süßer, als es gemeint ist. Denn der Film-Titel kommt nicht von ungefähr. „Requiem For A Vampire“ ist tatsächlich ein melancholisches „Adieu“ auf die Gattung der Blutsauger. Das Vampirdasein hat seinen Reiz verloren, die schief angeklebten Zähne, das karge, lediglich mit einigen billigen Requisiten bestückte Schloss, die tumben Gefolgsleute, die wahrscheinlich nur folgen, weil ihnen ab und an eine blanke Brust in die Hände hüpft – wer will da schon Vampir sein? Eben.

So ganz hat es „Requiem For A Vampire“ nicht geschafft, sich an die Spitze der mir bisher bekannten Rollin-Filme zu setzen – da thront immer noch unangefochten „The Night Of Hunted“ –, aber ich gebe zu, er hatte es auch schwer. Rollins Filme sind nicht dafür gemacht, sie auf einem kleinen Computerbildschirm zu sehen. Sie gehören ins Kino. Trotzdem hat mir auch diese Begegnung Lust gemacht, die Entdeckungsreise im Werk dieses wunderbaren Regisseurs fortzusetzen.

Bild © Redemption
 

The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 (Francis Lawrence, USA 2014)

Posted by – 19. November 2014

Wie man hier und hier nachlesen kann, gefallen mir die ersten beiden Teile der „The Hunger Games“-Filme richtig gut. Nach Teil 3 bin ich sogar soweit zu sagen: Hier kommt etwas ganz Großes auf uns zu, etwas, das vielleicht irgendwann in einer Reihe mit Jahrhundert-Trilogien wie „Star Wars“, „The Godfather“, „Spider-Man“ oder „Lord Of The Rings“ genannt werden wird. Das klingt übertrieben? Lasst uns in 10 oder 20 Jahren noch einmal darüber sprechen! „The Hunger Games: Mockingjay – Part 1“ ist eine überragende, in fast allen Belangen konsequente Fortsetzung, die ihre Kraft in der Tradition von Werken wie Orwells „1984“ ganz aus ihrer dystopische Substanz und der damit verbundenen Tragik der persönlichen Schicksale schöpft. Weitere Gründe, warum mir der Film so gut gefallen hat, wie auch einen Kritikpunkt, verrate ich auf Kino-Zeit.

Es wird eng (10)

Posted by – 15. November 2014

Wiedermal wird aussortiert. Falls Du einem, zwei oder sogar drei dieser Filmen ein neues Zuhause bieten willst, bitte ich um eine kurze Antwort unter diesen Post. (Wünschen sich mehrere Leute den gleichen Film, entscheidet der schönere Kommentar!)

es wird eng

True Detective – Season 1 (Cary Fukunaga, USA 2014)

Posted by – 15. November 2014

True DetectiveIn Louisiana wird 1995 eine Frauenleiche entdeckt. Die beiden Ermittler Rustin „Rust“ Cohle (Matthew McConaugheyn) und Detective Martin Hart (Woody Harrelson ) werden mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Die Partner wider Willen könnten unterschiedlicher nicht sein: Hart ist Pragmatiker, Christ und notorischer Fremdgänger. Cohle ein grüblerischer Misantroph mit dunkler Vergangenheit. Während Hart den Fall möglichst schnell zu den Akten legen will, vermutet Cohle einen Serienmörder hinter der Tat. 17 Jahre später werden Cohle und Hart getrennt voneinander zu dem Fall befragt, nach und nach enthüllt sich, was damals wirklich geschehen ist. Es wird klar: Der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Welt der Serien wirklich im Blick hätte. Aber auch mir fällt auf, dass die Anzahl der hervorragend produzierten Serien hat in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Für gewöhnlich interessieren mich diesen potenziell unendlich weitererzählbaren Fortsetzungsgeschichten, die sich meinem Vorurteil nach viel zu sehr am Geschmack des Zuschauers ausrichten, nicht besonders. Mit „True Detective“ verhält es sich aber anders: Das Konzept von der Serie sieht für jede Staffel eine in sich abgeschlossene Handlung mit neuem Schauspielerensemble vor. Staffel eins, geschrieben von Nic Pizzolatto und durchweg inszeniert von Cary Fukunaga, hat es nicht eilig, den Zuschauer das ganze Ausmaß ihrer Geschichte zu offenbaren. Und auch sonst unterscheidet sich „True Detective“ von anderen Serien. So sucht man die Mikrodramaturgie einer herkömmlichen Serien-Episode vergebens. Das Ganze ist eher wie ein 8-stündiger Film, ganz aus einem Guss, eine düstere Meditation über das Leben und Menschen, die versuchen, die große Leere mit Sinn zu füllen. Die Grenze zwischen gut und Böse ist fließend, wann Gewalt gerechtfertigt ist, ist relativ. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen dem, was menschlich und dem, was einfach nicht mehr okay ist. Hart und Cohle wissen nicht immer was richtig ist, doch sie eint der Glaube an das Verbrechen, das sie gemeinsam untersuchen. Das Ganze ist manchmal eher philosophische Reflexionen als Krimi, und folgerichtig stehen am Ende mehr Fragen als Antworten.

Ein bisschen Kritik muss aber auch noch sein: Zum einen bin das Gefühl nicht loswerden, die Geschichte wäre etwas künstlich in die Länge gezogen worden. Hätte man aus dem Stoff, der manchmal reichlich bedeutungsschwanger daher kommt, nicht auch einen knackigen, 2-stündigen Film machen können? Denn viel passiert ja eigentlich nicht, in den 8 Episoden. Sicherlich, viele Details sind wichtig für die Atmosphäre und machen das Verhältnis zwischen den Protagonisten plastischer. Aber ich habe wieder einmal festgestellt, dass ich die Kunst des Scharfschützen desjenigen vorziehe, der einfach ein paar Ladungen Schrot in den Wind ballert. Zum anderen bin ich mit den beiden Protagonisten bin ich nicht ganz warm geworden. Schon klar, dass so ein Hard-Boild-Krimi markige Figuren braucht und Matthew McConaugheyn und Woody Harrelson machen ihre Sachen ohne Frage ganz hervorragend. Aber mussten die Charaktere wirklich so Machoheinis und alle Frauen entweder Opfer von Männergewalt, frustrierte Ehefrauen (Michelle Monaghan) oder leichte Mädchen sein, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als mit Martin Hart das Kopfkissen zu teilen? Innerhalb der düsteren, manchmal fast schon nihilistisch wirkenden Ausrichtung er Serie scheint diese Figurenkonstellation ja durchaus sinnvoll, leider bin ich bis zum Schluss das Gefühl nicht losgeworden, dass Fukunaga und Pizzolatto ihre beiden Detectives tatsächlich für die einzig wahren halten und diesen angestaubten Heldentyp ein bisschen zu unreflektiert abfeiern.

Eine zweite Staffel steht schon in den Startlöchern. Ich hoffe, dass da ein paar noch nicht ganz perfekt angezogenen Schrauben nachjustiert werden.

Bild © Warner Home Video
 

Tracks (John Curran, Australien 2014)

Posted by – 15. November 2014

Spuren BluRayDie Welt war, ist und wird wohl auch immer voll von Menschen sein, die unzufrieden sind mit ihrem Leben, die das Bedürfnis haben „auszusteigen“ und „sich selbst zu finden“. Doch nur Wenige wagen den (temporären) Schritt heraus aus der Gesellschaft und nur eine Handvoll ist dabei so zielstrebig wie die 1950 in Queensland geborene und in Brisbane aufgewachsene Australierin Robyn Davidson, die ihren Selbstfindungs-Trip quer durch die Wüste von langer Hand plante und sich durch nichts von ihrem Vorhaben abbringen ließ. Zusammen mit ihrem Hund Diggity und einer Handvoll Kamele macht sie die 2700 Kilometer lange Strecke Reise bis an die Westküste. Für das Geld für die benötigte Ausrüstung lässt sie sich von dem von dem „National Geographic“-Fotografen Rick Smolan helfen, der sie als Gegenleistung während der Reise fotografieren darf. Außerdem verpflichtet sich Davidson im Anschluss ihrer Reise einen Artikel für National Geographic zu verfassen – die Grundlage ihres späteren Beststellers „Spuren“, der auch Grundlage für diesen Film war.

„Tracks“ ist in gewisser Hinsicht so etwas wie die helle, freundliche Version von Sean Penns „Into The Wild“. Das ist allerdings nicht rein positiv zu werten. Schon Penn hatte anscheinend nicht hundertprozentiges Vertrauen in seine Bilder, und den Film zu dessen Nachteil beinahe schon in Musik ertränkt. Ganz so schlimm ist es bei Curran nicht, aber so richtig bewusst, welches Pfund er mit der Geschichte von Davidson eigentlich in der Hand hält, scheint auch ihm nicht gewesen zu sein: Brav chronologisch erzählt er seine Story runter, hakt die Plotpoints ab, pingelig darauf bedacht, dass auch ja nicht zu viel Leerlauf entsteht – ständig passiert irgendwas!, und wenn es ihm dann doch zu viel Wüste in seinem ganz und gar nicht wüsten Film wird, darf natürlich stimmungsvolle Musik nicht fehlen. Ja, mit Curran und seinem Film verhält es sich ein wenig wie mit Robyn und dem Reporter Smolan (im Film gespielt von Adam Driver), der ihren Trip zwar erst möglich gemacht hat, dessen ständige Einmischung ihr aber auch die Ruhe stiehlt und sie immer wieder daran hindert, ihre Reise so zu erleben, wie sie es sich gewünscht hat.

Dass ich „Tracks“ trotzdem mag, liegt maßgeblich an Mia Wasikowska. Sie schenkt nicht nur der Figur der Robyn Davidson, sondern dem ganzen Film seine Kraft. Diese Kraft liegt in Ruhe der Darstellerin, nicht in der Ruhe des Films, die Curran sich und dem Zuschauer viel zu selten gestattet. Und es liegt auch an ihr, dass „Tracks“ mehr ist, als ein gefälliges Biopic über einen Selbstfindungstrip. Dank Wasikowska und ihrem subtilen Spiel weiß man, dass das doch nicht ganz so einfach mit der Selbstfindung. Schließlich findet sie am Ende ihres Trips auch nicht sich selbst, sondern nur den Ozean. Von dem sie ja schon die ganze Zeit wusste, wo er ist.

 Bild © Ascot Elite
 

Horrors of the Black Museum (Arthur Crabtree, Großbritannien 1959)

Posted by – 12. November 2014

Horrors Of The Black Museum#horrorctober 13, Nachtrag

So ein schöner Titel und dann so ein zerfahrener Film, der irgendwie nicht auf den Punkt kommt, oder keinen hat. Vielleicht war ich zu müde, vielleicht von den zwölf vorausgehenden, teilweise recht expliziten Filmen etwas übersättigt, jedenfalls konnte mich dieser Nachzügler meines #horrorctober nicht so recht überzeugen. Es geht um eine Mordserie erschüttert London, die London in Angst und Schrecken versetzt. Inspektor Graham (Geoffrey Keen) und das Scotland Yard sind ratlos. Auch als sich der vermeintliche Täter stellt, gehen die Morde weiter. Der Psychiater Dr. Ballan (Gerald Anderson) ist der erste mit einem handfesten Verdacht: Steckt vielleicht der von Morden faszinierte Schriftsteller und Journalist Edmund Bancroft (Michael Gough) – sein Patient! – dahinter?

Während Scotland Yard noch rätselt, weiß der Zuschauer längst Bescheid. Wohin der Hase ist nach wenigen Minuten klar, der Rest ist Warten, dass mal wieder ein Mord geschieht oder wenigstens handlungsmäßig irgendwas Überraschendes geschieht. Tut es – von dem kingkongesken Finale einmal angesehen – leider nicht. Mit Ausnahme von Bancroft, bleiben alle anderen Figuren blass. Selbst dessen Gehilfe Rick (Graham Curnow), zu dem er ein sehr besonderes Verhältnis hat, die im Verlauf des Films noch sehr wichtig wird, bleibt skizzenhaft.

Der Film hätte selber ein wenig mehr sein müssen, wie ein Museum, das zweifellos dann die größte Anziehungskraft hat, wenn es seltene Exponate in ihm zu sehen bzw. es schlicht überhaupt etwas zu entdecken gibt. Davon ist in Crabtrees Film aber zu wenig zu sehen. Man mag ihm zu Gute halten, dass er für vieles, beispielsweise den italienischen Giallo ein Vorläufer gewesen sein mag, aber um zu goutieren, wer vielleicht von wem irgendwie, irgendwann inspiriert wurde, kenne ich mich in den Jahrzehnten zu wenig aus. Ich weiß nur: Robert Fuest hat das gut zehn Jahre später in „The Abominable Dr. Phibes“ wesentlich besser hinbekommen. Sein von dem grandiosen Vincent Price gespielter Antagonist hat sich wirklich ein paar schräge Sachen einfallen lassen, um die nach seiner Sicht Schuldigen um die Ecke zu bringen. Bei Crabtree muss man sich mit einem manipulierten Fernglas, einem Elektrodings sowie ordinären Dolch und Zange zufrieden geben. Außerdem hatte Phibes für einen Psychopathen ein recht anständiges Motiv, dass ihn nicht nur zu einer gruseligen, sondern auch zu einer tragischen Figur gemacht hat. Der Schurke in „Horrors of the Black Museum“ hat nichts davon, sein diffuser Hass auf Frauen macht ihn genauso wenig plastisch wie sein behauptetes Interesse für Morde, dass leider nicht einmal im Gebrauch der sicherlich zahlreichen Mordwerkzeugen seines schwarzen Museums zum Ausdruck kommt.

Als Fazit sage ich mal „ganz nett“, aber was heißt das schon für einen Film, der gruselig sein will?

Bild ©  Network
 

Interstellar (Christopher Nolan, USA 2014)

Posted by – 5. November 2014

interstellarDie globale Nahrungsknappheit hat die Erdbevölkerung an den Rand des Abgrunds gebracht. Diese hat sich infolgedessen von der Wissenschaft abgewandt und steckt ihre ganze Energie in die Landwirtschaft. Der Ingenieur und ehemalige NASA-Pilot Cooper (Matthew McConaughey), Vater von Tochter Murph (Mackenzie Foy) und Sohn Tom (Timothée Chalamet), gehört zu den wenigen, die dies für den falschen Weg halten, seiner Meinung nach kann nur die Wissenschaft die Menschheit retten. Wie durch ein Wunder erhält er dazu die Chance: Mysteriöse Hinweise führen ihn und Murph zu einem geheimen Labor der US-Regierung, wo unter der Leitung von Professor Brand (Michael Caine) fieberhaft an der Rettung der Menschheit gearbeitet wird. Cooper erhält die Chance, seinen Beitrag zu leisten – allerdings muss er dafür seiner Kinder zurücklassen…

Wenn man etwas über aktuelle Filme sagt, muss man natürlich oberhöllisch aufpassen, nicht zu spoilern (d.h. anderen den Film zu verderben, indem man darüber spricht). Das gilt natürlich besonders für Filme von Geheimniskrämer Christopher Nolan, die ja immer atemraubende Überraschung bereithalten. Insofern verrate ich der Inhaltsangabe nicht einmal, warum der Film eigentlich „Interstellar“ heißt und beiße mir heftig auf die Zunge, ehe ich mich darüber auslasse, dass Nolan hier eigentlich ein altbekanntes Sci-Fi-Topos aufgreift, das niemanden, der mehr als einen ersten Kontakt mit der Materie hatte, besonders erstaunen dürfte. Die schönen Kritiken gibt’s also anderswo (z.B. hier und hier und hier und hier). Was gibt es sonst zu sagen?

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben, Nolans neuestes Werk als meisterwarteten Film des Jahres zu bezeichnen. Zumindest kam es nach den geheimnisvollen Trailern, den ehrfürchtigen Ankündigungen und den kindlich-nervösen Diskussionen im Netz so vor. Ich glaube der Hype tut „Interstellar“ nicht gut, und das in doppelter Hinsicht: Zum einen wird eine übertriebene Erwartungshaltung („Was hat der Nolan diesmal wieder Großes vollbracht?“) früher oder später dazu führen, dass die Zuschauer enttäuscht sein werden. Zum anderen scheint Nolan – möglicherweise hervorgerufenen durch die Erwartungen des Publikums? – selbst mehr und mehr dem (Irr-)Glauben zu verfallen, er müsste etwas nie Dagewesenes liefern. Im schlimmsten Fall kommen beide Probleme zusammen: Der ständige Druck zum Meisterwerk führt zum Kollaps der Wundermaschine, während Nolan sich selber weiter als Innovator wähnt und das in seinen Filmen unglücklicherweise etwas zu sehr raushängen lässt. Das kann schnell peinlich werden. (Nicht, dass Nolan noch irgendwann das Schicksal eines M. Night Shaymalan erleidet!) Schon „Inception“, „The Dark Knight Rises“ und „Interstellar“ geben – alle auf ihre Weise – einen Vorgeschmack darauf, was sein könnte, wenn’s schlecht kommt. Doch noch ist es zum Glück nicht so weit. Denn „Interstellar“ ist gut, sehr gut sogar.

Auch wenn er nicht frei davon ist, sich etwas zu (und den Zuschauer etwas zu wenig) ernst zu nehmen. Der Eindruck des Wichtigtuerischen liegt weniger an Nolans Themen – Identität, Wahrheit, Erinnerung, Ordnung, Chaos sind natürlich allesamt wirklich bedeutend! – es geht um den Impetus, mit dem Nolan eine Stoffe vorstellt. Sätze wie „Love is the one thing that transcends time and space“ sagen sich eben nicht so leicht ohne große Geste. Zum Glück bietet der in diesem Fall gelegentlich aufflackernde Humor einen angenehmen Kontrapunkt zum Ernst der Lage, denn der Film bietet einen reichhaltigen Zitatfundus aus Jahrzehnten Sci-Fi-Geschichte: „2001“, „Star Wars“ „The Black Hole“,„Sunshine“ oder aktuelle „Gravity“ sind nur einige der offensichtlichen Bezugspunkte, Referenzen die mitunter ganz putzig sind. Außerdem ist „Interstellar“ abgesehen von einigen hochtrabenden Dialogen und dem zunehmend aufdringlicher werdenden Hans-Zimmer-Score und trotz der galaktischen Fragen, die ihn umtreiben, glücklicherweise erstaunlich bodenständig in Inhalt und Ausführung. Im Zentrum der Geschichte steht weniger die Technik als das, was Menschen verbindet und antreibt. Das ist mitreißend erzählt, emotional herausfordernd und bildgewaltig in Szene gesetzt. Vielleicht sind es diese Superlativen, die mir etwas die Lust rauben, mich mit den Feinheiten zu beschäftigen und die es erschweren, „Interstellar“ richtig gerne zu haben.

Bild © Warner Bros. GmbH