Let Us Prey (Brian O’Malley, Großbritannien, Irland 2014)

Posted by – 23. Februar 2015

Let Us PreyEin Rabe kündet in der Literatur stets von Unheil. Bei so vielen Raben, wie sie gleich zu Beginn von Brian O’Malleys Film auftauchen, muss das Unheil verdammt groß sein!

Und so ist es dann auch: In der Polizeistation eines kleinen Kaffs in Schottland führt das Schicksal eine Handvoll übler Typen zusammen, die nicht ahnen, dass ihre letzte Nacht angebrochen ist. Da ist die Polizistin Rachel (Pollyanna McIntosh), gerade ihre erste Nachtschicht absolviert. Warum sie hierhin versetzt wurde, erfahren wir nicht, nur dass sie Ärger mit ihren Vorgesetzten hatte. Schon vor Dienstantritt verhaftet sie einen jungen Mann (Brian Vernel), der jemanden anfährt. Das Opfer verschwindet spurlos, den Täter, der keinerlei Einsicht zeigt, nimmt sie gleich mit auf die Polizeiwache und buchtet ihn ein. Ein Lehrer, der seine Frau schlägt sitzt schon hinter Gittern, doch nach und nach füllt sich die Zelle immer mehr. Zunächst wird das Opfer des Verkehrsunfalls (Liam Cunningham) von einer Streife aufgelesen und aufs Revier gebracht und, weil es kaum verletzt ist und weder seinen Namen sagt, noch Anstalten macht zu kooperieren – erst einmal eingebuchtet. Und ehe er sich versieht, befindet sich auch der herbeigerufene Arzt Dr. Duncan Hume (Niall Greig Fulton) hinter Gittern. Womit mitnichten alle Bösewichte eingesperrt wären, denn auch von den Polizisten haben einige ordentlich Dreck am Stecken.

Ich verstehe, dass sich manch einer bei „Let Us Prey“ an John Carpenters „Assault On Precinct 13“ erinnert fühlt. Ging mir, auch wenn O’Malleys Film ebenfalls überwiegen in einer Polizeiwache spielt und wie Carpenters Frühwerk auch einen surrealen Touch hat, aber nicht so. Schon der Anfang, die Raben, die unheilschwangere Atmosphäre, geben die Richtung vor: Etwas Schlimmes wird passieren. Wie schlimm das alles wird, das ahnt der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt bestimmt noch nicht. Nachdem eher behutsamen, von einem ins Ohr gehenden elektronischen Soundtrack getragenen Spannungsaufbau, dreht der Film im letzten Drittel noch einmal richtig frei und es splattrig. Wer allergisch auf Übertreibungen reagiert, sieht „Let Us Prey“ möglicherweise nicht den richtigen Film. Doch sei es, weil Pollyanna McIntosh mitspielt und ich dann manchmal etwas freundlicher auf den Film schaue, oder weil dem Ganzen von Beginn an eine irgendwie irreale Aura anhaftet – mich hat höchstens der etwas ruckelige Schnitt ein wenig gestört, keinesfalls aber, dass Brian O’Malley in seinem Debüt-Film – etwas spät, aber dann doch noch – ordentlich in die Vollen geht! Im Gegenteil, ich finde das viel besser, als wenn langweilige Leute, langweilige Dinge tun. Und das ist in „Let Us Prey“ definitiv nicht der Fall. Hier hat wirklich fast jede Figur eine Seite, die so düster ist, dass man mit ihr allein für einen Moment die Sonne verdunkeln könnte.

Wer schwarzen Seelen sucht, um das Fegefeuer ordentlich anzuheizen, sollte er im Knast einer bestimmten schottischen Polizeistation nachsehen, da wird er oder sie garantiert fündig. „Go to hell“ sagt eine Figur irgendwann. Die Antwort: „Why? All the devils are here.“

Bild © Drop-Out Cinema

Prisoners (Denis Villeneuve, USA 2013)

Posted by – 22. Februar 2015

Prisoners

Die Familien Dover und Birch feiern gemeinsam Thanksgiving. Nach dem Essen gehen die Töchter Anna Dover und Joy Birch draußen spielen – und sind kurz darauf spurlos verschwunden. Die Polizei nimmt zwar den Fahrer (Paul Dano) eines verdächtigen Wohnmobils fest, dem lässt sich jedoch nichts nachweisen. Während Detective Loki (Jake Gyllenhaal) weiterhin nichts unversucht lässt, den Täter zu finden, hält der Vater von Anna, Keller Dover (Hugh Jackman), den Mann am Steuer des Wohnmobils jedoch nicht für unschuldig – und entführt ihn.

Ich habe mich kurz gefragt, ob ich den Text mit dem Satz „Endlich habe ich den Film auch gesehen“ beginne. Weil mir „Enemy“ so gut gefallen hat, habe ich mich tatsächlich sehr auf „Prisoners“ gefreut. Nach dem Film ist die Stimmung allerdings eine andere, jetzt fühle ich mich gefangen in der Geschichte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. „Prisoners“ wird mitunter in einem Atemzug mit „Big Bad Wolves“ genannt. Und bin froh, dass Vielleneuves Film bis auf eine ähnliche Prämisse so gut wie gar nichts mit Aharon Keshales & Navot Papushados dümmlicher Selbstjustiz-Comedy gemein hat. Was hat er, was Filme ähnlichen Themas nicht haben, was macht gerade diesen Film zu einem schwarzen Loch, aus dem kein Lichtstrahl entweicht? Seit ein paar Tagen arbeitet es in mir, doch ich finde weder Eingang noch Ausgang. In seiner Absolutheit erinnert mich der Monolith „Prisoners“ an Filme wie „The Silence Of The Lambs“ oder „Seven“, nicht nur, weil dem Zuschauer ebenfalls ein klares Happy End verweigert wird. Villeneuves Film nach einem Drehbuch von Aaron Guzikowski ist in dieser Hinsicht sogar besonders perfide, weil eine Andeutung am Ende den geprügelten Zuschauer kurz die Illusion von Hoffnung geben mag.

In „Prisoners“ ist wirklich jeder ein Gefangener – im ganz wörtlichen Sinne oder auch im übertragenen: ein Gefangener seiner Geschichte, seiner Erziehung und persönlichen Traumata, seiner Weltanschauung und (falschen) Theorien etc. – und wahrscheinlich ist es auch der Titel, der am ehesten einen Weg in diesen hermetischen Film weist, der vordergründig ein reines Genre-Produkt, aber gleichwohl offensichtlich so viel mehr ist. Was genau, da bin ich mit meinen Gedanken noch nicht am Ende. Deswegen verbleibe ich mit der, bei Texten zu diesem unaufgeregt gleichwohl exzellent inszeniertem Film, unumgänglichen Feststellung, dass die Schauspieler durch die Bank wirklich Großartiges leisten. Jede ihrer Figuren ist plastisch und absolut glaubwürdig in ihren Ängsten, ihrem Getriebensein, und in dem vermeintlichen Akt von Freiheit, mit dem sie gegen die Mauern ihres Kerkers rennen.

Derzeit ist der Film noch ein mächtiger schwarzer Fels in der Brandung meiner Gedanken; aber er ist auch ein existenzielles Filmerlebnis, allerdings eines, das dem Zuschauer an die Substanz gehen kann. „Pray for the best, but prepare for the worst“, heißt es im Film. Aber auf das Böse, wie es im dort gezeigt wird, kann man nicht vorbereitet sein.

Bild © Universal Pictures

Maze Runner (Wes Ball, USA, Kanada, UK 2014)

Posted by – 17. Februar 2015

maze runnerHier noch ein paar Nachzügler-Worte zu „Maze Runner“, den ich kurz vor Weihnachten gesehen habe. Unterm Tannenbaum lagen dann die Bücher der Jugendromanreihe von James Dashner, und ich wollte zumindest den ersten Teil der Trilogie gelesen haben, bevor ich etwas zur Verfilmung des ersten aufschreibe. Buch fertig, es kann losgehen. Ich starte mit der Feststellung, dass mir der Film, was eher selten der Fall ist, ein gutes Stück besser gefallen hat als das Buch. Das empfand ich als mäßig geschrieben und unangenehm in die Länge gezogen. Der Film hingegen wirft den Zuschauer direkt in die Geschichte, der wie der Protagonist zuerst überhaupt nicht weiß, was vor sich geht.

Wir erwachen im Film mit Thomas (Dylan O’Brien), der anfangs weder seinen Namen weiß, noch wie er auf die von hohen Mauern umzogene Lichtung zu den anderen jungen Männer kommt. Das sind z.B. ihr Anführer Alby (Aml Ameen), sein Stellvertreter Newt (Thomas Sangster), der gutherzige Chuck (Blake Cooper) und der aggressive Gally (Will Poulter). Alle 30 Tage, erklären sie ihm, wird ein neuer Junge auf die Lichtung gebracht. Dort leben sie, dort arbeiten sie, von dort aus erforschen sie das riesige Labyrinth jenseits der Mauern. Doch mit Thomas, das ahnt anfangs noch niemand, wird sich alles ändern.

Zumindest in der ersten Hälfte sitzen die Daumenschrauben. Man weiß nie mehr als Thomas. Mit ihm lernen wir seinen neuen Lebensraum bei den Lichtern (so nennen sich die Jungs auf der Lichtung) kennen. Sowohl die soziale Struktur, die sich hier gebildet hat, ist interessant, das Machtgefüge, als auch die die Spezialisierung auf verschiedene Arbeitsbereiche je nach Fähigkeit, dann die jugendkulturellen und quasi-religiösen Erscheinungsformen, die wir Stück für Stück besser kennenlernen, ohne dass irgendwas zu Tode erklärt wird. Eine mindestens ebenso große Anziehungskraft auf Thomas wie auch den Zuschauer übt natürlich das Labyrinth aus, von dem wir anfangs nur seine riesigen Mauern sehen. Schon von außen löst der Anblick eine Gänsehaut aus, die sich nach den ersten neugierig-schüchternen Blicken des Protagonisten ins Innere noch verstärkt. Die Angst, was sich wohl in ihm befindet, geschürt durch Erzählungen der anderen Jungen, ist beinahe größer, so lange alles noch im Dunkeln liegt. Mit jedem Flashback, der Thomas ein Stück seiner Vergangenheit enthüllt und jeder neuen Erkenntnis über die Gesetzmäßigkeiten des Labyrinths, vor allem aber mit immer häufigeren Auftauchen der „Griewer“ genannten Wesen, die zuerst nur im Labyrinth, im weiteren Verlauf der Handlung aber auch außerhalb ihr Unwesen treiben, hat bei mir der Schrecken und ein Stück weit auch die Faszination an der Geschichte nachgelassen.

„Maze Runner“ ist anfangs noch ein großes Geheimnis, wandelt sich aber immer mehr zu einer vereinfachten Version von „Lord Of The Flies“ und einer entschärften von „Cube“, was bereits andeutet, dass beide Vorbilder nicht erreicht werden. Und auch wenn der Film den Zuschauer von einem halb gelösten direkt ins nächste Rätsel entlässt, sind zumindest am Ende bei mir erste Zweifel gesät, ob die impliziten Versprechen an alle Freunde des phantastischen Films in den nächsten Teilen tatsächlich eingelöst werden. Man wird sehen.

Bild © Fox Deutschland

Lucy (Luc Besson, Frankreich 2014)

Posted by – 17. Februar 2015

LucyIn Filmen ist zunächst einmal alles wahr, das ist eines der vielen schönen Dinge, die es über sie zu sagen gibt. So nutzen Menschen in Luc Bessons neuem Film nur 10 Prozent ihrer Gehirnkapazität. Aber weil die amerikanische Urlauberin Lucy (Scarlett Johansson) in Taipeh als unfreiwilliger Drogen-Kurier für die brandneue Substanz CPH4 missbraucht wird und durch eine Überdosis zum Übermenschen mutiert, gilt diese Regel für sie bald nicht mehr. Schnell liegt das 10 Prozent-Limit hinter ihr. Ärgerlich nur – da bist du immerhin schon 28 Prozent deiner Gehirnkapazität und musst trotzdem noch Morgan Freeman anrufen, wenn du nicht weiter weißt. Der spielt in dem Film Hirnforscher Professor Samuel Norman und darf in einem weitestgehend parallel laufenden Handlungsstrang den Zuschauer mit pseudowissenschaftlichen Hintergrundinfos versorgen. Und einen französischen Polizisten (Amr Wakedmuss) muss sich Lucy dann auch noch anlachen, damit sie nicht zu schnell ihre Menschlichkeit verliert.

Bei 30 Prozent weiß Lucy die Kugelschreiber-Farbe ihres Telefonpartners und kann Schäferhunde mit Blicken züchtigen. Ab 40 Prozent gibts Champagner in der Economy-Class. Aber schon hier machen sich die ersten Problemchen breit. Ihr Superorganismus verliert den Zusammenhalt, sie beginnt sich aufzulösen und braucht schnell mehr von der Droge, weswegen sie den anderen Drogenkurieren nachreist. In einem Pariser Krankenhaus kommt es zum Showdown. Der Drogenbaron Mr. Jang (Choi Min-sik) und seine Schergen sind mittlerweile aufgetaucht, aber Lucy hat 80 Prozent hinter sich gelassen und bewegt sich in an „Matrix“ erinnernde „Konstrukt“-artigen Sphären, so dass ihr ein popeliger Gangster nicht mehr gefährlich werden kann. Auf Anraten von Prof. Norman ist Lucy gerade dabei, noch schnell einen Supercomputer zu konstruieren, um ihr in den letzten Stunden rasant angeschwollenes Wissen weitergeben zu können. Klappt und dann ists auch schon vorbei, und ich denke, sympathischer Trip, dieser „Lucy“. Aber ich finde auch: Besson hätte noch ein wenig mutiger dem Irrsinn huldigen können. Wir hätten dir alles geglaubt, Luc, warum die Zurückhaltung? So nutzt „Lucy“ leider nur knappe 60 Prozent seines Potenzials. In meiner Fantasie peppe ich alles deswegen ein wenig auf, indem ich mir vorstelle, der Film sei der zweite Teil einer Trilogie, bestehend aus dem ersten Teil „Vicky Christina Barcelona“, dann eben „Lucy“ und schließlich „Her“.

Bild © Universal

I Am Legend (Francis Lawrence, USA 2007)

Posted by – 6. Februar 2015

i am legendTeil zwei und drei von „The Hunger Games“ – famos, „Constantin“ – ebenfalls sehr gut. Nachdem ich nun mich schon innerlich darauf eingestellt hatte, mit Neusichtung von „I Am Legend“ ein Loblied auf Francis Lawrence zu verfassen, wurde ich doch schnell auf den Boden zurückgeholt. Nicht, dass der Film auf visueller Ebene nicht überzeugend wäre, aber aus einem schlechten Script (verantwortlich hierfür Mark Protosevich & Akiva Goldsman) kann auch ein guter Regisseur kein Meisterwerk machen.

„I Am Legend“ handelt von dem Virologen Lt. Colonel Dr. Robert Neville (Will Smith). Als einer der letzten Überlebenden einer Seuche, die ihre Opfer in blutrünstige Bestien verwandelt, versucht Neville fieberhaft ein Gegenmittel zu finden. Der Film nach dem gleichnamigen Roman von Richard Matheson wurde z.B. mit „The Last Man on Earth“ (1964) „The Omega Man“ (1971) „I Am Ωmega“ (2007) schon mehrfach für’s Kino adaptiert und wahrscheinlich diente die Geschichte zusätzlich als Blaupause für etliche weitere Filme. Lawrences Version gehört visuell sicherlich zu einer der stärksten. Schon der Beginn, wenn man den Protagonisten mit seinem Hund in einer schicken Karre durch die menschenleeren Häuserschluchten New York Citys fahren sieht, ist hochgradig atmosphärisch. Der Anfang hat mir fast noch besser gefallen als der des kürzlich von mir gesehenen „28 Days Later“, in dem sich die Hauptfigur und mit ihr der Zuschauer zunächst in einem (scheinbar) entvölkerten Szenario zurechtfinden muss. Boyles Film hat mir insgesamt trotzdem wesentlich besser gefallen.

Drei Gründe sind es, die mich an „I Am Legend“ stören (zwei davon sind sehr subjektiv, einer vielleicht nicht ganz so). Erstens: Ich sehe Will Smith nicht ungern. Dass er den Scientologen nah steht, hat nichts damit zu tun, dass er ein paar verdammt gute Filme gemacht hat. Ganz subjektiv stelle ich aber fest: In die Rolle des Robert Neville passt er (für mich) einfach nicht. Nicht ganz so sehr, aber immer noch subjektiv behaupte ich: Er ist den Anforderungen dieser Rolle nicht gewachsen. Das Leid und die Verzweiflung seiner Figur, wie auch das, was sie antreibt, glaubhaft herüberzubringen, will ihm in meinen Augen nicht so ganz gelingen. Aber es ist für andere wahrscheinlich müßig, Geschmacksurteile darüber zu lesen, ob ich finde, dass jemand gut oder schlecht schauspielert, deswegen gleich zu zweitens, und das ist wohl ebenfalls Geschmackssache: Die vampirartigen Pixel-Wesen aus dem Computer sehen in meinen Augen doof aus. Mich haben diese Animationen jedenfalls immer wieder rausgerissen, ich finde sie schlecht designt, sie bewegen sind unnatürlich und sehen übertrieben aus. Wer das nicht findet, hat definitiv ein erhebliches Problem weniger mit dem Film. Aber nun zu drittens. Von diesem Punkt glaube ich, dass er nicht nur mit meinem Geschmack zu tun hat, sondern dass der Film hier wirklich „kaputt“ ist. Der Roman von Matheson hat eine Pointe, zum Schluss verschieben sich die Perspektiven und der Leser erhält eine ganz neue Sicht auf die Geschichte. Der Film verzichtet auf diese Wendung. Die Story wurde umgeschrieben und so auch ihrer Aussage und Kraft beraubt.

Ich bin niemand der notorisch fehlende Werktreue anmahnt, aber wenn wie in diesem Fall nichts übrig bleibt als ein phasenweise atmosphärischer, aber CGI-überfrachteter und inhaltlich armer Film, der so offensichtlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, dann finde ich das sehr sehr schade.

Bild © Warner Bros.

Across The River (Lorenzo Bianchini, Italien 2013)

Posted by – 1. Februar 2015

across the riverVielleicht darf ich auch einfach mal schreiben, dass mir nicht viel zu einem Film einfällt. Kritiken lese ich eigentlich nicht allzu oft, aber zu „Across The River“ (OT: Oltre il Guado) sind mir einige sehr positive Texte untergekommen und deswegen wollte ich ihn gerne sehen. Das habe ich jetzt getan. Mir ist allerdings nicht klar geworden, was Publikum und Kritik an dem mehrfach ausgezeichneten Film sehen. Ich habe nicht einmal viel zu meckern, weil: da ist einfach nichts. Bestenfalls dieses Nichts kann ich kritisieren, ein Horror- bzw. Gruselfilm sollte ja „Etwas“ haben und zwar ein Etwas, das Angst macht.

Ein Mann (Marco Marchese) läuft erst durch einen Wald, dann durch ein verlassenes Dorf. Da mal eine schräge Klaviernote, dort ein Horn. In einigen Texten ist zu lesen, der Regisseur Lorenzo Bianchini, der hier auch für das Drehbuch und den Schnitt verantwortlich zeichnet, spiele mit Genre-Konventionen, ich aber sage: er reiht sie aneinander. Das hat man alles schon etliche Male und zwar meist besser gesehen. Lediglich das Timing unterscheidet sich ein wenig von ähnlichen Produktionen. Soweit, dies als „behutsamen Spannungsaufbau“ zu bezeichnen, würde ich aber auch nicht gehen. Und nur dafür, dass Bianchini wie ich kein großer Fan von Jump Scares zu sein scheint, bin ich noch nicht bereit zu klatschen. Zumindest ich war nicht ge- sondern eher entspannt, um nicht zu sagen gelangweilt – bist das Genervt sein dazu kam. Änderungsvorschlag für den Film: Alle Nebenstränge (alten Mann, Sanitäter und vor allem die beiden Schwestern weglassen), die Im-Traum-Ertrinken-Szene zum Schluss noch einmal wiederholen und ihn nicht aufwachen lassen. Dann wäre das zwar immer noch kein toller Film, aber zumindest wäre er dann stringenter aufgebaut und hätte am Ende auf die zwei schmierigen Schwestern aus der Mottenkiste des Horrorfilms verzichten können.

Positiv aufgefallen ist mir lediglich, wie der Aktions- und Wahrnehmungsradius der Hauptfigur immer weiter schrumpft. Stehen ihm am Anfang Wald und Wiesen offen und ist sein Sensorium durch die Kameras an den Füchsen sogar noch erweitert, verengen sich die Grenzen seiner Welt nach dem Ansteigen des Flusses und seiner Ankunft im Dorf immer weiter, bis er schließlich desorientiert durch die verfallenen Räume irrt. Ein glücklicher Zuschauer ist wohl einer, auf den sich diese Irritation und Klaustrophobie überträgt. Das hat bei mir leider nur in sofern funktioniert, dass mein Sofa von Filmminute zu -minute unbequemer geworden ist.

Bild © Marctropolis

Constantine (Francis Lawrence, USA / Deutschland 2005)

Posted by – 31. Januar 2015

constantineScheiße, der Speer des Schicksals ist verschwunden. Das ist deswegen doof, weil, wer ihn in den Händen hält, bestimmt die Geschicke der Welt. Im zweiten Weltkrieg verschwunden, taucht er nun wieder auf als ein Schrottsammler namens Manuel (Jesse Ramirez) sie durch Unfall bei Ausgrabungen entdeckt. Ist aber erst mal egal, denn eigentlich geht es um den Exorzisten John Constantine (Keanue Reeves), der soviel wie möglich von der teuflischen Brut zurück in die Hölle schickt – um sich so seinen Weg in den Himmel zu erkaufen. Sein aktueller Fall: Die Zwillingsschwester von Angela Dodson (Rachel Weisz) hat sich umgebracht. Die glaubt aber nicht an einen Selbstmord und wendet sich an Constantine. Außerdem sind die Dämonen gerade besonders aggressiv. Da ist doch irgendwas im Busch.

Ich habe „Constantine“ gestern zum dritten Mal gesehen. Die ersten beiden Male fand ich ihn ganz nett, aber nicht überwältigend. Nun bin ich kurz davor, Meisterwerk zu rufen, so gut hat er mir diesmal gefallen. Die Stimmung stimmt, wie man so schön sagt. Visuell und inhaltlich einfallsreich reiht sich eine tolle Idee an die andere. Schon der Anfang, wenn der Herr Manuel die Speerspitze findet und dann von einem Auto angefahren wird, wow! Aber auch gleich danach, Constantins erster Job, bei dem er einen stinkigen Kriegerdämon aus einer jungen Frau in einen Spiegel umsiedelt und aus dem Fenster und versehentlich auf das Auto seines Partners Chas Kramer (Shia LaBeouf) schmeißt.. „If you would have told me there was a three hundred pound mirror you were dropping with a pissed-off demon, I would have moved it further“, beschwert sich Chas und ich lache jedes Mal. Das gefällt mir so an dem Film, jedenfalls ist es mir bei diesem dritten Sehen erst richtig bewusst geworden, dass er in sehr vielen kleinen Details überrascht. Die Physik des Übersinnlichen ist in „Constantine“ frisch und unverbraucht.

Zwar störten mich auch ein paar Details, beispielsweise, dass hier etwas lieblos mit den Nebenfiguren umgegangen wird (sind sie erst einmal verschieden, werden sie nicht einmal mehr erwähnt); oder dass der Film manchmal ein wenig zu langwierig seinen Plot entwickelt. Und wenn Manuel (hallo! willkommen zurück!) und der Speer des Schicksals dann zum Schluss wieder auftauchen, fällt irgendwo ein McGuffin tot vom Baum und dem einen oder anderen Zuschauer vielleicht auf, was für einen Unfug er da gesehen hat. „Constantine“ macht auf absolut faszinierende Art keinen Sinn, aber das macht unter anderem den Reiz dieses Höllentrips aus, diese unglaublich quatschige Geschichte, die sich während des Sehens trotzdem „richtig“ anfühlt, weil hier andere Gesetze gelten und alles völlig durcheinander und trotzdem am richtig Ort ist.

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als Eure Schulweisheit sich träumen lässt, da sind Engel, ein Haufen hässliche Dämonen, der schnöde Mammon, Luzifer (Peter Stormare) persönlich und vieles mehr. Sogar der liebe Gott schimmert ab und zu durch. Was kann man sich mehr erhoffen?

Bild © Warner Bros.

Das ewige Leben (Wolfgang Murnberger, Österreich 2015)

Posted by – 30. Januar 2015

Es ist schon erstaunlich, dass die Verfilmungen der Romane von Wolf Haas um den sehr kauzigen Privatdetektiv Simon Brenner zwar in Fan-Kreisen durchaus Kultstatus genießen, dass ihnen aber die ganz große, breite Anerkennung bisher verwehrt geblieben ist. Dabei gäbe es mehrere Gründe, die kongenialen Filme des eingespielten Teams bestehend aus Regisseur Wolfgang Murnberger, Hauptdarsteller Josef Hader und Autor Wolf Haas so manchem gelackten Hollywood-Thriller vorzuziehen. Zum einen sind die Filme zeitlos und brandaktuell gleichzeitig. Mord, Korruption, Menschenhandel, et cetera pp. – hier werden die dunklen Seiten von Österreich angegangen, doch eigentlich sind es die Schattenseiten der ganzen Welt, die Zivilisationskrankheiten, die aus menschlichen Wünschen und Ängsten hervorgehen, die in Haas’ Romanen behandelt werden. Zum anderen, dass es die Filme überhaupt gibt! Wer schon mal einen Brenner-Krimi gelesen hat, kann sich vorstellen, wie unmöglich es auf den ersten Blick erscheint, solche durch ihre Sprache besonderen Stoffe für die Leinwand zu adaptieren. Doch dem Triumvirat Murnberger, Hader und Haas ist es gelungen. Mal wieder. Warum auch der vierte Film, „Das ewige Leben“, wieder ding ist, führe ich in meiner Kritik für kino-zeit.de aus.

Catwoman (Pitof, USA 2004)

Posted by – 21. Januar 2015

Catwoman

Ein verschmähtes Werk der Filmgeschichte neu zu entdecken und herauszufinden, dass es, entgegen allen anders lautenden Behauptungen, doch ganz toll ist – davon träume ich schon länger. Um diesen Traum jetzt endlich Wirklichkeit werden zu lassen, habe ich mir „Catwoman“ ausgesucht. Den findet ja bekanntlich niemand gut. Auch wenn ich große Vorbehalte gegen Regisseure habe, die nur mit ihrem Spitznamen gecredited werden, kann ich sagen, dass mir Pitofs „Vidocq“ ganz gut gefällt und zumindest insofern schon einmal nichts dagegen spräche, dass ich auch mit „Catwoman“ etwas würde anfangen können. Soviel vorweg: Meinen Wunsch konnte ich mir leider nicht erfüllen. Aber immerhin bin ich nicht grandios gescheitert, sondern lag nur ein klitzekleines Bisschen daneben.

Nun, wieso das? An der Story kann’s wohl nicht liegen, denn die ist doch so generisch wie fast alle Superhelden-Filme. Und sind die Effekte aus dem Computer nicht ziemlich käsig und Halle Berry als Catwoman nicht ganz unpeinlich? Dass der Film in der Gunst der Kritiker und Zuschauer nicht besonders hoch lag, ist jedenfalls verständlich. Ein paar Details sind sicher kaum der Rede wert, andere, durchaus handfeste Probleme lassen sich nicht so leicht vom Tisch wischen. Eines davon ist der Spannungsaufbau, der nicht nur völlig überraschungsfrei verläuft – der Zuschauer weiß leider auch stets mehr als seine Protagonistin, was den Film zusätzlich ausbremst. Während die daraus resultierende Langeweile vielleicht noch durch seine Schauwerte kaschiert werden könnte, sind es leider genau diese, die ihm einen weiteren, unschönen Schmiss verpassen. Superheldinnen sind ein trauriger Mangel in der Marvel- und, wie in in diesem Falle, in der DC-Filmwelt. „Catwoman“ ist eine Figur, die, so behaupte ich mal, durchaus Potenzial gehabt hätte, die Weichen für zukünftige Comic-Verfilmungen zu stellen, doch leider scheitert Pitof hier. In emanzipatorischer Hinsicht ist sein Film leider alles andere als gelungen. Dafür, dass es thematisch um ein gefährliches Schönheitsprodukt geht, mit dem die Frauen dieser Welt versklavt werden sollen, wird zumindest nach meinem Empfinden seine Protagonistin als Sexsymbol zu sehr ausgestellt. Ganz abgesehen davon, dass sich hochhackige Schuhe vielleicht für den Laufsteg, ganz bestimmt aber nicht für eine Heldin eignen, die mit neuen inneren und äußeren Stärken gegen ihre Mörder und die Versklavung der Frau eintritt bzw. eintreten soll. Die Kamera klebt zudem viel zu oft an ihrem Hintern, um dem Film ernsthaft abzunehmen, dass er sich für die gesamte Person interessiert.

Wahrscheinlich lohnt es nicht, darauf im Detail etwas zu erwidern und es ist bestimmt ebenso müßig, ausgewählte Aspekte zur Verteidigung zu nennen, die den Film charmant machen. Da wäre zum Beispiel die schöne Kamera von Thierry Arbogast und überhaupt nicht wenige visuelle Ideen, wie man sie so noch nicht gesehen hat. Und manchmal dreht der Film völlig frei, wie bei der Basketball-Musical-Schmunzel-Einlage oder der wunderbaren Sequenz, als Patience (Halle Berry) mit ihrer Freundin telefoniert und dabei miezisch durch ihre Wohnung tänzelt. Manchmal ist der Film so leicht, so unschuldig wie ein Blättchen Katzenminze. Ja, sicher, bei einigen Szenen stellen sich einem die Nackenhärchen auf, und der eine oder andere Zuschauer mag immer mal wieder versucht sein, wegzugucken, aber – und nun zu dem wichtigsten Grund, warum ich den Film gar nicht so übel fand – ich bin mir sicher: das soll so. Denn „Catwoman“ legt durch seine Aktionen, die manchmal jenseits der Schamgrenze sind, etwas frei, was bei vielen anderen Superhelden-Filmen bestenfalls vage durchschimmert. Nämlich dass diese Sache mit den kostümierten Helden und ihren Fähigkeiten einfach etwas ist, was die Grenzen des guten Geschmacks und die Konventionen überschreiten muss! Der Blick auf sein weibliches Subjekt mag ein männlicher sein. Und doch gelingt es Halle Berry sich irgendwie freizuspielen, so als würde sich ihre Catwoman immer weiter von den Erwartungen der Zuschauer emanzipieren. Ob Pitof das seinem Film in vollem Bewusstsein angelegt hat oder ob ihm hier intuitiv etwas geglückt ist, weiß ich nicht. Jedenfalls macht er dem Zuschauer durch seine Inszenierung diese Grenz-Übertritte immer wieder bewusst. Im Gegensatz zu den pubertären Ermächtigungsfantasien vieler anderer Superhelden-Filme vermittelt Pitof ein Gefühl der Travestie, die ja das Leben eines Helden in Strumpfhosen auch immer bedeutet. Das macht „Catwoman“ zwar nicht zu einem der besten Superhelden-Filme, aber dennoch zu einem, den man kennen und nicht gleich abfällig zur Seite schieben sollte.

Ein Fazit zu ziehen, fällt mir schwer. Mir hat „Catwoman“ irgendwie gefallen, es hat mir aus noch nicht völlig geklärten Gründen Spaß gemacht, ihn zu sehen und ein paar Tage über ihn nachzudenken. Vielleicht sehe ich ein Stück Freiheit, wo gar keine ist, doch trotz und vielleicht auch gerade wegen seiner Schwächen (von denen sich ein paar sogar als seine Stärken erweisen), kann ich jedem Superhelden-Fan nur empfehlen, sich den Film noch einmal offen (oder vielleicht auch dicht) anzusehen.

Bild © Warner Home Video

Whiplash (Damien Chazelle, USA 2014)

Posted by – 19. Januar 2015

WhiplashI was there to push people beyond what’s expected of them. I believe that’s an absolute necessity! – Terence Fletcher

Der Schlagzeugschüler Andrew (Miles Teller) hat ein Ziel: Er will ganz nach oben. Sein Lehrer, Terence Fletcher (J.K. Simmons), hat ebenfalls eine Mission. Er unterrichtet nicht einfach nur gute Schüler. Er will Musiker entdecken, die zu den besten der Welt gehören. Fletcher nimmt Andrew unter seine Fittiche und schreckt vor nichts zurück, um Andrew zu Höchstleistungen zu pushen.

„Whiplash“ bezeichnet im Englischen nicht nur den Peitschenriemen, sondern ist auch der medizinische Ausdruck für ein Schleudertrauma. Die Symptome sind Schwindel, Benommenheit, stechende Schmerzen, Hör- und Sehstörungen, Spasmen,… Andrew kann davon ein Lied singen. Damien Chazelles schmerzhaftes Musik-Drama erinnert ein wenig an eine düstere Version von Peter Weirs „Dead Poets Society“, in dem statt des gütigen John Keating nun ein fanatischer Terence Fletcher seine Jungs antreibt. Doch entgegen dem ersten Anschein ist „Whiplash“ keine Kritik am (amerikanischen) Schulsystem, zumindest nicht nur, denn hier haben sich zwei gefunden, die sich brauchen, ja – die ohne einander gar nicht könnten. Der Film erklärt sich nicht allein aus dem Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Institution bzw. des Lehrers, hier gehören zwei dazu: Andrew ist nicht einfach das passive Material, aus dem Fletcher seine Vision des Weltmusikers formt. Leben und vor allem Lernen heißt Leiden – und dem jungen Mann selbst schlummert der absolute Wille zum Erfolg. Er ist seines Glücks (oder Unglücks?) nicht weniger Schmied als das Schulsystem oder der Lehrer, in dem Andrew aller ihm innewohnen Grausamkeit zum Trotz den passenden Mentor für seine Selbstoptimierungs-Passion gefunden hat. Insofern ist „Whiplash“ weniger der böse Zwilling von „Dead Poets Society“, sondern eine weniger morbid-fantastische vielleicht sogar weiter reichende Variation von Darren Aronofskys „Black Swan“. Bei Chazelle geht es um die Transformation des Menschen der Leistungsgesellschaft. (Oder vielleicht auch des Mannes? Es ist bestimmt kein Zufall, dass alles Feminine in der Welt von Fletcher, Andrew & co mit Schwäche gleichgesetzt ist…)

Kurz könnte man denken, der Film selbst ist der Leistungslogik, die er kritisiert auf den Leim gegangen. Am Ende erweisen sich die Methoden des Lehrers als die richtigen. Die Welt hat einen neuen Supermusiker. Außerdem waren Blut, Schweiß und Tränen selten so ästhetisch und das Leiden so schön wie in „Whiplash“. Doch gerade deshalb, weil sich Chazelle nicht zu offensichtlich positioniert, weil es ihm gelingt, die Ambivalenzen seiner Geschichte herauszuarbeiten und er auch das Schöne, Reizvolle dieser hässlichen neuen (Männer-)Welt zeigt, kann sein Film funktionieren. Und wenn wir uns am Schluss mit Andrew freuen, saust die unsichtbare Peitsche nieder. Ihre brennenden Striemen wird der ein oder andere bestimmt noch lange nach dem Filmgenuss spüren.

Bild © Sony Pictures Germany