Month: Juli 2012

Total Recall (Paul Verhoeven, USA 1990)

Posted by – 23. Juli 2012

Erinnerungen werden überschätzt. Weiß nicht jeder, wie trügerisch unser Gedächtnis manchmal ist? Das muss auch Bauarbeiter Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) erfahren, als er sich bei der Firma Rekall Inc. die Erinnerungen an einen Mars-Urlaub implantieren lässt. Ein Ego-Trip-Paket, durch das er den Urlaub nicht als er selbst, sondern als Geheimagent erlebt, bucht er gleich mit. Kurze Zeit später sind alle hinter Quaid her. Erlebt er einfach den ihm von Rekall eingepflanzten Abenteuerurlaub oder ist er vielleicht wirklich der Geheimagent Hauser, der berufen ist, den Mars zu retten?

Social Viewing, die zweite (weitere Infos bei Peter). Nachdem wir zuletzt gemeinsam „The Exorcist“ gesehen hatten, war nun „Total Recall“ an der Reihe. Dass die Wahl auf den Film gefallen ist, hat mich sehr gefreut. Zum einen, weil es schon länger her ist, dass ich ihn gesehen habe, und weil ich durch „RoboCop“ neulich richtig Lust auf Verhoeven-Filme bekommen habe; zum anderen, weil das Remake des Films ansteht und man will ja vorbereitet sein.

Der Film beruht auf einer Story von Phillip K. Dick (mit der sie aber nicht mehr viel gemein hat), das Drehbuch hat mein Held Dan O’Bannon zusammen mit Ronald Shusett und Gary Goldman geschrieben. Wie man es von Verhoeven gewohnt ist, bietet auch „Total Recall“ viele Schauwerte, eine Menge Action und verhoeventypische Sozialkritik (die allerdings lange nicht so ätzend ausfällt wie bei „RoboCop“ oder „Starship Troopers“). Und natürlich ist der niederländische Regisseur wieder nicht zimperlich, wenn es um explizite Szenen geht. Abgetrennte Gliedmaßen, zerfetzte Körper, explodierende Köpfe – sehr schön, alles dabei! Negativ macht sich allerdings bemerkbar, dass „Total Recall“ nicht besonders gut gealtert ist. Vor allem die technischen Gadgets und Kulissen wirken heute, gut 20 Jahre später, schon naiv und seltsam altmodisch. Was mich aber nicht weiter gestört hat, geht der Film  doch gut nach vorne und bietet genug Spektakuläres, dass man gar nicht in Versuchung kommt, sich zu sehr an irgendeinem Detail zu stören. Auch schauspielerisch geht der Film in Ordnung. Schwarzenegger war nie für sein großartiges Minenspiel bekannt, aber in diesem Film passt sein etwas unbeholfenes Agieren ganz gut. Auch die anderen Darsteller passen: Sharon Stone als seine  undurchsichtige Frau Lori, der tolle Michael Ironside als rechte Hand des Oberbösewichts Cohaagen, gespielt von Ronny Cox sowie einige weitere starke Nebenfiguren. Nur Rachel Ticotin fällt als love interest Melina etwas ab.

Neben den offensichtlichen Schauwerten zieht der Film seine hintergründige Spannung natürlich aus der Frage, was echt ist und was nicht. Auch wenn diverse Figuren Quaid einreden wollen, dass er träumt, gibt es auf der anderen Seite erdrückend viele Indizien, dass Quaid wirklich Hauser ist. Ja, je weiter der Film voranschreitet, desto deutlicher tritt eine Geschichte in den Vordergrund, die in der Erzähllogik so stimmig ist, dass sie wahr sein könnte. Für mich ist dies der interessanteste Aspekt des Films: Obwohl alles am Schluss so wunderbar zusammenpasst, ist der Zweifel nicht ausgeräumt. Wie könnte er auch?

Wir können aus unserer Wahrnehmung nicht hinaustreten und sie von außen auf ihre Richtigkeit beurteilen. Hauptsache, sie ist für uns stimmig. Auch der Psychotiker interpretiert die Ereignisse so, dass sie für ihn sinnvoll sind. Hinzu kommt, dass der Großteil unserer Wahrnehmung aus Gedächtnisleistungen besteht. Überspitzt formuliert könnte man auch sagen: Erinnerungen sind alles was wir haben. Ob das, was wir wahrnehmen oder das, an was wir uns erinnern in irgendeiner Beziehung zur Welt steht, wie sie wirklich ist, werden wir niemals wissen. Auf den Film bezogen: Ob Quaids Abenteuer echt oder eine implantierte Erinnerungen sind, werden wir nie mit letzter Sicherheit entscheiden können – ganz egal wie viele Hinweise wir für die eine oder andere Variante aufhäufen. Aber wir dürfen natürlich hoffen. Und deswegen wünsche ich Quaid/Hauser auch, dass er mit seinem athletischen, brünetten Urlaubsflirt noch ein paar schöne Tage auf dem Mars verbringen kann eher er aufwacht – wenn er aufwacht.

Bild © Kinowelt
 

Cabin In The Woods (Drew Goddard, USA 2011)

Posted by – 20. Juli 2012

Wenn jemand ein Garant für gute Ideen ist – dann Joss Whedon („Firefly“, „Dollhouse“, „The Avengers„). Aber auch Drew Goddard hat als Drehbuchautor bei „Lost“ (und manche finden auch bei „Cloverfield“) gezeigt, dass er einen kreativen Kopf hat. Aber eine tolle Idee macht noch keinen tollen Film. Das kann man jetzt bei „Cabin In The Woods“ sehr schön sehen.

Darum geht’s: Dana (Kristen Connolly), Curt (Chris Hemsworth), Jules (Anna Hutchison), Holden (Jesse Williams) und Marty (Fran Kranz) wollen ein entspanntes Wochenende in einer Waldhütte verbringen. Was sie nicht wissen: Schon vor ihrem Wochenend-Trip stehen sie unter ständiger Beobachtung. Sie sind scheinbar in einer Art Experiment die Versuchskaninchen.

Anders als die ahnungslosen Figuren erfährt der Zuschauer gleich von Anfang an, dass der Urlaub, die Hütte und alle weiteren Geschehnisse Teil eines Plans sind. Den beiden Versuchsleiter Sitterson (Richard Jenkins) und Hadley (Bradley Whitford) dabei zu zuzusehen, wie sie die fünf Freunde beobachten, mit ihren Kollegen Wetten auf den weiteren Verlauf der Ereignisse und das Ableben der Protagonisten abschließen, ist mitunter wirklich sehr komisch. Verglichen damit schlafft die Handlung in der Hütte gehörig ab. Mehr zu wissen als die Figuren ist selten eine gute Sache, und auch bei „Cabin In The Woods“ stiehlt dies Spannung. Sprich: Auch wenn die Grundprämisse von des Films interessant ist – im Detail hebt er sich dann eben doch nicht von anderen Horrorfilmen, sondern stellt sich sogar als recht durchschnittlicher Vertreter heraus. Man merkt Goddard an, dass er sich auf dem Regiestuhl noch nicht richtig eingerichtet hat. Nicht jeder Gag zündet und ebenso wenig wird jede Szene, die spannend sein müsste, zum Nagelbeißer. Zum Glück gibt es aber noch das Ende: Hier schaffen es Goddard und Whedon doch noch einmal zu verblüffen und entschädigen damit für manche Länge.

Insgesamt bietet „Cabin In The Woods“ eine nette Abwechslung zum Mainstream-Horror. Meiner Meinung nach braucht das Genre aber weniger Abwechslung als Qualität. Man muss nicht immer alles anders machen. Es einfach gut zu machen, reicht manchmal völlig.

Bild © Universum
 

The Dark Knight Rises (Christopher Nolan, USA / UK 2012)

Posted by – 20. Juli 2012

„Memento“ hat mich damals auf dem Fantasy Filmfest wirklich umgehauen. Einen so originell erzählen und trotzdem derart spannenden Film hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Mit allen weiteren Filmen von Christopher Nolan – „Inception“ mal ausgenommen, den fand ich von Anfang an gut – hatte ich aber immer erst meine Probleme. Nach einigem Nachdenken haben sie mir dann aber stets doch ganz gut gefallen. Ich fürchte, „The Dark Knight Rises“ wird hier eine Ausnahme bilden. Wie ich auch bei Kino-Zeit ausführen durfte, unterscheidet sich der Film gar nicht wesentlich von den beiden Vorgängern. Im Gegensatz zum ersten Teil ist natürlich der Reiz des Neuen verschwunden; und verglichen mit dem zweiten fehlt „The Dark Knight Rises“ eine so starke Figur, wie Heath Ledger sie im Joker verkörperte. Auch wenn die Zutaten im Grunde die gleichen sind, hat mir der Abschluss der Trilogie einfach keine rechte Freude gemacht. Zwar setzt sich Nolan wieder über alle Konventionen hinweg und schüttelt etliche gute Szenen aus dem Ärmel, trotzdem hat bei mir der Frust über die zerfahrene Geschichte und die Geschwätzigkeit der Figuren überwogen. Das soll aber nur als vorläufige Meinung verstanden werden. Auch die anderen Nolans sind mit der Zeit gereift. Bei Nolan sind die Bilder sehr oft Metaphern für die psychischen Dispositionen seiner Helden. Bei Bruce Wayne, seinem Alter Ego Batman und der Stadt Gotham scheint mir dies besonders deutlich zu werden. Unter diesem Aspekt möchte ich mir die drei Teile in absehbarer Zeit gerne noch einmal ansehen.

Aliens (James Cameron, USA 1986)

Posted by – 16. Juli 2012

Was ist gefährlicher als ein Alien? Genau! Viele Aliens! Nach diesem Motto lässt es James Cameron richtig krachen.

Nach den Ereignissen in „Alien“ ist Ripley (Sigourney Weaver) 57 Jahre im Kälteschlaf durch den Weltraum unterwegs, bis sie von einem Bergungsschiff gefunden wird. Ihrem Bericht darüber, was sich damals auf der Nostromo zugetragen hat, glaubt allerdings niemand. Erst als der Kontakt zu den Siedlern abbricht, die mittlerweile auf Mond LV-426 leben, beginnt man sich für ihre Geschichte zu interessieren. Zusammen mit einer Handvoll Marines, soll Ripley auf den Mond zurückkehren, um die Lage zu klären.

Ich habe „Aliens“ schon ewig nicht gesehen, aber neulich dann endlich mal wieder. Und auch noch den Extended Cut und auf großer Leinwand. Das war schon toll. Trotzdem hatte ich irgendwie kaum Lust, die ganzen Vorzüge herunterzubeten. Nur soviel: Cameron zeigt mit „Aliens“, dass er die Regeln des Blockbuster-Kinos beherrscht, aber gleichzeitig in der Lage ist, die emotionale Seite seiner Geschichte perfekt und glaubhaft in ein Action-Szenario einzubinden. Dass Cameron beispielsweise, Ripley eine Tochter andichtet (die aber den mit der Raumfahrt verbundenen Relativitäsaspekten geschuldet nicht mehr unter den Lebenden weilt) gibt ihrem Verhältnis zu Newt (Carrie Henn) den notwendigen emotionalen Gehalt. Auch der zivilisationskritische Anspruch, der in späteren Filmen Camerons noch deutlicher wird, ist schon in „Aliens“ angelegt. Ich bin ja sonst niemand der überall Phallussymbole sieht, aber die sich tolldreist überschätzenden Marines werden von Cameron mit solch übergroßen Waffen ausgestattet, dass die Ironie mir hier sofort ins Auge springt.  Es ist zwar auch etwas widersprüchlich, aber gleichzeitig sehr gekonnt, wie Cameron einerseits die Steigerungsforderung des Blockbusterkinos bedient, dem Zuschauer aber andererseits eine beißende Kritik an eben jener Dynamik unterjubelt. Scotts Alien war toll, aber Camerons „Aliens“ ist vielleicht sogar noch besser, weil er mehr Zutaten und „mehr Dampf“ hat, ohne dass die Suppe zu irgendeiner Zeit überkocht.

Irgendwo habe ich mal gelesen, „das Kino der 1980er Jahre hätte noch Eier in der Hose“ gehabt. (Ob mit dieser Aussage jetzt der Mut der Filmemacher gelobt oder das machohafte ihrer Filme kritisiert werden sollte, weiß ich nicht. Vielleicht zeigt sich in diesem Satz auch die Wirkung  der in den 1940er Jahren begonnenen Emanzipationswelle – schließlich brachten die 80er auch einige tolle Filmheldinnen hervor.) Für Camerons Film stimmt der Satz auf jeden Fall. Da gibt es ohne Zweifel sehr viele Eier.

Bild © Twentieth Century Fox
 

Martha Marcy May Marlene (Sean Durkin, USA 2011)

Posted by – 12. Juli 2012

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ fragte Autor Richard David Precht und schrieb darüber ein unterhaltsam-philosophisches Buch. Es wurde ein Beststeller. Sean Durkin kann der Frage keine heiteren Seiten abgewinnen. In seinem Langfilmdebüt, dem Psychothriller „Martha Marcy May Marlene“ wird die Suche nach ihrer Identität für eine junge Frau zum Horrortrip.

Martha (Elizabeth Olsen) wohnt zwei Jahre bei einer Kommune auf dem Land – bis sie sich entscheidet zu fliehen. Unterschlupf findet sie bei ihrer Schwester Lucy (Sarah Paulson) und deren Mann Ted (Hugh Dancy). Doch die Zeit in der sektenartigen Gemeinschaft hat die junge Frau verändert. Martha lebt in ständiger Furcht, von den Kommunenmitgliedern und deren Anführer Patrick (John Hawkes) gefunden zu werden. Ist die Bedrohung real oder sieht Marthy Gespenster?

Ich habe mir einige Texte zu dem Film durchgelesen. So ganz kann ich nicht verstehen, warum Durkins Film so überschwängliche Rezensionen bekommen hat. Als „scharfsinnig elegantes Psychothriller-Kunstwerk“, als „fesselnde Identitätssuche“ wird er gelobt, als „faszinierend“ und „berührend“ seine Hauptfigur. Sicher, so ganz falsch ist das alles nicht. „Martha Marcy May Marlene“ ist kein Durchschnittsfilm und ein bisschen Psycho und Identitätssuche gibt es auch. Vor allem Elizabeth Olsens Leistung sticht ins Auge. Das anfängliche Interesse an ihrer Figur hat bei mir aber nicht über die gesamte Filmdauer gereicht. Zu wenig Entwicklung macht Martha durch, zu unklar bleibt, was sie angetrieben hat und antreibt. Ein Gefühl für diese Figur zu entwickeln, ist mir bis zum Schluss nicht gelungen.

Im Kontrast zu seiner diffusen Hauptfigur wird Durkin beim Erzählen seiner Geschichte zu schnell zu deutlich. Die die Haupthandlung immer wieder unterbrechenden Rückblenden haben schon nach einer knappen halben Stunde alles Wesentliche enthüllt. Was dann kommt, sind entweder Wiederholungen, oder, dem Gesetz der Steigerung gehorchend, ein Mehr des Gleichen. Letztes führt dann auch dazu, dass die Mitglieder Psychosekte sich auch noch als kaltblütige Killer entpuppen müssen. Das mag man spannend finden, der Glaubwürdigkeit der Geschichte ist damit allerdings nicht geholfen.

Auch wenn ich nicht in den Lobgesang über den Film einstimmen möchte – ein paar wunderbare Szenen gibt es natürlich trotzdem. Mein liebster Moment in dem Film findet sich schon ganz am Anfang: Kurz nachdem Martha geflohen ist, wird sie in einem Diner von einem Mitglied der Sekte aufgespürt. (Die folgenden Momente gehören zu den spannendsten des ganzen Films!) Die Unklarheit darüber, wie diese Situation aufgelöst wird – hat er Martha gehen lassen? Ist sie entkommen? Und war das überhaupt ein echtes Erlebnis oder nur ein Traum? –, wirkt sich auf die Stimmung des ganzen Films aus.  So ganz genau weiß der Zuschauer nämlich nicht, wie es um den Wahrheitsgehalt des Gesehenen bestellt ist. Denn wir sehen die Welt durch die Augen von Martha. Und die ist möglicherweise so traumatisiert, dass wir ihr nicht alles glauben können. Wer Martha wirklich ist (und wenn ja wie viele) erfährt der Zuschauer deswegen auch bis zum Schluss nicht.

Bild © Twentieth Century Fox
 

The Amazing Spider-Man (Marc Webb, USA 2012)

Posted by – 6. Juli 2012

Vorweg: Sam Raimi hat mit seinen drei Spider-Man-Filmen für mich die bis dato beste Interpretation des Wandkrabblers und darüber hinaus eine der stärksten Superhelden-Filme überhaupt geliefert. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass ich, um es milde auszurücken, sehr skeptisch war, was einen so schnelles Reboot der Reihe betrifft. Weil ich Spider-Man mag und weil die Trailer zu Marc Webbs „The Amazing Spider-Man“ jetzt auch nicht ganz schlecht aussahen, habe ich irgendwann doch begonnen, mich vorsichtig auf den Film zu freuen. Letzten Mittwoch bin ich nach der Arbeit dann schnell ins Kino gehuscht…

Als er noch ein Kind war, verschwanden unter mysteriösen Umständen seine Eltern.  Seitdem lebt High-School-Außenseiter Peter Parker (Andrew Garfield) bei seinem Onkel Ben (Martin Sheen) und seiner Tante May (Sally Field). Doch nun will er wissen, was damals passiert ist. Eine Spur führt ihn zu Oscorp Industries und zum Kollegen seines Vaters, Dr. Curt Connors (Rhys Ifans). Doch ehe er herausfindet, was mit seinen Eltern geschehen ist, nimmt sein Leben eine unerwartete Wendung. Als er bei Oscorp von einer Spinne gebissen wird und so weiter.

Um mein Fazit vorweg zu nehmen: Ich bin enttäuscht von dem Film. Der Produktion hat es weder an Zeit noch Geld gemangelt. Außerdem konnte sie mit Marc Webb auf einen als talentiert geltenden Regisseur, erfahrene Autoren (James Vanderbilt, Alvin Sargent und Steve Kloves) und gute Schauspieler zurückgreifen. Doch das alles hat nicht viel geholfen. Zumindest nicht so viel, dass „The Amazing Spider-Man“ in irgendeiner Hinsicht ähnlich interessant ist, wie Raimis Version des Stoffs.

Denn dafür, dass „The Amazing Spider-Man“ eine „nie erzählte Geschichte“ erzählen wollte, erinnert die Story verdächtig an eine Mischung aus Ramis ersten beiden „Spider-Man“-Filmen. Peter wird von einer mutierten Spinne gebissen und entdeckt seine neuen Kräfte; ein befreundeter Wissenschaftler macht einen Selbstversuch und verwandelt sich in einen Superschurken. Auch wenn einige Details abgeändert wurden, sind die Storylines bekannt und dadurch absolut vorhersehbar. Nun soll einiges, das der Geschichte einen zumindest etwas anderen Ton gegeben hätte, der Schere zum Opfer gefallen sein. Peter, so die Gerüchteküche, wurde von seinem Papi schon derart genetisch verändert, dass der Biss der Spinne nur der Auslöser für seine Mutation gewesen ist. Ob dieser leicht veränderte Hintergrund, der im Film ja nicht mal auftaucht, dazu berechtigt von einer nie erzählten Geschichte zu sprechen, darüber lässt sich streiten. Wie auch darüber, ob das überhaupt eine gute Idee ist.

Dass der Film (in der jetzigen Form) ziemlich überraschungsfrei ist, hätte ich noch verschmerzen können. Dass Webb und seinen Autoren die Figuren scheinbar ziemlich egal sind, nicht. Raimis „Spider-Man“ wird von mir und anderen ja nicht deswegen als sehr gelungen wahrgenommen, weil er so gut aussah (das tut Webbs Interpretation auch), sondern weil Raimi es wie bisher kein anderer verstanden hat, was die Figur des Peter Parker und sein Alter Ego, Spider-Man, zu etwas besonderem macht. Er hat es verstanden, die Aussage, dass mit Macht Verantwortung einhergeht, ins Superhelden-Genre zu übertragen und gleichzeitig eine sensible Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen. Webb und sein Team zeigen hier nur sehr wenig Gespür. Auch wenn sie sich viel Zeit nehmen, das Entstehen von Spider-Man zu zeigen, scheint ihnen eher an einzelnen Szenen als an einer stimmigen Entwicklungsgeschichte gelegen gewesen zu sein. Wie wenig sie sich für die Figuren und ihrer Bedeutung in der Geschichte interessiert haben, wird vor allem deutlich an dem Tod von Onkel Ben, der bei Rami in Peters Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Für Webb hat diese wichtige Figur nach ihrem Tod gar keine Funktion mehr. Aber auch Dr. Conners, der eine ähnliche Funktion in der Geschichte erfüllt wie Doc Oc (damals grandios gespielt von Alfred Molina) in „Spider-Man 2“ und der zumindest in der Theorie ähnlich ambivalent angelegt ist, ist bei Webb, nachdem er erst mal zum Lizard mutiert ist, platt wie eine Flunder. Wie so vieles in „The Amazing Spider-Man“. Man erkennt die Ansätze, die Ausführung erweist sich leider meist als unbefriedigend.

Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, ist „The Amazing Spider-Man“ auch noch gespickt mit allerlei Blödheiten. Dafür, dass hier augenscheinlich mehr Wert auf Realismus gelegt werden sollte (der Gentechnik-Hintergrund und Spider-Mans Netzwerfer deuten darauf hin),  enthält der Film ziemlich viel Quatsch. Warum muss  Peters Jugendliebe Gwen Stacey (Emma Stone), ebenfalls Schülerin an der High School ausgerechnet bei Oscorb arbeiten? Was sollte die pathetische und überaus unnütze Szene mit den Kränen? Warum sucht der Lizard ganz echsenuntypisch es dafür aber jedem zweiten Superschurken nachmachend ausgerecht Unterschlupf in der Kanalisation? Das ist doch öde! Und warum schießt Spidey sein Netz irgendwo ins Nichts, nur um darauf fröhlich durch die Gegend schwingend zu sehen zu sein?

Das alles soll jetzt nicht heißen, dass „The Amazing Spider-Man“ ein völlig missratener Film wäre. So furchtbar, wie sich das jetzt vielleicht anhört, ist es dann doch nicht. Zumindest wenn man seine Ansprüche relativiert. Zu den guten Momenten des Films gehört sicherlich die Zeit direkt nach dem Spinnenbiss, wenn Peter seine Fähigkeiten entdeckt. Großartig: Als Spider-Man von der Polizei gestellt wird. Und auch mit seiner Jugendliebe Gwen Stacy hat Peter ein paar gute Szenen. Und wie gesagt, die Effekte sind top. Doch die drei Spider-Man-Filme von Sam Raimi sind noch sehr präsent. Und verglichen mit denen, sieht „The Amazing Spider-Man“ trotz guter production values ganz und gar nicht amazing sondern ziemlich alt aus.

 Bild © Sony