Month: November 2012

Universal Soldier – Day Of Reckoning (John Hyams, USA 2012)

Posted by – 27. November 2012

Nach dem Aufstieg kommt der Fall. Doch manchmal passiert auch beides gleichzeitig. Wer hätte gedacht, dass die Universal-Soldier-Reihe noch einmal in derartige Tiefen hinabsteigt – nur um sich dadurch in solche Höhen zu erheben? John Hyams, Sohn des Peter Hyams, hat mit „Universal Soldier – Day Of Reckoning“ ein Manifest vorgelegt, das niemand so schnell vergessen wird.  Und er hat unmissverständlich klar gemacht, dass in Zukunft mit ihm gerechnet werden muss.

„Universal Soldier – Day Of Reckoning“ kümmert sich nicht allzu sehr um die vorhergehenden Teile und lässt die TV-Filme der Reihe völlig außer Acht.  Erzählt wird die Geschichte von John (Scott Adkins), der mit ansehen muss, wie seine Familie niedergemetzelt wird. Er selbst wird schwer verletzt und liegt nach dem Angriff mehrere Monate im Koma. Und von da an nur ein Ziel: Rache an dem Mann, der ihm und seiner Familie das angetan hat – Luc Deveraux (Jean-Claude Van Damme).

Wer die anderen Teile kennt, weiß, dass schon die Story ein Schlag in die Magengrube ist. Da wird mit Luc Deveraux der Held der anderen Filme kurzerhand zum kaltblütigen Killer umgeschrieben. Aber das ist nicht die einzige Änderung, die der vierte Teil bereit hält. Schon der vorhergehende, „Universal Soldier: Regeneration“, bei dem Hyams ebenfalls Regisseur war, hat die Richtung angegeben: Action goes Arthouse, doch die Trostlosigkeit des Vorgängers wird von Hyams hier noch einmal überboten. Helden findet man  keine mehr – nur noch verzweifelte, unsäglich einsame Killermaschinen, die in hypnotisch verstörenden Bild-Sound-Collagen gegeneinander antreten. Die Euphorie um den verbesserten Menschen, den Cyborg, den universell einsetzbaren Soldaten hat in Hyams Film, der intelligente Dystopie und brachialer Shocker gleichermaßen ist, einen ernüchternden Endpunkt gefunden.

Aber um den Text nicht so deprimierend aufhören zu lassen: 2012 war ein gutes Jahr für den Action-Film!

Bild © Studiocanal
 

Killer Joe (William Friedkin, USA 2011)

Posted by – 16. November 2012

Letzte Woche Eklat beim Videoabend. Gastgeber macht „Killer Joe“ aus, weil dieser seiner Meinung nach ein „frauenverachtender Film für ein frauenverachtendes Publikum“ sei. Die anschließende Diskussion bringt uns nicht wieder zusammen. Den Rest des Films musste ich dann zu Hause gucken.

Die Welt, in die „Killer Joe“ den Zuschauer hineinstößt, ist eine schmutzige, eine böse Welt. Chris Smith (Emile Hirsch) hat Schulden, Um an die Lebensversicherung seiner Mutter zu kommen,  heuert der Tunichtgut kurzerhand den Polizisten Joe Cooper (Matthew McConaughey) an, der sich ein Zubrot als Killer verdient. Chris‘ Vater Ansel (Thomas Haden Church) hat nichts dagegen, schließlich soll er etwas von dem Geld abgekommen. Und weil Joe gerne im Voraus bezahlt wird, gibt ihm Chris seine junge Schwester Dottie (Juno Temple) als Pfand. Doch alle habe die Rechnung ohne Chris Stiefmutter Sharla gemacht (Gina Gershon).

Der Zuschauer lernt Chris, Ansel und Sharla skrupellose, aber auch reichlich naive und chaotische Familie kennen und ist wie sie gar nicht mal so wenig froh, dass mit Joe Cooper ein Ordnungselement in die Geschichte tritt, einer, der die Dinge im Griff zu haben scheint. Man schmunzelt über die verpeilte Familie Smith und über den skurrilen Killer Joe. Und während man noch so schmunzelt, merkt man auf einmal, dass das alles so gar nicht zum Lachen ist. Denn Joe ist kein cooler Killer, sondern der absolute Oberarsch. Und die meisten anderen Figuren sind kaum besser.

Der Film ist hochgradig artifiziell, fast schon irreal. Genau wie Friedkins „Bug“ basiert er auf einem Theaterstück von Tracy Letts, der hier auch wieder das Drehbuch geschrieben hat. Friedkin und Letts verstehen es meisterhaft, vermeintlich reale Situationen „kippen“ zu lassen. „Killer Joe“ erinnert ein wenig an Filme wie „A Simple Plan“ oder „The Killer Inside Me“, wobei er beide an  Ruchlosigkeit und Raffinesse hinter sich lässt. Es sind vor allem zwei Szenen, die ich als besonders unangenehm empfunden habe. Ich möchte diese Momente hier nicht spoilern, aber trotzdem eine Warnung an alle Zartbesaiteten und solche aussprechen, die auf der Suche nach einem guten First-Date-Movie sind. Und ich möchte noch einmal zu der Frage zurückkehren, ob „Killer Joe“ ein „frauenverachtender Film“ ist – oder nicht. Meiner Meinung nach ist er das nicht. Auch wenn ein Großteil der impliziten und expliziten Gewalt gegen Frauen gerichtet ist, ist dies für mich kein ausreichender Grund. Es kommt ja auf die Art der Darstellung an. Ist die Gewalt  beschönigend dargestellt? Wird sie in irgendeiner Art und Weise gerechtfertigt? Wird die Frau auf die Rolle des Opfers reduziert? Alle diese Fragen würde ich mit nein beantworten. Die Gewaltdarstellungen des Films sind nicht leicht zu ertragen, die Frauenfiguren des Films sind weder weniger vielschichtig als die der Männer noch werden sie auf die Rolle des Opfers festgelegt. Im Gegenteil scheint mir die Täter/Opfer-Verteilung des Films ziemlich komplex zu sein. Ich weiß nicht, ob die hier vorgeschlagenen Kriterien schon zur Beurteilung ausreichen, ob ein Film eine verächtliche Einstellung gegen bestimmte Personengruppen an den Tag oder nicht. Aber mit ihnen geht es schon mal besser als ohne.

Doch auch, wenn ich keine misogyne Tendenzen erkennen kann, ist „Killer Joe“ für mich ein wahres Fäkalbad von einem Film, ein hundertminütiger Tauchgang durch die Kloake. Gemein wird das Ganze dadurch, weil man sich dieser Tatsache erst gegen Ende des Films bewusst wird. Doch dann ist es zu spät. Man(n) fühl sich schmutzig. Die Katharsis bleibt aus.

Bild © WVG Medien
 

End Of Watch (David Ayer, USA 2012)

Posted by – 12. November 2012

Es ist nicht leicht ein Cop zu sein. Schon gar nicht in South Central L.A. Auf den Straßen herrscht Krieg. Der Ausnahmezustand ist zur Regel geworden.

Die beiden Streifenpolizisten Brian Taylor (Jake Gyllenhaal) und Mike Zavala (Michael Peña) verrichten ihren Dienst im Hexenkessel von South Central. Kein leichter Job, denn hier sind Verfolgungsjagden, Schießereien und Gewalt sind an der Tagesordnung. Trotzdem sind die beiden mit Leib und Seele bei der Sache. Als sie durch Zufall einen schweren Drogenkurier ins Netz geht, wittern die beiden die Chance, einmal etwas richtig Bedeutsames leisten zu können. Sie gehen der Sache nach – und geraten in einen Bandenkrieg, der vielleicht doch eine Spur zu groß für die eifrigen Streifenpolizisten ist.

Ich kannte von David Ayer nur „Training Day“ und „Dark Blue“, für die er das Drehbuch geschrieben hat. Von seinen Regiearbeiten war mir bisher nichts bekannt.  Nach „End Of Watch“ bin ich aber durchaus gespannt auf weitere Filme von ihm. Viel passiert in seinem aktuellen Film eigentlich nicht, aber das was passiert, ist sehr gut in Szene gesetzt – und auch die Stimmung des Films hat mir gefallen. Das Gefühl der Gefahr ist allgegenwärtig, und wie die beiden Polizisten, ist auch der Zuschauer in ständiger Alarmbereitschaft. Durch den Found-Footage-Ansatz ist man sehr nah dran an den von Gyllenhaal und Peña meiner Meinung nach äußerst überzeugend gespielten Figuren. Zwar erfahren wir nicht viel Neues über die Polizeiarbeit, aber zumindest wird uns die Geschichte einmal aus einer anderen Perspektive gezeigt. Inhaltich reicher wäre der Film mit Sicherheit noch geraten, wenn er nicht allein aus der Perspektive der beiden Haudegen erzählt worden wäre, sondern dem Zuschauer mehr „Kontext“ geboten hätte. Auf der anderen Seite ist bei mir gerade dadurch, dass das Ganze nicht eingebettet und ich sprichwörtlich daran gehindert wurde, über den Tellerrand zu schauen, ein seltsam beklemmendes Gefühl entstanden, das, finde ich finde, dem Film sehr gut zu Gesicht steht.

Nein, es ist nicht leicht ein Cop zu sein. Polizisten in South Central geht es wie Soldaten im Feindesland. Dass es trotzdem Frauen und Männer gibt, die diesen Job mit Hingabe tun, davon erzählt David Ayers „End Of Watch“ – und das tut er in tollen Bildern, atmosphärisch dicht, kurz: sehr gut. Wie man über den „Patriotismus“ und die sehr trennscharfe Einteilung in Gut und Böse denkt, steht auf einem anderen Blatt. Ich für meinen Teil bringe nach dem Beruf des Polizisten jedenfalls nach dem Film noch etwas mehr Respekt entgegen als zuvor. Ich hoffe, das hält auch noch so lange, bis mich mal wieder ein Wachmann zurückpfeift, weil ich eine rote Ampel überradelt habe.

Bild © Tobis
 

The Secret of Kells (Tomm Moore, Frankreich / Belgien / Irland 2009)

Posted by – 1. November 2012

Irland im 9. Jahrhundert. Während sich Abt Cellach nur für den Bau der Klostermauer interessiert, die die Abtei vor den Wikingern  beschützen soll, ist sein 12-jährige Neffe Brendan von Bücher fasziniert. Als eines Tages der legendäre Meister-Buchmaler Aidan die Abtei besucht, beginnt für Brendan ein großes Abenteuer.

Bei den Irish Film and Television Awards wurde er als „Bester Animationsfilm 2010“ ausgezeichnet und bei den Oscars im gleichen Jahr erhielt er immerhin eine Nominierung „Bester Animationsfilm“. Ist „The Secret of Kells“ wirklich so gut? Die Bilder sind in der Tat großartig. Die handgemalten Zeichnungen und die Computeranimationen wirken zwar erst etwas zweidimensional, entfalten im Laufe des Films aber eine immer größere Kraft und haben auf mich fast schon hypnotisch gewirkt. Den Film ist wie ein Drogentrip.

Die Story, im Kern eine Coming-of-Age-Geschichte, hat mich allerdings nicht vollständig überzeugt. Die Figuren sind holzschnittartig, aber im Gegensatz zu den Bilder, gewinnen sie nicht im Laufe des Films. Brendans Freundschaft zu dem Waldmädchen Aisling z.B. Da treffen zwei ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander, aber Moore macht gar nichts daraus. Ähnlich oberflächlich bleibt „The Secret Of Kells“ auch bei Brendans Beziehung zu  seinem Onkel. Dabei ist der Konflikt zwischen den beiden elementar: Cellach steht für konservatives Denken,  Autorität und Sicherheitsorientierung, Brendan für Neugier und Forschungsdrang. Aber auch hier weiß Moore leider nicht mehr zu erzählen. Alles bleibt an der Oberfläche. Was mich besonders gestört hat: Die Wikingersind grunzende Unmenschen – das personifizierte Böse. Ein wirklich fantasievoller Film hätte so etwas nicht nötig gehabt.

Dass es auch anders geht, kann man in den Filmen von Hayao Miyazaki wunderbar sehen. Ja, Moores Film hat durchaus einige Stärken. Aber trotzdem möchte ich lieber fünfmal „My Neighbor Totoro“ nacheinander sehen als noch einmal „The Secret of Kells“.

Bild © Ascot Elite