Month: Dezember 2012

Grabbers (Jon Wright, UK / Irland 2012)

Posted by – 28. Dezember 2012

GrabbersAlkohol löst keine Probleme, heißt es ja so schön. Dass dieser Ausspruch völliger Quatsch ist, beweist Jon Wrights Sci-Fi-Horror-Filmchen „Grabbers“. Dort rettet Alkohol Leben, ja – vielleicht den ganzen Planeten!

In dem irischen Fischerdörfchen Erin Island geht es in der Regel sehr ruhig zu. Das ändert sich als sich Außerirdische den heimischen Strand als Nistplatz für ihre Eier aussuchen. Außerdem sind die an Kraken erinnernden Monster einem Schlückchen Menschenblut nicht abgeneigt. Dorfpolizist O’Shea (Richard Coyle) und seine neue Kollegin, die Polizistin Lisa (Ruth Bradley), finden durch Zufall die Schwachstelle der Wesen: Alkohol. Um die nächste Nacht zu überstehen und sich vor den Invasoren zu schützen, verbarrikadieren sich die Dorfbewohner im Pub – und feiern was das Zeug hält. So eine Party hat Erin Island noch nicht gesehen.

Auf dem letzten Fantasy Filmfest entwickelte er sich schnell zum Publikumsliebling. Und auch die Rezensionen zum Film fielen überwiegend positiv aus. So ganz kann ich das nicht nachvollziehen. Sicher, die „Sauf um dein Leben“-Idee ist ganz witzig und die Figuren des Films sind sehr charmant geschrieben. Aber irgendwie hätte man aus den Zutaten viel mehr machen können. Für meinen Geschmack hätten die Grabbers z.B. ruhig etwas mehr grabbeln dürfen.

„Grabbers“ ist anspruchslos-nette Unterhaltung für zwischendurch und selbst ein wenig wie ein Kneipenabend: Währenddessen ist er ganz nett. Doch am nächsten Tag setzt die Ernüchterung ein und man fühlt sich irgendwie betrogen.

Bild © Ascot Elite
 

Lord Of Illusions (Clive Barker, USA 1995)

Posted by – 28. Dezember 2012

Lord Of IllusionsAlle paar Jahre wieder schaue ich „Lord Of Illusions“ – und jedes Mal bin erneut überrascht, wie stark dieser, gemeinhin als Clive Barkers schwächste Arbeit angesehener Film immerhin noch ist. Hier nur ganz kurz ein paar Worte, auf Filmstarts.de gibt es von mir eine ausführliche Kritik zu dem Film.

Der Film handelt von Privatdetektiv Harry D’Amour (Scott Bakula), der in Los Angeles eigentlich einen Fall von Versicherungsbetrug aufklären soll. Doch es kommt anders: Dorothea Swann (Famke Janssen) engagiert den Detektiv, um ihren Mann, den berühmten Bühnenmagier Philip Swann, zu beschatten. Als Swann kurz darauf bei einer Show stirbt, führen D’Amour Nachforschungen ihn zu einer Gruppe Kultisten und deren Anführer Nix (Daniel von Bargen) und damit in eine Welt voll Habgier, Hass und echter Magie…

Barkers Filme handeln von einer Sehnsucht, dass es hinter der sichtbaren Welt noch eine andere gibt. Interessant an „Lord Of Illusions“ finde ich, dass er im Gegensatz zu „Hellraiser“ und „Cabal“ auf Romantisierung dieser anderen Welt völlig verzichtet. Es ist ein schmutziger, ein trostloser Film, dessen zahlreiche Qualitäten im Vergleich mit den anderen beiden Filmen etwas versteckt liegen. Die persönlichen Dramen um Philip Swann und seine Beziehung zu Nix, die Geschichte der Kultisten spielen sich abseits der Leinwand ab, können aber erahnt werden. Außerdem hat der Film unglaublich starke (Neben-)Figuren, über die man jeweils einen eigenen Film drehen könnte. (Btw: Ich wünsche mir eine Serie um Geisterjäger Harry D’Amour.)

Die Kritik auf Filmstarts ist schon etwas älter, doch im Großen und Ganzen bin ich immer noch der gleichen Meinung.  Eine Aussage möchte ich allerdings revidieren.  Ich schreibe, dass Barker ein „dichter, atmosphärischer Horror-Film-Noir“ gelungen sei, „der, wenn auch im Großen und Ganzen etwas vorhersehbar, positiv aus dem Genre heraussticht.“ Vorhersehbar? Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin. Heute finde ich den Film alles andere als vorhersehbar. Im Gegenteil. „Lord Of Illusions“ ist ein sehr spannender, atmosphärischer Horror-Film-Noir, der viele kleine und größere Überraschungen enthält und den ich hiermit allen Fans des Fantastischen Films – vor allem denen, die ihn noch nicht kennen! – dringend ans Herz legen möchte.

Bild © MGM 
 

Cowboys & Aliens (Jon Favreau, USA 2011)

Posted by – 26. Dezember 2012

Cowboys & AliensAliens? Finde ich gut! Und auch an Western habe ich nichts Grundsätzliches auszusetzen. (Ok, einmal davon abgesehen, dass viele Vertreter dieses Genres den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern verharmlosen.) Insofern könnte Jon Favreaus „Cowboys & Aliens“ trotz der ganzen durchwachsenen Kritiken ja doch vielleicht ganz okay sein – habe ich gedacht.

Ein Cowboy (Daniel Craig) erwacht in der Wüste. An seinem Handgelenk befindet sich ein seltsames Gerät. Was ist das? Und wie ist es dahin gekommen? Schnell findet der Mann heraus, dass seine Erinnerungslücke sogar noch größer ist. Nicht mal daran, wie er heißt, kann er sich erinnern. Auch in dem nahegelegenen Dorf findet er keine Antworten. Dafür bekommt er aber Ärger mit dem Sheriff Taggart (Keith Carradine), der ihn für den Gesetzlosen Jake Lonergan hält und dem brutalen Rinderbaron, dem Ex-Colonel Dolarhyde (Harrison Ford); und dann tauchen über dem Dorf auch noch unbekannte Flugobjekten auf und – Aliens greifen an.

Wenn Außerirdische auf die Erde kommen, wollen sie in der Regel a) Menschen entführen, um Versuche mit ihnen zu machen, b) die irdischen Rohstoffe ausbeuten oder c) gleich den ganzen Planeten erobern. Die Aliens aus diesem Film fallen in die Kategorie a) und b). Die Motive der Schauspieler in diesem Film mitzumachen, sind schon schwieriger zu durchschauen. Harrison Ford, Daniel Craig, Clancy Brown, Sam Rockwell, Olivia Wilde, Keith Carradine, Paul Dano, Walton Goggins,.. Was machen sie in diesem Film? Warum wollten sie dabei sein? Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass alle vorher das Drehbuch gelesen haben, sonst hätte es sich der eine oder andere  vielleicht zweimal überlegt. ‏@thetruemilhouse bietet auf Twitter folgende Erklärung für das Staraufgebot an: „Die haben sich danach bestimmt gegenseitig gefragt, warum sie mitgemacht haben. Und gegenseitig geantwortet: ‚Na, weil ihr dabei wart.’“ – So könnte es tatsächlich gewesen sein.

Zu viele Köche verderben ja bekanntlich den Brei. Viel schlimmer für den Brei aber sind schlechte Köche. Bei „Cowboys & Aliens“ kommt beides zusammen. Mark Fergus und Hawk Ostby haben durch ihre Mitarbeit an „Iron Man“ und „Children Of Men“ eigentlich einen guten Namen, aber hier ist davon nichts zu sehen. Nach „The Legend of Zorro“, „Transformers“ oder auch „Star Trek“ bin ich im Übrigen der Ansicht, dass Roberto Orci und Alex Kurtzman als Autoren grundsätzlich nicht viel taugen, weil sie keine Ideen haben. Anders Damon „Lost“ Lindelof. Ideen überhaupt erstmal zu haben, scheint nicht sein Problem. Dafür aber sie in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Das ist schon bei seinem holprigen „Prometheus“-Script-Schreiben deutlich geworden. Ja, „Cowboys & Aliens“ hat einige Probleme, die zwei größten sind: Zum einen macht das alles nicht besonders viel Sinn – weder im Großen und Ganzen noch im Detail. Dass die Alien beispielsweise so öffentlichkeitswirksam Menschen entführen ist genauso ein Quatsch wie, dass sie es überhaupt tun. Eigentlich fragt man sich permanent: WTF!? Die Figuren des Films sind ebenfalls nicht besonders durchdacht: Ella Swensons  (Olivia Wilde) Wandel vom toughen Cowgirl zur außerirdischen Weltenretterin kann ich da noch eher glauben als die Transformation von Papa und Sohnemann Dolarhyde zur liebenswürdigen Wildwest-Familie. Unglaubwürdigkeit ist aber nur das eine Problem. Zum anderen – und das wiegt wesentlich schwerer – ist „Cowboys & Aliens“ einfach nur eine Aneinanderreihung von Western-und Alien-Invasion-Klischees. Das ist wahnsinnig uninteressant und besonders gut zusammen passt das auch nicht.

Das soll jetzt gar nicht so vernichtend klingen. Man kann den „Cowboys & Aliens“ schon ganz gut aussitzen. Und mitunter amüsiert das eine oder andere Versatzstück, das von Favreau nicht ganz ohne Augenzwinkern serviert wird. Aber ich ärgere mich einfach, dass ein Film, für den über 160 Million Dollar ausgegeben wurden, der außerdem zahlreiche großartige Schauspieler versammelt und bei dessen Thema sich weiterhin eine fantasievolle Umsetzung geradezu aufgedrängt hätte, sein Potenzial so gedankenlos in verspielt. „You have to stop thinking“ sagt Ella irgendwann zu Jake. Er tut wie ihm heißen, bald darauf fliegt alles in die Luft. Happy End. Am Ende bleibt der Held des Films mit schwerem Dachschaden zurück. Aber er ist glücklich. Und ich sitze frustriert auf dem Sofa, aber erfreue mich wenigstens geistiger Gesundheit.

Bild © Paramount Home Entertainment
 

Zero Dark Thirty (Kathryn Bigelow, USA 2012)

Posted by – 23. Dezember 2012

Am 11. September 2001 entführt die Terrororganisation al-Qaida vier Passagierflugzeuge. Über 3000 Menschen kommen bei den folgenden Anschlägen ums Leben. Die Ereignisse sind ein Leuchtfeuer, das überall gesehen wird und die Welt, wie wir sie kannten, grundlegend ändert. Die anschließende Arbeit der Geheimdienste findet allerdings wieder in der Dunkelheit statt. Insofern hätte sich Kathryn Bigelow für ihren Film, der durchweg im moralischen Zwielicht spielt, auch keinen besseren Namen ausdenken können als „Zero Dark Thirty“ – ein militärischer Begriff, der die halbe Stunde nach Mitternacht bezeichnet. Im Film erzählt Bigelow die Geschichte einer CIA-Spezialeinheit, die versucht, Osama bin Laden, den Kopf von al-Qaida aufzuspüren und zu eliminieren. Besonders Maya Lambert (Jessica Chastain) ist nahezu besessen von der Suche, die sich mehr und mehr als Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen entpuppt. Mit „Near Dark“ hat Kathryn Bigelow einen meiner Lieblings(vampir)filme gemacht. Ihre anderen Arbeiten finden ebenfalls durchaus mein Gefallen. Das ist bei „Zero Dark Thirty“ nicht anders. Es ist ein sehr spannender, vielschichtiger Film, aber auch einer, der es dem Zuschauer – wie schon zuvor „The Hurtlocker“ – nicht ganz leicht macht. Ähnlich wie David Finchers „Zodiac“ ist auch Bigelows Film ein Recherchethriller, der sich über viele Jahre erstreckt und dabei eher die Mechanismen der Suche und des zugrunde liegenden Konflikts analysiert, als auf konkrete Charaktere abhebt. Auch wenn Maya die zentrale Figur ist, fungiert sie doch eher als Stellvertreterin für ein gesamtgesellschaftliches Trauma. Wie groß dieses Trauma tatsächlich ist, und ob die Rache an dem Mann, der der Welt diese Wunde zugefügt hat, zur Heilung beträgt, wird die Zeit zeigen.

Ein wenig ausführlicher beschäftige ich mich mit dem Film auf Kino-Zeit.

 

Return Of The Living Dead 3 (Brian Yuzna, USA 1993)

Posted by – 16. Dezember 2012

Return_of_the_living_dead_3Liebe ist Stärker als der Hunger auf Gehirne. Zumindest eine Zeitlang.

Unter der Aufsicht von Offizier Colonel John Reynolds (Kent McCord) experimentiert das Militär weiterhin am hochgiftigen Trioxin 245, das Tote wieder zum Leben erweckt. Zu doof, dass Reynolds Sohn Curt (J. Trevor Edmond) mit seiner Freundin Julie (Melinda Clarke) die Versuche beobachten und Curt, nachdem Julie bei einem Motorradunfall ums Leben kommt, der Idee verfällt, seine Freundin mit Hilfe von Toxin 245 zurückzuholen. Zwar gelingt die „Wiederbelebung“, doch entwickelt Julie danach einen eigenartigen Hunger auf Menschenfleisch.

Eigentlich bin ich ja kein großer Freund von Experimenten mit dem Zombiefilm, aber diese Zombie-Variation von Brian Yuzna gefällt mir ausnahmsweise sehr. Nach einem Drehbuch von John Penney lotet Yuzna hier die Idee aus, dass der Zombie doch keine willenlose Fressmaschine ist, sondern im Prinzip der Mensch bleibt, der er vorher war – nur halt mit gnadenlosem Hunger auf Gehirne. Die Zombies sind auf einmal Individuen, die über Selbstbewusstsein und –kontrolle verfügen, was mit der deprimierenden Grundprämisse des klassischen Zombiefilms nicht mehr allzu viel zu tun hat und „Return Of The Living Dead 3“– aller körperlicher Schmerzen zum Trotz – sich fast schon als Feelgood-Movie unter den Zombiefilmen macht.

Yuznas ist ein launiger, fantasievoller Genremix aus Zombiefilm, Body Horror, Sozialkritik und Coming-of-Age gelungen. Coming-of-Age? Ja, ich finde schon. Yuzna geht hier mit Themen wie der Loslösung vom Elternhaus, dem Konflikt mit Autoritäten, den bizarren Versuchen, die flügge werdenden Jugendlichen zu zähmen, der ersten Liebe u.ä. deutlich auf die Probleme Heranwachsender ein. Auch Julies auto-aggressives Verhalten kann in diesem Zusammenhang als Symbol der gesellschaftlichen Kälte und der jugendlichen Rebellion gedeutet werden. Insofern ist „Return Of The Living Dead 3“ fast schon ein bisschen Rock’n Roll.

Bild © Lions Gate
 

Kino 2012: Meine Top 10

Posted by – 13. Dezember 2012

2012 war ein guter Jahrgang. Etwas über 100 Filme habe ich im Kino sehen können (ca. 70 Filme waren reguläre Kinostarts, der Rest lief auf Festivals). Die 10 Filme, die mir davon am besten gefallen haben, sind folgende:

Life Of Pi (Ang Lee, USA 2012)

Eigentlich soll die Liste gar keine Reihenfolge angeben, dennoch steht dieser hier nicht zu unrecht ganz oben. Toller Roman, großartige Umsetzung. Einen so reichhaltigen Film wie Ang Lees „Life Of Pi“ habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Zwar ist er nicht ganz kitschfrei, aber er ist dennoch mitreißend erzählt, magisch fotografiert und grandios gespielt. Ein Film der zum Philosophieren einlädt. (–> Zur Kritik; wer es etwas ausführlicher will, kaufe sich die Januarausgabe der AGM.)

Sister (Ursula Meier, Frankreich / Schweiz 2012)

Der beste Film auf der Berlinale 2012 und aus dem diesjährigen Kinoprogramm. Von dem dümmlichen deutschen Titel „Winterdieb“ (was ist ein Winterdieb??) sollte sich niemand abschrecken lassen. Ursula Meiers „Sister“ (OT L’enfant d’en haut) ist ein grandioses Beziehungsdrama – und bestimmt ist er noch viel mehr als das. Mir fehlen die Worte.

The Hunger Games (Gary Ross, USA 2012)

Kinder, die sich in einer riesigen Arena gegenseitig umbringen müssen. Schon die Prämisse ist über alle Maßen deprimierend. Ich war zweimal im Kino und hatte jedes Mal feuchte Augen und einen Kloß im Hals. Wie es manche Leute schaffen, diesen Film mit einem Schulterzucken abzutun, ist mir ein Rätsel. Zumindest für mich war „The Hunger Games“ ein äußerst verstörender Film  und eines der intensivsten Filmerlebnisse dieses Jahres. (–> Zur Kritik)

The Turin Horse (Béla Tarr, Ágnes Hranitzky, Ungarn / Frankreich / Schweiz / Deutschland / USA 2011)

Die Apokalypse – bei Béla Tarr ist das die rückwärtslaufende Genesis. Am Anfang bockt ein Pferd. Am Ende ist da nur noch Dunkelheit. Dazwischen liegen sechs lange Tage, in denen der Zuschauer einen Bauern und seine Tochter dabei beobachten kann wie sie aufstehen, sich anziehen, essen, trinken, Wasser holen und wieder zu Bett gehen. „The Turin Horse“ (OT A torinói ló) ist ein verstörend toller Film, aber auch ein unglaublich deprimierender, weil er dem Zuschauer jede Hoffnung verweigert.

Cosmopolis (David Cronenberg, Kanada / Frankreich / Portogal / Italien 2011)

Limousinen spielten in diesem Kinojahr eine große Rolle. Die längste Zeit des Films sitzt der Protagonist in seinem Wagen. Er befindet sich auf dem Weg zum Friseur. Was einfach klingt, ist  eine verdammt komplexe Angelegenheit. „Was ist der Mensch?“, „Was kann aus ihm werden?“ fragt Cronenberg in seinem Film „Cosmopolis, der fast noch eigenwilliger ist als man es von ihm gewohnt ist. Der Film gleicht einer wissenschaftlichen Studie: nicht immer vergnüglich, aber bewusstseinserweiternd. (–> Zur Kritik)

Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA 2012)

Ich mag Filme von Wes Anderson eigentlich immer gerne,  diesen sogar ganz besonders. Mit „Moonrise Kingdom“ bleibt Anderson seinem Stil treu, erweitert aber gleichzeitig sein Œuvre um eine Geschichte, die es wirklich einmal wert ist, erzählt zu werden: Es geht um zwei Kinder und eine bedingungslose Liebe. Unter der sterilen Oberfläche der Bilder brodelt ein Vulkan. So deutlich habe ich das bei einem Anderson-Film noch nie empfunden.

The Raid (Gareth Evens, Indonesien / USA 2011)

Eine Gruppe unerfahrener Polizisten, ein Hochhaus und eine Horde blutgieriger Gangster. Mehr braucht es manchmal nicht. Offene Brüche, aufgeschlitzte Hälse, eingeschlagene Schädel, zerfetzte Leiber – Gareth Evens bietet in „The Raid: Redemtion“ Action Non-Stop. So was hat man noch nicht gesehen. Ich zumindest nicht. (–> Zur Kritik)

Holy Motors (Leos Carax, Frankreich / Deutschland 2012)

Der Preis für den ungewöhnlichsten Film müsste eigentlich an „Holy Motors“ gehen. Wer versucht, ihn zu verstehen, der hat ihn nicht verstanden. Ein Film, der auch noch weiter läuft, wenn sich der Vorhang schon geschlossen hat. Ein Film über Inspiration, über Kreativität und über das Kino. Wunderbar!

Tinker Taylor Soldier Spy (Tomas Alfredson, Frankreich / UK / Deutschland 2011)

Die John le Carré-Verfilmung von Tomas Alfredson („Låt den rätte komma in“) ist nur auf den ersten Blick dem Genre des Agentenfilms zuzuordnen. In Wirklichkeit interessiert sich Alfredson aber für ganz andere Dinge. Mit seinem Film fängt er das Echo einer vergangenen Zeit ein, einer Zeit, die es wahrscheinlich niemals gab und zeigt dem Zuschauer, wie es sich anfühlt, als Gespenst durch einen Carré-Roman zu wandeln. Die Agenten von damals sind wie die erstarrten Insekten in einem glitzernden Bernstein.

Anna Karenia (Joe Wright, USA 2012)

Kurz vor Jahresende erobert sich Joe Wrights Literaturverfilmung noch einen Platz in meinen Top 10. „Anna Karenina“ ist einziger  Rausch – opulent, intelligent, intensiv. Ich gebe zu: Filme, in denen das Spiel mit den Realitäten so kunstvoll betrieben wird, wie in diesem, haben es bei mir auch nicht schwer. Da kann auch Keira Knightley nichts dran ändern. Schon der Beginn, wenn die Schauspieler ihre Kostüme anziehen und auf die Bühne treten, die plötzlich zur filmischen Wirklichkeit wird, bringt mich zum Schwärmen. Und von solchen Momente wimmelt es. Trotzdem ist dieses Spiel mit dem Realitätsebenen kein Selbstzweck, sondern immer auch schlauer Kommentar zur Geschichte um Anna Karenina und ihrem (hoffnungslosen) Versuch, auszubrechen.

The Avengers (Joss Whedon, USA 2012)

„The Avengers“ ist lange nicht meine liebste Superhelden-Verfilmung, aber die mit Abstand beste in diesem Jahr. Leider wurde sie gestern von „Anna Karenina“ auf den 11. Platz verdrängt. Trotzdem. Joss Whedon ist und bleibt ein Zauberer. Egal, mit wie vielen Figuren er in einem Film jongliert – die Chemie stimmt immer.  Außerdem ist er in der Lage, tolle Geschichten und Dialoge zu schreiben. Etwas besseres als er konnte einem Film über die „Avengers“ gar nicht passieren. Nur das mit der Action, das sollte Whedon noch mal üben. (–> Zur Kritik)

Life Of Pi (Ang Lee, USA 2012)

Posted by – 12. Dezember 2012

„Life Of Pi“ habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Aber ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass man aus dem Roman einen guten Film machen kann. Jetzt weiß ich: man  kann. Bzw: Ang Lee kann. Und nicht nur einen guten, sondern einen ganz und gar großartigen Film.

Film (und Buch) handeltn von von Piscine Molitor Patel (Suraj Sharma), genannt Pi. Als sein Vater, ein Zoodirektor, beschließt in die USA auszuwandern, wird der ganze Zoo auf ein Schiff verfrachtet und los geht die Reise. Doch das marode Schiff gerät in einen heftigen Sturm – und kentert. Ehe sich Pi versieht befindet er sich auf einem Rettungsboot mit einem Zebra, einem Orang Utan, einer Hyäne und – einem riesigen, bengalischer Tiger namens Richard Parker.

Ich weiß gar nicht so genau, wo ich anfangen soll, „Life Of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ zu loben, weil alles an ihm so wahnsinnig gut ist. Ang Lees Entscheidung, voll und ganz auf digitale Effekte zu setzen, hat sich als richtig erwiesen. Die Effekte sind gelungen und stehen im Dienst der Narration. Auch das 3D fügt sich gut in die Geschichte ein. Aber es ist vor allem die inhaltliche Seite des Films, die fasziniert: „Life Of Pi“ ist Abenteuer- und Bildungsgeschichte sowie philosophische Abhandlung in einem. Immanuel Kant hat vor über 200 Jahren die Philosophie in drei Bereiche aufgeteilt und diese nach folgenden Fragen geordnet: „Was können wir wissen?“, „Was sollen wir tun?“ und „Was dürfen wir glauben?“  Im Film laufen die Antworten auf die Fragen auf spielerische Weise zusammen. Ohne Vernunft wäre Pi der Herausforderung des Überlebens auf See nicht gewachsen. Doch seine Reise über den Ozean erweist sich gleichzeitig als moralische Prüfung. Er steht immer wieder vor der Frage, welches Verhalten das Richtige ist. Die moralische Dimension des Films geht nahtlos in den Bereich der Spiritualität über. Religion und Glaube spielen hier eine unaufdringliche, aber zentrale Rolle. Am Ende laufen die drei philosophischen Kategorien, das Wissen, das Sollen und das Glauben zusammen und kulminieren in einer Frage, die der große Philosoph Kant wohl vergessen hat: Was wünschen sich Menschen eigentlich?

Lange Rede. „Life Of Pi“ ist nicht ganz ohne Kitsch und Pathos. Aber er ist auch mitreißend erzählt, magisch fotografiert und grandios gespielt; und vor allem erzählt Ang Lees Film eine unglaublich reichhaltige Geschichte, die einlädt, die Welt und sich selbst neu zu entdecken.

Die gleiche Meinung, aber ausführlicher, kann in der Januarausgabe der AGM nachgelesen werden.

Bild © Twentieth Century Fox
 

Beastmaster (Don Coscarelli, USA 1982)

Posted by – 10. Dezember 2012

Ich beginne mal mit dem Fazit: DAS ist Fantasy! Und so geht’s: Da der Hohepriester Maax (Rip Torn) das Menschenopfern nicht lassen kann und zudem ein Faible für schwarze Magie hat, verbannt ihn König Zed (Rod Loomis) kurzerhand aus seinem Königreich. Das lässt einer wie Maax aber nicht mit sich machen. Der Hohepriester rächt sich indem er das ungeborene Kind der Königin von einer Hexe in eine Kuh beamen lässt. Doch das Baby wird von einem Bauern gerettet und wächst unter dem Namen Dar (Marc Singer) in dessen Dorf auf. Dort wird er auch im Schwertkämpfer unterrichtet. Außerdem bemerkt Dar, dass er die Fähigkeit hat, mit Tieren zu sprechen. Als das Dorf niedergebrannt wird, macht sich der Beastmaster auf den Weg, um Rache zu nehmen.

Willkommen bei „Beastmaster“, einem Film voll kruder Ideen und jeder Menge Irrsinn. Der Irrsinn fängt schon bei der Besetzung an: Marc Singer ist eine unbeholfene Lulatsch-Version eines Helden, Rip Torn ein so einfach gestrickter Bösewicht, dass es schon wieder faszinierend ist: Maax hat tatsächlich aber auch gar nichts anderes im Sinn, als Leute zu opfern. Das nenne ich zielstrebig! (Eigentlich sollte die Rolle von Klaus Kinski gespielt werden, aber das wäre vielleicht etwas zu naheliegend gewesen.) Aber auch inhaltlich weist der Film alle Schattierungen von „seltsam“ auf.  Dieser schwarzmagische Eintopf basiert auf dem Buch „The Beast Master“ von Andre Norton, das Drehbuch schrieb Coscarelli zusammen mit Paul Pepperman, der mit ihm schon bei  „Phantasm“ zusammengearbeitet hatte (dort war er allerdings für die Special Effects zuständig). Das Ergebnis kann sich – wie eigentlich immer bei Coscarelli – durchaus sehen lassen. Das liegt vor allem daran, dass „Beastmaster“ immer wieder überrascht, weil er andere Wege geht, als der 08/15-Fantasyfilm. Das bezieht sich gar nicht so sehr auf das große Ganze, sondern eher auf die unzähligen, fantasievollen Details, die anderen für 5 Filme gereicht hätten. Ein wenig erinnert „Beastmaster“ vom Aufbau an „Star Wars – A New Hope“.  Da das Buch von Norton aus dem Jahr 1953 ist, ist es recht offensichtlich, wer sich die Ideen wo geborgt hat. Und hier noch eine unbelegte Theorie, wer sich beim Beastmaster bedient haben könnte: Ich habe gerade „The Meerkats“ (DT: Wächter der Wüste) gesehen; dort heißt das Protagonisten-Erdmännchen Kolo. In „Beastmaster “heißen die beiden Frettchen Kodo und Podo.  Zufall?

Wenn ich überhaupt etwas an diesem Film auszusetzen habe, dann, dass er mit 118 Minuten etwas lang geraten ist. Es gibt immer wieder etwas zähe Passagen in denen eigentlich nichts passiert, bzw: irgendetwas passiert, das die Geschichte aber nicht vorantreibt. Auf der anderen Seite sind der fehlende Rhythmus und die relative Länge vielleicht auch ein Grund dafür, dass Coscarellis Ausflug ins klassische Fantasy-Genre so eigen uns so entspannt ausgefallen ist.

Bild © Starz / Anchor Bay
 

Back To The Future (Robert Zemeckis, USA 1985)

Posted by – 9. Dezember 2012

Die letzte Reise zurück in die Zukunft ist schon etwas länger her. Aber vorgestern war es endlich mal wieder soweit. Ich will gar nicht viele Worte zu diesem sehr schönen Film machen. Hier nur ein paar Gedanken, was mir bei dieser Sichtung durch den Kopf gegangen ist.

Marty McFly (Michael J. Fox) reist mit Hilfe einer von Dr. Emmett L. Brown (Christopher Lloyd) entworfenen Zeitmaschine in das Hill Valley des Jahres 1955, wo er aus Versehen verhindert, dass seine Eltern, Lorraine (Lea Thompson) und George (Crispin Glove), ein Liebespaar werden. Zusammen mit dem Doc Brown der Zeit versucht er die Dinge wieder in Ordung zu bringen.

„Back To The Future“ ist ein wichtiger Film meiner Jugend, den ich zigmal gesehen habe. Trotzdem konnte er schon früher irgendwie nicht ganz mit meinen Lieblingsfilmen mithalten. Etwas hat mich an dem Film gestört. Vielleicht waren es diese Masken, mit denen Lea Thompson, Crispin Glove und Thomas F. Wilson, der den Arsch Biff Tannen spielt, auf Alt getrimmt wurden. Heute, mit etwas Abstand, ist das mulmige Gefühl immer noch da und ich kann auch etwas differenzierter sagen, was mich stört. Zum einen hat das was mit der Moral Geschichte zu tun, nämlich dass man mit einem ordentlichen Kinnhaken alle Probleme lösen kann und, dass sich ein gutes Leben vor allem dadurch auszeichnet, dass man einen fetten Wagen in der Garage hat. Auch die Frauenrollen sind wenig gelungen: Claudia Wells darf ein paar Szenen Martys Freundin Jennifer Parker spielen, und Lea Thompson muss das einfach gestrickte Mädchen der 1950er Jahre spielen, die jedem hinterher steigt, der die richtigen Unterhosen anhat.

Nicht falsch verstehen: „Back To The Future“ ist ein wirklich unterhaltsamer Film, den ich sehr mag und immer wieder gerne sehe. Michael J. Fox und Christopher Lloyd sind einfach ein tolles Team, die Ausstattung des Films stimmt ebenfalls. Außerdem macht der Film neugierig: Wer würde nicht gerne mal in die Zeit der Eltern zurückreisen und sehen, wie es in der Zeit vor seiner Geburt war? Ich würde sofort in den DeLorean steigen und die Reise in die Zeit vor 1975 antreten. (Wobei ich eine Reise mit H.G. Wells Zeitmaschine in die Zukunft sogar noch vorziehen würde…) Aber „Back The The Future“ ist nicht nur ein kurzweiliger Unterhaltungsfilm, sondern er hat eine Botschaft: Die Vergangenheit bestimmt die Zukunft. Das mag trivial klingen, aber ich glaube, dass das von meiner geschichtsvergessenen Generation gerne mal verdrängt wird. Eine Dosis „Back To The Future“ könnte helfen, sich wieder zu vergegenwärtigen, dass sich die Gegenwart durch unsere in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen konstituiert und – wichtiger – dass wir die Zukunft durch das, was wir heute tun, gestalten. (/ökomode)

Bild © Universal
 

Twixt (Francis Ford Coppola, USA 2011)

Posted by – 7. Dezember 2012

Die Zeiten von „Der Pate“, „Apocalypse Now“ oder „Dracula“ sind lange vorbei. Und selbst die Klassiker von Francis Ford Coppola gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsfilmen. Umso überraschter war ich, als ich heute Coppulas aktuellen Film angesehen habe. „Twixt“ ist vage, unberechenbar und hinter seiner B-Movie-Fassade wunderschön.

Hall Baltimore (Val Kilmer) hat sich auf Hexen-Romane spezialisiert, doch seine Karriere hat schon bessere Zeiten gesehen. Als ihn eine Lesetour in das verschlafene Nest Swann Valley führt, wittert Baltimore den Stoff für eine neue Geschichte: In dem Städtchen sind vor kurzem mehrere Morde geschehen, die einem Serienkiller zugeschrieben werden. Als Baltimore im Traum erst der Geist eines der ermordeten Mädchen (Elle Fanning) und dann Edgar Allan Poes (Ben Chaplin) erscheint, weiß er – er ist auf der richtigen Spur. Zusammen mit dem Sheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern) beginnt er die Hintergründe der Morde zu recherchieren.

„Twixt“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Coppola seinen Visionen freien Lauf lassen darf.  Was auf den ersten Blick „nur“ ein schaurig schönes Gothic-Märchen ist, gewinnt auf den zweiten immer mehr Facetten und Komplexität. Was echt ist und was ein Traum lässt sich bald nicht mehr unterscheiden. Und auch der rote Faden des Films verliert sich zusehends im Nebel. „Twixt“ ist: ein Metafilm, ist: ein rätselhaftes, faszinierendes Etwas zwischen allen Stühlen, ist: ein Kommentar und gleichzeitig sehr persönliches Dokument zum kreativen Prozess, der entfernt an „Mulholland Drive“, „Barton Fink“ oder „Synecdoche, New York“ erinnert und einlädt, sich tiefer mit dem Werk dieses Filmemachers zu beschäftigen.

Bild © Studiocanal