Month: Februar 2013

Oz: The Great And Powerful (Sam Raimi, USA 2013)

Posted by – 28. Februar 2013

OZ

Am Anfang ein Geständnis: Ich habe weder das Kinderbuch von Lyman Frank Baum gelesen noch Victor Flemings Filmklassiker „The Wizard Of Oz“ (1939) gesehen. Die Geschichte ist mir nur in Grundzügen bekannt. Aber auch nahezu völlig ahnungslos ist Sam Raimis „Oz: The Great And Powerful“ ein faszinierendes, schelmisches und auf gewisse Weise herrlich altmodisches Stück Kino.

Der Zirkuszauberer Oscar Diggs (James Franco) wird durch einen Sturm plötzlich aus dem verschlafenen Kansas ins Zauberland Oz geschleudert. Die Bewohner glauben in ihm den großen Zauberer von Oz gefunden zu haben. Anfangs hat Oscar nichts dagegen, schließlich winkt nicht nur der Thron, sondern auch unvorstellbarer Reichtum und ein Techtelmechtel mit den hübschen Hexenschwestern Theodora (Mila Kunis) und Evanora (Rachel Weisz). Doch dann erfährt er, dass Ruhm und Reichtum seinen Preis haben: Er, der „Zauberer von Oz“, ist nämlich dazu auserkoren, Theodoras und Evanoras böse Schwester, die mächtige Hexe Glinda (Michelle Williams) zu besiegen.

Bei den Notizen zu „X-Men: First Class“ hatte ich geschrieben, dass mir nicht viele gute Prequels einfallen. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob man das, was Raimi hier macht, als klassisches Prequel bezeichnen kann – jedenfalls wird die Vorgeschichte des Zaubers von Oz thematisiert und erzählt, wie er überhaupt nach Oz gekommen ist. Ich will aber meinen, dass ihm wiedermal ein faszinierendes Werk gelungen ist, dem die Lust am Filmemachen, ja sogar pure kinematische Energie aus jeder Pore dringt. Wobei ich vermute, dass nicht jeder von dem Film unbedingt begeistert sein wird. Denn nach dem großartigen Schwarz-Weiß-Intro auf dem Jahrmarkt kann man sich bei den ersten farbigen Oz-Szenen durchaus an die klebrigen Fantasielandschaften von Peter Jacksons „The Lovely Bones“ oder der CGI von Tim Burtons missratenem „Alice In Wonderland“ erinnert fühlen. Doch wie alles an dem Film sind auch die naiven Bilder ein Trick.

Über Raimis Fähigkeiten als Regisseur sowie dessen Stil (Kamerafahrten, Montagen, etc.) muss man an dieser Stelle wahrscheinlich nicht viele Worte verlieren. Aber ich denke, im Falle von „Oz: The Great And Powerful“ sollte man sich vorab noch einmal bewusst machen, dass man den Film eines echten Könners sieht. Eine der Grundregeln für Kritik besagt, dass man das Objekt seiner Kritik erst einmal „so stark wie möglich machen“ sollte. Die vermeintlichen Schwächen eines Films zerplatzen bei gründlicher und fairer Auseinandersetzung mit ihm manchmal auch wie eine Seifenblase. Das gilt natürlich nicht nur für den Film, sondern für jede andere Form von Kulturgut. Im Falle von Raimis „Oz“ lohnt es sich, diese positive Grundeinstellung zu promoten. Es könnten einem – vermute ich – sonst die viele Finessen entgehen.

Der Schlüssel, der einem die Tür zum Raimis Stück aufsperrt, ist die Einsicht, dass Oz ein Film über die künstlerische Tätigkeit oder auch übers Filmemachen ist. Filme, die sich selbst zum Thema haben, gibt es einige. Beachtenswert an „Oz: The Great And Powerful“ ist meines Erachtens aber, dass er die Mechanismen hinter der Illusion offenlegt. Insofern ist er weniger ein Loblied auf das ätherische Reich der Fantasie, sondern eine Ode an die Schaffenskraft – und das ist vor allem erst einmal Arbeit. Die eigentliche Pointe an Raimis  ist allerdings noch eine andere: „Oz: The Great And Powerful“ ist ein Meisterstück über das Thema Täuschung. Subversiv, wie der Film ist, betrügen sich nämlich nicht nur alle Figuren gegenseitig – Raimi führt auch den Walt-Disney-Konzern mit diesem trojanischen Pferd an der Nase herum – und gewiss einen Teil des Publikums ebenfalls. Dieses Kunststück sollte sich niemand, der Filme liebt, entgehen lassen.

Bild © Walt Disney
 

Hansel & Gretel: Witch Hunters (Tommy Wirkola, USA / Deutschland 2013)

Posted by – 24. Februar 2013

Hansel und Gretel

Für das Multimania-Magazin Nr. 24 habe ich zusammen mit Kollege Patrick den Aufschlag für die Rubrik „1 Film, 2 Meinungen“ gemacht. Hier mal mein (leicht gekürzter) Text, in dem ich die Rolle des Fürsprechers übernommen habe.

Filme bilden. So haben wir beispielsweise gelernt, dass Abraham Lincoln in Wirklichkeit ein furchtloser Vampirjäger war, dass Quatermain, Tom Sawyer, Dorian Gray, Captain Nemo und Dr. Jekyll dem gleichen Superhelden-Verein angehörten und die Gebrüder Grimm – das waren eigentlich Geisterjäger, die ihre Geschichten selbst erlebt haben. Und in Neuinterpretation von Hänsel und Gretel durch Tommy Wirkola („Deadsnow“) erfahren wir endlich die Wahrheit über das berühmte Geschwisterpärchen.

15 Jahre nach ihren Erlebnissen im Pfefferkuchenhaus haben sich Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) nämlich zu unerbittlichen Rächern gemausert, vor denen keine Hexe sicher ist. Ihr neuer Fall führt sie nach Augsburg, wo die böse Muriel (Famke Janssen) eine Reihe von Kindern entführt hat, um diese bei der nächsten Blutmond-Nacht zu opfern.

Natürlich gäbe es einiges an „Hansel & Gretel: Witch Hunters“ zu kritisieren. So passt die Story aus der Feder von Wirkola und Dante Harper auf ein Post-it; der Umgang mit dem Thema Hexenjagd ist alles andere als sensibel; und die Eindimensionalität der Charaktere steht in eklatantem Kontrast zum gelungenen 3D des Films. Trotzdem: Wirkolas Film ist ein Spaß, den sich niemand mit Faible für fantasievollen Actiontrash entgehen lassen sollte. Er hat Witz, ein Pfefferkuchenhaus und ordentlich Tempo: Wenn Hänsel und Gretel ihre erste Hexe durch den Wald jagen, wird man förmlich in den Kinosessel gedrückt. Aber auch später gibt es immer wieder Momente, in denen der Film zu explodieren scheint. Das ist laut, bunt, spektakulär – und manchmal ziemlich blutig – und Bewegungskino wie es sein muss.  Und auch abseits der offensichtlichen Sensationen hat „Hansel & Gretel: Witch Hunters“ einiges zu bieten. Es sind besonders diese zahlreichen fantasievollen Momente, die ganz nebenbei passieren, Momente voll grenzenloser Zärtlichkeit für den fantastischen Film.

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Bild © Paramount Pictures
 

X-Men: First Class (Matthew Vaughn, USA 2011)

Posted by – 21. Februar 2013

Erik Lehnsherr: „I want you by my side. We’re brothers, you and I. All of together, protecting each other. We want the same thing.“ – Charles Xavier: „My friend. I’m sorry, but we do not.“

Mir fallen nicht besonders viele gute Prequels ein. „Indiana Jones And The Temple Of Doom“. „Twin Peaks: Fire Walk with Me“. Die letzten 3 „Bond“-Filme. „Rise of the Planet of the Apes“. Vielleicht „The Hobbit“.  Aber auch „X-Men: First Class“ – soviel muss ich nach dem mittlerweile dritten Anschauen zugestehen – ist trotz einiger kleinerer Probleme ein richtig gutes Prequel, das nicht nur etwas Licht in die Anfänge der X-Men bringt, sondern vor allem auch eine Menge Spaß macht.

Die X-Men fanden nämlich schon in den 1960er Jahren zusammen als Charles  Xavier (James McAvoy), Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) und eine Gruppe weiterer Mutanten versuchten, den größenwahnsinnigen Sebastian Shaw (Kevin Bacon) aufzuhalten, der die Kuba-Krise dazu  nutzen will, die Welt ins Chaos zu stürzen. Doch es zeigt sich: Auch die Allianz der X-Men ist äußerst fragil…

„X-Men: First Class“ ist nicht so sensibel wie der erste Teil und auch keine runde Sache wie Teil zwei:  Einige Gadgets – Magnetos Helm, der Cerebro-Prototyp und einiges mehr – sind für meinen Geschmack etwas zu krampfhaft in die Story gestopft worden. Und schon wieder gibt es ein Serum, mit dem man Mutation wie eine Grippe durch Antibiotika austreiben kann. (Zum Glück funktioniert es nicht und spielt, verglichen mit „X-Men: The Last Stand“, nur eine untergeordnete Rolle.) Und auch nicht jeder Mutant gefällt: Die Feuerkugeln herauswürgende Libellen-Lady (Zoë Kravitz) z.B. gehört jetzt nicht gerade zu den coolsten Superhelden, die je erdacht wurden.

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Denn – und das wird mir erst so richtig klar, weil und während ich den Film zum dritten Mal schaue – „X-Men: First Class“ ist auch ein ziemlich kurzweiliger, ideenreicher und visuell origineller Trip, bei dem es auch nach mehrmaligem Sehen immer wieder  neue Kleinigkeiten zu entdecken gibt. Die Beziehung zwischen den Figuren hätte ich mir  etwas komplexer und sich natürlicher entwickelnd vorstellen können, aber auch so sind die Konflikte glaubhaft und die einzelnen Schauspieler verkörpern ihre Figuren trotz oft geringer Screentime prägnant und insgesamt überzeugend. Hinzu kommen gleich eine ganze Reihe von Gänsehaut-Momenten, für die ich stellvertretend zwei Tode nennen will. Und zwar  das überaus traurige Dahinscheiden von Darwin (Edi Gathegi), der nach ein paar überschwänglichen Minuten erkennen muss, dass er in der Mutanten-Schulen eben doch nur die Schulbank der ersten Klasse drückt und besser die Finger von den großen Jungs gelassen hätte. Ebenfalls intensiv: Die Szene als Magneto sich an Shaw rächt. Nicht nur, dass die Münze vom Anfang wieder eine Rolle spielt und bildhaft deutlich wird, das die Vergangenheit die Gegenwart konstituiert;  das Cross-Cutting zwischen Magneto und Charles Xavier zeigt eindrucksvoll wie sich die beiden Figuren mittlerweile voneinander entfernt haben – aber dennoch schicksalhaft zusammenhängen.

Und so findet in „X-Men: First Class“ der ewige Konflikt zwischen Mutanten und Menschen seinen Anfang. Das Böse, das sind immer die anderen. Ein Blick in die Zeitung reicht um festzustellen, dass dieser Satz auch außerhalb von Comic-Verfilmungen Gültigkeit hat. Oder, um mit den Worten von Magneto zu sprechen: „Peace was never an option.“

P.S. Film ist aus der gleichen Box wie Teil 2.
 

Demons 2 (Lamberto Bava, Italien 1986)

Posted by – 20. Februar 2013

demons_2Wenn ein Dämon im Begriff wäre, aus meinem Fernseher zu steigen, würde ich, schweren Herzens aber entschlossen, den Apparat aus dem Fenster schmeißen. Die Figuren in „Demons 2“ sind da weniger geistesgegenwärtig.

Im Hochhaus „The Tower“ steigt eine Geburtstagsparty. Doch statt zu feiern. schaut Sally (Coralina Cataldi-Tassoni), das Geburtstagskind, im Fernsehen lieber den Film „Herrschaft der Dämonen“ – und wird – schwupp – auch gleich erstes Opfer eines von der Mattscheibe in ihre Welt hinüberwechselnden Monsters. Jeder, der von einem Dämon verletzt wird, verwandelt sich ebenfalls in eines der blutgierigen Wesen. Und innerhalb kürzester Zeit macht eine Horde von Monstern Jagd auf die letzten Überlebenden des Hochhauses. Darunter ist auch die schwangere Hannah (Nancy Brilli), die sich in ihrer Wohnung verschanzt hat und auf die Rückkehr ihres Freundes George (David Edwin Knight) wartet.

„Demons 2“ (OT: Dèmoni 2) hat im Prinzip den gleichen Aufbau wie der erste Teil. Ein Gebäude aus dem die Menschen nicht flüchten können und ein Medium, durch das die Dämonen in ihre Welt kommen. Was folgt, lässt sich (wie schon in Teil eins) so zusammenfassen: Bis auf das Final Couple werden alle Figuren entweder a) von den Dämonen umgebracht oder b) gebissen, wodurch sie sich selbst in Dämonen verwandeln und Prinzip a) wieder in Kraft tritt.

Wodurch unterscheidet sich Teil zwei von Teil eins? Statt dem kleinen charmanten Metropol-Kino ist der Schauplatz von „Demons 2“ein Hochhaus. Und auch die Anzahl der Figuren und dementsprechend auch der Dämonen ist noch mal angewachsen. Gegen Hochhaus will ich gar nichts sagen, hier hat Bava durchaus ein paar schöne Ideen. Was die Figuren betrifft lässt er leider jedes Gespür für interessante Geschichten vermissen und auch die Dämonen wirken durch ihre schiere Masse eher weniger bedrohlich.

Warum sollte man sich „Dämonen 2“ überhaupt ansehen? Es gibt, wie gesagt, ein paar schöne Szenen. Gelungen ist meines Erachtens z.B. der Handlungsstrang im Fahrstuhl. Und auch die Szenen mit Hannah und dem dämonischen Nachbarsjungen, der in bester Alien-Manier einen putzigen Mini-Dämon gebiert, haben einen gewissen Witz. Außerdem spielt in „Dämonen 2“ die damals zehnjährigen Asia Argento, die Tochter von Dario Argento, der den Film produzierte und auch am Drehbuch beteiligt war, ihre erste Rolle. Sollte man wissen, so eine Frage könnte ja mal im Film-Quiz vorkommen.

Was nehme ich persönlich mit? Die Erkenntnis, dass das Böse oft aus dem Fernsehen kommt. Aber das wusste ich eigentlich auch schon vorher. Jedenfalls werden am Schluss im Film folgerichtig die Fernsehgeräte zerschlagen. Besser spät nie.

Bild © Arrow Video
 

X-Men: The Last Stand (Brett Ratner, USA 2006)

Posted by – 17. Februar 2013

Mutation – gibt es da nicht was von Ratiopharm?

Die Bruderschaft um Magneto (Ian McKellen) rüstet ein weiteres Mal zum Krieg gegen die Menschheit. Denn die hat ein Serum entwickelt, das Mutanten – auch gegen ihren Willen – ihrer Kräfte beraubt. Doch es gibt noch ein weit größeres Problem, dem sich von Charles Xavier (Patrick Stewart) und seine X-Men stellen müssen: Ihre verstorbene Kollegin Jean Grey (Famke Janssen) ist als allmächtiger Mutant Dark Phoenix wiedergeboren worden.

Ich weiß noch wie enttäuscht ich war, als ich den Film damals im Kino gesehen habe. Sicherlich, ein paar Stärken dieser Reihe – z.B. tolle Charaktere und die ethische Dimension der Geschichte – sind noch vorhanden. Außerdem gibt es eine Handvoll guter Einzelszenen. Trotzdem kriselt es im Franchise ab diesem Teil gewaltig. Ein großes – vielleicht sogar das größte Problem an „X-Men: The Last Stand“ ist schon seine Grundprämisse. Auf einmal gibt es ein Heilmittel, das Mutationen beseitigt. Mutation? Hier, nimm das. Schwupp, weg. Dass so ein Serum nicht besonders wahrscheinlich ist, ist angesichts des Genres, in dem wir uns bewegen, zu verschmerzen. Dass dadurch die große Tragik des X-Men-Universums nivelliert wird, nicht. Mutation wird auf einmal zu etwas, das man an- und ausziehen kann wie ein paar Socken. Die Fallhöhe, die die Reihe durch die ersten beiden Teile aufgebaut hatte, ist verschwunden.

Andere Elemente der Story wirken ebenfalls nicht sonderlich durchdacht. Z.B. der Handlungsstrang um Jean Grey (Famke Janssen). Der wurde zwar im letzten Teil bereits angelegt, aber jetzt bricht er doch so holterdiepolter durch die Tür, dass man fast erschrickt und gar nicht genug Zeit hat, Empathie mit ihrer und anderen involvierten Figuren aufzubauen. Charles Xavier (Patrick Stewart) enthüllt im Nebensatz, dass Jean Grey ein Supermutant mit zwei Persönlichkeiten ist. Aha. Scott Summers alias Cyclops (James Marsden) ist auf einmal verschwunden. Das wirkt, als wären da ein paar Seiten Script vom Winde verweht worden. Und auch sonst rumpelt es an allen Ecken und Enden heftig im Drehbuch von Simon Kinberg und Zak Penn, das von „Rush Hour“-Regisseur Brett Ratner – das kommt noch dazu – nicht gerade uninspiriert umgesetzt worden. Angesichts dieser beiden großen Defizite ist es fast schon egal, dass Ratners Film noch eine Reihe weiterer dummer Ideen und stilistischer Unsicherheiten aufbietet, über die ich mich jetzt aber gar nicht auslassen will.

Bryan Singer und seine Crew haben mit den ersten beiden Teilen die „X-Men“-Comics kongenial für die Leinwand adaptiert. Singer hat soviel vorgelegt – da konnte „X-Men: The Last Stand“ einfach nicht auf der ganzen Linie scheitern. Ich komme allerdings nicht umhin zu bemerken, dass Ratners Sequel gefährlich nahe am Totalausfall entlang schrammt und dem Franchise einigen Schaden zugefügt hat. Aber apropos Schaden: Da gibt’s doch bestimmt auch was von Ratiopharm?

P.S. Film ist aus der gleichen Box wie Teil 2.
 

X-Men 2 (Bryan Singer, USA 2003)

Posted by – 17. Februar 2013

X-Men_ Complete CollectionDie Berlinale – das waren für mich fast 35, teilweise nicht ganz leicht verdauliche Stücke Kinokost. Da brauche ich jetzt erst einmal ein, zwei etwas bekömmlichere Filmchen, um mich sanft zu entwöhnen und behutsam wieder runterzukommen.

Die Wahl fällt auf „X-Men 2“. Die ersten beiden Teile der Reihe gehören meiner Meinung nach zu den besten Superhelden-Filmen überhaupt. In meiner Erinnerung war der zweite Teil sogar noch etwas besser als der erste. Seit der letzten Sichtung sind allerdings schon ein paar Jahre ins Land gegangen und heute muss ich diese Einschätzung etwas relativieren.

Nach den Ereignissen im ersten Teil sitzt Erik Lensherr alias Magneto (Ian McKellen) im Hochsicherheitsgefängnis. Trotzdem ist die Gefahr eines Krieges zwischen Menschen und Mutanten  noch immer nicht gebannt. Denn der hassgetriebene General Stryker (Brian Cox) schafft es, die Maschine Cerebro an sich zu bringen und den Philanthropen Professor Charles Xavier (Patrick Stewart) so zu manipulieren, dass dieser bereit ist, alle Mutanten mit Hilfe der Maschine auszulöschen. Seine Schüler, die X-Men, müssen sich mit Magneto zusammentun, um den Genozid zu verhindern.

Was ich an Singers „X-Men“-Umsetzung sehr mag: Wie verletzlich seine Helden wirken. Ihre „Superkräfte“ sind meist eher Fluch als Segen. In dieser Hinsicht kann Singers Filmen  bestenfalls Ang Lees „Hulk“ das Wasser reichen.

Leider musste ich gerade feststellen, dass der zweite Teil die Ausformulierung dieses Themas nicht besonders konsequent weiterverfolgt. Zwar gibt es immer wieder Figuren wie Strykers Sohn Jason (Michael Reid MacKay) oder  Kurt Wagner alias Nightcrawler (Alan Cumming), in denen die Idee lebt, aber insgesamt setzt Singer in „X-Men 2“ mehr auf Action und eine flotte Story. Das ist ja auch an sich nicht verkehrt. Zumal wieder die Chemie zwischen den Figuren wie auch die Produktionswerte stimmen und der Film vor visuellen Einfällen gerade nur so überschäumt. Insofern ist das schon ein wirklich toller Film. Trotzdem: Ein ganz klein bisschen enttäuscht war ich beim diesmaligen Schauen doch. Irgendwie scheint sich mir hier schon der Abwärtstrend des „X-Men“-Franchise anzudeuten.

Oder bin ich einfach noch im Berlinale-Modus und muss mich erst wieder an „normale“ Filme gewöhnen?

Bild © Twentieth Century Fox
 

Berlinale 2013 – Tag 10

Posted by – 17. Februar 2013

Touch Of Evil (Orson Wells, USA 1958)

Die Berlinale bietet auch zahlreiche Möglichkeiten, Klassiker auf der großen Leinwand zu sehen. Die Retrospektive stand in diesem Jahr unter der Überschrift „The Weimar Touch. The International Influence of Weimar Cinema after 1933“, worunter sich 31 Filme fanden, die noch einmal in fünf Kapitel unterteilt waren: „Rhythm and Laughter“, , „Light and Shadow“, „Variations“, „Know Your Enemy“ und „‚Unheimlich‘ – The Dark Side“. Aus letzterem habe ich mir gestern Orson Wells „Touch Of Evil“ angesehen. Ich bin weder Wells- noch Film-Noir-Kenner, aber der Film um eine Kleinstadt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze und die Konfrontation zwischen dem rechtschaffenden mexikanischen Rauschgiftfahnders Miguel Vargas (Charlton Heston) und Polizei-Captain Hank Quinlan (Orson Wells) hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Vieles ist nicht wie es scheint in diesem Film. Auch wenn man bei Vertretern der schwarzen Serie schon damit rechnet, dass die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verwischen, ist „Touch Of Evil“ in dieser Hinsicht noch einmal besonders ambivalent. Was mir am Film besonders gefallen hat: Wells in der Rolle des korrupten Cops und dieser großartige Anfang, bei dem  die Kamera ein Auto verfolgt, von dem der Zuschauer schon weiß, dass sich darin eine Zeitbombe befindet…

Frances Ha (Noah Baumbach, USA 2012)

Mit dem entspannten „Frances Ha“, einem Film über eine junge Frau (ganz toll: Greta Gerwig), die versucht, eine Wohnung in New York oder eigentlich sogar einen Platz in der Welt zu finden, geht meine Berlinale zu Ende. Ein wenig hat mich der Film, für den Regisseur Baumbach zusammen mit der Gerwig das Drehbuch geschrieben hat, an „Oh Boy“ erinnert. Das liegt bestimmt nicht nur darin, weil beide Filme schwarz-weiß sind und nicht nur von ihren dahintreibenden Hauptfiguren erzählen, sondern auch das Leben in einer bestimmten Stadt zum Thema haben. Es wird deutlich, dass Personen erst durch den Kontext zu dem werden, was sie sind. Bei Frances kann man das sehr gut beobachten. Als sie Weihnachten ihre Familie besucht oder als sie alleine nach Paris reist, wirkt sie wie verblasst. Richtig lebendig ist Frances, wenn sie mit ihrer besten Freundin Sophie (Mickey Sumner) zusammen ist. Eine Moral hat „Frances Ha“ meiner Meinung nicht. Aber er hat dennoch eine positive, optimistische Grundstimmung, die dem Zuschauer das Gefühl gibt, dass sich alles im Leben schon irgendwie zurecht ruckeln wird.

Berlinale 2013 – Tag 9

Posted by – 15. Februar 2013

IMG_7655Nobody’s Daughter Haewon (Hong Sangsoo, Republik Korea 2013)

Tag 9, die letzten Wettbewerbsfilme laufen. Den Anfang vom Ende macht der wunderbar leichtfüßige „Nobody’s Daughter Haewon“, mit dem ich meinen ersten „Hong Sangsoo“-Film sehe. Er handelt von einer Studentin (Jung Eunchae), die eine Affäre mit einem ihrer Professoren hat. Haewon ist sich nicht sicher, ob sie die Beziehung fortsetzen soll. An „Nobody’s Daughter Haewon“ fasziniert die verträumte Erzählweise, die gekonnt an der Grenze zur Belanglosigkeit entlangspaziert, diese aber niemals überschreitet. Apropos verträumt: Nach dem Film stellt sich tatsächlich die Frage, was von dem Gesehenen echt ist und was nur Fantasie war. Vielleicht ist das aber gar nicht wichtig. (Note to myself: Mehr Filme von Hong Sangsoo schauen.)

The Croods (Kirk DeMicco, Chris Sanders, USA 2013)

Ich mag keine Filme, bei dem der Zuschauer darüber lachen soll, wenn irgendwelche Säbelzahneichhörnchen vergeblich einer Nuss nachsteigen und permanent auf die Fresse fliegen. Auch „The Croods“, der in der sinnigen Kategorie Wettbewerb außer Konkurrenz lief, hat so Momente, in denen aus Missgeschicken komödiantisches Kapital geschlagen wird. Doch alles in allem ist der – großartig aussehende – Animationsfilm von  Kirk DeMicco und Chris Sanders so warmherzig und dermaßen in seine Figuren verliebt, dass ich ihm ein paar Stolperer gerne verzeihe. Vielleicht auch, weil der ganze Film so tempo- und actionreich und mit fantasievollen Ideen vollgestopft ist, dass es einen einfach mitreißt. Ich habe mich stellenweise gefreut wie ein kleines Kind, ich habe gelacht und zum Schluss ist auch mal die eine oder andere Träne geflossen. Einen Hauch Fortschrittskritik hätte „The Croods“ meiner Meinung nach noch enthalten dürfen. Aber auch hier drücke ich gerne ein Auge zu, weil der Film ansonsten so gut zu mir war.

Berlinale 2013 – Tag 8

Posted by – 15. Februar 2013

To the Wolf (Christina Koutsospyrou, Aran Hughes, Griechenland / Frankreich 2013)

Ich bin kaum wach und schon erlebe ich die Apokalypse. Fast fühle ich mich zurück ins letzte Jahr versetzt, als ich im Wettbewerb „The Turin Horse“ von Béla Tarr gesehen habe. Die Schäfer in den westgriechischen Bergen haben alle Hoffnung aufgeben. Wie auch die Nation so müssen sie sich immer weiter verschulden. Die Tiere, Existenzgrundlage der Schäfer, werden in zunehmendem Maße Opfer des Hungers und der Wut der verzweifelten Männer. Zum Schluss hört der Zuschauer Schüsse und sieht Mündungsfeuer in einem fernen Tal. Dann schweigen die Ziegen und Lämmer.  „We are not dead yet“ sagt einmal eine der Figuren. Dass das wirklich nur eine Frage der Zeit ist, daran lässt der deprimierende „To the Wolf“ (OT: Sto lyko) kaum einen Zweifel.

The Act Of Killing (Joshua Oppenheimer, Dänemark / Norwegen / Großbritannien 2012)

„The Act Of Killing“ ist mit Sicherheit einer der Filme, die mich auch nach dem Festival noch länger beschäftigen werden. Der Dokumentarfilm von Joshua Oppenheimer begleitet Anwar Congo, Herman Koto und andere Kriegsverbrecher, die in den 1960er Jahren für Massenmorde in Indonesien verantwortlich waren. Mit stolzgeschwellter Brust und einem Lächeln im Gesicht berichten die Männer von ihren Taten und beginnen sogar, nachdem sie ihre Bewunderung für merikanische Gangsterfilme zum Ausdruck gebracht haben, ihre Verbrechen für Oppenheimers Dokumentarfilm nachzustellen. Ist das die Banalität des Bösen von der Hannah Arendt sprach? Oder kann das Böse vielleicht sogar frivol sein? Ich weiß es nicht und will es in diesem Moment auch erstmal nicht wissen. Und ich will den grinsenden Anwar Congo vergessen, der auf demselben Dach, auf dem er eigenhändig hunderte Menschen tötete, für „The Act Of Killing“ einen Cha Cha Cha auf’s Pakett legt.

Leviathan (Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel, Großbritannien / USA / Frankreich 2012)

Ich dachte, ich würde keinen weiteren Film mehr schaffen, erstens, weil der letzte Film noch nachwirkt und ich nichts Neues draufschütten will, zweitens weil ich so müde bin. Und dann sehe ich doch noch einen Film und bin einfach nur glücklich, mich aufgerafft zu haben. So ging es mir heute mit „Leviathan“ – und jetzt folgen viele Sätze mit Ausrufezeichen! Was für ein Film! Für mich eines der Highlights dieser Berlinale! Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel verbrachten ein Jahr mit Hochseefischern aus New England auf dem Meer und kehrten mit Bild und Tonmaterial zurück, das mir die Sprache verschlagen hat. Es gibt ihn wirklich den Leviathan, doch das Seeungeheuer ist kein biblisch-mythologisches Wesen, sondern ein stählernes, menschengemachtes Monster, das über die Meere kreuzt und Leben verschlingt. Castaing-Taylors und Paravels Film ist keine klassische Dokumentation, sondern ein audio-visueller (Höllen-)Trip. Sowas hast du noch nicht gesehen!!!

Berlinale 2013 – Tag 7

Posted by – 13. Februar 2013

An Episode In The Life Of An Iron Picker (Danis Tanovic,  Bosnien Herzegowina / Frankreich / Slowenien 2013)

Die Frau eines Mannes, der sich und seine Familie mit dem Sammeln von Altmetall über Wasser hält, ist schwanger. Doch sie bekommt Schmerzen. Im Krankenhaus wird ihr mitgeteilt, dass das Kind in ihrem Bauch nicht mehr lebt und schnell abgetrieben werden muss, damit sie keine Blutvergiftung bekommt. Die Behandlung soll allerdings fast tausend Mark kosten, was für die Roma-Familie unerschwinglich ist. Krankenversichert sind sie nicht. Doch auch dies ist nur eine Episode im Leben des Altmetall-Sammlers. Es ist nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Problem, das die Familie in ihrem Leben meistern wird.  „An Episode In The Life Of An Iron Picker“ (OT: Epizoda u zivotu beraca zeljeza) ist sicherlich ein Sozial-Drama. Aber – und das steht für mich im Vordergrund – er ist auch ein warmherziger Film über die Freundschaft von Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die sich gegenseitig helfen und für einander einstehen – weil kein anderer es tut.

Prince Avalanche (David Gordon Green, USA 2013)

Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) erneuern die Fahrbahnmarkierungen einer kilometerlangen Landstraße in einem einsamen Waldgebiet. Während Lance unter dem Alleinsein leidet, nutzt Alvin die Zeit, um sein Leben zu planen und Fremdsprachen zu lernen – den nächsten Urlaub will er mit seiner Freundin in Deutschland verbringen. David Gordon Green, von dem ich nur „Pineapple Express“ kenne, hat mit „Prince Avalanche“, dem Remake des isländischen „Either Way“ von Hafsteinn Gunna, einen irgendwie typischen amerikanischen Independent-Film gemacht. Insofern sticht der Film auch angenehm aus dem bislang tendenziell schwermütigen Wettbewerbsprogramm heraus. Die Klischees dieses Genres hat Green allerdings nicht alle meiden können oder wollen. Mit ein wenig zu kalkulierter Lakonie und einigen Stereotypen muss der Zuschauer rechnen.

Night Train To Lisbon (Bille August, Deutschland, Schweiz, Portugal 2013)

Richtig schlimm wird es dann bei meinem letzten Film des Tages, „Night Train To Lisbon“. Schon den Roman von Peter Bieri alias Pascal Mercier habe ich nicht gerade geliebt – zu schmalzig waren mir manche Passagen und zu verliebt schien mir der Autor in die Figur des fiktiven Schriftstellers Amadeu Inácio de Almeida Prado –, aber die Verfilmung durch Bille August erreicht nicht einmal annähernd dessen Klasse.  Ich will mich gar nicht darüber aufregen, dass einige, meiner Meinung nach für die Geschichte essenzielle Aspekte weggelassen wurden. Dass August die Selbstfindung eines Mannes als kitschige Schmonzette in langweiligstem Rückblendenstil inszeniert, kann da schon eher frustrieren. Dass aber die Hauptfigur, ein Schweizer Latein-, Griechisch- und Hebräischlehrer von einem Engländer und  die Portugiesen des Films wiederum von englisch sprechenden Deutschen gespielt werden, die versuchen, den Akzent nachzuahmen, raubt dem Film nicht nur den letzten Rest Glaubwürdigkeit – er macht die Geschichte auch noch zu einer lächerlichen Farce. Ich wundere mich fast, dass man den Film nicht z.B. in Hannover hat spielen lassen. Das hätte den einen oder anderen Finanzier dieses Co-Produktions-Monsters vielleicht noch glücklicher gemacht.