Month: August 2013

Fantasy Filmfest 2013 (2)

Posted by – 29. August 2013

Wrong (Quentin Dupieux, Frankreich, USA 2013)

Ein Mann sucht seinen Hund. So weit, so klar. Aber dann stimmt auf einmal gar nichts mehr im neuen Film von Quentin Dupieux. Der Mann ohne Hund heißt Dolph (Jack Plotnick) und arbeitet in einem Büro, in dem es immer regnet. Naja, eigentlich arbeitet er dort gar nicht mehr,  sucht aber täglich seinen Arbeitsplatz auf, weil er das einfach gerne tut. Aus der Palme im Garten wird eine Tanne, die Uhren gehen falsch und Emma, die Frau aus dem Pizza-Dienst-Callcenter (Alexis Dziena) verliebt sich etwas schnell. Und auch ihre Schwangerschaft ist eine ziemlich rasante Angelegenheit. Der Mann, der Dolph verspricht, seinen Hund wiederzubeschaffen, nennt sich Meister Chang (William Fichtner), Dolphs Gärtner (der Vater von Dolphs Kind) heißt Victor (Eric Judor) – ihm ist die Sache mit der Tanne passiert. Und zum Schluss kommt alles wie von Meister Chang prophezeit. In diesem Film stimmt nichts, nichts geschieht hier aus einem bestimmten Grund. Seinen Titel „Wrong“ trägt Dupieuxs toller neuer Film auf jeden Fall zu Recht.

New World (Hoon-jung Park, Korea 2013)

Dass man aus bekannten Elementen eine unglaublich spannende, sogar überraschende Geschichte erzählen kann, zeigt Hoon-jung Park mit seinem Mafia-Epos „New World“. Die Story: Der Polizist Ja-sung (Lee Jung-jae) arbeitet undercover. Als der Anführer des Verbrecher-Syndikats Goldmoon stirbt, wird Ja-sung von seinem Vorgesetzten Kang (Choi Min-sik) dazu getrieben, aktiv in den Kampf um die Nachfolge einzugreifen. Ja-sung steht vor einem Interessenskonflikt. Einerseits ist er Polizist, andererseits ist er mit Jung Chung (Jeong-min Hwang), dem aussichtsreichsten Kandidaten im Kampf um den Gangster-Thron, befreundet. Für mich ist „New World“ bisher nicht nur der stärkste Film des Festivals, sondern gehört auch insgesamt zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Polizei und Mafia bedingen sich gegenseitig. Schöne neue Welt. Ein kleines Problem hatte ich nur mit dem Schluss: Der letzte Twist macht einiges verständlicher, anderes aber – denke ich zumindest jetzt gerade –weniger glaubwürdig. Hier ist dringend eine Zweitsichtung gefordert. Meine komplette Rezension zum Film gibt’s auf Kino-Zeit.de.

Drug War (Johnnie To, China 2012)

Mit „The Mission“ hat Johnnie To einen Film gemacht, der zu meinen Lieblingsfilmen gehört. Und auch „Sparrow“, „Election“ und noch ein paar andere finde ich sehr gut. „Drug War“ (OT: Du zhan) allerdings lässt mich etwas ratlos zurück. Der Film erzählt die Geschichte eines Sondereinsatzkommandos der Polizei, das ganz im Kampf gegen die Drogenmafia aufgeht. Als Captain Zhang Lei (Sun Honglei) und sein Team den Gangster Timmy Choi (Louis Koo) in die Finger bekommt, wittert er die Chance durch ihn an die ganz großen Bosse heranzukommen. Auch „Drug War“ hat wieder seine Momente. Die Schießerei vor der Schule und der Showdown gehören bestimmt zu den besten Sequenzen, die To je gefilmt hat. Und auch sonst ist der Film nicht unspannend und enthält einige der für Tos Filme typischen, kauzigen Charaktere. Und trotzdem bin ich mit diesem Film nicht so ganz warm geworden. Irgendwie wirkt er zu oft auf mich wie naive Anti-Drogen-Propaganda, in der aufrechte Cops mit vollem Einsatz gegen die durchtrieben fiesen Drogendealer vorgehen, die dann zum Schluss auch noch zum Tode verurteilt und hingerichtet werden. Soll das ein Happy End sein?

Miserere (Sylvain White, Frankreich 2013)

Der blödeste Film, den ich auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest abgekommen habe, war der französische Grusel-Thriller „Miserere“ (OT: La marque des anges – Miserere). Chorkinder werden darin von Alt-Nazis zu Killern umprogrammiert, um die Menschenrechtsaktivistin Laura Bernheim (Marthe Keller) umzubringen. Der pensionierte Polizist Lionel Kasdan (Gérard Depardieu) und Interpol-Mann Frank Salek (JoeyStarr) kommen der Verschwörung auf die Spur, verhindern das Attentat – und der Zuschauer kann sich endlich wieder interessanteren Filmen zuwenden. „Miserere“ ist ähnlich unsinnig wie „Die purpurnen Flüsse“ und „Das Imperium der Wölfe“, aber ein gutes Stück langweiliger. Die drei Filme beruhen auf den Romanen von Jean-Christophe Grangé. Ich werde sie nicht lesen.

Fantasy Filmfest 2013 (1)

Posted by – 25. August 2013

fff13

Ich schaue mir wieder einiges auf dem Fantasy Filmfest an. Hier werde ich in den kommenden Tage ein paar Sätze zu den gesehenen Filmen posten. Zunächst zu Tag eins und zwei.

The Philosophers (John Huddles, USA 2013)

Ein Teilbereich der Philosophie beschäftig sich mit der Frage: „Was sollen wir tun?“ John Huddles treibt dies in seinem Film „The Philosophers“ ins Extreme und lässt eine Philosophieklasse in Gedankenexperimenten überlegen, wie sie sich im Falle eines Atomkriegs verhalten würden: Der rettende Bunker hat nur für eine begrenzte Anzahl von Personen Platz. Wer darf hinein? Und wer ist verzichtbar? Ich bin sehr angetan davon, wie Huddles es schafft, sein „Kopfkino“ stets spannend zu halten und zum Schluss sogar noch Emotionen als der prä-rationale Ur-Grund zu identifizieren, der jedes Denken bedingt und jede Entscheidung mindestens ebenso stark beeinflusst wie ein kühl durchdachtes Argument. Da verzeihe ich dem Film ein paar platte Exkurse in die Küchenphilosophie gern. Mehr von mir dazu im AGM-Blog.

 Haunter (Vincenzo Natali, Kanada 2013)

„Groundhog Day“, „The Others“, A Nightmare On Elm Street“, „Shining“, „Twin Peaks“, Nothing“, „Sinister“,… – Vincenzo Natalis „Haunter“ kommt am Anfang ein wenig wie ein Best-Of des Fantastischen Films der letzten 50 Jahre daher, entpuppt sich aber im Verlauf als etwas ganz Eigenes, ein wilder Ritt durch verschiedene Zeitebenen und Genres sowie ein Dekaden überspannender Geisterkrimi der etwas anderen Art, in dem ein junges, mutiges Gespenst seinen Mörder stellt. Ich halte Natali für einen sehr vielseitigen und außergewöhnlich einfallsreichen Filmemacher, der sich seinen Sujets stilistisch virtuos aber gleichwohl variable nähert. Und trotzdem deutet sich mittlerweile die – meist technisch, in diesem Fall aber metaphysisch induzierte – Iteration von Identität(en) als Natalis Kernthema an. In dieser Hinsicht erinnert er fast ein wenig an seinen kanadischen Kollegen David Cronenberg. Und ich muss sagen, ich mag das! Eine Anmerkung noch zu „Haunter“, der mir insgesamt ganz ausgezeichnet gefallen hat: Die Hauptdarstellerin Abigail Breslin – mit der habe ich bis zum Schluss leider etwas gefremdelt.

Devil’s Pass (Renny Harlin, USA, UK, Russland 2013)

Ich mag Berg- und Schnee-Filme. Mit Renny Harlins „Devil’s Pass“ (aka: The Dyatlov Pass Incident) bin ich allerdings nicht glücklich geworden. Fünf Studenten aus Oregon machen sich auf nach Russland, um den bis heute ungeklärten Tod von neun Ski-Wanderern im nördlichen Ural aus dem Jahr 1959 zu untersuchen. Dabei müssen sie allerdings schnell feststellen, dass es am Hang des Berges Cholat Sjachl nicht mit rechten Dingen zugeht. Zuerst spielen GPS und Kompass verrückt, dann entdecken sie Fußspuren und eine abgeschnittene Zunge und schließlich den Eingang zu einem Bunker. Seltsam, die Bunkertür lässt sich nur von außen öffnen… In seinen besten Momenten erinnert „Devil’s Pass“ an eine Mischung aus „Blairwich Project“ und „Lost“, wirklich gute Ideen kommen allerdings nur in homöopathischen Dosen vor. Schön, dass das alles auf wahren Begebenheiten beruht, ärgerlicher als die hanebüchene Auflösung des Ganzen ist allerdings Harlins Versuch, die Geschichte aus (pseudo-)dokumentarischem Material zusammenzusetzen. So ungekonnt habe ich das noch nicht gesehen, also echt jetzt! Bleibt zu hoffen, dass wir das alles auch bald hinter uns haben. Jedenfalls arbeiten Filme wie „Devil’s Pass“ hart daran, dass  bald aber auch wirklich niemand mehr „Found Footage“ sehen will.

Raze (Josh C. Waller, USA 2013)

Auf nahezu jedem Fantasy Filmfest gibt es einen Film, der heftige Kontroversen auslöst.  „Raze“ von Josh C. Waller, ein Film über Frauen, die gezwungen sind, sich in illegalen Wettkämpfen zu Tode zu prügeln, könnte der diesjährige Kandidat sein. Handwerklich ist Wallers Film jedenfalls exzellent gearbeitet. Die Farbdramaturgie und der Scores haben mich ein wenig an Vincenzo Natalis „Cube erinnert. Inhaltlich sehe ich eher Parallelen zu „Martyrs“. Ob „Raze“ auf maximalen Effekt ausgerichtete Exploitation ist oder ein Film, über den es sich länger nachzudenken lohnt – das habe ich bis jetzt noch nicht entscheiden können. Ein intensives Kinoerlebnis war er ohne Frage. (Eine längere Kritik von mir gibt’s hier.)

Bild © Fantasy Filmfest
 

White House Down (Roland Emmerich, USA 2013)

Posted by – 19. August 2013

Ich habe mich in diesem Kinosommer schon mindestens drei Mal ziemlich gewundert: Erst macht Gore Verbinski mit „Lone Ranger“ einen – ich habe mich da mittlerweile überzeugen lassen – hintergründigen Film, der sich wie ein Wolf im Schafspelz im Blockbuster-Gewand versteckt. Dann sehen ich mit Michael Bays „Pain & Gain“ eine gar nicht mal so blöde Satire auf den American Dream und damit den ersten Film dieses Regisseurs überhaupt, der mir (vom Abspann abgesehen) komplett gefällt. Und jetzt auch noch Roland Emmerich. Mit  „White House Down“ liefert er, ich sage es jetzt einfach mal: sein Meisterstück. In „White House Down“ legt Emmerich nicht das ganze Sonnensystem in Schutt und Asche (das wäre nach „2012“ ja eigentlich an der Reihe gewesen), sondern nimmt das Herz der Vereinigten Staaten ins Visier und schafft – kleinerer Durchhänger im Mittelteil zum Trotz – seinen intimsten und besten Film überhaupt ab: spannend, explosiv, komisch – und mit einer gehörigen Portion Chuzpe. Denn seine mutige Botschaft könnte man schon fast schon als Aufruf zum Ungehorsam bezeichnen. Mit Soldaten, die aufs Wort parieren, hätte der Film jedenfalls kein Happy-End.

Meine komplette Review kann auf Kino-Zeit.de gelesen werden.

Elysium (Neill Blomkamp, USA 2013)

Posted by – 8. August 2013

ElysiumElysion – das ist in der griechischen Mythologie eine Insel, die für die unsterblichen Helden reserviert ist. Reserviert ist Elysium – eine riesige Raumstation im Orbit der Erde – in Neill Blomkamps zweitem Langfilm auch. Allerdings nicht für Helden, sondern für die Reichen und Mächtigen. Die Erde ist im Jahr 2154 ein Jammertal, in dem die Menschen mehr schlecht als recht über die Runden kommen.

So auch der vorbestrafte Max (Matt Damon), der im überbevölkerten Los Angeles lebt und schwer für seinen Lebensunterhalt schuftet. Als er bei einem Arbeitsunfall verstrahlt wird, hat er nur noch eine Chance, sein Leben zu retten: Er muss nach Elysium, nur dort gibt es die medizinischen Mittel, ihn zu heilen. So leicht ist es allerdings nicht, dorthin zu gelangen. Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster) wacht wie ein Bluthund über die Raumstation und schreckt auch nicht davor zurück, Shuttles, die versuchen zu landen, eiskalt abzuschießen. Unterstützt wird sie von ihrem „Außendienstmitarbeiter“, dem Söldner Kruger (herrlich over the top: Sharlto Copley). Doch Max erhält unerwartete Hilfe: Für Gangsterboss Spider (Wagner Moura) soll er noch einmal einen Auftrag ausführen, dann wird dieser ihm helfen, nach Elysium zu gelangen.

Die Erwartungen an Blomkamp waren nach seinem auffällig frischen Debüt „District 9“ ziemlich groß. Der junge südafrikanische Filmemacher erfüllt sie auch, zumindest insofern, als dass es ihm abermals gelingt, den Zuschauer in seinen Film richtiggehend zu entführen und ihn spüren zu lassen, wie sich die Welt dort anfühlt. An Atmosphäre und Stimmung lässt „Elysium“ kaum etwas zu Wünschen übrig. So muss Science Fiction sein. Eine Sequenz, die vielleicht besonders deutlich macht, wie die Welt im 22. Jahrhundert tickt: Max ist auf dem Weg zur Arbeit. Unterwegs gerät er in eine Polizeikontrolle, bei der er von einem Roboter grundlos zusammengeschlagen wird. Schwer verletzt schleppt er sich trotzdem zu seinem Job und macht seine Schicht, denn er weiß: ohne Arbeit und Lohn ist sein Leben keinen Penny mehr wert. Sowieso scheint den Menschen auf der Erde ihr Körper nicht viel wert zu sein. Er ist lediglich die Maschine, die für ihn arbeitet. Ist sie kaputt, wird sie repariert. Kann sie etwas nicht leisten, wird sie durch Technik verbessert. Schmerz spielt keine Rolle. Max zögert also keinen Moment als ihm der Ganove Spider für seinen nächsten Job den Schädel aufsägt, einen Computer ins Hirn verpflanzt und ihm ein Exoskelett an die Knochen schmiedet. „Elysium“ ist auch richtig schön dreckiger Cyberpunk!

Dass der Film trotzdem dann und wann etwas durchhängt, hat mit einem Problem zu tun, das auch schon bei „District 9“ auftauchte. Viele Ideen wirken oft nur angedeutet, was sich vor allem bei den Figuren bemerkbar macht. Die Geschichte wird, oft mehr schlecht als recht, durch den Plot des Films nach vorne getrieben, aber nur selten durch mehrdimensionale Charaktere. Blomkamp nimmt es sich diesmal anders vor, doch die in die Story implantierte Hintergrundgeschichte des Helden sowie die Beziehung zu seiner Flamme (leider mal wieder eine sehr schlicht gehaltene Frauenfigur), geben dem Ganzen nicht mehr Tiefe, sondern vermitteln eher den Eindruck eines lieblosen Versatzstücks.

Doch wo viel hell ist, da darf es auch etwas dunkel sein. Auf der einen Seite das ätherische Elysium, auf der anderen die überbevölkerte, schmutzige Erde. Hier ein paar schnell hingehuschte Ideen, dort Kinomomente wie man sie in diesem Jahr noch nicht erleben durfte. „Elysium“ ein Science-Fiction-Film, den sich kein Genre-Fan entgehen lassen sollte. Hinter dem manchmal Provisorischen, oft etwas Plakativen, gibt es auch viel zu entdecken. Blomkamp zeigt mit seinem zweiten Film, dass er ein Thema hat, woran sein Herz hängt. Er zeichnet stimmungsvolle dystopische Skizzen der Zukunft und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit. Er fragt auch: Wie ändert sich der Mensch durch äußere Einflüsse, durch Technik beispielsweise. Und noch einmal zum Titel: Elysion war den Helden vorbehalten. Wie die Bewohner der Raumstation zu ihrem Platz an der Sonne gekommen sind, darüber lässt sich nur spekulieren. Doch genau an diesem Punkt, bei der Frage, wer wie zu Reichtum gelangt und wer die echten Helden sind, liegt die im Krawumm etwas untergegangene Substanz des Films und meiner Meinung das moralische Statement des Regisseurs. Helden sind für Blomkamp allein diejenigen, die für das Wohl anderer, für eine gerechtere Welt kämpfen und bereit sind, dafür etwas zu opfern. Privilegien verdient sich daher kein Held durch sein Tun. In Blomkamps Welt kann nur eine klassenlose Gesellschaft eine gerechte sein.

Angeregt durch den Film-Quickie mit Sophie stellt sich mir noch eine Frage. Bis auf Max’ Freundin Frey (Alice Braga) und die böse Sicherheitschefin Delacourt sind alle Figuren Männer. Sogar die Rolle von Jodie Foster war eigentlich für einen Mann bestimmt. Warum ist das so? Ich behaupte mal, dass der Film bei den Kritikern und beim Publikum noch besser wegkommen und „Elysium“ an den Kassen mindestens so erfolgreich sein würde, wenn die Rollenverteilung anders herum wäre. Außerdem hätte Blomkamp seine Vision des Jahres 2154 noch etwas glaubhafter machen können. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Frauen in der Zukunft so wenig eine Rolle spielen.

Bild © Sony