Month: September 2013

Gravity (Alfonso Cuarón, USA, UK 2013)

Posted by – 28. September 2013

gravityWährend die Astronauten Matt Kowalsky (George Clooney) und Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) gerade Reparaturen an einem Weltraumteleskop durchführen, wird ihr Shuttle von Trümmern eines Satelliten zerstört – und die beiden Astronauten befinden sich plötzlich ganz alleine in den dunklen Tiefen des Weltraums.

Ich habe ein bisschen Höhenangst. Vielleicht liegt es auch daran, dass „Gravity“ eine so ungeheure Wirkung auf mich gemacht hat. Ich saß im Kino, beobachtete die beiden freischwebenden Astronauten und bekam Herzrasen und feuchte Handflächen. Einen Film, der das Gefühl, verlassen im Weltraum zu schweben, so gut und intensiv auf die Leinwand bringt, habe ich noch nicht gesehen. Nach dem Film habe ich gedacht: Ach wie schön, dass ich Filmkritiker bin und kein Astronaut!

Was Bewegung in Schwerelosigkeit betrifft haben Alfonso Cuarón und sein Kameramann Emmanuel Lubezki Unvergleichliches erreicht: Diese Bilder.. Die Kamera schwebt, kreist, ja taumelt durch das Geschehen und vermittelt dem Zuschauer ein Gefühl davon, wie es den beiden durchs All driftenden Astronauten gehen muss, die Surround-Sound-Technik „Dolby Atmos“ und das gelungene 3D vermitteln weiterhin das Gefühl von einer unglaublichen Räumlichkeit und Tiefe. Sensationell! Mich jedenfalls hat „Gravity“ nahezu körperlich mitgenommen!

Auf den ersten und vielleicht auch auf den zweiten Blick wirkt „Gravity“ wie ein klassischer Katastrophenfilm, ein Weltraum-Abenteuer vor dem Hintergrund einer Havarie in der Umlaufbahn. Kowalskys und Dr. Stones einzige Hoffnung ist es, die nächste Raumstation zu erreichen und mit Hilfe ihrer Rettungskapseln wieder sicher auf der Erde zu landen. Doch der Sauerstoff wird knapp und auch die Trümmer des Satelliten und des Shuttles, die um die Erde kreisen, stellen weiterhin eine große Gefahr dar. Es gibt ein paar Wiederholungen in der Handlung, ein formidabler, mitreißender Actionfilm in ungewöhnlicher Umgebung ist „Gravitiy“ trotzdem in jedem Fall. Aber ist da noch mehr? Cuarón hatte doch bestimmt nicht nur im Sinn, eine spannende Geschichte zu erzählen?

Mit der Frage, warum der Film eigentlich „Gravity“ heißt, könnte man z.B. ansetzen. Die Menschen im All wirken so klein und so verloren. Ohne Luft und wärmende Schutzkleidung  würden sie dort oben nur Sekunden überleben. Das bisschen fragile Technik gibt kaum Halt. Eine falsche Bewegung, ein Fehlgriff und sie stürzen in die Unendlichkeit. Das einzige, das verhindert, dass der Mensch sich verliert, ist die Anziehung der Erde – sei es durch die Gravitationskräfte oder durch die emotionale Bindung, die wir untereinander haben. Für Dr. Stone ist es beispielsweise Kowalski, der ihr Mut macht und ihr Kind auf der Erde, das ihr Hoffnung schenkt. Ohne diese Bindungen wäre der Mensch einfach Körper und Spielball der Naturgewalten; und es ist bestimmt kein Zufall, dass den Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft in Cuaróns Film eine besondere Bedeutung zukommt (so wie der Mensch aus dem Wasser kommt, zieht es ihn auch irgendwann dahin zurück). Aber es sind vor allem die Anziehungskräfte zwischen Menschen – Liebe, Freundschaft, Vertrauen –, die hier den Unterschied machen zwischen Objekt und Subjekt, Leben und Tod. Und die schlussendlich verhindern, dass wir in der Dunkelheit des Weltraums einfach verschwinden.

Was soll das bedeuten? Vielleicht, dass wir  da oben nichts verloren haben? Oder doch, dass wir uns hinauswagen dürfen in die unendlichen Weiten, solange wir miteinander in Kontakt bleiben? Ich weiß es nicht, aber ich habe es als sehr positiv empfunden, dass Cuarón sich diesmal, wenn schon nicht mit dem gelegentlich ein wenig übers Ziel hinausschießenden Score, so doch mit plakativer Symbolik zurückhält und dem Zuschauer einen sehr offenen Film mit viele Deutungsmöglichkeiten übergibt. Dies, die grandiose technische Umsetzung sowie die Leistung von Sandra Bullock machen „Gravitiy“ zu einem großen, wichtigen und existenziellen Kinoerlebnis.

Bild © Warner Bros.
 

The Lords Of Salem (Rob Zombie, USA 2012)

Posted by – 27. September 2013

lordsDass ich gar nichts mit Rob Zombie anfangen könnte, wäre übertrieben. Aber wie man hier, hier und hier lesen kann, habe ich zumindest ein zwiespältiges Verhältnis zu seinen Filmen. Mit „The Lords Of Salem“, Zombies Version von „Rosemary’s Baby“, hat der Regisseur und Musiker nun einen Film gemacht, bei dem ich nicht anders kann als fasziniert zu sein.

Heidi (Sheri Moon Zombie) betreibt zusammen mit Whitey (Jeff Daniel Phillips) und Munster (Ken Foree) den lokalen Radiosender „Big H Radio Team“ in Salem. Als ihr eine Schallplatte von den ‚Lords’ vor die Tür gelegt wird und Heidi diese abspielt, hat sie seltsame Visionen, die in den kommenden Tagen immer stärker werden.

Mehr muss über den Inhalt gar nicht verraten werden. Zumal: Eine richtige Geschichte erzählt Zombie in „The Lords Of Salem“ auch gar nicht. Überdies legt er kaum Wert auf die Figurenzeichnung. So erfahren wir von Heidi nur, dass sie einmal drogenabhängig war. Das macht aber nichts, denn  Zombies Film funktioniert weniger als plausible Narration, sondern als coenästhetischer Fiebertraum und wilder Höllenritt. Dass Zombie so etwas kann, hat er ja schon im Finale von „House Of 1000 Corpses“ unter Beweis gestellt, aber hier, bei „The Lords Of Salem“, gelingt ihm das noch einmal wesentlich besser. Auch wenn der Film den einen oder anderen campigen Moment hat, ist er im Ganzen in seinen Mitteln doch wohldosiert. Zombie weiß, dass man mittlerweile mit übertriebener Gewalt und heftigen Erschreckmomenten keinen Horrorfan mehr hinterm Ofen hervorlocken kann. Gruselig, ja sogar verstörend ist sein neuer Film trotzdem. Irgendwie gelingt es Zombie, dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegzureißen und ihn in eine tiefe schwarze Grube fallen zu lassen. Es ist eine zu tief beängstigende Orientierungslosigkeit, die den Zuschauer während des Sturzes überfällt, eine, die den moralischen Kompass außer Kraft setzt und die sich im weiteren Verlauf immer mehr in nagende Angst verwandelt. Was, Herr Zombie, wartet dort am Boden dieser Grube auf uns? Nichts Gutes, wie ich mir denke. Ich jedenfalls werde nach dem Film keine Platten mehr rückwärts hören.

Bild © Momentum Pictures Home Ent
 

Es wird eng! (5)

Posted by – 25. September 2013

Ich muss mich wieder von ein paar Filmen trennen. Folgende sind zu verschenken:

Eng5

Etwas Interessantes dabei? Du kannst dir bis zu 3 DVDs wünschen. Schreib mir dazu als Kommentar unter diesen Post kurz, warum der Film gerade bei dir besonders gut aufgehoben wäre. Und lass eine funktionierende E-Mail-Adresse da. Die sehnlichsten Wünsche werden erfüllt!

Suspiria (Dario Argento, Italien 1977)

Posted by – 20. September 2013

suspiria2Neulich haben wir im Rahmen unseres mehr oder weniger regelmäßigen Videoabends schon zum zweiten Mal Dario Argentos monumentalen „Susiria“ gesehen. Und gestern, kaum einen Monat später, hatte ich gleich noch einmal an anderem Orte die Gelegenheit ihn in Groß zu erleben. Und „erleben“ ist hier genau das richtige Wort.

Auf der reinen Handlungsebene passiert in „Susiria“ recht wenig: Der Film handelt von Suzanne Banyon (Jessica Harper), die nach Freiburg reist, um dort Ballettunterricht zu nehmen. Doch schon bald häufen sich die unheimlichen Vorkommnisse in der Ballettschule und Suzy beginnt zu ahnen, dass in dem Gebäude dunkle Mächte am Werk sind. Ich habe vor ein paar Jahre auf Filmstarts.de schon einmal etwas zu dem Film geschrieben. Die Kritik beginnt mit dem Satz: „Manche Filme muss der Zuschauer erleben, um sie zu begreifen“.  Auch heute denke ich noch, dass einen Film von Argento zu verstehen nicht heißen kann, ihn zu analysieren und so eine den Bildern innewohnende, tiefere Bedeutung ans Tageslicht zu befördern. Nicht, dass sich auf diesem Wege  auch die eine oder andere Erkenntnis gewinnen ließe. Doch so ginge auch etwas verloren, etwas das seine Kraft vor allem erst auf sub-rationaler Ebene entfaltet. Man muss wie Alice dem Kaninchen in den Bau folgen bzw. sich wie Suzanne in die Ballettschule wagen. Einen Argento-Film zu verstehen, heißt für mich, sich dem Seherlebnis zu öffnen und dann nach innen zu fühlen. Dem einen erleichtert dies vielleicht ein alkoholisches Getränk, dem anderen die Inhalation indianischer Zauberkräuter. Auch ein kleiner Fieberschub schadet dem Filmgenuss sicher nicht. Was mir diesmal noch einmal in besonderem Maße bewusst geworden ist, ist, wie die verschiedenen Bestandteile des Films, die Kamera, die den Blick des Zuschauers führt, das Licht, die Farbkompositionen und natürlich die Musik der Progrock-Band Goblin ein Eigenleben führen. In manchen besonderen Momenten kommt mir der Film dann weniger vor wie ein einzelnes sakrales Monument, sondern wie etwas, das vielen uralten, lebenden Wesen besteht, wie in sich verschlungene Drachen, die sich nach tausendjährigem Schlaf langsam zu recken und strecken beginnen.

„Suspiria“ ist ein audio-visueller Rausch und wohl als Argentos wichtigsten Film zu bezeichnen, zumindest als denjenigen seiner Filme, dessen Vorzüge sich am leichtesten zeigen, ja, einen förmlich angreifen. Trotzdem, das zeigt mir die mittlerweile fünfte Sichtung, ist er keiner, den man sich schnell satt sieht. Im Gegenteil. Die Erfahrung wird immer reichhaltiger. Man spürt die Drachen immer deutlicher.

 Bild ©  Dragon
 

Black Narcissus (Michael Powell, Emeric Pressburger, England, 1947)

Posted by – 17. September 2013

BlackNarcisusVorher

Annika vom Blog „Die Filme, die ich rief“ befindet sich gerade auf einer filmischen Zeitreise. Unter dem Motto „Annika und die Wilde 13“ schaut sie 100 Filme, von 1913 bis 2013, aus jedem Jahr einen Film. Und weil so eine Reise manchmal sehr einsam sein kann, wollen wir ab und an ein kleines Stück des Weges mit ihr teilen. (Wir sind in diesem Fall Sebastian und ich.) Wir besuchen Annika im Filmjahr 1947. Auf dem Programm steht „Black Narcissus“ von Michael Powell und Emeric Pressburger. Bevor ich vor ein paar Wochen „The Red Shoes“ gesehen hatte, waren mir die beiden Filmemacher – ehrlich gesagt – gar kein Begriff. Nach dem grandiosen Ballett-Film bin ich allerdings sehr neugierig auf weitere Werke der beiden. Konkrete Erwartungen an „Black Narcissus“ habe ich nicht, aber Nonnen in einem indischen Bergkloster, hey – das klingt vielversprechend.

Mittendrin

Berge. Wind. Der Wind heult durch die ehemalige Palastanlage, die den arbeitsamen Nonnen nun als Kloster dient. Der fremde Ort, die fremden Menschen, die Höhe, Zweifel an der Mission. Ein Neffe des indischen Generals, ein verstoßenes Mädchen. Die Nonnen haben Kopfschmerzen, sie können nicht schlafen, Erinnerungen an ihre früheren Leben erwachen, an eine Zeit bevor sie sich dem Glauben verschrieben haben. Mr. Dean, britischer Verwalter des Orts zieht die Blicke der scheuen Frauen auf sich. Sind die Gefühle echt? Die Berge sind es nicht. Und der heilige Mann? Der schweigt.

Hinterher

Ein Tag ist Zwei Wochen sind vergangen, seit ich „Black Narcissus“ gesehen habe und ich bin immer noch etwas ratlos. Ratlos, weil mir der Film einerseits gut, ja sogar sehr gut gefallen hat, ich aber andererseits das Gefühl nicht loswerde, dass an ihm etwas nicht stimmte oder viellicht: dass ihm etwas fehlte. Er war opulent, die Geschichte vielschichtig und mit Deborah Kerr als Schwester Clodagh, Kathleen Byron als Schwester Ruth und David Farrar als Mr. Dean konnten mich auch die Darsteller überzeugen. Auf jeden Fall war es ein außergewöhnliches Filmerlebnis. Das Bühnenbild wurde zu Recht mit einem Oscar prämiert. Viele Kameraeinstellungen sind zum Niederknien. Und die Atmosphäre in dem Kloster ist sehr eigen. Aber genau an dieser Stelle, der Stimmung des Films, dabei wie er sich anfühlt oder eher wie er sich für mich anfühlen sollte, entstand ein emotionales Loch. Fünf Nonnen reisen in ein abgelegenes Dorf im Himalaya um in fast 3000 Metern Höhe eine Schule und ein Hospital aufzubauen. Und dann erzählen mir Powell & Pressburger eine bzw. drei Liebesgeschichte(n)? Ich glaube, mich hätte an dem Szenario eigentlich etwas anders interessiert. Ich hätte sehen wollen, wie es sich anfühlt dort oben auf dem Berg, wie die Frauen mit der Dorfbevölkerung in Konflikt kommen, wie sie krank werden, an ihrem Glauben zweifeln, den Verstand verlieren. Irgendwie so etwas. All das spielt auch tatsächlich eine Rolle, aber meiner Ansicht nach eben eine zu kleine.

Vielleicht wollte ich einfach einen anderen Film sehen. Da können Powell & Pressburger natürlich nur sehr bedingt etwas für. Der Academy hat „Black Narcissus“ damals jedenfalls gut gefallen. Deswegen gab es auch zwei Oscars, einmal für die beste Kamera, einmal für das beste Szenebild. Und Menschen so im Allgemeinen mögen ihn auch: Auf der Internet Movie Data Base hat der Film eine Wertung von fast 8/10; und auf Rotten Tomatoes sind alle Reviews „fresh“. Trotz der genannten Probleme mache ich es wie der heilige Mann im Film, ich schweige und reihe mich still in die positiven Wertungen ein. Ich freue mich nämlich schon auf meinen nächsten Powell & Pressburger (bei dem es sich wahrscheinlich um „Life And Death Of Colonel Blimp“ handeln wird). Und noch mehr freue ich mich, wenn sich die Wege auf Annikas filmischer Weltreise mal wieder kreuzen. Vielleicht ja schon in 10 Jahren, 1957. Da steht David Leans „The Bridge On The River Kwai“ auf dem Programm und den wollte ich eh schon seit langem mal nachholen

Hier geht es zu Annikas, hier zu Sebastians Text.

Bild © KSM
 

Riddick (David Twohy, USA 2013)

Posted by – 16. September 2013

Ein besonders großer Fan von David Twohys ersten beiden Riddick-Filmen bin ich nicht. Aber ich mag „Pitch Black“ dafür, dass er die Erwartungshaltung der Zuschauer unterläuft; und an „Riddick: Chroniken eines Kriegers“ gefällt mir, dass er so anders ist als der erste Teil. Und weil er und den Mythos um seinen Protagonisten auf interessante Weise weiter ausbaut. Jetzt gibt es einen dritten Teil und auch der ist nicht schlecht. Obwohl er im letzten Akt nachlässt, ist er doch über große Stecken ein vergnüglicher Survival-Actioner. Besonders erfreulich: Dass Katee „Starbuck“ Sackhoff  endlich mal wieder in einem Kinofilm mitspielt. Sie ist die einzige Figur, die dem charismatischen Hauptcharakter manchmal fast die Show stiehlt und zum Schluss einen wahrhaft engelshaften Auftritt hinlegt, der bestimmt nicht ganz zufällig an  ihre Rolle in „Battlestar Galactica“ erinnert. Hey, Twohy – wie wäre es mit einem vierten Teil, in dem Dahl und Riddick noch einmal das Universum rocken? Das würde mir gefallen.

Ein paar Sätze mehr gibt es hier.

 

Flesh + Blood (Paul Verhoeven, Niederlande, Spanien, USA 1985)

Posted by – 11. September 2013

fleshbloodKrieg, Pest, Aberglaube, Zwangsehen, Hinrichtungen, Vergewaltigung, Verrat, Mord & Totschlag… Nein, das Mittelalter war nichts für Warmduscher. Das zeigt uns Paul Verhoeven  (RoboCop, Total Recall) in seinem Film „Flesh + Blood“ sehr deutlich. Doch der niederländische Skandalregisseur will wie immer nicht nur schocken. Sein Film ist weniger ein zynischer Blick auf den Menschen als eine kühle, wenn auch mit einigem Spott vorgetragene Diagnose über die Mechanismen zivilisatorischen Fortschritts.

Im Jahr 1501 will Lord Arnolfini (Fernando Hilbeck) sein Schloss zurückerobern. Doch als er die Söldner, die für ihn kämpfen, um ihren Sold betrügt, sinnen diese auf Rache. Bei einem Überfall nehmen sie Prinzessin Agnes (Jennifer Jason Leigh), die zukünftige Frau von Arnolfini Sohn Steven (Tom Burlinson), als Geisel. Doch Agnes weiß sich trotz der Demütigungen zu helfen. Schnell versteht sie den Söldneranführer Martin (Rutger Hauer) für sich einzunehmen. Währenddessen macht sich Steven auf die Suche nach seiner Verlobten.

Die Welt ist schlecht in Verhoevens Film. Ob er ein realistisches Bild des ausgehenden Mittelalters zeichnet, sei einmal dahin gestellt. Es darf jedenfalls angenommen werden, dass seine Darstellung authentischer ist als die im gemeinen Ritterfilm. Helden im herkömmlichen Sinne finden sich hier jedenfalls nicht. Helden – das sind in „Flesh + Blood“ diejenigen, die es schaffen, irgendwie zu überleben. Und das sind z.B. Menschen wie Martin, dem es immer wieder gelingt seine Söldnerkumpane durch Bezugnahme auf Religion für sich einzunehmen; oder wie Agnes, die anfangs wirkt wie eine naive Aristokratin, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte als begnadete Manipulatorin herausstellt; oder eben wie Steve, dessen Geschick eindeutig im Erfinden von technischen Gadgets liegt. Ohne sein Know-how hätte weder sein Vati seine Burg, noch er Agnes zurückbekommen.

Man darf somit anzweifeln, ob „Flesh + Blood“ wirklich als Allegorie auf die menschliche Verkommenheit gemeint ist. Verhoeven will nicht zeigen, wie schlecht der Mensch ist, sondern mit welchen Mitteln und durch welche Fähigkeiten sich der Homo Sapiens (weiter-)entwickelt. Essen, Trinken, Sex, ein Dach über dem Kopf – solche elementaren Bedürfnisse mögen seine Antriebe sein, seine Ziele erreicht der Mensch allerdings nur mit kühlem, zweckrationalem Verstand. Verhoeven tut in „Flesh + Blood“ somit das, was er auch in späteren Filmen immer wieder macht: Er beschäftigt sich mit Fortschritt und zeigt die Dynamiken, die ihn herbeiführen und ihn vorantreiben. Damit weisen Verhoevens Filme immer ein Stück weit über sich selbst hinaus, sodass sogar ein ultra-brutaler Historienfilm gleichzeitig ein Stück spöttisch-elegante Science-Fiction ist. Das klingt abstrakt, aber man kann es auch einfacher sagen: Verhoeven macht schmerzhaft gute Filme über den Menschen, über das, was er ist und sein könnte. Fleisch und Blut sind unendlich formbar.

Bild © Koch  Media
 

Fantasy Filmfest 2013 (3)

Posted by – 1. September 2013

Byzantium (Neil Jordan, 2012)

Vampire sind Wesen, die sich durch das Blut anderer eigene Lebenszeit gewinnen können. Diese Fähigkeit ist gleichzeitig ihr Verderben. Je länger sie auf der Welt sind, desto weiter entfernen sie sich von den Menschen und von allem davon, was ein Leben lebenswert machen kann. Es gibt nicht viele Regisseure, die es verstehen, die dem Vampir-Stoff innewohnende Tragik in einen Film zu überführen. Neil Jordan gehört zu den wenigen. Das hat er mit „Interview With The Vampire“ gezeigt. Und das zeigt er nun mit „Byzantium“ erneut. Clara Webb (Gemma Arterton) und ihre Tochter Eleanor (Saoirse Ronan) sind Vampire die versuchen, so gut es geht über die Runden zu kommen. Dabei laufen sie ständig Gefahr, von der Bruderschaft der Vampire aufgespürt zu werden. Diese Bruderschaft achtet streng darauf, dass ihre Regeln eingehalten werden – Regeln, die Clara und Eleanor seit 200 Jahren fortwährend brechen. „Byzantium“ erinnert gleich in mehrerer Hinsicht an die „Anne Rice“-Verfilmung aus dem Jahr 1994 – nicht nur, was die Themen Einsamkeit, Liebe und Sinnsuche, sondern auch, was die etwas umständliche Erzählweise mittels Rückblenden betrifft. Trotzdem ist der Film mehr als eine Variante seines Vorgängers und eine durchaus eigene Auseinandersetzung mit dem Stoff, in der Jordan und die Autorin Moira Buffini Mut haben, neue Wege zu gehen. Am Schluss ist „Byzantium“ vielleicht sogar der erste feministische Film aus diesem Genre. Hiermit nehme ich ihn deswegen feierlich in die (leider nicht besonders umfangreiche) Gruppe der sehenswerten Vampirfilme auf. Herzlich Willkommen! (Hier entlang zu einer ausführlichen Rezension.)

Big Bad Wolves (Aharon Keshales, Navot Papushado, Israel 2013)

Der Trailer eines Films gibt in den allerseltensten Fällen Aufschluss über seine Qualität. Aber zusammen mit Kenntnis des ersten Films des Regisseur-Duos Aharon Keshales und  Navot Papushado („Rabies“) und einem interessant aussehender Trailer, dachte ich, mit einiger Sicherheit daraus schließen zu können, dass „Big Bad Wolves“nicht so verkehrt sein kann. Es geht um den Polizisten Miki (Lior Ashkenazi), der den unauffälligen Lehrer Dror (Rotem Keinan) für einen gefährlichen Pädophilen hält, der schon mehrere Mädchen auf dem Gewissen hat. Diese Einschätzung teilt auch Gidi (Tzahi Grad), der Vater des letzten Opfers. Ehe die beiden wütenden Männer sich versehen, befinden sie sich in einem einsamen Haus, vor ihnen der gefesselte Dror. Das Verhör kann beginnen. – Handwerklich ist „Big Bad Wolves“ auffällig gut. Dieser leicht irreale Ton, der schon „Rabies“ aus der Masse hervorgehoben hat, findet sich hier wieder. Gefallen hat mir der Film trotzdem nicht. Ich habe wieder gemerkt, dass ich mit Torture-Comedy nichts anfangen kann. Vor allem dann nicht, wenn der Film mit einer abstoßenden Schluss-Pointe aufwartet: Denn wer weiß – hätten sich Miki und Gidi noch ein bisschen mehr ins Zeug gelegt, vielleicht hätten sie von Dror doch ein paar nützliche Informationen erhalten.

Love Eternal (Brendan Muldowney, Irland 2013)

Als Kind hat Ian (Robert de Hoog) seinen Vater verloren, als junger Mann eine Mitschülerin, später seine Mutter. Vom Vater hat er ein Funkgerät bekommen, mit dem er jede Nacht versucht, mit diesem Kontakt aufzunehmen, von seiner Mutter ein selbstgeschriebenes Buch mit Ratschlägen fürs Leben. Erst wenn Menschen tot sind – so möglicherweise die Botschaft, die der scheue Ian aus den Ereignissen gezogen hat – kann ich in Kontakt mit ihnen treten und mich ihnen ohne Angst nähern. Ian beginnt die Nähe von Frauen zu suchen, die sterben wollen, ihre Leichen nimmt er mit in seine Wohnung. Doch dann lernt er die todessehnsüchtige Naomi Clarke (Pollyanna McIntosh) kennen… „Love Eternal“ beruht auf dem Roman „Loving The Dead“ von Kei Oishi. Ich habe weder das Buch gelesen noch Brendan Muldowneys Debütfilm „Savage“ gesehen, deswegen fehlt mir der Kontext, um „Love Eternal“ als Romanverfilmung vernünftig einzuorden. Für sich genommen ist Muldowneys zweiter FIlm vor allem inhaltlich interessant, da hier gewisse Aspekte einer nekrophilen Neigung in eine sehr spezielle, aber dennoch nachvollziehbare Coming-of-Age-Story einbettet werden. Was mir allerdings nicht gefällt, ist dieser verklärte Erzählton, der durch die aufdringliche Filmmusik noch verstärkt wird. Fazit: Gute Geschichte, gute Darsteller, aber leider nicht so gut umgesetzt. Hab auf Kino-Zeit noch etwas mehr dazu geschrieben.

Tulpa (Federico Zampaglione, Italien 2012)

Tagsüber die erfolgreiche Geschäftsfrau, zieht es Lisa (Claudia Gerini) nachts immer wieder in den exklusiven Club Tulpa, um dort ihre sexuellen Wünsche auszuleben. Doch als eine schreckliche Mordserie beginnt, deren Opfer allesamt die Spielgefährten ihrer nächtlichen Abenteuer sind, muss auch Lisa bald um ihr Leben fürchten. Wer ist der Mörder? Jemand aus dem Club, z.B. der Besitzer Kiran (Nuot Arquint)? Einer ihrer Liebhaber? Oder vielleicht doch jemand aus ihrem ersten Leben als Businessfrau? – Oder ist das vielleicht alles egal und es gilt, sich an den Bildern des Films zu berauschen, sich seiner Stimmung hinzugeben und sich während der spannenden und oft sehr blutrünstigen Momente tief in den Kino-Sessel zu drücken. Ich glaube, näher als mit „Tulpa“, kommt man heute an das alte „Giallo-Feeling“ nicht mehr ran. Federico Zampagliones Film ist brutal, wirr, sexuell aufgeladen und im besten Sinne aus der Zeit gefallen. Und zum Schluss war’s wieder mal der Gärtner. Toll!