Month: Oktober 2013

Thor: The Dark World (Alan Taylor, USA 2013)

Posted by – 28. Oktober 2013

„Thor“, von Kenneth Branagh, war unter den Superhelden-Filmen der letzten Jahre einer der überraschendsten: Quietschbunt, aber dem nötigen Ernst und trotzdem nicht humorlos. Das aktuelle Sequel „Thor: The Dark World“ (auf deutsch: „Thor: The Dark KINGDOM“) von Alan Taylor ähnelt in vielerlei Hinsicht seinem Vorgänger, erreicht aber aufgrund seines mit Verweisen überfrachteten, oft beliebig wirkenden Drehbuchs fast nie dessen Stärke. Dem Script mangelt es nicht an guten Ideen,  aber vor allem herrscht ein erstaunlicher Mangel an dramaturgischem Gefühl. Die gut aufgelegten Darsteller und das wilde Finale retten zum Glück so einiges, auf dem Olymp der Superhelden-Filme ist für „Thor 2“ dennoch kein Platz. Mehr dazu von mir auf Kino-Zeit.de.

Carrie (Kimberly Peirce, USA 2013)

Posted by – 27. Oktober 2013

#horrorctober 7

Als ich vor einiger Zeit gehört habe, dass „Boys Don’t Cry“-Regisseurin Kimberly Peirce „Carrie“ verfilmt, war ich sehr gespannt. Ein weiblicher Blick auf die Novelle von Stephen King, der andere Aspekte der Geschichte betonen würde als die Filmversion von Brian de Palma hätte mich sehr interessiert. Das Ergebnis ist allerdings viel weniger spektakulär als ich gehofft habe. Sehr ähnlich dem Vorgänger, aber nicht so gut. Was genau mich an dem Film stört, erzähle ich im AGM-Blog (und warum ich de Palmas „Carrie“so mag, könnt hier noch einmal hier nachlesen).

Who Saw Her Die (Aldo Lado, Deutschland, Italien 1972)

Posted by – 25. Oktober 2013

who saw her dieDer Oktober nähert sich dem Ende. Und ich hänge hinterher. Während ich heute bereits immerhin den neunten Film meines #Horrorctober gesehen habe (4 to go!), kommen hier erst die Notizen zum sechsten.

Franco Serpieri (George Lazenby) ist Bildhauer in Venedig. Als seine kleine Tochter  Roberta (Nicoletta Elmi) spurlos verschwindet und kurze Zeit später tot aufgefunden wird, suchen Franco und seine Frau Elizabeth (Anita Edberg) auf eigene Faust nach dem Mörder. Bald finden sie heraus: Der Mord an ihrer Tochter war nicht der erste Mord an einem rothaarigen Mädchen…

Von Aldo Lado kannte ich bisher nur den starken „Night Train Murders“  (OT: L’Ultimo Treno della Notte) und ich war extrem gespannt auf seinen Giallo „Who Saw Her Die“ (OT: Chi l’ha vista morire?). Dieser ist ebenfalls ein toller Film, zweifellos, meine hohen Erwartungen haben sich leider trotzdem nicht ganz erfüllt. Dabei passt die Stimmung. Und es gibt einige Szenen, die mein Herz vor cineastischer Freude haben höher schlagen lassen. Z.B. gleich am Anfang, als in Megève, Frankreich, ein (rothaariges) Mädchen während in eines Winterurlaubs  getötet wird. Man sieht den Mord durch die Augen des Täters, die aber durch einen Schleier verhüllt sind. Was diese Szene so intensiv macht, ist nicht nur die eindrucksvolle Winterlandschaft und der wirklich ganz fantastische  Kindergesang-Score von Ennio Morricone, es ist das Verhalten des Mörders: Nach der Tat versucht dieser, fast panisch, sein Opfer im Schnee zu verscharren, während sich im Hintergrund die Kinderfrau das Mädchens nähert. Ich habe diese Szene als Versprechen von psychologischer Tiefe der Geschichte gedeutet.

Auch im weiteren Verlauf gibt es immer wieder Momente, die ganz wunderbar sind. Die Tauben-Szene ziemlich am Anfang, viele atmosphärische Venedig-Aufnahmen, Kanäle im Nebel, eine Verfolgungsjagd in einem verfallenen Wohnkomplex usw.  Nicht nur diese „Rosinen“ im Kuchen,  der ganze Teig ist schmackhaft, denn Lado ist, wie ich nach der zweiten Begegnung mit ihm jetzt mit Sicherheit weiß, ein wirklich guter Regisseur, der handwerkliches Können mit einem guten Auge verbindet. Trotzdem hat mir etwas gefehlt. „Who Saw Her Die“ ist ohne Frage ein sehr starker Giallo. Und sogar noch ein wenig mehr. Doch „ein wenig mehr“ ist mir hier einfach nicht genug. Lados Film hätte ja nicht gleich ein zweiter „Don’t Look Now“ sein müssen, aber aufgrund seiner ähnlichen Prämisse hätte ich mir einfach mehr emotionale Tiefe sowohl bei den trauernden Eltern als auch bei dem Killer gewünscht. (Da hatte ich ja am Anfang auch durchaus etwas mehr angedeutet.) Ich weiß, das ist  Jammern auf hohem Niveau, aber „Who Saw Her Die“ ist mir einfach nicht traurig genug.

Bild © Shameless
 

The Night of the Hunted (Jean Rollin, Frankreich 1980)

Posted by – 22. Oktober 2013

NightOfTheHunted

#horrorctober 5

In „Perfect Sense“ hat David Mackenzie eindrucksvoll durchgespielt, was vom Menschen bleibt, wenn ihm seine Sinne abhanden kommen. Und auch in Jean Rollins „The Night Of Hunted“ (OT: La Nuit des Traquées) geht es um den Verlust von Wesentlichem: Der Erinnerung. Trotz aller Unterschiedlichkeit kommen Mackenzie und Rollin zu einem ähnlichen Ergebnis.

Eines nachts läuft Robert (Alain Duclois) eine Frau vors Auto, die nur mit einem Nachthemd bekleidet ist. Sie stellt sich als Elisabeth (Brigitte Lahaie) vor – an mehr kann sie sich nicht erinnern. Die beiden fahren in Roberts Wohnung und verbringen dort eine Nacht zusammen. Als Robert am nächsten Tag arbeiten geht, kommen plötzlich ein Mann und eine Frau in die Wohnung. Der Mann nennt sich Doktor Francis (Bernard Papineau) und erklärt der verwirrten Elisabeth, sie würde an einer Gehirnkrankheit leiden. Er überzeugt sie, ihn in die „Klinik“ zu begleiten.

„The Night Of Hunted“ ist nach „The Iron Rose“ und „Fascination“ mein dritter Film von Rollin. Auch wenn es thematische und stilistische Gemeinsamkeiten zwischen den dreien gibt, so überwiegen doch die Differenzen. Von der morbid-romanischen Stimmung und der dazu passenden Ausstattungen ist hier fast nichts geblieben. „The Night Of The Hunted“ spielt in der Anonymität einer sterilen, grauen Metropole und dort vor allem in einem schwarzen Turm, mitten einer Fabriklandschaft. Dort werden die „infizierten“ Menschen untergebracht. Was die Stimmung in diesem Gebäude-Komplex betrifft, hat mich Rollins Film eher an Cronenbergs „Shivers“ erinnert. Inhaltlich könnte man ihn aber auch mit Romeros Zombiefilmen oder vielleicht eher noch „Miracle Day“, der letzten Staffel des „Doctor Who“-Ablegers „Torchwood“ oder der französischen Serie „Les Revenants“ vergleichen. Es ist erstaunlich, mit welchen Ideenspektrum Rollin hier operiert und welche Weitsicht er im Bereich gesellschaftlicher und demografischer Entwicklungen er zeigt. Darin wirkt „The Night Of The Hunted“ sehr modern. Seine Themen bearbeite Rollin freilich nicht auf eine analytische, sondern eher auf eine intuitiv-assoziative Weise, er erklärt nicht, er zeigt es dem Zuschauer, lässt es ihn fühlen. Bei mir war das große und immer größere Traurigkeit. Die Figuren des Films sind so allein, und mit jeder Erinnerung, die zu Staub zerfällt wie ein Vampir im Sonnenlicht, werden sie noch einsamer. Trost finden sie weder drin, ihre nackten Körper aneinander zu reiben, noch durch erfundene, gemeinsame Erinnerinnungen, die sie sich gegenseitig erzählen. Denn ein paar Minuten später sind auch die wieder vergessen.

Zum Glück lässt wenigstens die Schlussszene von „The Night Of The Hunted“ soviel Interpretationsspielraum, dass man dort, vielleicht, wenn man will, ein kleines bisschen Hoffnung erkennen kann. Das Ende – Leute die besonders empfindlich auf Spoiler reagieren sollten vielleicht nicht weiterlesen – kann man auf zwei sehr unterschiedliche Weisen deuten. Die mittlerweile völlig „leere“ Elisabeth sowie der tödlich verletzte Robert torkeln nebeneinander, ja irgendwie sogar gemeinsam über eine lange, verfallene Brücke, die zur Stadt führt. Lesart eins: Die Stadt ist das Totenreich. In Elisabeth und Robert ist nichts mehr – und wo wären die beiden besser aufgehoben als im grauen, alles verschlingenden Moloch der Stadt? In dieser Lesart zieht Rollin dem Zuschauer zum Schluss auch noch das letzte Stück Boden unter den Füßen weg. Die Stadt wird zum Bild für eine entindividualisierte, durch und durch sinnlose Existenzform: Eigentlich sind die Lebenden schon tot. Aber nicht nur das Leben ist kalte, lieblose Mechanik – auch nach dem Tod wartet nichts auf den Gestorbenen. Lesart zwei: Obwohl die beiden alles verloren haben – sie sind nur noch leere Hüllen, lebende Tote – ist da doch irgendwo in ihnen noch ein Funke von dem, was Menschen ausmacht, eine Form von gegenseitiger, vielleicht nur körperlicher doch möglicher Weise auch seelischer Anziehung, Verbundenheit. Vielleicht sogar Liebe? So gesehen wäre „The Night Of The Hunted“ nicht der deprimierende Film als der er die meiste Zeit erscheint, sondern hätte mehr mit Mackenzies aller Traurigkeit zum Trotz auf eine gewisse Weise optimistischen „Perfect Sense“ gemein. Auch wenn alles verschwindet – etwas bleibt. Ich bevorzuge diese Lesart.

Bild © Redemption
 

Ender’s Game (Gavin Hood, USA 2013)

Posted by – 19. Oktober 2013

enders gameIch unterbreche kurz den #Horrorctober, um meine Enttäuschung über „Ender’s Game“ kundzutun. Ich habe mir den Film schon gewünscht, da war er noch lange nicht in Planung. Und als ich dann gehört habe, dass er tatsächlich realisiert werden soll, habe ich einen Freudentanz aufgeführt. Auch die Nachricht, dass erst Wolfgang Petersen, später dann Gavin Hood die Regie übernehmen sollte, hat mich zwar kurz erschreckt, meinen tiefen Glauben daran, dass man aus der großartigen Romanvorlage von Orson Scott Card keinen schlechten Film kann, nicht erschüttert. Und wirklich schlecht ist das Ergebnis auch nicht geworden. Der Vorlage wird es trotzdem kaum gerecht.

Es herrscht Krieg zwischen Menschen und einer feindlichen, Bugger genannten, Alien-Rasse. Die erste Attacke der Außerirdischen konnte zwar durch den legendären Kommandanten Mazer Rackham (Ben Kingsley) zurückgeschlagen werden, doch 50 Jahre später droht wieder die Gefahr einer Invasion. Unter der Leitung von Colonel Graff (Harrison Ford) sucht das Militär fieberhaft unter den talentiertesten Kindern dasjenige, das als Befehlshaber die menschliche Flotte anführen soll. Heißester Kandidat ist ein brillanter Junge namens Andrew „Ender“ Wiggin (Asa Butterfield). Die Ausbildung ist erbarmungslos hart: Auf der Kommandanten-Schule im Orbit der Erde stößt der Junge an seine physischen und psychischen Grenzen.

Cards „Ender’s Game“ ist meiner Meinung nach ein wichtiges Werk der Science Fiction, nicht nur weil es sehr einfühlsam und spannend erzählt ist, sondern weil es etwas Elementares zu den Themen Konflikt und Beziehungen zu sagen hat. Das unmenschliche, manipulative Erziehungssystem, das kalte Logik und zweckrationales Kalkül predigt, bringt den empathischen Ender schließlich durch Betrug dazu, seine Fähigkeiten gegen seine moralische Intuition einzusetzen. Am Schluss steht ein Sieg, der eigentlich eine gigantische, vielleicht sogar die größte vorstellbare Niederlage darstellt. Es ist alles so unglaublich traurig. Und man möchte den Roman im Lichte des neuen Wissens eigentlich gleich noch einmal lesen, um alles besser verarbeiten zu können.

Gavin Hoods Romanadaption hat sicherlich ihre Qualitäten. Dazu gehören einige visuelle Ideen. Die Vorlage enthält einige Herausforderungen, wie die filmische Umsetzung des Kampfraums in dem die Kinder in Schwerelosigkeit gegen einander kämpfen. Z.B. hier hat Hood gute Arbeit geleistet. Weiterhin positiv fallen einige Darsteller ins Auge, wie der junge Asa Butterfield, der in der schwierigen Rolle des verletzlichen Wunderkinds Ender überzeugt; oder auch Abigail Breslin, die zwar nicht viel Screentime hat, ihre wenigen wenigen Momente als Enders Schwester Valentine und gutes Gegenstück überzeugend nutzt. Besonders gut ist Hoods Film außerdem immer dann, wenn es ihm gelingt, die Situation, in der sich Ender befindet, seine (inneren) Konflikte und die Beziehungen zu anderen, deutlich zu machen. Ender vereint in sich das Einfühlungsvermögen und die Sanftmut seiner Schwester mit der kalten Intelligenz und Brutalität seines Bruders Peter (Jimmy Pinchak). Das macht ihn zu einem brillanten Anführer, aber auch zu einer sensiblen, zerbrechlichen Person. Und er ist kurz davor kaputt zu gehen, sei es durch den Druck seiner Ausbilder, die Last der Verantwortung oder auch das verstörende, Mind Game genannte Computerspiel, mit dem er sich während der kurzen Trainingspausen  die Zeit vertreibt. Hood lässt durchaus Interesse an den Konflikten der Hauptfigur erkennen. Über viele für das Verständnis der Geschichte relevanten Handlungsabschnitte erzählt er trotzdem  zu schnell hinweg. Ob die ganze Tragweite der Ereignisse denen, die nicht mit der Romanvorlage vertraut sind, klar wird? Ich habe meine Zweifel. Gleiches gilt für die ethisch/moralische Dimension der Geschichte. Die ist im Film zwar noch vorhanden, droht aber hinter der auf Action und Überwältigung ausgelegten Inszenierung fast zu verschwinden.

Der Roman von Card hätte einen ganz großen Film möglich gemacht. Die Chance nutzt Hood, der sich schon bei „X-Men Origins: Wolverine“ nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, nur bedingt. Das Ergebnis ist zwar kein Desaster, aber auch ein Film, der hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt – weil es Hood nicht gelingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich habe mich anfangs ja schon als Fan des Buches geoutet. Und als solcher bin ich enttäuscht, weil mir einfach zu viel von dem, was die Geschichte eigentlich ausmacht, zu kurz kommt.

Bild © Constantin Film
 

Before The Fall (F. Javier Gutiérrez, Spanien 2008)

Posted by – 18. Oktober 2013

before fallBeim vierten Film meines #horrorctober habe ich etwas geschummelt. Eigentlich hatte ich „Before the Fall“ (OT: Tres Días) gar nicht auf der Liste, aber weil ich ihn eh sehen und etwas dazu schreiben sollte und weil ich mit meinem Programm etwas hinterher hänge, zähle ich ihn jetzt mal dazu.

In F. Javier Gutiérrez’s Film wird die Welt untergehen. In drei Tagen. Dann wird ein Komet mit der Erde kollidieren  – sagt die NASA. Ale (Victor Clavijo) flieht mit seiner Mutter Rosa (Mariana Cordero) auf den Hof seines Bruders, wo sie aber nur auf dessen vier Kinder treffen. Dass die Welt kurz vor dem Ende steht, verschweigen sie den Kindern. Genauso  die Tatsache, dass aus dem Hochsicherheitsgefängnis ein paar miese Typen ausgebrochen sind – darunter auch der psychopathische Kindermörder Soros, der mit Ales Familie noch eine Rechnung offen hat.

Was das für eine Rechnung ist,  habe ich bis zum Schluss nicht ganz verstanden. Überhaupt kam mir vieles an „Before the Fall“ sehr seltsam vor. So richtig wusste der Verleih wohl auch nichts mit diesem Genrehybrid anzufangen – und gab ihm den deutschen Titel „72 Stunden – Deine letzten 3 Tage“, der zwar im Gegensatz zum internationalen  dem Originaltitel ähnelt, jetzt aber auch frappierend an „72 Stunden – The Next Three Days“ (OT: The Next Three Days) von Paul Haggis erinnert. Ungeschickt. Aber wie man ihn auch immer nennt, der Titel ist wahrscheinlich noch sein unwichtigstes Problem. Am besten hat mir diese Mixtur aus Endzeit- und Serienkillerfilm, Psychothriller und Familiendrama eigentlich immer dann gefallen, wenn sie ins Surreale abgerutscht ist und ich mir nicht sicher war, ob hier nicht vielleicht doch um etwas ganz anderes geht als Ale, der vor dem Hintergrund des drohenden Weltuntergangs versucht, die Kinder seines Bruders vor einem gefährlichen Killer zu schützen. Aber am Schluss war es dann doch genau so – und alles darüber Hinausgehende habe ich mir wohl nur eingebildet.

Fazitlich möchte ich „Before the Fall“ zugestehen, dass er ein Stück aus der Masse der Filme dieser Erde heraussticht. Aufgrund seiner abstrusen und zerfahren erzählten Geschichte sowie der blassen Darsteller konnte er mich aber nicht überzeugen. Trotz einiger fiebrig-paranoiden Szenen bisher der schwächste Film meines #horrorctober.

Bild © Ifc Independent Film
 

Do You Like Hitchcock? (Dario Argento, Spanien, Italien 2005)

Posted by – 17. Oktober 2013

DJLH#horrorctober zum Dritten. Diesmal mit der Hitchcock-Hommage „Do You Like Hitchcock“ (OT: Ti piace Hitchcock?), einem Film, der beweist, dass Dario Argento mitnichten seit den späten 1990ern nur Ausschusswahre herstellt. Bei „Sleepless“ (2001), quasi einem Best-of des eigenen Schaffens, konnte ich mich ja schon mit eigenen Augen überzeugen, dass Argento durchaus da noch in der Lage war, starke Filme zu machen. Und auch „Do You Like Hitchcock?“ beweist nicht das Gegenteil. Die Vorzüge des Films sind allerdings weniger die für den Regisseur früher typischen Merkmale wie der formale Einfallsreichtum, die Elemente aus dem Genre des Giallo und die in die Irre geführte Wahrnehmung (des Protagonisten wie auch des Zuschauers) gehören.

Der Filmstudent Giulio (Elio Germano) beobachtet sehr gerne die schöne Nachbarstochter Sasha (Elisabetta Rocchetti). Als deren Mutter umgebracht wird, folgert der Cineast messerscharf, dass es die Tochter und deren Bekannte Federica (Chiara Conti) gewesen sein müssen – schließlich hat er die beiden in der Videothek erwischt und sie über Alfred Hitchcocks „Strangers on a Train“ reden hören. Zusammen mit seiner Freundin Arianna (Cristina Brondo) nimmt Giulio die Ermittlungen auf.

„Do You Like Hitchcock“ ist ein ruhiges, manchmal fast schon entspanntes Gruselvergnügen mit – das macht ja schon der Titel überdeutlich – vielen Giallo- und noch mehr Hitchcock-Referenzen. Neben besagtem „Strangers on a Train“ werden auch fleißig Filme wie „Rear Window“, „Dial M for Murder“ und „Vertigo“ zitiert. Und auch Bezüge zu seinen eigenen Filmen herzustellen, vergisst Argento in diesem für’s TV produzierten Film nicht. Mich hat diese verspielte Gegenüberstellung zweier Meister des Spannungskinos jedenfalls gut unterhalten und irgendwie auch amüsiert – vielleicht weil Agento in dieser Liebeserklärung die großen Fußstapfen seines Vorbilds einerseits nicht annähernd ausfüllt, andererseits so selbstbewusst hineintritt, dass man – wie so oft bei Argento – das Gefühl bekommt, es würde ihm um etwas anderes gehen als das Offensichtliche.

Was sich mir jetzt beim ersten Anschauen und ohne zu recherchieren nicht erschlossen hat, ist der Anfang des Films: Dieser zeigt einen jungen Giulio, der zwei Frauen beobachtet, die in einer Waldhütte ein Huhn schlachten. Der Junge wird bemerkt, kann aber fliehen. Allerdings nicht ohne noch die Schreie der Frauen zu vernehmen. „You’ll be sorry, I’ll kill you, You’ll never get away from us“, rufen sie ihm nach. Ich deute die Worte jetzt einfach mal so, dass Giulio dazu verflucht wird, für den Rest seines Lebens ein Beobachter zu sein. Kein Wunder, dass er sich für ein Filmstudium entschlossen hat.

Bild © Highlight Video
 

WΔZ (Tom Shankland, Großbritannien 2007)

Posted by – 12. Oktober 2013

WΔZ#horrorctober zum Zweiten. Ich habe mir Tom Shanklands „WΔZ“ angeschaut.

Der zynische New Yorker Cop Eddie Argo (Stellan Skarsgard) und seine neue Partnerin Hellen Westcott (Melissa George) ermitteln in einem besonders grausamen Fall. In einem New Yorker Problemviertel geschehen Morde nach dem gleich Muster: Den zwei Opfern wurden entweder durch Strom getötet oder zu Tode gefoltert. Einem der beiden wurde immer das Zeichen WΔZ (W-Delta-Z) in die Haut geritzt. Bald finden die Cops heraus: Der Killer unterzieht seine Opfer einem teuflischen Test – entweder selbst zu sterben, oder die Person, die man liebt, zu verlieren.

Ehrlich gesagt, hätte ich mir „WΔZ“, dessen Inhaltsangabe verdächtig nach Filmen wie „Saw“ und dessen Nachahmern klingt, gar nicht angesehen – wenn ich nicht eine sehr neugierig machende Kritik in meinem Lieblingsblog gelesen hatte. Und „WΔZ“ ist tatsächlich weniger Vertreter der von mir sehr gering geschätzten Torture-Porn-Welle, sondern lässt sich besser mit Filmen wie David Finchers meisterlichem „Seven“ vergleichen – auch wenn er dessen Klasse nicht erreicht. Was Shankland aber richtig gut gelingt, ist, dem Zuschauer ein Gefühl von Trostlosigkeit zu vermitteln. Auch wenn in dem Film im Gegensatz zu Finchers Film ab und an ein wenig trübes Sonnenlicht auf die schmutzigen Straßen von New York fällt, gibt es – und darin sind sich die beiden Filme sehr ähnlich – hier keinen Hoffnungsschimmer. Und diese Tristesse mag ich an „WΔZ“.

Leider wirkt Shanklands Rachegeschichte dann doch etwas zu sehr wie am Reißbrett entworfen. „But the.. the equation.. it was all so clear“ sagt der Killer irgendwann im Film. Aber genau mit dieser Gleichung und der daraus resultierenden, umständlichen Art der Vergeltungstaten nach wissenschaftlicher Formel hat „WΔZ“ für mich seine Glaubwürdigkeit arg strapaziert. Dass der Racheengel beweisen möchte, dass es Liebe wirklich nicht gibt, ist vor dem Hintergrund des ihm geschehenen Unrechts verständlich, ja, sogar die Idee, dass er nicht in erster Linie aus Wut tötet, sondern aus Scham darüber, wozu ihn die Täter (die nun seiner Opfer sind) getrieben haben, fasziniert; aber die von ihm erdachte Versuchsanordnung ist nun wirklich nicht der naheliegendste Weg zur Überprüfung dieser Hypothese. „Seven“ ist zwar in gewisser Hinsicht mehr ein Endzeitfilm als ein realistischer Thriller, aber trotzdem auf erschreckende Art und Weise plausibel. Für „WΔZ“ gilt das, trotz einer wirklich interessanten Interpretation der Täter-Opfer-Rolle leider nicht.

Bild © Sony
 

Onibaba (Kaneto Shindō, Japan 1964)

Posted by – 11. Oktober 2013

Onibaba#horrorctober – das heißt: Vom 1. bis zum 31. Oktober schaue ich mir 13 mir unbekannte Horrorfilme an. Mein erster Film, „Onibaba“ von Kaneto Shindō, war gleich einer, den ich ohne Zögern als Meisterwerk bezeichnen würde. Alle weiteren Filme, die ich in den nächsten 3 Wochen schauen werde, dürften es sehr schwer haben, mir ähnlich gut zu gefallen.

„Onibaba“ handelt von zwei Frauen, einer jungen (Jitsuko Yoshimura) und ihrer Stiefmutter (Nobuko Otowa), die während des Bürgerkrieges im Japan des 14. Jahrhunderts zu überleben versuchen. Die beiden wohnen in einem kleinen Haus in einem Schilfmeer und töten ahnungslose Samurai, um deren Rüstungen zu verkaufen. Dann kehrt ihr Nachbar Hachi (Kei Satō ) aus dem Krieg heim und berichtet, dass der Sohn der älteren bzw. der Mann der jüngeren Frau gefallen ist. Hachi und die junge Frau beginnen bald darauf eine Affäre – sehr zum Missfallen der Schwiegermutter.

Im Nachhinein bin ich etwas verwundert, dass der Film jetzt über ein Jahr ungesehen im Regal stand. Aber manchmal braucht es einfach einen besonderen Anlass – wie den #horrorctober. Dabei ist „Onibaba“ nicht einmal ein Horrorfilm im klassischen Sinne, sondern eher ein expressionistisches, mit schwarzer Farbe gemaltes Sozialdrama und eine düstere Parabel, wahlweise über den Krieg, der die Menschen verschlingt wie das Grasmeer die Frauen im Film. Oder über die zersetzende Kraft des Kapitalismus. Oder vielleicht einfach auch Gefühle wie Angst und Neid, die das menschliche Antlitz zu dämonischen Fratzen verzerren?

Unabhängig von allen inhaltlichen Deutungsmöglichkeiten – hier möchte ich mich nach dem ersten Sehen zunächst einmal heraushalten – muss ich sagen, dass mich der Film  schon allein durch seine visuelle Kraft weggeblasen oder besser: hinein gesogen hat. Einen Tag nach Filmsichtung fällt es mir immer noch nicht leicht, die richtigen Worte für das Gesehene zu finden. Dieses Grasmeer, der Wind… fange ich an und weiß schon nicht weiter. Ich würde gerade lieber Bilder oder Filmausschnitte posten und sagen – schau doch selbst! Und vielleicht breche ich diesen Text deswegen an hier auch einfach ab. An dieser Stelle kann ich erst einmal nur sagen, dass „Onibaba“ ein sehr intensives Filmerlebnis war, eines das nachklingt, und dass ich auch jetzt noch im Bann dieser unglaublichen und schwer zu beschreibenden Bilder bin. Aber schau selbst. Dieses Grasmeer, der Wind..

Übrigens: Der #horrorctober ist mittlerweile keine kleine Sache mehr. Die durch Initiative von Kontroversum-Kollege Patrick entstandene Aktion hat viele Mitstreiter gefunden. Hier gibt es eine (unvollständige) Liste der Leute, die mitmachen, mit Links zu ihren Blogs und Letterboxd-Accounts.

Bild © Eureka Entertainment