Month: November 2013

Es wird eng! (6)

Posted by – 30. November 2013

Oh süßer die Glocken.. ich habe wieder ein paar Filme zu verschenken. Folgendes ist im Angebot:

eng6

Wünsch dir bis zu 3 DVDs – und wenn du in einem Kommentar unter diesem Post kurz begründest, warum der Film gerade bei dir besonders gut aufgehoben wäre, stehen die Chancen nicht schlecht.

Ernest & Celestine (Stéphane Aubier, Vincent Patar, Benjamin Renner, Frankreich 2012)

Posted by – 30. November 2013

DruckDie Mäuse leben unter, die Bären über der Erde. So war es schon immer, so soll es bleiben. Das ganze Erziehungssystem der Mäuse ist darauf ausgerichtet, die Angst vor den Bären zu kultivieren. Doch die junge Maus Celestine will sich nicht mit den Gruselgeschichten abfinden. Sie liebt es, Bären zu zeichnen und sie würde gerne mal einen kennenlernen. Die Chance erhält sie tatsächlich bald, als sie bei einem Ausflug an die Oberfläche in einer Mülltonne gefangen und am nächsten Morgen von dem Bären Ernest befreit wird. Maus und Bär stellen fest, dass sie sich gut leiden können. Doch die Freundschaft stößt in der Mäuse- sowie Bärenwelt auf wenig Verständnis.

„Ernest & Celestine“ ist ein starkes Plädoyer für einen vorurteilsfreien, verständnisvollen Umgang miteinander – zeigt aber auch wie schwer essein kann, wenn die Gesellschaft nicht mitspielt: So sind Ernest und Celestine zunächst gezwungen, außerhalb der Bären- und Maus-Community in Ernests kleiner Waldhütte zu wohnen. An eine Rückkehr ist nicht zu denken. Erst eine Reihe von Zufällen, die dazu führen, dass Ernest bei den Mäusen und Celestine bei den Bären gefangen gehalten wird, machen es ihnen schließlich möglich, die Vorurteile der Mäuse- bzw. Bärengesellschaft abzubauen. Ach, wenn das Leben nur immer so spielen würde! Was einen für den Film  dann aber doch  einnimmt, sind seine originelle Bilderwelt und viele fantasievolle Details. Die Bären- und Mäusewelt funktioniert nach ganz eigenen Gesetzen und hat eine ausgeklügelte Sozialordnung, welche die Beziehung der beiden Spezies bestimmt. Z.B. dreht es sich alles um Zähne: Die Mäuse brauchen Bärenzähne für ihre Arbeit unter Tage. Und die süßigkeitsverliebten Bären kommen natürlich auch selbst nicht ohne Zahnersatz aus. Es sind weniger die einfache Geschichte mit dem etwas zu süßen Ende, sondern vor allem solche Ideen, die „Ernest & Celestine“ zu einem sehenswerten Film machen. Dass der Film ab 6 Jahren freigegeben ist, halte ich allerdings für etwas irreführend. Da es einige sehr gruselige Szenen gibt (zumindest habe ich mich gegruselt!) würde ich Eltern dringend empfehlen, sich den Film vorher einmal anzusehen und sein Albtraumpotenzial selbst abzuschätzen.

Bild © Ascot Elite
 

The Hunger Games: Catching Fire (Francis Lawrence, USA 2013)

Posted by – 20. November 2013

They can’t hurt me. There’s no one left I love – Johanna Mason, Distrikt 7

Ich bin positiv überrascht von „The Hunger Games: Catching Fire“. Viele Romanverfilmungen werden ihrer Vorlage nicht gerecht, aber manchmal veredeln die Bilder die Geschichten geradezu. Das ist hier der Fall. Ich mochte, wie hier geschrieben, schon den ersten Teil „The Hunger Games“ sehr gerne. Aber da das zweite Buch von Suzanne Collins ein wenig die Probleme eines typische Brückenstücks zwischen dem ersten und dritten Teil hatte, habe ich meine Erwartungen bezüglich des Films etwas herunter geschraubt. Das wäre nicht gar nicht nötig gewesen, denn die Fortsetzung steht dem ersten Film in nichts nach, treibt die todtraurige Geschichte in der grausamen Welt von Panem unbarmherzig voran und wartet darüber hinaus mit einem interessanten künstlerischen Konzept auf. Mehr dazu schreibe ich auf Kino-Zeit. Und hier geht’s zum Film-Quickie mit Sophie.

Splice (Vincenzo Natali, Kanada, Frankreich, USA 2009)

Posted by – 16. November 2013

spliceNormalerweise schreibe ich die Texte hier im Blog kurz nach dem Sehen der Filme. Im Falle von Vincenzo Natalis „Splice“ sind nach der zweiten Sichtung nun schon mehr als drei Jahre vergangen. Angeregt durch eine Diskussion über den Regisseur und vor allem diesen Film, möchte ich jetzt doch noch einmal ein paar Sätze aufschreiben. Vielleicht führt das dazu, dass der eine oder andere „Splice“ noch einmal eine Chance gibt. Obwohl  Natali 1997 mit „Cube“ einen künstlerisch bemerkenswerten und an den Kinokassen durchaus erfolgreichen Film abgeliefert hat, ist er immer noch kaum mehr als ein Geheimtipp. Daran haben auch die folgenden Spielfilme – der clevere Sci-Fi-Thriller „Cypher“ und die philosophische Komödie „Nothing“ – wenig geändert. Und auch mit dem doppelbödigen Monsterfilm „Splice“ ist Natali weder der kommerzielle Durchbruch noch der Einzug ins Herz der meisten Cineasten gelungen – was mir damals wie heute ein Rätsel ist.

„Splice“ handelt von den Biowissenschaftlern Clive (Adrian Brody) und Elsa (Sarah Polly), die für ein Pharmaunternehmen arbeiten. Dem Paar ist es nicht nur gelungen, ein geklontes Lebewesen zu erschaffen, das für die Produktion von Medikamenten dient, sondern heimlich auch Tier- und Pflanzengenen mit menschlichen Genen zu kreuzen. Das Ergebnis: Ein humanoides Hybridwesen. Da das Wesen, das die beiden Forscher Dren nennen, im Forschungslabor nicht sicher ist, entführen die Wissenschaftler ihre Schöpfung kurzerhand und verstecken es in Elsas Geburtshaus, einer abgelegenen Hütte im Wald. Doch Dren ist nicht nur ein Forschungsobjekt, sondern hat ganz eigene Wünsche und Bedürfnisse.

Die Nähe zu Mary Shellys „Frankenstein“ ist unübersehbar, aber es ließen sich noch eine ganze Reihe anderer Filme nennen, auf die Natali – mal mehr, mal weniger explizit – Bezug nimmt. Man kann „Splice“ also mit Recht als eine Art Best Of des Monsterfilms bezeichnen, und das Finale ist dann auch eine ganz deutliche Verbeugung an die Filme der Hammer Studios der 1950er Jahre. Doch Natali will mehr als das. Aus den Versatzstücken des Genres kreiert er eine Groteske über eine dysfunktionale Familie, die ihre Wünsche auf ihr Kind projiziert (in gewisser Weise ist „Frankenstein“ das ja auch schon) und damit ein Monster erschafft: Elsa selbst stammt aus problematischen Verhältnissen und hat deswegen Angst, ein eigenes Kind zu bekommen. In Dren sieht sie nun die Chance, sich als Mutter auszuprobieren. Clive hingegen hätte das Wesen anfangs am liebsten getötet, doch je mehr das Experiment die Gestalt einer jungen, exotischen Frau annimmt, desto mehr fühlt er sich zu ihr hingezogen. Und irgendwann ist es eigentlich gar nicht mehr so klar, wer hier eigentlich das Monster ist. Die weniger bekannte französische Darstellerin Delphine Chaéac macht ihre Sache als Dren nebenbei bemerkt sehr überzeugend. Wie die postmodernen Eltern des Films erlebt auch der Zuschauer durch sie ein Wechselbad der Gefühle. Nicht nur den ausgeklügelten Special Effects, sondern auch Chaéac hat Natali es zu verdanken, dass er mit Dren (rückwärts für „Nerd“) ein Filmmonster erschaffen konnte, das seinesgleichen sucht.

Mein einziger Kritikpunkt am Film wäre, dass er etwas zu sehr auf das Ziel, weniger auf den Weg dahin ausgerichtet ist. Deswegen macht er vielleicht auch besonders beim ersten Sehen Spaß. Ein starker Film, bei dem es auch bei mehrmaligem Sehen etwas zu entdecken gibt, ist „Splice“ nichtsdestotrotz. Natali untermauert mit ihm seinen Ruf als intelligenter, vielseitiger und meiner Meinung nach sträflich unterschätzter Filmemacher, der nicht nur spannende, sondern auch tiefgründige Geschichten erzählen kann und darüber hinaus alle Register des Genre-Kinos beherrscht. Seltsamer Weise scheinen das andere Menschen anders zu sehen.

P.S. Das erste Mal habe ich „Splice“ auf Fantasy Filmfest Nights 2010 gesehen. Text von damals gibt’s hier.

Bild © Universum
 

Giallo Collection Teil 2 (Sergio Bergonzelli, Aldo Lado, Flavio Mogherini, Italien, Spanien 1970/72/77)

Posted by – 15. November 2013

giallo collection 2Nachdem ich neulich ein wenig Werbung für die „Giallo Collection Teil 1“ gemacht habe, möchte ich, der Vollständigkeit halber, auch ein paar Sätze zum zweiten Teil der Compilation schreiben. Die mir insgesamt sogar noch etwas besser gefallen. Wieder erwarten den Zuschauer einige weniger bekannte und trotzdem reizvolle Vertreter des Giallo, serviert in einer quietsch-gelben Box, die sich gut im Filmregal macht. Diese enthält wie der Vorgänger drei hübsche Mini-Poster mit lesenswerten Texten zu den Filmen. Warum Teil 2 den Untertitel „Die spektakuläre Box der blanken Messer“ tragen muss, entzieht sich meiner Kenntnis; aber Teil 1 hat ja auch schon den ebenfalls völlig sinnfreien Titel „Die ultimative Box der blutrünstigen Italiener“ abbekommen. Insofern wird die „Linie“ wenigstens beibehalten.

Zu den Filmen (in chronologischer Reihenfolge):

Der frühste Giallo der Box ist Sergio Bergonzellis „In The Folds Of The Flesh“ (OT: Nelle pieghe della carne) aus dem Jahre 1970: Erzählt wird von einer perversen Familie, die zwanghaft mordet.  Ein flüchtiger Verbrecher, der einen der Morde beobachtet und nach seiner mehrjährigen Haftstrafe die Familie zur Kasse bitten will, erlebt sein blaues Wunder. Diese kurze Inhaltsangabe gibt den Wahnsinn von Bergonzellis irrem Film allerdings nur unzureichend wieder, die Auflösung ist wirr, entbehrt wie der ganze Film trotzdem nicht einer gewissen Faszination. Pervers-gut!

Zu Aldo Lados „Who Saw Her Die“ (OT: Chi l’ha vista morire?) will ich gar nichts weiter sagen, das habe ich hier schon getan. Für mich der stärkste Film dieser Box.

Ebenfalls nicht übel: „The Girl in the Yellow Pajamas“ (OT: La Ragazza Dal Pigiama Giallo) aus dem Jahr 1977, der jüngste und in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlichste Beitrag der „Giallo Collection Teil 2“. Nicht nur, dass er statt in Italien im sonnendurchfluteten Australien spielt, der Film lässt auch weitere, typische Erkennungsmerkmale schwarze Handschuhe, die Messer und  die ausgeklügelte Mordszene des Giallos missen. Die Story: Nachdem man am Strand eine grausam zugerichtete Frauenleiche gefunden hat, nimmt der pensionierte Inspektor Thompson (Ray Milland) die Ermittlungen auf. Einziger Hinweis: Einige am Tatort gefundene Reiskörner. Parallel dazu lernt der Zuschauer das Opfer (Dalila Di Lazzaro) kennen und erfährt die Vorgeschichte des Mordes. Die etwas komplizierte Erzählweise macht es nicht ganz leicht, der Handlung zu folgen. Trotzdem: ein guter Film mit einem bitteren Ende.

Fazit: Schicke Veröffentlichung mit zwei guten und einem sehr gute Giallo. Falls es irgendwann die „Giallo Collection Teil 3“ („Die sensationelle Box der tiefschwarzen Handschuhe“?) gibt, greife ich gerne wieder zu.

Bild © Koch Media
 

Tokyo Story (Yasujirô Ozu, Japan 1953)

Posted by – 10. November 2013

tokyo_story_ukVorher

Wieder einmal treffe ich Annika auf ihrer filmischen Zeit- und Weltreise, diesmal im Tokyo des Jahres 1953.

Mittendrin

In „Tokyo Story“ geht es um das ältere Ehepaar Shūkichi (Chishū Ryū) und Tomi Hirayama (Chieko Higashiyama), das seine erwachsenen Kinder –  den ältesten Sohn Kōichi (Sō Yamamura), einen Arzt, und die älteste Tochter Shige (Haruko Sugimura) –  in Tokio besuchen. Doch die Kinder haben wenig Zeit und schieben die Eltern bald in ein nahe gelegenes Seebad ab. Allein Noriko (Setsuko Hara), die Witwe ihres im 2. Weltkrieg gefallenen Sohnes, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Schwiegereltern.

Hinterher

In der Ruhe liegt die Kraft dieses meisterhaft melancholischen, stilistisch eigenwilligen Films, des ersten, den ich von Ozu gesehen habe. Ein wenig erinnert er mich an „Still Walking“ (OT: Aruitemo aruitemo) von Hirokazu Koreeda aus dem Jahr 2008. Darin besucht eine erwachsene Familie die Schwiegereltern, um gemeinsam den Todes des Bruders zu verbringen. „Tokyo Story“ und „Still Walking“ fühlen sich unterschiedlichen an, aber das Thema ist ähnlich, fast wirken sie wie das Spiegelbild des anderen. Nicht ausgeschlossen, dass Koreeda sich an Ozus Werk orientiert hat. „Still Walking“ hat mir gefallen, aber bei „Tokyo Story“ ist es mehr. Hier habe ich den Eindruck, etwas ganz Großes Gesehen zu haben, ein Eindruck, der  sich seit der letzten Woche, die seit dem Film nun vergangen ist, noch verstärkt hat. „Isn’t life disappointing?“ sagt Kyoko, die jüngste, noch bei den Eltern lebende Tochter am Ende des Films: „Yes, it is“, antwortet Noriko – und lächelt. Diese beiden Sätze gehen mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich vor dem Monument „Tokyo Story“  ein wenig wie ein Erdmännchen vor dem Tokyo Sky Tree, ich recke und strecken mich, kann das ganze Gebäude aber noch nicht überblicken. Deswegen möchte auch erst einmal nur sagen, dass mir „Tokyo Story“ sehr gut gefallen hat. Ich mochte die Melancholie, die ruhige, unaufdringliche Erzählweise, die ein wenig verschleiert, dass man zentralen Lebensstationen von Menschen beiwohnt, von glaubwürdigen Figuren, die in ihren Entscheidungen jeder für sich nachvollziehbar sind, und von denen jede ein Fragment für die große Geschichte beisteuert. Alles, was in „Tokyo Story“ passiert, ist sehr gewöhnlich, ja alltäglich, aber es wirkt trotzdem auf eine Art erhaben, weil die im Film thematisierten Beziehungen und der Generationenkonflikt so allgemeingültig und zeitlos daherkommen. Man wird geboren, lebt, stirbt. Und am Ende kann man nicht einmal auf die Familie zählen. Ist das Leben nicht enttäuschend? Ja, ist es, aber zu lächeln und nett zu anderen Menschen zu sein, ist schließlich alles, was man tun kann, ne?

Annikas Reisetagebuch findet ihr hier.

Bild © BFI Video
 

„Goodbye First Love“ (Mia Hansen-Løve, Frankreich, Deutschland 2011)

Posted by – 9. November 2013

Eine JugendliebeNach den ganzen Horrorfilmen des letzten Monats brauche ich ein bisschen Abwechslung. Die Wahl fällt auf „Goodbye First Love“ (OT: Un Aour De Jeunesse) von Mia Hansen-Løve. Mittlerweile, so könnte man denken, muss die x-te dummbräsige Teeny Romanze den Boden doch schon unfruchtbar gemacht haben für echte, aufrichtige Liebesfilme, oder nicht? Zum Glück nicht. Hansen-Løves beweist, dass es noch etwas zu erzählen gibt, so bittersüß und so weise, dass es weh tut.

Der Anfang vom Ende: Die fünfzehnjährige Camille (Lola Créton) und der neunzehnjährige Sullivan (Sebastian Urzendowsky) sind ein Paar. Doch Sullivan wird Camillie bald verlassen, denn er möchte für ein Jahr mit Freunden nach Südamerika reisen. Und so kommt es. Anfangs bleiben die beiden in Kontakt, nach und nach werden die Briefe jedoch weniger. Camille verzweifelt, versucht sich das Leben zu nehmen, scheitert, versucht neu anzufangen. Ihr Architekturstudium gibt ihr neues Selbstbewusstsein und auch die Beziehung zu ihrem Dozenten Lorenz (Magne Havard Brekke) scheint ihr gut zu tun. Überraschend taucht Sullivan wieder auf.

„Alte Liebe rostet nicht“, weiß der Volksmund zu erzählen und es wundert deswegen auch nicht, dass Camille sich sofort von neuem in Sullivan verliebt, eine Liebe, die dieser mit charmanten, großspurigen Schwüren erwidert. Die beiden haben in den letzten Jahren viel erlebt, sie sind nicht mehr die gleichen. Und trotzdem sind die alten  Verhaltensmuster noch da und werden fast sofort wieder wirksam. Hansen-Løve erweist sich als hervorragende Beobachterin der Beziehungs-Dynamik ihrer Protagonisten, aber auch als Regisseurin mit einen guten Gespür für Bilder. In den sonnendurchfluteten Landschaften, den Schneestürmen in Paris, der verspielten städtischen Architektur Berlins und der Bauhaus-Kälte Dessaus, spiegeln sich alle Facetten von Camilles Gefühlswelt wider. Das erzählerische Unterstatement reibt sich allerdings manchmal etwas an den intensiven Bildern und dem sehr präsenten Score, auf der anderen Seite entsteht gerade durch diese Reibung Spannung. Ohne den einen oder andren bunten Farbtupfer, wäre das Gesamtbild möglicherweise etwas zu grau geraten.

Eine Jugendliebe (so auch der deutsche Titel des Films), eine Episode im Leben eines Menschen, so wichtig und doch nur eine Etappe auf unserem Weg. Nach dem Ende vom Anfang muss es weitergehen. Das schafft nicht jeder. Menschen, die in der Vergangenheit leben, nennt man Nostalgiker. Ob Camille zu dieser Gruppe gehört, überlässt die letzte Einstellung von dem Zuschauer. Diese Offenheit ist mehr als bloßes Gehabe, durch sie bekommt der Zuschauer ein Gefühl der manchmal quälenden Vagheit, die das Leben durchzieht. Es gibt keine einfachen Antworten. Hansen-Løve weiß das. „Goodbye First Love“ ist ein sehr erwachsener Film.

Bild © good!movies
 

The House Of The Devil (Ti West, USA 2009)

Posted by – 4. November 2013

the house of the devil„The House Of The Devil“ von Ti West ist der zehnte und innerhalb der regulären Zeit letzte von 13 Filmen, die ich ihm Rahmen des #horrorctober zu sehen geschafft habe – und zwar an Halloween. (Für die Akte: Dazu gab es Kürbis-Süßkartoffel-Pizza mit Chili-Ahornsirup und einen schweren, unheilschwangeren französischen Rotwein.)

Um sich ihr neues Apartment leisten zu können, braucht College-Studentin Samantha (Jocelin Donahue) einen Job. Am schwarzen Brett entdeckt sie eine Annonce, über die ein Babysitter gesucht wird. Mr. Ulman (Tom Noonan), Herr am anderen Ende der Leitung, wirkt zwar etwas seltsam, doch Samantha braucht das Geld. Zusammen mit ihrer Freundin Megan (Greta Gerwig) fährt sie zu dem abgelegenen Anwesen der Ulmans, um die Lage vor Ort zu checken. Ulmann gesteht, dass Samantha entgegen der Anzeige gar nicht auf ein Kind, sondern auf seine greise Schwiegermutter aufpassen soll, die im obersten Stockwerk des Hauses wohnt. Und weil er Samantha ein Vielfaches des ursprünglich abgemachten Betrags verspricht, willigt diese ein, den Job für eine Nacht zu übernehmen –

– was natürlich ein Fehler ist, wie sich bald herausstellt. Denn der Film heißt nicht umsonst „House Of The Devil“. Aber was sich für Samantha zu einem schrecklichen Alptraum entwickelt, aus dem es kein Erwachen gibt, ist für den Zuschauer purer, rosemarysbabyesker Gruselgenuss. Der junge Regisseur Ti West, der bei Filmen wie „The Roost“, „Trigger Man“ und „Cabin Fever 2“ noch nicht durch außergewöhnliches Können aufgefallen war, zeigt hier großes Talent. Sein Film sieht aus wie ein original 70er Jahre Streifen. Doch anders als Tarantino, Rodriguez und viele andere postmodere Filmemacher, kommt Wests Film ganz ohne Ironie und selbstgefällige Zurschaustellung von Filmwissen aus. Das tut gut und mache eine Menge Spaß. Da stört es nicht weiter, dass eigentlich gar nicht viel passiert und das Finale etwas käsig geraten ist. Im Gegenteil: der sukzessive Spannungsaufbau, die authentische 70er-Atmosphäre und ein liebevolles Setdesign, die überzeugenden Darsteller und zwei wohlplatzierte Schocks – einer in der Mitte, einer am Ende – machen „House Of The Devil“ zu einem intensiven Horrorerlebnis.

Und damit beende ich meinen #horrorctober und gestehe ein, dass ich das Ziel, 13 mir unbekannte Horrorfilme zu sehen und darüber zu schreiben, knapp verfehlt habe. (Nicht geschafft habe ich „Repulsion“, „The Psychic“ und „Antiviral“. Die werden in nächster Zeit bestimmt nachgeholt.) Im nächsten Jahr wäre ich sicher wieder dabei. Aber jetzt brauche ich erstmal ein wenig Abwechslung und schiebe einen französischen Liebesfilm in den Videorekorder.

Bild © Alive
 

Daughter Of Darkness (Harry Kümel, Belgien, Frankreich, Deutschland 1973)

Posted by – 4. November 2013

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Stefan (John Karlen) und Valerie (Danielle Ouimet) sind frisch vermählt und auf dem Weg zu Stefans Familie nach England. Weil sie jedoch die Fähre verpassen,  müssen sie eine Nacht in einem menschenleeren Hotel im belgischen Ostende verbringen. Dort treffen sie auf Gräfin Elisabeth Bathory (Delphine Seyrig) und ihre Begleiterin Ilona (Andrea Rau). Die beiden Frauen zeigen ein großes Interesse an dem jungen Ehepaar.

„Daughter Of Darkness“ (OT: Les lèvres rouges) von Harry Kümel ist eine sehr interessante Variation des Vampirthemas, schon allein weil hier keine Vampire  vorkommen. Kümel beschränkt sich auf Andeutungen, wie die einer Mordserie im nahen Brügge, der schon mehrere Frauen zum Opfer gefallen sein sollen oder auch den Namen der Gräfin (Bathory war eine ungarische Adlige, die dem Volksmund zufolge für zahlreiche Morde an ihren weiblichen Bediensteten und Frauen aus der Umgebung verantwortlich gewesen sein soll). Doch spannend ist der Film nicht in erster Linie wegen dieser Andeutungen, sondern wegen der Beziehungen der Personen. Jede Szene – sei es zwischen Stefan und Valerie, Elisabeth und Ilona oder allen vieren zusammen – saugt den Zuschauer förmlich hinein, weil zwischen den Figuren etwas passiert. Mal unterschwellig, mal ganz offensichtlich verhandeln sie ihre Beziehung(en). Stefan und Elisabeth scheinen während dieser Machtspiele, in denen sich der Mann zusehends als der Unterlegene erweist, um die Gunst von Valerie zu buhlen. Zumindest insofern verstehe ich schon, warum, wie ich irgendwo gelesen habe, Kümels Film von Kritikern heteronormativer Beziehungskonzepte so gefeiert wird. Als Plädoyer für bestimmte Lebensstile oder sogar politischen Film will ich „Daughter Of Darkness“ trotzdem nicht sehen, denn ein Opfer der Besitzansprüche anderer ist Valerie in beiden Fällen – sowohl als Stefans Frau als auch als Elisabeths Konkubine.

Möglicherweise muss man Kümels Film auch gar nicht unter der Fahne des Kriegs der Geschlechter stellen, sondern hat mehr von ihm, wenn man ihn einfach als unglaublich atmosphärische, optisch brillante und stark gespielte Variation des Vampirthemas sieht, die ihm durch Fokus auf Themen wie Macht und Begierde neue Facetten abringt. Mir gefällt „Daughter Of Darkness“ derzeit vor allem in seiner unmittelbaren Wirkung, beim Wahrnehmen seiner Stimmungen, die von Eiseskälte bis hin zu Leidenschaft  und im Untergrund brodelnden Emotionen reichen. Er gefällt mir weniger, wenn ich anfange, ihn zu rationalisieren. Aber ich will ihn unbedingt bald noch einmal sehen und mir auch Kümels Audiokommentar anhören, der sich noch auf der mir vorliegenden DVD von Bildstörung befindet. Vielleicht sehe ich die Sache dann anders.

Bild © Bildstörung
 

The Wicker Man (Robin Hardy, GB 1973)

Posted by – 4. November 2013

The_Wicker_ManDieser #horrorctober war schon ne tolle Sache. Zwar habe ich in der vorgegebenen Zeit nur 10 statt 13 Lücken schließen können, aber auch so habe ich Filme gesehen, die mich einfach glücklich gemacht haben. Film Nummer 8, „The Wicker Man“ von Robin Hardy“ war so ein Fall.

„The Wicker Man“ handelt von dem Polizisten Neil Howie (Edward Woodward), der eine anonyme Nachricht erhält, die besagt, dass auf der schottischen Insel Summerisle die junge Rowan (Gerry Cowper) verschwunden sei. Doch als Howie auf der Insel landet, will niemand der Bewohner etwas von einem verschwundenen Mädchen wissen. Im Gegenteil: Sie weigern sich anfangs sogar vehement, dem Polizisten zu helfen. Trotz offensichtlicher Indizien bleiben sie dabei, Rowan nicht zu kennen. Selbst die vermeintliche Mutter behauptet, kein Kind zu vermissen. Howie bleibt misstrauisch. Das Verhalten der freizügigen Inselbewohner, die einem seltsamen Fruchtbarkeitskult anhängen, findet der strenggläubige Polizist abstoßend und er wird den Verdacht nicht los, dass irgendetwas auf Summerisle nicht mit rechten Dingen zugeht.

Der Verdacht trügt natürlich nicht. Doch nicht nur Summerisle ist eine merkwürdige Insel mit ebensolchen Bewohnern – der ganze Film von Robin Hardy nach einem Drehbuch von Anthony Shaffer ist ein seltsames Etwas, ein schräger Genre-Mix, der immer wieder Momente heraufbeschwört, die man so nicht erwartet hätte. Die plötzlichen Musik-Einlagen, die von Kneipenliedern, über Kinderchöre bis zu musicalreifen Melodien reichen, sind nicht die einzigen, aber offensichtlichsten Irritationen. Denn „The Wicker Man“ ist kein normaler Horrorfilm. Ich würde sagen, sein Kernthema ist ein „Clash of Cultures“. Howie steht für das selbstbewusste, ja arrogante, christlich geprägte Establishment und ist außerdem ein Vertreter der Ordnungsmacht, die sich dazu berufen fühlt, auf die Einhaltung der expliziten und impliziten Regel zu achten. Verständlich, dass Howie am Verhalten der Inselbewohner viel auszusetzen hat. Die Einheimischen, voran ihr charismatischer Anführer Lord Summerisle (Christopher Lee), sind Anhänger einer archaischen (für Howie sogar anarchischen) Kultur. Interessant ist, dass sich die Sympathien des Zuschauers im Laufe des Films mehrmals verschieben.  Während die meisten anfangs noch bei dem rechtschaffenden Polizisten sein dürften, wird diese Einstellung aufgrund Howies absolutem Autoritätsanspruchs und seinem Mangel an jedweder Form von Einfühlungsvermögen möglicherweise bald Risse bekommen. Was sein Schicksal allerdings nicht weniger bitter macht.

Mich hat Hardys Film tatsächlich an Bill Forsyth „Local Hero“ (1983) erinnert, dessen böses Gegenstück er sein könnte. Darin erliegt der Protagonist MacIntyre, der im Auftrag einer großen Ölfirma einen schottischen Küstenort bereist, um die Menschen dort zum Verkauf zu bewegen, dem Charme des Dorfes und seiner Einwohner. In „Local Hero“ wird der „Eindringling“ sanft assimiliert – in „The Wicker Man“ wird die Hauptfigur hingegen gewaltsam „verschlungen“. In beiden Fällen geht das Kollektiv gestärkt hervor. Während sich der Zuschauer nach Forsyths Film angenehm beschwingt fühlen dürfte und ihn möglicherweise die spontane Lust überkommt, ein schottisches Trinklied zu trällern, wird ihm am Ende von Hardys Meisterwerk jeder Ton in der Kehle stecken bleiben. „The Wicker Man“ hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Danach befand ich mich eine nicht zu erinnernde Zeit lang im freien Fall.

Bild © Studiocanal