Month: Dezember 2013

Minority Report (Steven Spielberg, USA 2002)

Posted by – 31. Dezember 2013

Minority ReportWissen ist Macht. Doch wie viel Wissen brauchen wir eigentlich, um uns auf eine unsichere Zukunft einzustellen? Und: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben für mehr Sicherheit? „Minority Report“, Steven Spielbergs meisterhafte Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Philip K. Dick, geht diesen Fragen nach. Die Antworten schmerzen.

Die Story: Im Jahr 2054 testet die Washingtoner Polizei eine revolutionäre Methode der Verbrechensbekämpfung: Die Abteilung Precrime verhindert Verbrechen, ehe sie geschehen. Mithilfe der hellseherischen Fähigkeiten der drei „Precogs“ Agatha, Arthur und Dashiell können Morde vorhergesagt werden. Chief John Anderton (Tom Cruise) und sein Team sind schnell zur Stelle, um den Täter kurz vor seiner Tat dingfest zu machen. Doch Anderton gerät bald selbst ins Visier seiner Einheit: Die Precogs sagen vorher, dass er zum Mörder wird…

„Minority Report“ gehört für mich nicht nur zu den besten Spielberg-Filmen, sondern auch zu den wichtigsten Science-Fiction-Werken überhaupt. Warum letzteres, erkläre ich später. Zunächst möchte ich Spielberg für diesen schicken Film loben. Für viele Ideen, beispielweise, wie Mobilität oder Konsum im Jahre 2054 aussehen könnten oder wie Computerinterfaces bedient werden, hat er „Zukunftsexperten“ herangezogen. Hat sich gelohnt, würde ich sagen. „Minority Report“ ist in vielerlei Hinsicht richtungsweisend. Ebenfalls toll: Spielberg nutzt geschickt sein Szenario, um eigentlich einen normalen, wenngleich rasant gefilmten und überraschungsreich vorgetragenen Kriminalfall zu erzählen. Wer gegen das Gesetz verstößt, dafür aber nicht zur Rechenschaft gezogen werden will, musste seit jeher seine Taten verschleiern und seine Häscher auf eine falsche Fährte locken. Nichts anders passiert auch hier, wenngleich Spielberg außergewöhnlich raffiniert vorgeht. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten: Es vergehen fast Dreiviertel des Films, bis der Zuschauer überhaupt merkt, aus welcher Richtung der Wind weht.

Aber „Minority Report“ ist dann eben doch mehr als ein Krimi. Er ist clevere und weitsichtige Science Fiction und zwar in dem Sinne, das hier ein Wesenszug des Menschseins, nämlich seine Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen, ins Zentrum gestellt und hiervon ausgehend der (ewige?) Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit unter die Lupe genommen wird. Zukunft, die Zeit, die noch nicht ist, die große Unbekannte, verheißungsvoll und bedrohlich zugleich. Unsere Vorstellung von Zukunft als Zeitraum in der Geschichte ist allerdings relativ jung. Heute denken wir, wenn wir an Zukunft denken, vor allem an Chancen und Risiken, wir versuchen zu planen und Unvorhersehbarkeiten aus dem Weg zu räumen. Wir glauben, die Zukunft sei in der Gegenwart verankert, man könne durch Antizipation und Planung langfristig auf sie einwirken. Ein Beispiel für die Entdeckungslust und den Zukunftsoptimismus ist sicherlich die von Gene Roddenberry geschaffene Fernsehserie „Star Trek“ die mit insgesamt 726 Episoden sowie bereits über 10 Kinofilmen und zahlreichen Romanen eines der bekanntesten und wichtigsten Franchises innerhalb der Science Fiction darstellt.

Der Optimismus à la Jules Verne, H. G. Wells und Gene Roddenberry wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter zurück gedrängt und der Zukunftshorizont begann sich wieder zu verengen: Naturkatastrophen, Umweltzerstörung, der Kalte Krieg sowie unerwartete politische und ökonomische Ereignisse ließen Zweifel an der Idee von langfristiger Plan- und Vorhersehbarkeit aufkommen. Entsprechend reagierte die Science Fiction und brachte eine Vielzahl von dystopischen Filmen und Büchern hervor. Zu den bedeutendsten Werken in diesem Kontext zählt sicherlich Georg Orwells „1984“ (verfilmt durch Michael Radford), in dem es um einen unmenschlichen Überwachungsstaat geht, der erschreckenderweise in mancherlei Hinsicht von der Gegenwart längst eingeholt wurde. Auch „Gattaca“ von Andrew Niccol und eben auch Spielbergs „Minority Report“ beschäftigen sich – jeder auf besondere Weise – mit den Themen Kontrolle und Sicherheit. In „Gattaca“ ist der menschliche Körper keine Privatsache mehr, er wird vollständig kontrolliert, in Spielbergs Film diktiert uns das Wissen um die Zukunft unser Verhalten in der Gegenwart.

Für mich ist „Minority Report“ nicht nur ein starker Film, sondern auch ganz schön harter Tobak. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, sein Leben nach der Zukunft auszurichten und nach bestem Wissen und Gewissen zu planen. Das ist sogar völlig normal. Die Grenzen zu einer „Futurokratie“ sind allerdings fließend. Je mehr wir über die Zukunft wissen (genauso schlimm: zu wissen glauben), desto mehr engt die Vernunft den Handlungsspielraum des Einzelnen ein. Fortschritt und Freiheit werden hier zu zwei unversöhnlichen Gegensätzen, Wissen ist paradoxerweise Macht und Machtlosigkeit zugleich. Doch der Film wäre nicht von Spielberg, wenn es bei aller Dunkelheit nicht auch ein wenig Sonnenschein gäbe. Einige Comedy-Szenen heitern das Ganze auf; und zum Schluss darf – anders als in der Vorlage von Philip K. Dick – die Freiheit triumphieren. Wir haben immer eine Wahl, so Spielberg. Wahrscheinlich wäre der Film für Otto-Normal-Zuschauer ansonsten auch zu verstörend. Mir persönlich hätte ein konsequenteres Ende ein wenig besser gefallen. Aber das ist mein einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten hervorragenden Film.

Bild © Twentieth Century Fox
 

Der Zinker (Alfred Vohrer, Deutschland /Frankreich 1963)

Posted by – 29. Dezember 2013

Der Zinker Universum FilmMan kann die gleiche Erfahrung nicht zweimal machen. Dieses Blog ist ja auch ein wenig der Versuch, mir meine wegbröckelnde Erinnerung ein Stück weit zurückzuerobern, zumindest den filmischen Anteil. Ein Antrieb, dieses Blog überhaupt zu starten, war, mir die Filme meines Lebens, also diejenigen, die mich aus den späten siebziger, achtziger und neunziger Jahren besonders beeindruckt haben, noch einmal anzusehen und zu überprüfen, wie sich die Erinnerung zur Neuerfahrung verhält.

Mich interessiert schon seit einer ganzen Weile, wie mir wohl heute die Edgar-Wallace-Filme gefallen. Einige davon habe ich als Kind gesehen, weil sie ständig im Fernsehen liefen. Bis auf „Der Frosch mit der Maske“, den ich definitiv erinnere, kann ich nicht einmal genau sagen, welche ich kenne. Ich habe keine konkreten Erinnerungen, aber ich weiß noch, dass mich die Filme damals fasziniert haben. Sie haben Gänsehaut produziert und meine Fantasie beflügelt. Und wahrscheinlich haben sie bereits die Anlage dafür geschaffen, dass ich eine bestimmte Art von Gruselkrimi sehr mag. Funktionieren die Wallace-Filme für mich heute immer noch? Ohne große Vorbereitung springe ich mitten in die Reihe und schaue mir den 14. von Alfred Vohrer inszenierten Film der 1959 bis 1972 entstanden Wallace-Reihe an: „Der Zinker“.

„Der Zinker“ ist der Name eines geheimnisvollen Verbrechers, der in London sein Unwesen treibt und von der Polizei und Gangstern gleichermaßen gefürchtet ist. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird mit dem Gift der schwarzen Mamba aus dem Weg geräumt. Doch das Gift bringt Inspektor Elford (Heinz Drache) auf eine Spur: Könnte es sein, dass die einer Tierhandlung nahestehenden Personen etwas damit zu tun haben? Schließlich wurde dort vor kurzem eine schwarze Mamba gestohlen. Zu den Verdächtigen gehören Mrs. Mulford (Agnes Windeck), die Besitzerin der Tierhandlung, ihre Nichte Beryl (Barbara Rütting),  der Geschäftsführer der Tierhandlung, Frank Sutton (Günter Pfitzmann), und der verrückte Tierpfleger Krischna (Klaus Kinski).

Als „handwerklich ordentlichen Kriminalfilm“ beurteilt der katholische Film-Dienst diesen Wallace. Ich kann nicht anders als mich darüber zu wundern. Nicht, dass mir „Der Zinker“ nicht gefallen hätte, im Gegenteil: Ich finde ihn durchaus auch ordentlich inszeniert. Allerdings kann ich keine Ordnung in diesem total irren, durchgeknallten Film finden. Beim Sehen habe ich zwei Dinge festgestellt. Erstens: „Der Zinker“ gehört, soweit ich das heute sagen kann, zu den mir noch völlig unbekannten Wallace-Filmen. Zweitens: Meine Erinnerung an die Serie als eine ziemlich gruselige Angelegenheit, erweist sich heute als falsch bzw. völlig veränderte Erfahrung  (,was natürlich auch an diesem spezifischen Film gelegen haben mag). Ich saß beinahe die ganze Zeit mit einem Grinsen vor dem Fernseher, das mit jedem absurden Einfall breiter wurde. Dabei war es nicht nur die Geschichte (dieses seltsame Haus mit den Tieren im Keller, die skurrilen Figuren), sondern auch die Inszenierung Vohrers, die mich begeistert hat. Der Shot aus dem Mund einer Figur während sie eine Karotte isst, Eddi Arent als Journalist und seine witzigen Geräuscheinlagen, das alles hat mir sehr gefallen. In das Vergnügen hat sich jedoch noch ein anderes Gefühl gemischt: Wehmut.

„Der Zinker“ ist sicherlich ein typischer Wallace, was mir aber erst jetzt so langsam bewusst wird. Ich habe zwischenzeitlich noch den ebenfalls von Vohrer inszenierten „Der Hexer“ gesehen, in dem ich große Ähnlichkeiten, insbesondere was den Tonfall und diese skurrilen Einfälle betrifft, entdecken konnte. Früher war ich empfänglicher für den Mystery-Aspekt der Stoffe, ich habe mich echt gegruselt. Heute fällt mir eher das Absurde auf. Ich bin mir nicht sicher, ob mir diese veränderte Wahrnehmung gefällt. Es ist schön, dass ich jetzt die zahlreichen Gags verstehe, aus denen Vohrers Version des Wallace-Stoffs besteht, andererseits scheint mir durch das bessere Verstehen irgendetwas verloren gegangen zu sein – eine Art ungefilterte Erfahrung, reine, von Wissen ungetrübte Faszination. Aber vielleicht ist das auch nur sinnlose Nostalgie. Man kann einen Film nur einmal zum ersten Mal sehen. Doch statt zu Jammern sollten man seinen Geist lieber fürs zweite, dritte, vierte Mal öffnen.

Bild © Universum Film
 

Passion (Brian de Palma, Deutschland / Frankreich 2012)

Posted by – 21. Dezember 2013

PassionSehr viel Positives wurde über Brian de Palmas neuen Film „Passion“, ein Remake des französischen Thrillers „Love Crime“, noch nicht geschrieben. Als Film auf „B-Movie-Niveau“ (Die Welt) wurde er bezeichnet, als „Lachnummer“ (Berliner Zeitung), „Abschlussprojekt einer Filmhochschule“ (Der Freitag) oder – ganz eloquent auf Spiegel Online – einfach als „Müll“. Bei so viel mieser Presse fällt es natürlich besonders leicht, den sicherlich nicht in jeder Hinsicht perfekten, aber trotzdem meisterlich inszenierten und durch Rachel McAdams, Noomi Rapace und Karoline Herfurth markant gespielten Film ins Herz zu schließen.

Christine (Rachel McAdams) leitet die Berliner Dependance einer internationalen Werbeagentur, Isabelle (Noomi Rapace) ist ihre fähigste Mitarbeiterin. Als Christine Isabelle eines Tages die Idee klaut und Isabelle ihrer Chefin ihren Liebhaber Dirk (Paul Anderson) ausspannt, entspinnt sich zwischen den beiden Frauen ein Machtkampf, der immer erbitterter geführt wird.

Mit „Passion“ kehrt de Palma zu seinen Wurzeln zurück. Man könnte auch sagen, der mittlerweile über 70-jährige Regisseur feiert sich richtig selbst, vielleicht, weil das dieser Tage zu wenig andere tun (vielleicht hat das aber auch einen anderen Grund). De Palma greift Motive auf, variiert sie genüsslich und ordnet sie zu etwas an, das kaum Ähnlichkeit mit Filmen hat, die man heutzutage sonst so im Kino zu sehen bekommt. Eine, bzw. diesmal sogar gleich drei Femme Fatal, Voyeurismus und sexueller Eskapismus, Psycho- und Machtspielchen, Spiegel(ungen), Masken sowie die typischen De Palma’schen Stilmittel wie Splitscreens und längere Kamerafahrten – alles dabei in diesem Film eines Regisseurs, der niemandem mehr etwas beweisen muss und der gar nicht erst versucht, sich selbst neu zu erfinden. Der es aber trotzdem schafft, auch den passionierten Fan  des Regisseurs durch mehre interessante Brüche zu überraschen, ja sogar ein wenig an der Nase herum zu führen. Aber auch der De-Palma-Unkundige kann ich daran erfreuen, wie sich auf einmal die Farben ändern, die Perspektiven wegknicken und er oder sie sich in einer anderen Realität oder besser gesagt: so richtig im Film wieder findet.

In „Passion“ hassen sich zwei Frauen mit Leidenschaft. Oder vielleicht lieben sie auch nur sich selbst so sehr, dass für andere keine Liebe mehr übrig bleibt. Es ist ein Film über das Ego – das der Protagonistinnen, aber auch das, des Regisseurs. Insofern passen hier Form und Inhalt wunderbar zusammen! Ja, „Passion“ ist wahrlich ein Film über die dunklen Seiten der Leidenschaft, aber eben auch über die guten: De Palma braucht nicht viel, um einen Film zu drehen, der so viel besser ist als das meiste, was einen Kinostart bekommt, und er beweist, dass er auch noch nach so vielen Jahren des Filmemachens mit Leid und Seele dabei ist. Das Publikum nölt, die Kritiker lästern – und ich wundere mich. Sind denn heute alle schon so auf die Optik des Mainstream- und nicht weniger überraschungsfreien Independent-Kinos gepolt, dass man einen Film wie „Passion“ allen Ernstes als Lachnummer, Schülertheater oder Müll bezeichnen und so einen Text auch noch in einer seriösen Zeitung veröffentlichen kann? Schön, dass es auch Menschen gibt (hier z.B. oder hierhier und hier), die etwas genauer hinschauen und analysieren, wie ein Film funktioniert und was er mit ihnen macht. Die neugierig und aufgeschlossen bleiben, auch wenn sie ihn vielleicht nicht mögen. Das bewundere ich. Denn auch wenn de Palmas Film bestimmt den einen oder anderen Schwachpunkt hat, eine „B-Kritik“ hat er dennoch nicht verdient.

Bild © Ascot Elite
 

Amer (Hélène Cattet, Bruno Forzani, Frankreich / Belgien 2010)

Posted by – 19. Dezember 2013

amer_Schon den Inhalt von Hélène Cattet und Bruno Forzani fiebriger Giallo-Fantasie so wiederzugeben, dass der Zuschauer eine Ahnung davon erhält, was ihn mit „Amer“ erwartet, ist nicht leicht. Das liegt auch daran, dass sich die beiden Filmemacher nicht die geringste Mühe geben, eine kohärente Geschichte zu erzählen. Zunächst erhält der Zuschauer Einblick in die Kindheit der Protagonistin Ana (Cassandra Forêt). Dort macht sie das erste Mal Bekanntschaft mit dem Tod als sie sich ins Sterbestimmer ihres Großvaters schleicht. In scheinbar keinem Zusammenhang dazu zeigt die zweite Episode des Film Erlebnisse aus Anas (diesmal gespielt von Charlotte Eugène Guibeaud) Jugend: Während eines Urlaubs am Meer trifft die junge Frau Männer in Lederkluft, muss aber feststellen, dass ihre Mutter ihre aufkeimenden Gefühle ganz und gar nicht gutheißt. Die letzte Episode führt Ana (Marie Bos), nunmehr eine erwachsene Frau, zurück in das Haus ihrer Kindheit…

Bei „Amer“, das merkt man sofort, waren absolute Filmfans am Werk, solche, die das italienische Horrorkino der späten 1960er und 1970er Jahre sehr gut kennen und dem Genre des Giallos ihre Referenz erweisen. Doch ist ihr assoziativer, bild- und soundgewaltiger Film kein reines Fan-Kino, sondern durchaus ein sehr eigenes Werk geworden, das zwar viele Strukturmerkmale des Giallo als besonderer Spielart des italienischen Krimis aufweist, sich aber gleichzeitig davon löst und durch die Aneinanderreihung von Stilmittel so etwas wie einen Meta-Giallo schafft. Ob das nötig gewesen wäre, sei dahingestellt. Schließlich  lässt sich dieses Genre selbst schon als eine Form des Meta-Kommentars auf Krimis und Thriller sehen. Gleichwohl ist „Amer“  aufgrund seiner Kompromisslosigkeit spannendes cineastisches Experiment; allerdings mit Sicherheit auch eines, welches das Publikum spalten wird. Mir war er zu vollgestopft und stilistisch überfrachtet. Ich würde ihn fast schon als auf eine unangenehme Art selbstverliebt bezeichnen. Muss ihn aber unbedingt noch ein zweites Mal sehen, um mir ein abschließendes Urteil zu bilden.

Bild © Koch Media
 

Kino 2013: Meine Top 10

Posted by – 19. Dezember 2013

Knapp 100 Filme habe ich dieses Jahr im Kino gesehen. 100 Filme – das heißt natürlich auch, dass ich die große Mehrheit der Kinostarts verpasst habe. Gern gesehen hätte ich z.B. noch „La Vie d’Adéle“, „Captain Phillips“, „Prisoners“, „The Bling Ring“, „Finsterworld“, „Blue Jasmin“, „Die andere Heimat“… Aber da habe ich wenigstens schon mal was, auf das ich mich 2014 freuen kann. So, aber jetzt zu den Top 10 dieses Jahres. Folgende Filme haben mir am besten gefallen:

Rust And Bone (Jacques Audiard, Frankreich / Belgien 2013)

Vor drei Jahren hat Jacques Audiard mit „A Prophet“ (OT: Un prophète) meine Jahresliste angeführt. Jetzt steht er ein weiteres Mal auf dem Siegertreppchen. Dabei kann ich nicht einmal genau sagen, um was für eine Art Film es sich bei „Rust And Bone“ (OT: De rouille et d’os) handelt. Ein Liebesfilm? Ein Sozialdrama? Es geht um die Beziehung zweier Menschen, die das Schicksal an den Rand der Gesellschaft getrieben hat. Ein Problemfilm ist  „Rust And Bone“ trotzdem nicht – schon deswegen, weil Audiard Probleme zur Selbstverständlichkeit macht und sie so in die Normalität holt. „Rust And Bone“ überrascht, unterläuft die Erwartungen, ist schön und hässlich, brüllend laut und hingehaucht leise, ist so zart und gewaltig, dass es weh tut.

The Hunt (Thomas Vinterberg, Dänemark / Schweden 2012)

Thomas Vinterbergs „Das Fest“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Die darauf folgenden Filme haben mir dann aber nicht mehr so gefallen. Mit „Die Jagd“ (OT: Jagten) hat  er nun doch noch einmal einen Film gemacht, der mich gefesselt und nicht wenig verstört hat. Analytisch zeichnet Vinterberg die auf einen vermeintlichen Fall von Kindesmissbrauch folgende Kausalkette nach und legt dabei offen, wie aus besten Absichten Böses entsteht.

The Hunger Games: Catching Fire (Francis Lawrence, USA 2013)

Die Demütigungsmaschine des Capitols kommt erst im zweiten Teil der „Hunger Games“ so richtig auf Touren. Die Fortsetzung steht dem ersten Film in nichts nach, sondern treibt die todtraurige Geschichte in der grausamen Welt von Panem unbarmherzig voran. In der diesjährigen Blockbuster-Saison ist „The Hunger Games: Catching Fire“ mit Sicherheit der relevanteste Film. Panem et circenses – das hat im alten Rom funktioniert, das funktioniert im Film. Und vielleicht funktioniert das auch in der Jetztzeit gar nicht schlecht. Ein Blick auf aktuelle Reality-Formate legt diesen Schluss jedenfalls nahe. (Mehr dazu)

Oz: The Great And Powerful (Sam Raimi, USA 2013)

Eine Ode an die Schaffenskraft, die aber vor allem erst einmal zeigt, dass hinter jeder Illusion eine ganze Menge Arbeit steckt. Die eigentliche Pointe an Raimis Film ist allerdings noch eine andere: „Oz: The Great And Powerful“ ist ein Meisterstück über das Thema Täuschung. Nicht nur, dass alle Figuren sich gegenseitig belügen: Raimi führt auch den Walt-Disney-Konzern mit diesem trojanischen Pferd an der Nase herum und dazu das Publikum gleich mit. (Mehr dazu)

Stoker (Chan-wook Park, USA, UK 2013)

Mit seinem Hollywood-Einstand liefert Chan-wook Park nicht nur eine tiefe Verbeugung vor Hitchcocks „Shadow Of A Doubt“ ab, für mich ist ihm mit „Stoker“ auch gleich der beste Film seiner Karriere gelungen: Mia Wasikowska und Matthew Goode liefern sich in diesem fiebrigen Thriller ein Psychoduell sondergleichen. Es gibt bestimmt tiefsinnigere Filme in meiner Liste. Aber nur wenige, die mich so verzaubert haben wie Parks „Stoker“. Die Szene des Jahres: Das Klavierduett zwischen India und ihrem Onkel.

Zero Dark Thirty (Kathryn Bigelow, USA 2012)

Kathryn Bigelow ist mit Zero Dark Thirty ein sehr spannender, vielschichtiger Film gelungen, aber auch einer, der es dem Zuschauer nicht ganz leicht macht: Ähnlich wie David Finchers „Zodiac“ ist auch Bigelows Film ein Recherchethriller, der sich über viele Jahre erstreckt und dabei eher die Struktur der Suche und des zugrunde liegenden Konflikts analysiert, als auf konkrete Charaktere abhebt. Trotzdem: Es ist faszinierend anzusehen, wie es Bigelow gelingt, das große Ganze am Detail deutlich zu machen und dadurch die Mechanismen eines fast schon archetypischen Konflikts freizulegen. (Mehr dazu)

Gravity (Alfonso Cuarón, USA 2013)­­

Auf den ersten Blick wirkt „Gravity“ wie ein klassischer Katastrophenfilm, ein Weltraum-Abenteuer vor dem Hintergrund einer Havarie in der Umlaufbahn der Erde. Beim genaueren Hinsehen geht es aber vor allem um die Anziehungskräfte zwischen Menschen – Liebe, Freundschaft, Vertrauen –, die hier den Unterschied machen zwischen Objekt und Subjekt, Leben und Tod. Und die schlussendlich verhindern, dass wir in der Dunkelheit des Weltraums einfach verschwinden.  Ein großes, wichtiges und existenzielles Kinoerlebnis! (Mehr dazu)

Before Midnight (Richard Linklater, USA / Griechenland 2013 )

Nach „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004) ist „Before Midnight“ der dritte Teil von Richard Linklaters dialoglastiger Romanze um das Pärchen Jesse (Ethan Hawke) und Céline (Julie Delpy). Die beiden sind mittlerweile verheiratet und leben zusammen mit ihren beiden Töchtern in Paris. Während ihres Sommerurlaubs in Griechenland kommt es zwischen ihnen zu einer langen Diskussion um ihre gemeinsame und berufliche Zukunft – die in einem heftigen Streit mündet. Formal ist „Before Midnight“ den beiden anderen Teilen sehr ähnlich. Was den dritten Teil allerdings von den Vorgängern unterscheidet, ist die Fallhöhe, die beide Protagonisten mittlerweile haben. Es ist kein Urlaubsflirt, und die beiden haben nicht nur die Verantwortung für ihr eigenes Leben, sondern auch für das ihrer Kinder. Ihr Scheitern würde gleichzeitig eine Katastrophe für andere bedeuten. Für mich der düsterste, aber auch beste Film der Reihe.

The Act Of Killing (Joshua Oppenheimer, Dänemark / Norwegen / Großbritannien 2012)

Wie kann man einen Film ertragen, in dem sich Kriegsverbrecher, die in den 1960er Jahren für Massenmorde in Indonesien verantwortlich waren, ihrer Taten rühmen, mit stolzgeschwellter Brust und einem Lächeln im Gesicht erzählen, wie sie andere Menschen gefoltert und zu Tausenden umgebracht haben – und die dann sogar beginnen, ihre Verbrechen für Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm nachzustellen? Eine Antwort auf diese Frage habe ich nicht. Aber ich glaube, dass man sich diesen Film ansehen und es zu ertragen versuchen sollte. Alles andere wäre Verdrängen.

White House Down (Roland Emmerich, USA 2013)

Bis vor kurzem befand sich an diesem Platz noch Roman Polanskis „Venus In Fur“. Ohne Frage auch ein toller Film. Aber von Polanski erwarte ich auch Großes, von anderen hingegen nicht. Insofern widme ich den zehnten Platz auf dem Treppchen meinem persönlichen Shooting-Star des Jahres: Roland Emmerich. In „White House Down“ legt der Mann aus Sindelfingen zwar nur das Weiße Haus in Schutt und Asche, nimmt damit aber gekonnt das Herz der Vereinigten Staaten ins Visier. Das Ergebnis: sein bester Film überhaupt. „White House Down“ ist spannend, explosiv, komisch – und hat eine gehörigen Portion Chuzpe. (Mehr dazu)

Für alle, die lieber hören als lesen: Hier unterhalte ich mich mit Patrick und Michael über unsere Jahres-Top-10.

Source Code (Duncan Jones, USA 2011)

Posted by – 14. Dezember 2013

source codeDuncan Jones Debüfilm „Moon“ gilt schon wenige Jahre nach seinem Erscheinen als Science-Fiction-Klassiker. Jones trieb in diesem Quasi-Ein-Mann-Stück nicht nur seinen Hauptdarsteller Sam Rockwell („The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“, „Choke“) zu absoluten Höchstleistungen an, sondern präsentierte erzählerisch geschickt und inszenatorisch eigenwillig das schauriges Bild einer Zukunft, in der nur das zählt, was sich rechnet. Ich bin nicht uneingeschrenkt zufrieden mit „Moon“, weil mir der Film einfach zu sehr wie ein gestreckter Kurzfilm vorkommt, aber ich mag ihn trotzdem.

Noch viel besser finde ich allerdings „Source Code“, Jones zweiten Langfilm nach einem Drehbuch von Ben Ripley, der seinem Debüt in mehrfacher Hinsicht sehr ähnlich ist. Abermals findet sich ein Mann – und mit ihm der Zuschauer – in einer schwer zu durchschauenden Situation wieder, erneut werden philosophische Themen wie Identität, neue Technologien sowie Fragen nach dem Menschsein an sich mit einer gehörigen Portion Kapitalismuskritik zu einer reizvollen, aber auch herausfordernden Melange vermischt. Diesmal handelt die Geschichte von dem Soldaten Captain Colter Stevens (Jake Gyllenhaal), der sich unversehens in einem Zug Richtung New Jersey wiederfindet – jedoch nicht in seinem Körper, sondern in dem eines ihm fremden Mannes. Die anderen Passagiere, allen voran die Frau auf dem Platz vor ihm (Michelle Monaghan), scheinen ihn allerdings zu kennen. Ehe er das Rätsel lösen kann, detoniert eine Bombe in dem Zug – und Stevens findet sich in der gleichen Situation wieder, in der er vor ein paar Minuten war.

Mehr soll an dieser Stelle gar nicht über den Inhalt des Films verraten werden. Dem Leser dieses Textes sei weiterhin ans Herz gelegt, sich vorab möglichst wenig über den Film zu informieren. Denn „Source Code“, der wie eine Mischung aus Duncan Jones letztem Film, „Twelve Monkeys“, „eXistenZ“ und einer explosiven Variante von „Groundhog Day“ wirkt, hält noch einige Überraschungen bereit, denen man sich möglichst uninformiert aussetzen sollte, um in den Genuss des maximalen Guckspaßes zu kommen. Allerdings – und das macht Jones’ Neuen nicht nur zu einem sehr guten, sondern zu einem großartigen Film – lebt „Source Code“ nicht (nur) von seinen Twists, einem leidenschaftlichen Gyllenhaal sowie der bezaubernden Monaghan, sondern darüber hinaus von seiner exzellent umgesetzten, visionären Grundidee. Diese offenbart sich allerdings nicht auf den ersten Blick, sondern will gefunden werden.

Mit seinen ersten beiden Werken hat sich Duncan Jones, der Sohn von David Bowie, bereits als sehr fähigen und cleverer Filmemacher profiliert. Bei kaum jemanden bin ich derzeit so gespannt auf den nächsten Film. Im Falle von Jones ist das wohl die Spieladaption „Warcraft“, die irgendwann 2016 in die Kinos kommen soll.

Bild © Optimum Releasing
 

Homefront (Gary Fleder, USA 2013)

Posted by – 10. Dezember 2013

„Homefront“. Schon der Name des neuen Action-Vehikels für Jason Statham nach einem Drehbuch von Sylvester Stallone hat so ein Geschmäckle. Und in der Tat hinterlässt der Film einen sehr zwiespältigen Eindruck. Es geht um einen verdeckten Ermittler, der seinen Job an den Nagel hängt und sich mit seiner Tochter auf dem Land niederlässt. Doch er wird enttarnt und muss sich gegen seine Feinde von damals zur Wehr setzen. Sicherlich hat „Homefront“ seine guten Seiten wie eine spannende Prämisse, passable Action und mit James Franco und Winona Ryder auch ein paar interessante Darsteller. Aber in diesem Falle funktioniert die für Stallone bewährte Mixtur aus Haudrauf und Drama mit sozialkritischer Note nicht. Mir kam der Film fast schon reaktionär vor. Mehr von mir dazu auf Kino-Zeit.de.

Black Christmas (Bob Clark, Kanada 1974)

Posted by – 7. Dezember 2013

black christmas 74An das Remake von „Black Christmas“ kann ich mich nicht besonders gut erinnern. Aber wie man hier nachlesen kann, fand ich es wohl nicht so gut. Jetzt hatte ich endlich mal die Gelegenheit die Erinnerung an das Original von Bob Clark aufzufrischen. Es geht um eine Gruppe Studentinnen, die sich in einem Wohnheim für die große Weihnachtsparty bereit machen. Die festliche Stimmung wird allerdings durch das Verschwinden eines der Mädchen getrübt. Niemand ahnt, dass das erst der Anfang einer blutigen Mordserie ist.

Neben Mario Bavas grandiosem „Bay Of Blood“ (OT: „Reazione a catena“) gilt Bob Clarks „Black Christmas“ als der prototypische Slasher, er passt nicht nur genau ins Schema, er definiert es. Verglichen mit Filmen, die heute unter dem Label Slasher laufen, lassen sich trotzdem einige Unterschiede ausmachen, und es ist zum Teil ihnen zu verdanken, dass „Black Christmas“ so gut ist. Zum einen geht Clark deutlich zurückhaltender vor als seine Kollegen in spe. Der Gewaltpegel ist relativ niedrig, der erste Mord geschieht recht schnell, aber dann dauert es fast bis zum Finale, ehe mal wieder richtig was los ist. Diese Zeit ist jedoch nicht etwa langweilig, Clark und sein Drehbuchautor A. Roy Moore nutzten sie, um ein interessantes Figuren- und damit Beziehungsgeflecht um die schwangere Protagonistin zu installieren, das schon für sich genommen sehr spannend ist. Man kann gar nicht anders als mitzuraten, wer denn wohl der Verrückte auf dem Dachboden ist. Der schräge Klavierscore deutet in Richtung einer der Figuren, es gibt allerdings  Indizien, die dieser Spur widersprechen und möglicherweise weitere Hinweise, die  in eine noch andere Richtung führen. Doch „Black Christmas“ ist nicht in erster Linie ein Film zum mitraten, sondern einer, der von seiner Stimmung lebt. Ohnehin schon stark inszeniert und mit exzellenter Kameraarbeit gesegnet, streut Clark immer wieder großartige Szenen ein – wie z.B.  gleich zu Beginn, wenn man die Kletterpartie die Fassade des Wohnheims hinauf aus Sicht des schnaufenden Killers miterlebt, sein späteres Ausflippen auf dem Dachboden oder den Showdown – die noch einmal hervorstechen.

Aber Vorsicht! Die ruhige Erzählweise und der langsame Anstieg  der Spannungskurve – das alles ist ein Trick, durch den der Zuschauer eingelullt wird, so dass der Paukenschlag am Schluss so richtig sitzt: Am Ende, mit der letzten Kamerafahrt, löst sich die Wirklichkeit der Geschichte auf und der bisher stoffliche Film wird zu einem körperlosen Ungetüm. Konnte man vorher noch denken, alles würde den Regeln des Whodunnit folgen, muss man auf einmal in Betracht ziehen, dass „Black Christmas“ vielleicht etwas ganz anderes ist, eine Meditation über etwas Verdrängtes, bei der die sprichwörtlichen Leichen nicht im Keller, sondern eben auf dem Dachboden liegen. Ein wirklich guter Film! Und einer, dessen fiebrige Eleganz man vielleicht sogar noch ein wenig bewusster wahrnimmt, wenn man ihn sieht, während man mit einer fetten Erkältung auf dem Sofa vor sich hin vegetiert. So wie ich gerade.

Bild © Capelight Pictures
 

Turistas (John Stockwell, USA 2006)

Posted by – 6. Dezember 2013

TuristasWenn der Urlaub zum Albtraum wird… Eine Gruppe von US-Amerikanischen Urlaubern ist nach einem Busunglück in Brasilien auf sich allein gestellt. Anfangs macht man sich noch wenig Sorgen, sondern zieht einfach zum nächsten Strand weiter und feiert dort die nächste Party. Am anderen Morgen gibt allerdings ein Erwachen mit Schrecken: Zwei der Gruppe sind verschwunden, die anderen wurden ausgeraubt. Zu diesem Zeitpunkt  und sogar noch etwas später – als sie von einem Einheimischen tiefer und tiefer in den Dschungel geführt werden – wähnen sich die Urlauber immer noch auf einen außergewöhnlichen Urlaubstrip. Dabei stecken sie schon bis zum  Hals in der Scheiße.

Dies ist die größte Stärke von „Turistas“: Weder die Urlauber, noch die Einheimischen – das gilt für die jungen Brasilianer am Strand, die Leute im Dorf als auch für die Schergen des bösen Organdealers Dr. Zamora (Miguel Lunardi) – scheinen jemals zu begreifen, in welcher Situation sie sich gerade befinden, von einer echten Kontrolle über die Situation ganz zu schweigen. Das gibt der Handlung, obwohl sie sich in gewisser Weise immer auf ausgetretenen Pfaden bewegt, stets etwas Zufälliges, Überraschendes, ja sogar Chaotisches. Schön fotografierte Landschaften und einige richtig gute Wasser-Szenen helfen dem Film außerdem, sich ein merkliches Stück von manch Genre-Konkurrenten abzusetzen. Was auch gefällt, ist die für ein B-Movie ganz ordentliche Besetzung. Auch wenn es Josh Duhamel, Melissa George, Olivia Wilde und die anderen Darstellern kaum gelingt, ihren Figuren ein richtiges Profil zu geben, machen alle doch einen sympathischen Eindruck. Besser so, als dass die Figuren durch allzu grobschlächtige Merkmale zu reinen Karikaturen werden. Was den ganz ordentlichen Gesamteindruck etwas schmälert sind einige weniger glaubwürdige Wendungen und der dann doch etwas plakativ geratene Dr. Zamora. Trotzdem insgesamt ganz okayer Film. Aber noch zu einem anderen Aspekt.

Unter anderem wurde von Seiten der Brasilianischen Presse dem Film vorgeworfen, er sei unrealistisch, schüre Fremdenfeindlichkeit und würde ein verzerrtes Bild des Landes widerspiegeln. Nun, Horrorfilme zeichnen sich jetzt nicht in erster Linie dadurch aus, dass sie ein wahrheitsgetreues Abbild der Welt zeigen, sondern, dass sie mit den Urängsten der Menschen spielen. Und das tut John Stockwell in „Turistas“ recht gekonnt. Mir kam es dabei ehrlich gesagt  nicht so vor, als käme es ihm in erster Linie darauf an, irgendjemanden in schlechtem Licht dazustellen. Es geht um Macht, Abhängigkeit und die negativen Dynamiken, die sich aus einem Reichtumsgefälle ergeben können. Die meisten Brasilianer des Films befinden sich in existenzieller Notlage oder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Boss. Ihr Verhalten zeichnet sich (der Oberbösewicht ist hier die Ausnahme, die die Regel bestätigt) nicht durch besondere Grausamkeit aus. Die Amerikaner auf der anderen Seite bewegen sich durch das Land wie Elefanten im Porzellan-Laden, so dass es nicht verwunderlich ist, dass sie sich nicht besonderer Beliebtheit erfreuen. Aber auch sie werden nicht so dargestellt, dass man auf die Ideen kommen könnte, sie hätten ihr Schicksal verdient. Will nur sagen: Die verschiedenen Parteien, die Touristen und die Einheimischen, haben mehr als nur eine Seite, und ich kann den pauschalen Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit deswegen nicht nachvollziehen. Letzten Endes sind es sogar immer die angeblich so negativ dargestellten „Fremden“, die ein wenig über den Tellerrand hinaus blicken und der Handlung einen Dreh zum Positiven geben. Die Amerikaner bleiben in ihrer Rolle des Touristen gefangen.

Bild © Universum Film
 

Alucarda (Juan López Moctezuma, Mexiko 1978)

Posted by – 1. Dezember 2013

AlucardaSatanismus, Besessenheit und Exorzismus im Nonnenkloster klingt nach den Zutaten für einen Film nach meinem Geschmack. Die ersten Bissen waren auch wirklich lecker. Aber als ich brav aufgegessen hatte, kam’s mir wieder zu den Ohren raus.

Mitte des 19. Jahrhunderts findet die 15 jährige Justine (Susana Kamini) nach dem Tod ihrer Eltern ein neues Zuhause im Nonnenkloster. Dort freundet sie sich mit ihrer gleichaltrigen Waise Alucarda (Tina Romero) an. Schnell werden die beiden unzertrennlich. Doch Alucarda ist vom Teufel besessen und auch Justine schwört Gott bald ab. Als Alucarda und Justine sogar während der Bibelstunde gotteslästerliches Verhalten an den Tag legen, wird es Pater Lázaro (David Silva) und den Nonnen zu bunt und man beschließt, es mal mit einem Exorzismus zu versuchen – mit schrecklichen Folgen.

Besonders gefallen hat mir an „Alucarda“ (OT: Alucarda, la hija de las tinieblas), meinem ersten Film von Juan López Moctezuma, wie er sein Bild der Kirche vor 150 Jahren zeichnet und zeigt, was es heißen kann, in einer christlichen Gemeinschaft besessen gewesen zu sein. Das gelingt ihm nicht ganz ohne Schmuddelmomente, aber ich war positiv überrascht, wie ernst Moctezuma das Thema handhabt. Besessenheit darf hier durchaus als Metapher für jede Form von Ideen verstanden werden, die Jugendliche „infiziert“ und sie in  den Augen der Erwachsenen als „krank“ erscheinen lässt, so dass das gewaltsame Austreiben dieser Idee durch einen Exorzismus als einzige Lösung erscheint. Dass man dabei mitunter auch ein Stück Seele herausreißt, macht Moctezuma in eindrucksvollen Bildern deutlich. Ich denke da z.B. an den „Vampirmoment“ des Films, als die arme Justine, nachdem sie schon die brutale Teufelsaustreibung über sich ergehen lassen musste, nun auch noch mit quälendem Weihwasser bespritzt wird, bis sie zum Schluss – mehr aus Verzweiflung als aus Bösartigkeit – eine Nonne beißt. Weiterhin mochte ich noch Tina Romero dichtes, schwarzes Haupthaar und eine Handvoll Szenen, wie die ersten Begegnung von Justine und Alucarda mit den Zigeunern (Claudio Brooks Kostüm!!) und natürlich auch das feurige Finale, in dem Alucarda noch einmal zeigen kann, was es heißt, des Satans jüngste Tochter zu erzürnen.

All das ist wirklich delikat, aber, um im Bild zu bleiben, so ganz gemundet hat mir „Alucarda“ leider doch nicht. Das lag nicht an den offensichtlichen Schwächen wie den Darstellern und der rein gar nicht auf Spannung ausgelegten Erzählweise. Beides hat mich nicht gestört. Gestört hat mich allerdings das Sounddesign, oder anders gesagt: Der Film besteht zu großen Teilen aus in allen Varianten und Tonhöhen kreischenden Weibern – und das ging mir einfach zu sehr auf die Ohren. Gänsehaut, gerne! Aber nicht, wenn sie durch die Frequenz von hysterischen Schreien hervorgerufen wird. Zum jetzigen Zeitpunkt kommt mir „Alucarda“ deswegen eher vor wie Special Interest als ein Geheimtipp. Jetzt muss ich erst einmal verdauen. Mal sehen wir mir der Film bekommt.

Bild © CMV Laservsion