Month: Februar 2014

Stereo (Maximilian Erlenwein, Deutschland 2014)

Posted by – 27. Februar 2014

Stereo„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen…“ heißt es in Goethes „Faust“ und auch im Film von Maximilian Erlenwein geht es um eine zerrissene Seele.

Erik (Jürgen Vogel) betreibt eine Motorrad-Werkstatt in einer kleinen Stadt. Seine Beziehung zu Julia (Petra Schmidt-Schaller) läuft blendend. Doch dann tauchen plötzlich Fremde in der Stadt auf, die behaupten, ihn zu kennen, und sie setzen ihn unter Druck. Dann gibt es noch den mysteriösen Henry (Moritz Bleibtreu), der sich massiv in Eriks Leben einmischt…

Vergleiche mit „Fight Club“ oder „A History Of Violence“ sind schnell gefunden, doch müßig. Wichtig ist: Derart kraftstrotzendes, vitales Kino gibt es hierzulande nicht oft. Eine Inspiration für den Film war nach Aussage des Regisseurs, den ich im Rahmen der letzten Berlinale interviewen durfte, Henry Kosters „Harvey“ aus dem Jahr 1950. Was wäre, fragte Erlenwein sich, wenn dieser Hase aus dem Film eine miese Sau wäre? Das Ergebnis bekommen wir hier zu sehen. Erlenwein, selber ein großer Liebhaber von Genrefilmen, hat versucht, mit „Stereo“ selber so einen Film zu machen und zeigt eindrucksvoll, dass das auch in Deutschland möglich ist. Wenn man die richtigen Leute im Team hat. Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu spielen sich in dem düsteren Psychothriller im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib, von Petra Schmidt-Schaller bekommt der Film seine Wärme und Georg Friedrich rockt als schmieriger Gangster und Endgegner. Die Besetzung des Films ist auch insofern interessant, als dass es auf den ersten Blick naheliegend gewesen wäre, Bleibtreu als den netten Mechaniker und Vogel als seine dunkle Seite zu besetzen. Doch erst anders herum wird ein Coup draus!

Im Finale kommt es zum rohen, kathartischen Showdown: Knochen brechen, Blut spritzt, die Lichter gehen aus. Ein Motorrad rast mit heulendem Motor in die Nacht. Trotz alledem ist „Stereo“ irgendwie auch ein Liebesfilm. Die Liebe zwischen Erik und Julia spielt eine ganz wichtige Rolle, ohne sie würde der Film nicht funktionieren. So hart, so zart, so vielseitig kann deutsches Kino sein.

Bild © EuroVideo

Berlinale 2014: Meine Top 5

Posted by – 26. Februar 2014

berlinale2014Das war sie, meine Berlinale 2014. Ich habe knapp 40 Filme aus dem Programm gesehen. Und auch wenn ich es in diesem Jahr nicht geschafft habe, kurz etwas zu jedem Film zu schreiben, möchte ich doch zumindest meine Highlights erwähnen.

Late Autumn (Yasujiro Ozu, Japan 1960)

Dass in diesem Jahr ein Film aus dem Programm der Retrospektive meinen Spitzenplatz bekleidet, ist natürlich etwas langweilig. Aber ich versichere, dass ich ihn nicht aus Respekt vor seinem Macher oder weitverbreiteter Klassikerdemut gewählt habe. Yasujiro Ozus „Late Autumn“ (OT: Akibiyori) war schlicht und einfach der Berlinale-Film, der mich am meisten berührt hat und immer noch beschäftigt. Ozu erzählt in seinem drittletzten Film die Geschichte von Akiko, die von der absolut wunderbaren Setsuko Hara gespielt wird und ihrer Tochter Ayako (Yôko Tsukasa) – und dem Versuch einiger Freunde, die beiden Frauen unter die Haube zu bringen. Freundlich und traurig ist dieser Film, warmherzig und abgründig zugleich. Aber vor allem ist er unglaublich einfach und gerade in dieser Einfachheit herausfordernd komplex. Ein Film über das – und ein Film für das Leben.

Black Coal, Thin Ice (Diao Yinan, China 2014)

Mein zweites Highlight war der Wettbewerbsfilm „Black Coal, Thin Ice“ (OT: Bai Ri Yan Huo), bei dem ich und die Berlinale-Jury ausnahmsweise mal den gleichen Geschmack hatten. Der chinesische Beitrag ist ein knirschendes Etwas von einem Film, das den Zuschauer nicht nur einmal aufs Glatteis führt. Die Geschichte startet Ende der 1990er-Jahre in einer Kleinstadt im Norden Chinas. Dort werden mehrere Leichenteile gefunden. Bei der Festnahme des vermeintlichen Mörders kommen mehrere Polizisten ums Leben. Fünf Jahre später findet der Ex-Cop Zhang Zili, der seinerzeit verletzt wurde, heraus, dass der Mörder von damals möglicherweise immer noch frei herumläuft. Diao Yinans eisiger, mit vielen irritierenden Momenten garnierter Film orientiert sich am klassischen Film noir, ist aber auch eine ätzende und auf eine verzweifelte Weise manchmal sogar ziemlich witzige Gesellschaftskritik. Ich MUSS mehr von Diao Yinan sehen!

The Kidnapping Of Michel Houellebecq (Guillaume Nicloux, Frankreich 2014)

Einen Film wie diesen hätte ich Guillaume Nicloux nach dem spröden und manchmal unfreiwillig komischen „La religieuse“, den ich auf der letzten Berlinale sah, nicht zugetraut. Aber die ironische Fake-Doku „The Kidnapping Of Michel Houellebecq“ (OT: L’enlèvement de Michel Houellebecq) ist absolut freiwillig komisch und sogar einer der lustigsten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Die Geschichte braucht gut 20 Minuten, bis sie in Gang kommt, aber wenn der unbeholfene Houellebecq erst einmal von den drei undurchsichtigen Muskel-Trotteln entführt ist, gibt es kein Halten mehr und Nicloux und Houellebecq fackeln ein unglaublich witziges, anspielungsreiches Feuerwerk der Ideen ab. Auf die Frage, wo er eigentlich seine Inspirationen herbekomme, antwortet der Autor, dass er sich hierfür in den Zustand einer absoluten, ich-bezogenen Langeweile versetzen müsse. Dann kämen die Worte zu ihm. So ist auch der Film: Mit rasender Langsamkeit arbeitet er nach vorne, bis er  in den letzten Szenen mit 240 Sachen seine Ewigkeit findet. Fertig ist das kleine, unscheinbare Meisterwerk.

The Little House (Yoji Yamada, Japan 2014)

Ein wenig eigenartig verhält es sich mit „The Little House“ (OT: Chiisai Ouchi) von Yoji Yamada, den ich während der Sichtung und kurz danach zwar durchaus gut, aber nicht großartig fand. Erst nach der Berlinale beim zusammenstellen dieser Liste ist mir aufgefallen, dass er mir doch besser als so vieles andere gefallen hat. Yoji Yamada erzählt in diesem unaufgeregten, trotzdem meisterlichen Film die generationsübergreifende Geschichte der jungen Taki, die ihre Jugend als loyales Hausmädchen bei Familie Hirai in Tokio verbringt. Doch als sie Zeugin wird, wie sich die Hausherrin in den jungen Kollegen ihres Mannes verliebt sieht sich schließlich gezwungen, heimlichen Affäre einzugreifen. Gezeigt wird die nüchtern erzählte und trotzdem zu Tränen rührende Geschichte über Loyalität, Disziplin und Verzicht anhand von Rückblenden, in denen der junge Takeshi die Tagebücher seiner Tante Taki liest und dabei immer mehr über ihre Vergangenheit und die schicksalhafte Zeit im Hause Hirai erfährt. Ein toller Film. Und einer, der noch lange sanft nachschwingt.

Boyhood (Richard Linklater, USA 2014)

Ob sich Richard Linklaters außergewöhnliches Projekt wirklich einen langfristigen Platz in meinem Herzen sichern kann, wird die Zeit zeigen, zu meinen fünf Highlights möchte ich ihn aber auf jeden Fall zählen. Trotz kleinerer Längen im letzten Drittel war es der mit Abstand kurzweiligste Film des Wettbewerbs, Patricia Arquette ist in der Rolle der alleinerziehenden Mutter famos, die Idee, eine Geschichte über einen Zeitraum von zwölf Jahren mit den gleichen Schauspielern zu drehen, ist mutig und gibt zusätzliche Disziplinpunkte. Wenn dieses Coming-of-Age-Zeugs ein wenig mehr mein Geschmack wäre, hätte es der Film vielleicht auch etwas weiter nach vorne in diesen Top-5 geschafft.

Lobende Erwähnung

In meine Top-5 haben sie es nicht so ganz geschafft – zwei Filme möchte ich trotzdem gerne noch lobend erwähnen. Beide haben erfreulicherweise einen Kinostart bekommen: Zum einen wäre da Maximilian Erlenweins „Stereo“, mit dem der Regisseur zeigt, dass deutsches Genre-Kino nicht nur möglich ist, sondern richtig toll sein kann. Kann Spuren von „Fight Club“ und „A History Of Visolence“ enthalten, ist aber trotzdem ein erkennbar eigenständiges, kraftstrotzendes Werk mit großem Stilwillen. Kinostart: 15. Mai 2014. Zum anderen „Über-Ich und Du“ von Benjamin Heisenberg – einem Film jenseits allem, was man erwarten kann. Ich verrate nichts über die Geschichte, weil man diesen freundlich-verrückten Trip besser unvorbereitet sieht. Heisenbergs Film, mit einem großartigen Georg Friedrich in der Hauptrolle, überrascht nicht mit einem großen Knall, sondern ist eher eine entspannte Reise ins Unterbewusste in einem schrill-bunten Heißluftballon. Kinostart: 08. Mai 2014.

Und hier noch ein paar Links. Denn es gibt ja noch drei Podcasts, in denen ich mich mit Patrick bzw. mit Patrick & Martin vom Raushau-Blog über die Berlinale 2014 unterhalten habe sowie ein schönes Interview mit Till Kleinert, dem Regisseur von „Der Samurai“ (hier meine Kritik). Und wer noch was zu „Tape_13“ lesen will, der mir leider gar nicht gefallen hat, möge hier klicken.

Bild © B. Helbig
 

The Wicker Man (Neil LaBute, USA / Kanada /Deutschland 2006)

Posted by – 24. Februar 2014

wicker man cageWenn sich alle auf den Neuen stürzen, ihn anpöbeln, bespucken und mit Schlägen drohen, kommt in mir der Beschützerinstinkt durch. Insofern war ich gegenüber der Neuauflage von „The Wicker Man“ eigentlich in positiver Weise voreingenommen. Armes kleines Remake, das kann doch unmöglich so schlecht sein, wie alle sagen. Oder? Nein, ist es auch nicht. Mit dem Original (ich mag es sehr!) spielt Neil LaButes Version aber trotz interessanter Ansätze nicht in einer Liga.

Polizist Edward Malus (Nicolas Cage) wird Zeuge, wie bei einem  Verkehrsunfall eine Mutter und ihre Tochter sterben. Weil er nicht in der Lage war zu helfen, versinkt er in eine schwere Depression. Als er einen Hilferuf von seiner ehemaligen Lebensgefährtin Willow (Kate Beahan) erhält, die ihn bittet, ihr auf der abgelegenen Insel Summersisle bei der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter zu helfen, sieht Malus die Chance sich von seiner Schuld reinzuwaschen und macht sich auf den Weg dorthin. Auf der Insel angekommen muss er allerdings feststellen, dass hier einiges im Argen liegt.

Wer den gleichnamigen Horrorklassiker von Robin Hardy kennt, weiß auch, wie die Geschichte in LaButes Film weitergeht. Wer keine Ahnung hat, dem will ich hier die spannenden Wendungen und das Finale, das einem den Boden unter den Füßen wegreißt, nicht spoilern. Nur so viel: Es gibt Ähnlichkeiten gibt es auch einige Differenzen. Hingen die Inselbewohner in der Hardy-Version einem Natur-Kult an, sind sie hier Anhänger einer Sekte, die sich dem Weiblichen verschrieben hat. Dieser Unterschied ist weder willkürliche Änderung, um sich vom Original abzugrenzen, noch banal im Hinblick auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Wenn im letzten Drittel der Bär im Manne erwacht und Nicolas Cage sich grimassierend durch den Film wüten kann, liegt das wild schlagende Herz des bis dahin etwas zähen Remakes offen. Ein wenig wundert es mich, dass nur wenige Zuschauer goutieren konnten, was ihnen LaBute in den letzten 30 Minuten bis zum irren Finale auffährt. Mein persönliches Highlight: als der zu dem Zeitpunkt schon ziemlich durchgeknallte Malus (dessen Namen sowohl Anklänge von Malus im Sinne von Abzug, Makel aber ebenso von Male und Phallus hat) sich mit Waffengewalt eines Fahrrads bemächtigt („Step away from the bike!!“). In dieser ersten von vielen folgenden „Überreaktionen“ zeigt sich, dass die wahrscheinlich von vielen Zuschauern zuvor vorgenommene Einteilung in die „Guten“ und „Bösen“ doch nicht so leicht und trennscharf ist.

Auch wenn mir die angedeuteten Aspekte gut gefallen, habe ich dennoch zu bemängeln, dass LaBute sein Thema doch nicht ernst genug nimmt und erst gegen Ende mit schönen Einfällen illustriert, um was es ihm eigentlich geht. Hätte er etwas unkonventioneller inszeniert und schon von Beginn an kontinuierlich auf das Ende hingearbeitet, hätte mir der Film wesentlich besser gefallen. Das heimliche Meisterwerk, das ich mir erhofft habe, ist das Remake von „The Wicker Man“ so nun leider doch nicht geworden. Mein anfänglicher Beschützerimpuls war trotzdem überflüssig. „The Wicker Man“ muss gar nicht beschützt werden. Es ist ein erwachsender Film und kann sicherlich auf sich selbst aufpassen. Und: Ich würde mir einen zweiten Teil, in dem LaBute vielleicht noch etwas befreiter und mutiger agiert und in dem selbstverständlich James Franco die Hautrolle spielt, auf jeden Fall ansehen.

Bild © Warner Bros.
 

Pompeii 3D (Paul W. S. Anderson, USA 2014)

Posted by – 22. Februar 2014

Die einen halten seine Filme für austauschbare Massenware, die anderen feiern sie als Ultra-Kunst. Ich konnte mich bisher noch nicht so richtig für eine Seite entscheiden. Daran ändert auch Paul W. S. Andersons neuster Streich nichts. „Pompii“, eine Mischung aus Gladiatoren- und Katastrophenfilm ist auf den ersten Blick erkennbar kein  – zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – guter Film, allerdings einer, hinter dessen Unzulänglichkeiten man die große Vision eines anderen Kinos erkennen kann.  Wie sich Gestein unter großer Hitze zu Lava verwandelt, werden starre Konventionen und Gesetze des guten Geschmacks in den Händen des Regisseurs zum liquiden, funkelnden, filmischen Elementar-Stoff. Wenn man „Pompeii“ richtig zu nehmen weiß, wird man reich belohnt. Hier geht es zum Text, den ich für Kino-Zeit schreiben durfte.

Retribution (Guy Magar, USA 1987)

Posted by – 15. Februar 2014

RetributionNach über 30 Berlinale-Filmen brauche ich ein wenig Erholung. Schon die ersten Minuten von „Retribution“ prügeln mir ins Gedächtnis zurück, warum Filme gucken eine so tolle Sache sein kann. Selbstbewusst, mit festem Griff, nimmt Magar den Zuschauer an die Hand und zerrt ihn in die Geschichte. Am Anfang steht der Selbstmordversuch von George (Dennis Lipscomb), eines erfolglosen, depressiven Künstlers. Doch er überlebt den Sprung aus dem 4. Stock, sieht sich danach aber von grauenhaften, morbiden Alpträumen geplagt. Nicht einmal seine Psychologin Jennifer (Leslie Wing) kann ihm helfen. Plötzlich wird L.A. von einer Mordserie erschüttert, deren Details George aus seinen Träumen kennt. Hat George etwas damit zu tun?

Der Film wirkt wie ein im Entstehen begriffenes Gemälde, dessen Formen nur undeutlich zu erkennen und dessen Umrisse mit bunten Farbklecksen gezeichnet sind, oder vielmehr vor den Augen des Zuschauers mit schnellen Strichen und Tupfern immer mehr Gestalt annehmen. So entsteht ein Bild, das unverkennbar ein Produkt der 1980er Jahre ist, und das mich anfangs stimmungsmäßig ein klein wenig an „Jakob’s Ladder“ mit einer Prise „Scanners“ erinnert, aber dennoch sehr eigenständig daher kommt. Guy Magar, ein Regisseur von dem ich vorher noch nichts gehört hatte, vielleicht weil er bis auf wenige Ausnahmen für’s Amerikanische TV gedreht hat, macht in diesem Film alles richtig. Die Story um einen dem Tode entronnenen Künstler, der zum Werkzeug einer fremden Macht wird, erfindet sicherlich den übernatürlichen Rache-Thriller nicht neu, gibt dem Zuschauer aber audio-visuell die volle Breitseite und lässt auch, was die Intensität der Mordszenen angeht, die meisten Genre-Vertreter hinter sich: Da schlitzt sich z.B. eine Frau selber den Bauch auf, ein Mann, trennt sich selbst mit einem Bunsenbrenner die Hand vom Arm und ein anderer wird in einen Schweinetorso gestopft und hinterher zersägt. Das ist alles ganz schön heftig. Auf der anderen Seite überrascht „Retribution“ mit viel Zärtlichkeit. Die Beziehung zwischen George und der Prostituierten Angle (Suzanne Snyder) ist wirklich rührend wie überhaupt die ganze Straßenstrich- und Kunst-Szene, in der sich der Protagonist bewegt, was „Retribution“ zusätzliche Charisma-Punkte gibt.

Warum der Film hierzulande zu unbekannt ist, verwundert mich. Ich kann nur vermuten, dass es an dem Fehlen eines charismatischen Bösewichts à la Freddy, Jason o.ä. liegt. Bei mir jedenfalls hat diese Mischung aus Gewalt und Gefühl, visuellem Ideenreichtum und fiebriger Achtziger-Neon-Optik und nach vorne erzählter Geschichte voll ins Schwarze getroffen. „Retribution“ (= dt. Vergeltung), dessen deutscher Titel „Die Rückkehr des Unbegreiflichen“ wie so oft keinerlei Beziehung zum Film aufweist, ist meine Horror-Neu-Entdeckung des Monats, ja, vielleicht des Jahres. Ich würde nicht einmal ausschließen, dass ich Magars Horror-Granate irgendwann zu meinen persönlichen Klassikern des Genres zählen werde.

Bild © e-m-s
 

The Fear (Michael Samuels, UK 2012)

Posted by – 15. Februar 2014

the fearDas älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten“, schreibt H. P. Lovecraft. Und ich frage mich, ob vielleicht sogar noch eine weitere Steigerung möglich ist, und das größte Grauen darin liegt, wenn man sich selbst unbekannt wird. Dies zumindest legt Michael Samuels vierteilige Mini-Serie „The Fear“ nahe.

Die Serie handelt von dem ehemaligen Gangster Richie Beckett (Peter Mullan) der mittlerweile ein eine angesehene Persönlichkeit in Brighton gebracht hat. Als seine Söhne, Matt (Harry Lloyd) und Cal (Paul Nicholls), die in zwielichtige Geschäfte verwickelt sind, Probleme einer albanische Familie bekommen, würde Richie gerne helfen, doch auch erst selbst hat Probleme: In letzter Zeit ist er mürrisch, schläft schlecht und hat immer größere Erinnerungslücken. Bei einem Treffen mit den Albanern kommt es zur Katastrophe: Richie attackiert plötzlich das Familienoberhaupt der rivalisierenden Gang. Das bedeutet Krieg. Doch muss Richie nicht nur den Verfall seines Herrschaftsgebiets mit ansehen, sondern auch miterleben, wie seine Welt verschwindet und sein Verstand aufgrund einer Demenzerkrankung zu Staub zerfällt.

Selten wurde der physische so eng und bildhaft an den physischen Verfall gekoppelt wie hier. Mich hat „The Fear“ an eine Mischung aus Martin Suters „Small World“ und eine düstere Variante der „Sopranos“ erinnert. Doch werden diese Vergleiche Samuels Miniserie nicht gerecht. Richies Krankheit so absolut, so endgültig und hoffnungslos, dass es mir immer wieder eine Gänsehaut beschert hat. Es gibt keine Helden und auch ein Happy End, aber das sollte jedem von den ersten Minuten klar gewesen sein. Nach dem Fall kommt irgendwann der Aufprall. Der Rest ist Vergessen.

Etwas ausführlicher schreibe ich über die Serie in der März-Ausgabe des AGM Magazins.

Bild © Polyband/WVG
 

The Night Of The Hunter (Charles Laughton, USA 1955)

Posted by – 12. Februar 2014

night of the hunterA good tree cannot bring forth evil fruit. Neither can a corrupt tree bring forth good fruit. Wherefore by their fruits, ye shall know them.

In den 1920er Jahren zieht der Psychopath Harry Powell (Robert Mitchum), der sich als Wanderprediger ausgibt, mordend durch die Lande. Als er im Gefängnis erfährt, dass Ben Harper (Peter Graves) 10 000 Dollar versteckt hat, schleicht sich Powell nach dessen Hinrichtung bei seiner Familie ein. Während Bens Witwe Willa Harper (Shelley Winters) und ihre junge Tochter Pearl (Sally Jane Bruce) dem charismatischen Mann schnell verfallen, bleibt Sohn John (Billy Chapin) misstrauisch.

Dass „The Night Of The Hunter“, diese seltsame Mischung aus düsterem Märchen, expressionistischem Stummfilm und (Psycho-)Thriller, bei seiner Uraufführung durchgefallen ist, später dann aber als Meisterwerk gefeiert wurde, dass es der einzige Spielfilm des genialen Schauspielers und Theaterregisseurs Charles Laughton („Witness For The Prosecution“) war, dass Robert Mitchum sich so in seine Rolle hineingesteigert hat, dass er danach erst einmal ein paar Jahre mit niemandem über den Film reden wollte – all das kann man in nahezu jeder Review nachlesen. Ich will das nicht alles wiederholen. Ich sage erst einmal nur: Holy Fuck, wow, was für ein Film!

Und zwar ein unglaublich reichhaltiger, einer, der zahllose Anhaltspunkte bietet, sich mit ihm auseinanderzusetzen und der – je nachdem aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet – anders wirkt. Mein erster Impuls war, mich ihm über den Begriff der Gier zu nähern, doch diese Sicht fokussiert sich – so der zweite Impuls – vielleicht etwas zu sehr auf die beiden wichtigsten männlichen Figuren, den naiven Vater, der denkt, er könne seiner Familie durch geraubtes Geld zum Glück verhelfen und den bösen Egomanen und Stiefvater Powell. Nächster Gedanke: Vielleicht ist „The Night Of The Hunter“ auch ein Film über das Versagen, und zwar vor allem das Versagen der Erwachsen gegenüber Kindern? „You know, when you’re little, you have more endurance than God is ever to grant you again. Children are man at his strongest. They abide“, sagt die einzig positive Erwachsenfigur am Ende des Films. Ben Harper versagt, er raubt, mordet und hinterlässt seinen Kindern die Probleme, seine Frau versagt, indem sie wie ein neugieriges Insekt in das Netz des falschen Predigers tappt – und ihre Kinder dadurch zu Waisen macht. Aber nicht nur sie, das ganze Dorf versagt. Es erkennt nicht die Gefahr, die von dem falschen Prediger ausgeht. Ja, selbst als Willa schon aus dem Weg geräumt ist, nimmt niemand die Bedrohung wahr. Sogar der nette Onkel „Ihr könnt immer wenn ihr Probleme habt zu mir kommen“ Birdie (James Gleason) besäuft sich vor lauter Selbstmitleid und ist im entscheidenden Moment nicht für John und seine Schwester Pearl da.

Die komplette Welt der Erwachsenen versagt. Sie lassen die beiden Kinder in ihrem Kampf gegen das Böse und bei ihrer Flucht (die den Film auch zu einem Road- oder besser: Boat-Movie macht) ganz auf sich allein gesellt. Irgendwo hier transzendiert Laughtons Film und wird zum Märchen, in der archetypische Akteure zu Vertretern des Guten und Bösen schlechthin werden. John und Pearl sind Brüderchen und Schwesterchen, sind Hänsel und Gretel, sind Jorinde und Joringel, während sich in Powell Blaubart, Rumpelstilzchen und alle menschlichen Monster dieser Welt vereinen. Doch „The Night Of The Hunter“ ist kein phantastischer Film. Das Grauen, das von dem falschen Prediger ausgeht ist genauso real, wie die Gefahr der religiösen Hysterie, die sich durch den Film zieht. Und am Ende scheitert die Gemeinschaft, die anfangs ihrer Kinder nicht beschützen konnte ein weiteres Mal, als sich die vermeintlich Rechtschaffenden zu einem Lynchmob zusammenrotten und wieder einmal dem Demagogen folgen. Ein großartiger, ein wahnsinniger Film!

P.S. Interessant finde ich , was ich gerade in einem Text von Andreas Busche auf Fluter gelesen habe, nämlich, dass Michael Baute und Volker Patenburg auf die Idee gekommen sind, den Film in seine 93 Minuten zu zerlegen, und jede Minute von Filmgrößen wie Thomas Arslan, Christian Petzold, Angela Schanelec uvm. einzeln unter die Lupe nehmen zu lassen. Ich muss zugeben, auch wenn das Ergebnis heißt „93 Minutentexte. The Night of the Hunter“. Ich glaube zwar nicht, dass man dem Film durch eine Zerstücklung Herr wird, das Buch interessiert mich dennoch. Dort erfahre ich hoffentlich mehr über die Tiersymbolik des Films.

Bild ©  Koch Media
 

Berlinale 2014

Posted by – 12. Februar 2014

Wer sich wundert, dass hier gerade so wenig passiert – es ist wieder einmal Berlinale. Ursprünglich war mein Plan, hier  jeden Tag ein paar Sätze über die gesehenen Filmen zu schreiben, aber leider kriege ich das zeitlich nicht gebacken. Ich werden versuchen nach dem Festival wenigstens etwas zu den Highlights zu schreiben. Ein paar tagesaktuelle Seheindrücke bekommt ihr im Berlinale-Diary des AGM-Blogs.

RoboCop (José Padilha, USA 2014)

Posted by – 6. Februar 2014

Paul Verhoevens „RoboCop“ aus dem Jahre 1987 ist ein Klassiker. Wie sehr er mir gefällt, habe ich hier schon einmal aufgeschrieben. Das Remake, für das nach Darren Aronofskys Ausstieg und viel hin und her schließlich immerhin noch José Padilha („Tropa de Elite“) gewonnen werden konnte, hinterlässt mich mit zwiespältigen Gefühlen. Zwar habe ich rein visuell wenig zu beanstanden, im Gegenteil, Padilha sind ein paar grandiose Momente gelungen. Von der galligen Grundsatzkritik des Originals ist allerdings nicht besonders viel übrig. Das Remake, das sich eher an Superhelden-Kino à la „Iron Man“ orientiert, kommt mir ein wenig vor, wie die helle, optimistische Version des Verhoeven-Films. Mit Technik und einem rechtschaffenden Helden lassen sich – so der Tenor des Films – eben alle Probleme lösen. Hier meine ausführliche Kritik.