Month: Juni 2014

The Raid 2 (Gareth Evans, Indonesien 2014)

Posted by – 30. Juni 2014

Kaum ein Film hat mich in den letzten Jahren so durchgerüttelt wie „The Raid“ (OT: Serbuan maut). In diesem irren Gewalttrip des walisischen Regisseurs Gareth Evans prügelten sich Polizisten und Gangster in einem Hochhaus fast 100 Minuten gegenseitig ins Nirwana. Anstelle des klaustrophobischen Szenarios setzt die Fortsetzung auf eine wesentlich komplexere Story sowie ein elaborierteres künstlerisches Konzept. Mehr noch als der Vorgänger wird der zweite Teil so zu einer Reflexion über das Wesen des Kämpfens an sich. Das hat durchaus seinen Reiz. Die Wucht und die Dringlichkeit des ersten Teils aber bleiben in der – mit zweieinhalb Stunden etwas langen – Fortsetzung ein wenig auf der Strecke. Mehr dazu, was mir an „The Raid 2” (OT:The Raid 2: Berandal)  gefallen hat und was nicht, gibt’s zu lesen auf Kino-Zeit.de.

The Mongolian Whore House (Jan Haukau, Niederlande / Deutschland / Mongolei 1981)

Posted by – 28. Juni 2014

The MWH 3Es war einmal eine VHS-Kassette, die in einer holländischen Ferienwohnung meinem jüngeren Selbst in die Hände fiel. „The Mongolian Whore House“ stand handgeschrieben auf dem schmierigen Schuber. Kaum waren die Eltern zu Bett gegangen, hockten mein Cousin und ich im dunklen Wohnzimmer vor dem Fernseher… Es gibt Filme, die ich bis aufs Blut hasse, denen ich aber trotzdem einen gewissen Respekt entgegen bringe, weil sie etwas mit mir gemacht haben. Nach dem Film fühlte ich mich wie gefressen, verdaut und wieder ausgekotzt; und dem Cousin ging es wohl genauso. Nach dem Abspann (von dem man aufgrund der schlechten Bildqualität kaum einen Namen lesen konnte) herrschte zunächst betretenes Schweigen, dann trafen wir eine Entscheidung. Aber davon später mehr.

Die Zwillinge Mirja (Betje Zweigeld) und Zarina (Sormuunirschiin Lee Straaten) werden von ihrer Mutter ins nahegelegene Kloster und von dort gleich weiter an die Puffmutter Katharina Ortega (Jen Demsey) verkauft. Diese betreibt das titelgebende Etablissement, in dem junge Frauen aus aller Welt zur Prostitution gezwungen werden. Die Zwillinge erweisen sich als äußerst geschickt in der Kunst der Verführung – und schon bald sind sie nicht nur die Attraktion des Bordells, sondern haben Ortega auch ihren Ehemann, den ehemaligen Boxer Pete (Dolf Van Veen), ausgespannt. Mit seiner und der Hilfe der anderen Prostituierten überfallen sie das Kloster, versklaven die Nonnen und beginnen mit dem Bau eines Bootes. Denn Mirja und Zarina wissen: Die Flut wird kommen…

Am Anfang flattert ein Segel im Wind, zumindest lässt das Geräusch vermuten, dass es sich um ein Stück Segelleinen handelt, das von einer kräftigen Meeresbrise geschüttelt wird. Der Zuschauer sieht nur ein schmutziges Weiß. Es fährt ein Schiff nach Nirgendwo. Oder vielleicht in die Mongolei? Dann hätte der Titel des Films wenigsten eine Bedeutung.  Denn „The Mongolian Whore House“ liegt mit ziemlicher Sicherheit nicht in der Mongolei, sondern in irgendeinem niederländischen Kaff; und bis auf die beiden Hauptdarstellerinnen und einige Figuren des Bordell-Personals dürften auch unter den „Darstellern“ keine Mongolen gewesen sein. Insofern bleibt auch der Titel ein Geheimnis – wie so vieles an dem Film, dessen Entstehungsgeschichte schon äußerst skurril und rätselhaft ist; der Regisseur wurde während der Dreharbeiten von einer Darstellerin gebissen und dirigierte einen Teil der Aufnahmen von da an aus dem Krankenhaus.

Meine Lust, dieses enigmatische Ungetüm zu dechiffrieren, hält sich allerdings – auch Jahre später noch – in engen Grenzen. Manche Schranktüren sollten lieber geschlossen bleiben, wenn man nicht gerade gesteigerten Wert darauf legt, dass einem das darin befindliche Monster das Gesicht wegkratzt. Dabei sind es gar nicht so sehr die sichtbaren Gräueltaten, die den Film so unangenehm machen. Dass das Steuerrad des Bootes aus Petes Knochen hergestellt wird, nachdem man eine gefühlte Ewigkeit irre dreinblickenden Nonnen dabei zusehen musste, wie sie den armen Mann zerlegen, lässt sich ebenso aushalten wie die vielen unappetitlichen Szenen im Hurenhaus. Es ist eher das, was man nicht sieht, sondern nur erahnt und nicht versteht, was nachhaltig verstört. Man ist einfach zu nah dran! Links Hurenhaus, rechts Hurenhaus, überall Hurenhaus! Wir sehen einen seltsamen Sexclub von innen, aber es ist gleichzeitig, als würden wir aus den beschlagenen Fenstern des Clubs in eine unwirkliche Landschaft starren, in denen Gespenster umherirren. Wir können nicht raus, wir würden sonst verschwinden. „Wirklich“ sind allein die von widerwärtig schwülem Dunst durchzogenen Räume des Bordells, die von solch grausamer Heimeligkeit sind, dass man am liebsten auf der Stelle in die kalte Unendlichkeit des Alls geschossen werden möchte. Hier sei beispielhaft auch noch einmal die Haarwaschszene genannt, in der Zarina der Puffmutti die Locken schamponiert – als Mirja plötzlich aus dem Dunkel hinter ihre Schwester tritt und ihr wiederum, ohne dass Katharina etwas davon merkt, den Kopf wäscht. Doch die Tonspur passt nicht. Es klingt eher, als würde jemand durch ein Meer aus Gedärm watschen – dazu der schräge Pfeifenscore von Enno Peterson jr. Scary!

Und das Ende? Schweigen. Schwarzblende, und wieder: Das Geräusch eines im Wind ungeduldig flatternden Segels, ein Geräusch im Übrigen, das als einziges so etwas wie einen Funken Hoffnung vermittelt. Wohin die Reise geht? Hoffentlich weit weg! „The Mongolian Whore House“ ist ein verschwindend kleiner Punkt im hintersten Zipfel dieser Welt, aber dieser Punkt brennt und die Entzündung breitet sich aus. Ein G-Punkt des Schmerzes, alles und nichts. Das Nichts verschlingt alles, die vollkommende Leere. Das Hurenhaus ist diese Welt: ein erdumspannendes Purgatorium für unsere gepeinigten Seelen! Wir haben die VHS-Kassette postwendend vernichtet. Heute wünschte ich, wir hätten es nicht getan, hätten sie vielleicht eher mitgehen lassen. Denn ich würde den Film gern noch einmal sehen, um mich – wie bei einem Film-Exorzismus – von den Bildern, den Geräuschen und dem Gefühl, das er in mir ausgelöst hat, zu befreien. Einen Zuschauer nunmehr schon fast 20 Jahre in den Bann seines Werkes zu schlagen – das muss erst einmal ein Filmemacher schaffen. Chapeau, Jan Haukau! Mögest du in der Hölle schmoren!

Bild © Fake Orgasme Pic.

Wara No Tate (Takashi Miike, Japan 2013)

Posted by – 25. Juni 2014

Nachdem ich neulich von „13 Assassins“ schon so angetan war, habe ich nun gleich ein weiteres Highlight neueren Datums des japanischen Tausendsassas Takashi Miike gesehen. „Wara No Tate“ heißt der Film, was soviel bedeutet wie „Schild aus Stroh“. Der Titel spielt darauf an, wie fragil unser Rechtssystem ist, und dass das Recht schnell dort endet, wo der Betrag – in diesem Fall ein Kopfgeld von einer Milliarde Yen – hoch genug ist. „Wara No Tate“ handelt von einer Gruppe Polizisten, die einen Kinder-Mörder nach Tokio überführen soll. Auf dessen Kopf ist allerdings besagte Belohnung ausgesetzt, so dass quasi jeder – egal ob normaler Bürger oder Staatsdiener – hinter ihnen her ist. Es ist Miike wunderbar gelungen, verschiedene Artendes Bösen gegenüberzustellen: den psychopathischen Killer, der aus Lust tötet und den selbstgerechten Medienmagnaten, der sich Genugtuung ohne Rücksicht erkaufen will. Der Film lässt einen mehr als einmal moralisch taumeln. Und sehr spannend ist er obendrein! Eine längere Kritik von mir zum Film gib es auf Kino-Zeit.de.

King Of Ants (Stuart Gordon, USA 2003)

Posted by – 25. Juni 2014

king of antsBei einem Job lernt der Handwerker Sean (Chris McKenna) den Elektriker Duke (George Wendt) kennen, der ihn mit dem zwielichtigen Ray (Daniel Baldwin) bekannt macht. Ray engagiert Sean, er soll jemanden für ihn aus dem Weg räumen. Sean willigt ein, wird jedoch, als er auf seiner Bezahlung besteht, von Ray und seinen Schergen verschleppt und gefoltert. Sean kann entkommen – und beschließt, sich zu rächen.

Ich würde mich nicht als Stuart-Gordon-Fan bezeichnen, schon allein, weil ich einfach noch zu wenige Filme von ihm kenne. Aber zumindest „Re-Animator“ und „From Beyond“ mag ich sehr und „The Pit And The Pendulum“ sowie „Castle Feak“ finde ich immer in Ordnung. Ich war also sehr gespannt auf „King Of Ants“, meinen fünften Gorden-Film, der das Pendel irgendwie in die eine oder andere Richtung ausschlagen lassen würde. Und das hat er auch, allerdings nicht in die erwünschte Richtung. Denn obwohl „King Of Ants“ mir nicht richtig schlecht gefallen hat, wollte der Funke bei dieser Rache-Geschichte nicht überspringen. Was mir fehlte, um den Film richtig würdigen zu können, wären plastischere, nachvollziehbarere Figuren gewesen. Vielleicht tue ich „King Of Ants“ bereits an dieser Stelle ein wenig Unrecht, denn verglichen mit vielen anderen Filmen hat er sich bei den Figuren schon merklich mehr Mühe geben. Die typischen Genre-Knallchargen sucht man jedenfalls vergeblich. Trotzdem hätte das Screenplay von Charlie Higson meiner Ansicht nach, zumindest im Hinblick auf die Hauptfigur, differenzierter ausfallen müssen. So weiß man zwar, dass Sean sich mit Jobs über Wasser hält, aber das er jemand ist, der für ein bisschen Geld bereit ist, einen Mord zu begehen, das überrascht dann doch. Auch anders herum kommt mir der Plan der Bösewichte, Sean so lange auf den Kopf zu hauen, bis er verblödet, angesichts der Situation nicht besonders nachvollziehbar vor. Seltsam: Statt schon während der Misshandlungen auf Rache zu sinnen oder direkt nach der – hallo Zufall! – Rettung durch seinen Kumpel George (Timm Sharp), entschließt sich Sean erst, es seinen Häschern heimzuzahlen, nachdem Susan (Kari Wuhrer), die Frau des Mannes, den er umgebracht hat und mit der er nach seiner Befreiung ein Verhältnis beginnt, durch einen Unfall umkommt. Das ist genre-psychologisch positiv formuliert zumindest unkonventionell.

Ich könnte die Liste, der Dinge, die mir nicht plausibel erscheinen, fortführen, will jetzt aber nicht über das Ziel hinausschießen und mich zu sehr an diesen Details auslassen. Insgesamt hat mir „King Of Ants“ doch recht gut gefallen: Die einfache Geschichte, die aber doch ein paar Kapriolen vollführt, der manchmal fast dokumentarische Stil, ein paar recht seltsame Einfälle, die den Film aus der Masse hervorragen lassen, die teils drastischen, aber irgendwie auch bodenständigen Gewaltszenen… Nur einen neuen großartigen Film von Stuart Gordon habe ich eben nicht gesehen. „Re-Animator“ und „From Beyond“ stehen immer noch alleine da auf weiter Flur.

Bild ©  Whv
 

Tarantula (Jack Arnold, USA 1955)

Posted by – 21. Juni 2014

TarantulaMit „Tarantula“ schließe ich – 3 Wochen verspätet – den #Monstermay. Film Nummer 7 war „Dainipponjin“ von Hitoshi Matsumoto, zu dem mir aber nicht so recht etwas eingefallen ist. Aber zumindest zum 8. und letzten Film, dem einzigen aus der Liste, den ich bereits kannte, möchte ein paar Sätze schreiben. Dazu muss ich aber etwas ausholen.

Meine erste Begegnung mit Monsterfilmen hatte ich als Kind in der NDR-Spielfilmreihe „Das Gruselkabinett“ (wer kennt das noch?). Es lief „Tarantula“ von Jack Arnold, ein Film über eine mutierte Riesenspinne. Ich erinnere mich, dass meine Eltern, die abends ausgingen, mich unvernünftiger Weise vor dem Film warnten, so dass ich selbstverständlich nicht widerstehen konnte. Hätte ich auf meine Eltern gehört, wäre ich wahrscheinlich von einigen schlaflosen Nächten verschont geblieben. Aber dann hätte meine filmische Sozialisation auch einen anderen Weg eingeschlagen. Jedenfalls hat mich in „Tarantula“ gar nicht so sehr die riesige Spinne geängstigt, sondern die Mutation, die einer der Wissenschaftler erleiden musste –hervorgerufen durch den Selbstversuch mit einem Wachstumsserum. Die Bilder haben sich festgebrannt.

Vieles, was mich in den folgenden Jahren an Monsterfilmen faszinieren sollte, war bereits in Arnolds Film angelegt. Zum einen – und das ist wahrscheinlich für die meisten Menschen der Grund, Monsterfilme zu mögen – ist es die Angst vor diesen unschönen Kreaturen und die wohlige Gänsehaut, sie aus der sicheren Entfernung des Fernsehsessels beobachten zu können. Hier spiegelt sich die Angst des Menschen vor dem Anderen wider, hier erklärt sich, warum das Monster immer schon ein ausgegrenztes Wesen war, das in unserer Gesellschaft keinen Platz findet und deshalb Monsterfilme oft auch traurige Filme sind. Zum anderen fasziniert mich schon immer, dass die meisten Monster von uns selbst erschaffen oder zumindest irgendwie durch menschliches Verhalten hervorgerufen werden. Das prominenteste Beispiel ist wohl der König aller Monster, „Godzilla“, der als Teil der emotionalen Verarbeitung der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki  gesehen werden kann – das Monster als unsanfter Mahner, unsere Seele nicht der Technik zu verschreiben. Es gibt noch einen dritten Punkt, den ich spannend finde – und auch der ist bei Arnold präsent: Das Monster zielt nicht allein auf die Angstlust der Zuschauer. Es ist ein Wesen, das zwar außerhalb der menschlichen Gesellschaft steht, diese aber gleichzeitig (be)stärkt, weil es ein Symptom des Wunsches nach Verwandlung sind. So unwahrscheinlich das klingt: Im Monster drückt sich die menschliche Sehnsucht anders zu sein, ja nach Transzendenz aus.

Nachdem ich „Tarantula“ nun endlich noch einmal gesehen habe, bin ich sehr erfreut, dass der Film – obwohl ich dem schreckhaften Alter mittlerweile entwachsen bin – seine Wirkung immer noch nicht verfehlt. Das liegt, wie gesagt, weniger an der Spinne und an den für Mitte der 1950er Jahre guten Spezial-Effekten, sondern an den Figuren. Prof. Deemer gespielt von Leo G. Carroll und seine Kollegen sind ein ganz wunderbarer mad scientists, schon allein deswegen, weil sie eigentlich kein Stück verrückt ist. Sie tuen das, was man als Wissenschaftler auch heute eben so tut. Der Wunsch, mehr über die Welt zu wissen und ein größeres Maß an Kontrolle über sie zu haben, reicht völlig aus, um seine Handlungen plausibel zu erklären. Dem Thema „Größe“ eine tiefere Bedeutung oder auch philosophische Qualität abzuringen, wie es ihm dann zwei Jahre später mit„The Incredible Shrinking Man“ glücken sollte, ist ihm hier noch nicht gelungen. In „Tarantula“ ist das große Tier zunächst und vor allem eine Bedrohung für den Menschen – und Sprengstoff das Mittel der Wahl, dieses Problem zu lösen. Was mich zum traurigen aber gleichwohl dann wieder äußerst geglückten Ende des Films bringt: Wer groß ist, bietet auch viel Angriffsfläche. Bye bye Tarantula!

Bild © Koch Media

Rompecabezas oder: Es muss nicht immer Shakespeare sein

Posted by – 5. Juni 2014

Im Wettbewerb Berlinale 2010 lief ein argentinischer Film namens „Rompecabezas“. Das heißt „Puzzle“. „Rompecabezas“ handelt von einer Hausfrau, die bemerkt, dass sie eine gewisse Begabung im Puzzeln hat. Fortan puzzelt sie. Ich hatte den Film gesehen – und mich gelangweilt.

Aber vielleicht tut der Film, dachte ich, dem Spiel Unrecht? Ich hatte zwar Puzzeln auch nicht als besonders spannend in Erinnerung – aber so dröge wie dieser Film? Ne, glaubte ich nicht! Aus diesem Grund kaufte ich mir gleich nach dem Film ein Puzzle. Mein letzte Mal puzzeln war bestimmt schon 25 Jahre her. Dem entsprechend aufgeregt war ich. Möglicherweise, so malte ich mir aus, würde ich mit Puzzeln ein neues (altes) Hobby (wieder) entdecken und – so fantasierte ich weiter – ihm mit einer Leidenschaft nachgehen, welche die Hausfrau aus „Rompecabezas“ alt aussehen lassen und mein Leben in neue Bahnen lenken würde. Dann würde ich bestimmt auch weniger Zeit vor dem Computer verbringen und sinnloses Zeug tippen, sondern mehr Sport treiben. Ich würde alte Freundschaften auffrischen und hätte ständig spannende Puzzlegeschichten auf Lager.

Aber es kam anders.

Ich öffnete das Puzzlespiel. Viele Puzzleteile. Ein paar zusammenpassende hatten sich, wahrscheinlich durch das Schütteln während des Transports, schon in der Packung gefunden. Diese nahm ich vorsichtig heraus und legte sie auf den Tisch. Das war ja schon mal ein Anfang. Wie ich es in „Rompecabezas“ gelernt hatte, sortierte ich erstmal nach Farben und suchte nach Eckteilen. Die Minuten vergingen, eine Stunde, zwei,… Dann hatte ich keine Lust mehr. Am nächsten Tag lagen die paar zusammenpassenden Teile und die sortierten Farbhaufen immer noch auf dem Tisch. Am darauf folgenden – das gleich Bild. Eine Woche später hatte ich die Idee: Ich schob die losen Puzzleteile wieder in die Packung, klappte den Deckel zu und – schüttelte heftig. Dann öffnete ich den Deckel und inspizierte die Lage. Da! Zwei weitere Teilchen hatten sich gefunden. Ich sortierte sie aus, schloss und schüttelte die Packung erneut – und entdeckte nach dem Öffnen wieder einige Teile, die sich durch Zufall (oder war es die Macht des Schicksals?) zusammen gefunden hatten.

Nur 4 Monate später hatte ich das Puzzle zusammengeschüttelt.

Die Freude darüber wurde nur noch übertroffen von einer unglaublichen Erkenntnis! Fast hätte es mich von den Beinen geholt. Natürlich! Das Unendliche-Affen-Theorem! Dieser Lehrsatz besagt ja, dass ein Affe, der unendlich lange auf eine Schreibmaschine einhämmert, irgendwann die kompletten Werke Shakespeares geschrieben haben würde. Ich hingegen hatte nur acht Wochen gebraucht, um den Zufall zu zwingen, das Puzzle für mich zusammen zu setzen! Ich erschauderte als mir klar wurde, was ich mit diesem Wissen alles erreichen könnte. Und würde! Ich kloppte das Puzzle in die Packung und schmiss es vom Balkon. Dann machte ich den Computer an, öffnete ein Word-Dokument und begann zu tippen.

Von wegen irgendwann! Vier Jahre später beendete ich diese Geschichte mit den Worten „Es muss nicht immer Shakespeare sein“, schloss das Dokument, fuhr den Computer herunter und warf auch ihn aus dem Fenster. In die Nacht.

All Is Lost (J. C. Chandor, USA 2013)

Posted by – 1. Juni 2014

Von „Gravity“ war ich, wie hier nachzulesen, doch recht begeistert. Vielleicht etwas zu sehr, wie ich nun denke. Nachdem ich J. C. Chandors „All Is Lost“ gesehen habe, kommt mir Alfonso Cuaróns Film fast schon geschwätzig vor. Chandor erzählt seine einfache Geschichte um einen Mann in Seenot als spannendes Survival-Abenteuer und intensives Ein-Mann-Kammerspiel mit einem überragenden Robert Redford. Aber wenn man will, kann auch Anklänge an Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ und den Sisyphos-Mythos finden, ja möglicherweise sogar zwischen den Zeilen ein prometheisches Glimmen wahrnehmen. Es ist wahrscheinlich eine Binsenweisheit, dass Kunst im Allgemeinen und Filme im Speziellen immer auch das sind, was man als Rezipient daraus macht. Für „All Is Lost“ scheint mir das sogar in besonderem Maße zu gelten. An ihm, vor allem an seinem Ende, zeigt sich die Einstellung des Zuschauers zur Welt: Happy End à la Hollywood? Christliche Erlösungs- oder technokratische Allmachtsfantasie? Oder einfach nur ein Sinnbild der Absurdität des Seins? Deine Entscheidung! Etwas mehr dazu sage ich im AGM-Blog.