Month: Februar 2015

The Town That Dreaded Sundown (Alfonso Gomez-Rejon, USA 2014)

Posted by – 28. Februar 2015

the town that dreaded sundownIch bin kein großer Fan, aber es lässt sich trotzdem kaum leugnen: Mit „Scream“ hat Wes Craven im Jahre 1996 den Slasher auf ein neues Niveau gehoben. In seinem augenzwinkernden, selbstreferenziellen Horror-Manifest beschäftigte er sich mit den Regeln des Genres und ließ die Figuren des Films Charaktere sein, die sich dieser Regeln durchaus bewusst waren. „Scream“ war aber nicht nur ein liebevolles Necken seines eigenen Stamm-Genres, sondern auch ein Kritik des Immergleichen, das man hier zu sehen bekommt. Ironischer Weise wurde sein Seitenhieb Richtung der Epigonen des Genres auch gleich wieder kopiert und fand dutzende Nachahmungstäter, die dachten, Horrorfilme müssen möglichst selbstbezüglich und ironisch sein und am besten so viele Zitate wie möglich enthalten. Leider sind viele Filme dieser degenerierten Denke viel weniger originell als sie sich selbst vorkommen. Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt rühmliche Ausnahmen. „The Town That Deaded Sundown“ von Alfonso Gomez-Rejon ist, auch wenn er in gewisser Weise ein prototypischer Vertreter des postmodernen Horrorfilms ist, eine davon!

Gomez-Rejon bezieht sich zunächst einmal vor allem auf einen Film, den dokumentarisch angehauchten, im Original gleichnamigen Slasher aus dem Jahre 1976, der auf deutsch unter dem Titel „Der Umleger“ bekannt ist. Dieser wiederum hat eine reale Mordserie aus Grundlage, die 1946 in der Stadt Texarkania. Ein maskierter Mann – das Phantom –, brachte damals zahlreiche Liebespaare um. Gomez-Rejons Film setzt sowohl die wahren Ereignisse als auch die Existenz des Films voraus. Die Handlung setzt mit der Vorführung des Films von 1976, der jährlich zu Halloween gezeigt wird. Jami (Addison Timlin) und ihr neuer Freund Corey (Spencer Treat Holland) verlassen das Autokino vorzeitig, um auf einem verlassenen Parkplatz ein wenig Liebe zu machen. Plötzlich taucht ein maskierter Mann auf, der das Paar mit vorgehaltener Waffe zwingt, das Auto zu verlassen. Jami muss beobachten, wie ihr Freund brutal umgebracht wird. Sie selbst kann fliehen, aber nicht ehe das Phantom ihr noch etwas ins Ohr geflüstert hat…

Seit ein paar Jahren habe ich den Eindruck – wenn Filmemachern nichts einfällt, machen sie einfach einen ach so ironischen Film, der möglichst viele Werke der Vergangenheit zitiert. Mich nervt das. Gomez-Rejons Film ist anders. Zwar zitiert auch er seine Vorlage und andere Filme, doch hier scheint es mir keine Anbiederung an den Genre-Fan zu sein. Und an einem Mangel an eigenen Ideen es auch nicht liegen, denn sein Film ist voll davon. „The Town That Deaded Sundown“ ist ein starkes und trotz – ja in diesem Fall sogar auch wegen! – seiner Bezüge ein sehr eigenes Werk, das gekonnt zwischen Horror, Arthouse und Experimentalfilm oszilliert und dabei sogar hier und da einen psychotischen Witz durchblitzen lässt. Mit plumpem Zitatdropping des aktuellen Horrorfilms der Nach-„Scream“-Ära hat das nichts zu tun, es ist eher, als würde wie Frankensteins Monster aus Leichenteilen hier ein neuer Film aus schillernden Fragmenten des Genres zusammengesetzt werden. Dabei ist es nicht nur die Kunstfertigkeit, mit der Gomez-Rejon die wahren Ereignisse und den Film von 1976 in sein eigenes Werk einbettet, die beeindruckt, sondern mit welchem Stilwillen und Inszenierungsfreude er seine Vision umsetzt. In manchen Momenten erinnert der Film an Recherche-Thriller à la „Zodiac“, in anderen, vor allem während der Mordsequenzen, die allesamt zum Niederknien sind, bricht der albtraumbunte Wahnsinn durch und zumindest ich fühlte mich an die technicoloren Mordfantasien eines Dario Argento erinnert.

Ich habe seit einiger Zeit nichts mehr gesehen, das so geschichtsbewusst und gleichzeitig so frisch und unverbraucht daher gekommen ist wie dieser Film. Dem Regisseur, der bisher vor allem durch seine Arbeit im TV bekannt war, ist mit seinem Kinodebüt der wahrscheinlich beste Slasher seit Jonathan Levines „All The Boys Love Mandy Lane“ gelungen – ein großer Wurf aber ist „The Town That Deaded Sundown“ mit Sicherheit.

Bild © Tiberius Film

When Animals Dream (Alexander Arnby, Dänemark 2014)

Posted by – 27. Februar 2015

When Animals DreamIch habe den Film zwar schon vor ein paar Monaten im Kino gesehen, hier aber noch nachträglich eine kleine Erinnerungsstütze:

Marie (Sonia Suhl), die mit ihrem Vater (Lars Mikkelsen), ihrer an den Rollstuhl gefesselten, apathischen Mutter (Sonja Richter) in einem kleinen dänischen Dorf wohnt. Seit einiger Zeit schon verändert sich Maries Körper, was von ihrem Vater und dem Dorfarzt (Stig Hoffmeyer) misstrauisch beobachtet wird. Als die Wandlung offenkundig wird, interessieren sich auch die anderen Dorfbewohner für sie. Vornehmlich auf junge Männer hat Marie eine besondere Wirkung, die von Begehren bis zu offen gezeigtem, aggressivem Verhalten reicht. Als die Stimmung umschlägt, ist nur Daniel (Jakob Oftebro) bereit, der verfolgten Frau zu helfen.

Zugegeben, neu ist Arnbys Verknüpfung des „Werwolf“- und „Coming of Age“-Themas nicht. Besser gefällt mir z.B. „Ginger Snaps“, weil ich ihn reichhaltiger fand und spritziger fand. Wenn Jon Fawcetts Film ein kleines, freches Mädchen ist, dann ist Arnbys ein Lethargiker. Tatsächlich geht es dem Regisseur weniger darum, dem Genre-Fan klassische Lykantrophenkost zu servieren als seine Geschichte möglichst behut- und einfühlsam zu erzählen, was ihm ein wenig auf Kosten des Unterhaltungswerts auch recht gut gelingt. Ihm geht es um die Entwicklung der Protagonistin, einer jungen Frau, die anders ist und die davon träumt, ihre Wünsche auch ausleben zu dürfen; und vielleicht geht es sogar ganz allgemein um die Rolle der Frau und den Druck der Gesellschaft, sich möglichst widerstandslos in sie einzufügen. Arnbys Film wirkt wie eine morbide Fabel zu diesem Thema, die sich in verträumter Weise mit dem sexuellen Erwachen einer seiner Protagonistin – und der Reaktion ihrer Umwelt darauf – auseinandersetzt. Träume können schön sein, wie schon der von Weichzeichnern, Überblendungen und Unschärfen gekennzeichnete Anfang des Films suggeriert – aber auch grausam. Während das Tier davon träumt, ein Mensch zu sein, ist der Mensch wach viel zu oft eine Bestie. Das zeigt der Verlauf des Films, wenn die Dorfbewohner zur Hetzjagd auf die haarige Marie ausrufen. Hier zeigt sich: Zum wichtigstem im Leben gehören gute Freunde, solche, die uns beistehen, wenn wir in Not sind. Diesen Aspekt teilt „When Animals Dream“ mit dem Meisterwerk „Let the Right One In“. Wie dieser ist Arnbys Film nämlich nicht nur ein originelles Coming-of-Age, sondern auch ein starkes Plädoyer für Toleranz.

Weitere Vorbilder waren für Arnby nach eigenem Bekunden übrigens so unterschiedliche Filme wie Brian de Palmas „Carrie“ und Debra Graniks „Winter’s Bone“. Die Kraft dieser Vorlagen wird zwar nicht ganz erreicht, sehenswert und wichtig ist der Film über den Wolf im Weibe aber trotzdem.

Bild © Prokino

Let Us Prey (Brian O’Malley, Großbritannien, Irland 2014)

Posted by – 23. Februar 2015

Let Us PreyEin Rabe kündet in der Literatur stets von Unheil. Bei so vielen Raben, wie sie gleich zu Beginn von Brian O’Malleys Film auftauchen, muss das Unheil verdammt groß sein!

Und so ist es dann auch: In der Polizeistation eines kleinen Kaffs in Schottland führt das Schicksal eine Handvoll übler Typen zusammen, die nicht ahnen, dass ihre letzte Nacht angebrochen ist. Da ist die Polizistin Rachel (Pollyanna McIntosh), gerade ihre erste Nachtschicht absolviert. Warum sie hierhin versetzt wurde, erfahren wir nicht, nur dass sie Ärger mit ihren Vorgesetzten hatte. Schon vor Dienstantritt verhaftet sie einen jungen Mann (Brian Vernel), der jemanden anfährt. Das Opfer verschwindet spurlos, den Täter, der keinerlei Einsicht zeigt, nimmt sie gleich mit auf die Polizeiwache und buchtet ihn ein. Ein Lehrer, der seine Frau schlägt sitzt schon hinter Gittern, doch nach und nach füllt sich die Zelle immer mehr. Zunächst wird das Opfer des Verkehrsunfalls (Liam Cunningham) von einer Streife aufgelesen und aufs Revier gebracht und, weil es kaum verletzt ist und weder seinen Namen sagt, noch Anstalten macht zu kooperieren – erst einmal eingebuchtet. Und ehe er sich versieht, befindet sich auch der herbeigerufene Arzt Dr. Duncan Hume (Niall Greig Fulton) hinter Gittern. Womit mitnichten alle Bösewichte eingesperrt wären, denn auch von den Polizisten haben einige ordentlich Dreck am Stecken.

Ich verstehe, dass sich manch einer bei „Let Us Prey“ an John Carpenters „Assault On Precinct 13“ erinnert fühlt. Ging mir, auch wenn O’Malleys Film ebenfalls überwiegen in einer Polizeiwache spielt und wie Carpenters Frühwerk auch einen surrealen Touch hat, aber nicht so. Schon der Anfang, die Raben, die unheilschwangere Atmosphäre, geben die Richtung vor: Etwas Schlimmes wird passieren. Wie schlimm das alles wird, das ahnt der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt bestimmt noch nicht. Nachdem eher behutsamen, von einem ins Ohr gehenden elektronischen Soundtrack getragenen Spannungsaufbau, dreht der Film im letzten Drittel noch einmal richtig frei und es splattrig. Wer allergisch auf Übertreibungen reagiert, sieht „Let Us Prey“ möglicherweise nicht den richtigen Film. Doch sei es, weil Pollyanna McIntosh mitspielt und ich dann manchmal etwas freundlicher auf den Film schaue, oder weil dem Ganzen von Beginn an eine irgendwie irreale Aura anhaftet – mich hat höchstens der etwas ruckelige Schnitt ein wenig gestört, keinesfalls aber, dass Brian O’Malley in seinem Debüt-Film – etwas spät, aber dann doch noch – ordentlich in die Vollen geht! Im Gegenteil, ich finde das viel besser, als wenn langweilige Leute, langweilige Dinge tun. Und das ist in „Let Us Prey“ definitiv nicht der Fall. Hier hat wirklich fast jede Figur eine Seite, die so düster ist, dass man mit ihr allein für einen Moment die Sonne verdunkeln könnte.

Wer schwarzen Seelen sucht, um das Fegefeuer ordentlich anzuheizen, sollte er im Knast einer bestimmten schottischen Polizeistation nachsehen, da wird er oder sie garantiert fündig. „Go to hell“ sagt eine Figur irgendwann. Die Antwort: „Why? All the devils are here.“

Bild © Drop-Out Cinema

Prisoners (Denis Villeneuve, USA 2013)

Posted by – 22. Februar 2015

Prisoners

Die Familien Dover und Birch feiern gemeinsam Thanksgiving. Nach dem Essen gehen die Töchter Anna Dover und Joy Birch draußen spielen – und sind kurz darauf spurlos verschwunden. Die Polizei nimmt zwar den Fahrer (Paul Dano) eines verdächtigen Wohnmobils fest, dem lässt sich jedoch nichts nachweisen. Während Detective Loki (Jake Gyllenhaal) weiterhin nichts unversucht lässt, den Täter zu finden, hält der Vater von Anna, Keller Dover (Hugh Jackman), den Mann am Steuer des Wohnmobils jedoch nicht für unschuldig – und entführt ihn.

Ich habe mich kurz gefragt, ob ich den Text mit dem Satz „Endlich habe ich den Film auch gesehen“ beginne. Weil mir „Enemy“ so gut gefallen hat, habe ich mich tatsächlich sehr auf „Prisoners“ gefreut. Nach dem Film ist die Stimmung allerdings eine andere, jetzt fühle ich mich gefangen in der Geschichte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. „Prisoners“ wird mitunter in einem Atemzug mit „Big Bad Wolves“ genannt. Und bin froh, dass Vielleneuves Film bis auf eine ähnliche Prämisse so gut wie gar nichts mit Aharon Keshales & Navot Papushados dümmlicher Selbstjustiz-Comedy gemein hat. Was hat er, was Filme ähnlichen Themas nicht haben, was macht gerade diesen Film zu einem schwarzen Loch, aus dem kein Lichtstrahl entweicht? Seit ein paar Tagen arbeitet es in mir, doch ich finde weder Eingang noch Ausgang. In seiner Absolutheit erinnert mich der Monolith „Prisoners“ an Filme wie „The Silence Of The Lambs“ oder „Seven“, nicht nur, weil dem Zuschauer ebenfalls ein klares Happy End verweigert wird. Villeneuves Film nach einem Drehbuch von Aaron Guzikowski ist in dieser Hinsicht sogar besonders perfide, weil eine Andeutung am Ende den geprügelten Zuschauer kurz die Illusion von Hoffnung geben mag.

In „Prisoners“ ist wirklich jeder ein Gefangener – im ganz wörtlichen Sinne oder auch im übertragenen: ein Gefangener seiner Geschichte, seiner Erziehung und persönlichen Traumata, seiner Weltanschauung und (falschen) Theorien etc. – und wahrscheinlich ist es auch der Titel, der am ehesten einen Weg in diesen hermetischen Film weist, der vordergründig ein reines Genre-Produkt, aber gleichwohl offensichtlich so viel mehr ist. Was genau, da bin ich mit meinen Gedanken noch nicht am Ende. Deswegen verbleibe ich mit der, bei Texten zu diesem unaufgeregt gleichwohl exzellent inszeniertem Film, unumgänglichen Feststellung, dass die Schauspieler durch die Bank wirklich Großartiges leisten. Jede ihrer Figuren ist plastisch und absolut glaubwürdig in ihren Ängsten, ihrem Getriebensein, und in dem vermeintlichen Akt von Freiheit, mit dem sie gegen die Mauern ihres Kerkers rennen.

Derzeit ist der Film noch ein mächtiger schwarzer Fels in der Brandung meiner Gedanken; aber er ist auch ein existenzielles Filmerlebnis, allerdings eines, das dem Zuschauer an die Substanz gehen kann. „Pray for the best, but prepare for the worst“, heißt es im Film. Aber auf das Böse, wie es im dort gezeigt wird, kann man nicht vorbereitet sein.

Bild © Universal Pictures

Maze Runner (Wes Ball, USA, Kanada, UK 2014)

Posted by – 17. Februar 2015

maze runnerHier noch ein paar Nachzügler-Worte zu „Maze Runner“, den ich kurz vor Weihnachten gesehen habe. Unterm Tannenbaum lagen dann die Bücher der Jugendromanreihe von James Dashner, und ich wollte zumindest den ersten Teil der Trilogie gelesen haben, bevor ich etwas zur Verfilmung des ersten aufschreibe. Buch fertig, es kann losgehen. Ich starte mit der Feststellung, dass mir der Film, was eher selten der Fall ist, ein gutes Stück besser gefallen hat als das Buch. Das empfand ich als mäßig geschrieben und unangenehm in die Länge gezogen. Der Film hingegen wirft den Zuschauer direkt in die Geschichte, der wie der Protagonist zuerst überhaupt nicht weiß, was vor sich geht.

Wir erwachen im Film mit Thomas (Dylan O’Brien), der anfangs weder seinen Namen weiß, noch wie er auf die von hohen Mauern umzogene Lichtung zu den anderen jungen Männer kommt. Das sind z.B. ihr Anführer Alby (Aml Ameen), sein Stellvertreter Newt (Thomas Sangster), der gutherzige Chuck (Blake Cooper) und der aggressive Gally (Will Poulter). Alle 30 Tage, erklären sie ihm, wird ein neuer Junge auf die Lichtung gebracht. Dort leben sie, dort arbeiten sie, von dort aus erforschen sie das riesige Labyrinth jenseits der Mauern. Doch mit Thomas, das ahnt anfangs noch niemand, wird sich alles ändern.

Zumindest in der ersten Hälfte sitzen die Daumenschrauben. Man weiß nie mehr als Thomas. Mit ihm lernen wir seinen neuen Lebensraum bei den Lichtern (so nennen sich die Jungs auf der Lichtung) kennen. Sowohl die soziale Struktur, die sich hier gebildet hat, ist interessant, das Machtgefüge, als auch die die Spezialisierung auf verschiedene Arbeitsbereiche je nach Fähigkeit, dann die jugendkulturellen und quasi-religiösen Erscheinungsformen, die wir Stück für Stück besser kennenlernen, ohne dass irgendwas zu Tode erklärt wird. Eine mindestens ebenso große Anziehungskraft auf Thomas wie auch den Zuschauer übt natürlich das Labyrinth aus, von dem wir anfangs nur seine riesigen Mauern sehen. Schon von außen löst der Anblick eine Gänsehaut aus, die sich nach den ersten neugierig-schüchternen Blicken des Protagonisten ins Innere noch verstärkt. Die Angst, was sich wohl in ihm befindet, geschürt durch Erzählungen der anderen Jungen, ist beinahe größer, so lange alles noch im Dunkeln liegt. Mit jedem Flashback, der Thomas ein Stück seiner Vergangenheit enthüllt und jeder neuen Erkenntnis über die Gesetzmäßigkeiten des Labyrinths, vor allem aber mit immer häufigeren Auftauchen der „Griewer“ genannten Wesen, die zuerst nur im Labyrinth, im weiteren Verlauf der Handlung aber auch außerhalb ihr Unwesen treiben, hat bei mir der Schrecken und ein Stück weit auch die Faszination an der Geschichte nachgelassen.

„Maze Runner“ ist anfangs noch ein großes Geheimnis, wandelt sich aber immer mehr zu einer vereinfachten Version von „Lord Of The Flies“ und einer entschärften von „Cube“, was bereits andeutet, dass beide Vorbilder nicht erreicht werden. Und auch wenn der Film den Zuschauer von einem halb gelösten direkt ins nächste Rätsel entlässt, sind zumindest am Ende bei mir erste Zweifel gesät, ob die impliziten Versprechen an alle Freunde des phantastischen Films in den nächsten Teilen tatsächlich eingelöst werden. Man wird sehen.

Bild © Fox Deutschland

Lucy (Luc Besson, Frankreich 2014)

Posted by – 17. Februar 2015

LucyIn Filmen ist zunächst einmal alles wahr, das ist eines der vielen schönen Dinge, die es über sie zu sagen gibt. So nutzen Menschen in Luc Bessons neuem Film nur 10 Prozent ihrer Gehirnkapazität. Aber weil die amerikanische Urlauberin Lucy (Scarlett Johansson) in Taipeh als unfreiwilliger Drogen-Kurier für die brandneue Substanz CPH4 missbraucht wird und durch eine Überdosis zum Übermenschen mutiert, gilt diese Regel für sie bald nicht mehr. Schnell liegt das 10 Prozent-Limit hinter ihr. Ärgerlich nur – da bist du immerhin schon 28 Prozent deiner Gehirnkapazität und musst trotzdem noch Morgan Freeman anrufen, wenn du nicht weiter weißt. Der spielt in dem Film Hirnforscher Professor Samuel Norman und darf in einem weitestgehend parallel laufenden Handlungsstrang den Zuschauer mit pseudowissenschaftlichen Hintergrundinfos versorgen. Und einen französischen Polizisten (Amr Wakedmuss) muss sich Lucy dann auch noch anlachen, damit sie nicht zu schnell ihre Menschlichkeit verliert.

Bei 30 Prozent weiß Lucy die Kugelschreiber-Farbe ihres Telefonpartners und kann Schäferhunde mit Blicken züchtigen. Ab 40 Prozent gibts Champagner in der Economy-Class. Aber schon hier machen sich die ersten Problemchen breit. Ihr Superorganismus verliert den Zusammenhalt, sie beginnt sich aufzulösen und braucht schnell mehr von der Droge, weswegen sie den anderen Drogenkurieren nachreist. In einem Pariser Krankenhaus kommt es zum Showdown. Der Drogenbaron Mr. Jang (Choi Min-sik) und seine Schergen sind mittlerweile aufgetaucht, aber Lucy hat 80 Prozent hinter sich gelassen und bewegt sich in an „Matrix“ erinnernde „Konstrukt“-artigen Sphären, so dass ihr ein popeliger Gangster nicht mehr gefährlich werden kann. Auf Anraten von Prof. Norman ist Lucy gerade dabei, noch schnell einen Supercomputer zu konstruieren, um ihr in den letzten Stunden rasant angeschwollenes Wissen weitergeben zu können. Klappt und dann ists auch schon vorbei, und ich denke, sympathischer Trip, dieser „Lucy“. Aber ich finde auch: Besson hätte noch ein wenig mutiger dem Irrsinn huldigen können. Wir hätten dir alles geglaubt, Luc, warum die Zurückhaltung? So nutzt „Lucy“ leider nur knappe 60 Prozent seines Potenzials. In meiner Fantasie peppe ich alles deswegen ein wenig auf, indem ich mir vorstelle, der Film sei der zweite Teil einer Trilogie, bestehend aus dem ersten Teil „Vicky Christina Barcelona“, dann eben „Lucy“ und schließlich „Her“.

Bild © Universal

I Am Legend (Francis Lawrence, USA 2007)

Posted by – 6. Februar 2015

i am legendTeil zwei und drei von „The Hunger Games“ – famos, „Constantin“ – ebenfalls sehr gut. Nachdem ich nun mich schon innerlich darauf eingestellt hatte, mit Neusichtung von „I Am Legend“ ein Loblied auf Francis Lawrence zu verfassen, wurde ich doch schnell auf den Boden zurückgeholt. Nicht, dass der Film auf visueller Ebene nicht überzeugend wäre, aber aus einem schlechten Script (verantwortlich hierfür Mark Protosevich & Akiva Goldsman) kann auch ein guter Regisseur kein Meisterwerk machen.

„I Am Legend“ handelt von dem Virologen Lt. Colonel Dr. Robert Neville (Will Smith). Als einer der letzten Überlebenden einer Seuche, die ihre Opfer in blutrünstige Bestien verwandelt, versucht Neville fieberhaft ein Gegenmittel zu finden. Der Film nach dem gleichnamigen Roman von Richard Matheson wurde z.B. mit „The Last Man on Earth“ (1964) „The Omega Man“ (1971) „I Am Ωmega“ (2007) schon mehrfach für’s Kino adaptiert und wahrscheinlich diente die Geschichte zusätzlich als Blaupause für etliche weitere Filme. Lawrences Version gehört visuell sicherlich zu einer der stärksten. Schon der Beginn, wenn man den Protagonisten mit seinem Hund in einer schicken Karre durch die menschenleeren Häuserschluchten New York Citys fahren sieht, ist hochgradig atmosphärisch. Der Anfang hat mir fast noch besser gefallen als der des kürzlich von mir gesehenen „28 Days Later“, in dem sich die Hauptfigur und mit ihr der Zuschauer zunächst in einem (scheinbar) entvölkerten Szenario zurechtfinden muss. Boyles Film hat mir insgesamt trotzdem wesentlich besser gefallen.

Drei Gründe sind es, die mich an „I Am Legend“ stören (zwei davon sind sehr subjektiv, einer vielleicht nicht ganz so). Erstens: Ich sehe Will Smith nicht ungern. Dass er den Scientologen nah steht, hat nichts damit zu tun, dass er ein paar verdammt gute Filme gemacht hat. Ganz subjektiv stelle ich aber fest: In die Rolle des Robert Neville passt er (für mich) einfach nicht. Nicht ganz so sehr, aber immer noch subjektiv behaupte ich: Er ist den Anforderungen dieser Rolle nicht gewachsen. Das Leid und die Verzweiflung seiner Figur, wie auch das, was sie antreibt, glaubhaft herüberzubringen, will ihm in meinen Augen nicht so ganz gelingen. Aber es ist für andere wahrscheinlich müßig, Geschmacksurteile darüber zu lesen, ob ich finde, dass jemand gut oder schlecht schauspielert, deswegen gleich zu zweitens, und das ist wohl ebenfalls Geschmackssache: Die vampirartigen Pixel-Wesen aus dem Computer sehen in meinen Augen doof aus. Mich haben diese Animationen jedenfalls immer wieder rausgerissen, ich finde sie schlecht designt, sie bewegen sind unnatürlich und sehen übertrieben aus. Wer das nicht findet, hat definitiv ein erhebliches Problem weniger mit dem Film. Aber nun zu drittens. Von diesem Punkt glaube ich, dass er nicht nur mit meinem Geschmack zu tun hat, sondern dass der Film hier wirklich „kaputt“ ist. Der Roman von Matheson hat eine Pointe, zum Schluss verschieben sich die Perspektiven und der Leser erhält eine ganz neue Sicht auf die Geschichte. Der Film verzichtet auf diese Wendung. Die Story wurde umgeschrieben und so auch ihrer Aussage und Kraft beraubt.

Ich bin niemand der notorisch fehlende Werktreue anmahnt, aber wenn wie in diesem Fall nichts übrig bleibt als ein phasenweise atmosphärischer, aber CGI-überfrachteter und inhaltlich armer Film, der so offensichtlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, dann finde ich das sehr sehr schade.

Bild © Warner Bros.

Across The River (Lorenzo Bianchini, Italien 2013)

Posted by – 1. Februar 2015

across the riverVielleicht darf ich auch einfach mal schreiben, dass mir nicht viel zu einem Film einfällt. Kritiken lese ich eigentlich nicht allzu oft, aber zu „Across The River“ (OT: Oltre il Guado) sind mir einige sehr positive Texte untergekommen und deswegen wollte ich ihn gerne sehen. Das habe ich jetzt getan. Mir ist allerdings nicht klar geworden, was Publikum und Kritik an dem mehrfach ausgezeichneten Film sehen. Ich habe nicht einmal viel zu meckern, weil: da ist einfach nichts. Bestenfalls dieses Nichts kann ich kritisieren, ein Horror- bzw. Gruselfilm sollte ja „Etwas“ haben und zwar ein Etwas, das Angst macht.

Ein Mann (Marco Marchese) läuft erst durch einen Wald, dann durch ein verlassenes Dorf. Da mal eine schräge Klaviernote, dort ein Horn. In einigen Texten ist zu lesen, der Regisseur Lorenzo Bianchini, der hier auch für das Drehbuch und den Schnitt verantwortlich zeichnet, spiele mit Genre-Konventionen, ich aber sage: er reiht sie aneinander. Das hat man alles schon etliche Male und zwar meist besser gesehen. Lediglich das Timing unterscheidet sich ein wenig von ähnlichen Produktionen. Soweit, dies als „behutsamen Spannungsaufbau“ zu bezeichnen, würde ich aber auch nicht gehen. Und nur dafür, dass Bianchini wie ich kein großer Fan von Jump Scares zu sein scheint, bin ich noch nicht bereit zu klatschen. Zumindest ich war nicht ge- sondern eher entspannt, um nicht zu sagen gelangweilt – bist das Genervt sein dazu kam. Änderungsvorschlag für den Film: Alle Nebenstränge (alten Mann, Sanitäter und vor allem die beiden Schwestern weglassen), die Im-Traum-Ertrinken-Szene zum Schluss noch einmal wiederholen und ihn nicht aufwachen lassen. Dann wäre das zwar immer noch kein toller Film, aber zumindest wäre er dann stringenter aufgebaut und hätte am Ende auf die zwei schmierigen Schwestern aus der Mottenkiste des Horrorfilms verzichten können.

Positiv aufgefallen ist mir lediglich, wie der Aktions- und Wahrnehmungsradius der Hauptfigur immer weiter schrumpft. Stehen ihm am Anfang Wald und Wiesen offen und ist sein Sensorium durch die Kameras an den Füchsen sogar noch erweitert, verengen sich die Grenzen seiner Welt nach dem Ansteigen des Flusses und seiner Ankunft im Dorf immer weiter, bis er schließlich desorientiert durch die verfallenen Räume irrt. Ein glücklicher Zuschauer ist wohl einer, auf den sich diese Irritation und Klaustrophobie überträgt. Das hat bei mir leider nur in sofern funktioniert, dass mein Sofa von Filmminute zu -minute unbequemer geworden ist.

Bild © Marctropolis