Month: März 2016

Sleepaway Camp (Robert Hiltzik, USA 1983)

Posted by – 31. März 2016

sleepaway camp_Es ist kaum etwas Schöneres als nichtsahnend in einen tollen Film zu stolpern. So ist es mir vor ein paar Tagen mit „Sleepaway Camp“ geschehen, den ich eigentlich nur angemacht hatte, weil ich mich mal wieder nicht richtig entscheiden konnte und mir von Robert Hiltziks Film kurzweilige, entspannende Genre-Unterhaltung versprochen hatte. Und dann war es eines der schönsten Filmerlebnisse der letzten Wochen, ich bin immer noch wie verzaubert von diesem kleinen aber feinen Slasher.

In einem Feriencamp muss ein Kind mit ansehen, wie seine Familie bei einem Bootsunglück ums Leben kommt. Jahre später wird Angela (Felissa Rose) zusammen mit ihrem Cousin Ricky (Jonathan Tiersten) von ihrer Tante Martha (Desiree Gould) wieder in ein Camp geschickt. Das stille Mädchen wird schnell Opfer von Hänseleien. Nur Ricky und sein Kumpel Paul (Christopher Collet) setzen sich für das Mädchen ein. Die auf einmal beginnende Reihe von „Unfällen“ wird vom Camp-Leiter Mel (Mike Kellin) lange Zeit heruntergespielt – bis es zu spät ist…

Ja, aber warum fand ich den Film denn jetzt so gut? Zum einen er für einen Film dieses Genres auffällig gut gemacht ist und Hiltzik offensichtlich eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, was er wollte und man diese zielgerichtete Energie dem Film jederzeit anmerkt. Das hängt natürlich mit dem folgenden Punkt zusammen, das handwerkliche Können des Regisseurs und der gelungene Subtext bedingen sich ja gegenseitig. Gut gemacht heißt hier nicht, dass der Film teuer ist oder die Rollen mit hochrangigen Darstellern besetzt sind (im Gegenteil: viele der Darsteller sind Laien), sondern dass hier alles in sich stimmig und zweckdienlich umgesetzt wurde. Der Film enthält eine ganze Reihe wirklich unheimlicher, intensiver Szenen, der Unfall am Anfang beispielsweise, die Beinahe-Vergewaltigung Angelas durch den Koch usw.; und doch ist er nicht nur in solchen besonderen Momenten gut, sondern auch dazwischen. Hier stimmen der (Erzähl-)Fluss, das Timing und die Atmosphäre. Sogar die Figuren sind für das Genre ungewöhnlich plastisch und in ihren Bedürfnissen glaubhaft, vielleicht mit Ausnahme von Camp-Leiter Mel, dessen Verhalten für mich nie ganz nachvollziehbar war und Karen Fields als Zicke Judy, die Angela besonders hartnäckig malträtiert. Die beiden sind für meinen Geschmack in ihren Rollen unklar (Mel) oder etwas zu übertrieben und grobmaschig (Judy) anlegt.

Zum anderen fand ich „Sleepaway Camp“ so stark, weil er mir zwar, wie für einen Slasher üblich, sehr bekannt vorkam, ich aber gleichzeitig trotzdem schnell gerafft habe, dass er irgendwie anders ist, was sich im weiteren Verlauf – und mit Paukenschlag vor allem am Ende! – auch bestätigt. Gut, ich kannte das Ende schon von Hörensagen, aber so ist mir erst richtig bewusst geworden, wie gekonnt dieser Film angelegt ist. Soviel sei verraten, es geht um etwas, um das es versteckt in den meisten Slasher geht, zumindest ist dieses „Etwas“ ein fester Bestandteil des Genres. Nur wird es hier, wie ich finde, auf eine andere Art und clevere Weise aufgegriffen. Obwohl ich eigentlich nicht daran glaube, dass man gute Filme spoilern kann: Dass ich hier so um den heißen Brei herumrede, liegt tatsächlich mal daran, dass ich niemandem die Chance nehmen möchte, sich von dem Film überraschen zu lassen. Ich kannte wie gesagt den Twist schon, und es hat den Guckspaß vielleicht sogar noch erhöht, weil ich auf andere Dinge geachtet habe, aber es ist ja nicht gesagt, dass es anderen genauso geht.

Ganz allgemein: Im Slasher geht es ums Töten. Ein Killer bringt eine Reihe von Personen, meist eine Gruppe von Teenagern oder jungen Erwachsenen kreativ um die Ecke. Der Einfallsreichtum der Morde steht oft im Gegensatz zum Leben der Ofer, das man trotz Sex, Drogen und Partys – oder Ausflügen in die Backwoods – in den meisten Fällen als trist und öde bezeichnen muss. Die Gründe des Killers sind unterschiedlich, oft ist das Töten eine Folge von in der Kindheit erlittener Traumata, die Rache für erfahrenes Unrecht o.ä. Interessant sind Slasher oft durch die implizite Moral – sind die Opfer doch meist Personen, die direkt oder indirekt in die Kränkung des Killers verwickelt waren und/oder oder sich eines lasterhaften Lebenswandels schuldig gemacht hatten. Dies lässt viele Slasher puritanisch oder sogar reaktionär erscheinen. Vielleicht sind es einige auch. Interessanter finde ich allerdings Ansätze, welche die auffälligen Gewaltszenen im Kontext der Handlungsarmut und Monotonie der Geschichten interpretieren und sich bei der Analyse des Genres auch auf diesen offensichtlichen Kontrast – zwischen schillernden Morden einerseits und der Tristesse des Rests andererseits –beschäftigen. Ich bin mit meinen Gedanken hierzu noch nicht am Ende, aber bei diesem Ansatz wäre doch denkbar, dass Slahser in der Mehrheit keine reaktionäre, sondern (gesellschafts-)kritische Haltung haben, in denen sich die Gewalt als Reaktion auf verschiedene Formen von (sexueller) Repression und Unterdrückung zeigt – nicht in dem sie moralisch legitimiert sondern, sondern dass sie ästhetisch auffällig wird?

Ich will jetzt auch nicht zu dick auftragen: „Sleepaway Camp“ ist ja irgendwie immer noch ein handelsüblicher Slasher der 1980er Jahre und wohl kein verschollenes, subversives Meisterwerk. Aber es ist eben auch einer, der sich besonders gut dazu eignet, sich darüber Gedanken zu machen, worum es in dem Genre eigentlich geht, was seine Standards sind und welche Funktion sie erfüllen (können). Das hat Robert Hiltzik ganz offensichtlich mit großer Hingabe getan. Ich halte den Film für wichtig.

Bild © Anchor Bay Entertainment

Malastrana (Aldo Lado, Deutschland / Italien / Jugoslawien 1971)

Posted by – 22. März 2016

MalastranaMal gleich mit der Tür ins Haus gefallen: „Malastrana“ (OT: La corta notte delle bambole di vetro) ist einer der besten Filme, die ich in den letzten Monaten gesehen habe. Auf meiner Liste der bereits gesehenen, gemeinhin als „Gialli“ bezeichneten italienischen (Psycho-)Thriller, würde ich in spontan zu den Top-10 zählen. Lado Aldos Geschichte ist ein unglaublich pessimistischer, über alle Maßen deprimierender Alptraum, gegen den sich die Romane von Franz Kafka fast schon heiter erweisen. Selbst ein paar Tage nach meiner ersten Begegnung mit diesem Film sitzt mir die Erfahrung tief in den Knochen und lässt mich frösteln.

Das fängt schon mit der Prämisse des Films an: Der Protagonist, ein amerikanischer Journalist namens Gregory Moore (Jean Sorel), liegt tot auf dem Tisch des Leichenbeschauers. Scheinbar tot! Ist er aber nicht, er hat nur keine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Die Obduktion ist bereits angesetzt. Die Geschichte von „Malastrana“ entspinnt sich an Gregorys Erinnerungen, sein eingesperrter Verstand versucht dahinter zukommen, was ihn in diese Lage gebracht hat. Gregory erinnert sich: Seine Freundin Mira (Barbara Bach) hatte ihn besucht. Als er nach einer Party, bei der er Mira eine Reihe Leuten vorgestellt hat, noch einen Arbeitstermin wahrnehmen muss und wieder nach Hause zurückkehrt, ist sie fort. Er macht sich auf die Suche, Polizei und Kollegen sind ihm dabei kaum eine Hilfe. Bei seinen Recherchen findet er heraus, dass seit jüngst eine ganze Reihe von jungen Frauen vermisst wird. Je tiefer er gräbt, desto größer werden die Widerstände. Bald gibt es die ersten Toten…

„Malastrana“ (= ein Stadtteil Prags, tschechisch: Malá Strana) ist natürlich auch eine Parabel auf den totalitären Staat, in dem die Reichen elitäre Geheimbünde, unterstützt von korrupten Polizisten, die Herrschaft übernommen haben. Ein Menschenleben ist hier nicht viel wert – das eines einheimischen Mädchens allerdings noch weniger als das eines amerikanischen Journalisten. Das Gleichnis ist allgegenwärtig, doch ich hatte nie das Gefühl, dass Lado die Parallelen zwischen dem paralysierten Journalisten und dem ohnmächtigen Individuum im Faschismus übertreibt, sondern dass ihm in erster Linie daran gelegen ist, seine ungewöhnliche Geschichte möglichst effektiv zu präsentieren. Die Bilder von Kameramann Giuseppe Ruzzolini vermitteln das Gefühl von Einsamkeit und Schwere, die tieftraurige Cello-Musik von Meister Ennio Morricone tut sein Übriges, den Zuschauer immer tiefer in den Abgrund zu reißen. Es ist kaum übertrieben, Lado zu bescheinigen, dass er mit „Malastrana“ der Stadt Prag ein ähnlich atmosphärisches Denkmal gesetzt hat, wie es zwei Jahre später Nicolas Roeg mit „Don’t Look Now“ für Venedig gelingen sollte.

Von Aldo kenne ich bisher „Night Train Murders“ und „Who Saw Her Die“, die mir beide ebenfalls sehr gut gefallen haben. „Malastrana“ – oder auch „Short Night of the Glass Dolls“ wie er international heißt – ist meiner Meinung nach aber noch einmal ein Stück stärker, weil er das Gefühl der Machtlosigkeit sehr eindrucksvoll einfängt. Wenn man sich mal klar macht: Die Geschichte, die wir sehen, besteht ja lediglich aus den Erinnerungen des paralysierten Protagonisten. Jede Entdeckung, die er macht, jedes weitere Puzzlestück des Rätsels, schafft lediglich ein Gefühl von Fortschritt. In Wirklichkeit aber ist alle Souveränität in diesem Film eine Illusion. Ein besseres Verständnis seiner Situation ist die einzige Freiheit, die dem unfreien Individuum bleibt. Bitterer kann die Moral der Geschicht’ wohl nicht.

Bild © Camera Obscura

The Psychic (Lucio Fulci, Italien 1977)

Posted by – 20. März 2016

The PsychicUnter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung versteht man eine Vorhersage, die nur deswegen eintritt, weil sie ausgesprochen wurde. So ergeht es auch Virginia (Jennifer O’Neill) in Lucio Fulcis „The Psychic“ (OT: Sette note in nero), die eines Tages die Vision eines Mordes an einer Frau hat. In der Villa ihres Mannes Francesco (Gianni Garko) erkennt sie Fragmente daraus wieder – und ruft die Polizei. Diese findet eine eingemauerte Leiche. Allerdings ist das nicht die Frau aus Virginias Vision. Zusammen mit dem Parapsychologen Luca Fattori (Marc Porel) stellt sie Nachforschungen an, bis sie der Wahrheit gefährlich nahe kommt…

Seit zwei Jahren lag eine DVD von Luci Fulcis „The Psychic“ bei mir ungesehen im Regal. Dabei gab es in letzter Zeit kaum einen Film, auf den ich mich mehr gefreut habe. Warum das lange Warten? Ich hatte mir den Film dooferweise in der RC1-Version gekauft, die meine Playstation leider nicht abspielen kann. Auf der letzten Filmbörse habe ich mir dann das Mediabook aus dem Hause „84 Entertainment“ von „The Psychic“ bzw. „Die sieben schwarzen Noten“, wie er hierzulande heißt, gegönnt. Das hat sich als ausgezeichnete Entscheidung herausgestellt, denn es ist bestimmt auch der an Extras reichen Veröffentlichung (vor allem dem Audiokommentar von Marcus Stiglegger) zu verdanken, dass ich den Film nicht nur nett, sondern schlussendlich sogar ziemlich gut, wenn nicht sogar toll fand.

Von Beginn an hat „The Psychic“ einen ganz eigenartigen Sog. Eigenartig deswegen, weil ich ihn zuerst gar nicht richtig wahrgenommen habe, sondern erst am Ende – vielleicht sogar erst richtig, als der Film schon vorbei war. Man kann den Zuschauer in gewisser Hinsicht mit der Protagonistin vergleichen, der, wie Virginia in ihrer Vision, irgendwie in diesem Film gefangen, ihm sozusagen ausgeliefert ist. „The Psychic“ hat in mehrfacher Hinsicht etwas Geschlossenes. Die Protagonistin ist ganz mit ihren Nachforschungen befasst, diese „Welt“ verlässt sie nie. Doch jedes Puzzleteil des Verstehens, ist gleichzeitig ein Stein, aus dem sie ihr Schicksalsgefängnis baut. Das ist inszenatorisch von Fulci sehr geschickt umgesetzt, so dass sich das Gefühl der Unausweichlichkeit subtil ins Hirn des Zuschauers fräst. Wie die Protagonistin wird auch er wie auf Autopilot durch die Geschichte gezogen, wie sie ahnt auch er zumindest eine Zeitlang nicht, welches Ende die Autoren Dardano Sacchetti und Roberto Gianviti unter der Mithilfe des Regisseurs vorgesehen haben.

Überhaupt ist auch dieser Film Fulcis wieder sehr schön. Durch Gegenlicht-Aufnahmen von Kameramann Sergio Salvati erhalten viele Momente etwas träumerisches, eine ganz eigene Aura und Schönheit, die im Kontrast zu der düsteren Geschichte steht. Gleiches gilt für den stimmungsvollen Score und die einprägsame, Titelmelodie von Franco Bixio, Fabio Frizzi und Vince Tempera. Wie schon in „A Lizard In A Womans Skin“ geht es in „The Psychic“ – das hat er mit mehreren Filmen von Dario Argento gemeinsam – um die Rekonstruktion und anfänglichen Fehlinterpretationen einer Wahrnehmung; und wie auch in Fulcis anderen Gialli ist auch „The Psychic“ wieder ein untypischer Vertreter des Genres, dessen Standards ihm in mehrfacher Hinsicht abgehen, ohne dass dieses Fehlen in irgendeiner Hinsicht ein Mangel wäre. Im Gegenteil, der freie Umgang mit dem Netzwerk an Giallo-Stilismen, macht diesen Film so reich und reizvoll. Und dass er mit der tückischen, sich selbst erfüllenden Prophezeiung bzw. Vision ein – wieder nicht ganz genretypisch – ein echtes Thema hat, das er spannend, originell und formal stimmig umsetzt. Ich sage jetzt auch mal etwas voraus: Wenn das so weiter geht, werde ich noch zum Fulci-Fan..

Bild © 84 Entertainment

Libido (Ernesto Gastaldi, Vittorio Salerno, Italien 1965)

Posted by – 19. März 2016

LibidoNicht so werden zu wollen wie seine Eltern – darüber wird der ein oder andere bestimmt schon nachgedacht haben. Und auch mir fallen da spontan gleich mehrere Menschen einen, die diesen Wunsch mal geäußert haben. Auch der Protagonist im frühen Giallo von Ernesto Gastaldi & Vittorio Salerno möchte auf keinen Fall in die Fußstapfen seines Vaters treten. Denn als Kind musste Christian mit ansehen, wie dieser eine Frau umbrachte und hinterher Selbstmord beging. Die nächsten Jahre verbringt Christian unter psychiatrischer Aufsicht. Um seinen gesundheitlichen Zustand zu testen kehrt er als Erwachsender (Giancarlo Giannini) zusammen mit seiner Gattin Eileen (Dominique Boschero), seinem Anwalt Paul (Luciano Pigozzi) sowie dessen Frau Brigitte (Mara Maryl) zum Haus seiner Kindheit zurück. Schon bald findet Christian immer mehr Anzeichen dafür, dass irgendetwas in dem alten Haus nicht stimmt. Lebt sein Vater etwa noch?

„Libido“, der kurz nach Mario Bavas Klassiker „Blood And Black Lace“ entstanden ist, ist, noch kein typischer Giallo, wenngleich die Elemente des Genres, eine Mordserie, ein unbekannter Killer, schwarze Handschuhe, sexuelle Traumata, einprägsame Musik u.ä. hier durchaus vorkommen. Auch das Thema Beobachten spielt, wie vor allem in den Gialli Dario Argentos, eine Rolle wichtige eine Rolle. Lediglich die Kamera des in schwarz-weiß gedrehten Films agiert bis auf wenige Ausnahmen eher giallo-untypisch einfallslos. Wenn „Libido“ optisch auch nicht gerade brillant daher kommt, ist die Geschichte mit Spuk-Touch trotzdem sehr spannend umgesetzt und psychologisch nicht ganz abwegig. Man merkt, dass sich der Schreib-Profi Ernesto Gastaldi und Vittorio Salerno (der Regisseur von „No il caso è felicemente risolto“, den ich mir die nächsten Tage ansehen möchte), die sich neben der Regie auch für das Buch verantwortlich zeichnen, hier ernsthaft einen Kopf gemacht und versucht haben, die Motivation der Figuren plausibel zu machen. Geglückt, würde ich sagen. Dass das recht gut funktioniert, liegt auch an den Darstellern, die mich hier, von Giancarlo Gianninis leichtem Overacting mal abgesehen, wirklich überzeugt haben. Der Zuschauer bleibt bis zum Ende im Unklaren, wer hier was aus welchen Gründen tut, doch wenn schließlich die Auflösung präsentiert wird, ist das, anderes als in vielen späteren Filmen, in denen der Täter unvermittelt aus dem Hut gezaubert wird, ist das Ergebnis nachvollziehbar und stimmig. Mir hat es gefallen, dass gerade die wahnsinnige Figur letzten Endes die wahrhaftigste war.

Schade, dass ein Film wie „Libido“ so wenig bekannt ist, nicht nur, weil man ihn in vielerlei Hinsicht als Wegbereiter des in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren aufblühenden Giallo begreifen kann. Das Thema, nicht wie die eigene Eltern werden zu wollen, ist universell und nachvollziehbar und hier wird hier filmisch auf eine sehr spannende Weise präsentiert. In Christians Fall klappt das, soviel sei verraten, wenn auch auf eine andere Weise als erwartet, nicht so ganz. Ich hoffe, das ist jetzt kein Spoiler, sondern ein Aspekt, der neugierig macht und alle, die das hier lesen motiviert, diesem kleinen aber feinen Früh-Giallo eine Chance zu geben.

Bild-Quelle: IMDB

Notizen #8

Posted by – 13. März 2016

Spectre (Sam Mendes, GB 2015)

Schon von „Skyfall“ war ich enttäuscht, aber mit „Spectre“ hat der Craig-Run für mich seinen Tiefpunkt erreicht. Autor Paul Haggis scheint bei „Casino Royale“ und „Quantum Of Solace“ eine Ahnung gehabt zu haben, was der neue Bond sein könnte, Neal Purvis und Robert Wade, die zusammen mit John Logan für die letzten beiden Filme verantwortlich sind, geht dies leider völlig ab. Der aktuelle Teil führt die losen Handlungsfäden zwar irgendwie zusammen, so richtig beeindruckt davon, dass hinter allem eine beleidigte Leberwurst mit Komplexen steht, dürfte aber niemand sein. Der Held? Craigs Bond ist mittlerweile ein arroganter Gockel und widerlicher Witwentröster geworden, der sein Hirn durchbohrende Nadeln besser wegsteckt als andere Leute Mückenstiche. Und selbst die bemüht imposanten Bilder von Kameramann Hoyte van Hoytema, lassen den „Spectre“ auf magische Weise nur noch peinlicher wirken.

Der grüne Bogenschütze (Jürgen Roland, Deutschland 1961)

Damals fand ich sie gruselig, heute nehme ich die Edgar-Wallace-Filme eher als verspielt, witzig und selbstironisch wahr. Den grünen Bogenschützen hatte ich zwar schon einmal vor urlanger Zeit gesehen, meine Erinnerung war aber dementsprechend nebulös. Beim erneuten Sehen präsentiert sich der fünfte Film der Wallace-Reihe (1959 bis 19729) als noch nicht ganz so elaboriert, wie spätere Vertreter, doch durchaus unterhaltsam, wenn auch für meinen Geschmack etwas Bogenschützen-arm. „Der grüne Bogenschütze“ ist bestimmt kein Highlight der Reihe, aber wegen seiner gelungenen Bösewichte – Gerd Fröbe als cholerisches Ekelpaket, Stanislav Ledinek als sein unangenehmer Handlanger –, finde ich ihn auch heute noch ganz nett.

Seven Blood-Stained Orchids (Umberto Lenzi, Italien 1972)

Ob man den Film, der in Deutschland unter dem Titel „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ bekannt ist (OT: Sette orchidee macchiate di rosso), eher als konservativen Giallo oder als progressiven Versuch betrachtet, der Wallace-Reihe neues Leben einzuhauchen – schlecht ist er jedenfalls nicht. Er handelt von einer Mordreihe, bei welcher der Killer immer ein Schmuckstück in Form eines silbernen Halbmonds am Tatort zurücklässt. Giulia (Uschi Glas) und ihr Mann Mario (Antonio Sabato) forschen nach und geraten bald selbst in Gefahr. Was den Film so tragisch und damit auch gut macht: Zum Schluss erweisen sich die Morde als eine Kettenreaktion tödlicher Irrtümer. Der Versuch, die Wallace-Reihe hierdurch wiederzubeleben ist allerdings gescheitert. „Seven Blood-Stained Orchids“ war das 38. und letzte Wallace-Kapitel.

Spotlight (Thoms McCarthy, USA 2015)

Wenn der Film vorüber ist, kommt einem wahrscheinlich sofort folgende Frage in den Sinn: Was ist eigentlich aus der Katholischen Kirche geworden? Nach dem riesigen Missbrauchsskandal und dessen Aufdeckung durch ein paar couragierte Journalisten des Boston Globe im Jahr 2001 müsste die Kirche doch in den letzten Zügen liegen. Schließlich hatte der Missbrauch sowie dessen Vertuschung Methode. Dann der Schreck und einem klar, dass sich nichts geändert hat; und diese Erkenntnis ist in gewisser Weise noch furchterregender und trauriger als die zahllosen Vergewaltigungen Jugendlicher durch ein paar notgeile Würdenträger. Die katholische Kirche hat in den letzten zweitausend Jahren schon ganz andere Dinge ausgesessen, was soll ihr ein so kleines Skandälchen schon anhaben? Ehe ich zynisch werde, möchte ich einfach noch sagen, dass mir der Film sehr gut gefallen hat, die Musik Howard Shore ebenso. Nur die deutsche Synchronisation klingt leider, als wären da nur zwei Sprecher am Werk gewesen.

I Spit On Your Grave 3 (R.D. Braunstein, USA 2015)

Nachdem sie brutal vergewaltigt worden ist, hat sich Jennifer (Sarah Butler) ein neues Leben aufgebaut. Um die furchtbaren Erinnerungen zu verarbeiten, besucht sie eine Selbsthilfegruppe. Als ihre Freundin auf brutale Weise umgebracht wird, sieht Jennifer rot… – „Rape & Revenge“-Filme befriedigen in der Regel gleich zwei niedere, voyeuristische Interessen: Die Lust an Gewalt und die an nackter Haut. Das Perfide an Filmen dieser Art ist, dass sich der Zuschauer durch die Rache irgendwie auf der richtigen Seite fühlen darf und schnell den ästhetisierten Gewaltakten auf den Leim geht. Diesen Vorwurf kann man „I Spit On Your Grave 3“, der die Geschichte des Remakes weiterführt, allerdings kaum machen. Braunstein geht sehr zurückhaltend mit den exploititativen Elementen seiner Geschichte um, er verzichtet auf nackte Haut und meidet, von zwei, in der deutschen Fassung noch mal entschärfte Ausnahmen abgesehen, brutale Szenen. So richtig gelungen ist der Film, der es offensichtlich gut meint, allerdings trotzdem nicht. Zwar wird durch die Figur der Jennifer deutlich, dass Opfer häufig auch Tätermuster entwickeln. Den anderen Figuren des Films bleibt ein differenziertes Profil allerdings versagt.

Projekt X (Nima Nourizadeh, USA 2012)

Weil seine Eltern übers Wochenende verreist sind, wollen Thomas (Thomas Mann) und Kumpels eine große Party schmeißen. Die anfängliche Angst, dass niemand kommt, erweist sich als unbegründet. Das gute Marketing seines Freundes Costa (Oliver Cooper) geht voll auf. Zum Schluss zählt die Party beinahe 2000 Gäste – und läuft völlig aus dem Ruder. – Inspiriert von einer wahren Begebenheit, bei der ein Teenager in den USA über Facebook einlud und von Partygästen förmlich überrannt wurde, erzählt die Regisseurin Nima Nourizadeh in ihrem im Food-Footage-Stil gedrehtes Debüt die Geschichte einer Eskalation ohne Gefühl. Die Kritiken zum Film waren sehr gemischt. Ich würde den Film auch scheiße finden, wenn ich ihn als den Versuch einer Komödie betrachten würde. Doch wenn man ihn als Horrorfilm sieht, geht’s eigentlich. Mir haben diese Menschen im Film jedenfalls ziemlich Angst gemacht.

Charlie’s Farm (Chris Sun, Australien 2015)

Posted by – 12. März 2016

charlie's farmManchmal ärgere ich mich ein wenig über Rezensionen, die über Horrorfilme 08/15-Texte à la „schlecht, weil vorhersehbare Handlung, unsympathische Figuren“ etc. schreiben, aber im Falle von „Charlie’s Farm“ müsste ich eigentlich das Gleiche tun, weil es viel mehr auf den ersten Blick auch nicht zu sagen gibt.

Vier Freunde, Donkey (Sam Coward), Jason (Dean Kirkright), Natasha (Tara Reid) und Melanie () wollen ein außergewöhnliches Abenteuer erleben und auf „Charlie’s Farm“ übernachten. Dort hat vor ein paar Jahren eine degenerierte Familie grausame Morde verübt, bis diese von der Dorfgemeinschaft exekutiert wurde. Nur ihr Sohn Charlie soll überlebt haben und auf der Farm immer noch sein Unwesen treiben. Was sich auch als die Wahrheit herausstellt, wie die vier Freunde bald herausfinden.

In „Charlie’s Farm ist alles wie immer. Unsympathische, nicht besonders helle Figuren, schlechte Witze, eine – von einer kleinen Ausnahme abgesehen – in jedem Detail vorhersehbare Handlung, einen Killer, der in dem Meer von Killern der letzten Jahrzehnte absolut kein Alleinstellungsmerkmal hat, plakative, aber letztlich doch recht austauschbare Gewaltszenen und so weiter. Doch gerade weil hier alles genau so ist, wie es nun mal in der unteren Liga des Genres zu sein hat, muss sich das Gehirn halt irgendwie beschäftigen und arbeitet dann daran, die feinen Unterschiede wahrzunehmen; so dass man auf den zweiten Blick wohl bemerken könnte, dass Chris Sun hier dermaßen frech abkupfert und dabei beeindruckend konsequent hinter wirklich jedem einzelnen seiner oft auch schon nicht so tollen Vorbilder zurückbleibt, dass sich das schwerlich einfach mit einer Standarderklärung à la „der Film ist halt schlecht“ vom Tisch wischen lässt. Denn: Wirklich jede Szene ist so unglaublich präzise daneben, dass ich fast glauben möchte, dem Regisseur wäre hier die ultimative Hommage an den Bodensatz des Slasher-Genres gelungen. Sun verbeugt sich so tief vor den schlechten Filmen der Welt, dass diese dadurch fast groß und erhaben wirken.

Obwohl ich eigentlich die deutsche Blu-Ray von Meteor Film gesehen habe, musste ich dennoch das Cover des Mediabooks von ELEA-Media posten, auf dem Charlie zu sehen ist sowie die aufgespießten Köpfe von Genre-Größen wie Freddy, Michael Myers, Jason & Co. Hierin zeigt sich die wohl nicht ganz ernst zu nehmende Selbstüberschätzung des Films und weist einmal mehr den Weg, wie man „Charlie’s Farm“ letzten Endes doch goutieren kann. Der Film selbst ist ein wenig wie der Running Gag um Donkeys großen Penis, der gerade deswegen irgendwie gar nicht so verkehrt ist, weil er die meiste Zeit in der Hose bleibt.

Bild © ELEA-Media

On The Top Of The Other (Lucio Fulci, Frankreich / Italien / Spanien 1969)

Posted by – 12. März 2016

una sull'altra

Als seine Frau Susan (Marisa Mell) stirbt, erbt der Arzt George Dumurrier (Jean Sorel) eine hohe Geldsumme, was den Verdacht der Polizei und der Versicherung auf ihn lenkt. Kurze Zeit später lernt Dumurrier die Stripperin Monica Weston kennen, die seiner verstorbenen Frau zum Verwechseln ähnlich sieht.

Zunächst: Der unter dem internationalen Titel „On The Top Of The Other“ (OT: una sull’altra) vermarktete, aber auch unter den Namen „Perversion Story“ und „Nackt über Leichen“ bekannte Erotikthriller von Lucio Fulci, ist ein wahnsinnig gut aussehender, stilvoller, aber auch perfider Vertreter seiner Gattung. Es geht um Intrigen der Reichen und Schönen. Und schön und musikalisch reich ist der Film auch – schon alleine optisch sowie durch den jazzigen Score von Riz Ortolan bestens unterhält. Fulci und seinem Kameramann Alejandro Ulloa sind nicht nur etliche einprägsame Aufnahmen geglückt, welche die Besonderheiten des Krimiplots subtil untermauern, sondern ebenso viel stimmungsvolle Bilder von San Francisco. Wir sehen die Personen oft durch Glas oder ihre Reflektion in einem Spiegel; und auch sonst gibt es etliche schräge Perspektiven, experimentierfreudige Collagen und originelle Regie-Einfälle zu bewundern.

Doch es sind weniger seine offensichtlichen Reize, die den Hitchcock-inspirierten und an die Themen und die Ästhetik Brian de Palams erinnernden Thriller so interessant machen. Zum einen ist er der erste Ausflug Fulcis ins Giallo-Genre, zum anderen gehört er zu den wenigen Gelegenheiten, den Regisseur als rationalen, mehr oder weniger kohärenten Geschichtenerzähler zu erleben. Und noch ein dritter Aspekt macht diesen Giallo für mich spannend: Die Mechanismen der Zerstörung, die in Fulcis späteren Filmen vor allem körperlicher Natur sind, werden hier auf das gesamte Leben eines Mannes angewandt. Nach und nach gerät alles, letzten Endes selbst verschuldet, aus den Fugen, bis er schließlich in der Todeszelle landet. Doch ist es nicht nur die Destruktion selbst, sondern auch die Art ihres Voranschreitens, die Zwangsläufigkeit, die den Ereignissen dieses Films zugrunde liegt, die Unausweichlichkeit jedes einzelnen Schrittes bis hin zum Finale, die ein Charakteristikum vieler Filme Fulcis wie auch anderer Gialli sind. Hierzu passt übrigens auch sehr gut das Schauspiel von Jean Sorel, der mit kaum bewegter Mine seinen Alptraum durchlebt, so als wüsste er stets, dass er sein Schicksal verdient und keine Chance hat, die Geschichte von sich aus zu wenden.

„On The Top Of The Other“ ist ein Film, in dem Fulcis Werk noch nicht aus den Fugen geraten ist, in dem die Verhältnisse noch stimmen und die drei bisher vom mir beobachteten, inneren Prinzipien seines Schaffens – Zerstörung, Fatalismus und Sühne – mit dem Primat der Ästhetik im Einklang stehen. Fulci wirft einen Blick hinter die Fassaden der oberen Zehntausend und zeigt, wie selbstsüchtig, niederträchtig und intrigant es dort zugeht. Zum Schluss bekommt jeder, was er verdient. Wer Fulci vor allem wegen seiner inkohärenten Geschichten, der fiebrigen traumartigen Atmosphäre seiner Filme und der heftigen Gewalteruptionen mag, wird mit diesem Film möglicherweise zunächst fremdeln. Meiner Meinung nach ist das aber ein Grund mehr, ihn sich anzusehen und andere Seiten dieses vielfach unterschätzten Filmemachers kennenzulernen. Hier ist Fulcis Welt noch in Ordnung, „On The Top Of The Other“ ist eine runde Sache!

Bild © X-rated

Notizen #7

Posted by – 11. März 2016

The Paris Sex Murders (Ferdinando Merighi, Deutschland / Italien 1972)

Um meine derzeitige Giallo-Begeisterung wieder ein wenig zu dämpfen (Texte zu den gesehenen Filmen folgen..), habe ich mir den Rohrkrepierer „The Paris Sex Murders“ (OT: Casa d’appuntamento) angesehen, der in Deutschland unter dem Namen „Das Auge des Bösen“ von filmART / Media Target Distribution herausgebracht wurde. Alles was über ihn gesagt wird, stimmt. „The Paris Sex Murders“ ist billig, weitgehend sinnfrei, unfokussiert, mit überflüssigen Szenen vollgestopft… Und der Hauptdarsteller (Robert Sacchi) sieht tatsächlich aus wie der erfolglose Bruder von Humphrey Bogart. Das Beste ist tatsächlich die Veröffentlichung, die immerhin in gutem Bild, ungekürzt und mit allerlei (mehr oder weniger interessanten) Extras auf den Mark kam. Der Film ist je nach Standpunkt Zeitverschwendung oder ein großes Trash-Vergnügen. Oder, wie Stefan Dabrock freundlich auf Kino-Zeit.de schreibt, „die Kehrseite der Edelgiallos eines Dario Argento, der die Schönheit seiner Bilder zu künstlerischen Höhepunkten führte. Merighi zeigt, was unter der Oberfläche liegt“.

High Lane (Abel Ferry, Frankreich 2009)

Dass „High Lane“ nicht gut ist… Ich weiß nicht mehr genau, ob ich es irgendwo gelesen oder mir ganz alleine eingebildet habe. Jedenfalls habe ich überhaupt nichts erwartet. Aber so kann man sich irren. Zumindest die erste Hälfte des französischen Survival-Horror-Films über eine Gruppe Kletterer, die in Not geraten, war richtig stark. Sicherlich spielte meine Höhenangst auch eine Rolle dabei, dass ich während des Films Schweißperlen auf der Stirn hatte und die Armlehnen meines Sessels immer noch Spuren meines stählernen Griffs aufweisen. Als „High Lane“ (OT: Vertige) dann ab ca. der Mitte eine sehr konventionelle Richtung einschlägt, ist dieser Hybrid aus Bergsteigerdrama und Backwood-Slasher immer mindestens noch solide Genrekost.

The Clouds Of Sils Maria (Olivier Assayas, Deutschland / Frankreich / Schweiz 2014)

Hach, war der gut. Doch ebenso erregend wie den Film, finde ich aber die Rezeption über ihn. Während sich bei jedem 08/15-Blockbuster die unterschiedlichsten Meinungen finden lassen, scheinen alle Kritiker Olivier Assayas ziemlich ähnlich zu beurteilen – nicht nur hinsichtlich seiner Qualität, sondern der Deutung der Geschichte. Wenn es in den Texten nicht darum geht, wie toll Kirsten Stewart ist (sie ist sehr toll!), dann geht es um die „widerhallenden Echos der Bedeutungsebenen“ (Artechock), „Frauenkonstellationen in Psychospiegeln, ausufernde Echos, Kunst und Welt, Liebe und Ehrgeiz, Herz und Ellenbogen“ (FAZ), „die Spiegel von tieferliegenden Konflikten, die um Flüchtigkeit und Verstetigung, um Pop versus Klassik, um Angriff und Abwehr kreisen“ (Critic.de), „den ewigen Doppelcharakter des Kinos zwischen Anspruch und Kommerz“ (taz) und darum, wie in Assayas Film „die dunklen Seiten unserer Transparenzgesellschaft“ (SPON) analysiert wurden. Mein Lieblingssatz kommt auch aus der genannten FAZ-Kritik: „Die Wolken von Sils Maria“ ist Ingmar Bergmans „Persona“ für altkluge Halbwüchsige.“ Gut, dass Dietmar Darth im nächsten Satz gleich schreibt, dass das gar nichts Böses bedeutet. Ich finde übrigens auch genau das, was alle schreiben und schließe diesen wolkigen Text voller Bedeutungsebenen mit einem zweiten Hach.

Clown (Jon Watts, USA / Kanada 2014)

Ich habe schon lange keinen Schocker mehr gesehen, der mich gleich von Beginn an so begeistert hat. Eigentlich sollen uns Clowns ja zum Lachen bringen. Aber spätestens seit Stephen Kings „It“ will das nicht mehr so recht funktionieren. Im Gegenteil – immer häufiger fungiert der Clown als Symbol für das Böse, das hinter den Fassaden der scheinbar heilen Welt lauert. Ziemlich unsymbolisch, sondern explizit und schmerzhaft geht es in Jon Watts Clown-Horrorfilm zu, in dem ein fürsorglicher Papa (Andy Powers) seinen Sohn (Christian Distefano) zum Geburtstag erfreuen will, indem er sich selbst als Clown verkleidet. Doch dann will sich das Kostüm nicht mehr ausziehen lassen, weil es nämlich eigentlich die Haut eines Dämons ist, der sich auf den Verzehr von Kindern spezialisiert hat. Und so dauert es nicht lange, bis Papa ziemlichen Hunger bekommt. Wer unter „Coulrophobie“ – der krankhafte Angst vor Clowns – leidet, sollte sich Watts Film vorsichtshalber nicht ansehen. Wer gute (Body-)Horrorfilme mag, hingegen schon. „Clown“ lässt nach den großartigen ersten 20 Minuten zwar gehörig nach, aber am Ende ist er auf alle Fälle immer noch ein Film, dessen rote Clownsnase deutlich aus der trüben Masse herausragt.

Es wird eng! (13)

Posted by – 7. März 2016

Ich habe mal wieder ein paar Filme zu verschenken. Zwar will ja heutzutage kaum noch jemand DVDs und Blu-Ray haben, aber diesmal, denke ich, ist die Auswahl besonders attraktiv, so dass sich vielleicht doch noch ein paar Menschen finden, welche sich bereit erklären, den ein oder anderen Film auszunehmen und ihm ein neues zu Hause zu werden. Auch sonst alles wie immer: Ihr könnt euch bis zu drei Exemplare aussuchen, dazu einfach einen heißblütiges Plädoyer hier in den Blog schreiben. Wünschen sich mehrere das gleiche, entscheidet der für mich überzeugendere Kommentar.

eng13

P.S. The Psychic (OT: Sette note in nero) ist RC 1.

Sicario (Denis Villeneuve, USA 2015)

Posted by – 2. März 2016

SicarioNach der Bundeszentrale für Politische Bildung bezeichnet man als „Krieg“ einen „organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Staaten bzw. zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates“ (-> bpb). Bei der Vielzahl der Kriege, die derzeit weltweit ausgefochten werden und deren gefühlt zunehmender Komplexität, kann man schon mal den Überblick verlieren. Kriege, die Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, verschwinden nicht selten ganz vom Radar, obwohl sie mit unverminderter Härte weitergehen. Ein ähnliches Schicksal hat den sogenannten „mexikanischen Drogenkrieg“ ereilt, auch wenn er uns immer mal wieder durch einen Zeitungsartikel oder Filme in Erinnerung gerufen wird. „Die Grenzen sind verschoben worden“, heißt es irgendwann in Denis Villeneuves großartigem „Sicario“, einem der Filme über diesen Krieg, und etwas später: „Das hier ist jetzt das Land der Wölfe“. Das muss auch die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) erfahren, die von einer internationalen Einsatztruppe unter der Leitung des Agenten Matt Graver (Josh Brolin) für einen undurchsichtigen Auftrag rekrutiert wird. Ebenfalls mit von der Partie – der Söldner. Alejandro (Benicio Del Toro). Bald muss Kate feststellen, dass die Prinzipien, für die sie kämpft, im „Land der Wölfe“ keine Bedeutung haben.

Hat man das nicht alles schon gesehen? Die Parallelen zu „Traffic“ sind eindeutig, aber auch an „Zero Dark Thirty“ habe ich mich atmosphärisch und durch die Figurenkonstellation erinnert gefühlt. Doch Villeneuves Film hat geht weiter in seiner Aussage, ist komplexer und schwerer zu greifen als die genannten. Es ist ein ruppiger Film aber man kann leicht glauben, hinter den kraftvollen, teils magisch anmutenden Bildern von Kameramann Roger Deakins, unterlegt mit dem düsteren Score von Jóhann Jóhannsson, eine transzendente Note wahrzunehmen. Die Brutalität im mexikanischen Drogenkrieg kennt keine Grenzen. Das machen schon die ersten Szenen des Films deutlich, wenn Agentin Kate Macer mit ihrem Einsatzteam ein Haus stürmt und in den Wänden etliche, grausam zugerichtete Leichen findet. Doch geht es in dem Film weder um die direkten Auswirkungen des Krieges, noch um das komplizierte Verhältnis zwischen Mexiko und den USA; und es ist auch kein Film über eine toughe Polizistin.

Was ist er stattdessen? Zum einen ist der Film sicherlich das, was sein Titel sagt. „Sicario“ bezeichnet innerhalb des organisierten Verbrechens einen Auftragskiller. Und darum geht es. Auch. Wer in Villeneuves Film derjenige welcher ist, stellt sich allerdings erst im späteren Verlauf heraus. Hier bietet der Film ebenfalls verschiedene Deutungsmöglichkeiten an. Gleichermaßen – auch dies steckt in dem Begriff des „Auftragskillers“ irgendwie drin – geht es um komplexe Beziehungen. Jemand bekommt dafür Geld, einen Menschen umzubringen. Das alles geschieht aus einem ganz bestimmten Grund: Ein solcher Mord hat eine Geschichte – genauso wie er eine Zukunft haben wird. Jeder Akt der Gewalt erzeugt weitere Gewalt, ein Kreislauf; und falls die Mühlen sich zu langsam drehen, kann man mit Geld die ganze Sache jederzeit ein wenig beschleunigen.

Die Grenzen mögen sich verschoben haben und der gezeigte Kosmos nun von „Wölfen“ beherrscht werden. Doch nicht zwischen Staaten, sondern zwischen einer immer größer werdenden Anzahl von Akteuren. „Wölfisch“ wird der Krieg dadurch, dass er nach normalem Verständnis nicht mehr regelhaft abläuft. Es geht nicht mehr darum, den Konflikt zu gewinnen. Um was geht es dann? Warum ändert sich trotz der Anstrengung aller rivalisierenden Wolfsrudel nichts an dem Mächteverhältnis? Warum ist nicht endlich der mächtige Alphawolf USA in der Lage, den Gegner tödlich zu treffen? Eine Antwort könnte sein, dass ein Kräftegleichgewicht besteht. Niemand gewinnt, weil alle gleich stark sind. Diese Erklärung überzeugt mich allerdings nicht, ich favorisiere eine andere. Ich denke, dass der Drogenkrieg existent bleibt, weil er für alle genügend Vorteile bietet. Bezogen auf die oben genannte Definition der Bundeszentrale heißt das, dass bei Kriegen gar nicht unbedingt der Konflikt, verstanden als das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen, im Mittelpunkt stehen muss. Bei unterschiedlichen Interessen würde sich das stärke Interesse irgendwann durchsetzen. Vielleicht ist es deswegen sinnvoller, den Krieg, von dem hier die Rede ist, als eine Art Beziehung zu interpretieren, bei der alle Partner mit genug Macht etwas davon haben. Dass diese polyamoröse Partnerschaft aka „der mexikanische Drogenkrieg“ jährlich mitunter 5-stellige Zahlen an Todesopfern zu verzeichnen hat, spielt keine Rolle. Es ändert sich nichts. Alles ist gut so wie es ist.

Bild © Studiocanal