Month: Juni 2016

The Witch (Robert Eggers, USA / Kanada 2015)

Posted by – 13. Juni 2016

The WitchWeil William (Ralph Ineson) auf eine andere Auslegung der Heiligen Schrift besteht, wird er im 17. Jahrhundert in Neuengland zusammen mit seiner Familie, seiner Frau Katherine (Kate Dickie) und den fünf Kinder aus seinem Heimatdorf verstoßen. Die Familie lässt sich am Rande eines düsteren Waldes mitten in der Wildnis nieder, um hier ein gottgefälliges Leben zu führen. Doch ihr Glaube wird immer wieder auf die Probe gestellt: Zuerst geht die Ernte ein, dann verschwindet das jüngste Kind, kurze Zeit später auch der älteste Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw), der bald allerdings wie verwandelt wieder auftaucht. Hat die älteste Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) etwas damit zu tun? Oder die Zwillinge Jonas (Lucas Dawson) und Mercy (Ellie Grainger)? Oder treiben dunkle Mächte ihr teuflisches Spiel mit der Familie?

Nachdem ich neulich beim Fantasy Filmfest doch glatt keine Karte mehr bekommen habe, habe ich den Film nun im regulären Kino nachgeholt. Was ich davon halten soll, weiß ich aber auch einige Tage später noch nicht so genau. „The Witch“ ist seinem Ruf definitiv vorausgeeilt und ich kann nicht behaupten, dass ich ihn unbefangen gesehen hätte. Nein, ich habe tatsächlich einiges erwartet und ich bin mir unsicher, ob mir diese Erwartungshaltung im Wege steht; oder eben dazu führt, dass ich immer noch über diesen Film grüble , obwohl ich ihn einem ersten Impuls nach „ganz nett“, aber auch „unentschlossen“ genannt habe.

Natürlich ist Eggers Film auch recht gruselig und teilweise wunderbar fotografiert. Interessant wird er für die meisten aber wohl vor allem durch das Spannungsfeld zwischen den Polen konkret und abstrakt. Eigentlich ist von Beginn an klar: Das Böse gibt es wirklich. Schließlich sieht man nach dem Säuglingsraub eine Szene, in der sich eine alte Frau an dem Kind der Protagonisten-Familie zu schaffen macht. Und wer die Realität des Übernatürlichen im Laufe des Films vergisst, bekommt mitten drin noch eine Exorzismus-Szene präsentiert, bei der es nur schwerlich mit rechten Dingen zugehen kann; und am Ende gibt es noch einmal den unzweifelhaften Beweis für die Existenz von Hexen. Trotzdem muss man kein besonders cleveres Köpfchen sein, um den Realitätsgehalt des Gesehenen in Frage zu stellen. Warum? Zum einen, weil die religiösen Überzeugungen der Familie für den durchschnittlichen westlichen Zuschauer in heutiger Zeit wohl etwas Befremdliches, ja, Wahnhaftes haben und somit die Vermutung einer kollektiven Psychose nicht ganz von der Hand zu weisen ist; zum anderen, weil die wenigen eindeutig übernatürlichen Elemente sich sehr gut als mentale Episoden einer Figur interpretieren lassen und sich Eggers ansonsten, bei Szenen, in denen sich ein wenig Zweideutigkeit angeboten hätte, eindeutig realistisch positioniert.

Interessant ist „The Witch“ aber nicht, weil er die Frage nach dem Realitätsgehalt besagter Bilder offen lässt – im Gegenteil. Hier gibt es Hexen, aber der Zuschauer will das nicht wahr haben und die Geschichte lieber als religiös induzierte Wahnvorstellung deuten. (Wenn der Film mitunter klischeehaft wirkt, liegt das daran, dass hier die Ursprünge unserer kollektiven Vorstellungen über Zauberei und Hexen thematisiert werden, wie sie auch Märchen zu Grunde liegen. Dass man die entsprechenden Bilder schon tausendmal gesehen hat – und gesehen haben muss! – , liegt in der Natur der Sache.) Eigentlich zeigt sich hier schon die ganze Brillanz des Films, verführt er doch den Zuschauer genau dazu, was dieser den Figuren vorwirft – sich dem Offensichtlichen zu verweigern und die Welt lieber durch die Brille seiner Glaubenssysteme zu beurteilen. Eggers macht Aberglaube nachvollziehbar, indem er den Zuschauer selber dazu verleitet.

Doch da ist noch mehr. Auch unabhängig von der Frage des Realitätsgehalts macht „The Witch“ eine gute Figur. Das liegt an der von Anya Taylor-Joy stark gespielten Figur der Thomasin, der in dem Film in doppelter Hinsicht eine Schlüsselrolle zukommt. Zum einen ist sie – wenn hier überhaupt jemand halluziniert – wohl diejenige welche. Zumindest macht es bei dieser Interpretationsvariante am meisten Sinn. Zum anderen offenbart sich an ihrer Figur aber noch ein weiteres Thema, das manch einen sogar dazu angeregt hat, „The Witch“ als feministischen Film zu bezeichnen. Ich kann diese Sicht nachvollziehen, auch wenn sie mir ein wenig durch den Tunnel geblickt erscheint. Ich würde eher sagen, „The Witch“ ist in seinem Herzen ein tristes Coming of Age-Drama. Ich denke, dass es weniger um die Befreiung einer Frau geht (vielleicht geht es nicht einmal um Befreiung!), sondern dass hier gezeigt wird, wie ein Gedankensystem an seine Grenzen gerät. Dabei spielt Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Anfangs wird William aufgrund seines Glaubens aus der Dorfgemeinschaft geworfen. Später, im Exil, bilden sich in seiner Familie verschiedene Arten von Allianzen, doch eine stabile Gruppe will nicht entstehen. Der Fundamentalismus des Familienpatriarchen ist nicht in der Lage, ein beständiges Zusammenleben zu ermöglichen. Die Situation eskaliert, das System bricht zusammen, Rose sprengt die inneren und äußeren Fesseln, nur um sich danach in die Gefangenschaft einer neuen Ideologie zu begeben. Ob diese besser oder schlechter ist, bleibt offen. Aber immerhin darf man bei dieser nackt durch den Wald tanzen.

Bild © Universal Pictures Germany

The Prowler (Joseph Zito, USA 1981)

Posted by – 13. Juni 2016

The ProwlerWenn mir die große Liebe nicht vergönnt ist, dann bitte auch niemandem sonst – denkt sich ein geprellter Soldat und bringt daraufhin seine untreue Freundin und ihren Lover um. Er selbst kommt davon. Jahre später, während des Abschlussballs einer High School, macht er sich erneut ans blutige Werk.

Wieso? Das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass Joseph Zitos Slasher aus den frühen 1980er Jahren sich durchaus sehen lassen kann. Von Zito kannte ich bis dato nur „Friday the 13th: The Final Chapter“, der ja nicht zu den schlechtesten Teilen der Reihe gehört, und auch „The Prowler“ ist wieder ein sehenswerter Genrebeitrag. Es gibt zwar ein wenig Leerlauf anfangs und im letzten Drittel, aber eben auch einen markant kostümierten Killer, mindestens zwei sehr spannende Sequenzen und ein paar Morde, die dank Make-up-Spezialist Tom Savini ziemlich weh tun.

Dass ich jetzt nicht in Jubelgeschrei ausbreche, liegt vor allem daran, dass ich hier bis auf solides Handwerk nichts entdecken kann. Man könnte ja meinen, Zito mache etwas aus der Idee, dass es eben ein enttäuschter Kriegsveteran ist, der sich hier auf den blutigen Rachefeldzug begibt, aber Fehlanzeige. Und zwar auf der ganzen Linie. Ein wie auch immer gearteter Subtext, wie er für viele Slasher interessant würde, fehlt hier, was gerade im Hinblick auf seinen Plot doch verwundert. Vielleicht könnte man sagen, dass „The Prowler“ zumindest insofern schon wieder interessant und zweifelsohne ein nicht unwichtiger Vertreter der Slasher-Weller der 1980er Jahre ist, weil er sich eben nicht für irgendwelche Hintergründe, Gesellschaftskritik, Psychologie seiner Figuren u.ä. kümmert, sondern zu fast 100 Prozent dem Ruf entspricht, den Filme dieses Genres heute (zu unrecht?) „genießen“. Ich weiß es nicht und kann im Moment auch nicht mehr dazu sagen, außer, ja, ganz nett, für Slasher-Fans auf jeden Fall sehenswert. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mir etwas mehr „zwischen den Zeilen“ gewünscht hätte oder ob ich „The Prowler“ gerade so, wie er ist, pur, „ohne alles“ besonders zu schätzen weiß.

Bild © Blue Underground