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Expedition Happiness (Felix Starck, Selima Taibi, Deutschland 2017)

Posted by – 4. Mai 2017

Und gleich noch einer hinterher: Ein weiterer Film, den ich wieder für Kino-Zeit.de ausführlicher besprochen habe, ist „Expedition Happiness“ von Felix Starck & Selima Taibi. Auf den hatte ich ziemlich Lust, weil ich mich Glück (das eigene wie das anderer Menschen) interessiert. Nach der Fahrrad-Doku „Pedal The World“ in reisen Starck und Freundin Taibi sowie ihr Hund ihrem neuen Film nun in einem umgebauten Schulbus quer durch den Amerikanischen Kontinent. Macht das glücklich? Bestimmt nicht jeden ­– und auch die beiden Protagonisten beileibe nicht immer. Trotzdem ist es schön ihnen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, ihres Glückes Schmied zu sein und dafür im wahrsten Sinne bereit sind, den Hammer selbst in die Hand zu nehmen. Die Expedition hätte für meinen Geschmack zwar durchaus noch etwas tiefer in die Untiefen des Glücks vordringen dürfen, aber auch so macht der Film Spaß und ist auf sympathische Weise inspirierend. Nicht dass man den beiden nacheifern müsste, ein Beispiel hat ihren Mut und Engagement nehmen, werden sich viele bestimmt schon.

P.S. Das Glück Arbeit bedeutet, habe ich übrigens am eigenen Leibe gemerkt. Der verflixte Film, der immerhin 21 GB groß ist, wollte sich anfangs partout nicht downloaden lassen. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, wie oft ich das in den letzten Tagen, meiner ganz persönlichen „Expedition Happiness“, versucht habe, nur um auf den letzten Metern wieder fassungslos auf die Nachricht „Download fehlgeschlagen“ zu starren. Aber irgendwann hat’s doch geklappt. Puh.

Ich. Du. Inklusion. Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft (Thomas Binn, Deutschland 2017)

Posted by – 4. Mai 2017

Inklusion – das bedeutet, dass alle Menschen jeder geistigen und körperlichen Einschränkung zum Trotz selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Wie läuft das eigentlich mit der Inklusion in der Schule? Dieses Thema hat Thomas Binn in seiner Dokumentation „Ich. Du. Inklusion“ unter die Lupe genommen. Ich hingegen habe einen genaueren Blick auf diese Doku geworfen – und für okay befunden. Dass das wie immer mit der Schule nicht so leicht ist, hätte man sich ja denken können. Mehr über die konkreten Ursachen zu erfahren, die das Projekt Inklusion zu scheitern drohen lassen, ist dennoch interessant. Währenddessen schieben sich die Beteiligten sich gegenseitig die Schuld zu und man fragt sich – wenn nicht mal die Zuständigen, von denen wir annehmen sollten, dass keine besondere Unterstützung benötigen, zusammenarbeiten können, ist die Frage, wie wir das von hilfebedürftigen Kindern verlangen können, bei deren Unterstützung durch fähiges Personal dann auch noch geknausert wird. Auf Kino-Zeit.de habe ich noch ein paar Sätze mehr dazu geschrieben.

Verehrte Blogbesucherinnen und Besucher…

Posted by – 20. April 2017

… bereits im letzten Jahr habe ich schon mal „Filmkrise!“ gerufen. Seitdem habe ich zwar noch ab und an einen Text veröffentlicht – wirklich gelungen, regelmäßig und in einer Frequenz, die mich befriedigt, etwas zu schreiben, ist es mir leider nicht. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Woran liegt’s?

Ich könnte jetzt natürlich die geliebte Familie, den neuen Job, eine recht arbeitsintensive Fortbildung, meinen Versuch, regelmäßig zu Laufen und ein paar längere Krankheitsphasen anführen. Aber letztlich verantwortlich – bin natürlich ich. Irgendwie gelingt es mir gerade nicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Und ohne, dass ich die bewusste Entscheidung getroffen habe, ist das Filmeschauen sowie das Schreiben über Filme still und heimlich hinten runter gefallen. Trotzdem möchte ich jetzt nicht sagen: Das war’s jetzt. Im Gegenteil! Mein Wunsch ist es, dieser Leidenschaft wieder mehr Platz in meinem Leben einzuräumen, und ich bin auf der Suche nach Wegen, wie das gehen kann. Ob ich hier von Wochen oder Monaten spreche, kann ich gerade selbst noch nicht sagen. Aber ich bin zuversichtlich, dass mir da schon irgendwann etwas einfällt.

Wem es beim großen Angebot von Texten im Netz nicht besonders wichtig ist, ob gerade in diesem Blog neue Beiträge erscheinen – der hat es gut. Allen anderen empfehle ich, vielleicht noch einmal bei den älteren Beiträgen hier vorbeizuschauen. Das machen ich selbst gelegentlich. Und freue mich.

Death Sentence (James Wan, USA 2007)

Posted by – 24. Januar 2017

Schönes Filmplakat: In reinem Schwarz-Weiß gehalten wächst die Silhouette eines Mannes im Anzug aus der Finsternis. In der Hand hält er einen Baseball-Schläger von dem es heftig tropft. Die Substanz lässt sich unschwer als Blut deuten.

Das Filmplakat gibt klar die Richtung des neuen Films von „Saw“-Regisseur James Wan vor. Es geht um den erfolgreichen Risikoanwalt und netten Familienvater Nick Hume (Kevin Bacon), der mit seinen beiden Söhnen Brendan (Stuart Lefferty), Lucas (Jordan Garrett) und seiner hübschen Frau Helen (Kelly Preston) ein beschauliches Leben führt. Das ändert sich allerdings auf dramatische Weise als Brendan vor den Augen seines Vaters auf brutale Weise von einer Gang ermordet wird. Vater Hume sieht rot: Anstatt die Polizei dabei zu unterstützen, den Schuldigen hinter Gitter zu bringen, beschließt er, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Aber Rache will gelernt sein und schon bald befindet sich der Selbstjustiuz-Anwalt und seine restliche Familie auf der Abschussliste der Gangster…

Regisseur James Wan sagt, er habe mit dieser Selbstjustiz-Geschichte (nach einem Drehbuch von Ian Jeffers, das wiederum auf dem gleichnamigen Roman von Brian Garfield beruht) eines der elementarsten Themen überhaupt aufgegriffen und ihm nur einen modernen Rahmen gegeben. „Es ist eine ganz klassische Geschichte, sie hat etwas von Shakespeare“, findet Wan und erläutert weiter im Presseheft: „Ein Mann ringt mit seinen inneren Dämonen. Er fühlt sich seiner Familie gegenüber in der Verantwortung und gerät in einen Strudel voller Gewalt und sieht sich ständiger Vergeltungsschläge ausgesetzt, die sein Leben zerstören. Letzten Endes muss er feststellen, dass Gewalt absolut sinnlos ist.“ Mag sie auch absolut sinnlos sein – das ist ja eh wie ein filmischer Gemeinplatz –, so ist sie doch leider das einzige in „Death Sentence“, das von gewisser filmischer Qualität ist. Der pseudo-moralische Guss, mit dem Wan seinen Film überzogen hat, ist es jedenfalls nicht – der ist genauso schwer genießbar wie eine Vielzahl von Klischees und eine Handvoll ungeschickter Entscheidungen von Wackelkameras über Found Footage bis hin zur Musikauswahl. Wäre der Film doch nur etwas mehr wie das Filmplakat, einfach und direkt, hätte er sich seiner Tragödie nur gedankenlos hingegeben, ohne die unglaubwürdigen Bemühungen, alles politisch korrekt erscheinen zu lassen.

Ganz so unzufrieden wie damals im Kino war ich mit „Death Sentence“ beim zweiten Sehen allerdings nicht. Drei Punkte lassen sich zu seiner Ehrenrettung anführen. Erstens: Kevin Bacon. Der hatte zwar in letzter Zeit häufig Pech mit seinen Filmen, aber wenn jemand in der Lage ist, aus uninteressanten Drehbüchern das Maximale herauszuholen, da er. Zweitens: Durchaus auch spannende Momente sowei zwei bis drei wirklich Action-Sequenzen. Die liegen Regisseur Wan offensichtlich wesentlich besser als alles, was Fingerspitzengefühl verlangt. Zum ersten Mal richtig mitreißend wird es, als Hume (der bis auf seinen Namen nichts mit dem berühmten Philosophen gemein hat, insofern ist die Wahl auch ziemlich lächerlich, da wird nur einmal mehr Anspruch und Tiefe suggeriert, die der Film einfach nicht hat) von der Gang verfolgt wird. Über die Straße, durch Häuser bis in ein Parkhaus zieht sich die Verfolgungsjagd, bei der Anwalt nur knapp dem Tod entgeht. Der Überfall der Gang auf Humes Haus ist kurz, aber ebenfalls spannend. Richtig zur Sache geht es noch mal am Ende, als der waffenbepackte Hume das Hauptquartier der Gang stürmt. Das hat zwar immer noch nichts von Shakespeare, dafür aber ein paar andere, hochkalibrige Qualitätsmerkmale. Drittens: Obwohl „Death Sentence“ in seinem Bemühen, es allen Recht zu machen, unglaubwürdig und letztlich unentschlossen wirkt, ist er trotz moralinsüßen Überzug eine ziemlich bittere Pille. Hinten raus würde ich ihn nicht als gelungen bezeichnen, aber er ist auf schizophrene Weise gescheitert. Und angesichts seines – anspruchsvollen – Rache- und Selbstjustiz-Themas ist das ja schon fast wieder ein kleiner Sieg in der Niederlage.

Bild © Concorde Video

The Wraith (Mike Marvin, USA 1986)

Posted by – 23. Januar 2017

You want a race? ‚Cause I’ll show you a race!“

 Wer von ihnen herausgefordert wird, kann seinem schicken Auto schon mal Lebewohl sagen – denn niemand gewinnt gegen Packard Walsh (Nick Cassavetes) und seine Rocker-Gang bei den illegalen Straßenrennen, deren Sieger stets das Gefährt des Kontrahenten erhält. Dieses scheinbar unverrückbare Naturgesetz wird erst außer Kraft gesetzt, als ein Gespenst aus der Vergangenheit (Charlie Sheen) auftaucht und Packard seine Vormachtstellung auf der Straße und bei seiner Freundin Keri Johnson (Sherilyn Fenn) streitig macht.

„The Wraith“ – den meisten wohl besser bekannt unter seinem deutschen Titel „Interceptor“ – war eigentlich nie einer meiner Lieblingsfilme, aber ich würde ihn auf jeden Fall trotzdem zu den Filmen zählen, die aus Gründen wichtig für mich waren. Aus welchen Gründen? Das weiß ich selbst nicht so genau. Fest steht, dass mir Mike Marvins beim letzten Sehen gut, ja verdammt gut gefallen hat. Und ich denke, das hat weniger mit irgendwelchen konkreten Umsetzungsstrategien in Form und Inhalt zu tun, als mit der vereinnahmenden Naivität, mit der diese Rachegeschichte erzählt wird.

Ich komme aus einer Gegend, da feiert man den Führerschein gerne mal mit zwei falschen Korn in der Dorfdisco – um danach bei einem Rennen über die nächtlichen Landstraßen Papas Auto mit 120 Km/h gegen einen Baum zu setzen. Das ist dumm, fühlt sich während man für die Kumpels an der Bar die Getränke bestellt, gemeinsam feiert und dann ins Auto steigt aber noch wie die beste Idee überhaupt an. Die Parallelen zu Mike Marvins Film sind nicht einfach herbeigeschrieben, das Gefühl des allgegenwärtigen Stumpfsinns ist in den Dorfkneipen dieser Welt ebenso real wie in Marvins Films: So einfältig wie die Figuren in „The Wraith“ – Packards Crews ist ein Gruppe dauerbreiter Blödiane, die vielleicht Benzin im Blut, aber auf alle Fälle Bremsflüssigkeit im Hirn haben, und auch er selbst vermag es nicht, über sein Interesse an Autos und seiner Freundin hinauszudenken –, so primitiv ist auch die Geschichte, die hier erzählt wird. Doch das hört sich jetzt vielleicht negativer an als es gemeint ist. Es ist nämlich sogar in keiner Weise als Kritik von mir gedacht – im Gegenteil. Die allumfassende Stupidität von Gut und Böse, vom Rächer, Ge- und Berächten, ist so entwaffnend ehrlich – da ist es, seinen Nebenbuhler zu Tode zu foltern und dessen Rache als zurückgekehrter Alien-Geist mit einem Schulterzucken abzutun, genauso normal wie besagte mörderische Autorennen – dass mir „The Wraith“ beinahe schon wie „aus dem Leben gegriffen“ vorkommt.

Es ist auch nicht das einzig Gute, das ich über den Film zu sagen hätte. Ich könnte mich noch ein ganzes Weilchen darüber auslassen, was für markige Figuren Marvin hier erdacht hat, besonders lange würde ich von dem liebestollen und ebenso -wütigen Packard schwärmen, der von Nick Cassavetes wirklich mit genau der richtigen Dosierung als Ernst und Karikatur dargeboten wird. Die Dialoge in diesem Film sind der Hammer. Da mag man keine einzelne Zeile herausgreifen, das gesprochene Wort ist hier in Gänze Ultrakunst, und egal ob man den Film nun ernst nimmt wie ich oder ihn als 1980er-Jahre Sumpfsinn abtun will – man wird mit ihm seinen Spaß haben. Apropos Spaß haben: Der Soundtrack bestehend aus Hits wie „Secret Loser“ (Ozzy Osbourne), „Where’s the Fire“ (Tim Feehan), „Rebel Yell“ (Billy Idol), „Power Love“ (Lion) und und und macht irre Spaß. Wenn man denn etwas an diesem Film bemängeln möchte (was ich eigentlich nicht möchte, aber ich will ja nichts verschweigen…), dann ist es höchstens, dass die restliche Audiospur mit dem grandiosen Soundtrack nicht ganz mithalten kann. Vor allem während der Autorennen klingt der Film leider etwas dünn. Aber das ist Heulen auf hohem Niveau, ich halte „The Wraith“ alles in allem trotzdem für einen faszinierenden Film, der nicht trotz, sondern wegen seines naiven Innenlebens so gut funktioniert. Oder um es mit den Worten von Skank (David Sherrill) zu sagen: „Jesus, this shit’s got some kick!

Bild © Marketing

Detektive (Rudolf Thome, Deutschland 1969)

Posted by – 23. Januar 2017

Nach meinen ersten zwei Filmen von Rudolf Thome – „Das rote Zimmer“ und „Der Philosoph“ –, die sich in gewisser Weise sehr ähnelten, glaubte ich schon, ihn auf ein Thema festlegen zu können. Thome dreht „Liebesutopien“ habe ich mir damals gedacht und hoffte seitdem, diese Hypothese mal verifizieren zu können. Nachdem ich nun sein Debüt, „Detektive“, gesehen habe, scheint meine Annahme be- und widerlegt zugleich.

Der Film handelt von den Privatdetektiven Sebastian West (Marquard Bohm) und Andy Schubert (Ulli Lommel) sowie ihrer Sekretärin Micky (Uschi Obermaier), die in ihrem ersten Fall im Auftrag von Busse (Peter Moland) zunächst seine Flamme Annabella Quant (Iris Berben) beschatten, dann aber umschwenken und Annabella vor dem angeblich aufdringlichen Busse beschützen. Noch ehe dieser erste Fall so richtig gelöst ist, verfranzt sich das mittlerweile zum Quintett angewachsene Detektiv-Duo gleich in seinen nächsten Fall: Der alte, wohlhabende Krüger (Walter Rilla) verdächtigt seine Geliebte, Christa (Elke Haltaufderheide), ihm an die üppige Lebensversicherung zu wollen. Was genau ihnen wichtig ist – das Geld, die Frauen, Ruhm & Ehre oder Abenteuer,… –, das wissen die Detektive zum diesem Zeitpunkt auch noch nicht so genau…

„Kein Staub nirgends, alles rotzfrech“, schreibt Michael auf Nachtsichtgeräte. Und weil ich das gar nicht treffender formulieren kann, zitiere ich einfach mal weiter: „Kesse Mädels, schnoddrige Pseudo-Machos, Wummen gegen das Establishment, Knete, und zwischendurch mal kurz ein Nümmerchen. Aber bloß kein Aufhebens drum machen, denn in zehn Minuten sieht schon wieder alles anders aus! Dazu flotter Jazz von der Tonspur und Wodka, der direkt aus der Flasche getrunken wird.“  Dieser kurze Abschnitt gibt das Gefühl, das ich beim Sehen von „Detektive“ hatte, sehr gut wieder. Der Krimi-Plot tritt, auch wenn er überraschend komplex und für die Geschehnisse alles andere als unwichtig ist, schnell in den Hintergrund. Es sind die lässigen Typen und undurchschaubaren Frauen, die die Blicke auf sich ziehen und den Zuschauer durch den Film führen. Meine persönlichen Highlights waren Uschi Obermaier als Doppelagentin bzw. –assistentin Mickey und Peter Moland als schnöseliger Busse, den ich nach einiger Zeit sogar noch cooler fand als die möchtegerncoolen Möchtegerndetektive.

Aber vielleicht sollte man die Geschichte vor lauter Style doch noch nicht ganz vergessen, schließlich geht es um was. Nichts ist hier so richtig wichtig – der Detektivjob ist es nicht, das Geld ist es nicht, weder Freundschaft noch Liebe ist es –, aber vielleicht ist gerade das von Bedeutung, dass hier nichts zählt, die Figuren sich trotzdem nicht einfach zur Ruhe legen und gar nichts tun. Über die formale-filmgeschichtliche Seite angenähert, könnte man wie Thomas in seinem Filmtagebuch sagen, es sei „die Liebe zum amerikanischen Kino durch die französische Brille“; und auch, wenn ich mich weder mit den französischen noch amerikanischen Referenzfilmen wirklich auskenne, sagt mir mein Gefühl, dass das irgendwie stimmt. (Irgendwie will mir mein Hirn gerade sogar weismachen, dass Thomes Film Ähnlichkeiten mit Jean Rollins Detektiv-Geschichte hat..) hat da etwas vor Augen, das er schon mit diesem Debüt nach einem Drehbuch von Max Zihlmann erkundet, aber ich weiß nicht, ob es wirklich die Liebe zum Medium ist als vielmehr eine neugierige Zugewandtheit zu ihm, weil man mit ihm etwas tun kann, was man in der echten Welt nur mit sehr großem Risiko tun kann, nämlich die Welt und ihre Ideen – für sein Debüt zunächst einmal im sicheren Rahmen des Genrekinos – erkunden.

Ich bleibe dabei: Thomes Filme sind Utopien. Allerdings geht es nicht allein um die Liebe zwischen den Menschen. In seinen Filmen – davon legt schon sein schnoddriges Debüt eindrucksvoll Zeugnis ab – geht um die Sehnsucht, die Sehnsucht zu anderen Beziehungen, einem anderen Kino und vielleicht auch ganz einfach einer anderen Welt. Wie genau die aussehen soll, das wissen Thomes Figuren nicht so recht, soviel ist jedoch klar: wo auch immer die Expedition hingehen soll, nur zusammen…

Bild © ZWEITAUSENDEINS

Memento (Christopher Nolan, USA 2000)

Posted by – 9. Januar 2017

Elementarer als der Wunsch nach Vergeltung ist vielleicht nur die Liebe. Aber um die soll es hier nicht gehen. Sondern um Rache. Nur ganz selten ist das Thema so umfassend, tiefsinnig und clever behandelt worden, wie in Christopher Nolans „Memento“. Schon die Bibel beginnt mit einem Akt des Ungehorsams und der göttlichen Vergeltung. Die Vertreibung aus dem Paradies ist damit gleich auch der erste pädagogische Akt der Geschichte in dem die Zöglinge Rache mit dem ersten Schluck Apfelsaft eingeimpft bekommen. Sich an anderen zu rächen scheint von da an tief in unserem Wesen verwurzelt; kein Wunder also, dass es seit Anbeginn aller Zeiten so viele Geschichten zu dem Thema zu erzählen gibt.

Im Bereich Film gehören zu den großen Werken des Genres sicherlich „Once Upon A Time In The West“ (OT: C’era una volta il West) von Sergio Leone aus dem Jahre 1968. Ein Meisterwerk, ohne Frage und trotz seines unerfreulichen Racheplots ein seltsam positiver Film, zeigt er doch, dass der Wunsch, etwas zu erschaffen, den nach Rache sogar noch überdauert. Ganz anders ist da der mehrfach verfilmte Roman „Moby Dick“ Herman Melville (ich liebe die John-Huston-Version aus dem Jahre 1958!) bei dem die typisch menschliche Eigenschaft der Rachsucht bzw. seine Unfähigkeit zu vergeben, thematisiert wird. Er zeigt eindrucksvoll, dass Rache nichts Individuelles ist, sondern stets in ein System eingebunden ist, welches in letzter Konsequenz mit in den Untiefen des Hasses versinkt. Auch aktuell gibt es immer wieder starke Filme zu dem Thema. Exemplarisch nenne ich hier „Irreversible“ von Gaspar Noé, der mich damals ziemlich durcheinander gebracht hat. Das liegt nicht nur an seinen schonungslosen Gewaltszenen, sondern auch an seiner Erzählweise: Der Film beginnt seine Rache-Geschichte am Ende und arbeitet sich schrittweise zum Anfang zurück. Hierdurch wird ein seltsamer Effekt hervorgerufen: Auch wenn die Vergewaltigung, der Auslöser aller weiteren Ereignisse ist, gesühnt wurde, empfindet der Zuschauer keine Befriedigung. Dadurch, dass das Verbrechen auf die Rache folgt, wirkt es, als wäre man in einer Gewaltspirale, einem ewigen Kreislauf gefangen.

Aber genug von anderen Filmen. Hier soll es ja um Christopher Nolans „Memento“ gehen, den ich vor ein paar Wochen mal wieder gesehen haben. Obwohl: „Irreversible“ und die anderen genannten Titel sind schon eine gute Überleitung… Für mich ist „Memento“ nämlich einerseits die Essenz all dieser Filme sowie andererseits gleichzeitig ein Kommentar auf etwas, das dem Thema Rache wesentlich ist. In Nolans Films geht es um einen Mann namens Leonard (Guy Pearce), der den Mord an seiner Frau aufklären will. Doch er leidet unter einer Störung seines Kurzzeitgedächtnisses und kann deswegen keine neuen Erinnerungen abspeichern. Aus diesem Grund ist er komplett von seinen Aufzeichnungen und Notizen abhängig . Nolan beginnt seinen Film damit, wie Leonard einen Mann erschießt. Wie es dazu kommen konnte, erfährt der Zuschauer erst im weiteren Verlauf. Wie in „Irreversible“ wird auch in „Memento“ die Geschichte rückwärts erzählt. Auch hier ist die anti-chronologische Form kein artifizieller Selbstweckt, sondern dient dem Inhalt, auch wenn sie zusätzlich noch den irritierenden Effekt hat, die Schlusspointe mit der Kraft einer Bombe zünden zu lassen.

Durch diese Erzählweise erreicht Nolan folgendes: Wie der Hauptfigur fehlt auch dem Zuschauer der Überblick, so dass die Frage, ob die Rache hier – egal welchen moralischen Maßstab man anlegt – in irgendeiner Form legitim sein könnte, von Beginn an ad absurdum geführt wird. Am Anfang steht ein geschichtsloses Ergebnis. Ohne triftige Gründe kann es schwerlich das richtige sein, zumal sich – wie im weiteren Verlauf des Films nach und nach herausgearbeitet wird – die Lösung als Folgefehler entpuppt. Doch auch der größte Fehler sieht der Wahrheit täuschend ähnlich, wenn man es nur doll genug möchte; ist er auch noch weniger schmerzlich diese, rutscht man, wie Leonard leicht, in einen niemals endenden Kreislauf, in dem Rache erst zur schmerzlindernden Medizin und schließlich zum Lebenssinn wird.

Mit biblischem Ernst erzählt Nolan seine Rache-Parabel, und ich finde, dass der Ton gut zum Thema passt. Filme wie „Once Upon A Time In The West“, „Moby Dick“ oder eben auch „Memento“ sind existenzialistische und damit quasi religiöse Filme. Sie sagen etwas über unser Leben, etwas über den Sinn – darüber, was Rache für den Menschen bedeutet. Doch selten ist das Ergebnis so vielschichtig und umfassend wie in Nolans Film. Rache ist nicht mehr nur Reaktion auf ein angeblich oder tatsächlich erlittenes Unrecht, sondern (wie die Liebe) etwas urwüchsig elementares, von dem die gesamte Menschheitsgeschichte durchzogen ist, wie der Waldboden von einem Pilzmyzel.

Bild © EuroVideo

Passengers (Morten Tyldum, USA 2016)

Posted by – 8. Januar 2017

Stell dir vor: Du bist einer von 5.000 tiefgefroren Passagieren eines das Raumschiffs auf dem Weg zu deinen neuen Heimat. Doch etwas geht schief und du als einziger erwachst als einziger aus dem Kälteschlaf. 90 Jahre zu früh! Wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut. So ergeht es Jim Preston (Chris Pratt). Er ist Passagier auf dem Raumschiff Avalon, das sich auf dem Weg zur Kolonie Homestead II befindet. Dort wollen er und die anderen Passagiere sich ein neues Leben aufbauen. Seine Versuche die Lage zu klären oder in den abgesicherten Schiffsbereich zu gelangen, in dem die Crew schläft, scheitern. Muss er den Rest seines Lebens allein auf dem Schiff verbringen?

Besonders zu Beginn funktionierte „Passangers“ für mich auch noch sehr gut. Alles sieht sehr hübsch aus und ist kurzweilig inszeniert. Der Protagonist erwacht und ist allein. Er versucht einen Ausweg aus seiner Situation zu finden – vergeblich. An Nahrung und Entertainment mangelt es ihm auf dem gut ausgestatteten Schiff nicht, doch gegen die immer mehr von ihm Besitz ergreifende Einsamkeit ist auch der höfliche Serviceroboter der Schiffsbar (Michael Sheen) nur ein unzureichender Ersatz. Dabei läge die Lösung so nahe. Ein Jahr kann er widerstehen…– doch dann entscheidet er sich, mit Aurora (Jennifer Lawrence) eine weitere Passagierin aus dem Kälteschlaf zu erwecken. Die beiden verlieben sich. Dass er sie geweckt hat, verschweigt er ihr allerdings.

Auch dieses, romantische zweite Drittel des Films funktioniert für sich genommen vor allem Dank Pratt und Lawrence gut. Und trotzdem deuten sich spätestens hier bereits die Probleme des Films an. Was ist schief gegangen da draußen im All? Aus dem existenzialistischen Abenteuerfilm, der kurz angerissen wurde, wird eine Liebesgeschichte. Doch auch hier ist wieder nicht genug Zeit, die Beziehung zwischen den beiden wirklich auszuloten: die Annäherung der Figuren und der Konflikt zwischen ihnen (Auroa erfährt, dass Jim sie geweckt hat, findet sie das natürlich gar nicht so lustig) werden bald aufgegeben, um es im letzten Drittel noch einmal richtig krachen zu lassen. Auf einmal hat es der Zuschauer mit einem Katastrophenfilm zu tun. Da darf Mann noch einmal das Schiff retten und Frau bekommt auch etwas zu tun. Ehe es holterdiepolter noch mal romantisch wird. Unentschlossen durchs Weltall.

Eigentlich ist „Passengers“, der auf einem Drehbuch von Jon Spaihts beruht, nicht ein, sondern drei Filme in einem. Leider komplementieren sich die verschiedenen Themen nicht gegenseitig, sie stehlen einander Zeit, die es erfordert hätte, dem Abenteuer-, Liebes- und Katastrophenfilm im Film gerecht zu werden. Stell dir vor: Nach fast 2 Stunden Spielzeit weißt du aufgrund des Schlingerkurses am Ende auch nicht mehr, ob du hier eigentlich hinwolltest. So ist es mir ergangen. Und unterwegs wurde soviel über Bord geschmissen, dass dabei auch ein paar wichtige Dinge verloren gegangen sind. Meine Gänsehaut vom Anfang war jedenfalls nicht mehr da.

Bild © Sony Pictures Germany

Kino 2016: Meine Top 10

Posted by – 30. Dezember 2016

Auch in diesem Jahr habe ich – wieder – nicht sehr viel im Kino sehen können. Aber es hätte angesichts des beruflichen Hin und Her sowie einiger gesundheitlich unschöner Episoden auch noch weniger seinen können. Und so bin ich dankbar für das, was ich vor die Linse bekommen konnte und präsentiere hier voller Demut meine Top-10 des Jahres 2016. Berücksichtigt wurden wie immer ausschließlich Filme, die einen deutschen Kinostart hatten.

Toni Erdmann (Maren Ade, Deutschland / Österreich 2016)

Schon „Alle anderen“ von Maren Ade hat mir sehr gut gefallen. „Toni Erdmann“ fand ich trotzdem noch einmal ungleich besser, vielleicht weil sich hier mögliche Interpretationen nicht ganz so aufdrängen, wie in ihrem Beziehungsfilm von 2008. Auch in „Toni Erdmann“, meinem Film des Jahres, geht es um eine Beziehung. Diesmal um die von Vater (Peter Simonischek) und Tochter (Sandra Hüller). Papa beschließt, seine Tochter, eine erfolgreice Unternehmensberaterin in Bukarest zu besuchen. Doch das Treffen läuft für bei beide nicht so richtig gut, und der alte Herr beschließt, es noch einmal – diesmal allerdings in Verkleidung! – zu versuchen. Wieder sind es weniger die Individuen, die Ade interessieren, als vielmehr etwas Übergeordnetes, Allgemeineres. Ade selbst nennt ihren Film eine „Ausbruchsfantasie“ aus einem statischen Familiengebilde. Das kann ich nachvollziehen, reicht mir aber noch nicht weit genug, denn es geht in„Toni Erdmann“ ja um so viel mehr: Es geht um Alt und Neu, sich finden und sich verlieren, um Abschiede. Es geht aber auch um Verkleidungen, Masken, Rollen, in die wir schlüpfen. Und vieles mehr. Und doch gibt es nicht die Moral der Geschichte, keine Auflösung und keinen Punkt, auf den sich alles konzentriert. Sonst bin ich manchmal ein wenig skeptisch, wenn so gut wie alle einen Film großartig finden. Aber im Falle dieses Films verstehe ich es, bin glücklich darüber und schließe mich mit Freude der großen und immer noch wachsenden Bewegung an. „Toni Erdmann“ bleibt ein offenes, vielschichtiges Werk, in das man, jeder auf seine Weise und immer wieder neu auf Entdeckungsreise gehen kann. Ein Kunstwerk eben.

Vor der Morgenröte (Maria Schrader, Deutschland / Österreich / Frankreich 2015)

Als ich „Vor der Morgenröte“ kurz nach Kinostart gesehen habe, hätte ich nicht ahnen können, was für einen Sturm dieser kleine, ruhige Film in mir auslösen würde. Maria Schraders Film über die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig ist das Portrait eines großen Denkers, dessen Weltbild von der Realität eingerissen wird. Man hat das Gefühl, die Regisseurin würde ihre Hauptfigur, beeindruckend gespielt von Josef Hader, während des Films immer weiter aus den Augen verlieren, aber das ist nur eine von mehren Irritationen, die die Zerrissenheit der Hauptfigur aufzeigt und das Seelenleben des Protagonisten nachzeichnet, der sich immer mehr selbst verliert. Dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, bedeutete für Zweig nach jahrelangem stillem Kampf mit sich selbst letzten Endes den Weg in den Freitod. „Vor der Morgenröte“ ist einer der traurigsten Filme, die ich kenne.

Spotlight (Tom McCarthy, USA 2015)

Ein Film, der nachwirkt: In Tom McCarthys „Spotlight“ geht es um eine Gruppe von Journalisten, die in den frühen 2000er Jahren tausende Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche und deren systematische Vertuschung durch dieselbe aufdeckt. (Ich hatte hier schon kurz etwas dazu geschrieben.) Was mich an dem Film nach wie vor fasziniert, ist wie geduldig und unprätentiös er seine furchtbare Geschichte erzählt, die ja eigentlich gar keine Geschichte ist, sondern die Wirklichkeit – was alles nur noch furchtbarer macht! Doch „Spotlight“ ist nicht nur auf der inhaltlichen Seite überzeugend, auch die Form dieses Recherche-Thrillers und die Perspektive einiger hartnäckiger, investigativer Journalisten, die trotz ihres nur zähen Fortschritts einfach nicht aufgeben, hat mich beeindruckt. Hier zeigt sich: die Wahrheit ist nicht ohne Mühe zu haben und es braucht Menschen, die Strapazen auf sich nehmen, weil sie fern jeder Religion an eine bessere Welt glauben, welche aber nur zu erreichen ist, wenn man versucht, das Leid zu mindern und gegen jede Lüge eintritt, die versucht, Aufklärung und Bildung zu verhindern. Wie auch immer der derzeitige Stand der Aufarbeitung und Prävention innerhalb der katholischen Kirche sein mag – zunächst unter Papst Benedikt und nun unter Franziskus –, scheint es langsam voran zu gehen. Ich denke, Filme wie „Spotlight“ leisten durchaus einen Beitrag dazu, dass alles in Bewegung bleibt und nicht hinter einem „Vorhang des Schweigens“ zum Stillstand kommt.

X-Men: Apocalypse (Bryan Singer, USA 2016)

Die „X-Men“ sind für mich derzeit einfach die spannendste Superhelden-Truppe, weil sie dem Superhelden-Sein interessante Aspekte abgewinnen und die Filme darüber hinaus – hinter all dem, manchmal etwas den Blick verschleiernden Bombast – spannende Geschichten von elementaren Konflikten, aber letztlich eben immer auch von Menschen erzählen. Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich mich ein wenig ausführlicher geäußert.

Arrival (Denise Villeneuve, USA 2016)

Schwierig. Weil ich  so viel erwartet habe – die letzten Filme von Denise Villeneuve, „Prisoners“, „Enemy“ und „Sicario“ fand ich überwältigend! –, weiß ich gerade nicht so genau, wohin mit diesem Film. Vielleicht gehört er gar nicht in diese Liste? Oder müsste er höher, müsste er niedriger platziert sein? In dem Film geht es um 12 Raumschiffe, die unvermittelt auf der Erde landen. Eine Linguistin (Amy Adams) soll die Sprache der Aliens entschlüsseln, bevor die ohnehin angespannte Weltlage eskaliert. ­– Fest steht, dass „Arrival“ mich von allen in diesem Jahr gesehen Filmen visuell am meisten beeindruckt hat. Doch der Film ist auch – in unterschiedlicher Ausprägung – selbstverliebt, bedeutungsschwanger, pathetisch und verrätselt. Und ich bin mir nicht sicher, ob zum Schluss alles so gut zusammen passt, wie es eine ambitionierte Konstruktion dieses Kalibers erfordert. Wie dem auch sei – für mich geht es in dem Film nur vordergründig oder sagen wir nicht zentral um Kommunikation, sondern eher um einen – spirituellen? – onto- wie phylogenischen Prozess der Selbsterkenntnis sowie die Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit und der unserer Liebsten. Und dass es die Stärke des Menschen ist – eine Stärke, die ihn schließlich auf paradoxe Weise retten wird – sich allen noch ausstehenden Tragödien zum Trotz immer wieder für das Miteinander zu entscheiden. Ja doch, – „Arrival“ gehört in diese Liste, weil er mich vor allem in seinen letzten Szenen berührt hat und seitdem nicht loslässt.

Midnight Special (Jeff Nichols, USA / Griechenland 2015)

Ein Vater flieht mit seinem übersinnlich begabten Sohn quer durch die USA. So schön einfach lässt sich der aktuelle Film von Jeff Nicols („Take Shelter“,„Mud“) zusammenfassen. Doch einfach ist die Geschichte nicht, oder sagen wir besser – sie hat ihre Tücken, sie fordert heraus. Wenn man den Film als Metapher auf das Sterben und den Tod eines Kindes und der Trauer seiner Eltern sieht, gewinnt an emotionaler Intensität, die wahrscheinlich nicht nur junge Väter zu Tränen rührt. Ein wenig wundere ich mich, dass die Mehrheit „Arrival“ als großartigen Science-Fiction-Film mit Hintersinn bejubelt, der endlich mal anders ist und zeigt, was das Genre ausmacht, „Midnight Special“ aber verschmäht, weil er irgendwie durchs Raster fällt, er weder Fisch noch Fleisch und noch nicht mal etwas Halbes oder Ganzes sei. Dabei haben beide Filme, was ihre Andersartigkeit und ihren Verdienst ums Genre angeht, viele Gemeinsamkeiten. Die Sci-Fi-Aspekte sind kein Selbstzweck, sondern dienen in beiden Fällen dazu, sich einem verborgenen Sinn anzunehmen, wie es anders nicht möglich gewesen wäre. Unabhängig voneinander sind beide Filme verdammt gut und in gewisser Weise hat mich Nichols emotionale Vater-Sohn-Geschichte sogar mehr berührt als Villeneuves abstrakte Mutter-Tochter-Geschichte. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Regisseuren ist übrigens auch, dass jeder der beiden einen fantastischen Film nach dem nächsten dreht. Möge das noch lange so weitergehen!

Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo, Süd-Korea 2015)

Von Hong Sang-soo kannte ich bisher nur „Nobody’s Daughter Haewon“, an dem mich nach meinen Notizen zur Berlinale 2013 vor allem „seine verträumte Erzählweise fasziniert hat, die gekonnt an der Grenze zur Belanglosigkeit entlangspaziert, diese aber niemals überschreitet“. Das gilt auch für „Right Now, Wrong Then“, der ebenfalls wunderbar leichtfüßig, aber doch mit einer gewissen schelmischen Boshaftigkeit die Geschichte von einem Regisseur erzählt, der sich in eine Frau verliebt und mit ihr einen Tag verbringt – um ab genau der Hälfte der Spielzeit des Films die gleiche Geschichte noch einmal zu erzählen. Allerdings haben die von den gleichen Schauspielern gespielten Figuren diesmal andere Charakter-Eigenschaften, so dass sich die Handlung ein wenig anders entwickelt. „Right Now, Wrong Then“ – heißt das, die zweite Episode ist die richtigere? Ohne Frage ist es die romantischere, in ihr finden die beiden Figuren auf eine schönere Weise zusammen als in der ersten. Oder ist doch der erste Durchlauf der, der irgendwie richtiger ist – vielleicht weil sein unsympathischer Protagonist in seiner Verlogenheit dort authentischer wirkt? Und was soll das eigentlich alles? Diese und ähnliche Fragen gehen mir seit dem Filmgenuss durch den Kopf. „Right Now, Wrong Then“ ist – jetzt wie damals – ein großer, stiller Spaß!

The Hateful Eight (Quentin Tarantino, USA 2015)

Als ich Quentin Tarantinos 8. Film Anfang des Jahres im Kino gesehen habe, war ich zunächst für ein paar Stunden, Tage vielleicht, der Meinung dies wäre wohl das bisher schwächste Werk des Meisterregisseurs. Haben wir das nicht alles schon gesehen? Nein, haben wir nicht und: „The Hateful Eight“ ist nicht sein schwächster, sondern einer seiner besten, weil wütendsten Filme. Es sind wie so oft nämlich auch hier die Widersprüche, die einen Film gut machen: Hass und Liebe, Geist und Grütze, Tragik und Komik, Bewegung und Ruhe, Gewalt und gute Laune – all das hat „The Hateful Eight“, Tarantinos gallig-grandioser achter (der es wie durch ein Wunder auf den achten Platz meiner Jahres-Top-10 gebraucht hat!). Dazu hatte ich auch schon mal etwas aufgeschrieben und zwar hier!

The Forbidden Room (Guy Maddin, Kanada 2015)

Ein Film im Film im Film im Film… Guy Maddin und Ko-Regisseur John Evans haben die Stummfilmära geplündert und ein cineastisches Panoptikum voller Ideen-Fragmente niemals gedrehter Filme erschaffen – ein eigenes filmisches, in sich verschachteltes Multiversum voller Absurditäten, das seinesgleichen sucht. Verstanden habe ich zwar nichts, überwältigt war ich aber trotzdem. Und auch wenn mir „The Forbidden Room“ selbst für Maddin-Verhältnisse ein wenig zu überfrachtet war, haben Botschaften aus einer anderen Welt wie diese auf jeden Fall einen Platz in meinen Top-10 verdient.

Batman V Superman: Dawn Of Justice (Zach Znyder, USA 2016)

„High-Rise“, „Dibbuk“, „Don’t Breathe“,„Der Bunker“, „Wild“ „The Witch“, „Der Nachtmahr“ und „The Lobster“ – ich habe verschiedene Filme an diese, zehnte Position der Liste gesetzt, aber es fühlte sich einfach nicht richtig an. Nein, „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ MUSS einfach irgendeinen Platz in meiner Top-10 bekommen, weil er einfach seiner riesigen Probleme zum Trotz (alles an dem Film ist riesig!) ein gigantischer, ja ein wahrhaft monströser Film ist, wie er in diesem Kinojahr vergeblich seinesgleichen sucht. Mein ambivalentes Verhältnis zu „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ , bei dem letztlich aber die Faszination überwiegt, habe ich ausführlich auf Kino-Zeit beschrieben. Dürft ihr gerne lesen; und ich würde mich freuen, wenn der eine oder die andere sich danach vielleicht entschließt, doch nicht so hart mit dem Film ins Gericht zu gehen – denn das hat er trotz aller Schwächen nicht verdient.

X-Men: Apocalypse (Bryan Singer, USA 2016)

Posted by – 17. Dezember 2016

Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich einen Text zu „X-Men: Apokalypse“ beigesteuert. Darin beschreibe ich ein wenig, warum ich die aus „X-Men: First Class“, „X-Men: Days Of Future Past“ und nun „Apocalypse“ bestehende Reihe so mag. Kurz gesagt: Es geht um viel. Es geht um elementare Konflikte, Krieg, Frieden, Macht, Verantwortung, Einsamkeit und Freundschaft, Schuld und Vergebung,… Um zu verdeutlichen, was ich an der Reihe so brillant finde, sollte man sich die raffinierte alternative Realität vergegenwärtigen, die sie zu dem bis dahin existierenden X-Universum aufbaut. Diese alternative Zukunftslinie ermöglicht, sich von den ersten drei Filmen zu distanzieren, ohne sie zu leugnen, was nicht nur erzählerisch interessante Chancen eröffnet, auch philosophisch ist dieser Zugang faszinierend. Das Denken in Möglichkeiten, das hier für eine Comicverfilmung gewohnt unterhaltsam aber ungewohnt clever veranschaulicht wird, steht in direkter Verbindung mit den zunehmenden geopolitischen Herausforderungen und bietet – ebenfalls für eine Comicverfilmung ungewöhnlich – echte Antworten. Durch das Erkunden der Möglichkeiten können uns Filme wie „X-Men: Apokalypse“ vielleicht tatsächlich ein wenig dabei helfen, uns klar darüber zu werden, wie wir leben wollen. Amen.

P.S. Alex Summers lebt!