Elysium (Neill Blomkamp, USA 2013)

Posted by – 8. August 2013

ElysiumElysion – das ist in der griechischen Mythologie eine Insel, die für die unsterblichen Helden reserviert ist. Reserviert ist Elysium – eine riesige Raumstation im Orbit der Erde – in Neill Blomkamps zweitem Langfilm auch. Allerdings nicht für Helden, sondern für die Reichen und Mächtigen. Die Erde ist im Jahr 2154 ein Jammertal, in dem die Menschen mehr schlecht als recht über die Runden kommen.

So auch der vorbestrafte Max (Matt Damon), der im überbevölkerten Los Angeles lebt und schwer für seinen Lebensunterhalt schuftet. Als er bei einem Arbeitsunfall verstrahlt wird, hat er nur noch eine Chance, sein Leben zu retten: Er muss nach Elysium, nur dort gibt es die medizinischen Mittel, ihn zu heilen. So leicht ist es allerdings nicht, dorthin zu gelangen. Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster) wacht wie ein Bluthund über die Raumstation und schreckt auch nicht davor zurück, Shuttles, die versuchen zu landen, eiskalt abzuschießen. Unterstützt wird sie von ihrem „Außendienstmitarbeiter“, dem Söldner Kruger (herrlich over the top: Sharlto Copley). Doch Max erhält unerwartete Hilfe: Für Gangsterboss Spider (Wagner Moura) soll er noch einmal einen Auftrag ausführen, dann wird dieser ihm helfen, nach Elysium zu gelangen.

Die Erwartungen an Blomkamp waren nach seinem auffällig frischen Debüt „District 9“ ziemlich groß. Der junge südafrikanische Filmemacher erfüllt sie auch, zumindest insofern, als dass es ihm abermals gelingt, den Zuschauer in seinen Film richtiggehend zu entführen und ihn spüren zu lassen, wie sich die Welt dort anfühlt. An Atmosphäre und Stimmung lässt „Elysium“ kaum etwas zu Wünschen übrig. So muss Science Fiction sein. Eine Sequenz, die vielleicht besonders deutlich macht, wie die Welt im 22. Jahrhundert tickt: Max ist auf dem Weg zur Arbeit. Unterwegs gerät er in eine Polizeikontrolle, bei der er von einem Roboter grundlos zusammengeschlagen wird. Schwer verletzt schleppt er sich trotzdem zu seinem Job und macht seine Schicht, denn er weiß: ohne Arbeit und Lohn ist sein Leben keinen Penny mehr wert. Sowieso scheint den Menschen auf der Erde ihr Körper nicht viel wert zu sein. Er ist lediglich die Maschine, die für ihn arbeitet. Ist sie kaputt, wird sie repariert. Kann sie etwas nicht leisten, wird sie durch Technik verbessert. Schmerz spielt keine Rolle. Max zögert also keinen Moment als ihm der Ganove Spider für seinen nächsten Job den Schädel aufsägt, einen Computer ins Hirn verpflanzt und ihm ein Exoskelett an die Knochen schmiedet. „Elysium“ ist auch richtig schön dreckiger Cyberpunk!

Dass der Film trotzdem dann und wann etwas durchhängt, hat mit einem Problem zu tun, das auch schon bei „District 9“ auftauchte. Viele Ideen wirken oft nur angedeutet, was sich vor allem bei den Figuren bemerkbar macht. Die Geschichte wird, oft mehr schlecht als recht, durch den Plot des Films nach vorne getrieben, aber nur selten durch mehrdimensionale Charaktere. Blomkamp nimmt es sich diesmal anders vor, doch die in die Story implantierte Hintergrundgeschichte des Helden sowie die Beziehung zu seiner Flamme (leider mal wieder eine sehr schlicht gehaltene Frauenfigur), geben dem Ganzen nicht mehr Tiefe, sondern vermitteln eher den Eindruck eines lieblosen Versatzstücks.

Doch wo viel hell ist, da darf es auch etwas dunkel sein. Auf der einen Seite das ätherische Elysium, auf der anderen die überbevölkerte, schmutzige Erde. Hier ein paar schnell hingehuschte Ideen, dort Kinomomente wie man sie in diesem Jahr noch nicht erleben durfte. „Elysium“ ein Science-Fiction-Film, den sich kein Genre-Fan entgehen lassen sollte. Hinter dem manchmal Provisorischen, oft etwas Plakativen, gibt es auch viel zu entdecken. Blomkamp zeigt mit seinem zweiten Film, dass er ein Thema hat, woran sein Herz hängt. Er zeichnet stimmungsvolle dystopische Skizzen der Zukunft und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit. Er fragt auch: Wie ändert sich der Mensch durch äußere Einflüsse, durch Technik beispielsweise. Und noch einmal zum Titel: Elysion war den Helden vorbehalten. Wie die Bewohner der Raumstation zu ihrem Platz an der Sonne gekommen sind, darüber lässt sich nur spekulieren. Doch genau an diesem Punkt, bei der Frage, wer wie zu Reichtum gelangt und wer die echten Helden sind, liegt die im Krawumm etwas untergegangene Substanz des Films und meiner Meinung das moralische Statement des Regisseurs. Helden sind für Blomkamp allein diejenigen, die für das Wohl anderer, für eine gerechtere Welt kämpfen und bereit sind, dafür etwas zu opfern. Privilegien verdient sich daher kein Held durch sein Tun. In Blomkamps Welt kann nur eine klassenlose Gesellschaft eine gerechte sein.

Angeregt durch den Film-Quickie mit Sophie stellt sich mir noch eine Frage. Bis auf Max’ Freundin Frey (Alice Braga) und die böse Sicherheitschefin Delacourt sind alle Figuren Männer. Sogar die Rolle von Jodie Foster war eigentlich für einen Mann bestimmt. Warum ist das so? Ich behaupte mal, dass der Film bei den Kritikern und beim Publikum noch besser wegkommen und „Elysium“ an den Kassen mindestens so erfolgreich sein würde, wenn die Rollenverteilung anders herum wäre. Außerdem hätte Blomkamp seine Vision des Jahres 2154 noch etwas glaubhafter machen können. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Frauen in der Zukunft so wenig eine Rolle spielen.

Bild © Sony
 

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