Enemy (Denis Villeneuve, Spanien / Kanada 2013)

Posted by – 8. April 2014

EnemyAlles beginnt mit einer Spinne: Ein Mann, von dem der Zuschauer später erfahren wird, dass es sich um den B-Movie-Darsteller Anthony Claire (Jake Gyllenhall) handelt, wohnt in einem Sex-Club einer seltsamen Darbietung bei: Er beobachtet, wie eine nackte Tänzerin eine große Spinne freilässt und sie hinterher zertritt. Schnitt. Der Geschichtsprofessor Adam Bell (ebenfalls Jake Gyllenhall) führt ein unspektakuläres, ja, freudloses Leben. Doch dann entdeckt er in einem Film auf einmal einen Schauspieler, der ihm aufs Haar gleicht. Adam beginnt Nachforschungen anzustellen. Er findet heraus, dass es sich bei dem Doppelgänger um den bereits erwähnten Anthony Claire handelt, der mit seiner schwangeren Frau Helen (Sarah Gadon) in einem unscheinbaren Apartment-Komplex wohnt.

Wem im Anschluss an „Enemy“ nicht gleich alles klar ist, muss sich nicht wundern. Dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve ist mit der Adaption des im Jahr 2002 erschienenen Romans „Der Doppelgänger“ des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago ein filmisch-psychologisches Rätsel gelungen, das sich rein rationalen Erklärungsversuchen enzieht. Am Ende steht keine Auflösung, sondern eine weitere Irritation. „A man who wants to leave his mistress and go back to his pregnant wife must confront his worst enemy: himself“ bringt Villeneuve in einem Interview mit der Zeitschrift Film Comment einen möglichen Interpretationsansatz ins Spiel. Doch stellt sich die Frage, ob der Bedeutungsspielraum der Geschichte nicht sogar noch größer ist und ob sich der Konflikt tatsächlich vor allem zwischen verschiedenen Versionen des Subjekts bzw. des Protagonisten verorten lässt. Da kämen für mich die anderen Figuren des Films wie die Ehefrau/Geliebten eindeutig zu kurz. Arachnida – Spinnentiere – werden nicht nur mit menschlichen Ängsten, sondern ebenso mit Weiblichkeit und Mutterschaft assoziiert. Es darf angenommen werden, dass ein Teil des Subjekts seine Zukunft als Familienvater als ebensolche Gefahr wahrnimmt wie ein anderer Teil seine zwielichtige Vergangenheit samt Sex-Clubs und Affären. Die Akzeptanz der einen Realität führt immer auch zur Aufgabe der anderen. Der Protagonist hat sich in einem klebrigen Netz verfangen, aus dem es keine leichte Flucht gibt. Überhaupt sind es neben den erwähnten Spinnen-Szenen auch Visualisierungen von (Spinnen)Netzen, die sich vielerorts in Villeneuves kunstvoll gewobenem Film auffinden lassen. Bedrohlich, aber gleichzeitig wunderschön. Wie eine Spinne. Die folgerichtig auch am Ende des Films auf den Zuschauer wartet.

Ein wenig führe ich diese Gedanken noch aus in der Mai-Ausgabe des AGM-Magazins.

Bild © Capelight Pictures
 

6 Comments on Enemy (Denis Villeneuve, Spanien / Kanada 2013)

  1. Nachdem ich „Prisoners“ und „Incendies“ gesehen habe, steht nun dieser Film auch auf meiner Sichtungs-Liste. Klingt sehr spannend.

    • 3jH sagt:

      Ich arbeite mich von hinten nach vorne. „Enemy“ war mein erster Film von Villeneuve. Wenn die anderen ähnlich gut sind, bin ich glücklich.

  2. Ich glaube, deine ist auch eine sehr gute Reihenfolge für Villeneuves Filme. Bei mir wars 1. „Incendies“. 2. „Prisoners“ und nun auch 3. „Polytechnique“. Mittlerweile einer der interessanteren Filmemacher aus Kanada, neben Xavier Dolan und Sarah Polley.

  3. […] meistgelesene Artikel in meinem Blog dieses Jahr. „Arachnida – Spinnentiere – werden nicht nur mit menschlichen […]

  4. […] ob ich den Text mit dem Satz „Endlich habe ich den Film auch gesehen“ beginne. Weil mir „Enemy“ so gut gefallen hat, habe ich mich tatsächlich sehr auf „Prisoners“ gefreut. Nach dem Film […]

  5. […] Weil ich  so viel erwartet habe – die letzten Filme von Denise Villeneuve, „Prisoners“, „Enemy“ und „Sicario“ fand ich überwältigend! –, weiß ich gerade nicht so genau, wohin mit […]

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