Martha Marcy May Marlene (Sean Durkin, USA 2011)

Posted by – 12. Juli 2012

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ fragte Autor Richard David Precht und schrieb darüber ein unterhaltsam-philosophisches Buch. Es wurde ein Beststeller. Sean Durkin kann der Frage keine heiteren Seiten abgewinnen. In seinem Langfilmdebüt, dem Psychothriller „Martha Marcy May Marlene“ wird die Suche nach ihrer Identität für eine junge Frau zum Horrortrip.

Martha (Elizabeth Olsen) wohnt zwei Jahre bei einer Kommune auf dem Land – bis sie sich entscheidet zu fliehen. Unterschlupf findet sie bei ihrer Schwester Lucy (Sarah Paulson) und deren Mann Ted (Hugh Dancy). Doch die Zeit in der sektenartigen Gemeinschaft hat die junge Frau verändert. Martha lebt in ständiger Furcht, von den Kommunenmitgliedern und deren Anführer Patrick (John Hawkes) gefunden zu werden. Ist die Bedrohung real oder sieht Marthy Gespenster?

Ich habe mir einige Texte zu dem Film durchgelesen. So ganz kann ich nicht verstehen, warum Durkins Film so überschwängliche Rezensionen bekommen hat. Als „scharfsinnig elegantes Psychothriller-Kunstwerk“, als „fesselnde Identitätssuche“ wird er gelobt, als „faszinierend“ und „berührend“ seine Hauptfigur. Sicher, so ganz falsch ist das alles nicht. „Martha Marcy May Marlene“ ist kein Durchschnittsfilm und ein bisschen Psycho und Identitätssuche gibt es auch. Vor allem Elizabeth Olsens Leistung sticht ins Auge. Das anfängliche Interesse an ihrer Figur hat bei mir aber nicht über die gesamte Filmdauer gereicht. Zu wenig Entwicklung macht Martha durch, zu unklar bleibt, was sie angetrieben hat und antreibt. Ein Gefühl für diese Figur zu entwickeln, ist mir bis zum Schluss nicht gelungen.

Im Kontrast zu seiner diffusen Hauptfigur wird Durkin beim Erzählen seiner Geschichte zu schnell zu deutlich. Die die Haupthandlung immer wieder unterbrechenden Rückblenden haben schon nach einer knappen halben Stunde alles Wesentliche enthüllt. Was dann kommt, sind entweder Wiederholungen, oder, dem Gesetz der Steigerung gehorchend, ein Mehr des Gleichen. Letztes führt dann auch dazu, dass die Mitglieder Psychosekte sich auch noch als kaltblütige Killer entpuppen müssen. Das mag man spannend finden, der Glaubwürdigkeit der Geschichte ist damit allerdings nicht geholfen.

Auch wenn ich nicht in den Lobgesang über den Film einstimmen möchte – ein paar wunderbare Szenen gibt es natürlich trotzdem. Mein liebster Moment in dem Film findet sich schon ganz am Anfang: Kurz nachdem Martha geflohen ist, wird sie in einem Diner von einem Mitglied der Sekte aufgespürt. (Die folgenden Momente gehören zu den spannendsten des ganzen Films!) Die Unklarheit darüber, wie diese Situation aufgelöst wird – hat er Martha gehen lassen? Ist sie entkommen? Und war das überhaupt ein echtes Erlebnis oder nur ein Traum? –, wirkt sich auf die Stimmung des ganzen Films aus.  So ganz genau weiß der Zuschauer nämlich nicht, wie es um den Wahrheitsgehalt des Gesehenen bestellt ist. Denn wir sehen die Welt durch die Augen von Martha. Und die ist möglicherweise so traumatisiert, dass wir ihr nicht alles glauben können. Wer Martha wirklich ist (und wenn ja wie viele) erfährt der Zuschauer deswegen auch bis zum Schluss nicht.

Bild © Twentieth Century Fox
 

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