Minority Report (Steven Spielberg, USA 2002)

Posted by – 31. Dezember 2013

Minority ReportWissen ist Macht. Doch wie viel Wissen brauchen wir eigentlich, um uns auf eine unsichere Zukunft einzustellen? Und: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben für mehr Sicherheit? „Minority Report“, Steven Spielbergs meisterhafte Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Philip K. Dick, geht diesen Fragen nach. Die Antworten schmerzen.

Die Story: Im Jahr 2054 testet die Washingtoner Polizei eine revolutionäre Methode der Verbrechensbekämpfung: Die Abteilung Precrime verhindert Verbrechen, ehe sie geschehen. Mithilfe der hellseherischen Fähigkeiten der drei „Precogs“ Agatha, Arthur und Dashiell können Morde vorhergesagt werden. Chief John Anderton (Tom Cruise) und sein Team sind schnell zur Stelle, um den Täter kurz vor seiner Tat dingfest zu machen. Doch Anderton gerät bald selbst ins Visier seiner Einheit: Die Precogs sagen vorher, dass er zum Mörder wird…

„Minority Report“ gehört für mich nicht nur zu den besten Spielberg-Filmen, sondern auch zu den wichtigsten Science-Fiction-Werken überhaupt. Warum letzteres, erkläre ich später. Zunächst möchte ich Spielberg für diesen schicken Film loben. Für viele Ideen, beispielweise, wie Mobilität oder Konsum im Jahre 2054 aussehen könnten oder wie Computerinterfaces bedient werden, hat er „Zukunftsexperten“ herangezogen. Hat sich gelohnt, würde ich sagen. „Minority Report“ ist in vielerlei Hinsicht richtungsweisend. Ebenfalls toll: Spielberg nutzt geschickt sein Szenario, um eigentlich einen normalen, wenngleich rasant gefilmten und überraschungsreich vorgetragenen Kriminalfall zu erzählen. Wer gegen das Gesetz verstößt, dafür aber nicht zur Rechenschaft gezogen werden will, musste seit jeher seine Taten verschleiern und seine Häscher auf eine falsche Fährte locken. Nichts anders passiert auch hier, wenngleich Spielberg außergewöhnlich raffiniert vorgeht. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten: Es vergehen fast Dreiviertel des Films, bis der Zuschauer überhaupt merkt, aus welcher Richtung der Wind weht.

Aber „Minority Report“ ist dann eben doch mehr als ein Krimi. Er ist clevere und weitsichtige Science Fiction und zwar in dem Sinne, das hier ein Wesenszug des Menschseins, nämlich seine Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen, ins Zentrum gestellt und hiervon ausgehend der (ewige?) Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit unter die Lupe genommen wird. Zukunft, die Zeit, die noch nicht ist, die große Unbekannte, verheißungsvoll und bedrohlich zugleich. Unsere Vorstellung von Zukunft als Zeitraum in der Geschichte ist allerdings relativ jung. Heute denken wir, wenn wir an Zukunft denken, vor allem an Chancen und Risiken, wir versuchen zu planen und Unvorhersehbarkeiten aus dem Weg zu räumen. Wir glauben, die Zukunft sei in der Gegenwart verankert, man könne durch Antizipation und Planung langfristig auf sie einwirken. Ein Beispiel für die Entdeckungslust und den Zukunftsoptimismus ist sicherlich die von Gene Roddenberry geschaffene Fernsehserie „Star Trek“ die mit insgesamt 726 Episoden sowie bereits über 10 Kinofilmen und zahlreichen Romanen eines der bekanntesten und wichtigsten Franchises innerhalb der Science Fiction darstellt.

Der Optimismus à la Jules Verne, H. G. Wells und Gene Roddenberry wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter zurück gedrängt und der Zukunftshorizont begann sich wieder zu verengen: Naturkatastrophen, Umweltzerstörung, der Kalte Krieg sowie unerwartete politische und ökonomische Ereignisse ließen Zweifel an der Idee von langfristiger Plan- und Vorhersehbarkeit aufkommen. Entsprechend reagierte die Science Fiction und brachte eine Vielzahl von dystopischen Filmen und Büchern hervor. Zu den bedeutendsten Werken in diesem Kontext zählt sicherlich Georg Orwells „1984“ (verfilmt durch Michael Radford), in dem es um einen unmenschlichen Überwachungsstaat geht, der erschreckenderweise in mancherlei Hinsicht von der Gegenwart längst eingeholt wurde. Auch „Gattaca“ von Andrew Niccol und eben auch Spielbergs „Minority Report“ beschäftigen sich – jeder auf besondere Weise – mit den Themen Kontrolle und Sicherheit. In „Gattaca“ ist der menschliche Körper keine Privatsache mehr, er wird vollständig kontrolliert, in Spielbergs Film diktiert uns das Wissen um die Zukunft unser Verhalten in der Gegenwart.

Für mich ist „Minority Report“ nicht nur ein starker Film, sondern auch ganz schön harter Tobak. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, sein Leben nach der Zukunft auszurichten und nach bestem Wissen und Gewissen zu planen. Das ist sogar völlig normal. Die Grenzen zu einer „Futurokratie“ sind allerdings fließend. Je mehr wir über die Zukunft wissen (genauso schlimm: zu wissen glauben), desto mehr engt die Vernunft den Handlungsspielraum des Einzelnen ein. Fortschritt und Freiheit werden hier zu zwei unversöhnlichen Gegensätzen, Wissen ist paradoxerweise Macht und Machtlosigkeit zugleich. Doch der Film wäre nicht von Spielberg, wenn es bei aller Dunkelheit nicht auch ein wenig Sonnenschein gäbe. Einige Comedy-Szenen heitern das Ganze auf; und zum Schluss darf – anders als in der Vorlage von Philip K. Dick – die Freiheit triumphieren. Wir haben immer eine Wahl, so Spielberg. Wahrscheinlich wäre der Film für Otto-Normal-Zuschauer ansonsten auch zu verstörend. Mir persönlich hätte ein konsequenteres Ende ein wenig besser gefallen. Aber das ist mein einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten hervorragenden Film.

Bild © Twentieth Century Fox
 

2 Comments on Minority Report (Steven Spielberg, USA 2002)

  1. sebastian sagt:

    Ein hervorragender Text zu einem ebensolchen Film.

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