She (Avi Nesher, Italien 1982)

Posted by – 22. August 2015

sheIn diesem Blog verfolge ich ja durch Zeitknappheit erzwungener Maßen weniger den Anspruch, zu allem, was ich sehe, etwas zu schreiben. Es ist eher der Versuch, durch die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden mich den Filmen meines Lebens, also denen, die mich besonders beeindruckt und beeinflusst haben, durchs anzunähern und mir meine Einstellung zu ihnen klarer zu machen. Ein Film, der da auf keinen Fall fehlen darf ist „She“ von Avi Nesher. Den habe ich irgendwann in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre ein einziges Mal gesehen. Seitdem verfolgt er mich. Vor ein paar Tagen gab es – fast 30 Jahre später – nun endlich ein Wiedersehen.

Nach dem Atomkrieg ist die Welt eine andere. Zauberer, Monster und verstrahlte Typen lauern quasi überall. Tom (David Goss), seine Schwester und ihr Kumpel Dick (Harrison Muller jr.) kommen in ein Dorf, um Handel zu treiben. Bei einem Überfall auf den Basar wird Toms Schwester entführt, er selbst und Dick geraten kurze Zeit später Gefangenschaft der Herrscherin She (Sandahl Bergman). Doch sie können sich befreien, können She überrumpeln, machen sich mit ihr als Geisel auf die Flucht – und stolpern von einem Abenteuer ins nächste.

„Abenteuer“ – das Wort klingt eigentlich viel zu unschuldig für das, was die Gruppe in den folgenden 90 Minuten erlebt. Eine bizarrere Begegnung jagt hier die nächste. Warum ich „She“ so mag? Weil er spannend ist und witzig, gruselig bisweilen und weil er überrascht, weil hier Einfälle nebeneinander existierten, die man sonst nie zusammen sieht, weil die Melange von einer seltsam sympathischen Unbekümmertheit gekennzeichnet ist, so dass zumindest ich mich dem Charme des Films auch diesmal nicht entziehen konnte. Ich zähle die Einfälle nicht auf, um allen, die den Film noch nicht gesehen haben, die Überraschung nicht zu verderben. Nur eine Szene muss ich kurz vorstellen, weil es nämlich die ist, die ich vor allen anderen über die Jahre nicht aus dem Kopf bekommen habe und die auch bei diesem Sehen den stärksten Eindruck bei mir hinterlassen hat: Die Brücken-Szene. Da überquert Tom eine ebensolche und begegnet dabei einem Mann (David Traylor), der wie eine Mischung aus Soldat und Seemann angezogen ist. Er tänzelt um Tom herum, imitiert Groucho Marx, Popeye u.a., erschafft eigene Charaktere. Dass er sich, wenn man ihm einen Arm, Bein oder Kopf abtrennt, multipliziert, so dass Tom es bald mit einer ganzen Horde des Brückenwächters zu tun hat, macht dieses Wesen, das einer besonders bösen Folge „Monty Python’s Flying Circus“ entsprungen sein könnte, noch unheimlicher. Dieser Clown ist der Stoff, aus dem meine Alpträume sind.

Ein wenig schade ist, dass Avi Nesher, der im Detail so kreativ zu Werke geht, die Geschichte nicht nur sehr konventionell, sondern sogar leider auch ziemlich monoton vorträgt. Ich kann selbst nicht genau sagen, was ich mir gewünscht hätte, aber wäre ein wenig Irrsinn, den Nesher in den Reiseetappen findet, auch in den Film als solchem geflossen, hätte er mir wohl möglich noch besser gefallen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, auch so ist „She“ ein Film, wie man ihn, wenn überhaupt, zumindest nicht alle Tage zu sehen bekommt. Sein Trash-Appeal ist noch sein kleinster Vorzug, mich fasziniert mehr, wie Nesher hier unterschiedlichste Lebensformen, die sich nach der Apokalypse entwickelt haben, skizziert. Das tut er nicht nur fantasievoll, sondern auch mit Verstand. Denn letztlich weist er durch das Kuriositätenkabinett seines Films auch auf die Kontingenz und Sonderbarkeit unseres eigene Lebens. Leider ist „She“ der einzige Film, den ich von dem israelischen Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent kenne, so dass ich nicht wirklich ein Gefühl für seine Arbeit habe. Aber wenn die anderen ähnlich eigen sind, muss ich die unbedingt auch bald mal sehen.

In einem kleinen Interview mit Christian von Moviroyal habe ich schon mal erzählt, dass ich eigentlich nicht sammle. Ich habe lediglich zwei Billy-Regale, mehr will ich nicht. Das führt dazu, dass, wenn ein neuer Film dazu kommt, ein alter weg muss. Aus diesem Grund verschenke ich unter der Rubrik „Alles muss raus“ auch gelegentlich DVDs. Insofern evolutioniert mein Filmregal seit ein paar Jahren vor sich hin. Filme die ich behalte, sind solche, dir mir irgendwie wichtig sind oder mal waren, die Filme meines Lebens sozusagen. Durch „She“ von Avi Nesher ist mein Filmregal auf eine neue evolutionäre Stufe gerückt.

Bild © Pegasus

1 Comment on She (Avi Nesher, Italien 1982)

  1. […] – Yzordderrexxiii hat seit seiner Kindheit eine „guilty pleasure“. Auf seinem Blog erzählt er, warum er den italienischen Endzeitfilm „She“ von Avi Nesher so mag. […]

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