Sleepaway Camp (Robert Hiltzik, USA 1983)

Posted by – 31. März 2016

sleepaway camp_Es ist kaum etwas Schöneres als nichtsahnend in einen tollen Film zu stolpern. So ist es mir vor ein paar Tagen mit „Sleepaway Camp“ geschehen, den ich eigentlich nur angemacht hatte, weil ich mich mal wieder nicht richtig entscheiden konnte und mir von Robert Hiltziks Film kurzweilige, entspannende Genre-Unterhaltung versprochen hatte. Und dann war es eines der schönsten Filmerlebnisse der letzten Wochen, ich bin immer noch wie verzaubert von diesem kleinen aber feinen Slasher.

In einem Feriencamp muss ein Kind mit ansehen, wie seine Familie bei einem Bootsunglück ums Leben kommt. Jahre später wird Angela (Felissa Rose) zusammen mit ihrem Cousin Ricky (Jonathan Tiersten) von ihrer Tante Martha (Desiree Gould) wieder in ein Camp geschickt. Das stille Mädchen wird schnell Opfer von Hänseleien. Nur Ricky und sein Kumpel Paul (Christopher Collet) setzen sich für das Mädchen ein. Die auf einmal beginnende Reihe von „Unfällen“ wird vom Camp-Leiter Mel (Mike Kellin) lange Zeit heruntergespielt – bis es zu spät ist…

Ja, aber warum fand ich den Film denn jetzt so gut? Zum einen er für einen Film dieses Genres auffällig gut gemacht ist und Hiltzik offensichtlich eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, was er wollte und man diese zielgerichtete Energie dem Film jederzeit anmerkt. Das hängt natürlich mit dem folgenden Punkt zusammen, das handwerkliche Können des Regisseurs und der gelungene Subtext bedingen sich ja gegenseitig. Gut gemacht heißt hier nicht, dass der Film teuer ist oder die Rollen mit hochrangigen Darstellern besetzt sind (im Gegenteil: viele der Darsteller sind Laien), sondern dass hier alles in sich stimmig und zweckdienlich umgesetzt wurde. Der Film enthält eine ganze Reihe wirklich unheimlicher, intensiver Szenen, der Unfall am Anfang beispielsweise, die Beinahe-Vergewaltigung Angelas durch den Koch usw.; und doch ist er nicht nur in solchen besonderen Momenten gut, sondern auch dazwischen. Hier stimmen der (Erzähl-)Fluss, das Timing und die Atmosphäre. Sogar die Figuren sind für das Genre ungewöhnlich plastisch und in ihren Bedürfnissen glaubhaft, vielleicht mit Ausnahme von Camp-Leiter Mel, dessen Verhalten für mich nie ganz nachvollziehbar war und Karen Fields als Zicke Judy, die Angela besonders hartnäckig malträtiert. Die beiden sind für meinen Geschmack in ihren Rollen unklar (Mel) oder etwas zu übertrieben und grobmaschig (Judy) anlegt.

Zum anderen fand ich „Sleepaway Camp“ so stark, weil er mir zwar, wie für einen Slasher üblich, sehr bekannt vorkam, ich aber gleichzeitig trotzdem schnell gerafft habe, dass er irgendwie anders ist, was sich im weiteren Verlauf – und mit Paukenschlag vor allem am Ende! – auch bestätigt. Gut, ich kannte das Ende schon von Hörensagen, aber so ist mir erst richtig bewusst geworden, wie gekonnt dieser Film angelegt ist. Soviel sei verraten, es geht um etwas, um das es versteckt in den meisten Slasher geht, zumindest ist dieses „Etwas“ ein fester Bestandteil des Genres. Nur wird es hier, wie ich finde, auf eine andere Art und clevere Weise aufgegriffen. Obwohl ich eigentlich nicht daran glaube, dass man gute Filme spoilern kann: Dass ich hier so um den heißen Brei herumrede, liegt tatsächlich mal daran, dass ich niemandem die Chance nehmen möchte, sich von dem Film überraschen zu lassen. Ich kannte wie gesagt den Twist schon, und es hat den Guckspaß vielleicht sogar noch erhöht, weil ich auf andere Dinge geachtet habe, aber es ist ja nicht gesagt, dass es anderen genauso geht.

Ganz allgemein: Im Slasher geht es ums Töten. Ein Killer bringt eine Reihe von Personen, meist eine Gruppe von Teenagern oder jungen Erwachsenen kreativ um die Ecke. Der Einfallsreichtum der Morde steht oft im Gegensatz zum Leben der Ofer, das man trotz Sex, Drogen und Partys – oder Ausflügen in die Backwoods – in den meisten Fällen als trist und öde bezeichnen muss. Die Gründe des Killers sind unterschiedlich, oft ist das Töten eine Folge von in der Kindheit erlittener Traumata, die Rache für erfahrenes Unrecht o.ä. Interessant sind Slasher oft durch die implizite Moral – sind die Opfer doch meist Personen, die direkt oder indirekt in die Kränkung des Killers verwickelt waren und/oder oder sich eines lasterhaften Lebenswandels schuldig gemacht hatten. Dies lässt viele Slasher puritanisch oder sogar reaktionär erscheinen. Vielleicht sind es einige auch. Interessanter finde ich allerdings Ansätze, welche die auffälligen Gewaltszenen im Kontext der Handlungsarmut und Monotonie der Geschichten interpretieren und sich bei der Analyse des Genres auch auf diesen offensichtlichen Kontrast – zwischen schillernden Morden einerseits und der Tristesse des Rests andererseits –beschäftigen. Ich bin mit meinen Gedanken hierzu noch nicht am Ende, aber bei diesem Ansatz wäre doch denkbar, dass Slahser in der Mehrheit keine reaktionäre, sondern (gesellschafts-)kritische Haltung haben, in denen sich die Gewalt als Reaktion auf verschiedene Formen von (sexueller) Repression und Unterdrückung zeigt – nicht in dem sie moralisch legitimiert sondern, sondern dass sie ästhetisch auffällig wird?

Ich will jetzt auch nicht zu dick auftragen: „Sleepaway Camp“ ist ja irgendwie immer noch ein handelsüblicher Slasher der 1980er Jahre und wohl kein verschollenes, subversives Meisterwerk. Aber es ist eben auch einer, der sich besonders gut dazu eignet, sich darüber Gedanken zu machen, worum es in dem Genre eigentlich geht, was seine Standards sind und welche Funktion sie erfüllen (können). Das hat Robert Hiltzik ganz offensichtlich mit großer Hingabe getan. Ich halte den Film für wichtig.

Bild © Anchor Bay Entertainment

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