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Murder On The Orient Express (Sidney Lumet, Großbritannien 1974)

Posted by – 15. Januar 2015

mord im orientexpressZeit, mir mal wieder ein paar Klassiker zu vergegenwärtigen. „Murder On The Orient Express“ habe ich bestimmt schon einmal gesehen, Erinnerungen an den mehrfach Oscar-nominierten Film habe ich aber kaum welche. Am Anfang, wenn der Kriminalfall über die Entführung des Mädchens Daisy Armstrong aufgerollt wird, deren Leiche nach Zahlung des Lösegelds kurze Zeit später entdeckt wird, bin ich kurz verwirrt (muss ich mir das jetzt alles merken?). Die Verwirrung weicht, als der Film mit Ankunft der Fahrgäste im Orientexpress so langsam ins Rollen kommt. Ich bin fasziniert von der geschäftigen Atmosphäre in Istanbul, dem Auflauf an Figuren, die, so denke ich mir, ja bestimmt alle für die Story wichtig sind. Die anfängliche Freude wird allerdings abgebremst, als der Zug erst einmal unterwegs ist. Die Figuren, die mir gerade noch vielfältig interessant scheinen, mutieren auf einmal zu überschminkten, albern ausstaffierten Kreaturen, von denen die eine einen schlimmeren Dialekt spricht als die andere. Auch der Protagonist, der belgische Detektiv Hercule Poirot (Albert Finney), ist keine Ausnahme, und darüber hinaus ist er auch noch ein ganz unangenehmer Zeitgenosse. Nicht nur nutzt er seine Beziehungen, um einen besseren Platz im Zug zu ergattern, gerne weist er andere auch bei jeder Gelegenheit darauf hin, wie dumm er sie findet. Und als der Fahrgast Mr. Ratchett (Richard Widmark) ihn um Hilfe bittet, weil er sich bedroht fühlt, lehnt Poirot kurzerhand ab. Dieser Fall wäre ihm zu langweilig. Kurze Zeit später ist Mr. Ratchett tot, ermordet durch 12 Messerstiche. Vielleicht hat der ultra-schlaue Detective ja so etwas geahnt und ihm deswegen die Hilfe verweigert. So hat er wenigstens etwas zu tun, während die Eisenbahn irgendwo in Jugoslawien im Schnee stecken bleibt.

Man liest es vielleicht heraus, so richtig umgehauen hat mich „Murder On The Orient Express“ bei diesem Wiedersehen nicht, zumindest zuerst nicht. Irgendwann bin ich nur noch genervt von den Masken und Akzenten. Erst ganz am Schluss, als Poirot die Verdächtigen um sich versammelt und den Fall klärt macht es bei mir auf einmal „klick“. Der Film ist so etwas wie das böse Gegenstück zu „12 Angry Men“, sein zynisches Komplementär! In beiden Filmen spielt die Zahl „12“ eine entscheidende Rolle. In dem Drama um die zwölf Geschworenen sind es die Zweifel eines einfachen Mannes, die dazu führen, dass schließlich Recht gesprochen und ein Unschuldiger vor dem Tode bewahrt wird. In „Murder On The Orient Express“ weiß der arrogante Poirot sofort, dass etwas nicht stimmt, ja den Tod hat er in gewisser Weise sogar selbst herbeigeführt, ihn zu verhindern war ihm zu langweilig. Seine Zweifel, die schlussendlich zur Auflösung des Falls führen und die zahlreichen Personen an Bord des Zuges miteinander in Beziehung bringen, legitimieren hingegen nachträglich den im Orientexpress geschehenen Mord. Wenn man sich das einmal klar macht, bleibt einem die Spucke weg.

Ich habe keine Ahnung, ob ich diese Parallelen herbeifantasiere. Ich kenne keine entsprechenden Texte dazu, oder Aussagen von Lumet selbst, warum er sich gerade für diesen Agatha-Christie-Stoff entschieden hat. Aber die Verbindungen zwischen „12 Angry Men“ und „Murder On The Orient Express“ sind so deutlich, und so, wie ich ihn sehe, würde es auch es die unangenehme Aura des Films erklären. Der wäre dann nämlich keine „heiter-parodistische Unterhaltung mit Hollywood-Touch“, wie das Lexikon des internationalen Films behauptet, sondern ein burlesque-zynisches Requiem anlässlich der Beisetzung des Rechtsstaats.

Bild © Zweitausendeins