Tag: Alkohol

Giftchen (Konrad Kästner, Deutschland 2011)

Posted by – 13. Mai 2015

FullSizeRender (2)Es gibt kaum etwas, das schizophrener ist, als die Drogenpolitik in Deutschland. Das zeigt sich besonders beim Thema Alkohol. Nach Aussage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung sterben jährlich in Deutschland fast 20.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Wenn man einen kombinierten Tabak- und Alkoholkonsum dazurechnet, sind es sogar fast 75.000 Menschen. Ein paar halbherzige Kampagnen der Bundesregierung oder die Altersgrenze von 16 für Bier und Wein bzw. 18 Jahren Spirituosen ändern nichts daran, dass das Trinken zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland gehört. Trotzdem ist es fest in der Gesellschaft verankert. Schizophren ist aber nicht nur der politische Umgang mit diesem Thema, sondern auch der gesellschaftliche: Jeder weiß um die Gefahren von Alkohol und kennt die Zahlen, trotzdem ist Trinken normal und es hält sich hartnäckig das Ideal vom maßvollen Alkoholkonsum, der im Gegensatz zur skeptisch beäugten Abstinenz als erstrebenswert gilt.

Konrad Kästner thematisiert in seiner Dokumentation die gesellschaftspolitische Dimension nur am Rande. Er konzentriert sich auf seine vier Protagonisten, Karin, Oli, Rolf – und seine eigene Mutter. Er begleitet die vier in seinem Film ein Stück auf ihrem Lebensweg und lässt sie über das berichten, was Alkohol für sie ist. Für alle gilt: Eine Welt ohne Alkohol ist für kaum vorstellbar. Das wird in berührenden Szenen deutlich. Zum Beispiel bei Rolf, der entgegen dem ersten Anschein nach der Sucht noch nicht entkommen ist. Oder bei Karin, die so deprimiert und überfordert wirkt, dass der Zuschauer ihre Hoffnungslosigkeit beinahe am eigenen Leibe spürt. Selbst bei Kästners Mutter, die seit sechs Jahren abstinent lebt, nimmt das Thema immer noch großen Raum in ihrem Denken ein. Auch Kästner,der eine Bar in Berlin betreibt und dem man seine persönliche Betroffenheit mehrmals im Film anmerkt, nimmt sich da nicht aus. Wie sollte es auch anderes sein. Alkohol ist ominpräsent in unserer Gesellschaft, der Späti, in dem man 24 Stunden am Tag Schnaps kaufen kann, befindet sich, wie Oli berichtet, direkt vor der Entzugsklinik. Wahrscheinlich ist er nicht Wenigen bereits zum Verhängnis geworden.

In der für mich vielsagendsten Szene des Films diskutiert der aus der Klinik entlassene Oli mit einem alten Freund über das Thema Alkohol. Während der Süchtige unsicher an einem Glas Tee herummacht, trinkt sein Kumpel fast schon provokativ ein Bier. Nicht nur, dass der Freund die Regeln, die Oli für das gemeinsame Wohnen aufstellt (kein Alkohol in der Wohnung) mit einem ironischen, süffisanten Lächeln quittiert, auch Olis Erzählung über die Anfänge seiner Sucht werden von dem Freund in Frage gestellt („du erinnerst dich falsch, es war alles ganz anders“). Was ich hieran unheimlich finde, ist, dass selbst im direkten Gespräch mit einem Betroffenen, die Deutungshoheit darüber, wie die Dinge sind und waren, was normal und was es nicht ist, bei den vermeintlich Nicht-Kranken liegt. Diese Szene macht meiner Meinung nach sehr gut den eigenartigen Umgang mit dem Thema Alkohol bzw. Alkoholkrankheit deutlich. Trinken ist so lange akzeptiert, bis jemand die unsichtbare Linie zwischen „normalem“ Trinken und Suchttrinken überschreitet. Der Süchtige – das wird beispielhaft in dieser Szene sichtbar – ist in den Augen der Anderen das Problem und nicht etwa die Substanz oder die gesellschaftlichen Verhältnisse. So ein Feierabendbierchen kann ja wohl nicht schlecht sein.

Dass die Dokumentation so eindrucksvoll geworden ist, liegt aber nicht nur an Kästners sensiblen Umgang mit dem Thema, dem Respekt, den er den alkoholkranken Menschen entgegenbringt und seinem Erzähl-Rhythmus wie seinem feinen Gespür dafür, wann Distanz und wann Nähe gefragt ist. Auf der technischen Seite kann die Dokumentation ebenfalls überzeugen. Besonders hervorzuheben ist hier die Kamera von Sandra Staffl, die nicht nur die Interviewpassagen unverfälscht und sachlich aber niemals bloßstellend eingefangen hat, sondern auch in einigen rauschhaften Zwischenpassagen Trübsinn und Verheißung des Alkohols einfängt. Unsere Hochachtung haben sich nicht zuletzt die vier Protagonisten dieser gelungenen Dokumentation verdient, die den Mut hatten, sich mit ihren Problemen ungeschönt der Welt zu stellen – wohl weil sie ahnten, dass sie nur in einer aufgeklärten Gemeinschaft ihrer Alkoholsucht werden entkommen können. Vielleicht trägt Kästners starker Dokumentarfilm ja ein Stück dazu bei.

Rachel Getting Married (Jonathan Demme, USA 2008)

Posted by – 13. April 2015

rachel getting marriedDer Oscarpreisträger Jonathan Demme hat schon einige beachtliche Filme gemacht. An die Spitze der US-amerikanischen Regisseure brachte ihn die Roman-Verfilmung des Thomas-Harris-Thrillers „The Silence of the Lambs“, für den er auch die begehrte Trophäe der Academy erhielt sowie zwei Jahre später das Aids-Drama „Philadelphia“. Nach einigen weiteren sehenswerten, aber kommerziell wenig erfolgreichen Filmen meldete sich der Ausnahmeregisseur mit „Rachel Getting Married“ im Jahre 2008 eindrucksvoll zurück. Und auch für seine Hauptdarstellerin Anne Hathaway bedeutet er die endgültige Aufnahme in die Riege der ernstzunehmenden Schauspieler. Völlig zu Recht wurde sie für ihre Rolle der Kym für den Oscar nominiert.

Die alkoholabhängige Kym (Anne Hathaway) kehrt zur Hochzeit ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) aus der Entzugsklinik nach Hause zurück. Doch Kym kann sich mit der Nebenrolle am großen Tag ihrer Schwester und der vordergründigen Harmonie in ihrem Elternhaus nicht abfinden. Sie sabotiert die Hochzeitsvorbereitungen und die anschließende Feier mit bissigen Kommentaren und melodramatischen Auftritten. Auch wenn ihr Vater Paul (Bill Irwan) versucht, die Wogen zu glätten, kommt es doch zum offenen Konflikt in der Familie Buchmann. Alte Wunden drohen wieder aufzureißen.

Drogensüchtige Tochter stört Hochzeit ihrer Schwester und sorgt somit für Spannungen. Liest man diese Kurzzusammenfassung, die zugegebener Maßen nicht allzu originell klingt, mag noch keine rechte Vorfreude aufkommen. Demjenigen, der die Filmhandlung lediglich als einfaches Familiendrama begreift, wird sich Demmes Film auch nicht erschließen. Doch Demme wäre nicht der Regisseur, der er ist, hätte er in dem Drehbuchdebüt von Jenny Lumet (Tochter des großen Sidney Lumet) nicht viel Potenzial erkannt. Erstaunlich schonungslos und trotzdem immer fair analysiert er den fragilen Mikrokosmos der Familie Buchmann. Kameramann Declan Quinn ist immer ganz dicht am Geschehen und zeigt mit seiner Handkamera in teilweise dokumentarisch wirkenden Bildern, die an ein echtes Hochzeitvideo erinnern, die ungeschminkte Wahrheit hinter der bröckelnden Fassade. Doch „Rachels Hochzeit“ ist kein Problemfilm. Trotz aller Enthüllungen und Dramatik ist Demme immer darauf bedacht, sich die Geschichte aus sich selbst heraus entwickeln zu lassen.

In der filmischen Umsetzung der bereits ausgezeichneten Vorlage gelingt Demme Erstaunliches: bei größtmöglicher Genauigkeit die Figuren betreffend zeigt er das wahrhaftig anmutende Portrait einer zerrütteten Familie, der es trotz aller Widrigkeiten irgendwie gelingt, eine ergreifende Hochzeit zu feiern. Es ist wunderbar, wie geschickt Demme die Themen Drogensucht, Co-Abhängigkeit und Familientraumata verbindet und trotzdem niemals zum Boten einer wie auch immer gearteten Message wird. Der Zeigefinger bleibt unten. Dadurch wird „Rachel Getting Married“ zu einem wunderbar vielschichtigen, differenzierten Film, der seinem komplexen Thema voll und ganz gerecht wird und – wie nebenbei – noch die schönste Hochzeit des Jahres auf die Leinwand bringt.

Bild © Sony Pictures Germany