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A Chorus Line (Richard Attenborough, USA 1985)

Posted by – 22. April 2015

A Chorus LineFür die Besetzung eines Broadway-Musicals sucht Zach (Michael Douglas) geeignete Tänzerinnen und Tänzer. In einem schwierigen Auswahlprozess müssen diese ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und Zach überzeugen, dass sie die Richtigen für den Job sind. Auch Cassie (Alyson Reed), Zachs Ex-Freundin, ist unter den Bewerberinnen.

Zu Filmgenres, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann, gehören Tanzfilme komischer Weise nicht. Warum das so ist, kann ich selbst nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht liegt es daran, dass Tanzfilme oft Filme über ein wie auch immer geartetes Bildungssystem sind. Das interessiert mich Erziehungswissenschaftler natürlich. Oder es ist ihre strukturelle Ähnlichkeit mit Kung-Fu-Filmen? Oder ihr exotischer Sexappeal (im wirklichen Leben liegen mir wenige Tätigkeiten so fern wie Tanzen)? Wer weiß.. „A Chorus Line“ erfüllt jedenfalls alle diese Kriterien und noch mehr. Ihn nach sehr langer Zeit mal wieder zu sehen, war eine seltsame Erfahrung, vermutlich auch, weil es einfach ein verdammt seltsamer Film ist!

Ich kann mich noch gut erinnern, was mich früher an dem Film fasziniert hat: sein zwiespältiger Protagonist, der Regisseur und Choreograph Zach. Die meiste Zeit des Films sitzt er im Parkett des Zuschauerbereichs und ist für die Tänzer nur eine Stimme aus dem Off. Das ist manchmal fast, als wenn der Gott des alten Testaments zu den Menschen spricht und erbarmungslos mitteilt, was er entschieden hat. Du bist raus, du auch, du darfst bleiben. Als ich den Film das erste Mal gesehen habe – ich war bestimmt nicht älter als 10 Jahre – fand ich es unglaublich und verwirrend, dass die Hauptfigur so.. unfreundlich sein darf. Klar, was ein echter Held ist, der kann immer nett sein, schließlich muss er dem Bösen eins auf die Nase geben. Aber Zach ist kein Held dieser Sparte, er ist einfach nur ein selbstverliebtes Arschloch. Mein Damals-Selbst, das bis dahin eher von James T. Kirk, Colt Seavers und Curtis Newton geprägt war, fand die Tatsache der Möglichkeit einer solchen Figur jedenfalls faszinierend.

Heute finde ich den Film immer noch seltsam, aber das liegt weniger an dem übellaunigen Choreographen als an eigentlich allem anderen. Dass Richard Attenborough Zachs Figur als Workaholic und beleidigte Leberwurst mit Gott-Komplex inszeniert hat, empfinde ich heute nicht weniger sonderbar als damals, aber, will sagen – die Eigenartigkeit des Restes stiehlt diesem Irritationsmoment die Show. Wahrscheinlich ist einfach zu viel gefühlte Künstlichkeit in Form von Theater und Musical in diesem Film, als dass ich nicht befremdet sein könnte von seinen Figuren, die selbst, als sie ihre „wahre Persönlichkeit“ preisgeben sollen, so unnatürlich sind, wie man es als jemand mit Vorurteilen wahrscheinlich von Menschen aus dem Showbiz erwarten würde. Ihre Künstlichkeit darf man also durchaus als ein Thema des Films verstehen, der zumindest zum Teil eine Kritik an der Branche und bestimmt auch ein wenig Satire ist. So richtig einfühlen in die Leute und ihre Schicksale kann ich mich aus diesem Grund aber leider nicht. Und es erklärt noch nicht, warum „A Chorus Line“ sich so seltsam anfühlt. Eine Vermutung: Vielleicht liegt es daran, dass er eben nicht nur Kritik und Satire ist, sondern auf eine ganz anrührend naive Art ernst gemeint. Zach ist nicht nur ein Depp, irgendwie ist er gleichzeitig auch der coole Regisseur und Frauenheld; und die Tänzer sind nicht nur Karikatur-Vertreter ihrer Milieus, sondern auch Menschen mit Schicksalen, die dem Zuschauer zu Herzen gehen sollen. „A Chorus Line“ zu sehen ist, als würde man auf mehrere Filme schauen.

Neben dieser Musical-Verfilmung kenne ich von Attenborough nur noch „Ghandi“, den ich schon etliche Male gesehen habe und sehr mag sowie „Chaplin“, an den ich mich nicht mehr so recht erinnern kann. „A Chorus Line“ ist ein Film, der breitschultrig seit 30 Jahren seinen Platz behauptet und der – obwohl es mir diesmal irgendwie fast ein bisschen unangenehm war, ihn zu sehen – auch einer, das kann ich kaum abstreiten, von seltener Energie und Kraft.

Bild © AVU