Tag: Amy Irving

The Fury (Brian de Palma, USA 1978)

Posted by 31. Mai 2013

Teufelskreis AlphaFür gut erzählte Geschichten über Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten habe ich ein Faible. Z.B. fand ich den (leider noch nicht verfilmten) Roman „Carrion Comfort“ von Dan Simmons ganz großartig; oder „Firestarter“ von Stephen King (okaye Verfilmung 1984 durch Mark L. Lester); oder den durch Brian de Palma großartig umgesetzten King-Roman „Carrie“. In die Liste meiner liebsten PSI- (und de-Palma-)Filme gehört aber mit Sicherheit auch „The Fury“, den ich mir gestern seit vielen Jahren endlich einmal wieder angesehen habe.

Es geht um den ehemaligen Agenten Peter Sandza (Kirk Douglas), dessen Sohn Robin (Andrew Stevens) über besondere Fähigkeiten verfügt. Bei einem Ausflug zum Strand werden Vater und Sohn auf einmal von maskierten Männern angegriffen. Peter Sandza kommt dabei scheinbar ums Leben. Robin wird von Sandzas Ex-Kollegen Childress (John Cassavetes) gerettet. Was Robin nicht weiß: Eigentlich hat Childress den Überfall eingefädelt, weil er den begabten jungen Mann für sich haben will. Sandza, der überlebt hat, macht sich auf die Suche nach seinem Sohn. Dabei soll ihm – die ebenfalls mit PSI-Fähigkeiten ausgestattete – Gillian Bellaver (Amy Irving) helfen.

Während ich hier so tippe, bestätigt sich noch einmal der Eindruck, den ich gestern Abend beim Schauen hatte: „The Fury“ ist – aber das gilt ja auch für alle anderen de Palma Filme – ein recht merkwürdiges Ding, bei dem alles nicht so recht zusammenzupassen scheint. Die Inhaltsangabe suggeriert einen Agenten-Thriller. Und das ist „The Fury“ zumindest irgendwie auch: Peter Sandza sucht seinen Sohn, wird von seinem Kollegen durch die Stadt gehetzt und liefert sich wilde Verfolgungsjagden mit dessen Agenten. Auf der anderen Seite liegt ein Fokus auf Gillian, ihre Fähigkeiten und Problemen sowie ihrer Zeit in der Schule für Begabte. Beide Handlungsstränge haben miteinander zu tun, doch führen sie auch ein Eigenleben. Notdürftig werden beide sie durch die Figur Hester (Carrie Snodgress) – Peter Sandzas Freundin und gleichzeitig Mitarbeiterin in Gillians Schule – zusammengehalten – richtig zusammengehörig wirken sie auf mich trotzdem nicht. Jede Geschichte hätte auch ohne die andere funktioniert. Mir persönlich gefällt der parapsychologische Teil um Gillian (und Robin) weit besser. Der Thriller-Part mit dem in die Jahre gekommenen Kirk Douglas wirkt auf mich etwas wie ein Zugeständnis an einen alten Star der sich noch einmal als Action-Held sehen will.

Dass das alles keinen besonders harmonischen Eindruck macht, soll aber nicht als große Kritik an dem Film aufgefasst werden. Für mich macht es immer auch ein wenig den Reiz von de Palmas Filmen aus, dass da eben nicht alles glatt und reibungslos zusammengeht. Krude Storylines, skizzenhafte Figuren, grelle Psychologie und der außergewöhnliche Stil de Palmas ergeben ein ganz eigenes Gemisch, das Spaß machen kann. Noch ein paar schöne Details an „The Fury“: Daryl Hannah in einer frühen Rolle; und John Cassavetes mal wieder als Schauspieler. Und apropos Inszenierung: Auch „The Fury“ hat wieder reichlich wahnsinnig gute Momente. Wunderbare Szenen sind z.B. die, als Gillian die Gedanken ihres Arztes Dr. Jim McKeever (Charles Durning) liest; die Szenen auf der Straße, nachdem als sie aus dem Institut geflohen ist; als Robin zum Schluss dann angekündigter Weise völlig frei dreht, Körper durch die Gegend gewirbelt werden, verplatzen. In manchen Momenten erinnert „The Fury“ stark – und nicht nur thematisch, sondern auch atmosphärisch und inszenatorisch – an „Scanners“. Und ich frage mich, inwieweit David Cronenberg sich wohl von de Palmas Film hat beeinflussen lassen.

Am Anfang habe ich gesagt, dass ich „gut erzählte“ Geschichten über Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten mag. Vielleicht muss ich das noch etwas eingrenzen: Bei Filmen zumindest reicht es, wenn sie visuell eindrucksvoll sind und es schaffen, eine eigene Stimmung herzustellen. Und das schafft de Palmas mit „The Fury“ definitiv.

 Bild © Twentieth Century Fox
 

Carrie (Brian de Palma, USA 1976)

Posted by 19. August 2012

Der gestrige Abend hat sich dahingehend entwickelt, dass ich zumindest zwei meiner drei Lieblingsverfilmungen von Stephen-King-Romanen einer Neusichtung unterzogen habe. Als erstes stand „Carrie“ auf dem Programm.

Die 16-jährige Carrie White (Sissy Spacek) steht unter der Fuchtel ihrer fanatisch-religiösen Mutter Margaret (Piper Laurie). Auch in der Schule hat es Carrie nicht leicht. Ihre Mitschülerinnen sehen in dem stillen, etwas sonderbaren Mädchen ein leichtes Opfer. Als die unaufgeklärte Carrie dann auch noch nach dem Sportunterricht unter der Dusche das erste Mal ihre Tage bekommt, kennt der Hohn und Spott der Mädchen keine Grenzen. Nur Sue (Amy Irving) hat Mitleid mit Carrie. Um  sie wieder aufzubauen und ihr etwas Selbstbewusstsein zu geben, überredet sie ihren Freund Tommy (William Katt) Carrie zum Abschlussball auszuführen. Doch Mitschülerin Chris (Nancy Allen) bekommt davon Wind und fasst einen Plan, wie sie es Carrie auf dem Abschlussball so richtig zeigen kann.

Schon die ersten Minuten haben mich vollständig in den Bann gezogen. Die Duschszene gehört dank De Palmas Genie und Sissy Spaceks hingebungsvollem Spiel zu den intensivsten und traurigsten Filmmomenten, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Schon diese ersten Augenblicke verraten und präsentieren ein schmerzhaft pessimistisches Bild der Natur des Menschen. Im weiteren Verlauf finden sich ebenfalls zahlreiche Momente, die über sich selbst hinausweisen und Szenen, die schon für sich genommen kleine Meisterwerke sind. Besonders gut hat mir gestern die Einleitung des Finales gefallen, in der eine subtile Dissonanz das kommende Unheil ankündigt: Beim Tanz von Tommy und Carrie,  dreht sich einfach alles etwas zu schnell und man ahnt, dass die Figuren nunmehr kurz davor sind, aus der Bahn geschleudert zu werden. Mich hat  das nicht besonders subtile aber dafür umso kraftvollere Ende gerührt, als die verstörte Carrie zu ihrer Mutter zurückkommt, dort aber nicht den erhofften Trost findet, sondern es  zur finalen Auseinandersetzung zwischen den beiden kommt.

Die Geschichte scheint voll und ganz auf das blutige Finale zugeschnitten zu sein. Es ist De Palmas Verdienst, dass er auch den Weg dahin  spannend, bildgewaltig und psychologisch stimmig in Szene setzt, dass „Carrie“ mehr ist als ein einfacher Horror- oder Rachefilm. De Palmas zeigt eindrucksvoll das Leben einer Außenseiterin und analysiert präzise die Mechanismen von Repression und Gewalt. Weil sie von ihren Mitschülerinnen gequält wird, werden diese von ihrer Lehrerin (Betty Buckley) bestraft. Der Hass der Schülerinnen richtet sich allerdings nicht gegen die Lehrerin, sondern natürlich gegen das leichter Opfer, gegen Carrie, die sie dafür noch einmal so richtig büßen lassen wollen. Wie De Palmas diesen Mechanismus filmt, scheint er mir nicht nur für den  im Film gezeigten speziellen Fall zu gelten, sondern generell eine Studie des menschlichen Verhaltens und der Entstehung von Gewalt zu sein. Interessant ist, dass nicht nur das Ende als Resultat der vorausgehenden Ereignisse gesehen werden muss, sondern diese sich wiederum noch über den Anfang der Geschichte hinaus zurückverfolgen lassen würde. So bekommt man eine vage Ahnung, was z.B. Carries Mutter Margaret erlitten haben muss, das sie in den religiösen Wahn getrieben wurde.

„Carrie“ war schon immer einer der King-Romane,  die mich weniger interessiert haben, was seltsam ist – schließlich ist das ein großartiger Stoff und das hätte mit eigentlich beim Lesen auffallen müssen. Aber vielleicht brauchte ich einfach die Bilder von Brian De Palma, um das zu erkennen. Heute, einen Tag nach Sichtung des Films (das Mal davor ist bestimmt 15 Jahre her), kann ich nichts anderes als  überwältigt zu sein, was De Palma aus der Vorlage gemacht hat. Was für ein Film! „Carrie“ ist ohne Wenn und Aber ein Meisterwerk!

Bild © MGM