Tag: Angst

Metalhead (Ragnar Bragason, Island 2013)

Posted by – 14. Juni 2015

MetalheadMal ehrlich – wenn etwas wahrhaft Tragisches passiert, ist es sehr schwer an einen allmächtigen gleichwohl gütigen Gott zu glauben. Nicht umsonst hat sich schon Voltaire über Leibniz’ Gottesbeweis lustig gemacht, indem dieser das Unheil der Welt damit erklären wollte, dass wir eben in der besten aller möglichen Welten leben. Auch die 12-jährigen Hera (Diljá Valsdóttir) bekommt eine Stinkwut auf den lieben Gott, als sie mit ansehen muss, wie ihr Bruder bei einem Unfall ums Leben kommt. Jahre später (nun gespielt von Þorbjörg Helga Dyrfjörð) hat sich die junge Frau von ihren Eltern (Ingvar Eggert Sigurðsson & Halldóra Geirharðsdóttir) wie der ganzen Gemeinde abgewendet und sich in die Welt des Heavy Metal zurückgezogen. Erst mit dem neuen Dorfpfarrer (Sveinn Ólafur Gunnarsson) bahnen sich Veränderungen an.

Heavy Metal ist, dem Titel zum Trotz, aber eigentlich gar nicht so wichtig für die Geschichte. Interessant ist der Film auch weniger, weil man ein Gefühl für die vermeintliche Außenseiterin bekommt, sondern für das Gesamtsystem bestehend aus ihren Eltern, ihrem Freund Gunnar (Þröstur Leó Gunnarsson) und der Gemeinde, von denen jeder auf seine Weise irgendwie erstarrt zu sein scheint: Hera und ihre Familie im Leid, Gunnar in seiner unerfüllten Liebe, die Gemeinde im Aufrechterhalten des Status Quo. Feindbilder sind, wie in diesem Fall, eine bestimmte Musikrichtung oder aus Heras Perspektive ihre gefühlskalte Umwelt, schnell ausgemacht, aber wenn „Metalhead“ eines deutlich macht, dann dass die Probleme immer anderswo zu suchen sind.In diesem Fall in nicht verarbeiteter Trauer und Angst.

„Metalhead“ ist für mich kein perfekter Film, nicht jedes Klischee wird umgangen, die Hauptfigur wirkt manchmal etwas holzschnittartig und die Message, „Die Trauer frisst unser Leben auf, wenn wir sie nicht irgendwann besiegen“, die ein wenig an „The Babadook“ erinnert, wurde mir auch etwas zu sehr runtergebetet. Doch ich will mich gar nicht beschweren, denn alles in allem hat mir Ragnar Bragasons Film wirklich gut gefallen. Für mich ist er gerade so etwas wie das in mehrfacher Hinsicht positive Gegenstück zu „We Need To Talk About Kevin“ – zum einen aufgrund seiner trotz allem optimistischen Haltung, die ich angesichts der Thematik wirklich bewundere, zum anderen weil ich ihn einfach wesentlich bessere finde als den gekünstelt-kühlen aber doch irgendwie nichtssagenden Film von Lynne Ramsay.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Und die Musik tut es auch nicht. Hier zeigt der „Metalhead“ eindrücklich wie sie angesichts existenzieller Krisen jämmerlich versagt. Aber wir selbst können es. Gemeinsam. Nicht alle, aber doch einige Wunden. Wenn wir uns etwas anstrengen. Wenn wir aufeinander zugehen.

© Meteor Film