Tag: Apokalypse

She (Avi Nesher, Italien 1982)

Posted by – 22. August 2015

sheIn diesem Blog verfolge ich ja durch Zeitknappheit erzwungener Maßen weniger den Anspruch, zu allem, was ich sehe, etwas zu schreiben. Es ist eher der Versuch, durch die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden mich den Filmen meines Lebens, also denen, die mich besonders beeindruckt und beeinflusst haben, durchs anzunähern und mir meine Einstellung zu ihnen klarer zu machen. Ein Film, der da auf keinen Fall fehlen darf ist „She“ von Avi Nesher. Den habe ich irgendwann in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre ein einziges Mal gesehen. Seitdem verfolgt er mich. Vor ein paar Tagen gab es – fast 30 Jahre später – nun endlich ein Wiedersehen.

Nach dem Atomkrieg ist die Welt eine andere. Zauberer, Monster und verstrahlte Typen lauern quasi überall. Tom (David Goss), seine Schwester und ihr Kumpel Dick (Harrison Muller jr.) kommen in ein Dorf, um Handel zu treiben. Bei einem Überfall auf den Basar wird Toms Schwester entführt, er selbst und Dick geraten kurze Zeit später Gefangenschaft der Herrscherin She (Sandahl Bergman). Doch sie können sich befreien, können She überrumpeln, machen sich mit ihr als Geisel auf die Flucht – und stolpern von einem Abenteuer ins nächste.

„Abenteuer“ – das Wort klingt eigentlich viel zu unschuldig für das, was die Gruppe in den folgenden 90 Minuten erlebt. Eine bizarrere Begegnung jagt hier die nächste. Warum ich „She“ so mag? Weil er spannend ist und witzig, gruselig bisweilen und weil er überrascht, weil hier Einfälle nebeneinander existierten, die man sonst nie zusammen sieht, weil die Melange von einer seltsam sympathischen Unbekümmertheit gekennzeichnet ist, so dass zumindest ich mich dem Charme des Films auch diesmal nicht entziehen konnte. Ich zähle die Einfälle nicht auf, um allen, die den Film noch nicht gesehen haben, die Überraschung nicht zu verderben. Nur eine Szene muss ich kurz vorstellen, weil es nämlich die ist, die ich vor allen anderen über die Jahre nicht aus dem Kopf bekommen habe und die auch bei diesem Sehen den stärksten Eindruck bei mir hinterlassen hat: Die Brücken-Szene. Da überquert Tom eine ebensolche und begegnet dabei einem Mann (David Traylor), der wie eine Mischung aus Soldat und Seemann angezogen ist. Er tänzelt um Tom herum, imitiert Groucho Marx, Popeye u.a., erschafft eigene Charaktere. Dass er sich, wenn man ihm einen Arm, Bein oder Kopf abtrennt, multipliziert, so dass Tom es bald mit einer ganzen Horde des Brückenwächters zu tun hat, macht dieses Wesen, das einer besonders bösen Folge „Monty Python’s Flying Circus“ entsprungen sein könnte, noch unheimlicher. Dieser Clown ist der Stoff, aus dem meine Alpträume sind.

Ein wenig schade ist, dass Avi Nesher, der im Detail so kreativ zu Werke geht, die Geschichte nicht nur sehr konventionell, sondern sogar leider auch ziemlich monoton vorträgt. Ich kann selbst nicht genau sagen, was ich mir gewünscht hätte, aber wäre ein wenig Irrsinn, den Nesher in den Reiseetappen findet, auch in den Film als solchem geflossen, hätte er mir wohl möglich noch besser gefallen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, auch so ist „She“ ein Film, wie man ihn, wenn überhaupt, zumindest nicht alle Tage zu sehen bekommt. Sein Trash-Appeal ist noch sein kleinster Vorzug, mich fasziniert mehr, wie Nesher hier unterschiedlichste Lebensformen, die sich nach der Apokalypse entwickelt haben, skizziert. Das tut er nicht nur fantasievoll, sondern auch mit Verstand. Denn letztlich weist er durch das Kuriositätenkabinett seines Films auch auf die Kontingenz und Sonderbarkeit unseres eigene Lebens. Leider ist „She“ der einzige Film, den ich von dem israelischen Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent kenne, so dass ich nicht wirklich ein Gefühl für seine Arbeit habe. Aber wenn die anderen ähnlich eigen sind, muss ich die unbedingt auch bald mal sehen.

In einem kleinen Interview mit Christian von Moviroyal habe ich schon mal erzählt, dass ich eigentlich nicht sammle. Ich habe lediglich zwei Billy-Regale, mehr will ich nicht. Das führt dazu, dass, wenn ein neuer Film dazu kommt, ein alter weg muss. Aus diesem Grund verschenke ich unter der Rubrik „Alles muss raus“ auch gelegentlich DVDs. Insofern evolutioniert mein Filmregal seit ein paar Jahren vor sich hin. Filme die ich behalte, sind solche, dir mir irgendwie wichtig sind oder mal waren, die Filme meines Lebens sozusagen. Durch „She“ von Avi Nesher ist mein Filmregal auf eine neue evolutionäre Stufe gerückt.

Bild © Pegasus

Mad Max Beyond Thunderdome (George Miller, George Ogilvie, Australien 1985)

Posted by – 10. Juni 2015

Als Max (Mel Gibson) sein Gefährt geklaut wird, sieht er sich gezwungen, die Händler-Siedlung Bartertown aufzusuchen. Dort hofft er seine alte, kamelgezogene Fahrzeugkarosse wiederzubekommen. Stattdessen gerät er mit der Möchtegern-Herrscherin Aunty Entity (Tina Turner) aneinander, mit der er aber einen Deal machen kann: Gelingt es Max, ihren Widersacher MasterBlaster (Angelo Rossitto & Paul Larson) aus dem Weg zu räumen und ihr so den Weg zur absoluten Macht über die Stadt zu ebnen, bekommt er seinen Wagen zurück.

Ich kann gut verstehen, dass der dritte Teil nicht ganz den Beliebtheitsgrad erreichen konnte wie die beiden Vorgänger. Kurzweilig ist freilich auch er. Doch was gibt es nach „Mad Max 2: The Road Warrior“ eigentlich noch zu erzählen? Jedenfalls konnte es nicht weiter bergab gehen, deswegen musste der dritte Teil wieder ein Stück zivilisierter zugehen. 15 Jahre sind seit Max’ Auseinandersetzung mit Humungus und dessen Bande vergangen. Zwar ist das Benzin knapper denn je, doch haben sich die Menschen wieder zusammengefunden in dem Versuch, ein Stück Zivilisation zurückzubringen. In Bartertown hat man begonnen, Handel zu treiben und es sogar geschafft, ein paar rudimentäre Regeln für das Zusammenleben aufzustellen. Gibt’s Zoff, müssen die beiden Streithähne ihre Zwistigkeiten in der Donnerkuppel austragen. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass Konflikte klein bleiben und schnell gelöst werden. So weit, so schön. Aber vielleicht ist das für die Fans der ersten beiden Teile eben auch etwas zu schön. Klar, das Benzin ist knapp, das Wasser ist verseucht und auch mit der Zahnpflege ist es in dieser Zukunft nicht weit her. Aber es gilt eben nicht mehr nur das Recht des Stärkeren respektive Schlaueren, sondern man scheint dies- und jenseits der Donnerkuppel gewillt, etwas aufzubauen. Vom Nihilismus der Vorgänger ist jedenfalls nicht mehr viel zu sehen. Außerdem hat der Film (für mich fühlt er sich sogar ein wenig wie zweieinhalb Filme an) anderes als die beiden Vorgänger eine richtige Geschichte.

Wie gesagt, ich finde es nachvollziehbar, dass sich Teil 3 vielleicht etwas zu sehr nach Hollywood für den einen oder anderen nicht mehr so ganz nach „Mad Max“ anfühlt. Doch ich gebe zu bedenken, dass George Miller hier ganz folgerichtig weiterführt, was er in den beiden Vorgängern begonnen hat. Kompromisse macht er auch hier keine. Wenn die große Überschrift des drei- bzw. mittlerweile vierteiligen Anti-Evangeliums möglicherweise das Scheitern ist, so geht es in „Mad Max Beyond Thunderdome“ doch eindeutig um Visionen des Wiederaufbaus bzw. deren Dekonstruktion. Während die Materialisten von Bartertown ihr Utopia auf Schweinemist errichten (daraus gewinnen sie Energie), hat sich eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die in einer Oase tief in der Wüste hausen und scheinbar einen recht nachhaltigen Lebensstil pflegen, ganz aufs Hoffen verlegt. Hoffen, dass jemand kommt und sie rettet. Hoffen, dass dieser jemand sie ins Paradies – nach Übermorgenland – bringt. Der Retter wider Willen ist natürlich mal wieder Max, der zwar weiß, dass der Garten Eden verloren ist, der den Jünglingen ihren Glauben aber nicht ausreden kann.

Irgendwie fühlt es sich für mich so an, als wäre die Reihe mit dem dritten Teil in ihre spirituelle Phase eingetreten. Anhand von zwei Gruppen stellt Miller zwei Glaubenssysteme vor, die sich in Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und dem Untergang der Zivilisation herausgebildet haben. Wenn ich dem Film einen Vorwurf machen müsste, dann wäre das nicht, dass er nichts Neues zu erzählen hat, sondern dass er seine Ideen nicht konsequent genug weiterentwickelt. Irgendwann treffen Oasenbewohner auf Bartertownerianer zusammen, es kommt zu einer Verfolgungsjagd im Stile des zweiten Teils und dann war es das leider auch schon mit dem Film. Andererseits kann man Miller dankbar sein, dass er ganz zum Schluss zumindest insofern konsequent ist, dass der zu einfachen Denksystemen eine Absage erteilt und den Zuschauer wieder mit einer Irritation entlässt: Da sitzen die Jünglinge im ersehnten Übermorgenland, aber was auf den ersten Blick vielleicht wie ein Happy End aussieht, ist in Wirklichkeit nur ein Exitus Interuptus und man darf sich durchaus fragen, ob die Idee mit dem Schweinemist nicht vielleicht doch die bessere war.

P.S. Film ist aus der gleichen Box wie Teil eins & zwei.

Mad Max 2: The Road Warrior (George Miller, Australien 1981)

Posted by – 4. Juni 2015

Apokalypse – das ist, wenn die Welt untergeht. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Enthüllung“, „Entschleierung“. Gemeint ist damit der tatsächliche Welt-Untergang, das Ende der Geschichte und – wie manche glauben – das Reich Gottes. In George Millers „Mad Max“-Fortsetzung liegt das Ende schon hinter uns. Wer denkt, schlimmer als die Vernichtung der Zivilisation könnte es den Menschen nicht treffen, sieht sich durch „Mad Max 2: The Road Warrior“ eines besseren belehrt. Vom Paradies jedenfalls keine Spur.

In einem postapokalyptischen Ödland streiten sich die letzten Überlebenden um die verbliebenen Ressourcen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Die geänderten Umstände haben auch den Menschen geändert, der Wahnsinn steht den meisten ins Gesicht geschrieben. Und in ihrer Garderobe äußert er sich auch. Der Ex-Polizist Max Rockatansky (Mel Gibson) ist einer der wenigen, die das Pech haben, zu stark zu sein, um zu sterben. Ziellos düst der Einzelgänger mit seinem aufgemotzten Ford Interceptor durch die kargen Weiten Australiens. Er wurde einst verlassen, jetzt verlässt er sich auf niemanden mehr. Das einzige Lebewesen, das er in seiner Nähe duldet, ist ein Hund, der ihn auf seinem Weg begleitet. Alle anderen weißt er schroff von sich. Doch es ist klar – ewig kann man alleine nicht zu recht kommen. Als er eine Gruppe von Menschen trifft, die über größere Benzinvorräte verfügen, aus diesem Grund von einer Horde Outlaws unter der Führung des brutalen Humungus (Kjell Nilsson) bedroht werden, sieht er sich gezwungen, zu kooperieren.

Was folgt, ist ein bizarrer, fiebriger Action-Trip, in dem sich eine markante Szene an die nächste reiht, wobei die Teile aber mehr ergeben als endzeitliches Stückwerk. Wie schon der Vorgänger ist „Mad Max 2: The Road Warrior“ weniger Geschichte als ein Gefühl. Und zwar kein Schönes! Wenn man sich als Sci-Fi-, Endzeit- und Action-Fan natürlich auch ordentlich freuen darf, ist der Film hinter aller cineastischen Energie von Nihilismus und einer diffusen Traurigkeit geprägt. Meine Lieblingsszene kommt gleich am Anfang: Max hat den Straßenkampf gegen ein paar Rowdys gewonnen und darf nun die Belohnung einheimsen: Ein liegengebliebenes Fahrzeug hat noch etwas Benzin im Tank: Während Max misstrauisch die Straße im Blick behält und mit ein paar Schüsseln das herauslaufende Benzin auffängt, sieht der Zuschauer wie sich der Treibstoff mit dem Blut des Fahrzeuginsassen mischt. Eindrucksvoller als durch dieses Bild kann man das Thema von „Mad Max 2: The Road Warrior“ nicht zum Ausdruck bringen. Die Lebensenergie der Motoren ist zur Lebensenergie des Menschen geworden. Aber wenn Sprit alles ist, worum es geht, dann ist klar, dass etwas auf der Strecke bleibt.

Große Katastrophen beinhalten, auch wenn das zynisch klingen mag, immer die Chance auf einen Wandel. Nicht in diesem Fall. Die Menschen hier konnten die Vergangenheit nicht loslassen und klammern sich immer noch an das schwarze Gold, das sie in Bewegung hält, aber eigentlich Stillstand bedeutet. Damit geht es im Vorgänger wie in der Fortsetzung ums Scheitern – das der Zivilisation wie das des Protagonisten. Während im ersten Teil Max’ fader Sieg gegen die Mörder seiner Familie eigentlich eine Niederlage war, ist hier sein Scheitern in gewisser Weise ein Erfolg. Max, ein Messias wider Willen, ist für uns gescheitert, aber nicht für unsere Erlösung und unser Seelenheil, sondern damit wir weiter sündigen können. Nach der Entschleierung und dem Ende der Geschichte beginnt nicht hier das Reich Gottes, sondern ein endloses, leeres Jammertal.

P.S. Film ist aus der gleichen Box wie Teil eins.

Mad Max (George Miller, Australien 1979)

Posted by – 31. Mai 2015

mad max trilogieIn einer nicht allzu weit entfernten Zukunft beherrschen motorisierte Banden die Straßen. Sie terrorisieren die Bevölkerung, stehlen Benzin und auch vor Vergewaltigung und Mord schrecken sie nicht zurück. Die Polizei ist nahezu machtlos. Als bei einer Verfolgungsjagd der aus dem Gefängnis entflohene Nightrider (Vincent Gil) umkommt, sind seine Banden-Kollegen Toecutter (Hugh Keays-Byrne) und Bubba Zanetti (Geoff Parry), die ohnehin nicht gut auf die Polizei zu sprechen sind, noch aufgebrachter. Als Cop Jim „Goose“ Rains (Steve Bisley) und Max Rockatansky (Mel Gibson) auch noch Johnny „the Boy“ Boyle (Tim Burns), ein Mitglied ihrer Gang, verhaften, eskaliert die Lage zwischen den Outlaws und den Gesetzeshütern.

Lang ist es her. Damals war auch die Zukunft eine andere. Endlose, verdorrte Weiten, in denen sich eine Handvoll verrohter Überlebender um die letzten Rohstoffe zanken und das Recht des Stärkeren gilt. In George Millers erstem „Mad Max“-Film war dieses Szenario zwar nicht voll ausgeprägt, doch darf man wohl behaupten, dass hier – auch wenn es z.B. mit „The Last Man on Earth“ (1964), dem wunderbaren „A Boy And His Dog“ (1974) und weiteren schon andere stilbildende postapokalyptische Filme gab – sowohl was die visuelle als auch die inhaltliche Ebene dieser Erzählungen betrifft, ein wichtiger Vertreter das Licht der Welt erblickt hat. In meiner Erinnerung war der erste Teil immer der schwächste der Reihe. Als ich ihn mir vor ein paar Tagen – heiß gemacht durch den famosen „Mad Max: Fury Road“ und anlässlich der Veröffentlichung der ersten 3 Filme auf Blu-Ray – endlich mal wieder gesehen habe, musste ich wie so manches Mal feststellen, dass die Erinnerung trügt, bzw. dass der Geschmack sind ändert.

Viele reden bei den „Mad Max“-Filmen immer von rudimentären Geschichten oder zumindest solchen, die „kein Gramm Fett zu viel“ enthalten. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Schon beim Schreiben der Inhaltsangabe ist mir aufgefallen, wie schwer es ist, den Finger drauf zu legen, was an „Mad Max“ eigentlich wichtig ist. Zumindest scheint es sich hier um alles andere als eine gradlinige Rachegeschichte zu handeln. Der Konflikt zwischen jenen, die krampfhaft versuchen, die kümmerlichen Reste der alten Ordnung aufrecht zu erhalten und jenen, die ihre eigenen Regeln machen, ist sicherlich elementar. Allerdings geraten die Figuren im Film eher unvermittelt aneinander. Dass es gerade Max ist, der mit den Straßenrockern in Konflikt gerät und dass das Schicksal gerade ihn ins Finale spült, ist eher dem Zufall geschuldet. So wie ich das sehe, erzählt „Mad Max“ dem Titel zum trotz weniger die Geschichte von einer bestimmten Person als vom Untergang der Zivilisation. Die Polizei – das sieht man schon am Anfang des Films – ist den Straßen-Rowdies sehr ähnlich. Max fürchtet sich davor, eine Grenze zu überschreiten und so zu werden, wie die, die er jagt: „Any longer out on that road and I’m one of them.“ Als sein Partner schwer verwundet wird, entschließt er sich dazu, den Dienst zu quittieren und mit seiner Familie aufs Land zu fahren, vom Helden im klassischen Sinne hier noch keine Spur. Als dann das Schicksal ihm alles nimmt wofür erlebt, will sich Max trotzdem nicht so recht in das Bild seiner heroischen Zunft fügen.

Damals war, wie gesagt, unser Bild der Zukunft ein anderes. Die „Mad Max“-Filme geben hiervon Zeugnis. Wenn, beziehungsweise – vielleicht sogar weil der ebenfalls wahnsinnig gute „Mad Max 2: The Road Warrior“ als der prototypische Vertreter des Endzeit-Films gilt, mag ich diesen ersten heute sogar noch etwas lieber. Das liegt zum einen daran, dass er so roh, so anarchisch und hoffnungslos ist und zum anderen so pointiert eine Welt zeigt, welche sich in der Umbruchphase zur sozialen Entropie befindet. In wenigen Filmen dieser Gattung sieht man besser als in George Millers Debütfilm, warum alles den Bach runter geht. „Mad Max“ ist sicherlich ein unangenehmer, aber auf den zweiten Blick auch ein großer und wichtiger Film über das Scheitern.

Bild © Warner Home Video

Terminator (James Cameron, USA / Großbritannien 1984)

Posted by – 19. Mai 2015

TerminatorUm mich für „Mad Max: Fury Road“ einzustimmen, den ich letzten Sonntag Abend im Kino gesehen habe (Text folgt vielleicht noch), habe ich zuvor diesen Klassiker aus dem Regal gezogen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich „Terminator“ mittlerweile gesehen habe – oft! – aber weil das letzte Mal schon wieder ein Weilchen zurückliegt und das Thema „Wiederholung“ ohnehin gut zu dem Film passt, ist es an der Zeit, meine Erinnerung an ihn mal wieder aufzufrischen.

„Terminator“ erzählt die Geschichte von zwei Zeitreisenden – dem Soldaten Kyle Reese (Michael Biehn) und dem Cyborg T-800 (Arnold Schwarzenegger). Beide sind aus der Zukunft in die Gegenwart des Jahres 1984 zurückgekehrt, um eine Frau zu finden: Sarah Connor (Linda Hamilton). Der eine will sie töten, der andere sie retten. Denn in der Zukunft haben nach einem Atomkrieg die Maschinen die Macht übernommen und die Reste der Menschheit fürchtet ums Überleben. Sarah Connors zukünftiger Sohn John, der im Jahre 1984 noch nicht geboren ist, wird die Rebellion gegen die Maschinen erfolgreich anführen; aus diesem Grund wollen die Maschinen seine Geburt verhindern.

„Terminator“ ist für mich so etwas wie die Sci-Fi-Version von John Carpenters „Halloween“, weil der Film in Struktur und Stimmung ähnliche Merkmale aufweist. (Und sogar Schwarzenegger sieht in ein paar Einstellungen aus wie Michael Myers.) In diesem Action-Bollwerk kommt die Bedrohung allerdings nicht aus dem Irrenhaus, sondern aus der Zukunft; und sie ist auch nicht so schwer fassbar wie Carpenters Film, denn wir wissen, was der Terminator will. Er will die Mutter des ärgsten Feindes der Robomacht der Zukunft vernichten, ehe dieser zu einer Gefahr werden kann. Klingt straight, ist es aber nicht. Denn: Gelänge ihm dies, würde es den Film wohl nicht geben, wäre die Menschheit der Zukunft Geschichte. Weil es den Film aber gibt, können wir daraus schließen, dass der Terminator scheitert – und die Geschichte ist eine unmögliche Figur, die sich immer wiederholt, ohne wirklich sein zu können. Ad infinitum. Wenn man jetzt noch einbezieht – Menschen, die „Terminator“ noch nicht gesehen haben, überlesen das bitte mal kurz –, dass Sarah und Kyle ein Stelldichein haben, dessen Produkt Sarahs Sohn John sein wird, erstrahlt dieses ödipale Escher-Gemälde von einem Film erst in voller Pracht.

Der Sohn schickt seinen Vater durch die Zeit zurück, um die eigene Zeugung sicherzustellen, die Maschinen, deren Emporkommen sich später ebenfalls als direktes Resultat des Zusammentreffens der Zeitreisenden im Jahr 1984 zeigt, schicken eine Art Anti-Vater zurück, der die Zeugung verhindern soll – der dadurch aber andererseits auch wieder die Bedingung der Möglichkeit der eigenen Existenz nihiliert hätte. Zum Schluss ist der einst so mächtige T-800 wie ein Baby, das mit letzter Kraft durch die Fabrikhalle krabbelt, bis er von der Mutter in einem schöpferischen Akt zerquetscht wird. Aber als Baby steht er auch für Leben und tatsächlich sichert gerade seine Zerstörung seine zukünftige Existenz und ewige Wiederkehr ins Jahr 1984. Halleluja! Je länger man darüber nachdenkt, desto fester zieht der Möbiusknoten im Kopf. Jedenfalls ist – und das ist es, was ich vermutlich sagen will – „Terminator“ damals wie heute eine runde Sache!

Bild © Twentieth Century Fox

Final Words (Manuel Antônio de Macedo, Brasilien 1993)

Posted by – 7. Dezember 2014

Madox FinalDie Apokalypse ist schriftgewordene Ekstase – Honoré de Balzac

Ich hatte neulich den Auftrag, einen Text über die Apokalypse bzw. apokalyptische Filme zu schreiben. (Anfangs hieß das Thema noch „Endzeit“, wozu mit wesentlich mehr eingefallen wäre.) Gar nicht so leicht, denn so viele Filme, ist mir nach einigem Nachdenken aufgegangen, die sich wirklich mit dem Untergangs beschäftigen und Bilder dafür finden, gibt es gar nicht. Entweder die Apokalypse wird gerade noch verhindert, oder sie wird im Vorspann des Films kurz abgehandelt. Zum Glück ist mir ein Film wieder eingefallen, den ich im Rahmen eines Brasilien-Specials mal auf einem Regionalsender gesehen habe. Meine Erinnerung ist zugegebener Maßen etwas nebulös und ich bitte vage und ungenauere Aussagen zu entschuldigen.

„Final Words“ (OT: O último relatório) von Manuel Antônio de Macedo, hierzulande auch bekannt unter dem korrekt übersetzten, aber doch irgendwie weniger schönen Titel „Der letzte Bericht“, ist in meiner Erinnerung das Manifest der Apokalypse schlechthin. Hier geht die Welt unter, aber so richtig! In ihm bekommt der arbeitslose Journalist Madox (Wilson Carrero) den Auftrag, den Tag des jüngsten Gerichts zu protokollieren. Ob von Gott oder dem Teufel beauftragt und warum gerade er, das weiß er selber nicht so genau. Auf jeden Fall steht eines Morgens ein offensichtlich nicht-menschliches Geschöpf vor seiner Apartmenttür in São Paulo und weiht den ungläubigen Reporter in seine neue Aufgabe ein. Widerspruch ausgeschlossen und schwupps geht auch schon die Welt unter.

So schön und detailverliebt wie in de Macedos TV-Film hat man das allerdings noch nie erlebt, da öffnen sich die Himmelspforten, schwarz wird zu weiß, oben zu unten; der Boden reißt auf, ihm entströmen die Himmels- und Höllenscharen, welche die Menschen ihrer Bestimmung zuführen, frei nach dem Motto „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“. Und der gute (faule?) Madox ist gezwungen, über alles haarklein zu berichten. Ein Haufen Arbeit, was die über sechsstündige Laufzeit des Films durchaus rechtfertigt. Viel passiert auf der reinen Handlungsebene nicht, Langeweile kommt in diesem apokalyptischen Doku-Thriller, der die bürokratische Seite des Weltuntergangs zeigt, zumindest für den Zuschauer, trotzdem nicht auf. Während die Szenen im Pugatorium nichts für schwache Nerven sind, entbehren die Interviews mit den vor der Himmelspforte Wartenden allerdings nicht einer gewissen Komik, ach was, sie sind zum Schreien! Wenn der Teufel ein Eichhörnchen ist, sind die himmlischen Heerscharen Schafe im Wolfsfell. Freud und Leid liegen auch am Ende unserer Tage und in diesem letzten Bericht nicht allzu viele Seiten auseinander.

„Schönschmerz“ und „Gutweh“ sind wohl die Begriffe, der das Gefühl, das der Film auslöst, am ehesten beschreiben. „Final Words“ ist ein Film über das Ende. Doch gibt es kaum eine zweite Geschichte, die so stark den Wunsch auslöst, zu wissen, wie es weitergeht. Insofern bewahrheitet sich mal wieder, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt. De Macedos tragikomisches Stück TV lässt den Zuschauer nicht allein, sondern vermittelt – gerade ob der Endgültigkeit seiner Geschichte – paradoxerweise Hoffnung. Und vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich aus meinem Streifzug durch die Filmwelt der Apokalypse mitgenommen habe und die dieser Film mir noch einmal in besonderer Weise ins Gedächtnis zurückgerufen hat, dass es nämlich nie um das Ereignis als solches geht, sondern um das Gefühl. Der Weltuntergang am frühen Morgen kann einem dem Sprichwort nach ja den ganzen Tag versauen. Wenn die Welt allerdings so schön wie hier untergeht, zehrt man da Jahre von.

Bild © Mil Imagens