Tag: Berlinale

Berlinale 2016

Posted by – 23. Februar 2016

3 x Berlinale, 3 x deutsches Kino, 2 x Top und 1x Flop.

Die Prüfung (Till Harms, Deutschland 2016)

687 Bewerber, 10 Plätze, 9 Dozenten, 10 Tage… Aus diesen Bestandteilen macht Till Harms einen richtig guten Dokumentarfilm. Ich fand ja schon „Die Spielwütige“von Andres Veiel so toll und Harms Doku schlägt in die gleiche Kerbe. Doch während Veiel die Studenten das gesamte Studium begleitet, konzentriert Harms sich auf den Auswahlprozess und vor allem die Menschen, die hier entscheiden. Es geht ihm nicht in erster Linie um die Studenten in spe , sondern darum, wie Menschen Kunst beurteilen und mit welcher Rhetorik sie das eine als gut, das andere als weniger gelungen betrachten. Meine Kritik auf Kino-Zeit gibt es hier.

Auf einmal (Aslı Özge, Deutschland 2016)

Plötzlich ist alles anders: Die Party ist vorüber, eine Tote in deinem Zimmer. Du verstehst nicht, deine Freundin versteht nicht, alle halten zu dir – zuerst. Je schwächer du wirst, je schwerer werden die Gewichte an deinen Beinen. Und dann verstehst du: Je schwächer du wirst, desto stärker werden deine Feinde. Nicht mit dir! Jemand tot. Ein anderer wird befördert. Die Schwachen gehen unter, die Starken überleben. Du entledigst dich aller Gewichte. Und die herrschende Klasse sitzt ein wenig fester im Sattel. Auf einmal ist alles wie immer. Hier geht’s zu meiner ausführlichen Kritik auf Kino-Zeit.

Wir sind die Flut (Sebastian Hilger, Deutschland 2016)

„Wir sind das Volk“. „Wir sind Weltmeister“. „Wir sind Papst“. Und nun sind wir auch noch die Flut. Um wen es sich bei diesem Wir handelt, bleibt, wie so vieles in Sebastian Hilfigers film, offen. Nach „Wir sind die Flut“ waren wir aber vor allem erst einmal ein bisschen genervt. Und auch traurig. Warum tun sich deutsche Filmemacher so schwer mit dem fantastischen Film? Nicht nur, dass sie ihn in der Regel meiden – wenn sie sich dran versuchen, wird es in der (von Ausnahmen bestätigten) Regel ganz großer Mist. Warum? Das fragen wir uns. Und mit „wir“ meine ich mich. Für meine Kritik zum Debakel bitte hier entlang.

Berlinale 2015

Posted by – 3. März 2015

Die letzten Jahre im Februar bin ich regelmäßig in die Berlinale-Welt ein- und erst 10 Tagen später erschöpft wieder aufgetaucht. Zwischen 30 und 40 Filmen hatte ich dann in dieser Zeit gesehen. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Als frischgebackener Vater konnte ich mir nicht so recht vorstellen, die Tage im Kino und die Nächte schreibend am Rechner zu verbringen. Ein paar Filme habe ich dennoch gesehen, hier ganz kurz ein paar Sätze dazu…

Android’s Dream (Ion de Sosa, Spanien / Deutschland 2014)

„Android’s Dream“ (OT: Sueñan los androides) ist eine freie Adaption von Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ – und ein Film, der mich extrem gelangweilt hat. Für Kino-Zeit.de habe ich einen Verriss zu geschrieben. Nach diesem Auftakt konnte es nur besser werden..

Portrait Of The Artist (Antoine Barraud, Frankreich 2014)

..und das wurde es dann auch. So ganz verstanden habe ich „Portrait Of The Artist“ (OT: Le dos rouge) glaube ich nicht, reizvoll fand ich die Suche eines Regisseurs nach dem Monströsen aber dennoch. Ruhig erzähl, aber voller Irritationen. Auch für diesen Film habe ich etwas für Kino-Zeit.de geschrieben.

The Three Musketeers (George Sidney, USA 1948)

Als Kind hatte ich etwas übrig für Mantel- und Degenfilme, warum, daran hat mich „The Three Musketeers“erinnert, der in Retrospektive „Glorious Technicolor“ lief. Erzählerisch war er etwas eigenartig, nach der Hälfte hatte ich das Gefühl, der Film müsste eigentlich vorbei sein. Nach etwas Leerlauf ging’s dann aber noch einmal los. Toll choreographiert, manchmal witzig, immer energiegeladen. Ich wette, Jackie Chan hat diesen Film gesehen und sich davon ganz kräftig inspirieren lassen.

The Forbidden Room (Guy Maddin, Evan Johnson, Kanada 2015)

Guy Maddin ist ein Phänomen. Kaum ein anderer Filmemacher ist seinem extravaganten Stil über die Jahre so treu geblieben, wie der Kanadier. Seine Filme orientieren sich optisch an alten Stummfilmen, oft mit starkem, autobiografischem Zug. Innerhalb dieses Rahmens ist Maddin allerdings durchaus experimentierfreudig. In „The Forbidden Room“ haben er und sein Co-Regisseur Evan Johnson Ideen-Fragmenten niemals gedrehter Film ein eigenes filmisches, in sich verschachteltes Multiversum voller Absurditäten erschaffen. Verrückt. Genial. Aber auch unkonzentriert und damit etwas anstrengend.

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Dominik Graf, Deutschland 2015)

Ich lese nicht viele Texte über Filme, aber als ich neulich von Michael Althen „Liebling, ich bin im Kino“ in die Finger bekam, habe ich es in einem Rutsch durchgelesen. Althen hatte eine wunderbare Art, Kritiken zu schreiben! Die Dokumentation von Dominik Graf über den 2011 verstorbenen Filmkritiker war für mich deswegen ein absolutes Muss. Und wie ich nach dem Sehen feststellte, mein Highlight auf der diesjährigen Berlinale. Meisterwerk. Ich hatte Tränen in den Augen.

Rompecabezas oder: Es muss nicht immer Shakespeare sein

Posted by – 5. Juni 2014

Im Wettbewerb Berlinale 2010 lief ein argentinischer Film namens „Rompecabezas“. Das heißt „Puzzle“. „Rompecabezas“ handelt von einer Hausfrau, die bemerkt, dass sie eine gewisse Begabung im Puzzeln hat. Fortan puzzelt sie. Ich hatte den Film gesehen – und mich gelangweilt.

Aber vielleicht tut der Film, dachte ich, dem Spiel Unrecht? Ich hatte zwar Puzzeln auch nicht als besonders spannend in Erinnerung – aber so dröge wie dieser Film? Ne, glaubte ich nicht! Aus diesem Grund kaufte ich mir gleich nach dem Film ein Puzzle. Mein letzte Mal puzzeln war bestimmt schon 25 Jahre her. Dem entsprechend aufgeregt war ich. Möglicherweise, so malte ich mir aus, würde ich mit Puzzeln ein neues (altes) Hobby (wieder) entdecken und – so fantasierte ich weiter – ihm mit einer Leidenschaft nachgehen, welche die Hausfrau aus „Rompecabezas“ alt aussehen lassen und mein Leben in neue Bahnen lenken würde. Dann würde ich bestimmt auch weniger Zeit vor dem Computer verbringen und sinnloses Zeug tippen, sondern mehr Sport treiben. Ich würde alte Freundschaften auffrischen und hätte ständig spannende Puzzlegeschichten auf Lager.

Aber es kam anders.

Ich öffnete das Puzzlespiel. Viele Puzzleteile. Ein paar zusammenpassende hatten sich, wahrscheinlich durch das Schütteln während des Transports, schon in der Packung gefunden. Diese nahm ich vorsichtig heraus und legte sie auf den Tisch. Das war ja schon mal ein Anfang. Wie ich es in „Rompecabezas“ gelernt hatte, sortierte ich erstmal nach Farben und suchte nach Eckteilen. Die Minuten vergingen, eine Stunde, zwei,… Dann hatte ich keine Lust mehr. Am nächsten Tag lagen die paar zusammenpassenden Teile und die sortierten Farbhaufen immer noch auf dem Tisch. Am darauf folgenden – das gleich Bild. Eine Woche später hatte ich die Idee: Ich schob die losen Puzzleteile wieder in die Packung, klappte den Deckel zu und – schüttelte heftig. Dann öffnete ich den Deckel und inspizierte die Lage. Da! Zwei weitere Teilchen hatten sich gefunden. Ich sortierte sie aus, schloss und schüttelte die Packung erneut – und entdeckte nach dem Öffnen wieder einige Teile, die sich durch Zufall (oder war es die Macht des Schicksals?) zusammen gefunden hatten.

Nur 4 Monate später hatte ich das Puzzle zusammengeschüttelt.

Die Freude darüber wurde nur noch übertroffen von einer unglaublichen Erkenntnis! Fast hätte es mich von den Beinen geholt. Natürlich! Das Unendliche-Affen-Theorem! Dieser Lehrsatz besagt ja, dass ein Affe, der unendlich lange auf eine Schreibmaschine einhämmert, irgendwann die kompletten Werke Shakespeares geschrieben haben würde. Ich hingegen hatte nur acht Wochen gebraucht, um den Zufall zu zwingen, das Puzzle für mich zusammen zu setzen! Ich erschauderte als mir klar wurde, was ich mit diesem Wissen alles erreichen könnte. Und würde! Ich kloppte das Puzzle in die Packung und schmiss es vom Balkon. Dann machte ich den Computer an, öffnete ein Word-Dokument und begann zu tippen.

Von wegen irgendwann! Vier Jahre später beendete ich diese Geschichte mit den Worten „Es muss nicht immer Shakespeare sein“, schloss das Dokument, fuhr den Computer herunter und warf auch ihn aus dem Fenster. In die Nacht.

Berlinale 2014: Meine Top 5

Posted by – 26. Februar 2014

berlinale2014Das war sie, meine Berlinale 2014. Ich habe knapp 40 Filme aus dem Programm gesehen. Und auch wenn ich es in diesem Jahr nicht geschafft habe, kurz etwas zu jedem Film zu schreiben, möchte ich doch zumindest meine Highlights erwähnen.

Late Autumn (Yasujiro Ozu, Japan 1960)

Dass in diesem Jahr ein Film aus dem Programm der Retrospektive meinen Spitzenplatz bekleidet, ist natürlich etwas langweilig. Aber ich versichere, dass ich ihn nicht aus Respekt vor seinem Macher oder weitverbreiteter Klassikerdemut gewählt habe. Yasujiro Ozus „Late Autumn“ (OT: Akibiyori) war schlicht und einfach der Berlinale-Film, der mich am meisten berührt hat und immer noch beschäftigt. Ozu erzählt in seinem drittletzten Film die Geschichte von Akiko, die von der absolut wunderbaren Setsuko Hara gespielt wird und ihrer Tochter Ayako (Yôko Tsukasa) – und dem Versuch einiger Freunde, die beiden Frauen unter die Haube zu bringen. Freundlich und traurig ist dieser Film, warmherzig und abgründig zugleich. Aber vor allem ist er unglaublich einfach und gerade in dieser Einfachheit herausfordernd komplex. Ein Film über das – und ein Film für das Leben.

Black Coal, Thin Ice (Diao Yinan, China 2014)

Mein zweites Highlight war der Wettbewerbsfilm „Black Coal, Thin Ice“ (OT: Bai Ri Yan Huo), bei dem ich und die Berlinale-Jury ausnahmsweise mal den gleichen Geschmack hatten. Der chinesische Beitrag ist ein knirschendes Etwas von einem Film, das den Zuschauer nicht nur einmal aufs Glatteis führt. Die Geschichte startet Ende der 1990er-Jahre in einer Kleinstadt im Norden Chinas. Dort werden mehrere Leichenteile gefunden. Bei der Festnahme des vermeintlichen Mörders kommen mehrere Polizisten ums Leben. Fünf Jahre später findet der Ex-Cop Zhang Zili, der seinerzeit verletzt wurde, heraus, dass der Mörder von damals möglicherweise immer noch frei herumläuft. Diao Yinans eisiger, mit vielen irritierenden Momenten garnierter Film orientiert sich am klassischen Film noir, ist aber auch eine ätzende und auf eine verzweifelte Weise manchmal sogar ziemlich witzige Gesellschaftskritik. Ich MUSS mehr von Diao Yinan sehen!

The Kidnapping Of Michel Houellebecq (Guillaume Nicloux, Frankreich 2014)

Einen Film wie diesen hätte ich Guillaume Nicloux nach dem spröden und manchmal unfreiwillig komischen „La religieuse“, den ich auf der letzten Berlinale sah, nicht zugetraut. Aber die ironische Fake-Doku „The Kidnapping Of Michel Houellebecq“ (OT: L’enlèvement de Michel Houellebecq) ist absolut freiwillig komisch und sogar einer der lustigsten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Die Geschichte braucht gut 20 Minuten, bis sie in Gang kommt, aber wenn der unbeholfene Houellebecq erst einmal von den drei undurchsichtigen Muskel-Trotteln entführt ist, gibt es kein Halten mehr und Nicloux und Houellebecq fackeln ein unglaublich witziges, anspielungsreiches Feuerwerk der Ideen ab. Auf die Frage, wo er eigentlich seine Inspirationen herbekomme, antwortet der Autor, dass er sich hierfür in den Zustand einer absoluten, ich-bezogenen Langeweile versetzen müsse. Dann kämen die Worte zu ihm. So ist auch der Film: Mit rasender Langsamkeit arbeitet er nach vorne, bis er  in den letzten Szenen mit 240 Sachen seine Ewigkeit findet. Fertig ist das kleine, unscheinbare Meisterwerk.

The Little House (Yoji Yamada, Japan 2014)

Ein wenig eigenartig verhält es sich mit „The Little House“ (OT: Chiisai Ouchi) von Yoji Yamada, den ich während der Sichtung und kurz danach zwar durchaus gut, aber nicht großartig fand. Erst nach der Berlinale beim zusammenstellen dieser Liste ist mir aufgefallen, dass er mir doch besser als so vieles andere gefallen hat. Yoji Yamada erzählt in diesem unaufgeregten, trotzdem meisterlichen Film die generationsübergreifende Geschichte der jungen Taki, die ihre Jugend als loyales Hausmädchen bei Familie Hirai in Tokio verbringt. Doch als sie Zeugin wird, wie sich die Hausherrin in den jungen Kollegen ihres Mannes verliebt sieht sich schließlich gezwungen, heimlichen Affäre einzugreifen. Gezeigt wird die nüchtern erzählte und trotzdem zu Tränen rührende Geschichte über Loyalität, Disziplin und Verzicht anhand von Rückblenden, in denen der junge Takeshi die Tagebücher seiner Tante Taki liest und dabei immer mehr über ihre Vergangenheit und die schicksalhafte Zeit im Hause Hirai erfährt. Ein toller Film. Und einer, der noch lange sanft nachschwingt.

Boyhood (Richard Linklater, USA 2014)

Ob sich Richard Linklaters außergewöhnliches Projekt wirklich einen langfristigen Platz in meinem Herzen sichern kann, wird die Zeit zeigen, zu meinen fünf Highlights möchte ich ihn aber auf jeden Fall zählen. Trotz kleinerer Längen im letzten Drittel war es der mit Abstand kurzweiligste Film des Wettbewerbs, Patricia Arquette ist in der Rolle der alleinerziehenden Mutter famos, die Idee, eine Geschichte über einen Zeitraum von zwölf Jahren mit den gleichen Schauspielern zu drehen, ist mutig und gibt zusätzliche Disziplinpunkte. Wenn dieses Coming-of-Age-Zeugs ein wenig mehr mein Geschmack wäre, hätte es der Film vielleicht auch etwas weiter nach vorne in diesen Top-5 geschafft.

Lobende Erwähnung

In meine Top-5 haben sie es nicht so ganz geschafft – zwei Filme möchte ich trotzdem gerne noch lobend erwähnen. Beide haben erfreulicherweise einen Kinostart bekommen: Zum einen wäre da Maximilian Erlenweins „Stereo“, mit dem der Regisseur zeigt, dass deutsches Genre-Kino nicht nur möglich ist, sondern richtig toll sein kann. Kann Spuren von „Fight Club“ und „A History Of Visolence“ enthalten, ist aber trotzdem ein erkennbar eigenständiges, kraftstrotzendes Werk mit großem Stilwillen. Kinostart: 15. Mai 2014. Zum anderen „Über-Ich und Du“ von Benjamin Heisenberg – einem Film jenseits allem, was man erwarten kann. Ich verrate nichts über die Geschichte, weil man diesen freundlich-verrückten Trip besser unvorbereitet sieht. Heisenbergs Film, mit einem großartigen Georg Friedrich in der Hauptrolle, überrascht nicht mit einem großen Knall, sondern ist eher eine entspannte Reise ins Unterbewusste in einem schrill-bunten Heißluftballon. Kinostart: 08. Mai 2014.

Und hier noch ein paar Links. Denn es gibt ja noch drei Podcasts, in denen ich mich mit Patrick bzw. mit Patrick & Martin vom Raushau-Blog über die Berlinale 2014 unterhalten habe sowie ein schönes Interview mit Till Kleinert, dem Regisseur von „Der Samurai“ (hier meine Kritik). Und wer noch was zu „Tape_13“ lesen will, der mir leider gar nicht gefallen hat, möge hier klicken.

Bild © B. Helbig
 

Berlinale 2014

Posted by – 12. Februar 2014

Wer sich wundert, dass hier gerade so wenig passiert – es ist wieder einmal Berlinale. Ursprünglich war mein Plan, hier  jeden Tag ein paar Sätze über die gesehenen Filmen zu schreiben, aber leider kriege ich das zeitlich nicht gebacken. Ich werden versuchen nach dem Festival wenigstens etwas zu den Highlights zu schreiben. Ein paar tagesaktuelle Seheindrücke bekommt ihr im Berlinale-Diary des AGM-Blogs.

Berlinale 2013 – Tag 10

Posted by – 17. Februar 2013

Touch Of Evil (Orson Wells, USA 1958)

Die Berlinale bietet auch zahlreiche Möglichkeiten, Klassiker auf der großen Leinwand zu sehen. Die Retrospektive stand in diesem Jahr unter der Überschrift „The Weimar Touch. The International Influence of Weimar Cinema after 1933“, worunter sich 31 Filme fanden, die noch einmal in fünf Kapitel unterteilt waren: „Rhythm and Laughter“, , „Light and Shadow“, „Variations“, „Know Your Enemy“ und „‚Unheimlich‘ – The Dark Side“. Aus letzterem habe ich mir gestern Orson Wells „Touch Of Evil“ angesehen. Ich bin weder Wells- noch Film-Noir-Kenner, aber der Film um eine Kleinstadt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze und die Konfrontation zwischen dem rechtschaffenden mexikanischen Rauschgiftfahnders Miguel Vargas (Charlton Heston) und Polizei-Captain Hank Quinlan (Orson Wells) hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Vieles ist nicht wie es scheint in diesem Film. Auch wenn man bei Vertretern der schwarzen Serie schon damit rechnet, dass die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verwischen, ist „Touch Of Evil“ in dieser Hinsicht noch einmal besonders ambivalent. Was mir am Film besonders gefallen hat: Wells in der Rolle des korrupten Cops und dieser großartige Anfang, bei dem  die Kamera ein Auto verfolgt, von dem der Zuschauer schon weiß, dass sich darin eine Zeitbombe befindet…

Frances Ha (Noah Baumbach, USA 2012)

Mit dem entspannten „Frances Ha“, einem Film über eine junge Frau (ganz toll: Greta Gerwig), die versucht, eine Wohnung in New York oder eigentlich sogar einen Platz in der Welt zu finden, geht meine Berlinale zu Ende. Ein wenig hat mich der Film, für den Regisseur Baumbach zusammen mit der Gerwig das Drehbuch geschrieben hat, an „Oh Boy“ erinnert. Das liegt bestimmt nicht nur darin, weil beide Filme schwarz-weiß sind und nicht nur von ihren dahintreibenden Hauptfiguren erzählen, sondern auch das Leben in einer bestimmten Stadt zum Thema haben. Es wird deutlich, dass Personen erst durch den Kontext zu dem werden, was sie sind. Bei Frances kann man das sehr gut beobachten. Als sie Weihnachten ihre Familie besucht oder als sie alleine nach Paris reist, wirkt sie wie verblasst. Richtig lebendig ist Frances, wenn sie mit ihrer besten Freundin Sophie (Mickey Sumner) zusammen ist. Eine Moral hat „Frances Ha“ meiner Meinung nicht. Aber er hat dennoch eine positive, optimistische Grundstimmung, die dem Zuschauer das Gefühl gibt, dass sich alles im Leben schon irgendwie zurecht ruckeln wird.

Berlinale 2013 – Tag 9

Posted by – 15. Februar 2013

IMG_7655Nobody’s Daughter Haewon (Hong Sangsoo, Republik Korea 2013)

Tag 9, die letzten Wettbewerbsfilme laufen. Den Anfang vom Ende macht der wunderbar leichtfüßige „Nobody’s Daughter Haewon“, mit dem ich meinen ersten „Hong Sangsoo“-Film sehe. Er handelt von einer Studentin (Jung Eunchae), die eine Affäre mit einem ihrer Professoren hat. Haewon ist sich nicht sicher, ob sie die Beziehung fortsetzen soll. An „Nobody’s Daughter Haewon“ fasziniert die verträumte Erzählweise, die gekonnt an der Grenze zur Belanglosigkeit entlangspaziert, diese aber niemals überschreitet. Apropos verträumt: Nach dem Film stellt sich tatsächlich die Frage, was von dem Gesehenen echt ist und was nur Fantasie war. Vielleicht ist das aber gar nicht wichtig. (Note to myself: Mehr Filme von Hong Sangsoo schauen.)

The Croods (Kirk DeMicco, Chris Sanders, USA 2013)

Ich mag keine Filme, bei dem der Zuschauer darüber lachen soll, wenn irgendwelche Säbelzahneichhörnchen vergeblich einer Nuss nachsteigen und permanent auf die Fresse fliegen. Auch „The Croods“, der in der sinnigen Kategorie Wettbewerb außer Konkurrenz lief, hat so Momente, in denen aus Missgeschicken komödiantisches Kapital geschlagen wird. Doch alles in allem ist der – großartig aussehende – Animationsfilm von  Kirk DeMicco und Chris Sanders so warmherzig und dermaßen in seine Figuren verliebt, dass ich ihm ein paar Stolperer gerne verzeihe. Vielleicht auch, weil der ganze Film so tempo- und actionreich und mit fantasievollen Ideen vollgestopft ist, dass es einen einfach mitreißt. Ich habe mich stellenweise gefreut wie ein kleines Kind, ich habe gelacht und zum Schluss ist auch mal die eine oder andere Träne geflossen. Einen Hauch Fortschrittskritik hätte „The Croods“ meiner Meinung nach noch enthalten dürfen. Aber auch hier drücke ich gerne ein Auge zu, weil der Film ansonsten so gut zu mir war.

Berlinale 2013 – Tag 8

Posted by – 15. Februar 2013

To the Wolf (Christina Koutsospyrou, Aran Hughes, Griechenland / Frankreich 2013)

Ich bin kaum wach und schon erlebe ich die Apokalypse. Fast fühle ich mich zurück ins letzte Jahr versetzt, als ich im Wettbewerb „The Turin Horse“ von Béla Tarr gesehen habe. Die Schäfer in den westgriechischen Bergen haben alle Hoffnung aufgeben. Wie auch die Nation so müssen sie sich immer weiter verschulden. Die Tiere, Existenzgrundlage der Schäfer, werden in zunehmendem Maße Opfer des Hungers und der Wut der verzweifelten Männer. Zum Schluss hört der Zuschauer Schüsse und sieht Mündungsfeuer in einem fernen Tal. Dann schweigen die Ziegen und Lämmer.  „We are not dead yet“ sagt einmal eine der Figuren. Dass das wirklich nur eine Frage der Zeit ist, daran lässt der deprimierende „To the Wolf“ (OT: Sto lyko) kaum einen Zweifel.

The Act Of Killing (Joshua Oppenheimer, Dänemark / Norwegen / Großbritannien 2012)

„The Act Of Killing“ ist mit Sicherheit einer der Filme, die mich auch nach dem Festival noch länger beschäftigen werden. Der Dokumentarfilm von Joshua Oppenheimer begleitet Anwar Congo, Herman Koto und andere Kriegsverbrecher, die in den 1960er Jahren für Massenmorde in Indonesien verantwortlich waren. Mit stolzgeschwellter Brust und einem Lächeln im Gesicht berichten die Männer von ihren Taten und beginnen sogar, nachdem sie ihre Bewunderung für merikanische Gangsterfilme zum Ausdruck gebracht haben, ihre Verbrechen für Oppenheimers Dokumentarfilm nachzustellen. Ist das die Banalität des Bösen von der Hannah Arendt sprach? Oder kann das Böse vielleicht sogar frivol sein? Ich weiß es nicht und will es in diesem Moment auch erstmal nicht wissen. Und ich will den grinsenden Anwar Congo vergessen, der auf demselben Dach, auf dem er eigenhändig hunderte Menschen tötete, für „The Act Of Killing“ einen Cha Cha Cha auf’s Pakett legt.

Leviathan (Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel, Großbritannien / USA / Frankreich 2012)

Ich dachte, ich würde keinen weiteren Film mehr schaffen, erstens, weil der letzte Film noch nachwirkt und ich nichts Neues draufschütten will, zweitens weil ich so müde bin. Und dann sehe ich doch noch einen Film und bin einfach nur glücklich, mich aufgerafft zu haben. So ging es mir heute mit „Leviathan“ – und jetzt folgen viele Sätze mit Ausrufezeichen! Was für ein Film! Für mich eines der Highlights dieser Berlinale! Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel verbrachten ein Jahr mit Hochseefischern aus New England auf dem Meer und kehrten mit Bild und Tonmaterial zurück, das mir die Sprache verschlagen hat. Es gibt ihn wirklich den Leviathan, doch das Seeungeheuer ist kein biblisch-mythologisches Wesen, sondern ein stählernes, menschengemachtes Monster, das über die Meere kreuzt und Leben verschlingt. Castaing-Taylors und Paravels Film ist keine klassische Dokumentation, sondern ein audio-visueller (Höllen-)Trip. Sowas hast du noch nicht gesehen!!!

Berlinale 2013 – Tag 7

Posted by – 13. Februar 2013

An Episode In The Life Of An Iron Picker (Danis Tanovic,  Bosnien Herzegowina / Frankreich / Slowenien 2013)

Die Frau eines Mannes, der sich und seine Familie mit dem Sammeln von Altmetall über Wasser hält, ist schwanger. Doch sie bekommt Schmerzen. Im Krankenhaus wird ihr mitgeteilt, dass das Kind in ihrem Bauch nicht mehr lebt und schnell abgetrieben werden muss, damit sie keine Blutvergiftung bekommt. Die Behandlung soll allerdings fast tausend Mark kosten, was für die Roma-Familie unerschwinglich ist. Krankenversichert sind sie nicht. Doch auch dies ist nur eine Episode im Leben des Altmetall-Sammlers. Es ist nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Problem, das die Familie in ihrem Leben meistern wird.  „An Episode In The Life Of An Iron Picker“ (OT: Epizoda u zivotu beraca zeljeza) ist sicherlich ein Sozial-Drama. Aber – und das steht für mich im Vordergrund – er ist auch ein warmherziger Film über die Freundschaft von Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die sich gegenseitig helfen und für einander einstehen – weil kein anderer es tut.

Prince Avalanche (David Gordon Green, USA 2013)

Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) erneuern die Fahrbahnmarkierungen einer kilometerlangen Landstraße in einem einsamen Waldgebiet. Während Lance unter dem Alleinsein leidet, nutzt Alvin die Zeit, um sein Leben zu planen und Fremdsprachen zu lernen – den nächsten Urlaub will er mit seiner Freundin in Deutschland verbringen. David Gordon Green, von dem ich nur „Pineapple Express“ kenne, hat mit „Prince Avalanche“, dem Remake des isländischen „Either Way“ von Hafsteinn Gunna, einen irgendwie typischen amerikanischen Independent-Film gemacht. Insofern sticht der Film auch angenehm aus dem bislang tendenziell schwermütigen Wettbewerbsprogramm heraus. Die Klischees dieses Genres hat Green allerdings nicht alle meiden können oder wollen. Mit ein wenig zu kalkulierter Lakonie und einigen Stereotypen muss der Zuschauer rechnen.

Night Train To Lisbon (Bille August, Deutschland, Schweiz, Portugal 2013)

Richtig schlimm wird es dann bei meinem letzten Film des Tages, „Night Train To Lisbon“. Schon den Roman von Peter Bieri alias Pascal Mercier habe ich nicht gerade geliebt – zu schmalzig waren mir manche Passagen und zu verliebt schien mir der Autor in die Figur des fiktiven Schriftstellers Amadeu Inácio de Almeida Prado –, aber die Verfilmung durch Bille August erreicht nicht einmal annähernd dessen Klasse.  Ich will mich gar nicht darüber aufregen, dass einige, meiner Meinung nach für die Geschichte essenzielle Aspekte weggelassen wurden. Dass August die Selbstfindung eines Mannes als kitschige Schmonzette in langweiligstem Rückblendenstil inszeniert, kann da schon eher frustrieren. Dass aber die Hauptfigur, ein Schweizer Latein-, Griechisch- und Hebräischlehrer von einem Engländer und  die Portugiesen des Films wiederum von englisch sprechenden Deutschen gespielt werden, die versuchen, den Akzent nachzuahmen, raubt dem Film nicht nur den letzten Rest Glaubwürdigkeit – er macht die Geschichte auch noch zu einer lächerlichen Farce. Ich wundere mich fast, dass man den Film nicht z.B. in Hannover hat spielen lassen. Das hätte den einen oder anderen Finanzier dieses Co-Produktions-Monsters vielleicht noch glücklicher gemacht.

Berlinale 2013 – Tag 6

Posted by – 12. Februar 2013

IMG_7610Pardé (Jafar Panahi, Kamboziya Partovi, Iran 2013)

„Pardé“, der neue Film des Iraners Jafar Panahi („Offside“), hat es trotz Hausarrest und Arbeitsverbot des Regisseurs zur Berlinale geschafft. Schön! Vordergründig handelt die Geschichte von einem Mann und seinem Hund, der in einem Haus Zuflucht sucht. Doch es ist unschwer zu erkennen, dass Panahi sich hiermit auf künstlerischem Weg mit seiner eigenen Situation auseinandersetzt. Das wirkt manchmal wie Berliner Schule auf iranisch. Und vielleicht liegt auch irgendwo hier das Problem des Films, nämlich, dass man diese Form von Selbstbezüglichkeit nicht zum ersten Mal sieht. [Hier 27 Beispiele einfügen.] Nichtsdestotrotz hat mir „Pardé“ ganz gut gefallen. Dieser Mann in diesem Haus, dieser Mann mit seinem Hund, doch, das hatte was.

Side Effects (Steven Soderbergh, USA 2013)

Steven Soderbergh ist ein Regie-Chamäleon, der mit verschiedenen Stilen und Genres experimentiert. Diesmal gibt es einen Pharma-Thriller. Jude Law spielt darin den Psychiater Dr. Jonathan Banks , der eine selbstmordgefährdete Frau (Rooney Mara) behandelt. Doch das verschriebene, neuartige Medikament verschlimmert die Situation nur noch. Es geschieht ein Mord. Ist das Präparat Schuld? Verraten tue ich nur Folgendes: Soderbergh ist – mal wieder – ein stilistisch interessantes, pfiffiges Filmchen gelungen, in dem die Schauspieler zu Bestformen auflaufen. Insofern alles top. Aber warum werde ich das Gefühl nicht los, bei Soderbergh wäre alles nur eine Fingerübung? Hält er sich zurück? Ist ein Film wie „Side Effects“ die Höhe seiner Kunst oder geht da noch was?

Camille Claudel 1915 (Bruno Dumont, Frankreich 2012)

Um psychische Störungen geht es auch in „Camille Claudel 1915“, ein Film, der bestimmt nichts für jedermann/frau ist. Erzählt wird die wahre Geschichte von der titelgebenden Künstlerin (Juliette Binoche), die von ihrer Familie in eine psychiatrische Anstalt bei Avignon überstellt wird. Sie hat nur einen Gedanken: Das Heim verlassen, um wieder ihrer Kunst nachgehen zu können. Was mir an dem Film imponierte: Die Einsamkeit, das endlose, nervenzerrende Warten, die Monotonie der Tage, die Trostlosigkeit der Anstalt – all diese Stimmungen sind in Dumonts Film perfekt eingefangen und übertragen sich fast eins zu eins auf den Zuschauer: Nachdem ich mich anfangs außerordentlich unwohl fühlte und nur mühsam dem Fluchtimpuls widerstand, habe ich mich irgendwann ergeben. Der Film dauert so lange wie er eben dauert. Ich hoffe, dass sich auch die reale Camille Claudel irgendwann ihrem Schicksal ergeben konnte. Am Ende macht es kurz den Anschein, als könne sie freikommen. Doch tatsächlich hat sie ihr restliches Leben – fast 30 weitere Jahre! – in dieser Anstalt verbracht.