Tag: Brian de Palma

Passion (Brian de Palma, Deutschland / Frankreich 2012)

Posted by – 21. Dezember 2013

PassionSehr viel Positives wurde über Brian de Palmas neuen Film „Passion“, ein Remake des französischen Thrillers „Love Crime”, noch nicht geschrieben. Als Film auf „B-Movie-Niveau“ (Die Welt) wurde er bezeichnet, als „Lachnummer“ (Berliner Zeitung), „Abschlussprojekt einer Filmhochschule“ (Der Freitag) oder – ganz eloquent auf Spiegel Online – einfach als „Müll“. Bei so viel mieser Presse fällt es natürlich besonders leicht, den sicherlich nicht in jeder Hinsicht perfekten, aber trotzdem meisterlich inszenierten und durch Rachel McAdams, Noomi Rapace und Karoline Herfurth markant gespielten Film ins Herz zu schließen.

Christine (Rachel McAdams) leitet die Berliner Dependance einer internationalen Werbeagentur, Isabelle (Noomi Rapace) ist ihre fähigste Mitarbeiterin. Als Christine Isabelle eines Tages die Idee klaut und Isabelle ihrer Chefin ihren Liebhaber Dirk (Paul Anderson) ausspannt, entspinnt sich zwischen den beiden Frauen ein Machtkampf, der immer erbitterter geführt wird.

Mit „Passion“ kehrt de Palma zu seinen Wurzeln zurück. Man könnte auch sagen, der mittlerweile über 70-jährige Regisseur feiert sich richtig selbst, vielleicht, weil das dieser Tage zu wenig andere tun (vielleicht hat das aber auch einen anderen Grund). De Palma greift Motive auf, variiert sie genüsslich und ordnet sie zu etwas an, das kaum Ähnlichkeit mit Filmen hat, die man heutzutage sonst so im Kino zu sehen bekommt. Eine, bzw. diesmal sogar gleich drei Femme Fatal, Voyeurismus und sexueller Eskapismus, Psycho- und Machtspielchen, Spiegel(ungen), Masken sowie die typischen De Palma’schen Stilmittel wie Splitscreens und längere Kamerafahrten – alles dabei in diesem Film eines Regisseurs, der niemandem mehr etwas beweisen muss und der gar nicht erst versucht, sich selbst neu zu erfinden. Der es aber trotzdem schafft, auch den passionierten Fan  des Regisseurs durch mehre interessante Brüche zu überraschen, ja sogar ein wenig an der Nase herum zu führen. Aber auch der De-Palma-Unkundige kann ich daran erfreuen, wie sich auf einmal die Farben ändern, die Perspektiven wegknicken und er oder sie sich in einer anderen Realität oder besser gesagt: so richtig im Film wieder findet.

In „Passion“ hassen sich zwei Frauen mit Leidenschaft. Oder vielleicht lieben sie auch nur sich selbst so sehr, dass für andere keine Liebe mehr übrig bleibt. Es ist ein Film über das Ego – das der Protagonistinnen, aber auch das, des Regisseurs. Insofern passen hier Form und Inhalt wunderbar zusammen! Ja, „Passion“ ist wahrlich ein Film über die dunklen Seiten der Leidenschaft, aber eben auch über die guten: De Palma braucht nicht viel, um einen Film zu drehen, der so viel besser ist als das meiste, was einen Kinostart bekommt, und er beweist, dass er auch noch nach so vielen Jahren des Filmemachens mit Leid und Seele dabei ist. Das Publikum nölt, die Kritiker lästern – und ich wundere mich. Sind denn heute alle schon so auf die Optik des Mainstream- und nicht weniger überraschungsfreien Independent-Kinos gepolt, dass man einen Film wie „Passion“ allen Ernstes als Lachnummer, Schülertheater oder Müll bezeichnen und so einen Text auch noch in einer seriösen Zeitung veröffentlichen kann? Schön, dass es auch Menschen gibt (hier z.B. oder hierhier und hier), die etwas genauer hinschauen und analysieren, wie ein Film funktioniert und was er mit ihnen macht. Die neugierig und aufgeschlossen bleiben, auch wenn sie ihn vielleicht nicht mögen. Das bewundere ich. Denn auch wenn de Palmas Film bestimmt den einen oder anderen Schwachpunkt hat, eine „B-Kritik“ hat er dennoch nicht verdient.

Bild © Ascot Elite
 

Snake Eyes (Brian de Palma, 1988)

Posted by – 1. Juni 2013

snake eyesDraußen: ein Herbststurm. Drinnen: Cop Rick Santoro (Nicolas Cage) wird während eines Boxkampfes in Atlantic City Zeuge eines Anschlags auf den US-Verteidigungsminister. Santoros Freund, Kevin Dunne (Gary Sinise), ein Mitarbeiter des Ministers, erschießt den Mörder, einen mutmaßlichen arabischen Terroristen. Doch was ist genau geschehen? Je tiefer Santoro gräbt, desto weniger scheint alles zusammenzupassen.

Der Film beginnt mit einer knapp 13-minütigen Plan-Sequenz, die Santoro durch die Halle folgt. Schnell wird klar: Auch der Cop hat Dreck am Stecken, er ist bis über beide Ohren korrupt und ein manischer Spieler obendrein. Die Welt, in der Santoro wandelt ist ebenfalls schmutzig und durch und durch kaputt. Am Anfang lässt Santoro noch verlauten, dass es genau seine Welt ist und er sich darin pudelwohl fühlt.  Das bringt die von Nicolas Cage gespielte Figur so überzeugend vor, dass der Zuschauer geneigt ist, es ihm sofort zu glauben. Doch seine Nachforschungen sind ein Stich ins Wespennest. Je mehr er über die wahren Hintergründe des Attentats herausfindet, desto weniger glücklich ist Santoro damit, Teil dieses korrupten, verdorbenen Systems zu sein.

So wie sich die Ereignisse für den Antihelden im Verlauf der Untersuchungen in immer neuem Licht präsentieren, wird „Snake Eyes“ auch für den Zuschauer zu einem spannenden und im besten Fall sehr verwirrenden Erlebnis. Nicht nur die Figuren streifen ihre Identitäten ab wie es ihnen gefällt – auch der Film als solcher weigert sich den Regeln zu gehorchen, die man von ihm erwartet. Der filmische Raum bricht auf, wird zur Kulisse und entlarvt die Bilder als Illusion. Das, was im Film eigentlich wahr sein sollte, sind nur noch die Geschichten der Figuren, die durch jede darauf folgende Szene relativiert werden können.

Der Showdown scheint im Vergleich zum restlichen Film etwas abzufallen. Besonders wohl scheint sich Santoro in seiner alten Haut doch nicht gefühlt zu haben. Jedenfalls schmeißt er alles hin – und beginnt ein neues Leben. Der Bösewicht erkennt, dass er gescheitert ist und beendet seines. Abermals bricht der filmische Raum auf. Draußen: kein Herbststurm, sondern ein heftiger Hurrikan. Doch der Sünder hat Buße getan. Und bald scheint wieder die Sonne. Das ist schön.

 Bild © Touchstone
 

The Fury (Brian de Palma, USA 1978)

Posted by – 31. Mai 2013

Teufelskreis AlphaFür gut erzählte Geschichten über Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten habe ich ein Faible. Z.B. fand ich den (leider noch nicht verfilmten) Roman „Carrion Comfort“ von Dan Simmons ganz großartig; oder „Firestarter“ von Stephen King (okaye Verfilmung 1984 durch Mark L. Lester); oder den durch Brian de Palma großartig umgesetzten King-Roman „Carrie“. In die Liste meiner liebsten PSI- (und de-Palma-)Filme gehört aber mit Sicherheit auch „The Fury“, den ich mir gestern seit vielen Jahren endlich einmal wieder angesehen habe.

Es geht um den ehemaligen Agenten Peter Sandza (Kirk Douglas), dessen Sohn Robin (Andrew Stevens) über besondere Fähigkeiten verfügt. Bei einem Ausflug zum Strand werden Vater und Sohn auf einmal von maskierten Männern angegriffen. Peter Sandza kommt dabei scheinbar ums Leben. Robin wird von Sandzas Ex-Kollegen Childress (John Cassavetes) gerettet. Was Robin nicht weiß: Eigentlich hat Childress den Überfall eingefädelt, weil er den begabten jungen Mann für sich haben will. Sandza, der überlebt hat, macht sich auf die Suche nach seinem Sohn. Dabei soll ihm – die ebenfalls mit PSI-Fähigkeiten ausgestattete – Gillian Bellaver (Amy Irving) helfen.

Während ich hier so tippe, bestätigt sich noch einmal der Eindruck, den ich gestern Abend beim Schauen hatte: „The Fury“ ist – aber das gilt ja auch für alle anderen de Palma Filme – ein recht merkwürdiges Ding, bei dem alles nicht so recht zusammenzupassen scheint. Die Inhaltsangabe suggeriert einen Agenten-Thriller. Und das ist „The Fury“ zumindest irgendwie auch: Peter Sandza sucht seinen Sohn, wird von seinem Kollegen durch die Stadt gehetzt und liefert sich wilde Verfolgungsjagden mit dessen Agenten. Auf der anderen Seite liegt ein Fokus auf Gillian, ihre Fähigkeiten und Problemen sowie ihrer Zeit in der Schule für Begabte. Beide Handlungsstränge haben miteinander zu tun, doch führen sie auch ein Eigenleben. Notdürftig werden beide sie durch die Figur Hester (Carrie Snodgress) – Peter Sandzas Freundin und gleichzeitig Mitarbeiterin in Gillians Schule – zusammengehalten – richtig zusammengehörig wirken sie auf mich trotzdem nicht. Jede Geschichte hätte auch ohne die andere funktioniert. Mir persönlich gefällt der parapsychologische Teil um Gillian (und Robin) weit besser. Der Thriller-Part mit dem in die Jahre gekommenen Kirk Douglas wirkt auf mich etwas wie ein Zugeständnis an einen alten Star der sich noch einmal als Action-Held sehen will.

Dass das alles keinen besonders harmonischen Eindruck macht, soll aber nicht als große Kritik an dem Film aufgefasst werden. Für mich macht es immer auch ein wenig den Reiz von de Palmas Filmen aus, dass da eben nicht alles glatt und reibungslos zusammengeht. Krude Storylines, skizzenhafte Figuren, grelle Psychologie und der außergewöhnliche Stil de Palmas ergeben ein ganz eigenes Gemisch, das Spaß machen kann. Noch ein paar schöne Details an „The Fury“: Daryl Hannah in einer frühen Rolle; und John Cassavetes mal wieder als Schauspieler. Und apropos Inszenierung: Auch „The Fury“ hat wieder reichlich wahnsinnig gute Momente. Wunderbare Szenen sind z.B. die, als Gillian die Gedanken ihres Arztes Dr. Jim McKeever (Charles Durning) liest; die Szenen auf der Straße, nachdem als sie aus dem Institut geflohen ist; als Robin zum Schluss dann angekündigter Weise völlig frei dreht, Körper durch die Gegend gewirbelt werden, verplatzen. In manchen Momenten erinnert „The Fury“ stark – und nicht nur thematisch, sondern auch atmosphärisch und inszenatorisch – an „Scanners“. Und ich frage mich, inwieweit David Cronenberg sich wohl von de Palmas Film hat beeinflussen lassen.

Am Anfang habe ich gesagt, dass ich „gut erzählte“ Geschichten über Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten mag. Vielleicht muss ich das noch etwas eingrenzen: Bei Filmen zumindest reicht es, wenn sie visuell eindrucksvoll sind und es schaffen, eine eigene Stimmung herzustellen. Und das schafft de Palmas mit „The Fury“ definitiv.

 Bild © Twentieth Century Fox
 

Sisters (Brian de Palma, USA 1973)

Posted by – 10. Mai 2013

SistersIch versuche gerade ein paar meiner Bildungslücken in Sachen Brian de Palma zu schließen. Da stolpere ich vor ein paar Tagen doch zufällig in einem kleinem Weddinger Laden für gebrauchte CDs und DVDs über seinen mir bisher unbekannten Thriller „Sisters“. 2,90 Euro.

Der Film handelt zunächst von Danielle (Margot Kidder), die einen Mann namens Philip (Lisle Wilson) bei der TV-Show „Peeping Tom“ kennen lernt.  Die darauf folgende Liebesnacht überlebt Philip nicht. Danach verschiebt sich die Perspektive: Danielles Nachbarin, die Journalistin Grace Collier (Jennifer Salt), hat den Mord beobachtet und beschuldigt Danielle. Doch die Polizei glaubt ihr nicht. Der Zuschauer ist zu diesem Zeitpunkt schon etwas schlauer als Grace, der weiß nämlich, oder darf zumindest begründet vermuten, dass für den Mord nicht Danielle, sondern ihre Zwillingsschwester Dominique verantwortlich ist. Zusammen mit dem Detektiv Joseph Larch (Charles Durning) versucht sie das auch zu beweisen. Während Larch dem Sofa folgt, in dem beide die Leiche vermuten, macht sich Grace auf den Weg in die Anstalt, in der Danielle und ihre Schwester damals gewohnt haben.

Auch in diesem frühen Film von ihm lassen sich schon viele seiner Trademarkts auffinden: Hitchcock-Zitate, tolle Kamerafahrten, das Zwillingsmotiv, Splitscreens.  Und auch das Wirre, das Irre, das psychologisch Abstruse, sexuell Aufgeladene, dümmlich Genialistische, das in vielen späteren Filmen – mal mehr mal weniger – vorhanden ist, findet sich hier. Was ich an „Sisters“ allerdings vor allem bemerkenswert finde, ist, wie stark  der (schwarze) Humor ausgeprägt ist. Anfangs wähnt man sich noch in einem normalen Thriller, aber je weiter die Zeit voran schreitet, desto kurioser wird alles. Als Grace in der Anstalt angekommen ist, wird für den Zuschauer noch einmal erklärt, was dieser ohnehin schon vermutet: nämlich dass Danielle und Dominique einmal siamesische Zwillinge waren, aber irgendwann getrennt wurden. Seitdem ist Danielle verrückt und kann nicht so gut mit Männern. Und auch die Rolle des Herrn, der sich zuvor als ihr Mann ausgegeben hatte, Emil Breton (William Finley), wird klar: Eigentlich ist er auch noch Danielles Arzt. Soweit. Aber auf das Was kommt es im letzten Filmdrittel sowie viel weniger an als auf das Wie. In der Anstalt wird Grace dann für eine Patientin gehalten und später dann noch von Breton hypnotisiert. Die weitere Geschichte und die Rückblenden, gestalten sich für den Zuschauer als eine Art Rausch, bei dem man nie so ganz sicher sein kann, was davon wahr und was Traum war. Das ist alles ziemlich durchgeknallt und mündet schließlich in einer grandiosen Schlusssequenz, die ich jetzt mal hier nicht verrate, nachdem ich ja schon alles andere gespoilert habe. Und wenn ich auch während des Films lange Zeit nicht sicher war, ob mir „Sisters“ wirklich gefällt, spätestens am Ende war ich dann doch ziemlich amüsiert – und zufrieden. Die 2,90 Euro habe ich jedenfalls nicht bereut.

Bild © Indigo
 

Dressed To Kill (Brian de Palma, USA 1980)

Posted by – 13. April 2013

dressed to killDo you want to fuck me? – Liz

Kate (Angie Dickinson) ist gelangweilt von ihrer Ehe. Kurz nachdem sie ihrem Psychiater Dr. Elliott (Michael Caine) davon erzählt und anschließend  mit einem Unbekannten fremd geht, wird sie umgebracht. Zeuge des Mordes ist Callgirl Liz (Nancy Allen), die als Täter eine große blonde Frau mit Sonnenbrille gesehen zu haben glaubt. Doch die Polizei nimmt ihr das nicht ab. Schlimmer noch: Liz selbst gerät als vermeintliche Mörderin ins Visier der Cops. Gemeinsam mit Kates Sohn Peter (Keith Gordon) macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Killer.

So erzählt, könnte dies die Story eines ganz normalen Thrillers sein. Doch „Dressed To Kill“ ist anders. Sex sickert ihm aus jeder Pore. Er ist auf eine Art und Weise pervers, die sich mir im ersten Moment noch gar nicht erschlossen hat. Ein wenig wie ein Apfel – außen wunderschön, verlockend, innen: faul. Ich lasse jetzt mal seine stilistischen Merkmale des Films, die offensichtlichen Hitchcock-Zitate und Giallo-Momente, die Plansequenzen, Splitscreens, de Palmas thematisches Repertoire von Voyeurismus und multiplen Persönlichkeiten weg und sage lieber ein paar Worte zu diesem Ton, diesem Missklang, der sich, manchmal kaum hörbar, dann wieder überdeutlich, durch den Film zieht.

„Dressed To Kill“ ist ein Film über (gestörte) Sexualität. Schon die erste Szene, eine Vergewaltigungsfantasie von Kate während des unbefriedigenden Beischlafs mit ihrem Mann, gibt die Richtung vor. Kurze Zeit später baggert sie zuerst ihren Psychiater und danach im Museum einen Fremden an. Mit beiden Männern hat sie keinen Glücksgriff getan. Mit dem Psychiater, weil dieser gleichzeitig ein gefährlicher Psychopath ist, mit dem anderen Mann, weil dieser sie  beim auf den Museumsbesuch folgenden Sex mit einer Geschlechtskrankheit ansteckt. Und so geht es in dem Film auch weiter: Angestaute sexuelle Energie wohin man sieht, notgeile Frauen, gestörte Männer. Ich bin mir relativ sicher, dass de Palma, dem wir auch das seltsame Drehbuch zum Film verdanken, nicht sagen wollte: Frauen, gebt Acht, vor welchem Mann ihr mit dem Kotelett winkt – er könnte ein Wolf sein. Es geht wohl eher in die Richtung zu zeigen, was das krampfhaft Verdrängte aus dem Menschen macht, wenn es sich mit Gewalt wieder seinen Weg an die Oberfläche bahnt. Die Menschen in de Palmas Film sind nicht Opfer ihrer Triebe – sie sind Opfer des Versuchs, ihre Triebe zu kontrollieren. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, sind die Frauen des Films trotz ihrer Opferrolle hier die stärkeren Figuren, ganz einfach aus dem Grund, weil sie im Gegensatz zu den grotesken Männern ihren Instinkten folgen.  Wohltuend habe ich deswegen auch die Beziehung zwischen Liz und Peter empfunden. Auch wenn sie sich aufgrund ihrer angedeuteten erotischen Konnotation außerhalb von gesellschaftlich Normen bewegt, ist sie doch angenehm entspannt, unverkrampft und deswegen ein auffälliger Kontrapunkt zum Rest des Films.

Man kann es bestimmt herauslesen: Ich bin mir über den Film ziemlich im Unklaren. Irgendwas ist da, das ich nicht zu greifen kriege. Zum Schluss, nach etwas Nachdenken, bin ich mir aber zumindest in dieser Hinsicht (fast) sicher: „Dressed To Kill“ ist nicht nur eine Verbeugung vor Hitchcock, sondern gleichzeitig auch eine Form von Satire auf den Erfinder des Thrillers. Und – das ist das Seltsame daran – ich bin mir gar nicht sicher, ob dies von de Palma wirklich beabsichtigt war. Ich würde nicht soweit gehen, den Film als unfreiwillig komisch zu bezeichnen. Komisch, auf eine bizarre Art und Weise, ist er nichtsdestotrotz. Vielleicht muss er das auch sein, weil man das Thema Sexualität bei aller gesellschaftlichen Überformung heute gar nicht mehr anders thematisieren kann. „Dressed To Kill“ erinnert mich ein wenig an die Geschichte von Eva, Adam und dem Apfel, weil auch dort die Frau dafür bestraft wird, dass sie sich normal verhält. Und weil man auch diese Geschichte auslegen kann, wie man gerade Lust hat.

Bild © MGM
 

Carrie (Brian de Palma, USA 1976)

Posted by – 19. August 2012

Der gestrige Abend hat sich dahingehend entwickelt, dass ich zumindest zwei meiner drei Lieblingsverfilmungen von Stephen-King-Romanen einer Neusichtung unterzogen habe. Als erstes stand „Carrie“ auf dem Programm.

Die 16-jährige Carrie White (Sissy Spacek) steht unter der Fuchtel ihrer fanatisch-religiösen Mutter Margaret (Piper Laurie). Auch in der Schule hat es Carrie nicht leicht. Ihre Mitschülerinnen sehen in dem stillen, etwas sonderbaren Mädchen ein leichtes Opfer. Als die unaufgeklärte Carrie dann auch noch nach dem Sportunterricht unter der Dusche das erste Mal ihre Tage bekommt, kennt der Hohn und Spott der Mädchen keine Grenzen. Nur Sue (Amy Irving) hat Mitleid mit Carrie. Um  sie wieder aufzubauen und ihr etwas Selbstbewusstsein zu geben, überredet sie ihren Freund Tommy (William Katt) Carrie zum Abschlussball auszuführen. Doch Mitschülerin Chris (Nancy Allen) bekommt davon Wind und fasst einen Plan, wie sie es Carrie auf dem Abschlussball so richtig zeigen kann.

Schon die ersten Minuten haben mich vollständig in den Bann gezogen. Die Duschszene gehört dank De Palmas Genie und Sissy Spaceks hingebungsvollem Spiel zu den intensivsten und traurigsten Filmmomenten, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Schon diese ersten Augenblicke verraten und präsentieren ein schmerzhaft pessimistisches Bild der Natur des Menschen. Im weiteren Verlauf finden sich ebenfalls zahlreiche Momente, die über sich selbst hinausweisen und Szenen, die schon für sich genommen kleine Meisterwerke sind. Besonders gut hat mir gestern die Einleitung des Finales gefallen, in der eine subtile Dissonanz das kommende Unheil ankündigt: Beim Tanz von Tommy und Carrie,  dreht sich einfach alles etwas zu schnell und man ahnt, dass die Figuren nunmehr kurz davor sind, aus der Bahn geschleudert zu werden. Mich hat  das nicht besonders subtile aber dafür umso kraftvollere Ende gerührt, als die verstörte Carrie zu ihrer Mutter zurückkommt, dort aber nicht den erhofften Trost findet, sondern es  zur finalen Auseinandersetzung zwischen den beiden kommt.

Die Geschichte scheint voll und ganz auf das blutige Finale zugeschnitten zu sein. Es ist De Palmas Verdienst, dass er auch den Weg dahin  spannend, bildgewaltig und psychologisch stimmig in Szene setzt, dass „Carrie“ mehr ist als ein einfacher Horror- oder Rachefilm. De Palmas zeigt eindrucksvoll das Leben einer Außenseiterin und analysiert präzise die Mechanismen von Repression und Gewalt. Weil sie von ihren Mitschülerinnen gequält wird, werden diese von ihrer Lehrerin (Betty Buckley) bestraft. Der Hass der Schülerinnen richtet sich allerdings nicht gegen die Lehrerin, sondern natürlich gegen das leichter Opfer, gegen Carrie, die sie dafür noch einmal so richtig büßen lassen wollen. Wie De Palmas diesen Mechanismus filmt, scheint er mir nicht nur für den  im Film gezeigten speziellen Fall zu gelten, sondern generell eine Studie des menschlichen Verhaltens und der Entstehung von Gewalt zu sein. Interessant ist, dass nicht nur das Ende als Resultat der vorausgehenden Ereignisse gesehen werden muss, sondern diese sich wiederum noch über den Anfang der Geschichte hinaus zurückverfolgen lassen würde. So bekommt man eine vage Ahnung, was z.B. Carries Mutter Margaret erlitten haben muss, das sie in den religiösen Wahn getrieben wurde.

„Carrie“ war schon immer einer der King-Romane,  die mich weniger interessiert haben, was seltsam ist – schließlich ist das ein großartiger Stoff und das hätte mit eigentlich beim Lesen auffallen müssen. Aber vielleicht brauchte ich einfach die Bilder von Brian De Palma, um das zu erkennen. Heute, einen Tag nach Sichtung des Films (das Mal davor ist bestimmt 15 Jahre her), kann ich nichts anderes als  überwältigt zu sein, was De Palma aus der Vorlage gemacht hat. Was für ein Film! „Carrie“ ist ohne Wenn und Aber ein Meisterwerk!

Bild © MGM