Tag: Coming Of Age

The Witch (Robert Eggers, USA / Kanada 2015)

Posted by – 13. Juni 2016

The WitchWeil William (Ralph Ineson) auf eine andere Auslegung der Heiligen Schrift besteht, wird er im 17. Jahrhundert in Neuengland zusammen mit seiner Familie, seiner Frau Katherine (Kate Dickie) und den fünf Kinder aus seinem Heimatdorf verstoßen. Die Familie lässt sich am Rande eines düsteren Waldes mitten in der Wildnis nieder, um hier ein gottgefälliges Leben zu führen. Doch ihr Glaube wird immer wieder auf die Probe gestellt: Zuerst geht die Ernte ein, dann verschwindet das jüngste Kind, kurze Zeit später auch der älteste Sohn Caleb (Harvey Scrimshaw), der bald allerdings wie verwandelt wieder auftaucht. Hat die älteste Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) etwas damit zu tun? Oder die Zwillinge Jonas (Lucas Dawson) und Mercy (Ellie Grainger)? Oder treiben dunkle Mächte ihr teuflisches Spiel mit der Familie?

Nachdem ich neulich beim Fantasy Filmfest doch glatt keine Karte mehr bekommen habe, habe ich den Film nun im regulären Kino nachgeholt. Was ich davon halten soll, weiß ich aber auch einige Tage später noch nicht so genau. „The Witch“ ist seinem Ruf definitiv vorausgeeilt und ich kann nicht behaupten, dass ich ihn unbefangen gesehen hätte. Nein, ich habe tatsächlich einiges erwartet und ich bin mir unsicher, ob mir diese Erwartungshaltung im Wege steht; oder eben dazu führt, dass ich immer noch über diesen Film grüble , obwohl ich ihn einem ersten Impuls nach „ganz nett“, aber auch „unentschlossen“ genannt habe.

Natürlich ist Eggers Film auch recht gruselig und teilweise wunderbar fotografiert. Interessant wird er für die meisten aber wohl vor allem durch das Spannungsfeld zwischen den Polen konkret und abstrakt. Eigentlich ist von Beginn an klar: Das Böse gibt es wirklich. Schließlich sieht man nach dem Säuglingsraub eine Szene, in der sich eine alte Frau an dem Kind der Protagonisten-Familie zu schaffen macht. Und wer die Realität des Übernatürlichen im Laufe des Films vergisst, bekommt mitten drin noch eine Exorzismus-Szene präsentiert, bei der es nur schwerlich mit rechten Dingen zugehen kann; und am Ende gibt es noch einmal den unzweifelhaften Beweis für die Existenz von Hexen. Trotzdem muss man kein besonders cleveres Köpfchen sein, um den Realitätsgehalt des Gesehenen in Frage zu stellen. Warum? Zum einen, weil die religiösen Überzeugungen der Familie für den durchschnittlichen westlichen Zuschauer in heutiger Zeit wohl etwas Befremdliches, ja, Wahnhaftes haben und somit die Vermutung einer kollektiven Psychose nicht ganz von der Hand zu weisen ist; zum anderen, weil die wenigen eindeutig übernatürlichen Elemente sich sehr gut als mentale Episoden einer Figur interpretieren lassen und sich Eggers ansonsten, bei Szenen, in denen sich ein wenig Zweideutigkeit angeboten hätte, eindeutig realistisch positioniert.

Interessant ist „The Witch“ aber nicht, weil er die Frage nach dem Realitätsgehalt besagter Bilder offen lässt – im Gegenteil. Hier gibt es Hexen, aber der Zuschauer will das nicht wahr haben und die Geschichte lieber als religiös induzierte Wahnvorstellung deuten. (Wenn der Film mitunter klischeehaft wirkt, liegt das daran, dass hier die Ursprünge unserer kollektiven Vorstellungen über Zauberei und Hexen thematisiert werden, wie sie auch Märchen zu Grunde liegen. Dass man die entsprechenden Bilder schon tausendmal gesehen hat – und gesehen haben muss! – , liegt in der Natur der Sache.) Eigentlich zeigt sich hier schon die ganze Brillanz des Films, verführt er doch den Zuschauer genau dazu, was dieser den Figuren vorwirft – sich dem Offensichtlichen zu verweigern und die Welt lieber durch die Brille seiner Glaubenssysteme zu beurteilen. Eggers macht Aberglaube nachvollziehbar, indem er den Zuschauer selber dazu verleitet.

Doch da ist noch mehr. Auch unabhängig von der Frage des Realitätsgehalts macht „The Witch“ eine gute Figur. Das liegt an der von Anya Taylor-Joy stark gespielten Figur der Thomasin, der in dem Film in doppelter Hinsicht eine Schlüsselrolle zukommt. Zum einen ist sie – wenn hier überhaupt jemand halluziniert – wohl diejenige welche. Zumindest macht es bei dieser Interpretationsvariante am meisten Sinn. Zum anderen offenbart sich an ihrer Figur aber noch ein weiteres Thema, das manch einen sogar dazu angeregt hat, „The Witch“ als feministischen Film zu bezeichnen. Ich kann diese Sicht nachvollziehen, auch wenn sie mir ein wenig durch den Tunnel geblickt erscheint. Ich würde eher sagen, „The Witch“ ist in seinem Herzen ein tristes Coming of Age-Drama. Ich denke, dass es weniger um die Befreiung einer Frau geht (vielleicht geht es nicht einmal um Befreiung!), sondern dass hier gezeigt wird, wie ein Gedankensystem an seine Grenzen gerät. Dabei spielt Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Anfangs wird William aufgrund seines Glaubens aus der Dorfgemeinschaft geworfen. Später, im Exil, bilden sich in seiner Familie verschiedene Arten von Allianzen, doch eine stabile Gruppe will nicht entstehen. Der Fundamentalismus des Familienpatriarchen ist nicht in der Lage, ein beständiges Zusammenleben zu ermöglichen. Die Situation eskaliert, das System bricht zusammen, Rose sprengt die inneren und äußeren Fesseln, nur um sich danach in die Gefangenschaft einer neuen Ideologie zu begeben. Ob diese besser oder schlechter ist, bleibt offen. Aber immerhin darf man bei dieser nackt durch den Wald tanzen.

Bild © Universal Pictures Germany

My Skinny Sister (Sanna Lenken, Schweden / Deutschland 2015)

Posted by – 3. September 2015

Für Kino-Zeit.de habe ich etwas zu „My Skinny Sister“ (Min lilla syster) geschrieben, der Mitte September unter dem Namen „Stella“ in den deutschen Kinos startet. Für die Langfassung klickt ihr hier. In Kürze: Ich kann diesen Film empfehlen. Auch wenn er für meinen Geschmack manchmal etwas zu wenig in die Tiefe gegangen ist, wird hier doch mit hohem Einfühlungsvermögen eine Familie in der Krise portraitiert. Was tun, wenn die ältere Schwester auf einmal magersüchtig ist? Fertige Antworten werden von der Sanna Lenken, die sich für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, hier nicht gegen. Wohl aber erhält der Zuschauer einen Eindruck davon, wie in einer Familie alles mit allem zusammenhängt. „My Skinny Sister“ ist aber nicht nur ein Film über eine Familie, sondern auch ein Film für die ganze Familie: warmherzig, rührend und zum Nachdenken anregend.

When Animals Dream (Alexander Arnby, Dänemark 2014)

Posted by – 27. Februar 2015

When Animals DreamIch habe den Film zwar schon vor ein paar Monaten im Kino gesehen, hier aber noch nachträglich eine kleine Erinnerungsstütze:

Marie (Sonia Suhl), die mit ihrem Vater (Lars Mikkelsen), ihrer an den Rollstuhl gefesselten, apathischen Mutter (Sonja Richter) in einem kleinen dänischen Dorf wohnt. Seit einiger Zeit schon verändert sich Maries Körper, was von ihrem Vater und dem Dorfarzt (Stig Hoffmeyer) misstrauisch beobachtet wird. Als die Wandlung offenkundig wird, interessieren sich auch die anderen Dorfbewohner für sie. Vornehmlich auf junge Männer hat Marie eine besondere Wirkung, die von Begehren bis zu offen gezeigtem, aggressivem Verhalten reicht. Als die Stimmung umschlägt, ist nur Daniel (Jakob Oftebro) bereit, der verfolgten Frau zu helfen.

Zugegeben, neu ist Arnbys Verknüpfung des „Werwolf“- und „Coming of Age“-Themas nicht. Besser gefällt mir z.B. „Ginger Snaps“, weil ich ihn reichhaltiger fand und spritziger fand. Wenn Jon Fawcetts Film ein kleines, freches Mädchen ist, dann ist Arnbys ein Lethargiker. Tatsächlich geht es dem Regisseur weniger darum, dem Genre-Fan klassische Lykantrophenkost zu servieren als seine Geschichte möglichst behut- und einfühlsam zu erzählen, was ihm ein wenig auf Kosten des Unterhaltungswerts auch recht gut gelingt. Ihm geht es um die Entwicklung der Protagonistin, einer jungen Frau, die anders ist und die davon träumt, ihre Wünsche auch ausleben zu dürfen; und vielleicht geht es sogar ganz allgemein um die Rolle der Frau und den Druck der Gesellschaft, sich möglichst widerstandslos in sie einzufügen. Arnbys Film wirkt wie eine morbide Fabel zu diesem Thema, die sich in verträumter Weise mit dem sexuellen Erwachen einer seiner Protagonistin – und der Reaktion ihrer Umwelt darauf – auseinandersetzt. Träume können schön sein, wie schon der von Weichzeichnern, Überblendungen und Unschärfen gekennzeichnete Anfang des Films suggeriert – aber auch grausam. Während das Tier davon träumt, ein Mensch zu sein, ist der Mensch wach viel zu oft eine Bestie. Das zeigt der Verlauf des Films, wenn die Dorfbewohner zur Hetzjagd auf die haarige Marie ausrufen. Hier zeigt sich: Zum wichtigstem im Leben gehören gute Freunde, solche, die uns beistehen, wenn wir in Not sind. Diesen Aspekt teilt „When Animals Dream“ mit dem Meisterwerk „Let the Right One In“. Wie dieser ist Arnbys Film nämlich nicht nur ein originelles Coming-of-Age, sondern auch ein starkes Plädoyer für Toleranz.

Weitere Vorbilder waren für Arnby nach eigenem Bekunden übrigens so unterschiedliche Filme wie Brian de Palmas „Carrie“ und Debra Graniks „Winter’s Bone“. Die Kraft dieser Vorlagen wird zwar nicht ganz erreicht, sehenswert und wichtig ist der Film über den Wolf im Weibe aber trotzdem.

Bild © Prokino

Mud (Jeff Nichols, USA 2012)

Posted by – 20. Mai 2014

„Shotgun Stories“ war für mich einer der schönsten Entdeckungen auf der Berlinale 2007 und auch die Freude über „Take Shelter“ vor 2 Jahren war groß! „Mud“, eine  Mischung aus Abenteuer-, Jugend- und „Coming-of Age“-Film, aus Thriller und Familiengeschichte, hat einige Parallelen zum Nichols Debüt. Nicht nur ihren Handlungsschauplatz – den unwirklichen Süden der USA – haben beide Filme gemein. Die Landschaft spielt für Nicols immer eine wichtige Rolle, es ist als würden sich das Land und die auf ihm lebenden Leute gegenseitig bedingen. Doch interessanter als die Gemeinsamkeiten, sind die Unterschiede. „Mud“ ist nicht nur der Name des von Matthew McConaughey grandios gespielten Outlaws, es ist auch Farbe des Films, seiner sumpfigen Landschaften und heruntergekommenen Siedlungen wie auch sein warmer, fast herzlicher (Erzähl-)Ton. Aber Schlamm ist eben auch ein Stoff, der Dinge verbindet und sie zusammenhält. Und auch insofern ist der Titel gut gewählt, funktioniert McConaugheys Figur für den Film und vor allem für den Protagonisten, den Jungen Ellis, wie ein Katalysator, der seine Lebensgeschwindigkeit erhöht, ihn mit der Welt in Kontakt bringt und ihn auf ein neues Seins-Niveau hievt, der seine Lebensform transzendiert. Es um Beziehungen, es geht um Freundschaften. Aber vor allem geht es um die Liebe! Ich etwas ausführlicher dazu: hier.

The Amazing Spider-Man (Marc Webb, USA 2012)

Posted by – 8. April 2014

Um mich auf den zweiten Teil „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ vorzubereiten, habe ich mich ein weiteres Mal an Teil eins gewagt. Das letzte Mal konnte ich mit ihm, wie hier nachzulesen, nicht besonders viel anfangen. Oder war das nur der erschreckte Schmerzensschrei eines Raimi-Fans? Hat mir Marc Webbs Reboot vielleicht nur aus einer Laune heraus nicht gefallen? Diese Hoffnung hat sich leider bereits in den ersten Minuten der Neusichtung zerschlagen. Ich bin schon fast soweit zu sagen, dass der Film aus einer Aneinanderreihung von schlechten Entscheidungen besteht: Viele kleinere und größere Drehbuchschwächen (da wüsste ich gar nicht wo ich anfangen soll!), Anschlussfehler noch und nöcher, ein Schnitt, der den Film förmlich zerhackt, alles ist so offensichtlich, so platt, das Casting… Mir ist es ein Rätsel, wie das, was Andrew Garfield da macht – sein Peter Parker ist ein genialistisch-nervöser Hipster-Nerd mit Skateboard –, mit differenziertem Schauspiel verwechseln kann. Und auch Emma Stone zieht in dem Film ein paar Grimassen, die in anderen Jobs ein Kündigungsgrund wären. Zum Glück sind Spinnen sehr widerstandsfähig. Auch mit einem 08/15-Drehbuch und einem anscheinend überforderten Regisseur bekommt man den Spider-Man-Stoff nicht kaputt. Und wer weiß, vielleicht hat Webb in den letzten zwei Jahren ja Kraft geschöpft, das quasi komplett neue Team nicht zu vergessen, angefangen bei den neue Autoren, dem dynamischen Duo Alex Kurtzman und Roberto Orci, dem neuen Kameramann, einem neuen Cutter… Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.

P.S.

Aber ich möchte abschließend noch einmal meine Verwirrung zum Ausdruck bringen. Wie kann man Filme nur so unterschiedlich wahrnehmen? Ich habe haufenweise Reviews gelesen, die genau die Aspekte des Films, die ich für grottenschlecht halte, in den Himmel loben. Und ich habe mittlerweile auch mit vielen Menschen gesprochen, von denen, für mich nicht nachvollziehbar, viele Webbs Film für zumindest ganz ordentlich, wenn nicht sogar für ziemlich prima halten. Mit den Filmen kann die Meinung über Filme also nicht allzu viel zu tun haben. Klar, über Geschmack lässt sich nicht streiten blabla. Aber ich will ja auch nicht streiten. Ich will Meinungen verstehen! Der Inszenierung, der Geschichte, den Produktionswerten, der Leistung der Darsteller usw. Adjektive wie orgasmisch bist versaubeutelt zuzuweisen (etwas anderes habe ich im Geschreibsel weiter oben ja auch nicht geschafft) und sich darauf auszuruhen, kommt mir weder besonders sinnvoll vor, noch hilft es mir, die Position anderer zu verstehen. Ich mag es, wenn Autoren ein hohes Reflexionsniveau bezüglich ihrer Meinung haben, wenn sie transparent machen, warum sie finden, was sie finden, sie, wenn nötig, ihren Hintergrund einfließen lassen, wenn sie eine unterhaltsam zu lesende Geschichte aus ihrer Sicht auf einen Film machen, eine Geschichte nach deren Lektüre mir das Ansehen eines Films mehr Spaß macht als wenn ich es nicht getan hätte (und das ganz unabhängig davon, ob dem Schreiber oder der Schreiberin der Film gefallen hat oder nicht). Ich sage nicht, dass mir selbst das jemals gelungen ist. Aber ich arbeite daran. Versprochen.

P.P.S.

Apropos Transparenz. In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf eine sehr schöne Aktion hinweisen, die Marco Siedelmann auf Hardsensation ins Leben gerufen hat. In „Reden über Schreiben über Film(e)“ interviewt er verschiedene Filmschreiber & -denker und lässt so den Menschen hinter der Meinung sichtbar werden. Den Anfang macht ein sehr lesenswertes Gespräch mit Oliver Nöding von Remember It For Later.

„Goodbye First Love“ (Mia Hansen-Løve, Frankreich, Deutschland 2011)

Posted by – 9. November 2013

Eine JugendliebeNach den ganzen Horrorfilmen des letzten Monats brauche ich ein bisschen Abwechslung. Die Wahl fällt auf „Goodbye First Love“ (OT: Un Aour De Jeunesse) von Mia Hansen-Løve. Mittlerweile, so könnte man denken, muss die x-te dummbräsige Teeny Romanze den Boden doch schon unfruchtbar gemacht haben für echte, aufrichtige Liebesfilme, oder nicht? Zum Glück nicht. Hansen-Løves beweist, dass es noch etwas zu erzählen gibt, so bittersüß und so weise, dass es weh tut.

Der Anfang vom Ende: Die fünfzehnjährige Camille (Lola Créton) und der neunzehnjährige Sullivan (Sebastian Urzendowsky) sind ein Paar. Doch Sullivan wird Camillie bald verlassen, denn er möchte für ein Jahr mit Freunden nach Südamerika reisen. Und so kommt es. Anfangs bleiben die beiden in Kontakt, nach und nach werden die Briefe jedoch weniger. Camille verzweifelt, versucht sich das Leben zu nehmen, scheitert, versucht neu anzufangen. Ihr Architekturstudium gibt ihr neues Selbstbewusstsein und auch die Beziehung zu ihrem Dozenten Lorenz (Magne Havard Brekke) scheint ihr gut zu tun. Überraschend taucht Sullivan wieder auf.

„Alte Liebe rostet nicht“, weiß der Volksmund zu erzählen und es wundert deswegen auch nicht, dass Camille sich sofort von neuem in Sullivan verliebt, eine Liebe, die dieser mit charmanten, großspurigen Schwüren erwidert. Die beiden haben in den letzten Jahren viel erlebt, sie sind nicht mehr die gleichen. Und trotzdem sind die alten  Verhaltensmuster noch da und werden fast sofort wieder wirksam. Hansen-Løve erweist sich als hervorragende Beobachterin der Beziehungs-Dynamik ihrer Protagonisten, aber auch als Regisseurin mit einen guten Gespür für Bilder. In den sonnendurchfluteten Landschaften, den Schneestürmen in Paris, der verspielten städtischen Architektur Berlins und der Bauhaus-Kälte Dessaus, spiegeln sich alle Facetten von Camilles Gefühlswelt wider. Das erzählerische Unterstatement reibt sich allerdings manchmal etwas an den intensiven Bildern und dem sehr präsenten Score, auf der anderen Seite entsteht gerade durch diese Reibung Spannung. Ohne den einen oder andren bunten Farbtupfer, wäre das Gesamtbild möglicherweise etwas zu grau geraten.

Eine Jugendliebe (so auch der deutsche Titel des Films), eine Episode im Leben eines Menschen, so wichtig und doch nur eine Etappe auf unserem Weg. Nach dem Ende vom Anfang muss es weitergehen. Das schafft nicht jeder. Menschen, die in der Vergangenheit leben, nennt man Nostalgiker. Ob Camille zu dieser Gruppe gehört, überlässt die letzte Einstellung von dem Zuschauer. Diese Offenheit ist mehr als bloßes Gehabe, durch sie bekommt der Zuschauer ein Gefühl der manchmal quälenden Vagheit, die das Leben durchzieht. Es gibt keine einfachen Antworten. Hansen-Løve weiß das. „Goodbye First Love“ ist ein sehr erwachsener Film.

Bild © good!movies
 

Valerie And Her Week Of Wonders (Jaromil Jireš, CSSR, 1970)

Posted by – 23. Juni 2013

ValerieDie Tschechoslowakische „Neue Welle“ der späten Sechziger Jahre steht für kreative Energie und mutige, unverbrauchte und originelle Filme. „Valerie And Her Week Of Wonders“ (OT: Valerie a tyden divu) – der Film von Jaromil Jires nach dem gleichnamigem Roman von Vítězslav Nezvals aus dem Jahr 1935 kann dieser Bewegnung wohl zugerechnet werden – war meine erste, ein wenig ernüchternde Begegnung mit ihr.

Alles beginnt damit, dass der 13-jährigen Valerie (Jaroslava Schallerová) ihre Ohrringe gestohlen werden. Der Dieb, Orlík (Petr Kopriva), bringt sie allerdings kurze Zeit später zurück und weist Valerie darauf hin, dass nur diese Ohrringe sie retten können. Am nächsten Tag kommt eine Truppe Schauspieler in ihr Dorf , um auf der Hochzeit von Hedvika (Alena Stojáková) zu spielen. In Menge entdeckt Valerie eine seltsame Person, bleich, mit fürchterlichen Zähnen. Seltsamerweise scheint auch ihre Großmutter (Helena Anýzová)  mit einem Mal verändert.

„Valerie And Her Week Of Wonders“ war für mich am ehesten wohl so etwas wie ein verästeltes Coming-of-Age-Movie; der Film enthält aber auch Spuren von Märchen, Fantasy und Horror, wirkt als Ganzes jedoch eher wie ein surrealistisches Kunstprojekt und ist als Film ein ganz und gar entrücktes, aus der Welt gefallenes Etwas. Und genau hier haben für mich als Zuschauer die Probleme angefangen: Ich will die Leistungen von Jaromil Jireš in keiner Weise herabwürdigen. „Valerie And Her Week Of Wonders“ ist mit Sicherheit ein außergewöhnlicher Film mit einer eigenen Bildsprache. Doch,in einem Niemandsland, wo keine erkennbaren Regeln gelten, wo alles möglich ist, fällt es mir sehr schwer interessiert zu bleiben. Die Lebenden verhalten sich wie die Toten; und die Toten erstehen wieder auf. Es gibt keine Fallhöhe, kein Drama.

Fazit für mich: Ich habe wenig mitgenommen und wenn, dann eher Frust als Wunder. Dass ich nach „Valerie And Her Week Of Wonders“ zuerst überlegt habe, wohin ich die DVD ins Regal stelle (entweder alphabetisch oder zu den Vampiren oder zu den zu verschenkenden Filmen?), spricht wohl nicht für mich, aber vielleicht auch nicht für den Film.

Bild © Bildstörung / Alive
 

Dead Shadows (David Cholewa, Frankreich 2012)

Posted by – 5. Mai 2013

Dead Shadows

Auch bei Filmen gibt es bei mir so etwas wie Prokrastination. Statt einen guten oder wichtigen, schaue ich mir manchmal lieber einen schlechten Film an. Da verschmerze ich es eher, wenn ich hinterher nichts drüber schreibe. Auch „Dead Shadows“ war eigentlich als Prokrastinations-Film gedacht. Die Story: Damals in der Nacht, als ein Komet am Himmel erschienen ist, hat Chris seine Eltern verloren. Noch Jahre später ist der junge Mann (Fabian Wolfrom) traumatisiert. Dem erneuten Erscheinen eines Kometen sieht Chris deswegen mit großer Besorgnis entgegen. Zu Recht! Denn mit Eintreffen des Himmelskörpers bricht die Hölle los. – Und das ist dann stellenweise so bizarr, dass ich jetzt doch zwei Sätze dazu schreiben möchte. „Dead Shadows“ ist schlecht. Richtig übel. Er erinnert an ein unförmiges Monster, das aus Teilen von „Slithers“, „Grabbers“, „Attack The Block“, „The Thing“, „The Signal“ und noch etlichen weiteren Titeln ungelenk zusammengebaut wurde. Alles schon irgendwo gesehen, aber selten so amateurhaft. Die Schauspieler agieren wie Leute, die zum ersten Mal in einem Film mitspielen, die Musik wabert nebenher und scheint aus ganz anderes Sphären zu kommen. Die Story ist wirr, so etwas wie eine Dramaturgie existiert praktisch nicht. Eine Zeitlang habe ich deswegen sogar überlegt, ob ich „Dead Shadows“ einfach ausmache…

…doch dann zaubert der junge Franzose David Cholewa in seinem Debüt auf einmal Szenen aus dem Hut, die von apokalyptischer Schönheit sind. Irgendwann im letzten Drittel wird „Dead Shadows Dead Shadows“ zu einem psychotischen (Body-)Horror-Trip, der es in sich hat. Meine Lieblingsszene: Chris sitzt nach dem Kampf mit paar Typen erschöpft in einer Ecke, als ein Wesen, halb Frau, halb Spinnenmutant auftaucht, das Carpenters „The Thing“ entsprungen sein könnte. Doch das Wesen greift ihn nicht etwa an, sondern schmiegt sich zärtlich an seinen Rücken. Erst in diesem Moment habe ich erahnt, worum es Cholewa eigentlich geht. Die Monster des Films, sie alle haben irgendwie mit Chris zu tun. Vielleicht ist sogar er der Ursprung allen Grauens – weil er es als Kind selbst erlebt hat – und „Dead Shadows“ ist am Ende eine seltsame Variante des Coming-of-Age-Films? Wenn zum Schluss die Apokalypse über die Welt hereinbricht, wirkt das jedenfalls nicht wie das Ende von allem, sondern wie ein vielversprechender Anfang – zumindest für Chris.

Ich will „Dead Shadows“ nicht gutreden und würde ihn auch nicht weiterempfehlen, aber so schlecht wie ich am Anfang dachte, war er dann doch nicht. Ja, es gibt sogar einiges zu entdecken. Und dass er an ein paar Stellen an die Filme John Carpenters erinnert, ist, wie man in den Extras der DVD erfährt, auch kein Zufall: Cholewa ist nämlich ein ganz großer Fan von ihm. Und Carpenter-Fans kann man ja eigentlich nichts übel nehmen.

Bild © Mad Dimension
 

Sons Of Norway (Jens Lien, Norwegen 2011)

Posted by – 4. Juni 2012

Als ich vor ein paar Tagen einen Text zu „Sons Of Norway“ geschrieben habe, musste ich plötzlich wieder an „The Exorcist“ denken. Und  ich war sehr überrascht, einige Parallelen zu erkennen. Deswegen – auch wenn der Film von Jens Lien nicht ganz in mein Beuteschema passt – hier trotzdem ein paar Sätze dazu.

Die Geschichte von „Sons Of Norway“ (OT: Sønner av Norge) beginnt mit einem Flaschenwurf. Der junge Punk Nikolaj (Åsmund Høeg) wirf eine Falsche auf den Schulleiter, der gerade eine Rede hält. Der Schulleiter geht zu Bode. Dann wird die Uhr ein paar Monate zurück gedreht. Es ist Dezember 1978. Dies ist das letzte Weihnachtsfest, das Nikolaj, 14 Jahre alt, seine zwei Brüder sowie sein Vater Magnus (Sven Nordin) und seine Frau Lone (Sonja Richter) zusammen verbringen. Auch wenn die Kinder hier schon mal zaghaft den Aufstand proben, ist von Nikolaj Entwicklung zum Punk noch keine Spur. Doch als ein Unfall wenig später die Familie auseinander reißt, geht in Nikolaj eine Veränderung von statten: Er macht sich mit dem Dorfpunk Anton (Trond Nilssen) bekannt, sticht sich eine Sicherheitsnadel durch die Wange und gründet eine Punkband. Doch bald muss Nikolaj feststellen, dass Punk nicht die Antwort auf alles ist.

Zum Punk werden und von einem Dämon besessen zu sein hat erstaunlich viele Ähnlichkeiten. In beiden Fällen haben es die Eltern und Angehörigen nicht leicht. Sowohl Punks als auch Besessene sind vulgär, geizen nicht mit Körperflüssigkeiten und haben kein grundsätzliches Problem damit, andere zu verletzten. Fast immer geht die Verwandlung zum Punk als auch die Besessenheit von einem Dämon mit unschönen äußerlichen Veränderungen einher. Beide Spezies reagieren allergisch auf (Weih-)Wasser.

Doch während Eltern im Falle von Besessenheit ihrer Kinder, sei es durch die Mächte der Finsternis oder die Punkbewegung, oft wenig Verständnis für die neuen Charakterzüge ihrer Sprösslinge aufbringen, hat Alt-Hippie Magnus, Nikolajs Vater, kein Problem damit, was sein Sohn so treibt. Im Gegenteil. Er unterstützt ihn, wo er nur kann. Er diskutiert mit ihm nicht nur die Platten der Sex Pistols, sondern boxt ihn auch frei, als er wegen des Falschenwurfs Probleme in der Schule bekommt. Und als während eines Punkkonzerts der Schlagzeuger ausfällt, ist Magnus sofort zur Stelle einzuspringen. Bei so einem Vater macht das Aufbegehren gar keinen richtigen Spaß. Und soviel ist sicher. Wenn die besessene Regan aus „The Exorcist“ Magnus als Vater gehabt hätte, hätte der Dämon sich ein bisschen mehr einfallen lassen müssen, um gegen das Establishment zu revoltieren.

Meine etwas ausführlichere Meinung zu „Sons Of Norway“, den ich insgesamt durchwachsen fand, kann man auf kino-zeit.de nachlesen.

Bild © Alamode Film
 

Attenberg (Athina Rachel Tsangari, Griechenland 2010)

Posted by – 15. Mai 2012

Mein Traum von heute Nacht: Ich war im Berliner Kino Arsenal bei einer Veranstaltung. Es wurde ein Film gezeigt über den im Anschluss mit einem Filmwissenschaftlicher diskutiert werden konnte. Der Film, ich weiß nicht mehr welcher es war, kam bei Publikum nicht so gut an. Nach vielen Buh-Rufen wurde der er abgebrochen und gleich mit der Diskussion gestartet. Mensch Leute, ich wollte den Film sehen! Außerdem könnt ihr doch jetzt schlecht diskutieren, wenn ihr gar nicht wisst, worüber! Ich war gerade dabei, mich rechtschaffend zu empören, da bin ich aufgewacht.

„Attenberg“, der zweite Film der Griechin Athina Rachel Tsangari, hat mit meinem Traum eigentlich gar nichts zu tun. Da ich ihn aber vor ein paar Tagen im Arsenal gesehen habe, hat er mich wohl einfach daran erinnert, dass ich noch gar nichts zum Film aufgeschrieben habe.

Marina (Ariane Labed) mag Tierdokumentationen von David Attenborough, den sie Attenberg nennt. Und auch sonst ist die junge Frau keine durchschnittliche Vertreterin der Gattung Mensch. Wie ihre Artgenossen leben und lieben, das alles ist ihr fremd. Ihre einzigen Bezugspersonen sind ihr todkranker Vater, ein kauziger und zeitkritischer Architekt und ihre Freundin Bella, mit der Marina Küssen und Tanzschritte einübt. Doch dann wird Marina, die als Fahrerin für ein Unternehmen arbeitet, ein neuer Fahrgast zugeteilt und sie beschließt, ihrem Vorbild Attenberg nachzueifern und selbst die (Liebes-)Geheimnisse ihrer Artgenossen zu erforschen.

Um „Attenberg“ zu verstehen, muss man wohl selbst noch ein wenig Forschung in den Film stecken. Tsangari hat es jedenfalls augenscheinlich nicht darauf angelegt, dass sich ihr Film leicht entschlüsseln ließe. Ungeachtet dessen ist es faszinierend,  Marina dabei zuzusehen, wie unbeholfen, dabei aber gleichzeitig eine vereinnahmend Ehrlichkeit an den Tag legend, durchs Leben stakt. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mit dem Film meine Schwierigkeiten hatte. Am Anfang habe ich mich unruhig auf meinem Sitz gewunden. Die Grenze zur Genervtheit wurde zwar nie überschritten, aber sie war eine Zeitlang in Sichtweite, wohl auch deswegen, weil mir die Skurrilität der Szenen anfangs etwas zu bemüht vorkam. Doch irgendwie hat mich der „Attenberg“ dann doch noch in seinen Bann gezogen. Vielleicht lag es vor allem an Marinas Beziehung zu ihrem Vater (ebenfalls eine sehr interessante Figur!). Irgendwo hier, in dem Leben das die beiden zusammen hatten, das aber vor dem erzählten Film liegt, scheint der eigentlich interessante Kern der Geschichte zu stecken.  Denn – soviel ist sicher – irgendwas ist in Marinas Erziehung gehörig schief gelaufen. Gleichzeit stellt sich allerdings die Frage, ob das wirklich so schlimm ist.

Nach dem Film gab es im Arsenal übrigens noch eine Diskussion mit der Regisseurin. Die habe ich mir allerdings nicht mehr angehört. Und jetzt muss ich komischerweise wieder an meinen Traum von heute Nacht denken.

Bild © Rapid Eye Movies