Tag: David Cronenberg

Nightbreed (Clive Barker, USA 1990)

Posted by 19. Juli 2020

Vermutlich sind meine Zeiten als jemand, der über Filme schreibt, vorbei. Nicht nur, weil ich in letzter Zeit kaum noch Filme gucke, was kein reines Zeitproblem ist, sondern wohl vor allem daran liegt, dass ich beim Filme schauen nicht mehr diesen vielschichtigen Genuss empfinde, der früher jeden Film zu etwas Besonderem hat. Dadurch verschieben sich die Prioritäten und ich mache stattdessen eben etwas anderes. Ein weiterer Grund ist der, dass ich meine Meinung zu Filmen gar nicht mehr so gerne äußere: Meinungen gibt es viele da draußen, aber selbst die am besten begründeten helfen mir selten weiter, einen Film aus einer anderen Perspektive zu sehen und noch mehr zu schätzen. Und ich gehe davon aus, dass er sich auch andersrum so verhält. 

Nichts desto trotz kommt hier nach langer Zeit mal wieder eine Meinung zu einem Film, denn ich sitze gerade allein krank zu Hause und hatte endlich mal Gelegenheit in der richtigen Verfassung (fiebrig, leicht verpeilt) einen sehr geschätzten Film von einem mir sehr geschätzten Künstler in einer mir unbekannten Version zu sehen: Die Rede ist von „Nightbreed“, bei dem es sich um Clive Barkers nach „Hellraiser“ zweite Regiearbeit handelt. Der Film basiert auf seinem Buch „Cabal“ (1988) und handelt von der mystischen Stadt Midian. Protagonist Aaron Boone (Craig Sheffer), der von Visionen über Midian heimgesucht und von seinem Psychiatrier Philip K. Decker (David Cronenberg) dahingehend manipuliert wird, dass er glaubt ein Mörder zu sein, bricht alle Brücke hinter sich ab und macht sich auf den Weg zu diesem sagenumwogenden Ort. Dort findet er unter einem Friedhof tatsächlich die Monster aus seinen Träumen. Die wollen ihn aber nicht bei sich haben. Knapp und nicht ohne Bisswunde entkommt Boone vom Friedhof, nur um kurze Zeit später ein einer von Decker für ihn aufgestellten Falle in einem Kugelhagel zu enden…Natürlich endet die Geschichte hier nicht, sondern fängt erst richtig an. Boone, durch den Monsterbiss selbst Monster geworden, kehrt zurück nach Midian, ohne zu ahnen, dass er damit das Ende dieses Refugiums einläutet. 

Bevor ich auf den Film eingehe, vielleicht noch ein paar allgemeine Worte zu mir und Clive Barker. Ich habe, verglichen mit meine Lese-Ratten-Freunden, erst relativ spät, irgendwann in meinen frühen Teenie-Jahren, angefangen mich für Bücher zu interessieren. Dann ging es aber recht schnell und ich landete bei allem, was mit dem zu tun hatte, das nicht von dieser Welt war. Sehr gut gefielen mir die Bücher und Kurzgeschichten von Clive Barker, die mir z.B. verglichen mit den Werken von Stephen King immer ein bisschen fantasievoller vorkamen. Nicht nur fantasievoller, auch tiefgründiger, reichhaltiger und weniger „schwarz-weiß“. King ist ein toller Erzähler, aber er walzt halt jede Idee auf tausend Seiten aus, während es bei Barker auf jeder Seite nur so wimmelt von Fantastischem, dass es wahrlich eine Wonne ist, darin einzutauchen. In anderen Worten: Stephen Kings Bücher: Medizinball. Clive Barkers Bücher: Riesiges Bällebad. Ich habe mich schon damals in Barkers Bällebäder verliebt. Sicherlich, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt, wusste schon Shakespeare und ist jetzt nichts Barker-Spezifisches; allerdings kenne ich keinen Autoren, der vergleichbar zuverlässig fantasievoll sich diese Dinge zwischen Himmel und Erde ausmalt und dabei pro Roman ganze Mythologien entwirft. Jedenfalls, auch zig Jahre später bin ich immer noch fasziniert von den Welten die Barker erdacht hat, was ganz ausdrücklich auch für die filmischen Umsetzungen seiner Stoffe gilt. „Hellraiser“, „Lord Of Illusions“ und eben auch „Nightbreed“ sind Filme, ich auch heute noch sehr schätze. Was mich zum „Cabal Cut“ des letztgenannten und einer kurzen Verschriftlichung meiner Meinung über ihn führt.

Mal schnell abgeharkt: „Nightbreed“ ist spannend, bietet mehrere überraschende Wendungen und sieht nicht zuletzt wahnsinnig gut aus. Die Masken sind allesamt ein (Alb-)Traum. Sowas wird heute gar nicht mehr gemacht. Die Schauspieler agieren allesamt nicht oskarverdächtig, aber mir reicht es, um in der Geschichte zu bleiben. Was mich an dem Film neben dem Offensichtlichem anspricht, ist aber vor allem seine Ambivalenz in Bezug auf die behandelten Themen. Ganz allgemein geht es um Anziehung und Abstoßung oder – etwas konkreter – um den Wunsch, dazu zu gehören und die Ausgrenzung des Anderen – womit der Film dieser Tage wieder hochgradig aktuell ist. Wer hier ein Monster ist und wer nicht, darauf werden verschiedene Sichtweisen angeboten. Natürlich sind die Monster unter dem Friedhof zunächst ganz offensichtlich die ausgegrenzten Anderen, weil sie anders aussehen und nach anderen Regeln leben (auch gelegentlich Menschenfleisch wird nicht verschmäht). Boone gehört zunächst nicht zu dieser Gruppe, wird aber schließlich aufgenommen. Schon hier zeigen sich die Monster als barmherziger als die Menschen aus der Außenwelt, von denen sich einige im Verlauf der Geschichte als die wahren Monster erweisen, wie der Psychopath Decker, der nur die Befriedigung der eigenen Lust kennt oder – noch gruseliger – die Bewohner, der nahegelegenen Ortschaft, die zum Schluss Jagd auf die Wesen unter dem Friedhof machen und deren brutales Vorgehen vor dem Hintergrund aktueller fremdenfeindlicher Taten besonders mitnimmt. Es ist interessant, wie sich in den Film die Sympathien verschieben. Ich glaube nicht, dass hier die allgemeine Aussagen gemacht werden soll, das Monster die besseren Menschen sind. Aber es kommt schon rüber, dass zumindest Menschen nicht deswegen besser sind, weil sie Menschen sind, sondern dass es darauf ankommt, was man tut und wie man sich zu anderen verhält. Hier hat „Nightbreed“ einen wunderbar bunten Strauß an Figuren zu bieten, die alle samt spezifische Interessen haben und nachvollziehbare Gründe aus denen sie unterschiedliche Entscheidungen treffen.

Was mich an „Nightbreed“ aber vor allem fasziniert, ist ein Gefühl, das in seinen Bildern irgendwie – und hier kommt echte Filmmagie ins Spiel! – lebendig wird. Es ist das Gefühl, nicht dazuzugehören und die Sehnsucht nach einem Ort wo Mann/Frau/divers/usw. – trotz allem! – willkommen ist; und ich vermute, dass es dies ist, was so viele junge Menschen, die ihren Platz in der Welt erst noch finden müssen, aber auch Erwachsene auf der Suche, für die Schwingungen des Films empfänglich macht. Der Wunsch nach einem Refugium für alle die anders sind, ist stark in diesem Film. Und sind wir nicht alle zumindest so viel Monster, dass wir diese Sehnsucht nachvollziehen können? Am greifbarsten wird dieses Gefühl in den Szenen, in denen Boone oder seine Freundin Lori (Anne Bobby) durch die unterirdischen Gänge Midians streifen und dabei so allerhand von besagten Dingen zwischen Himmel und Erde sehen, das gehört zum visuell Aufregendsten, Verstörendsten aber irgendwie auch Schönstem an „Nightbreed“. Dabei ist es nicht mal die Vielfalt an unterschiedlichstem Leben allein, die beim Sehen dieser Szenen fasziniert, es ist die Haltung von Boone und vor allem Lori, die ich hier so gelungen finde: vorsichtig und manchmal erschrocken, aber trotzdem neugierig und immer offen, lassen sie sich auf die Welt, die sie als Gäste betreten vorurteilsfrei ein. Wenn alle das Fremde und Unbekannte so annehmen würden, wie Lori die Bewohner Midians, wäre unsere Welt bestimmt eine bessere.

Wenn ich mir an dem Film etwas anders wünschen dürfte, wäre es, dass Barker noch ein wenig mehr den Fokus auf die Beweggründe der Figuren gelegt hätte. Kenner*innen des Buchs wissen, warum sie sich dieser und derart verhalten, dort ist es höchst plausibel, ja zwingend. In dem Film, der dem Visuellem ein größeres Gewicht beimisst, sind die Motive oft nicht ganz so klar, was schade ist, weil sie meiner Meinung nach wichtig sind, um die ganze Schönheit der Geschichte zu sehen. Wobei das nicht heißen soll, „Nightbreed“ hätte eine Quintessenz, die es zu erkennen gälte und dies sei Voraussetzung, um den Film zu mögen. Er viele Ebenen und interessante Motive. Die Charaktere und was sie antreibt, sind ein nur interessantes Element an dem Film unter mehreren. Letzten Endes freue ich mich, dass die Geschicht’ keine Moral hat, sondern ambivalent bleibt, das ist ihre wie auch die Stärke aller anderen Barker-Werke.

Der „Cabal Cut“ indes lohnt sich aufgrund des reichhaltigen Zusatzmaterials (teilweise in sehr schlechter Bild Qualität), dennoch glaube ich, dass ich – ungesehen – den Director’s Cut bevorzuge, der entgegen der Kinofassung mehr Midian & Bewohner enthält und weil das Ende des „Cabal Cuts“ das der Kinoversion ist. In dieser wird Decker mit Blick auf mögliche Fortsetzungen wieder zum Leben erweckt, was mir schon damals überflüssig bis sinnlos vorkam und sich für damals wie heute wie ein Fremdkörper in diesem Film angefüllt hat. Doch auch wenn Barkers Vision mit diesem Ende meiner Meinung nach nicht gedient ist, nehme ich mir ein Beispiel an mir selbst und dem, was ich ein paar Sätze zuvor als großen Vorzug des Films anpreise und versuche auch diesen Fremdkörper mit positiver Grundhaltung zu akzeptieren. 

Eastern Promises (David Cronenberg, Großbritannien / Kanada 2007)


Eastern PromisesVom frühen Body Horror über das neue Fleisch bis zum heutigen Spiel mit den Identitäten sind fast 40 Jahre vergangen. Und trotzdem wirkt das Kino des David Cronenberg alles andere als angestaubt. Im Gegenteil! Die Filme des Kanadiers dürfen zu den vitalsten gehörten, die die Filmwelt derzeit zu bieten hat. Cronenbergs Themen haben sich im Laufe der Jahre scheinbar gewandelt, doch wer genauer hinsieht, erkennt nach wie vor den rote Faden seines Schaffens. Nachdem die körperlichen Verwandlungen als Sujet seiner Filme mit dem neuen Jahrtausend ausklangen, widmete sich der Filmemacher mehr und mehr psychischen Transformationen und der Fragilität von Identität. „Eastern Promises“ und handelt von der Russenmafia in London. Kein Cronenberg Thema? Auf den ersten Blick nicht, doch unter der grandios inszenierten Oberfläche warten Schicht um Schicht alternative Realitäten auf den Zuschauer.

Die Story: Vor den Augen der Krankenschwester Anna Khitrova (Naomi Watts) stirbt die schwangere Tatiana (Sarah-Jeanne Labrosse). Das Baby überlebt. Anna nimmt daraufhin das russische Tagebuch der Toten an sich und forscht darin nach einer Kontaktadresse. Im Buch findet sie auch die Adresse eines russischen Restaurants. Den Besitzer Semyon (Armin Mueller-Stahl) bittet sie um Übersetzung des Tagebuches, nicht ahnend, dass sie an einen Paten der Londoner Vory V Zakone, einer mafiösen Vereinigung geraten ist.

Cronenberg interessiert sich im weiteren Verlauf weniger für den vordergründig konventionellen Genreplot als viel mehr für die Personen – Personen, die auf den ersten Blick wirken, als wären sie leicht zu durchschauen: Die hilfsbereite Krankenschwester, die fiesen Gangster der Russenmafia… Doch wie so oft bei Cronenberg trügt auch hier der Schein. Sicherlich hat „Eastern Promises“ auch als Gangsterfilm seine Stärken; doch wer  einen normalen Spannungsbogen oder auch nur genre-typische Action erwartet, wird –von einem denkwürdigen WTF!-Scharmützel in einem Dampfbad einmal abgesehen – möglicherweise enttäuscht. Ein wenig erinnert der Film an einen guten Tee, der sich erst nach und nach, mit jedem Aufguss in wenig anders und die vollständig offenbart, sondern bis zuletzt einige seiner Geheimnisse bewahrt.

Nach „History Of Violence“ und vor „A Dangerous Method“ ist „Eastern Promises“ der zweite Cronenberg-Film, in dem Viggo Mortensen die Hauptrolle übernahm. Er spielt Nikolai, den Chauffeur und Bodyguard von Semyons Familie. Wie schon im Vorgänger läuft Mortensen zu Höchstleistungen auf und präsentiert sich als einer der interessantesten und wandlungsfähigsten Schauspieler des jungen Jahrtausends. Sein Spiel, aber auch das der anderen Darsteller hat Oscarqualität. Hier seien vor allem der hier mal ultra-gruselige Armin Mueller-Stahl als gefährliches Familienoberhaupt wie Vincent Cassel als sein Sohn Kirill genannt, die alle anders sind als sie auf den ersten Blick erscheinen. Aus diesem Grund, weil in „Eastern Promises“, diesem ruhigen, hypnotischen Thriller mit mehr als einem doppelten Boden, nichts ist wie es ist, sondern alles zwischen alternativen Möglichkeiten oszilliert, kann ich ihn mir immer wieder mit großem Genuss ansehen.

Bild © 20th Century Fox

Kino 2014: Meine Top 10


Um die 80 Filme habe ich dieses Jahr im Kino gesehen. Die besten 10 stelle ich hier kurz vor. Und kurz heißt wirklich kurz, denn zu den meisten habe ich mich im Laufe des Jahres schon geäußert. Diesmal ist es mir unglaublich schwer gefallen, mich bei den Plätzen sieben bis zehn zu entscheiden. Einige, wie z.B. „Guardians Of The Galaxy“, „Her“ oder „Boyhood“ waren heiße Kandidaten, haben es dann aber doch nicht auf die Liste geschafft. Andere, wie „Das merkwürdige Kätzchen“ (Kritik hier!), hatten zwar Anfang dieses Jahres offiziell Kinostart, liegen aber gefühlt so lange zurück (ich hatte ich schon das Jahr zuvor gesehen), dass ich sie hier irgendwie nicht nennen mag. Lange Rede – hier meine Top 10 2014.

Under The Skin (Jonathan Glazer, Großbritannien, Schweiz, USA 2013)

Eine verführerische, namenlose Frau (Scarlett Johansson) fährt durch Schottland und lockt Männer in ihren Van, die sie dann… Und hier versagt die Sprache bereits, das adäquat wiederzugeben, was die hypnotischen Bilder dem Zuschauer zeigen: Sie locken wie die Frau im Auto, umgarnen und verführen den Betrachter – um ihn dann mit ein Ruck hineinzureißen und zu verschlingen.„Under The Skin“ ist mein Film des Jahres, weil er bei mir zum einen im unmittelbaren Erleben die größte Kraft entfaltet hat und weil er zum anderen reich an Interpretationsmöglichkeiten ist. Ich favorisiere die Deutung, dass es sich um eine Allegorie auf Prostitution handelt. Eine heiß-kalte Kinoerfahrung sondergleichen! Für ein paar mehr Sätze mehr geht’s hier zu meiner Fantasy-Filmfest-Zusammenfassung. Wenn ich es schaffe, ihn ein zweites Mal zu sehen, gibt’s vielleicht auch einen längeren Text.

Maps To The Stars (David Cronenberg, USA / Kanada 2014)

Mir fällt kein zweiter Regisseur ein, der mich regelmäßig mit jedem neuen Film in Erstaunen versetzt. Obwohl David Cronenberg zu den Filmemachern gehört, in dessen Werken sich durchaus ein roter Faden erkennen lässt, ist jeder Film wieder überraschend. Ich glaube, wer „Maps To The Stars“ nur als Hollywood-„Satire“ sieht, wird ihn bestenfalls gut finden. Um jedoch hin und weg zu sein – so wie ich – muss man in ihm schon einen weiteren Versuch Cronenbergs über menschliche Existenzformen sehen. Und wo lassen sich Trans- und Deformationen des Homo Sapiens besser zeigen, als in der (Alp-)Traumfabrik? Zum Blog-Artikel geht’s hier.

The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 (Francis Lawrence, USA 2014)

Der dritte Platz meiner Jahres-Top-10 ist, fast schon traditionell, „The Hunger Games“. Eigentlich wird erst in „The Hunger Games: Mockingjay – Part 1“ deutlich, in welche Richtung sich die todtraurige Handlung entwickelt. Die ersten beiden Teile haben gezeigt, wie das Unrechtssystem Panem funktioniert. Der dritte Teil handelt vom Aufbegehren der Unterdrückten. Es geht nicht nur um ein perverses, degeneriertes Gesellschaftssystem, es zeigt sich auch, dass sich selbst die Revolution dessen Regeln beugen muss. Dieser Teil ist ein sehr starker Film. Wie stark er im Vergleich zu den Vorgängern ist, mag ich nach einmaligem Sehen noch nicht entscheiden, faszinierend an Teil drei finde ich allerdings, wie sehr er sich von der normalen Blockbuster-Dramaturgie unterscheidet. Der ergreifendste Moment ist ein Bombenangriff, von dem man nicht mehr sieht als die im Bunker zusammengekauerten Menschen. Gänsehaut. Hier meine komplette Kritik auf Kino-Zeit.

All Is Lost (J. C. Chandor, USA 2013)

Ich habe „Gravity“ gesehen und war – abgesehen von dem nervigen Score – sehr angetan. Dann habe ich ihn mir noch einmal auf DVD angesehen und war, aus Gründen die mir da noch nicht ganz klar waren, weniger begeistert. Als ich dann J. C. Chandors „All Is Lost“ ansichtig wurde, in dem ein großartiger Robert Redford bis zum letzten Moment gegen die Natur trotzt, war mir auf einmal klar, was mich an „Gravity“ stört: In Alfonso Cuaróns Weltraum ist mir einfach zu viel los. Überall Raumstationen und Satelliten bzw. deren Trümmer. Und George Clooney. In „All Is Lost“ gibt es nur den alten Mann und das Meer, was für mich wesentlich besser funktioniert. Etwas mehr dazu hier im Blog.

Enemy (Denis Villeneuve, Spanien / Kanada 2013)

Der meistgelesene Artikel in meinem Blog dieses Jahr. „Arachnida – Spinnentiere – werden nicht nur mit menschlichen Ängsten, sondern ebenso mit Weiblichkeit und Mutterschaft assoziiert,“ schrieb ich über den Film und weiter: „Es darf angenommen werden, dass ein Teil des Subjekts seine Zukunft als Familienvater als ebensolche Gefahr wahrnimmt wie ein anderer Teil seine zwielichtige Vergangenheit samt Sex-Clubs und Affären. Die Akzeptanz der einen Realität führt immer auch zur Aufgabe der anderen.“ Vielleicht hat dieser Interpretationsansatz dem ein oder anderen geholfen, besser mit dem Film zurechtzukommen. Ich glaube immer noch, dass dieser Zugang ein guter Startpunkt ist, sich diesem verrätselten aber trotzdem äußerst spannenden und bedeutungsreichen Werk zu nähern. Freue mich auf die Zweitsichtung (aus tagesaktuellem Anlass) wie ein Schneekönig.

Höhere Gewalt (Ruben Östlund, Schweden / Dänemark / Frankreich /Norwegen 2014)

In „Höhere Gewalt“ (OT: Turist) macht eine schwedische Familie Skiurlaub in den französischen Alpen. Bei einer Lawine flieht der Vater – und lässt die Mutter und die Kinder zurück. Alle überleben, aber hinterher ist das Familienleben nicht mehr wie es mal war. Außerdem entspinnt sich ein Streit darüber, wie die Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben. „Ich teile deine Sicht auf die Dinge nicht“, sagt er. Und sie verzweifelt immer mehr. Das klingt nach viel Psychologie, doch „Höhere Gewalt“ ist eher ein soziologisches Experiment über Geschlechterrollen. Und bietet viel Stoff zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, ob der Film auch mit umgekehrten Rollen – sie flieht und lässt ihn und die Kinder zurück – auf gleiche Weise funktionieren würde.

Black Coal, Thin Ice (Diao Yinan, China 2014)

Am ehesten erinnert die Geschichte an den amerikanischen Film noir, dessen düstere, pessimistische Weltsicht er teilt. Trotzdem fällt es mir schwer, „Black Coal, Thin Ice“ als neo noir zu bezeichnen, weil er inhaltlich und ästhetisch zwar ähnlich, aber doch signifikant anders ist. „Black Coal, Thin Ice“ ist selbst ein wenig wie ein kohlrabenschwarzer, zugefrorener See, bei dem man nie genau weiß, ob das Eis dick genug ist, um zu tragen. Es knirscht bedrohlich, je weiter man sich in diesen Film wagt. Darüber hinaus ist Yinans Film auch ziemlich lustig. Auf einmal steht da ein Pferd auf dem Flur, ein anderes Mal findet sich der Zuschauer inmitten einer skurrilen Schlittschuhverfolgungsjagd wieder. Mehr als einmal gelingt es dem Regisseur den Zuschauer aufs Glatteis zu führen, ganze Handlungsstränge verschwinden im Nichts, rätselhafte, ja surreale Momente tauchen auf, verschwinden als wären sie nie dagewesen. Ein verzweifelter Humor zieht sich durch den Film, Augenblicke großer Schönheit schlagen um in ätzende Sozialkritik. Denn schlussendlich geht der große, Jahre umfassende Kriminalfall des Films auf eine Bagatelle zurück. Und es sind mal wieder die Armen und sozial Schwachen, die darunter zu leiden haben.

Gone Girl (David Fincher, USA 2014)

Über „Gone Girl“ gäbe es so viel zu schreiben; das habe ich lieber gleich gelassen. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie gut ich den Film eigentlich finde. Die Romanvorlage hatte ich vorab gelesen, die erste Hälfte, die alles so wunderbar in der Schwebe lässt, fand ich toll, die zweite war mir zu stark konstruiert. Trotzdem mochte ich das Buch. Und den Film von Fincher wohl sogar noch etwas lieber. Die weniger glaubwürdigen Momente des Buches spielen der Satire, die der Film eindeutig ist, in die Hände und veredeln die Reflexion über Schein und Sein und die Absurdität der Beziehungshölle. Hinter den glatten Oberflächen und perfekten Bildern tun sich ewige Abgründe auf. Mit einer anderen weiblichen Hauptdarstellerin (z.B. Meg Ryan oder besser noch Reese Witherspoon!), die nicht so offensichtlich den Twist des Films vorwegnimmt, wäre „Gone Girl“ wahrscheinlich noch ein oder zwei Plätze weiter oben in meiner Jahres-Top-10 gewesen. Für’s erste muss er sich mit Platz 8 begnügen.

Wara No Tate (Takashi Miike, Japan 2013)

Ein Killer, ein Kopfgeld von einer Milliarde Yen und eine Handvoll korrupter Cops – mehr braucht Takashi Miike nicht für seinen ultraspannenden Thriller „Wara no tate“. Das bedeutet „Schild aus Stroh“ und spielt darauf an, wie fragil der Schutz ist, den das japanische Rechtssystem gewährt, wenn ausreichend Geld im Spiel ist. Miike stellt hier unterschiedliche Gesichter des Bösen vor und stellt letztlich die Frage, welche davon die Gesellschaft am ehesten zersetzt. Für den Zuschauer ist das eine Achterbahnfahrt an deren Ende sein moralischer Orientierungssinn ordentlich durcheinander geschüttelt sein dürfte. Für Kino-Zeit habe ich den Film ausführlich gelobt, bitte hier klicken.

Need For Speed (Scott Waugh, USA 2014)

Bis vor kurzem war Richard Linklaters „Boyhood“ noch auf diesem Listenplatz. Im letzten Moment habe ich mich umentschieden und Martin Scorseses bitterböse Kapitalismus-Satire „The Wolf of Wall Street“ vorgezogen. Im allerletzten Moment bin ich dann ein weiteres Mal umgeschwenkt und habe „Need For Speed“ hierhin verpflanzt. Warum? Scott Waugh ist hier ein unglaublich stylischer, visuell starker, herrlich ernsthafter und gleichzeitig wunderbar naiv-komischer Film gelungen. Sind das die 80er oder schon die 90er Jahre? Oder ist es ein zeitloses, hyperreales Jetzt, in das Waugh den Zuschauer katapultiert? Das Computerspiel gibt es seit 1994, es wird aber immer noch fortgesetzt. Der Film ist nun das längst fällige Denkmal des bis heute über 100 Million Male verkauften Spiels. Selbst wenn man „Need For Speed“ nicht irgendwann mal selbst gespielt hat – der Freude an dem Film hat das bei mir keinen Abbruch getan.

Maps To The Stars (David Cronenberg, USA / Kanada 2014)


maps to the starsEs gehen Geister um in Hollywood: Die Schauspielerin Havana (Julianne Moore) z.B. wird von ihrer toten Mutter (Sarah Gadon) heimgesucht. Wie besessen versucht sie in deren Fußstapfen zu treten. Der 13-jährige Kinderstar Benjie Weiss (Evan Bird) sieht ebenfalls Gespenster. Ihm erscheint ein totes Mädchen (Kiara Glasco). Und dann betritt ein ganz reales Gespenst die Bildfläche: Benjies Schwester Agatha (Mia Wasikowska), die vor Jahren Benjie mit Medikamenten ruhiggestellt und anschließend das Haus in Brand gesetzt hatte…

Es gibt kaum einen anderen Filmemacher, der so stark an seinem Thema arbeitet, ohne sich jemals zu wiederholen. David Cronenberg ist als Regisseur und Autor wie ein Forscher, der immer weitere Fragen stellt und immer neue Aspekte seines Forschungsgegenstandes enthüllt. Auch „Maps To The Stars“ ist wieder ein echter Cronenberg, in der sich der kanadische Filmemacher noch weiter in die Untiefen menschlicher Existenz(ver)form(ung)en wagt.

„Wissenschaft, die sich gegen den Menschen wendet“ war das Thema, auf das man Cronenberg am Anfang seiner Karriere oft reduziert hat. Doch dies sollte sich nur als ein Aspekt von etwas viel Größerem herausstellen, nämlich der Wandlungsfähigkeit des Menschen schlechthin. Anfangs waren es noch die vor allem körperlichen Transformationsszenarien einer der grenzenlosen Wissenschaft ausgelieferten Welt, die Veränderung des menschlichen Körpers, seine Verschmelzung mit der Maschine. Body Horror nannte man das. Doch immer deutlicher wurde, dass es Cronenberg um den Übergang zu neuen Existenzformen geht, die nicht mehr nur den menschlichen Körper, sondern ebenso dessen Geist umfassen. Denn Transformation bedeutet bei Cronenberg mehreres – sie ist zivilisatorische Dystopie, Vision eines tief greifenden, gesellschaftsverändernden Wandels, vor allem aber die Mutation des Individuums und seiner Persönlichkeit. Und wo könnte man die Verformungen der menschlichen Seele besser erforschen als in Hollywood?

In „Maps To The Stars“, der auf der Romanvorlage „Dead Stars“ von Bruce Wagner beruht, geht es nicht nur um einen Brand, welcher der Auslöser der Geschichte ist – auch der Film selbst ist ein hellgleißender, feuriger Himmelskörper, der in Hollywood, dem Filmzentrum dieser Welt, zu Boden geht und alles in seiner Glut zu Asche werden lässt. Doch das Feuer ist kein Purgatorium, es reinigt nicht. Aus der Asche erheben sich die Geister der Verstorbenen, um ihre inzestuösen Nachfahren zu peinigen – bis diese aus Verzweiflung selbst in die Flammen steigen. Ein Teufelskreis, aber vielleicht auch der perverse, generationsübergreifende Mechanismus, aus dem die (Alp-)Traumfabrik die Energie für ihre Produkte schöpft. Eine bitterböse, nachthimmelschwarze, aber auch stellar funkelnde Satire hat Cronenberg seinem Publikum hier geschenkt. Und apropos Stern: Noch nie war ein Cronenberg-Film so voller Stars. Neben den genannten sind außerdem zu sehen: Olivia Williams als Benjies Mutter und John Cusack als sein Vater, Robert Pattinson als ehrgeiziger Chauffeur und Carrie Fisher ganz groß (!!!) als – Carrie Fisher. Zu zeigen, wie formbar dieses Wesen „Mensch“ ist, wäre ohne diese großartigen Darsteller nicht möglich gewesen.

Bild © MFA
 

Cosmopolis (David Cronenberg, Kanada 2012)

Posted by 3. Juni 2012

Vorgestern Morgen habe ich „Cosmopolis“ im International gesehen. Vor dem Kino campierten trotz Regen gut 20 weibliche Teenies, wohl, weil sie hofften einen Blick oder mehr von Robert Pattinson zu erhaschen. Der hatte sich nämlich für die später am Tag stattfindende Premiere angekündigt. Die Kinder saßen da und froren – die Presse wurde eingelassen, um sich den Film anzusehen. Zwei unterschiedliche Systeme, die, obwohl sich beide mit Sicherheit ein übergeordnetes System teilen, nichts miteinander zu tun haben. Es gibt keine Schnittstelle. Obwohl in beiden Systemen der Name Robert Pattinson vorkommt, bedeutet er hier und da etwas anders.

Ja, wenn man „Cosmopolis“ gesehen hat, dann denkt man über Systeme und über das durch sie gezähmte Chaos nach.

Eric Packer (Robert Pattinson) ist reich, sehr reich. Eine Kathedrale zu kaufen, um sie in seinem Apartment wieder zu errichten, stellt für den Multimilliardär kein Problem dar. Heute ist Eric auf dem Weg zum Frisör. Aufgrund von Unruhen kommt seine Limousine allerdings nur langsam voran, seine Geschäfte erledigt er deswegen in seinem Wagen.  Dass es ein Attentäter auf ihn abgesehen haben könnte, lässt Eric kalt. Es beunruhigt ihn allerdings, dass sich der Yuan anders entwickelt als von ihm vorhergesehen; und dass seine Prostata asymmetrisch ist.

Das kognitive System Eric Packer sitzt im System Limousine. Außerhalb: System Welt, bestehend aus unendlich vielen anderen Systemen. Eines davon ist das sogenannte Finanzsystem, ein anderes heißt Benno Levin (Paul Giamatti). Allen Systemen gemeinsam ist, dass sie nach ihren eigenen Regeln funktionieren und nur ihre eigene Sprache verstehen. Das stellt System Zuschauer im Allgemeinen und System Björn im Besonderen natürlich vor erhebliche Schwierigkeiten.

Natürlich sucht man den ganzen Film über nach Mustern, nach irgendetwas, dass einen Ansatz zur Interpretation der Geschichte liefert. Asymmetrien und Symmetrien, Muster und Chaos spielen in „Cosmopolis“ eine große Rolle. Eric und die Personen, die er trifft, reden unentwegt. Tiefsinniges wechselt sich mit Banalitäten ab, Sinnvolles und Unsinn sind nicht voneinander zu unterscheiden. Auf der inhaltlichen Ebene ist „Cosmopolis“ daher auch, so scheint es mir zumindest, nicht beizukommen. Darauf deuten schon Vor-und Abspann hin, die jeweils ein abstraktes Gemälde zeichnen. Am Anfang steht das Chaos, am Ende die vermeintliche Ordnung. Und so zeigt sich auch der Film als eine Suche nach Bedeutung in dem Strom der vorbeirauschenden Informationen. Was ist wichtig und was ist es nicht, fragt sich der Zuschauer.

Der Sitz in Erics Limousine gleicht einem Thron. Er ist seiner Umwelt überlegen, weil er zu wissen scheint, was passiert. „Du weißt Dinge. Ich glaube, das ist es, was du machst“, sagt seine Frau an einer Stelle des Film zu ihm. Aber auch Eric muss merken, dass er das Finanzsystem, die Quelle seines Reichtums, aber auch die Ereignisse um ihn herum nicht wirklich versteht. Eric glaubt, Muster erkennen zu können, muss aber feststellen, dass dort eigentlich nur Chaos ist. Diese Erkenntnis steht in einem eigenartigen Spannungsverhältnis zu den Bildern im Vor- und Abspann. Ist die Ordnung, die das Bild am Ende suggeriert, wohlmöglich nur Illusion?

„Cosmopolis“ ist eindeutig ein Cronenberg, auch wenn der Regisseur hier formal noch eigenwilliger vorgeht als man es ohnehin von ihm gewohnt ist. Eric sitzt in seiner Limousine, die seine Schaltzentrale, sein Rechen- und Analysezentrum ist. Ob man dies als eine Reise nach Innen oder eine Auslagerung des Gehirns sehen will, macht keinen Unterschied. Wichtig ist, dass Cronenberg seine Transformationsszenarien wieder ein Stück weiter denkt und sein Oeuvre abermals bereichert. Mir fällt ehrlich gesagt kein zweiter Filmemacher ein, der so stark an seinem Thema arbeitet, ohne sich jemals zu wiederholen. Cronenberg ist als Filmemacher wie ein Forscher, der immer weitere Fragen stellt und immer neue Aspekte seines Forschungsgegenstandes enthüllt. Mit „Cosmopolis“, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Don DeLillo, scheint mir sein Werk intellektuell seinen Höhepunkt erreicht zu haben, weil er die Frage nach der Verwandlung des Menschen weiterführt und zu einer skeptischen Antwort gelangt, die sich gleichzeitig auch auf den eigenen Schaffensprozess anwenden lässt. Ist Kontrolle eine Illusion? Ich bin sehr gespannt, wie Cronenberg nach diesem Film weitermacht.

Bei „Cosmopolis“ habe ich die seltene Erfahrung gemacht, während des Schauens eine längere Zeit genervt zu sein – das lag vor allem an den Dialogen, bei denen ich mir nie sicher war, ob sie tiefsinnig oder absoluter Käse waren –, nur, um ihn danach noch großartiger zu finden. Ich gebe zu, dass ich  auch schon mal versucht habe, mir Filme schön zu denken (bei „Benjamin Button“ war das z.B. der Fall). Aber das funktioniert immer nur eine Zeit lang. Es bleibt abzuwarten, wie es sich mit „Cosmopolis“ verhält, wenn ich ihn verarbeitet habe. Im Moment ist es für mich ein ganz großer Film.

Bild © Falcom Media