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Splice (Vincenzo Natali, Kanada, Frankreich, USA 2009)

Posted by – 16. November 2013

spliceNormalerweise schreibe ich die Texte hier im Blog kurz nach dem Sehen der Filme. Im Falle von Vincenzo Natalis „Splice“ sind nach der zweiten Sichtung nun schon mehr als drei Jahre vergangen. Angeregt durch eine Diskussion über den Regisseur und vor allem diesen Film, möchte ich jetzt doch noch einmal ein paar Sätze aufschreiben. Vielleicht führt das dazu, dass der eine oder andere „Splice“ noch einmal eine Chance gibt. Obwohl  Natali 1997 mit „Cube“ einen künstlerisch bemerkenswerten und an den Kinokassen durchaus erfolgreichen Film abgeliefert hat, ist er immer noch kaum mehr als ein Geheimtipp. Daran haben auch die folgenden Spielfilme – der clevere Sci-Fi-Thriller „Cypher“ und die philosophische Komödie „Nothing“ – wenig geändert. Und auch mit dem doppelbödigen Monsterfilm „Splice“ ist Natali weder der kommerzielle Durchbruch noch der Einzug ins Herz der meisten Cineasten gelungen – was mir damals wie heute ein Rätsel ist.

„Splice“ handelt von den Biowissenschaftlern Clive (Adrian Brody) und Elsa (Sarah Polly), die für ein Pharmaunternehmen arbeiten. Dem Paar ist es nicht nur gelungen, ein geklontes Lebewesen zu erschaffen, das für die Produktion von Medikamenten dient, sondern heimlich auch Tier- und Pflanzengenen mit menschlichen Genen zu kreuzen. Das Ergebnis: Ein humanoides Hybridwesen. Da das Wesen, das die beiden Forscher Dren nennen, im Forschungslabor nicht sicher ist, entführen die Wissenschaftler ihre Schöpfung kurzerhand und verstecken es in Elsas Geburtshaus, einer abgelegenen Hütte im Wald. Doch Dren ist nicht nur ein Forschungsobjekt, sondern hat ganz eigene Wünsche und Bedürfnisse.

Die Nähe zu Mary Shellys „Frankenstein“ ist unübersehbar, aber es ließen sich noch eine ganze Reihe anderer Filme nennen, auf die Natali – mal mehr, mal weniger explizit – Bezug nimmt. Man kann „Splice“ also mit Recht als eine Art Best Of des Monsterfilms bezeichnen, und das Finale ist dann auch eine ganz deutliche Verbeugung an die Filme der Hammer Studios der 1950er Jahre. Doch Natali will mehr als das. Aus den Versatzstücken des Genres kreiert er eine Groteske über eine dysfunktionale Familie, die ihre Wünsche auf ihr Kind projiziert (in gewisser Weise ist „Frankenstein“ das ja auch schon) und damit ein Monster erschafft: Elsa selbst stammt aus problematischen Verhältnissen und hat deswegen Angst, ein eigenes Kind zu bekommen. In Dren sieht sie nun die Chance, sich als Mutter auszuprobieren. Clive hingegen hätte das Wesen anfangs am liebsten getötet, doch je mehr das Experiment die Gestalt einer jungen, exotischen Frau annimmt, desto mehr fühlt er sich zu ihr hingezogen. Und irgendwann ist es eigentlich gar nicht mehr so klar, wer hier eigentlich das Monster ist. Die weniger bekannte französische Darstellerin Delphine Chaéac macht ihre Sache als Dren nebenbei bemerkt sehr überzeugend. Wie die postmodernen Eltern des Films erlebt auch der Zuschauer durch sie ein Wechselbad der Gefühle. Nicht nur den ausgeklügelten Special Effects, sondern auch Chaéac hat Natali es zu verdanken, dass er mit Dren (rückwärts für „Nerd“) ein Filmmonster erschaffen konnte, das seinesgleichen sucht.

Mein einziger Kritikpunkt am Film wäre, dass er etwas zu sehr auf das Ziel, weniger auf den Weg dahin ausgerichtet ist. Deswegen macht er vielleicht auch besonders beim ersten Sehen Spaß. Ein starker Film, bei dem es auch bei mehrmaligem Sehen etwas zu entdecken gibt, ist „Splice“ nichtsdestotrotz. Natali untermauert mit ihm seinen Ruf als intelligenter, vielseitiger und meiner Meinung nach sträflich unterschätzter Filmemacher, der nicht nur spannende, sondern auch tiefgründige Geschichten erzählen kann und darüber hinaus alle Register des Genre-Kinos beherrscht. Seltsamer Weise scheinen das andere Menschen anders zu sehen.

P.S. Das erste Mal habe ich „Splice“ auf Fantasy Filmfest Nights 2010 gesehen. Text von damals gibt’s hier.

Bild © Universum