Tag: Denis Villeneuve

Sicario (Denis Villeneuve, USA 2015)

Posted by – 2. März 2016

SicarioNach der Bundeszentrale für Politische Bildung bezeichnet man als „Krieg“ einen „organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Staaten bzw. zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates“ (-> bpb). Bei der Vielzahl der Kriege, die derzeit weltweit ausgefochten werden und deren gefühlt zunehmender Komplexität, kann man schon mal den Überblick verlieren. Kriege, die Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, verschwinden nicht selten ganz vom Radar, obwohl sie mit unverminderter Härte weitergehen. Ein ähnliches Schicksal hat den sogenannten „mexikanischen Drogenkrieg“ ereilt, auch wenn er uns immer mal wieder durch einen Zeitungsartikel oder Filme in Erinnerung gerufen wird. „Die Grenzen sind verschoben worden“, heißt es irgendwann in Denis Villeneuves großartigem „Sicario“, einem der Filme über diesen Krieg, und etwas später: „Das hier ist jetzt das Land der Wölfe“. Das muss auch die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) erfahren, die von einer internationalen Einsatztruppe unter der Leitung des Agenten Matt Graver (Josh Brolin) für einen undurchsichtigen Auftrag rekrutiert wird. Ebenfalls mit von der Partie – der Söldner. Alejandro (Benicio Del Toro). Bald muss Kate feststellen, dass die Prinzipien, für die sie kämpft, im „Land der Wölfe“ keine Bedeutung haben.

Hat man das nicht alles schon gesehen? Die Parallelen zu „Traffic“ sind eindeutig, aber auch an „Zero Dark Thirty“ habe ich mich atmosphärisch und durch die Figurenkonstellation erinnert gefühlt. Doch Villeneuves Film hat geht weiter in seiner Aussage, ist komplexer und schwerer zu greifen als die genannten. Es ist ein ruppiger Film aber man kann leicht glauben, hinter den kraftvollen, teils magisch anmutenden Bildern von Kameramann Roger Deakins, unterlegt mit dem düsteren Score von Jóhann Jóhannsson, eine transzendente Note wahrzunehmen. Die Brutalität im mexikanischen Drogenkrieg kennt keine Grenzen. Das machen schon die ersten Szenen des Films deutlich, wenn Agentin Kate Macer mit ihrem Einsatzteam ein Haus stürmt und in den Wänden etliche, grausam zugerichtete Leichen findet. Doch geht es in dem Film weder um die direkten Auswirkungen des Krieges, noch um das komplizierte Verhältnis zwischen Mexiko und den USA; und es ist auch kein Film über eine toughe Polizistin.

Was ist er stattdessen? Zum einen ist der Film sicherlich das, was sein Titel sagt. „Sicario“ bezeichnet innerhalb des organisierten Verbrechens einen Auftragskiller. Und darum geht es. Auch. Wer in Villeneuves Film derjenige welcher ist, stellt sich allerdings erst im späteren Verlauf heraus. Hier bietet der Film ebenfalls verschiedene Deutungsmöglichkeiten an. Gleichermaßen – auch dies steckt in dem Begriff des „Auftragskillers“ irgendwie drin – geht es um komplexe Beziehungen. Jemand bekommt dafür Geld, einen Menschen umzubringen. Das alles geschieht aus einem ganz bestimmten Grund: Ein solcher Mord hat eine Geschichte – genauso wie er eine Zukunft haben wird. Jeder Akt der Gewalt erzeugt weitere Gewalt, ein Kreislauf; und falls die Mühlen sich zu langsam drehen, kann man mit Geld die ganze Sache jederzeit ein wenig beschleunigen.

Die Grenzen mögen sich verschoben haben und der gezeigte Kosmos nun von „Wölfen“ beherrscht werden. Doch nicht zwischen Staaten, sondern zwischen einer immer größer werdenden Anzahl von Akteuren. „Wölfisch“ wird der Krieg dadurch, dass er nach normalem Verständnis nicht mehr regelhaft abläuft. Es geht nicht mehr darum, den Konflikt zu gewinnen. Um was geht es dann? Warum ändert sich trotz der Anstrengung aller rivalisierenden Wolfsrudel nichts an dem Mächteverhältnis? Warum ist nicht endlich der mächtige Alphawolf USA in der Lage, den Gegner tödlich zu treffen? Eine Antwort könnte sein, dass ein Kräftegleichgewicht besteht. Niemand gewinnt, weil alle gleich stark sind. Diese Erklärung überzeugt mich allerdings nicht, ich favorisiere eine andere. Ich denke, dass der Drogenkrieg existent bleibt, weil er für alle genügend Vorteile bietet. Bezogen auf die oben genannte Definition der Bundeszentrale heißt das, dass bei Kriegen gar nicht unbedingt der Konflikt, verstanden als das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen, im Mittelpunkt stehen muss. Bei unterschiedlichen Interessen würde sich das stärke Interesse irgendwann durchsetzen. Vielleicht ist es deswegen sinnvoller, den Krieg, von dem hier die Rede ist, als eine Art Beziehung zu interpretieren, bei der alle Partner mit genug Macht etwas davon haben. Dass diese polyamoröse Partnerschaft aka „der mexikanische Drogenkrieg“ jährlich mitunter 5-stellige Zahlen an Todesopfern zu verzeichnen hat, spielt keine Rolle. Es ändert sich nichts. Alles ist gut so wie es ist.

Bild © Studiocanal

Prisoners (Denis Villeneuve, USA 2013)

Posted by – 22. Februar 2015

Prisoners

Die Familien Dover und Birch feiern gemeinsam Thanksgiving. Nach dem Essen gehen die Töchter Anna Dover und Joy Birch draußen spielen – und sind kurz darauf spurlos verschwunden. Die Polizei nimmt zwar den Fahrer (Paul Dano) eines verdächtigen Wohnmobils fest, dem lässt sich jedoch nichts nachweisen. Während Detective Loki (Jake Gyllenhaal) weiterhin nichts unversucht lässt, den Täter zu finden, hält der Vater von Anna, Keller Dover (Hugh Jackman), den Mann am Steuer des Wohnmobils jedoch nicht für unschuldig – und entführt ihn.

Ich habe mich kurz gefragt, ob ich den Text mit dem Satz „Endlich habe ich den Film auch gesehen“ beginne. Weil mir „Enemy“ so gut gefallen hat, habe ich mich tatsächlich sehr auf „Prisoners“ gefreut. Nach dem Film ist die Stimmung allerdings eine andere, jetzt fühle ich mich gefangen in der Geschichte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. „Prisoners“ wird mitunter in einem Atemzug mit „Big Bad Wolves“ genannt. Und bin froh, dass Vielleneuves Film bis auf eine ähnliche Prämisse so gut wie gar nichts mit Aharon Keshales & Navot Papushados dümmlicher Selbstjustiz-Comedy gemein hat. Was hat er, was Filme ähnlichen Themas nicht haben, was macht gerade diesen Film zu einem schwarzen Loch, aus dem kein Lichtstrahl entweicht? Seit ein paar Tagen arbeitet es in mir, doch ich finde weder Eingang noch Ausgang. In seiner Absolutheit erinnert mich der Monolith „Prisoners“ an Filme wie „The Silence Of The Lambs“ oder „Seven“, nicht nur, weil dem Zuschauer ebenfalls ein klares Happy End verweigert wird. Villeneuves Film nach einem Drehbuch von Aaron Guzikowski ist in dieser Hinsicht sogar besonders perfide, weil eine Andeutung am Ende den geprügelten Zuschauer kurz die Illusion von Hoffnung geben mag.

In „Prisoners“ ist wirklich jeder ein Gefangener – im ganz wörtlichen Sinne oder auch im übertragenen: ein Gefangener seiner Geschichte, seiner Erziehung und persönlichen Traumata, seiner Weltanschauung und (falschen) Theorien etc. – und wahrscheinlich ist es auch der Titel, der am ehesten einen Weg in diesen hermetischen Film weist, der vordergründig ein reines Genre-Produkt, aber gleichwohl offensichtlich so viel mehr ist. Was genau, da bin ich mit meinen Gedanken noch nicht am Ende. Deswegen verbleibe ich mit der, bei Texten zu diesem unaufgeregt gleichwohl exzellent inszeniertem Film, unumgänglichen Feststellung, dass die Schauspieler durch die Bank wirklich Großartiges leisten. Jede ihrer Figuren ist plastisch und absolut glaubwürdig in ihren Ängsten, ihrem Getriebensein, und in dem vermeintlichen Akt von Freiheit, mit dem sie gegen die Mauern ihres Kerkers rennen.

Derzeit ist der Film noch ein mächtiger schwarzer Fels in der Brandung meiner Gedanken; aber er ist auch ein existenzielles Filmerlebnis, allerdings eines, das dem Zuschauer an die Substanz gehen kann. „Pray for the best, but prepare for the worst“, heißt es im Film. Aber auf das Böse, wie es im dort gezeigt wird, kann man nicht vorbereitet sein.

Bild © Universal Pictures

Kino 2014: Meine Top 10

Posted by – 29. Dezember 2014

Um die 80 Filme habe ich dieses Jahr im Kino gesehen. Die besten 10 stelle ich hier kurz vor. Und kurz heißt wirklich kurz, denn zu den meisten habe ich mich im Laufe des Jahres schon geäußert. Diesmal ist es mir unglaublich schwer gefallen, mich bei den Plätzen sieben bis zehn zu entscheiden. Einige, wie z.B. „Guardians Of The Galaxy“, „Her“ oder „Boyhood“ waren heiße Kandidaten, haben es dann aber doch nicht auf die Liste geschafft. Andere, wie „Das merkwürdige Kätzchen“ (Kritik hier!), hatten zwar Anfang dieses Jahres offiziell Kinostart, liegen aber gefühlt so lange zurück (ich hatte ich schon das Jahr zuvor gesehen), dass ich sie hier irgendwie nicht nennen mag. Lange Rede – hier meine Top 10 2014.

Under The Skin (Jonathan Glazer, Großbritannien, Schweiz, USA 2013)

Eine verführerische, namenlose Frau (Scarlett Johansson) fährt durch Schottland und lockt Männer in ihren Van, die sie dann… Und hier versagt die Sprache bereits, das adäquat wiederzugeben, was die hypnotischen Bilder dem Zuschauer zeigen: Sie locken wie die Frau im Auto, umgarnen und verführen den Betrachter – um ihn dann mit ein Ruck hineinzureißen und zu verschlingen.„Under The Skin“ ist mein Film des Jahres, weil er bei mir zum einen im unmittelbaren Erleben die größte Kraft entfaltet hat und weil er zum anderen reich an Interpretationsmöglichkeiten ist. Ich favorisiere die Deutung, dass es sich um eine Allegorie auf Prostitution handelt. Eine heiß-kalte Kinoerfahrung sondergleichen! Für ein paar mehr Sätze mehr geht’s hier zu meiner Fantasy-Filmfest-Zusammenfassung. Wenn ich es schaffe, ihn ein zweites Mal zu sehen, gibt’s vielleicht auch einen längeren Text.

Maps To The Stars (David Cronenberg, USA / Kanada 2014)

Mir fällt kein zweiter Regisseur ein, der mich regelmäßig mit jedem neuen Film in Erstaunen versetzt. Obwohl David Cronenberg zu den Filmemachern gehört, in dessen Werken sich durchaus ein roter Faden erkennen lässt, ist jeder Film wieder überraschend. Ich glaube, wer „Maps To The Stars“ nur als Hollywood-„Satire“ sieht, wird ihn bestenfalls gut finden. Um jedoch hin und weg zu sein – so wie ich – muss man in ihm schon einen weiteren Versuch Cronenbergs über menschliche Existenzformen sehen. Und wo lassen sich Trans- und Deformationen des Homo Sapiens besser zeigen, als in der (Alp-)Traumfabrik? Zum Blog-Artikel geht’s hier.

The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 (Francis Lawrence, USA 2014)

Der dritte Platz meiner Jahres-Top-10 ist, fast schon traditionell, „The Hunger Games“. Eigentlich wird erst in „The Hunger Games: Mockingjay – Part 1“ deutlich, in welche Richtung sich die todtraurige Handlung entwickelt. Die ersten beiden Teile haben gezeigt, wie das Unrechtssystem Panem funktioniert. Der dritte Teil handelt vom Aufbegehren der Unterdrückten. Es geht nicht nur um ein perverses, degeneriertes Gesellschaftssystem, es zeigt sich auch, dass sich selbst die Revolution dessen Regeln beugen muss. Dieser Teil ist ein sehr starker Film. Wie stark er im Vergleich zu den Vorgängern ist, mag ich nach einmaligem Sehen noch nicht entscheiden, faszinierend an Teil drei finde ich allerdings, wie sehr er sich von der normalen Blockbuster-Dramaturgie unterscheidet. Der ergreifendste Moment ist ein Bombenangriff, von dem man nicht mehr sieht als die im Bunker zusammengekauerten Menschen. Gänsehaut. Hier meine komplette Kritik auf Kino-Zeit.

All Is Lost (J. C. Chandor, USA 2013)

Ich habe „Gravity“ gesehen und war – abgesehen von dem nervigen Score – sehr angetan. Dann habe ich ihn mir noch einmal auf DVD angesehen und war, aus Gründen die mir da noch nicht ganz klar waren, weniger begeistert. Als ich dann J. C. Chandors „All Is Lost“ ansichtig wurde, in dem ein großartiger Robert Redford bis zum letzten Moment gegen die Natur trotzt, war mir auf einmal klar, was mich an „Gravity“ stört: In Alfonso Cuaróns Weltraum ist mir einfach zu viel los. Überall Raumstationen und Satelliten bzw. deren Trümmer. Und George Clooney. In „All Is Lost“ gibt es nur den alten Mann und das Meer, was für mich wesentlich besser funktioniert. Etwas mehr dazu hier im Blog.

Enemy (Denis Villeneuve, Spanien / Kanada 2013)

Der meistgelesene Artikel in meinem Blog dieses Jahr. „Arachnida – Spinnentiere – werden nicht nur mit menschlichen Ängsten, sondern ebenso mit Weiblichkeit und Mutterschaft assoziiert,“ schrieb ich über den Film und weiter: „Es darf angenommen werden, dass ein Teil des Subjekts seine Zukunft als Familienvater als ebensolche Gefahr wahrnimmt wie ein anderer Teil seine zwielichtige Vergangenheit samt Sex-Clubs und Affären. Die Akzeptanz der einen Realität führt immer auch zur Aufgabe der anderen.“ Vielleicht hat dieser Interpretationsansatz dem ein oder anderen geholfen, besser mit dem Film zurechtzukommen. Ich glaube immer noch, dass dieser Zugang ein guter Startpunkt ist, sich diesem verrätselten aber trotzdem äußerst spannenden und bedeutungsreichen Werk zu nähern. Freue mich auf die Zweitsichtung (aus tagesaktuellem Anlass) wie ein Schneekönig.

Höhere Gewalt (Ruben Östlund, Schweden / Dänemark / Frankreich /Norwegen 2014)

In „Höhere Gewalt“ (OT: Turist) macht eine schwedische Familie Skiurlaub in den französischen Alpen. Bei einer Lawine flieht der Vater – und lässt die Mutter und die Kinder zurück. Alle überleben, aber hinterher ist das Familienleben nicht mehr wie es mal war. Außerdem entspinnt sich ein Streit darüber, wie die Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben. „Ich teile deine Sicht auf die Dinge nicht“, sagt er. Und sie verzweifelt immer mehr. Das klingt nach viel Psychologie, doch „Höhere Gewalt“ ist eher ein soziologisches Experiment über Geschlechterrollen. Und bietet viel Stoff zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, ob der Film auch mit umgekehrten Rollen – sie flieht und lässt ihn und die Kinder zurück – auf gleiche Weise funktionieren würde.

Black Coal, Thin Ice (Diao Yinan, China 2014)

Am ehesten erinnert die Geschichte an den amerikanischen Film noir, dessen düstere, pessimistische Weltsicht er teilt. Trotzdem fällt es mir schwer, „Black Coal, Thin Ice“ als neo noir zu bezeichnen, weil er inhaltlich und ästhetisch zwar ähnlich, aber doch signifikant anders ist. „Black Coal, Thin Ice“ ist selbst ein wenig wie ein kohlrabenschwarzer, zugefrorener See, bei dem man nie genau weiß, ob das Eis dick genug ist, um zu tragen. Es knirscht bedrohlich, je weiter man sich in diesen Film wagt. Darüber hinaus ist Yinans Film auch ziemlich lustig. Auf einmal steht da ein Pferd auf dem Flur, ein anderes Mal findet sich der Zuschauer inmitten einer skurrilen Schlittschuhverfolgungsjagd wieder. Mehr als einmal gelingt es dem Regisseur den Zuschauer aufs Glatteis zu führen, ganze Handlungsstränge verschwinden im Nichts, rätselhafte, ja surreale Momente tauchen auf, verschwinden als wären sie nie dagewesen. Ein verzweifelter Humor zieht sich durch den Film, Augenblicke großer Schönheit schlagen um in ätzende Sozialkritik. Denn schlussendlich geht der große, Jahre umfassende Kriminalfall des Films auf eine Bagatelle zurück. Und es sind mal wieder die Armen und sozial Schwachen, die darunter zu leiden haben.

Gone Girl (David Fincher, USA 2014)

Über „Gone Girl“ gäbe es so viel zu schreiben; das habe ich lieber gleich gelassen. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie gut ich den Film eigentlich finde. Die Romanvorlage hatte ich vorab gelesen, die erste Hälfte, die alles so wunderbar in der Schwebe lässt, fand ich toll, die zweite war mir zu stark konstruiert. Trotzdem mochte ich das Buch. Und den Film von Fincher wohl sogar noch etwas lieber. Die weniger glaubwürdigen Momente des Buches spielen der Satire, die der Film eindeutig ist, in die Hände und veredeln die Reflexion über Schein und Sein und die Absurdität der Beziehungshölle. Hinter den glatten Oberflächen und perfekten Bildern tun sich ewige Abgründe auf. Mit einer anderen weiblichen Hauptdarstellerin (z.B. Meg Ryan oder besser noch Reese Witherspoon!), die nicht so offensichtlich den Twist des Films vorwegnimmt, wäre „Gone Girl“ wahrscheinlich noch ein oder zwei Plätze weiter oben in meiner Jahres-Top-10 gewesen. Für’s erste muss er sich mit Platz 8 begnügen.

Wara No Tate (Takashi Miike, Japan 2013)

Ein Killer, ein Kopfgeld von einer Milliarde Yen und eine Handvoll korrupter Cops – mehr braucht Takashi Miike nicht für seinen ultraspannenden Thriller „Wara no tate“. Das bedeutet „Schild aus Stroh” und spielt darauf an, wie fragil der Schutz ist, den das japanische Rechtssystem gewährt, wenn ausreichend Geld im Spiel ist. Miike stellt hier unterschiedliche Gesichter des Bösen vor und stellt letztlich die Frage, welche davon die Gesellschaft am ehesten zersetzt. Für den Zuschauer ist das eine Achterbahnfahrt an deren Ende sein moralischer Orientierungssinn ordentlich durcheinander geschüttelt sein dürfte. Für Kino-Zeit habe ich den Film ausführlich gelobt, bitte hier klicken.

Need For Speed (Scott Waugh, USA 2014)

Bis vor kurzem war Richard Linklaters „Boyhood“ noch auf diesem Listenplatz. Im letzten Moment habe ich mich umentschieden und Martin Scorseses bitterböse Kapitalismus-Satire „The Wolf of Wall Street“ vorgezogen. Im allerletzten Moment bin ich dann ein weiteres Mal umgeschwenkt und habe „Need For Speed“ hierhin verpflanzt. Warum? Scott Waugh ist hier ein unglaublich stylischer, visuell starker, herrlich ernsthafter und gleichzeitig wunderbar naiv-komischer Film gelungen. Sind das die 80er oder schon die 90er Jahre? Oder ist es ein zeitloses, hyperreales Jetzt, in das Waugh den Zuschauer katapultiert? Das Computerspiel gibt es seit 1994, es wird aber immer noch fortgesetzt. Der Film ist nun das längst fällige Denkmal des bis heute über 100 Million Male verkauften Spiels. Selbst wenn man „Need For Speed“ nicht irgendwann mal selbst gespielt hat – der Freude an dem Film hat das bei mir keinen Abbruch getan.

Fantasy Filmfest Nights 2014

Posted by – 12. April 2014

The Sacrament (Ti West, USA 2013)FFN14

Die Vice-Reporter Sam (AJ Bowen), Jake (Joe Swanberg) und Patrick (Kentucker Audley) reisen in den Urwald, wo Patricks Schwester Caroline (Amy Seimetz) in der Gemeinde der Eden Parish lebt. Obwohl sich die Mitglieder der sektenartigen Kommune anfangs durchaus freundlich zeigen und ihr geistiges Oberhaupt (Gene Jones) in einem Interview die Vorzüge der Gemeinschaft betont, wird bald deutlich, dass hinter der glücklichen Fassade doch nicht alles gut ist, wie alle behaupten. Ich möchte in diesem Moment noch gar nicht so viel über den Film sagen, lieber später noch einmal, mit etwas Abstand, wenn ich ihn verdaut habe. Vielleicht nur so viel: Er hat mich cineastisch wahnsinnig glücklich und gleichzeitig unglaublich traurig gemacht. Meisterwerk.

Enemy (Denis Villeneuve, Kanada / Spanien 2013)

Hab ich ja schon was zu gesagt (klick!). Nach dem Film haben wir kurz rumgeblödelt: „Enemy“ sei ein wenig wie Marc Fosters „Stay“ – nur aus Sicht einer Spinne. Und so ganz falsch ist dieser Ansatz sicherlich nicht, sich dem Film nicht über die faktischen Figuren, sondern eher über ein im Hintergrund angenommenes Bewusstsein zu nähern, dessen Gefühlswelt es zu entschlüsseln gilt.

In Fear (Jeremy Lovering, GB 2013)

Tom (Iain De Caestecker) und Lucy (Alice Englert) wollen eigentlich zu einem Festival, doch Tom hat eine Überraschung für Lucy: Er hat eine Nacht in einem abgelegenen Hotel im englischen Nirgendwo gebucht. Doch der Weg dahin erweist sich als schwierig. Was von Tom als romantische Liaison geplant war, entwickelt sich zum Alptraum. Bald haben sich die beiden jungen Leute hoffnungslos in einem Labyrinth von fremden Wegen und unwirklichen Landstraßen verirrt. „In Fear“ ist einer dieser Filme, der reift. Während des und direkt nach dem Schauen, habe ich noch dazu tendiert, Jeremy Lovering Debüt als ganz spannendes, aber letztlich konventionelles Horrorfilmchen abzutun, ein paar Tage später gefällt er mir aber richtig gut und ich würde ihn sogar als für mich größte positive Überraschung der diesjährigen Fantasy Filmfest Nights bezeichnen. Ist das Gesehene alles nur ein düsterer Schatten, der seinen wahren Gegenstand nur in Andeutungen enthüllt? Oder gibt es tatsächlich einen fiesen Killer, der heimlich Schilder umstellt? Ich sage jetzt extra nicht, welche Variante mir besser gefällt.

Rigor Mortis (Juno Mak, Hongkong 2013)

Dass die Filmwelt absurd ist, die wirkliche Welt aber noch viel absurder sei, heißt es ausgerechnet am Anfang eines Films in dem im Showdown der wiederbelebte Held, unterstützt von einem ulkigen Mann im Bademantel, gegen zwei Vampire im Geist gewordenen Körpers eines Zombies antritt. Wobei das Wort Vampir hier mit Vorsicht zu genießen ist – mit klassischen Vampirfilmen hat „Rigor Mortis“ so wenig zu tun wie Gepfähltwerden mit einer Herzrhythmus-Massage. Vielleicht ist Juno Maks Geisterbahnfahrt insgesamt etwas zu verworren erzählt, der Schlusstwist wohl möglich sogar nötig und der Look zu digital, aber irgendwie mochte ich diesem komischen Film trotzdem.

Witching & Bitching (Álex de la Iglesia, Spanien / Frankreich 2013)

„Mad Circus“ war für mich nicht leicht zu konsumieren, aber letzten Endes fand ich diesen visuell starken und inhaltlich reichhaltigen Trip ziemlich toll. Grund genug sich auf „Witching & Bitching“ (OT: Las brujas de Zugarramurdi) zu freuen. Wie man es von de la Iglesia gewohnt ist, ist der Film eine Provokation, allerdings in der Hinsicht, dass man weniger bekommt als erwartet. Ein brachialer Trip mit starkem Anfang und durchgeknalltem Finale ist der Film ohne Frage, doch die Zeit dazwischen zieht sich hin, trotz aller Hektik. Mit der richtigen Einstellung macht diese alberne Achterbahnfahrt voller Geschlechterklischees und Krötenschleim vielleicht Spaß, diese zu entwickeln wollte mir allerdings nicht so ganz gelingen.

Snowpiercer (Bong Joon-Ho, Südkorea / USA /Frankreich / Tschechien 2013)

Nach einer vom Menschen gemachten Katastrophe versinkt die Erde in eine neue Eiszeit. Die Überlebenden rasen mit dem Zug „Snowpiercer“ durch die Eiswüste. Die Mehrheit der Passagiere lebt im hinteren Zugteil in großer Armut, eine reiche Minderheit genießt in den vorderen Waggons ihren Luxus. Der Zeigefinger – wir sitzen alle in einem Zug! – fuchtelt dem Zuschauer vom ersten Augenblick störend im Gesichtsfeld herum. Auf der anderen Seite versucht Bong Joon-Ho sein Szenario möglichst detailversessen, ernsthaft und realistisch umzusetzen. Für mich ging das nicht zusammen. Das Parabelhafte verhindert, dass man wirklich mitfühlt und wirkt, nebenbei gesagt, nicht besonders durchdacht. Spoilerwarnung: Das im Zug hergestellte Gleichgewicht wird mit  billigen, in erster Linie ästhetischen Mittel als das Falsche „entlarvt“, um dann – fast schon unverschämt – die Lösung aus der Box zu zaubern: Dass das im Film propagierte „Off the track“-Thinking als probates Mittel zum Systemsturz erscheinen kann, funktioniert nur, weil Bong Joon-Ho kurzerhand die Regeln eben dieses Systems ändert. Könnt ja rausgehen, ist ja gar nicht kalt.

Wolf Creek 2 (Greg Mclean, Australien 2013)

Für mich ist Greg Mcleans „Wolf Creek“ einer der stärksten Horrorfilme der letzten 10 Jahre. Mit der Fortsetzung, „Wolf Creek 2“, in der Mcleans vor allem auf Steigerung setzt, habe ich allerdings große Probleme. Mehr Gewalt, mehr „Witze“, mehr Zynismus ist die Formel, nach der dieser Film gestickt ist. Die einst so interessante Figur des Psychopathen Mick Taylor ist zum unbesiegbaren Superschurken und Sprüche klopfenden Irren verkommen. Sehr schade. Wären da nicht ein paar inszenatorische Highlights, bei denen Mclean zeigt, was er drauf hat – z.B. als der Killer einen einsamen Highway entlang fährt und dabei gleich eine ganze Reihe Kängurus überfährt, während im Hintergrund „The Lion Sleeps Tonight“ trällert; oder das bizarre Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Paul und Mick – dann würde ich „Wolf Creek 2“ wahrscheinlich einfach nur komplett Scheiße finden.

Bild © Fantasy Filmfest
 
 

Enemy (Denis Villeneuve, Spanien / Kanada 2013)

Posted by – 8. April 2014

EnemyAlles beginnt mit einer Spinne: Ein Mann, von dem der Zuschauer später erfahren wird, dass es sich um den B-Movie-Darsteller Anthony Claire (Jake Gyllenhall) handelt, wohnt in einem Sex-Club einer seltsamen Darbietung bei: Er beobachtet, wie eine nackte Tänzerin eine große Spinne freilässt und sie hinterher zertritt. Schnitt. Der Geschichtsprofessor Adam Bell (ebenfalls Jake Gyllenhall) führt ein unspektakuläres, ja, freudloses Leben. Doch dann entdeckt er in einem Film auf einmal einen Schauspieler, der ihm aufs Haar gleicht. Adam beginnt Nachforschungen anzustellen. Er findet heraus, dass es sich bei dem Doppelgänger um den bereits erwähnten Anthony Claire handelt, der mit seiner schwangeren Frau Helen (Sarah Gadon) in einem unscheinbaren Apartment-Komplex wohnt.

Wem im Anschluss an „Enemy“ nicht gleich alles klar ist, muss sich nicht wundern. Dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve ist mit der Adaption des im Jahr 2002 erschienenen Romans „Der Doppelgänger“ des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago ein filmisch-psychologisches Rätsel gelungen, das sich rein rationalen Erklärungsversuchen enzieht. Am Ende steht keine Auflösung, sondern eine weitere Irritation. „A man who wants to leave his mistress and go back to his pregnant wife must confront his worst enemy: himself“ bringt Villeneuve in einem Interview mit der Zeitschrift Film Comment einen möglichen Interpretationsansatz ins Spiel. Doch stellt sich die Frage, ob der Bedeutungsspielraum der Geschichte nicht sogar noch größer ist und ob sich der Konflikt tatsächlich vor allem zwischen verschiedenen Versionen des Subjekts bzw. des Protagonisten verorten lässt. Da kämen für mich die anderen Figuren des Films wie die Ehefrau/Geliebten eindeutig zu kurz. Arachnida – Spinnentiere – werden nicht nur mit menschlichen Ängsten, sondern ebenso mit Weiblichkeit und Mutterschaft assoziiert. Es darf angenommen werden, dass ein Teil des Subjekts seine Zukunft als Familienvater als ebensolche Gefahr wahrnimmt wie ein anderer Teil seine zwielichtige Vergangenheit samt Sex-Clubs und Affären. Die Akzeptanz der einen Realität führt immer auch zur Aufgabe der anderen. Der Protagonist hat sich in einem klebrigen Netz verfangen, aus dem es keine leichte Flucht gibt. Überhaupt sind es neben den erwähnten Spinnen-Szenen auch Visualisierungen von (Spinnen)Netzen, die sich vielerorts in Villeneuves kunstvoll gewobenem Film auffinden lassen. Bedrohlich, aber gleichzeitig wunderschön. Wie eine Spinne. Die folgerichtig auch am Ende des Films auf den Zuschauer wartet.

Ein wenig führe ich diese Gedanken noch aus in der Mai-Ausgabe des AGM-Magazins.

Bild © Capelight Pictures