Tag: Dokumentation

Machines (Rahul Jain, Deutschland, Indien, Finnland 2016)

Posted by – 7. November 2017

Ich schaue nicht den ganz Tag Filme und schreibe heimlich tollte Texte dazu, die ich euch dann, statt sie hier zu veröffentlichen, fies vorenthalte. Bei mir passiert bewegtbildmäßig gesehen gerade wirklich nichts. Tote Hose. Bzw. fast nichts. Denn es gibt – apropos Hose – zumindest einige wenige Ausnahmen. Für Kino-Zeit.de habe ich mir neulich eine bildgewaltige Dokumentation über die Zustände in einer indischen Textilfabrik angesehen und ein paar Zeilen dazu geschrieben. Wer das lesen will… <Klick>.

The Chinese Lives of Uli Sigg (Michael Schindhelm, Schweiz 2017)

Posted by – 3. September 2017

Jetzt habe ich ganz vergessen zu berichten, dass ich neulich mal für auswärts was zu Michael Schindhelms Doku über Uli Sigg geschrieben habe. Der läuft seit Anfang August im Kino. Wahrscheinlich ist mir das entfallen, weil ich den Film nicht besonders gut fand. Auf Kino-Zeit habe ich ein paar Sätze dazu geschrieben. Hier klicken (oder auch nicht und stattdessen lieber etwas Sinnvolles tun.)

Expedition Happiness (Felix Starck, Selima Taibi, Deutschland 2017)

Posted by – 4. Mai 2017

Und gleich noch einer hinterher: Ein weiterer Film, den ich wieder für Kino-Zeit.de ausführlicher besprochen habe, ist „Expedition Happiness“ von Felix Starck & Selima Taibi. Auf den hatte ich ziemlich Lust, weil ich mich Glück (das eigene wie das anderer Menschen) interessiert. Nach der Fahrrad-Doku „Pedal The World“ in reisen Starck und Freundin Taibi sowie ihr Hund ihrem neuen Film nun in einem umgebauten Schulbus quer durch den Amerikanischen Kontinent. Macht das glücklich? Bestimmt nicht jeden ­– und auch die beiden Protagonisten beileibe nicht immer. Trotzdem ist es schön ihnen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, ihres Glückes Schmied zu sein und dafür im wahrsten Sinne bereit sind, den Hammer selbst in die Hand zu nehmen. Die Expedition hätte für meinen Geschmack zwar durchaus noch etwas tiefer in die Untiefen des Glücks vordringen dürfen, aber auch so macht der Film Spaß und ist auf sympathische Weise inspirierend. Nicht dass man den beiden nacheifern müsste, ein Beispiel hat ihren Mut und Engagement nehmen, werden sich viele bestimmt schon.

P.S. Das Glück Arbeit bedeutet, habe ich übrigens am eigenen Leibe gemerkt. Der verflixte Film, der immerhin 21 GB groß ist, wollte sich anfangs partout nicht downloaden lassen. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, wie oft ich das in den letzten Tagen, meiner ganz persönlichen „Expedition Happiness“, versucht habe, nur um auf den letzten Metern wieder fassungslos auf die Nachricht „Download fehlgeschlagen“ zu starren. Aber irgendwann hat’s doch geklappt. Puh.

Berlinale 2016

Posted by – 23. Februar 2016

3 x Berlinale, 3 x deutsches Kino, 2 x Top und 1x Flop.

Die Prüfung (Till Harms, Deutschland 2016)

687 Bewerber, 10 Plätze, 9 Dozenten, 10 Tage… Aus diesen Bestandteilen macht Till Harms einen richtig guten Dokumentarfilm. Ich fand ja schon „Die Spielwütige“von Andres Veiel so toll und Harms Doku schlägt in die gleiche Kerbe. Doch während Veiel die Studenten das gesamte Studium begleitet, konzentriert Harms sich auf den Auswahlprozess und vor allem die Menschen, die hier entscheiden. Es geht ihm nicht in erster Linie um die Studenten in spe , sondern darum, wie Menschen Kunst beurteilen und mit welcher Rhetorik sie das eine als gut, das andere als weniger gelungen betrachten. Meine Kritik auf Kino-Zeit gibt es hier.

Auf einmal (Aslı Özge, Deutschland 2016)

Plötzlich ist alles anders: Die Party ist vorüber, eine Tote in deinem Zimmer. Du verstehst nicht, deine Freundin versteht nicht, alle halten zu dir – zuerst. Je schwächer du wirst, je schwerer werden die Gewichte an deinen Beinen. Und dann verstehst du: Je schwächer du wirst, desto stärker werden deine Feinde. Nicht mit dir! Jemand tot. Ein anderer wird befördert. Die Schwachen gehen unter, die Starken überleben. Du entledigst dich aller Gewichte. Und die herrschende Klasse sitzt ein wenig fester im Sattel. Auf einmal ist alles wie immer. Hier geht’s zu meiner ausführlichen Kritik auf Kino-Zeit.

Wir sind die Flut (Sebastian Hilger, Deutschland 2016)

„Wir sind das Volk“. „Wir sind Weltmeister“. „Wir sind Papst“. Und nun sind wir auch noch die Flut. Um wen es sich bei diesem Wir handelt, bleibt, wie so vieles in Sebastian Hilfigers film, offen. Nach „Wir sind die Flut“ waren wir aber vor allem erst einmal ein bisschen genervt. Und auch traurig. Warum tun sich deutsche Filmemacher so schwer mit dem fantastischen Film? Nicht nur, dass sie ihn in der Regel meiden – wenn sie sich dran versuchen, wird es in der (von Ausnahmen bestätigten) Regel ganz großer Mist. Warum? Das fragen wir uns. Und mit „wir“ meine ich mich. Für meine Kritik zum Debakel bitte hier entlang.

Kino 2015: Meine Top 10

Posted by – 26. Dezember 2015

In diesem Jahr kann ich keine ersthafte „Top 10“-Liste aufstellen. Dazu habe ich einfach zu wenig gesehen. Dachte ich. Und so hatte ich mich eigentlich schon entschlossen, die Liste entweder wegzulassen oder mich auf die „Top 5“ zu beschränken. Nur ca. 30 Mal war ich im Kino – so wenig wie seit 20 Jahren nicht. Doch bei der Filminventur 2015 ist mir aufgefallen, dass unter den 30 Filmen etliche gute bis sehr gute zu finden sind. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich in diesem Jahr recht ausgewählt ins Kino gegangen bin und mir vor allem Filme angesehen habe, von denen ich erwarten konnte, dass sie mir gefallen. Deshalb gibt es nun auch in diesem Jahr wieder eine „Top 10“-Liste. Auch wenn zumindest die letzten drei es in einem anderen Jahr vermutlich nicht auf das 10er-Treppchen geschafft hätten, sind es doch gute Filme, und ihr Listenplatz ist nicht total abwegig.

The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 (Francis Lawrence, USA 2015)

„The Hunger Games: Mockingjay – Part 2“ ist ein toller Film, wenn auch nicht unbedingt der stärkste Teil der Reihe. Ehrlich gesagt, finde ich es auch sinnlos, zu entscheiden, welcher Teil der beste ist, weil sie nämlich zusammen gehören und ein ganz vorzügliches Gesamtwerk bilden. Nach meiner derzeitigen Gefühlslage braucht sich „Hunger Games“nicht hinter meinen Lieblingsreihen „Star Wars“ oder „Spider-Man“ verstecken. Francis Lawrence und allen Beteiligten ist hier etwas ganz Großes gelungen. Wieso weshalb warum lest ihr hier, hierhier und schließlich hier.

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Dominik Graf, Deutschland 2015)

Mein Lieblingsfilm der letzten Berlinale, der auch einen regulären Kinostart hatte. Michael Althen hatte eine wunderbare Art, Kritiken über Filme zu schreiben. Die Dokumentation von Dominik Graf setzt dem 2011 verstorbenen Filmkritiker ein Denkmal. Ich hatte Tränen in den Augen. Meisterwerk.

Ex Machina (Alex Garland, USA 2015)

Bester Sci-Fi-Film der vergangenen 10 Jahre. Weil man hier etwas über den Menschen lernt, lernt man auch etwas über künstliche Intelligenz. Eine Maschine ist intelligent und menschenähnlich, wenn der Mensch nicht mehr unterscheiden kann, ob er mit seinesgleichen oder einem Roboter kommuniziert – so die gemeine Einschätzung. Alex Garland geht in seinem enorm stylischen Film noch einen Schritt weiter und sagt, sich gegenseitig zu betrügen, sei die wesentliche menschliche Eigenschaft. Wenn Maschinen darin genauso oder sogar besser sind, dann haben sie das Label KI wahrlich verdient. Hier etwas mehr dazu.

Mad Max: Fury Road (George Miller, USA / Australien 2015)

Ja, was soll man dazu sagen? „Mad Max: Fury Road“ ist kein Film, den man sich über’s Denken aneignet, sondern über’s Fühlen und Erleben. Er ist ein Film der Bilder, der Bewegung, der Action. Ich habe ihn 1,5 Mal gesehen. Das zweite Mal begonnen habe ich ihn auf dem Laptop-Bildschirm in einem Hotelzimmer, aber das war dann nix. Der ist nur was für’s Kino. Hier noch zwei weitere Gedanken zum Film.

Victoria (Sebastian Schipper, Deutschland 2015)

Ich liebe „Absolute Giganten“ (hier zu meiner Filmstarts-Kritik), mag „Ein Freund von mir“, finde „Mitte Ende August“ (hier zur Kritik und zu einem Interview mit Sebastian Schipper) sogar noch etwas besser. Nach zwei Filmen, die nicht ganz an die Stärke des Debüts anschließen konnten, ist Sebastian Schipper mit „Victoria“ ein ganz starker Film gelungen. Der in Hannover geborene Filmemacher hat schon immer ein außergewöhnliches Gespür dafür, alltägliche Beziehungen in leicht überhöhter Form und trotzdem jederzeit nachvollziehbar auf die Leinwand zu bringen. In allen seinen Filmen geht es um Freundschaft. In „Victoria“, seinem düstersten, ruhelosesten und mitreißendsten Film, der aus einer einzigen, atemberaubenden Plansequenz besteht, geht es um deren Schattenseiten. Um in einer Berliner Partynacht nicht allein zu sein, schließt sich die junge Spanierin Victoria einer Gruppe von jungen, feiernden Männern an. Gemeinsam erleben sie einen wunderbaren Abend – bis alles irgendwann eskaliert. Ich habe immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Whiplash (Damien Chazelle, USA 2014)

„Whiplash“ ist der Film, bei dem ich mir am unsichersten bin, an welche Stelle meiner Top 10 er gehört. Je nach Stimmung, die sich von Minute zu Minute ändern kann, ist er wahlweise noch höher platziert oder gar nicht in der Liste. Aber dass Chazelles Fim so ambivalent ist, ist gleichzeitig auch eine seiner größten Stärken. Ob er ein heimliches Loblied auf die Leistungsgesellschaft oder eine hintergründige Kritik an ihr ist, bleibt offen und liegt letztlich im Auge des Betrachters. Zur Kritik hier entlang:

Das ewige Leben (Wolfgang Murnberger, Österreich 2015)

Die Brenner-Filme sind großartig. Ich weiß gar nicht genau, welcher mir am besten gefällt, wahrscheinlich „Der Knochenmann“ (2009). Aber auch „Das ewige Leben“ ist ein ganz feiner Film, denn hier erfährt der Zuschauer mehr über die Person Simon Brenner als je zuvor. Wer ist dieser Mann, der seine Karriere bei der Polizei begann, dann Privatdetektiv wurde und sich seitdem von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelt, dem das Scheitern zur zweiten Natur geworden ist und der trotzdem niemals locker lässt, auch wenn er dafür einiges einstecken muss? Doch nicht nur der Zuschauer erfährt viel. Auch der Brenner selbst erfährt einiges über sich und darüber, was ihm im Leben wichtig ist. Hier geht’s zu meiner Kino-Zeit-Kritik.

It Follows (David Robert Mitchell, USA 2014)

Die letzten drei Filme hätten es in einem anderen Jahr mit mehr Kinobesuchen vermutlich nicht in meine Top 10 geschafft. Bei „It Follows“ hätte ich mir direkt nach dem Kinobesuch nicht einmal vorstellen können, dass er auch nur entfernt ein Kandidat sein könnte, wie hier nachzulesen ist. Aber der Film ist ordentlich nachgereift und hat sich ganz heimlich, still und leise zu den besten Filmen gesellt, die ich in diesem Jahr gesehen habe. „It Follows“ ist so sehr Traum, dass er, wenn man das erst einmal so richtig begriffen hat, mir zumindest umso mehr Angst gemacht hat. Ganz ehrlich, nach „It Follows“ habe ich ein paar Male schlecht geträumt. Und ein schöneres Kompliment kann man einem Horror-Film ja wohl nicht machen.

Star Wars – The Force Awakens (J. J. Abrams, USA 2015)

Wie so viele andere Menschen bin ich ein großer „Star Wars“-Fan und liebe Episode 4-6. Und wie ebenfalls nicht wenige, bin ich durch die Episoden 1-3 schwer traumatisiert worden. Als dann bekannt wurde, dass J. J. Abrams, der schon das StarTrek-Reboot vielleicht nicht kommerziell, aber doch künstlerisch gegen die Wand gefahren hatte, die Saga fortsetzen sollte, kümmerte mich das trotzdem nicht besonders, denn schlimmer als die letzten Filme konnte es ja nicht werden. Als Lawrence Kasdan zum Team der Fortsetzung hinzustieß und dann sogar der erste Trailer nicht so schlecht aussah, wurde mein Interesse schließlich doch geweckt. Lange Rede: Jetzt habe „Star Wars – The Force Awakens“ vor ein paar Tagen gesehen und… – Das krieg ich jetzt auf die Schnelle nicht in Worte gefasst, aber: Ich habe ein bisschen was zu mäkeln, aber der Daumen geht tendenziell hoch! Allein Daisy Ridley als Neu-Jedi Rey. So gut! Ein längerer Text folgt.

The Town That Dreaded Sundown (Alfonso Gomez-Rejon, USA 2014)

Ich habe immer noch nicht die Vorlage dieses Remake/Sequels gesehen, deswegen fehlt mir eigentlich ein wichtiger Baustein, um die Qualität des Film wirklich einschätzen zu können. Aber, wie hier schon im Blog geschrieben, muss ich immer noch sagen: Auffällig guter, prototypischer Vertreter des postmodernen Horrorfilms. „The Town That Dreaded Sundown“ ist ein starkes und trotz – ja in diesem Fall sogar auch wegen! – seiner Bezüge ein sehr eigenes Werk, das gekonnt zwischen Horror, Arthouse und Experimentalfilm oszilliert und dabei sogar hier und da einen psychotischen Witz durchblitzen lässt. Mit plumpem Zitatdropping des aktuellen Horrorfilms der Nach-„Scream“-Ära hat das nichts zu tun, der Film beeindruckt durch extremen Stilwillen und Inszenierungsfreude. Ich muss sagen, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr gesehen habe, was so geschichtsbewusst und gleichzeitig so frisch und unverbraucht daher gekommen ist wie dieser Film. Sehr fein.

Es gibt noch eine Handvoll Filme, die ich eigentlich sehen wollte und von denen ich vermute, dass sie eine Chance auf einen Top-10-Platz gehabt hätten. Dazu gehören beispielsweise„Eisenstein in Guanajuato“,„Ich seh, ich seh“,„Duke Of Burgundy“„Everest“, „Sicario“, „Macbeth“ oder „Steve Jobs“. Aber dieses Jahr war echt wenig Zeit, so dass ich es einfach nicht hinbekommen habe. Es deutet sich allerdings an, dass sich bei mir nächstes Jahr etwas ändert. Im besten Fall bedeutet das, dass ich wieder mehr Zeit fürs Kino und Bloggen habe. Man darf mir gerne die Daumen drücken!

Giftchen (Konrad Kästner, Deutschland 2011)

Posted by – 13. Mai 2015

FullSizeRender (2)Es gibt kaum etwas, das schizophrener ist, als die Drogenpolitik in Deutschland. Das zeigt sich besonders beim Thema Alkohol. Nach Aussage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung sterben jährlich in Deutschland fast 20.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Wenn man einen kombinierten Tabak- und Alkoholkonsum dazurechnet, sind es sogar fast 75.000 Menschen. Ein paar halbherzige Kampagnen der Bundesregierung oder die Altersgrenze von 16 für Bier und Wein bzw. 18 Jahren Spirituosen ändern nichts daran, dass das Trinken zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland gehört. Trotzdem ist es fest in der Gesellschaft verankert. Schizophren ist aber nicht nur der politische Umgang mit diesem Thema, sondern auch der gesellschaftliche: Jeder weiß um die Gefahren von Alkohol und kennt die Zahlen, trotzdem ist Trinken normal und es hält sich hartnäckig das Ideal vom maßvollen Alkoholkonsum, der im Gegensatz zur skeptisch beäugten Abstinenz als erstrebenswert gilt.

Konrad Kästner thematisiert in seiner Dokumentation die gesellschaftspolitische Dimension nur am Rande. Er konzentriert sich auf seine vier Protagonisten, Karin, Oli, Rolf – und seine eigene Mutter. Er begleitet die vier in seinem Film ein Stück auf ihrem Lebensweg und lässt sie über das berichten, was Alkohol für sie ist. Für alle gilt: Eine Welt ohne Alkohol ist für kaum vorstellbar. Das wird in berührenden Szenen deutlich. Zum Beispiel bei Rolf, der entgegen dem ersten Anschein nach der Sucht noch nicht entkommen ist. Oder bei Karin, die so deprimiert und überfordert wirkt, dass der Zuschauer ihre Hoffnungslosigkeit beinahe am eigenen Leibe spürt. Selbst bei Kästners Mutter, die seit sechs Jahren abstinent lebt, nimmt das Thema immer noch großen Raum in ihrem Denken ein. Auch Kästner,der eine Bar in Berlin betreibt und dem man seine persönliche Betroffenheit mehrmals im Film anmerkt, nimmt sich da nicht aus. Wie sollte es auch anderes sein. Alkohol ist ominpräsent in unserer Gesellschaft, der Späti, in dem man 24 Stunden am Tag Schnaps kaufen kann, befindet sich, wie Oli berichtet, direkt vor der Entzugsklinik. Wahrscheinlich ist er nicht Wenigen bereits zum Verhängnis geworden.

In der für mich vielsagendsten Szene des Films diskutiert der aus der Klinik entlassene Oli mit einem alten Freund über das Thema Alkohol. Während der Süchtige unsicher an einem Glas Tee herummacht, trinkt sein Kumpel fast schon provokativ ein Bier. Nicht nur, dass der Freund die Regeln, die Oli für das gemeinsame Wohnen aufstellt (kein Alkohol in der Wohnung) mit einem ironischen, süffisanten Lächeln quittiert, auch Olis Erzählung über die Anfänge seiner Sucht werden von dem Freund in Frage gestellt („du erinnerst dich falsch, es war alles ganz anders“). Was ich hieran unheimlich finde, ist, dass selbst im direkten Gespräch mit einem Betroffenen, die Deutungshoheit darüber, wie die Dinge sind und waren, was normal und was es nicht ist, bei den vermeintlich Nicht-Kranken liegt. Diese Szene macht meiner Meinung nach sehr gut den eigenartigen Umgang mit dem Thema Alkohol bzw. Alkoholkrankheit deutlich. Trinken ist so lange akzeptiert, bis jemand die unsichtbare Linie zwischen „normalem“ Trinken und Suchttrinken überschreitet. Der Süchtige – das wird beispielhaft in dieser Szene sichtbar – ist in den Augen der Anderen das Problem und nicht etwa die Substanz oder die gesellschaftlichen Verhältnisse. So ein Feierabendbierchen kann ja wohl nicht schlecht sein.

Dass die Dokumentation so eindrucksvoll geworden ist, liegt aber nicht nur an Kästners sensiblen Umgang mit dem Thema, dem Respekt, den er den alkoholkranken Menschen entgegenbringt und seinem Erzähl-Rhythmus wie seinem feinen Gespür dafür, wann Distanz und wann Nähe gefragt ist. Auf der technischen Seite kann die Dokumentation ebenfalls überzeugen. Besonders hervorzuheben ist hier die Kamera von Sandra Staffl, die nicht nur die Interviewpassagen unverfälscht und sachlich aber niemals bloßstellend eingefangen hat, sondern auch in einigen rauschhaften Zwischenpassagen Trübsinn und Verheißung des Alkohols einfängt. Unsere Hochachtung haben sich nicht zuletzt die vier Protagonisten dieser gelungenen Dokumentation verdient, die den Mut hatten, sich mit ihren Problemen ungeschönt der Welt zu stellen – wohl weil sie ahnten, dass sie nur in einer aufgeklärten Gemeinschaft ihrer Alkoholsucht werden entkommen können. Vielleicht trägt Kästners starker Dokumentarfilm ja ein Stück dazu bei.