Tag: Dystopie

Notizen #9

Posted by – 1. April 2016

Peur sur la ville (Henri Verneuil, Frankreich / Italien 1975)

Ein Killer, der sich selbst Minos nennt, will die Welt reinigen, indem er Frauen tötet, deren Lebenswandel ihm nicht gefällt. Kommissar Le Tellier (Jean-Paul Belmondo) wird beauftragt den Fall zu lösen. – Dass ich ein wenig enttäuscht bin von „Peur Sur La Ville“ liegt vermutlich daran, dass ich ihn mir mit den falschen Erwartungen angesehen habe. Ich hatte ein wenig gehofft, hier eine französische Variation des Giallo zu erleben – und vielleicht hätte ich das auch, wenn ich nicht mittlerweile einigermaßen genaue Vorstellungen habe, was sich für mich nach Giallo anfühlt und was nicht. Henri Verneuils Film hat einige Parallelen zu dieser speziellen Art des italienischen Thrillers, und ihm ist ein durchaus spannender und eigentlich auch schön anzusehender Action-Krimi gelungen, aber ich war irgendwie auf etwas anderes aus und habe außerdem meine Probleme mit etwas zu heldenhaft dargestellten, raubeinigen Cops, die wild in die Menge ballern im Allgemeinen und Belmondo im Besonderen. Dafür ist Charles Denner als sein sympathisch unaufgeregter Kollege Inspektor Moissac ganz nach meinem Geschmack.

High Rise (Ben Wheatley, UK 2015)

Ich erinnere mich noch vage, dass ich damals von James Graham Ballards Roman „High Rise“ (im Deutschen „Der Block“) überaus fasziniert war. Diese mehr- und reizvoll eindeutige Dystopie (?) über ein Hochhaus und seine Bewohner, die Entropie des Systems, die schlussendlich möglicherweise gar keine Entwicklung hin zum Chaos zeigt, sondern ein düsteres Transformations-Szenario ausformuliert, hat es ohne Frage in sich. Das zeigt sich schon an den jahrzehntelang erfolglosen Versuchen, sie in das Medium Film zu überführen. Nun hat es Ben Wheatley endlich geschafft. Obwohl der Kinobesuch schon zwei Wochen vorbei sind, weiß ich immer noch nicht so recht, ob ich mit dem Ergebnis wirklich einverstanden bin. Fest steht: Dieser Film hätte auf jeden Fall einen längeren Text verdient, aber ich habe gerade wenig Zeit und finde es auch nicht besonders leicht, den Finger darauf zu legen, was an Ben Wheatleys „High Rise“-Version gelungen ist und was nicht. Der Film ist auf jeden Fall visuell und auditiv unglaublich einfallsreich. Auch wenn da sonst nichts wäre, schon allein um für eine Weile in diesen filmischen Wahnsinn einzutauchen, lohnt sich ein Kinoticket. Und auch die Schauspieler sind toll. Ich achte ja meist nicht auf so etwas, aber hier hätte ich Tom Hiddleston (!!!), Elisabeth Moss und sogar Luke Evans immer weiter zusehen können. Aber: Wie Lucas Barwenczik in seinem sehr schönen Text auf Kino-Zeit schreibt, glaube auch ich nicht, dass „High Rise“, einfach eine vertikale Version von „Snowpiercer“ ist. Dennoch habe ich das Gefühl, dass Wheatley zu zweidimensional an den Stoff herangeht und sich zu sehr auf das Unten und Oben der Geschichte bzw. das soziale Gefälle der im Block lebenden Figuren fokussiert. Der prächtige Stil überdeckt ein wenig, dass Wheatley aus welchen Gründen auch immer die Geschichte um einige Bedeutungsebenen verkürzt. Es ist mehr so ein diffuses Gefühl als eine konkrete Kritik, aber ich glaube, der triste Stoff ist reichhaltiger als der opulente Film.

Ip Man 3 (Wilson Yip, HK 2015)

Ich mochte den ersten, ich mochte den zweiten Teil. Nun geht die „Ip Man“-Reihe von Wilson Yip in die dritte Runde. Auch diesmal schlüpft Donnie Yen in die Rolle des berühmten Wing Chun-Meisters Ip Man. Diesmal muss er eine Schule gegen eine Bande brutaler Gangster verteidigen. Als deren Boss Frank (Mike Tyson) nicht einmal davor zurückschreckt, Ip Mans Sohn zu entführen, fliegen die Fetzen. – Dem legendären Ip Man wurden schon mehrere Filme gewidmet. Zuletzt hatte sich sogar Wong Kar-Wais in „The Grandmaster“ an der Lebensgeschichte des Kung-Fu-Meisters versucht. Gegen den Film von Kar-Wais, in dem dieser wohl vor allem versucht Inszenierungskünste zu zelebrieren, nehmen sich die Filme von Wilson Yip angenehm bodenständig aus. Hier ist Ip Man zwar ein hervorragender Kämpfer, aber auch ein fehlbarer Mensch, der weder vor Niederlagen noch persönlichen Tragödien gewappnet ist. Sicherlich, so ganz ohne Machismo kann man die Geschichte um den ehrenhaften Kampfsportler nicht erzählen, von der Masse der Kampfsportfilme hebt sich „Ip Man 3“ aber dennoch wohltuend ab, weil es Yip auch immer darum geht zu zeigen, wie Leben und Kämpfen zusammenhängen. Ach so – und einige der Fights sind natürlich auch ganz hübsch.

Deadpool (Tim Miller, USA 2016)

Ehrlich gesagt habe ich mich bisher davor gedrückt, mich zu diesem Film zu äußern. Wahrscheinlich war das gut. Wenn ich mir ansehe, wie unreflektiert gerade auf „Batman V Superman“ eingedroschen wird, muss ich zugeben, dass mir das im Falle von „Deadpool“ auch leicht hätte passieren können. Insofern will ich zumindest kurz meine (Anti-)Haltung skizzieren, vielleicht angefangen mit einem Rekurs auf Zack Snyders eben erwähntes DC-Abentuer: Drehbuchautor David S. Goyer hat vor 10 Jahren zur der Idee, beide Superhelden zusammentreffen zu lassen gesagt, „Batman Vs. Superman is where you go when you admit to yourself that you’ve exhausted all possibilities“. Meiner Meinung ist das Unfug. Meiner Meinung nach (wahrscheinlich auch Unfug) hat meinen seine kognitiven Grenzen erreicht, wenn man beginnt, Filme zu drehen, die außer Ironie und Selbstbezüglichkeit nichts vorzuweisen haben. „Deadpool“ ist –meiner Meinung nach – so ein Fall. Mag er auch handwerklich solide sein, die „vierte Wand“ durchbrechen und mit von Psychologen präzise auf die Zielgruppe zugeschnittenen Witzchen zugeballert ein – ich finde ihn totlangweilig. Mehr noch: Mir fällt es sehr schwer, mich auf derartige Filme (ähnlich: „Kick-Ass“) einzulassen, weil sie einer meiner Grundhaltungen entgegenstehen. Nach meiner Überzeugung muss Gewalt weh tun! Tut sie das nicht, dann schmerzt mich das sehr.

The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 (Francis Lawrence, USA 2015)

Posted by – 18. November 2015

Durch meine letzten Texte „The Hunger Games“ (Teil 1, Teil 2, Teil 3.1) dürfte klar geworden sein, dass ich ein großer Verehrer der Reihe bin. Die Bücher haben mir sehr gut gefallen, die Filme finde ich sogar noch besser. Nun bin ich ein wenig erleichtert, dass sich daran auch durch den letzten Film nichts ändert, gab es doch beim Vorgänger ein Indiz, dass es das große Filme vielleicht an der nötigen Konsequenz missen lassen würde. Doch jetzt bin ich beruhigt, Francis Lawrence bringt die Adaption zu einem würdigen Abschluss und zeigt, dass Blockbuster und Anspruch ebenso wenig ein Widerspruch sind wie ein Kino für jugendliche Zuschauer, das gleichzeitig auch Erwachsene herausfordern kann. Der starke „The Hunger Games: Mockingjay – Part 2“ komplettiert die Reihe, die ich als Ganzes nun ohne Zögern als Meisterwerk bezeichne. Meine ausführliche Kritik gibt es wie stets auf Kino-Zeit.

Mad Max Beyond Thunderdome (George Miller, George Ogilvie, Australien 1985)

Posted by – 10. Juni 2015

Als Max (Mel Gibson) sein Gefährt geklaut wird, sieht er sich gezwungen, die Händler-Siedlung Bartertown aufzusuchen. Dort hofft er seine alte, kamelgezogene Fahrzeugkarosse wiederzubekommen. Stattdessen gerät er mit der Möchtegern-Herrscherin Aunty Entity (Tina Turner) aneinander, mit der er aber einen Deal machen kann: Gelingt es Max, ihren Widersacher MasterBlaster (Angelo Rossitto & Paul Larson) aus dem Weg zu räumen und ihr so den Weg zur absoluten Macht über die Stadt zu ebnen, bekommt er seinen Wagen zurück.

Ich kann gut verstehen, dass der dritte Teil nicht ganz den Beliebtheitsgrad erreichen konnte wie die beiden Vorgänger. Kurzweilig ist freilich auch er. Doch was gibt es nach „Mad Max 2: The Road Warrior“ eigentlich noch zu erzählen? Jedenfalls konnte es nicht weiter bergab gehen, deswegen musste der dritte Teil wieder ein Stück zivilisierter zugehen. 15 Jahre sind seit Max‘ Auseinandersetzung mit Humungus und dessen Bande vergangen. Zwar ist das Benzin knapper denn je, doch haben sich die Menschen wieder zusammengefunden in dem Versuch, ein Stück Zivilisation zurückzubringen. In Bartertown hat man begonnen, Handel zu treiben und es sogar geschafft, ein paar rudimentäre Regeln für das Zusammenleben aufzustellen. Gibt’s Zoff, müssen die beiden Streithähne ihre Zwistigkeiten in der Donnerkuppel austragen. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass Konflikte klein bleiben und schnell gelöst werden. So weit, so schön. Aber vielleicht ist das für die Fans der ersten beiden Teile eben auch etwas zu schön. Klar, das Benzin ist knapp, das Wasser ist verseucht und auch mit der Zahnpflege ist es in dieser Zukunft nicht weit her. Aber es gilt eben nicht mehr nur das Recht des Stärkeren respektive Schlaueren, sondern man scheint dies- und jenseits der Donnerkuppel gewillt, etwas aufzubauen. Vom Nihilismus der Vorgänger ist jedenfalls nicht mehr viel zu sehen. Außerdem hat der Film (für mich fühlt er sich sogar ein wenig wie zweieinhalb Filme an) anderes als die beiden Vorgänger eine richtige Geschichte.

Wie gesagt, ich finde es nachvollziehbar, dass sich Teil 3 vielleicht etwas zu sehr nach Hollywood für den einen oder anderen nicht mehr so ganz nach „Mad Max“ anfühlt. Doch ich gebe zu bedenken, dass George Miller hier ganz folgerichtig weiterführt, was er in den beiden Vorgängern begonnen hat. Kompromisse macht er auch hier keine. Wenn die große Überschrift des drei- bzw. mittlerweile vierteiligen Anti-Evangeliums möglicherweise das Scheitern ist, so geht es in „Mad Max Beyond Thunderdome“ doch eindeutig um Visionen des Wiederaufbaus bzw. deren Dekonstruktion. Während die Materialisten von Bartertown ihr Utopia auf Schweinemist errichten (daraus gewinnen sie Energie), hat sich eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die in einer Oase tief in der Wüste hausen und scheinbar einen recht nachhaltigen Lebensstil pflegen, ganz aufs Hoffen verlegt. Hoffen, dass jemand kommt und sie rettet. Hoffen, dass dieser jemand sie ins Paradies – nach Übermorgenland – bringt. Der Retter wider Willen ist natürlich mal wieder Max, der zwar weiß, dass der Garten Eden verloren ist, der den Jünglingen ihren Glauben aber nicht ausreden kann.

Irgendwie fühlt es sich für mich so an, als wäre die Reihe mit dem dritten Teil in ihre spirituelle Phase eingetreten. Anhand von zwei Gruppen stellt Miller zwei Glaubenssysteme vor, die sich in Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und dem Untergang der Zivilisation herausgebildet haben. Wenn ich dem Film einen Vorwurf machen müsste, dann wäre das nicht, dass er nichts Neues zu erzählen hat, sondern dass er seine Ideen nicht konsequent genug weiterentwickelt. Irgendwann treffen Oasenbewohner auf Bartertownerianer zusammen, es kommt zu einer Verfolgungsjagd im Stile des zweiten Teils und dann war es das leider auch schon mit dem Film. Andererseits kann man Miller dankbar sein, dass er ganz zum Schluss zumindest insofern konsequent ist, dass der zu einfachen Denksystemen eine Absage erteilt und den Zuschauer wieder mit einer Irritation entlässt: Da sitzen die Jünglinge im ersehnten Übermorgenland, aber was auf den ersten Blick vielleicht wie ein Happy End aussieht, ist in Wirklichkeit nur ein Exitus Interuptus und man darf sich durchaus fragen, ob die Idee mit dem Schweinemist nicht vielleicht doch die bessere war.

P.S. Film ist aus der gleichen Box wie Teil eins & zwei.

The Divergent (Neil Burger, USA 2014)

Posted by – 10. Dezember 2014

divergent„Tut mir leid, ihr Nörgler da draußen“, habe ich diesen Text während des Filmschauens etwas voreilig begonnen, „ich weiß nicht, was ihr habt, „The Divergent“ ist doch wirklich nicht schlecht!“ Doch dann ging der Film weiter. Und der Satz machte auf einmal nicht mehr so viel Sinn. Dabei ging alles recht vielversprechend los.

„The Divergent“, der auf dem ersten Teil der Roman-Trilogie von Veronica Roth beruht, erzählt die Geschichte der jungen Beatrice (Shailene Woodley), die mit ihrem Bruder Caleb (Ansel Elgort) und ihren Eltern Natalie (Ashley Judd) und Andrew Prior (Tony Goldwyn) in Chicago wohnt. Die Stadt ist zerstört und von einer Schutzmauer umgeben. Die Menschen sind in ein Kastensystem eingeteilt, den Altruan, zu denen auch die Familie Prior gehört, die sich um andere kümmern und die Regierung stellen, die Kämpferkaste der Ferox, den Wissenschaftler genannt „Ken“, die Candor, die das Justizsystem bilden und die friedfertigen Amite, die für Verwaltung und Landwirtschaft zuständig sind. Zu ihrem 16. Geburtstag machen die Jugendlichen einen Eignungstest und können sich danach entscheiden, ob sie, was die Regel ist, in der Kaste ihrer Eltern bleiben oder wechseln wollen. Diese Entscheidung steht nun für Beatrice und ihren Bruder an.

Wahrscheinlich verrate ich nicht zu viel, der Filmtitel deutet es ja ebenfalls an: Sowohl Beatrice als auch ihr Bruder entscheiden sich gegen die Kaste ihrer Eltern. Sie wird Ferox, er Ken. Der Zuschauer begleitet die junge Frau in ihrer neuen Lebenswelt, in der sie weiterhin verschiedene Prüfungen bestehen muss. In dieser, seiner stärksten Phase wirkt „The Divergent“ wie die Verfilmung eines futuristischen Bildungsromans. Interessant ist der Spagat, den Regisseur Neil Burger hier hinbekommt, indem er keinen Zweifel daran lässt, dass wir uns in einer Dystopie bewegen. Stabilität und Nachhaltigkeit sind in dieser Welt gleichbedeutend damit, seinen Platz zu kennen. Diesen Aspekt betreffend erinnert Burgers Film sehr an „Snowpiercer“. Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Burger ist viel weniger in das seinem Film zu Grunde liegende Konstrukt verliebt als sein koreanischer Kollege Joon-ho Bong, Burger interessiert sich für seine Figuren, zumindest für seine Hauptfigur, die versucht ihren Platz im Leben zu finden. Wer sich z.B. noch erinnert, wie es damals war, als die Empfehlungen ausgesprochen wurden, welche weiterführende Schule man besuchen soll – eine Lebensentscheidung mit weitreichenden Konsequenzen – hat vielleicht eine Ahnung davon, wie sich „The Divergent“ in seinen besten Momenten anfühlt. An dieser Stelle muss das andere Standbein des erwähnten Spagats, man könnte auch sagen, die freundliche Seite des Films genannt werden. Für komplexe Wesen, die Menschen nun mal sind, ist es nämlich nicht nur unangenehm, in eine Schublade gesteckt zu werden. Gleichzeitig will man nämlich unbedingt irgendwo zu gehören. Diese beiden widerstreitenden Wünsche, einzigartig und gleichzeitig ein Teil von etwas zu sein, repräsentiert die Figur der Beatrice ganz wunderbar. Ihr dabei zuzusehen, wie sie eine für sie neue Welt kennenlernt und versucht, dort ihren Platz zu finden, ist spannend und einfühlsam erzählt.

Doch anders als die meisten anderen Jugendlichen, die sich komplett wohl in ihrer Schublade fühlen, ist Beatrice am zweifeln. Denn ihre Testergebnisse waren uneindeutig. Irgendwo hier beginnen aber auch die Probleme des filmischen Konstrukts. Ein Unbestimmter zu sein, ist nämlich etwas ganz Schlimmes. Wird das bekannt, fliegt man sofort aus seiner Kaste und muss sein restliches Leben jenseits der Armutsgrenze auf der Straße verbringen. Bei den Ferox wird man sogar umgebracht. Beatrice muss also höllisch aufpassen, dass niemand mitbekommt, dass sie nicht dazu gehört. Das ist anfangs noch ganz spannend, aber wirkt dann aber bald – ab hier muss ich leider selbst zum Nörgler werden – ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Genau wie die Verschwörung, der Beatrice dann auf die Schliche kommt und die sie wegen ihrer besonderen Fähigkeiten verhindern kann. In dieser Phase wimmelt es von plausiblen Momenten, die sowohl die innere Logik der Geschichte als auch das Verhalten der Figuren betreffen. Kate Winslet, die ich eigentlich sehr mag und die hier die Oberverschwörerin Jeanine Matthews spielt, habe ich noch nie so lustlos spielen sehen. Vielleicht kein Wunder, so eindimensional wie diese Figur angelegt ist. Die letzte halbe Stunde, wenn das interessante Sci-Fi-Jugenddrama zum Actionfilm morpht und sich Salve für Salve weiter ins Abseits ballert, habe ich mich nur noch gelangweilt. Sehr schade, nach dem starken Beginn und der interessanten Mischung aus Dystopie und Coming of Age und der wunderbaren Shailene Woodley. Die Romanvorlage kenne ich nicht und ich habe keine Ahnung, was in Teil zwei und drei passieren soll. Aber nach diesem durchwachsenen Auftakt, hält sich meine Neugier in Grenzen.

Bild ©  Concorde Video 
 

The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 (Francis Lawrence, USA 2014)

Posted by – 19. November 2014

Wie man hier und hier nachlesen kann, gefallen mir die ersten beiden Teile der „The Hunger Games“-Filme richtig gut. Nach Teil 3 bin ich sogar soweit zu sagen: Hier kommt etwas ganz Großes auf uns zu, etwas, das vielleicht irgendwann in einer Reihe mit Jahrhundert-Trilogien wie „Star Wars“, „The Godfather“, „Spider-Man“ oder „Lord Of The Rings“ genannt werden wird. Das klingt übertrieben? Lasst uns in 10 oder 20 Jahren noch einmal darüber sprechen! „The Hunger Games: Mockingjay – Part 1“ ist eine überragende, in fast allen Belangen konsequente Fortsetzung, die ihre Kraft in der Tradition von Werken wie Orwells „1984“ ganz aus ihrer dystopische Substanz und der damit verbundenen Tragik der persönlichen Schicksale schöpft. Weitere Gründe, warum mir der Film so gut gefallen hat, wie auch einen Kritikpunkt, verrate ich auf Kino-Zeit.

The Zero Theorem (Terry Gilliam, UK / Rumänien / Frankreich / USA 2013)

Posted by – 23. Oktober 2014

The Zero TheoremWenn da nicht sein Job wäre – er knackt für eine Firma Entitäten – würde Qohen Leth (Christoph Waltz) am liebsten den ganzen Tag zu Hause sitzen und auf den Anruf warten, der ihm den Sinn seines Lebens verrät. Dann erlaubt Management (Matt Damon) Qohen auf einmal die Heimarbeit, er muss dafür allerdings als Gegenleistung das sogenannte „Zero Theorem“ lösen. Unterstützt wird er dabei von Managements Sohn Bob (Lucas Hedges) und der Prostituierten Bainsley (Mélanie Thierry). Sollte er den Code knacken, winkt als Belohnung genau jener Anruf auf den er seit Jahren verzweifelt wartet.

Terry Gilliam hat der Welt schon so manches Meisterwerk beschert. Allen voran „Brazil“, seine persönliche Version von Orwells „1984“, aber auch den rührenden „König der Fischer“, die kultige Bibelsatire „Das Leben des Brian“, den düsteren Endzeitfilm „12 Monkeys“ und den schrägen Zeitreise-Trip „Time Bandits“. Doch er hatte es selten leicht mit seinen Filmen. Ein permanenter Kampf gegen die Studios, kreative wie auch finanzielle Restriktionen und tragische Zufälle wussten schon so manches seiner Werke zu beeinflussen oder sogar zu verhindern. Fast wirkt sein Schaffen wie das des Don Quijote – einen Film den er – erfolglos – seit Jahren zu realisieren versucht. Mit „The Zero Theorem“ hat er es ein weiteres Mal geschafft, dem Nichts einen Film abzuringen. Das ist zunächst mal etwas sehr Schönes! Wenngleich „The Zero Theorem“ alles andere als ein freundlicher Etwas geworden ist. Hinter dem bunten Reigen ist die gewohnte Gesellschaftskritik des unangepassten Filmemachers unschwer zu erkennen, doch die Bitterkeit des Films, die man vielleicht erst auf den zweiten Blick erkennt, ist sogar für Gilliam ungewöhnlich.

Was seine Geschichten verbindet, ist das Thema Fantasie. Aber nicht solche Art von Fantasie, die bei Einhörnern schon ihr Ende findet. Gemeint ist Fantasie als Gegenpol zur konformisierenden Gesellschaft, als menschliches Vermögen und potentiell grenzenloses Refugium innerhalb unserer Köpfe, Fantasie die letzten Endes nichts weniger ist als die Voraussetzung für Freiheit schlechthin. Darum geht es auch in „The Zero Theorem“. Hier stellt Gilliam die Sinnfrage. Der Film ist ein buntes Potpourri aus seinen Ideen. Munter mischt Gilliam Fragmente aus seinen Stoffen zusammen, fertig ist das Alterspatchwork, ein Museum der aussortierten Dinge, ein Schrottplatz seiner ganz persönlichen Ideen-Geschichte. Lustig ist das nicht und nicht immer unterhaltsam, mitunter sogar etwas nervig. Aber es ist mit der Eindringlichkeit eines Mannes vorgetragen, der weiß, dass er gegen Windmühlen kämpft. In der alternativen Realität des Films kommt Gilliam dann auch zu dem gar nicht so alternativen, sondern sehr wirklichkeitsnahen Ergebnis, dass die Suche nach einer tieferen Bedeutung längst zugunsten zügellosen Konsums aufgegeben wurde. Freiheit, Glück, Sinn hat das System beinahe jeden glaubend gemacht, ist nur innerhalb des Systems möglich. Lediglich der Protagonist, Qohen Leth, der in einer heruntergekommenen Kirche haust, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Eine Zeit lang glaubt er, dass irgendwann das Telefon klingeln und eine Stimme ihm den Sinn seiner Existenz offenbaren wird. Traurig ist Gilliams Film nicht deswegen, weil Qohens Glauben zum Schluss erschüttert wird, sondern weil er Erlösung findet – in einer quietsche-bunten, künstlichen Traumlandschaft von der Stange.

Bild © Concorde Filmverleih
 

The Princess Blade (Shinsuke Sato, Japan 2001)

Posted by – 13. März 2014

the princess blade#MARCHialArts 4

In einer nahen Zukunft. Eine Gruppe von Auftragskillern, die Takemikazuchi, sorgt für die Einhaltung der Gesetze. Yuki (Yumiko Shaku) ist eine von ihnen. Als sie an ihrem 20. Geburtstag erfährt, dass ihre Mutter von Byakurai (Kyûsaku Shimada), dem Boss der Takemikazuchi, umgebracht worden ist, schwört sie Rache. Doch bevor sie die bekommt, muss sie erst einmal vor ihren eigenen Leuten fliehen. Auf der Flucht lernt sie den Rebellen und Attentäter Takashi (Hideaki Itô) kennen, der auf der anderen Seite des Gesetzes steht.

„The Princess Blade“ (OT: Shura Yukihime) von Shinsuke Sato, der auf dem Manga „Shurayuki Hime“ basiert, markiert den Tiefpunkt der bisher unter dem Motto #MARCHialArts geschauten Filme. Die Prämisse, der dystopische Hintergrund und die persönliche Rachegeschichte klingen auf dem Papier gar nicht schlecht, aber im Film funktioniert leider nichts davon. Ich weiß nicht, ob ich einfach zu unaufmerksam war, um gewisse Feinheiten oder die eigentlich recht ansehnlichen Location-Shots von Kameramann Taro Kawazu (im Wald, das Fabrikgelände, am See,..) richtig zu würdigen. Aber auf mich wirkte das alles einfach unglaublich öde, sowohl was die Beziehungen zwischen den Figuren als auch – von ein paar erfreulichen Momente abgesehen – was die Martial-Arts-Szene anbelangt. Hinzu kommt die eigentlich recht simple aber so undurchsichtig erzählte Story, dass mir bis zum Ende weder klar war, dass ich mich in der einer alternativen Gesellschaft der Zukunft befinde, noch dass Yuki und Takashi schon aus politischen Gründen eigentlich Feinde sind, was Takashis Job ist, welche Rolle genau der Tod von Yukis Mutter spielt usw. Worldbuilding: nebulös. Figurenzeichnung: schemenhaft. All das hat bei mir eine maximale Distanz zum Film aufgebaut – eine Kälte in der Rezeption, die schon fast an Teilnahmslosigkeit grenzte. Nicht ausgeschlossen, dass das alles bewusst gewählte Stilmittel sind, dass sich der Zuschauer dem Film so fern fühlen soll, damit er besser versteht, wie es den entfremdeten Figuren geht. Dieses Verständnis hat sich „The Princess Blade“ in meinem Fall aber zu teuer erkauft. Was bleibt ist ein trostloser Film mit einigen visuellen Vorzügen, aber großen erzählerischen Schwächen. Von hinten durch die Brust – am Auge dann aber doch noch einen unhandlichen Schwertgriff breit vorbei.

Bild © Highlight
 

V For Vendetta (James McTeigue, USA / GB / Deutschland 2006)

Posted by – 4. Januar 2014

v for vendettaWie stürzt man ein Terrorregime? Indem man das Regierungsgebäude in die Luft jagt!

Acht Jahre sind vergangen, seit ich James McTeigues gleichnamige Verfilmung der Graphic Novel „V For Vendetta“ im Kino gesehen habe. Gestern habe ich den Film zum zweiten Mal angeschaut und muss fesstellen, dass sich, verglichen mit meinem ersten Eindruck 2006, nicht viel verändert hat: „V For Vendetta“ hat neben einiger nicht zu leugnender Stärken (mindestens) ein gravierendes Problem.

Irgendwann im 21. Jahrhundert ist Großbritannien eine Diktatur, regiert von Großkanzler Adam Sutler (John Hurt) mit eiserner Hand.Doch dann regt sich Widerstand: Ein Mann, der sein Gesicht hinter einer Guy-Fawkes-Maske versteckt und sich V nennt, jagt Londons Old Bailey in die Luft. Die junge Evey (Natalie Portman), die von V vor einer Vergewaltigung gerettet wird, wird zur Komplizin des geheimnisvollen Maskierten.

Zunächst zum Positiven: McTeigues hat seinen Film nach dem Drehbuch des Matrix-Geschwisterpaars Andy & Lana Wachowski durchaus ordentlich inszeniert, es gibt – bis auf die plakative NS-Symbolik – ein zurückhaltendes, dennoch sehr stimmiges visuelles Konzept und auch sonst ist alles meist eher dezent als voll auf die Zwölf. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das für mich größte Pfund des Films ist ein absolut hervorragender Hugo Weaving als V, der maskenbedingt allein durch seine Bewegungen und Stimme überzeugt. James Purefoy, der eigentlich für die Rolle vorgesehen war, sprang wegen künstlerischer Differenzen ab – nach diversen Quellen wollte er nicht den ganzen Film über die Maske tragen (was er selbst allerdings bestreitet). Ein paar Purefoy-Szenen sind noch im Film, welche das sind, konnte ich auf die Schnelle nicht herausfinden. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht weiter relevant, da nach Produzent Joe Silver noch etliche weitere Darsteller V spielten. Jedenfalls glaube ich, dass Weavings Statur, die Art sich zu bewegen und vor allem seine Stimme, dem Ergebnis sehr zugutegekommen ist.

Aber Highlights hin oder her – für mich funktioniert der Film nicht. Das liegt vor allem an der Zeichnung des totalitären Regimes. „V For Vendetta“ hat einfach keine dystopische Wucht. Beispielhaft kann man die Schwächen an der Figur des Großkanzlers Adam Sutler festmachen, der in überlebensgroßen Projektionen wutpredigt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich John Hurt das letzte Mal mit so wenig Charisma habe agieren sehen. Doch Schuld sind vor allem die Sätze, die ihm die Wachowskis in den Mund gelegt haben. Aufdringlicher und plakativer geht es nicht. Doch nicht nur Sutler, auch sein ganzes Terrorregime, dessen Struktur und Mechanismen, bleiben blass und nebulös. Der Zuschauer erfährt nur, dass die Medien unter der Kontrolle der Regierung stehen, eine Kontrolle, die ein einzelner Showmaster allerdings spielend umgehen kann und hinterher nicht einmal mit Konsequenzen rechnet sowie, dass es eine geheime Staatspolizei gibt, deren Mitglieder Fingermen genannt werden und die Ausgangssperre kontrollieren. Als Evey in einer Szene zwei Vertretern dieser Spezies begegnet, agieren sie jedenfalls wie zwei gewöhnliche Verbrecher, ohne dass an dieser Stelle wirklich klar wird, dass sie für das System stehen.

Aber nicht nur die dunkle Seite der Medaille hat keinen Glanz, keine Finesse und Überzeugungskraft. Auch die vermeintlich gute Seite ist zu grob geschnitten, um Lust zu machen, sich ernsthaft mit ihrer Position auseinanderzusetzen. Dem namenlosen Helden ist durch das Terrorregime Unrecht widerfahren. Deswegen beschließt er, sich zu rächen. Wofür genau er kämpft, bleibt unklar. Der Mann kann schön reden (Sätze mit vielen Vs¹), doch hat er wirklich eine gestalterische Vision? Das lässt die Wahl seiner Methoden besonders zweifelhaft erscheinen: Systematisch rächt er sich an seinen Peinigern. Den Tod Unschuldiger nimmt er billigend in Kauf. Evey foltert er, um sie „zu befreien“. Einem Film, der das Wort „Vendetta“ im Titel trägt, vorzuwerfen, er sei nur ein Rachefilm, klingt etwas seltsam, doch ich glaube, ohne die Vorlage zu kennen, dass Alan Moores Graphic Novel mehr sein wollte.

Ein wenig erinnert „V For Vendetta“ an Christopher Nolans „Dark Knight“-Trilogie, wenn man einmal davon absieht, dass Batman im Gegensatz zu V das Töten seiner Gegner strickt ablehnt: Auch dort geht es um eine Idee. Doch während bei Nolan die Revolution ihr Gesicht in einem Helden findet, sind es bei McTeigues Film bzw. Moores Comics die Massen: Es ist nicht wichtig, wer V ist. Jeder kann die Maske tragen. Die Idee lebt in jedem einzelnen. Das Finale zeigt ein Volk, das in Massen auf die Straße geht ­– visuell sehr eindrucksvoll. Dass es zum Schluss zu den Fawkes-Masken greift und den Aufstand probt, zeigt aber nur einmal mehr, dass McTeigue mir die Welt des Films nicht glaubhaft machen kann. Entweder hat hier niemand wirklich Angst vor den Repressionen des Regimes, oder die Angst ist da, aber die Wachowskis haben vergessen, dem Drehbuch ein paar Szenen zu spendieren, die diesen Aufmarsch glaubhaft machen. Und dass man ein Terrorregime stürzt, indem man das Regierungsgebäude in die Luft jagt, glaube ich ebenfalls nicht. Außerdem bleibt bis zum Schluss die Frage offen, ob denn nun wirklich alle Macht vom Volke ausgeht oder ob es der Revolution eines maskierten Rächers bedarf, der die Drecksarbeit macht, damit sich niemand anderes die Finger schmutzig machen muss.

Das lasse ich als mein Fazit auch einfach so stehen: Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft sind die größten Probleme des eigentlich recht unterhaltsamen und auch farb- und formschönen Films. Mit einem intelligenteren Drehbuch hätte ich ihn echt gern haben können.

¹Voilà! In view, a humble vaudevillian veteran, cast vicariously as both victim and villain by the vicissitudes of Fate. This visage, no mere veneer of vanity, is a vestige of the vox populi, now vacant, vanished. However, this valorous visitation of a by-gone vexation, stands vivified and has vowed to vanquish these venal and virulent vermin vanguarding vice and vouchsafing the violently vicious and voracious violation of volition. The only verdict is vengeance; a vendetta, held as a votive, not in vain, for the value and veracity of such shall one day vindicate the vigilant and the virtuous. Verily, this vichyssoise of verbiage veers most verbose, so let me simply add that it’s my very good honor to meet you and you may call me V“ – V

Bild © Warner Home Video
 

The Hunger Games: Catching Fire (Francis Lawrence, USA 2013)

Posted by – 20. November 2013

They can’t hurt me. There’s no one left I love – Johanna Mason, Distrikt 7

Ich bin positiv überrascht von „The Hunger Games: Catching Fire“. Viele Romanverfilmungen werden ihrer Vorlage nicht gerecht, aber manchmal veredeln die Bilder die Geschichten geradezu. Das ist hier der Fall. Ich mochte, wie hier geschrieben, schon den ersten Teil „The Hunger Games“ sehr gerne. Aber da das zweite Buch von Suzanne Collins ein wenig die Probleme eines typische Brückenstücks zwischen dem ersten und dritten Teil hatte, habe ich meine Erwartungen bezüglich des Films etwas herunter geschraubt. Das wäre nicht gar nicht nötig gewesen, denn die Fortsetzung steht dem ersten Film in nichts nach, treibt die todtraurige Geschichte in der grausamen Welt von Panem unbarmherzig voran und wartet darüber hinaus mit einem interessanten künstlerischen Konzept auf. Mehr dazu schreibe ich auf Kino-Zeit. Und hier geht’s zum Film-Quickie mit Sophie.

Elysium (Neill Blomkamp, USA 2013)

Posted by – 8. August 2013

ElysiumElysion – das ist in der griechischen Mythologie eine Insel, die für die unsterblichen Helden reserviert ist. Reserviert ist Elysium – eine riesige Raumstation im Orbit der Erde – in Neill Blomkamps zweitem Langfilm auch. Allerdings nicht für Helden, sondern für die Reichen und Mächtigen. Die Erde ist im Jahr 2154 ein Jammertal, in dem die Menschen mehr schlecht als recht über die Runden kommen.

So auch der vorbestrafte Max (Matt Damon), der im überbevölkerten Los Angeles lebt und schwer für seinen Lebensunterhalt schuftet. Als er bei einem Arbeitsunfall verstrahlt wird, hat er nur noch eine Chance, sein Leben zu retten: Er muss nach Elysium, nur dort gibt es die medizinischen Mittel, ihn zu heilen. So leicht ist es allerdings nicht, dorthin zu gelangen. Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster) wacht wie ein Bluthund über die Raumstation und schreckt auch nicht davor zurück, Shuttles, die versuchen zu landen, eiskalt abzuschießen. Unterstützt wird sie von ihrem „Außendienstmitarbeiter“, dem Söldner Kruger (herrlich over the top: Sharlto Copley). Doch Max erhält unerwartete Hilfe: Für Gangsterboss Spider (Wagner Moura) soll er noch einmal einen Auftrag ausführen, dann wird dieser ihm helfen, nach Elysium zu gelangen.

Die Erwartungen an Blomkamp waren nach seinem auffällig frischen Debüt „District 9“ ziemlich groß. Der junge südafrikanische Filmemacher erfüllt sie auch, zumindest insofern, als dass es ihm abermals gelingt, den Zuschauer in seinen Film richtiggehend zu entführen und ihn spüren zu lassen, wie sich die Welt dort anfühlt. An Atmosphäre und Stimmung lässt „Elysium“ kaum etwas zu Wünschen übrig. So muss Science Fiction sein. Eine Sequenz, die vielleicht besonders deutlich macht, wie die Welt im 22. Jahrhundert tickt: Max ist auf dem Weg zur Arbeit. Unterwegs gerät er in eine Polizeikontrolle, bei der er von einem Roboter grundlos zusammengeschlagen wird. Schwer verletzt schleppt er sich trotzdem zu seinem Job und macht seine Schicht, denn er weiß: ohne Arbeit und Lohn ist sein Leben keinen Penny mehr wert. Sowieso scheint den Menschen auf der Erde ihr Körper nicht viel wert zu sein. Er ist lediglich die Maschine, die für ihn arbeitet. Ist sie kaputt, wird sie repariert. Kann sie etwas nicht leisten, wird sie durch Technik verbessert. Schmerz spielt keine Rolle. Max zögert also keinen Moment als ihm der Ganove Spider für seinen nächsten Job den Schädel aufsägt, einen Computer ins Hirn verpflanzt und ihm ein Exoskelett an die Knochen schmiedet. „Elysium“ ist auch richtig schön dreckiger Cyberpunk!

Dass der Film trotzdem dann und wann etwas durchhängt, hat mit einem Problem zu tun, das auch schon bei „District 9“ auftauchte. Viele Ideen wirken oft nur angedeutet, was sich vor allem bei den Figuren bemerkbar macht. Die Geschichte wird, oft mehr schlecht als recht, durch den Plot des Films nach vorne getrieben, aber nur selten durch mehrdimensionale Charaktere. Blomkamp nimmt es sich diesmal anders vor, doch die in die Story implantierte Hintergrundgeschichte des Helden sowie die Beziehung zu seiner Flamme (leider mal wieder eine sehr schlicht gehaltene Frauenfigur), geben dem Ganzen nicht mehr Tiefe, sondern vermitteln eher den Eindruck eines lieblosen Versatzstücks.

Doch wo viel hell ist, da darf es auch etwas dunkel sein. Auf der einen Seite das ätherische Elysium, auf der anderen die überbevölkerte, schmutzige Erde. Hier ein paar schnell hingehuschte Ideen, dort Kinomomente wie man sie in diesem Jahr noch nicht erleben durfte. „Elysium“ ein Science-Fiction-Film, den sich kein Genre-Fan entgehen lassen sollte. Hinter dem manchmal Provisorischen, oft etwas Plakativen, gibt es auch viel zu entdecken. Blomkamp zeigt mit seinem zweiten Film, dass er ein Thema hat, woran sein Herz hängt. Er zeichnet stimmungsvolle dystopische Skizzen der Zukunft und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit. Er fragt auch: Wie ändert sich der Mensch durch äußere Einflüsse, durch Technik beispielsweise. Und noch einmal zum Titel: Elysion war den Helden vorbehalten. Wie die Bewohner der Raumstation zu ihrem Platz an der Sonne gekommen sind, darüber lässt sich nur spekulieren. Doch genau an diesem Punkt, bei der Frage, wer wie zu Reichtum gelangt und wer die echten Helden sind, liegt die im Krawumm etwas untergegangene Substanz des Films und meiner Meinung das moralische Statement des Regisseurs. Helden sind für Blomkamp allein diejenigen, die für das Wohl anderer, für eine gerechtere Welt kämpfen und bereit sind, dafür etwas zu opfern. Privilegien verdient sich daher kein Held durch sein Tun. In Blomkamps Welt kann nur eine klassenlose Gesellschaft eine gerechte sein.

Angeregt durch den Film-Quickie mit Sophie stellt sich mir noch eine Frage. Bis auf Max’ Freundin Frey (Alice Braga) und die böse Sicherheitschefin Delacourt sind alle Figuren Männer. Sogar die Rolle von Jodie Foster war eigentlich für einen Mann bestimmt. Warum ist das so? Ich behaupte mal, dass der Film bei den Kritikern und beim Publikum noch besser wegkommen und „Elysium“ an den Kassen mindestens so erfolgreich sein würde, wenn die Rollenverteilung anders herum wäre. Außerdem hätte Blomkamp seine Vision des Jahres 2154 noch etwas glaubhafter machen können. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Frauen in der Zukunft so wenig eine Rolle spielen.

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