Tag: Ennio Morricone

„Night Train Murders“ (Aldo Lado, Italien 1975)

Posted by – 23. Juni 2012

Margaret (Irene Miracle) und Lisa (Laura D’Angelo) wollen mit dem Zug von München nach Italien, um mit Lisas Eltern gemeinsam Weihnachten zu feiern. Im Zug stoßen sie auf  zwei Kriminelle, Blackie (Flavio Bucci) und seinen heroinsüchtigen Kumpel Curly (Gianfranco De Grassi), die auf der Flucht vor der Polizei sind. In Innsbruck müssen Margret und Lisa allerdings umsteigen – und finden sich auf einmal in einem fast verlassenen Nachtzug mit den beiden Ganoven wieder.

Zunächst war ich sehr skeptisch, als ich Aldo Lados „Night Train Murders“ (OT: L’ultimo treno della notte) eingelegt habe. Weder habe ich ein Faible für Terror-Filme im Allgemeinen, noch kann ich mit Wes Cravens „Last House On The Left“ (1972) besonders viel anfangen, als dessen heimlicher Nachfolger „Night Train Murders“ manchmal bezeichnet wird. Auch nach dem Film bin ich immer noch kein sonderlich großer Freund des Genres, muss aber zugeben, dass er mich positiv überrascht hat. Schon die ersten Minuten, in denen zu seltsamer Schlagermusik Rüpel Blackie und Curly einen Weihnachtsmann verkloppen und ausrauben, haben was und deuten die Stoßrichtung des Films an; im weiteren Verlauf steigern sich Lado und sein Team, Kameramann Gábor Pogány und Cutter Alberto Gallitti, visuell, aber auch in Sachen Suspense immer mehr und zeigen, dass sie echte Könner sind. Und auch der Score ist von Ennio Morricone und wie in dessen musikalischem Opus Magnum „Once Upon A Time In The West“ (OT: C’era una volta il West) wird auch in „Night Train Murders“ eine traurige Melodie, die von der Trostlosigkeit des Diesseits erzählt, mit einer Mundharmonika gespielt.

Aber nicht nur was die Form betrifft, auch inhaltlich, ist „Night Train Murders“ trotz der großen Ähnlichkeit lange nicht so ein Schmarrn wie „Last House On The Left“. Interessant ist, dass Blackie und Curly anfangs in gewisser Weise sogar noch als eine Art Rebellen dargestellt werden, die sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzen und dabei sogar schon mal deutlich machen, dass auch hinter der bürgerlichen Fassade nicht als Gold ist, was glänzt. Als sie z.B. eine Gruppe älterer Herren im Zug mit einem Hitler-Gruß grüßen, salutieren die Alt-Nazis reflexartig zurück. Im verlassenen Nachtzug übertreten die beiden Männer dann allerdings die letzte Grenze – und fallen über Margaret und Lisa her. Doch auch hier bleibt „Night Train Murders“ interessant. Denn auch wenn die beiden Männer zweifellos die Aggressoren sind, sorgt doch eine geheimnisvolle, offensichtlich wohlhabende Frau (Macha Méril), die Blackie im anderen Zug kennengelernt hat und die seitdem die beiden Männer begleitet, erst für die Atmosphäre, welche die Situation eskalieren lässt.

Zum Schluss holt das Establishment die beiden „Freidenker“ allerdings in Form von Lisas Eltern wieder ein und sie müssen dafür büßen, dass sie sich radikal außerhalb aller Normen bewegt haben. Dass es aber letzten Endes die Gesellschaft ist, die Gewalt hervorbringt, ist in „Night Train Murders“ immer mitgedacht. Bestraft werden die gesellschaftlich Schwachen. Die reiche Dame aus dem Zug richtet ihren Schleier und macht sich von dannen.

Bild © Shameless
 

The Bird With The Crystal Plumage (Dario Argento, Italinen 1970)

Posted by – 3. April 2012

 Meinen ersten Film von Dario Argento habe ich auf dem Flohmarkt der Bonner Rheinaue gekauft. Es war „Phenomena“. Der Film hat mich damals total umgehauen und mir eine Tür zu einem Genre aufgestoßen, mit dem ich bis dahin nur oberflächlich Bekanntschaft gemacht hatte. Das meiste von Argento habe ich mir den folgenden Jahren nach und nach angeschaut. Ein paar Lücken gibt es aber immer noch, wenn auch seit gestern eine weniger: Mit „The Bird With The Crystal Plumage“ (OT: L’uccello dalle piume di cristallo) habe ich nun endlich Argentos Debüt gesehen und damit die sogenannte Tier-Trilogie komplettiert (die des Weiteren aus „The Cat o’Nine Tails“ (1971) und „Four Flies On Grey Velvet“ (1972) besteht.)

„The Bird With The Crystal Plumage“ handelt von dem amerikanischen Schriftsteller Sam Dalmas (Tony Musante), der in Rom Zeuge eines Mordversuchs wird. Er beobachtet, wie eine Frau (Eva Renzi) in einer Kunstgalerie von einem Unbekannten attackiert wird und nur schwer verletzt überlebt. Dalmas wird daraufhin zum Hauptverdächtigen – was ihn aber nicht davon abhält, sich mit Hilfe seiner Freundin Julia (Suzy Kendall) auf die Suche nach dem Täter zu machen. Bei diesem soll es sich um einen schon länger gesuchten Serienmörder handeln.

Die Geschichten, könnte man meinen, seien im Laufe von Argentos Karriere immer unwichtiger und abstrakter geworden. Stil verdrängte immer die Substanz, die zumindest bei seinen ersten Filmen noch vorhanden gewesen sein soll. Sein Debüt ist auf den ersten Blick ein normaler Krimi mit einer „sinnvollen“ Handlung: Sam versucht sich im Laufe des Film immer wieder die beobachtete Tat zu vergegenwärtigen, weil er der Meinung ist, er hätte ein Detail übersehen, das ihn zum Täter führen könnte. Mit ihm hat auch der Zuschauer das Gefühl, er könne den Fall durchschauen, wenn er nur genau genug hinsehen würde. Doch  dieser Eindruck ist, meine ich, bereits in diesem frühen Film bloße Illusion. Die scheinbar realistische Handlung suggeriert Rationalität, folgt aber in Wirklichkeit nur den Gesetzen des Genres und den Regeln, die Argento für seine Geschichten vorsieht. Weder ergeben sich die einzelne Handlungsabschnitte logisch auseinander, noch gibt es psychologische Notwendigkeiten für das Verhalten der Figuren, noch hat die ganze Geschichte einen tieferen Sinn. Und schon gar nicht ist der Täter zu erraten. Argento zeigt sich schon in „The Bird With The Crystal Plumage“ als begnadeter Stilist einer Form, die sich in den kommenden Filmen noch entwickeln sollte. Ob diese mit dem Begriff „Giallo“ tatsächlich schon auf den Punkt gebracht ist, bezweifele ich. Argento hat den Mord und seine Rahmenbedingungen zu einer Kunstform erhoben und in den 1970er und 80er Jahren ein filmisches Instrumentarium entwickelt, um die Essenz des Tötens freizulegen. Insofern ist das im Film gezeigte Gemälde „Mord im Park“ auch paradigmatisch für das Werk Argentos und prophetisch für alle seiner weiteren Filme.

Aus der Erinnerung würde ich sagen, dass mir „The Bird With The Crystal Plumage“ von den ersten drei Argento-Filmen am besten gefallen hat. Das kann aber auch daran liegen, dass die Erinnerung an ihn im Gegensatz zu den anderen beiden noch frisch ist. Ich fand ihn durchweg spannend und einige Sequenzen (der Auftakt bei der Kunstgalerie oder als Sam den einen Killer verfolgt oder als Julia in ihrem Zimmer bedroht wird oder oder oder) sind grandios inszeniert und genau das, wofür ich Argento schätzte.

 

A Lizard in a Woman’s Skin (Lucio Fulci, Frankreich/Italien/Spanien 1971)

Posted by – 24. März 2012

Es ist schon einige Zeit her, dass ich mir das letzte Mal etwas von Lucio Fulci angesehen habe. Mit seinen Splatterfilmen bin ich bisher noch nicht so richtig warm geworden. Und „Don’t Torture A Duckling“ (OT: Non si sevizia un paperino) habe ich irgendwann mal todmüde nachts gesehen, ohne ihn richtig genießen zu können. Jedenfalls war ich schon fast dabei, Fulci unter „nicht mein Ding“ weg zu sortieren. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich jetzt die Gelegenheit hatte, seinen Giallo „A Lizard In A Woman’s Skin“ (auch bekannt unter dem Namen “Schizoid”, OT: Una lucertola con la pelle di donna) zu erleben. Nach diesem formidablen Film habe ich große Lust, mich im Werk von Fulci noch etwas weiter umzutun.

Wenn Carol Hammond (Florinda Bolkan) träumt, dann von ihrer Nachbarin Julia (Anita Strindberg). Julia führt ein ausschweifendes Leben, während Carol, Tochter eines angesehenen Politikers (Leo Genn), in einer Ehe mit ihrem Mann Frank (Jean Sorel) fest sitzt. In ihren erotischen Träumen haben die Frauen ein Verhältnis – bis die Stimmung umschlägt und Carol Julia ersticht. Und anscheinend nicht nur im Traum: Auch im wirklichen Leben wurde  Carols Nachbarin umgebracht..

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Giallotypisch werden dem Zuschauer eine Reihe von Verdächtigen präsentiert. Ist Carol selbst die Täterin? Hat ihr Mann etwas damit zu tun?  Oder ihre Tochter? Oder vielleicht ihr Vater? Auch Carols Psychiater, dem die Frau ihre Träume erzählte, wirkt nicht ganz unverdächtig. Oder war es doch der rothaarige Hippie, dem recht schnell ein Geständnis zu entlocken ist? Man weiß es nicht. Und das gehört sich in einem Giallo ja auch so. Sicherlich trägt auch bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ das Rätsel um die Frage, wer denn nun die Nachbarin ermordet hat, viel zur Spannung des Films bei. Zumal die Story hier – im Gegensatz zu manch anderen Gialli – nicht bloßes Beiwerk ist. Trotzdem, auch wenn die Substanz stimmt, die psychologische Geschichte erzählenswert ist, ist der Stil, den Lucio Fulci hier offenbart, Wahnsinn. Dario Argento („Deep Red“) wird – zu recht – für sein Stilbewusstsein über den Klee gelobt, aber genauso oft für seine flachen Geschichten kritisiert. Was Fulci und Kameramann Luigi Kuveiller (übrigens auch Kameramann bei Argentos „Deep Red“) hier zeigen, muss sich hinter keinem Film von Argento und wahrscheinlich auch keinem anderen Giallo verstecken.

Es sind nicht nur eine Handvoll guter bis großartiger Szenen – wie Carols Traum zu Beginn des Films, oder die grandiose Fluchtsequenz, die von atemraubenden Settings bis zu surrealen Szenen (Stichwort Hunde) alles bietet –, sondern es ist der durchweg anspruchsvolle „Kitt“, der die Highlights zusammenhält und den Film als Ganzes, stimmig, anspruchsvoll und visuell berauschend macht. Hier trüben keine mäßigen Darstellerleistungen den Gesamteindruck. Florinda Bolkan („Don’t Torture A Duckling“) reißt nichts an sich. Mich hat ihr Spiel dennoch gefesselt, irgendwas ging von ihr aus, das mich durch den Film geführt hat und sie, trotz ihrer Zurückhaltung zum körperlichen und geistigen Zentrum der Geschichte gemacht hat.

Letztlich faszinierte mich an „A Lizard In A Woman’s Skin“ auch, dass ich mir zum Schluss nur zum Teil erklären konnte, was genau ich an ihm eigentlich so gut finde. Zumindest nach dem ersten Sehen wirkt er, als wäre er mehr als die Summe seiner Teile. Die Geschichte ist komplex und die Bilder scheinen nicht immer die Wahrheit zu erzählen, es bleibt Unsicherheit darüber, was man eigentlich gesehen hat, was stimmt und was nicht, was Traum, was Wirklichkeit war. Ich persönlich mag diese Offenheit sehr gerne, sie führt dazu, dass ich länger über den Film nachdenke, ihn wirken lasse, mir Fragen stelle, auf ihn zurück komme. All das ist bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ der Fall. Und zusätzlich gehen mir einige der Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ohne den Film jetzt hier nach einer ersten Sichtung abfeiern zu wollen – was will man mehr?

Bild © Umbrella