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All That Jazz (Bob Fosse, USA 1979)

Posted by – 24. April 2015

All That JazzGenie, Workaholic, Frauenheld – Joe Gideon (Roy Scheider) ist ein gefeierter Regisseur und Choreograph am Broadway. Gerade ist er dabei, ein neues Stück vorzubereiten – da streikt sein Körper. Joe hat die letzten Jahre über seine Verhältnisse gelebt, zu viel Arbeit, zu viele Drogen und zu wenig Schlaf zollen nun ihren Tribut. Nach einem Herzanfall wird er ins Krankenhaus eingeliefert.

Der Film ist mir auf den Radar geraten, weil ich nach „A Chorus Line“ neulich Lust hatte, mir noch ein paar Sachen aus der Welt des Showbiz und der Bühne anzusehen. Die Geschichte von Richard Attenboroughs Musical-Verfilmung – das Casting für ein Broadway-Stück – wird allerdings schon in den ersten Minuten von Fosses Film quasi im Zeitraffer abgehandelt. Und auch der Rest des Films, in dem es um den Niedergang von Joe Gideons geht, ist wahnsinnig schnell erzählt. Die Geschichte wird allerdings nicht streng chronologisch ausgebreitet. Bereits am Anfang ist der Regisseur in einer Art Zwischenwelt, in der er mit einer Frau (Jesssica Lange) über sein Leben räsoniert. Ob sie ein Engel ist oder ein Abbild seiner irdischen Wünsche, bleibt offen. Der Stress, der ansonsten in seinem Leben hervorsticht, ist in diesen Momenten verschwunden, charmant und abgeklärt, nicht ohne seine Bereitschaft für einen Flirt durchscheinen zu lassen, redet er mit dem hübschen Wesen; nicht ganz so entspannt geht es während seiner letzten Lebensmonate zu, seine Liebschaften wachsen ihm über den Kopf und er hat starke Zweifel, ob er sein neues Stück in den Griff bekommt. Der Film ist in diese Phasen wie Joes Leben – ein einziger Rausch.

Was den Film auszeichnet, sind vor allem drei Dinge: Erstens hat es genau mit dieser erwähnten Rauschhaftigkeit tun. Nicht nur die Traumsequenzen, auch Gideons Leben wirkt wie ein Fiebertraum, seine letzten Monate, die exemplarisch für sein ganzes Lebens stehen können, sind ein nervöses Blitzlicht-Stakkato, in denen es für den Protagonisten und den Zuschauer keinen ruhigen Moment gibt. Zweitens, sein Hauptdarsteller, Roy Scheider, der so viele Kollegen, die sich an ähnlichen Rollen versucht habe, an die Wand spielt und hier wohl die beste Leistung seiner Karriere abliefert. Man glaubt ihm diese Figur, ihr Getriebensein und ihre Manie, alles für ihr neues Stück zu geben. Der Mann tut einem leid, aber man möchte ihn nicht zum Innehalten auffordern, denn man weiß, was ihn treibt und was er tun muss – koste es was es wolle! Drittens sind die beeindruckenden Musical-Einlagen zu nennen bis hin zur abschließenden Traumsequenz, in der Gideon sein neues Stück vorweg imaginiert. Mir persönlich gefällt die kleine Nummer am besten, die Gideons Tochter (Erzsebet Foldi) und seine Geliebte (Ann Reinking) für ein eine kleine Einlage eingeübt haben und die sie dem müden Choreografen in seinem Wohnzimmer vortanzen.

In Deutschland wurde „All That Jazz“ unter dem Titel „Hinterm Rampenlicht“ vermarktet. Das passt auch insofern ganz gut, als dass der Film selbst ein wenig im Schatten zu stehen scheint. Der Film erhielt zwar 9 Oscar Nominierungen und gewann davon auch vier – Bestes Szenenbild, Beste Kostüme, Bester Schnitt und Beste Musik – so richtig im Rampenlicht war er dennoch nie. Bevor ich durch einen Tipp auf ihn gestoßen bin, hatte ich nie von ihm gehört, was mir, jetzt da ich ihn gesehen habe, ziemlich eigenartig vorkommt. „All That Jazz“ ist ein wahnsinniger und wahnsinnig guter Film und jedenfalls einer der besten, die ich in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe. Anhand einiger Wochen aus dem Leben eines Künstlers wird ein ganzes Leben, ja eine komplette Branche auf der Grenze von Schaffensdrang und Selbstausbeutung eindrucksvoll portraitiert. Wie gesagt: Wahnsinn!

Bild © Twentieth Century Fox