Tag: Fantasy Filmfest

Cube (Vincenzo Natali, Kanada 1997)

Posted by – 21. Mai 2015

CubeEingesperrt zu sein – das gehört wohl zu den furchtbarsten Erfahrungen überhaupt. Dass sich das klaustrophobische Gefängnis dann aber noch als bösartige Todesfalle entpuppt, macht die Sache natürlich nicht besser.

Sechs Menschen erwachen in einem Raum. Dieser hat die Form eines Kubus. Sechs Türen an jeder Seite führen in andere Räume, die dem vorherigen bis aufs Haar zu gleichen scheinen. Keiner der Verschleppten hat eine Ahnung, wie er in dieses Labyrinth geraten konnte und jeder versucht anders mit der Situation zurecht zu kommen. Ausbrecherkönig Rennes (Wayne Robson) will sich lieber alleine durchschlagen, die hochbegabte Matheschülerin Leaven (Nicole De Boer) hat einfach nur Angst, der Architekt und Zyniker Worth (David Hewlett) sitzt apathisch da und scheint keinen Überlebenswillen zu besitzen. Die Ärztin Holloway (Nicky Guadagni) sorgt sich vor allem um ihren Mitgefangenen, den Autisten Kazan (Andrew Miller). Cop Quentin (Maurice Dean WInt) will die Gruppe zusammenhalten. Der Zusammenhalt ist bitter nötig, denn bald stellen die Gefangenen fest, dass hinter jeder Tür eine Todesfalle lauern kann.

Manchmal gibt es Filmerlebnisse, die keiner so richtig mitbekommt. Vincenzo Natalis „Cube“ ist so ein Fall. Sein Film aus dem Jahre 1997 ist nicht nur ein unglaublich intensiver, schwer erträglicher klaustrophobischer Alptraum, sondern ebenso ein intellektuelles Puzzlespiel, das Sozialpessimismus mit ätzender Zivilisationskritik verbindet. Die Genialität seiner düsteren, bis ins Kleinste durchgeplanten Technologieparabel, die einst auf dem Fantasy Filmfeste für Furore sorgte, sprach sich erst nach und nach auch in größeren Kreisen herum. Mich hat er damals jedenfalls von den Socken gehauen.

Während die Protagonisten einen Moment brauchen, bis sie ihre nahezu aussichtslose Lage erkennen, weiß der Zuschauer bereits nach dem Intro, welches mörderische Potenzial das kubusartige Gefängnisses hat. Wie schlimm alles wirklich ist, dürfte damals wie heute auch die eingefleischtesten Genre-Kenner überrascht haben bzw. überraschen. Doch „Cube“ vorschnell als reinen Genrefilm abzustempeln, wird ihm nicht gerecht. Mögliche Kritikpunkte, wie das übertriebene Acting oder die teilweise artifiziell wirkenden Dialoge passen in gewisser Weise gut zu seiner theaterhaften Künstlichkeit. In mancherlei Hinsicht erinnert er an Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“, ohne ganz in dessen Beziehungs-Nihilismus zu erschöpfen. Auch hier sind die Figuren, bzw. die Chemie zwischen ihnen, der eigentlich Spengstoff. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist, ist meiner Meinung nach trotzdem nur ein Nebenaspekt des Films. In der Schreckensformel dieses Konstrukts sind Individuen lediglich ein Teil der Gleichung. Es ist der „grenzenlose, menschliche Stumpfsinn“ für dessen Realität der Kubus ein Existenzbeweis ist.

Warum passiert das alles? Warum gibt es den Würfel und warum wurden Menschen in ihn verschleppt? Vincenzo Natalis Antwort ist gleichermaßen unbefriedigend wie einfach und bitter: Weil es möglich ist. Oder um es mit einem Zitat aus dem Film zu sagen: „Why put people in it?“ „Because it’s here. You have to use it or admit it’s pointless.“ „But IT IS pointless“ „That’s my point“.

Bild © Highlight

Honeymoon (Leigh Janiak, USA 2014)

Posted by – 2. März 2015

Honeymoon„Nach den Flitterwochen kommen die Zitterwochen“ heißt es doch so schön. Manchmal allerdings gibt es die Gänsehaut auch schon währenddessen. Bea (Rose Leslie) und Paul (Harry Treadaway) sind frisch verheiratet. Ihre Flitterwochen verbringen sie in einer einsamen Hütte im Wald. Alles scheint perfekt – bis Paul eines Nachts aufwacht – und seine Frau verschwunden ist. Er sucht und findet sie schließlich verwirrt und nackt wie angewurzelt im Wald stehend. Bea behauptet, dass es ihr gut gehe und sie sich an nichts erinnern könne. Doch in den nächsten Tagen stellt Paul Veränderungen an seiner Frau fest, die ihn misstrauisch machen.

Schon auf dem letzten Fantasy Filmfest wollte ich diesen Film sehr gerne sehen. Hinter der Werbeprosa im Programmheft meinte ich einen besonderen Film zu erahnen. Ganz falsch lag ich mit meiner Intuition nicht, denn Leigh Janiak ist mit „Honeymoon“ tatsächlich ein interessanter Film gelungen. Der Regisseurin geht es mehr um die Missverständnisse und Kommunikationsprobleme innerhalb einer Beziehung, als darum, dem Zuschauer klassischen Kost zu servieren. Zwar ist auch ihr Film recht spannend, und es gibt eine geheimnisvolle, übernatürliche Bedrohung, diese Elemente scheinen mir jedoch eher dazu zu dienen, um den hintergründigen Konflikt zwischen den Ehepartnern mit metaphorischen Mitteln herauszuarbeiten.

Dafür dass die beiden– aller Zärtlichkeit und Liebesbeteuerungen zum Trotz – schon vor Beas offensichtlicher Veränderung nicht ganz im Einklang schwingen, gibt es von Anfang an subtile Hinweise. Nicht erst durch seinen Kommentar nach dem Sex über ihre Gebärmutter lassen sich, wenn man will, Misstöne zwischen den beiden feststellen. Er ist derjenige mit der Definitionsmacht, er beurteilt die Waldhütte, die Beas Familie gehört, sagt wie das Essen gekocht werden muss usw. Und schon in dem vermeintlich zärtlichen „Honeybee“, seinem Kosenamen für sie, deutet sich eine Schieflage in der Beziehung an. So lange er die Macht hat, läuft der Laden; doch als seine Frau auf einmal „anders“ ist, gerät die Beziehung außer der Balance. Seine Frau verhält sich anders als gewohnt – er verliert die Kontrolle, er wird aggressiv, sie beginnt sich zu entziehen, er erklärt sie für krank. Je fester sein Griff, desto mehr entgleitet ihm seine Frau. Doch „Honeymoon“ ist kein Film über die Fehler eines (Ehe-)Mannes, denn ähnliches gilt für Bea: seit ihrer „Verwandlung“ ist sie viel zu sehr bei sich und ihrem Unterleib, als ihren Partner noch wahrnehmen zu können. Ein paar beflissentlich notierte und auswendig gelernte Erinnerungsschnipsel reichen nicht, die halbherzigen Versuche, die Beziehung für die restlichen Tage am Leben zu halten, laufen ins Leere. Ihr letzter Akt der Liebe ist von einem tödlichen Unverständnis die Natur ihres Mannes betreffend gekennzeichnet.

Ich finde es etwas schade, dass sich Janiak zum Schluss doch nicht ganz verkneifen kann, auf ein paar abgegriffene Standards in ihrer Inszenierung zurückzugreifen. Es soll wohl für Spannung sorgen, schadet dem Film meines Erachtens aber eher, als dass es nützt. Zu kritisieren wäre weiterhin, dass sich der Film bisweilen ein wenig wie eine künstlich in die Länge gezogene Short Story anfühlt, was wohl vor allem an einigen Szenen irgendwo zwischen Halbzeit und Finale liegt. Nichtsdestotrotz hebt sich Janiaks Kinodebüt angenehm von der typischen Genrekost ab. Sie wollte sichtbar mehr, als einfach einen spannenden Film zu drehen – und das ist ihr gelungen. „Honeymoon“ ist ziemlich bedeutungsoffen. Ob man die Ereignisse im Film beispielsweise als Metapher auf eine Schwangerschaft, eine Vergewaltigung, normale Kommunikationsprobleme zwischen zwei Menschen oder einfach als fantastischen Stoff sehen will, ist jedem frei gestellt. In anderen Horrorfilmen ist es oft so, dass ein übernatürliches Ereignis die schlechten Seiten an den Menschen hervorkehrt. Hier ist anders herum. Hier sind es die feinen, dann immer sichtbarer werdenden Risse in der Beziehung, die Fleisch werden und sich in düsterem Wurzelwerk manifestieren, das aus den Körpern der Figuren schlangengleich herauswindet.

Bild © Alive

Fantasy Filmfest 2014

Posted by – 14. September 2014

Fantasy Filmfest 2014Es ist schon etwas her, dass ich beim Fantasy Filmfest so wenig gesehen habe wie in diesem Jahr. Lediglich zu vier Filmen im Kino und einer heimischen DVD-Sichtung hat es gereicht. Die Ausbeute? Mager. Aber immerhin zwei Filme waren dann doch so großartig, dass es mir fast egal ist, wie viel Ausschussware ich dafür noch mitnehmen musste. Ein paar Sätze zu den Filmen in chronologischer Reihenfolge.

Starred Up (David Mackenzie, Großbritannien 2013)

Den ersten großartigen Film des Festivals gab es für mich gleich zu Beginn: David Mackenzies „Starred Up“ ist intensives Vater- und Sohn- wie Knastdrama gleichermaßen. Es ist ein Film der Spannungen – zwischen den Figuren, aber auch zwischen ihnen und ihrem Lebensraum. „Starred Up“ nach dem Debütdrehbuch von Jonathan Asser gehört zu den wenigen Gefängnisfilmen, in denen es kein Außerhalb gibt, es werden keine Ausbruchspläne geschmiedet und am Ende steht auch keine Entlassung wegen guter Führung. Der Knast ist die einzige Realität für die Figuren. Diese Spannung überträgt sich auch auf den Zuschauer. Ich jedenfalls saß die gut 100 Minuten Filmdauer verkrampft in meinem Kinosessel. Toll. Muss sich nicht hinter „Un Prophète“ verstecken.

Blue Ruin (Jeremy Saulnier, USA 2013)

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung doch ist. Bei diesem Film beispielsweise lagen ich und das Gros des Publikums auseinander. Einige haben ihn als präzisen, realistischen Rachethriller gesehen, ich habe ihn als aufgedunsenen und nervig prätentiösen Film empfunden. Es geht um einen Mann, der nach dem Tod seiner Eltern als Obdachloser am Rande der Gesellschaft vor sich hin vegetiert – bis der Mörder auf freien Fuß kommt und er die Chance auf Rache wittert. Mein Problem mit dem Film? Ich glaube das alles nicht. Weder die Story, die sich von der einen zur anderen Unwahrscheinlichkeit hangelt, noch die Figuren, die im Falle der Schurken zum Schluss auch grimassierenden Ungeheuern werden müssen. Dass „Blue Ruin“ ein paar gute Momente hatte, will ich dennoch nicht verschweigen. Als die Hauptfigur sich im Haus seiner Schwester gegen den bevorstehenden Angriff der Gangster wappnet – das hatte schon was.

Extraterrestrial (Colin Minihan, USA 2014)

Ein ungewöhnlicher Alien-Film, aber nicht im positiven Sinne. „Extraterrestrial“ von Colin Minihan und Stuart Ortiz aka The Vicious Brothers zitiert sich ungelenk durch das Genre, was aber eher für peinliche als lustige Momente sorgt. Ein bisschen wirkt der Film wie eine monströse, aus Versatzstücken zusammengeklebte Collage, hergestellt von Menschen ohne Sinn für Proportionen. So ist das größte Problem des Films auch sein Timing – als es kurz gegen Ende im Raumschiff der Aliens spannend wird, ist der Film auch schon vorbei. Schön immerhin: Wiedersehen mit Michael Ironside als durchgeknalltem Hanfbauern. Schlecht allerdings: was die bösen Brüder aus dieser Idee machen.

Under The Skin (Jonathan Glazer, Großbritannien, Schweiz, USA 2013)

Und noch einmal: Ein ungewöhnlicher Alien-Film, diesmal aber ein ganz fantastischer! Man kann ihn sicherlich einfach als klassisches – wenn auch eigenwilliges – Werk der Science Fiction sehen, wohl aber auch als Allegorie auf Prostitution. Zumindest war letzteres mein erster Gedanke sofort nach dem Kinobesuch. Für diese Deutung spricht einiges, was ich gerne, demnächst, wenn ich den Film noch einmal gesehen habe, ausführe. Mich jedenfalls hat „Under The Skin“ nahezu komplett glücklich gemacht und ich bin kurz davor „Meisterwerk“ in die Welt hinauszurufen. Vielleicht hat Glazer in der Entwicklungsphase doch noch etwas Angst vor der eigenen Courage bekommen und hat – in Massengeschmack vorauseilendem Gehorsam – im letzten Drittel dem Drang nachgegeben, doch noch eine Geschichte zu erzählen. Zuviel „Handlung“ späteren Verlauf des Films – das wäre derzeit aber auch meine einzige Kritik. Viel ist über Glazers Film und den ihm versagten Kinostart im Vorfeld gesprochen worden, und, nachdem ich ihn nun endlich gesehen habe, schlage ich mich eindeutig auf die Seite derer, die sagen, dass Bild- und Klanginstallation auf die große Leinwand gehört. Geht nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen? Blödsinn! Wenn diese allein bestimmen, was in den deutschen Kinos läuft, haben wir bald nur noch die Wahl zwischen dem Transformers, dem nächsten Marvel-Film oder irgendeiner reaktionären Rom-Com.

Nurse 3D (Douglas Aarniokoski, USA 2013)

Vorher habe ich noch gedacht: Was kann man bei einem Film über eine hübsche Killerkrankenschwester, die, wenn sie nicht gerade Kollegen und Patienten auf fiese Art und Weise ins Jenseits befördert, ihren wohlgeformten Körper nackt der Kamera präsentiert, eigentlich falsch machen? Jetzt weiß ich: So einiges. Müsste ich es an einen Punkt festmachen, würde ich sagen, dass Aarniokoski sich nicht entscheiden konnte, ob er einen sleazigen Psychothriller oder vergnügliches Splatter-Fest drehen wollte. Klingt vielleicht als würde beides zusammengehen, hebelt sich meiner Meinung nach aber in diesem Fall aus. Einen nicht unerheblichen Anteil an meinem Missfallen hat auch Paz de la Huerta, die so unmöglich, ich möchte fast sagen: bizarr schauspielt, dass es mir mehrmals kalt den Rücken herunterlief. Und das ist jetzt nicht nett gemeint. Brr.

Bild © Rosebud Entertainment 
 

Splice (Vincenzo Natali, Kanada, Frankreich, USA 2009)

Posted by – 16. November 2013

spliceNormalerweise schreibe ich die Texte hier im Blog kurz nach dem Sehen der Filme. Im Falle von Vincenzo Natalis „Splice“ sind nach der zweiten Sichtung nun schon mehr als drei Jahre vergangen. Angeregt durch eine Diskussion über den Regisseur und vor allem diesen Film, möchte ich jetzt doch noch einmal ein paar Sätze aufschreiben. Vielleicht führt das dazu, dass der eine oder andere „Splice“ noch einmal eine Chance gibt. Obwohl  Natali 1997 mit „Cube“ einen künstlerisch bemerkenswerten und an den Kinokassen durchaus erfolgreichen Film abgeliefert hat, ist er immer noch kaum mehr als ein Geheimtipp. Daran haben auch die folgenden Spielfilme – der clevere Sci-Fi-Thriller „Cypher“ und die philosophische Komödie „Nothing“ – wenig geändert. Und auch mit dem doppelbödigen Monsterfilm „Splice“ ist Natali weder der kommerzielle Durchbruch noch der Einzug ins Herz der meisten Cineasten gelungen – was mir damals wie heute ein Rätsel ist.

„Splice“ handelt von den Biowissenschaftlern Clive (Adrian Brody) und Elsa (Sarah Polly), die für ein Pharmaunternehmen arbeiten. Dem Paar ist es nicht nur gelungen, ein geklontes Lebewesen zu erschaffen, das für die Produktion von Medikamenten dient, sondern heimlich auch Tier- und Pflanzengenen mit menschlichen Genen zu kreuzen. Das Ergebnis: Ein humanoides Hybridwesen. Da das Wesen, das die beiden Forscher Dren nennen, im Forschungslabor nicht sicher ist, entführen die Wissenschaftler ihre Schöpfung kurzerhand und verstecken es in Elsas Geburtshaus, einer abgelegenen Hütte im Wald. Doch Dren ist nicht nur ein Forschungsobjekt, sondern hat ganz eigene Wünsche und Bedürfnisse.

Die Nähe zu Mary Shellys „Frankenstein“ ist unübersehbar, aber es ließen sich noch eine ganze Reihe anderer Filme nennen, auf die Natali – mal mehr, mal weniger explizit – Bezug nimmt. Man kann „Splice“ also mit Recht als eine Art Best Of des Monsterfilms bezeichnen, und das Finale ist dann auch eine ganz deutliche Verbeugung an die Filme der Hammer Studios der 1950er Jahre. Doch Natali will mehr als das. Aus den Versatzstücken des Genres kreiert er eine Groteske über eine dysfunktionale Familie, die ihre Wünsche auf ihr Kind projiziert (in gewisser Weise ist „Frankenstein“ das ja auch schon) und damit ein Monster erschafft: Elsa selbst stammt aus problematischen Verhältnissen und hat deswegen Angst, ein eigenes Kind zu bekommen. In Dren sieht sie nun die Chance, sich als Mutter auszuprobieren. Clive hingegen hätte das Wesen anfangs am liebsten getötet, doch je mehr das Experiment die Gestalt einer jungen, exotischen Frau annimmt, desto mehr fühlt er sich zu ihr hingezogen. Und irgendwann ist es eigentlich gar nicht mehr so klar, wer hier eigentlich das Monster ist. Die weniger bekannte französische Darstellerin Delphine Chaéac macht ihre Sache als Dren nebenbei bemerkt sehr überzeugend. Wie die postmodernen Eltern des Films erlebt auch der Zuschauer durch sie ein Wechselbad der Gefühle. Nicht nur den ausgeklügelten Special Effects, sondern auch Chaéac hat Natali es zu verdanken, dass er mit Dren (rückwärts für „Nerd“) ein Filmmonster erschaffen konnte, das seinesgleichen sucht.

Mein einziger Kritikpunkt am Film wäre, dass er etwas zu sehr auf das Ziel, weniger auf den Weg dahin ausgerichtet ist. Deswegen macht er vielleicht auch besonders beim ersten Sehen Spaß. Ein starker Film, bei dem es auch bei mehrmaligem Sehen etwas zu entdecken gibt, ist „Splice“ nichtsdestotrotz. Natali untermauert mit ihm seinen Ruf als intelligenter, vielseitiger und meiner Meinung nach sträflich unterschätzter Filmemacher, der nicht nur spannende, sondern auch tiefgründige Geschichten erzählen kann und darüber hinaus alle Register des Genre-Kinos beherrscht. Seltsamer Weise scheinen das andere Menschen anders zu sehen.

P.S. Das erste Mal habe ich „Splice“ auf Fantasy Filmfest Nights 2010 gesehen. Text von damals gibt’s hier.

Bild © Universum
 

Fantasy Filmfest 2013 (3)

Posted by – 1. September 2013

Byzantium (Neil Jordan, 2012)

Vampire sind Wesen, die sich durch das Blut anderer eigene Lebenszeit gewinnen können. Diese Fähigkeit ist gleichzeitig ihr Verderben. Je länger sie auf der Welt sind, desto weiter entfernen sie sich von den Menschen und von allem davon, was ein Leben lebenswert machen kann. Es gibt nicht viele Regisseure, die es verstehen, die dem Vampir-Stoff innewohnende Tragik in einen Film zu überführen. Neil Jordan gehört zu den wenigen. Das hat er mit „Interview With The Vampire“ gezeigt. Und das zeigt er nun mit „Byzantium“ erneut. Clara Webb (Gemma Arterton) und ihre Tochter Eleanor (Saoirse Ronan) sind Vampire die versuchen, so gut es geht über die Runden zu kommen. Dabei laufen sie ständig Gefahr, von der Bruderschaft der Vampire aufgespürt zu werden. Diese Bruderschaft achtet streng darauf, dass ihre Regeln eingehalten werden – Regeln, die Clara und Eleanor seit 200 Jahren fortwährend brechen. „Byzantium“ erinnert gleich in mehrerer Hinsicht an die „Anne Rice“-Verfilmung aus dem Jahr 1994 – nicht nur, was die Themen Einsamkeit, Liebe und Sinnsuche, sondern auch, was die etwas umständliche Erzählweise mittels Rückblenden betrifft. Trotzdem ist der Film mehr als eine Variante seines Vorgängers und eine durchaus eigene Auseinandersetzung mit dem Stoff, in der Jordan und die Autorin Moira Buffini Mut haben, neue Wege zu gehen. Am Schluss ist „Byzantium“ vielleicht sogar der erste feministische Film aus diesem Genre. Hiermit nehme ich ihn deswegen feierlich in die (leider nicht besonders umfangreiche) Gruppe der sehenswerten Vampirfilme auf. Herzlich Willkommen! (Hier entlang zu einer ausführlichen Rezension.)

Big Bad Wolves (Aharon Keshales, Navot Papushado, Israel 2013)

Der Trailer eines Films gibt in den allerseltensten Fällen Aufschluss über seine Qualität. Aber zusammen mit Kenntnis des ersten Films des Regisseur-Duos Aharon Keshales und  Navot Papushado („Rabies“) und einem interessant aussehender Trailer, dachte ich, mit einiger Sicherheit daraus schließen zu können, dass „Big Bad Wolves“nicht so verkehrt sein kann. Es geht um den Polizisten Miki (Lior Ashkenazi), der den unauffälligen Lehrer Dror (Rotem Keinan) für einen gefährlichen Pädophilen hält, der schon mehrere Mädchen auf dem Gewissen hat. Diese Einschätzung teilt auch Gidi (Tzahi Grad), der Vater des letzten Opfers. Ehe die beiden wütenden Männer sich versehen, befinden sie sich in einem einsamen Haus, vor ihnen der gefesselte Dror. Das Verhör kann beginnen. – Handwerklich ist „Big Bad Wolves“ auffällig gut. Dieser leicht irreale Ton, der schon „Rabies“ aus der Masse hervorgehoben hat, findet sich hier wieder. Gefallen hat mir der Film trotzdem nicht. Ich habe wieder gemerkt, dass ich mit Torture-Comedy nichts anfangen kann. Vor allem dann nicht, wenn der Film mit einer abstoßenden Schluss-Pointe aufwartet: Denn wer weiß – hätten sich Miki und Gidi noch ein bisschen mehr ins Zeug gelegt, vielleicht hätten sie von Dror doch ein paar nützliche Informationen erhalten.

Love Eternal (Brendan Muldowney, Irland 2013)

Als Kind hat Ian (Robert de Hoog) seinen Vater verloren, als junger Mann eine Mitschülerin, später seine Mutter. Vom Vater hat er ein Funkgerät bekommen, mit dem er jede Nacht versucht, mit diesem Kontakt aufzunehmen, von seiner Mutter ein selbstgeschriebenes Buch mit Ratschlägen fürs Leben. Erst wenn Menschen tot sind – so möglicherweise die Botschaft, die der scheue Ian aus den Ereignissen gezogen hat – kann ich in Kontakt mit ihnen treten und mich ihnen ohne Angst nähern. Ian beginnt die Nähe von Frauen zu suchen, die sterben wollen, ihre Leichen nimmt er mit in seine Wohnung. Doch dann lernt er die todessehnsüchtige Naomi Clarke (Pollyanna McIntosh) kennen… „Love Eternal“ beruht auf dem Roman „Loving The Dead“ von Kei Oishi. Ich habe weder das Buch gelesen noch Brendan Muldowneys Debütfilm „Savage“ gesehen, deswegen fehlt mir der Kontext, um „Love Eternal“ als Romanverfilmung vernünftig einzuorden. Für sich genommen ist Muldowneys zweiter FIlm vor allem inhaltlich interessant, da hier gewisse Aspekte einer nekrophilen Neigung in eine sehr spezielle, aber dennoch nachvollziehbare Coming-of-Age-Story einbettet werden. Was mir allerdings nicht gefällt, ist dieser verklärte Erzählton, der durch die aufdringliche Filmmusik noch verstärkt wird. Fazit: Gute Geschichte, gute Darsteller, aber leider nicht so gut umgesetzt. Hab auf Kino-Zeit noch etwas mehr dazu geschrieben.

Tulpa (Federico Zampaglione, Italien 2012)

Tagsüber die erfolgreiche Geschäftsfrau, zieht es Lisa (Claudia Gerini) nachts immer wieder in den exklusiven Club Tulpa, um dort ihre sexuellen Wünsche auszuleben. Doch als eine schreckliche Mordserie beginnt, deren Opfer allesamt die Spielgefährten ihrer nächtlichen Abenteuer sind, muss auch Lisa bald um ihr Leben fürchten. Wer ist der Mörder? Jemand aus dem Club, z.B. der Besitzer Kiran (Nuot Arquint)? Einer ihrer Liebhaber? Oder vielleicht doch jemand aus ihrem ersten Leben als Businessfrau? – Oder ist das vielleicht alles egal und es gilt, sich an den Bildern des Films zu berauschen, sich seiner Stimmung hinzugeben und sich während der spannenden und oft sehr blutrünstigen Momente tief in den Kino-Sessel zu drücken. Ich glaube, näher als mit „Tulpa“, kommt man heute an das alte „Giallo-Feeling“ nicht mehr ran. Federico Zampagliones Film ist brutal, wirr, sexuell aufgeladen und im besten Sinne aus der Zeit gefallen. Und zum Schluss war’s wieder mal der Gärtner. Toll!

Fantasy Filmfest 2013 (2)

Posted by – 29. August 2013

Wrong (Quentin Dupieux, Frankreich, USA 2013)

Ein Mann sucht seinen Hund. So weit, so klar. Aber dann stimmt auf einmal gar nichts mehr im neuen Film von Quentin Dupieux. Der Mann ohne Hund heißt Dolph (Jack Plotnick) und arbeitet in einem Büro, in dem es immer regnet. Naja, eigentlich arbeitet er dort gar nicht mehr,  sucht aber täglich seinen Arbeitsplatz auf, weil er das einfach gerne tut. Aus der Palme im Garten wird eine Tanne, die Uhren gehen falsch und Emma, die Frau aus dem Pizza-Dienst-Callcenter (Alexis Dziena) verliebt sich etwas schnell. Und auch ihre Schwangerschaft ist eine ziemlich rasante Angelegenheit. Der Mann, der Dolph verspricht, seinen Hund wiederzubeschaffen, nennt sich Meister Chang (William Fichtner), Dolphs Gärtner (der Vater von Dolphs Kind) heißt Victor (Eric Judor) – ihm ist die Sache mit der Tanne passiert. Und zum Schluss kommt alles wie von Meister Chang prophezeit. In diesem Film stimmt nichts, nichts geschieht hier aus einem bestimmten Grund. Seinen Titel „Wrong“ trägt Dupieuxs toller neuer Film auf jeden Fall zu Recht.

New World (Hoon-jung Park, Korea 2013)

Dass man aus bekannten Elementen eine unglaublich spannende, sogar überraschende Geschichte erzählen kann, zeigt Hoon-jung Park mit seinem Mafia-Epos „New World“. Die Story: Der Polizist Ja-sung (Lee Jung-jae) arbeitet undercover. Als der Anführer des Verbrecher-Syndikats Goldmoon stirbt, wird Ja-sung von seinem Vorgesetzten Kang (Choi Min-sik) dazu getrieben, aktiv in den Kampf um die Nachfolge einzugreifen. Ja-sung steht vor einem Interessenskonflikt. Einerseits ist er Polizist, andererseits ist er mit Jung Chung (Jeong-min Hwang), dem aussichtsreichsten Kandidaten im Kampf um den Gangster-Thron, befreundet. Für mich ist „New World“ bisher nicht nur der stärkste Film des Festivals, sondern gehört auch insgesamt zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Polizei und Mafia bedingen sich gegenseitig. Schöne neue Welt. Ein kleines Problem hatte ich nur mit dem Schluss: Der letzte Twist macht einiges verständlicher, anderes aber – denke ich zumindest jetzt gerade –weniger glaubwürdig. Hier ist dringend eine Zweitsichtung gefordert. Meine komplette Rezension zum Film gibt’s auf Kino-Zeit.de.

Drug War (Johnnie To, China 2012)

Mit „The Mission“ hat Johnnie To einen Film gemacht, der zu meinen Lieblingsfilmen gehört. Und auch „Sparrow“, „Election“ und noch ein paar andere finde ich sehr gut. „Drug War“ (OT: Du zhan) allerdings lässt mich etwas ratlos zurück. Der Film erzählt die Geschichte eines Sondereinsatzkommandos der Polizei, das ganz im Kampf gegen die Drogenmafia aufgeht. Als Captain Zhang Lei (Sun Honglei) und sein Team den Gangster Timmy Choi (Louis Koo) in die Finger bekommt, wittert er die Chance durch ihn an die ganz großen Bosse heranzukommen. Auch „Drug War“ hat wieder seine Momente. Die Schießerei vor der Schule und der Showdown gehören bestimmt zu den besten Sequenzen, die To je gefilmt hat. Und auch sonst ist der Film nicht unspannend und enthält einige der für Tos Filme typischen, kauzigen Charaktere. Und trotzdem bin ich mit diesem Film nicht so ganz warm geworden. Irgendwie wirkt er zu oft auf mich wie naive Anti-Drogen-Propaganda, in der aufrechte Cops mit vollem Einsatz gegen die durchtrieben fiesen Drogendealer vorgehen, die dann zum Schluss auch noch zum Tode verurteilt und hingerichtet werden. Soll das ein Happy End sein?

Miserere (Sylvain White, Frankreich 2013)

Der blödeste Film, den ich auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest abgekommen habe, war der französische Grusel-Thriller „Miserere“ (OT: La marque des anges – Miserere). Chorkinder werden darin von Alt-Nazis zu Killern umprogrammiert, um die Menschenrechtsaktivistin Laura Bernheim (Marthe Keller) umzubringen. Der pensionierte Polizist Lionel Kasdan (Gérard Depardieu) und Interpol-Mann Frank Salek (JoeyStarr) kommen der Verschwörung auf die Spur, verhindern das Attentat – und der Zuschauer kann sich endlich wieder interessanteren Filmen zuwenden. „Miserere“ ist ähnlich unsinnig wie „Die purpurnen Flüsse“ und „Das Imperium der Wölfe“, aber ein gutes Stück langweiliger. Die drei Filme beruhen auf den Romanen von Jean-Christophe Grangé. Ich werde sie nicht lesen.

Fantasy Filmfest 2013 (1)

Posted by – 25. August 2013

fff13

Ich schaue mir wieder einiges auf dem Fantasy Filmfest an. Hier werde ich in den kommenden Tage ein paar Sätze zu den gesehenen Filmen posten. Zunächst zu Tag eins und zwei.

The Philosophers (John Huddles, USA 2013)

Ein Teilbereich der Philosophie beschäftig sich mit der Frage: „Was sollen wir tun?“ John Huddles treibt dies in seinem Film „The Philosophers“ ins Extreme und lässt eine Philosophieklasse in Gedankenexperimenten überlegen, wie sie sich im Falle eines Atomkriegs verhalten würden: Der rettende Bunker hat nur für eine begrenzte Anzahl von Personen Platz. Wer darf hinein? Und wer ist verzichtbar? Ich bin sehr angetan davon, wie Huddles es schafft, sein „Kopfkino“ stets spannend zu halten und zum Schluss sogar noch Emotionen als der prä-rationale Ur-Grund zu identifizieren, der jedes Denken bedingt und jede Entscheidung mindestens ebenso stark beeinflusst wie ein kühl durchdachtes Argument. Da verzeihe ich dem Film ein paar platte Exkurse in die Küchenphilosophie gern. Mehr von mir dazu im AGM-Blog.

 Haunter (Vincenzo Natali, Kanada 2013)

„Groundhog Day“, „The Others“, A Nightmare On Elm Street“, „Shining“, „Twin Peaks“, Nothing“, „Sinister“,… – Vincenzo Natalis „Haunter“ kommt am Anfang ein wenig wie ein Best-Of des Fantastischen Films der letzten 50 Jahre daher, entpuppt sich aber im Verlauf als etwas ganz Eigenes, ein wilder Ritt durch verschiedene Zeitebenen und Genres sowie ein Dekaden überspannender Geisterkrimi der etwas anderen Art, in dem ein junges, mutiges Gespenst seinen Mörder stellt. Ich halte Natali für einen sehr vielseitigen und außergewöhnlich einfallsreichen Filmemacher, der sich seinen Sujets stilistisch virtuos aber gleichwohl variable nähert. Und trotzdem deutet sich mittlerweile die – meist technisch, in diesem Fall aber metaphysisch induzierte – Iteration von Identität(en) als Natalis Kernthema an. In dieser Hinsicht erinnert er fast ein wenig an seinen kanadischen Kollegen David Cronenberg. Und ich muss sagen, ich mag das! Eine Anmerkung noch zu „Haunter“, der mir insgesamt ganz ausgezeichnet gefallen hat: Die Hauptdarstellerin Abigail Breslin – mit der habe ich bis zum Schluss leider etwas gefremdelt.

Devil’s Pass (Renny Harlin, USA, UK, Russland 2013)

Ich mag Berg- und Schnee-Filme. Mit Renny Harlins „Devil’s Pass“ (aka: The Dyatlov Pass Incident) bin ich allerdings nicht glücklich geworden. Fünf Studenten aus Oregon machen sich auf nach Russland, um den bis heute ungeklärten Tod von neun Ski-Wanderern im nördlichen Ural aus dem Jahr 1959 zu untersuchen. Dabei müssen sie allerdings schnell feststellen, dass es am Hang des Berges Cholat Sjachl nicht mit rechten Dingen zugeht. Zuerst spielen GPS und Kompass verrückt, dann entdecken sie Fußspuren und eine abgeschnittene Zunge und schließlich den Eingang zu einem Bunker. Seltsam, die Bunkertür lässt sich nur von außen öffnen… In seinen besten Momenten erinnert „Devil’s Pass“ an eine Mischung aus „Blairwich Project“ und „Lost“, wirklich gute Ideen kommen allerdings nur in homöopathischen Dosen vor. Schön, dass das alles auf wahren Begebenheiten beruht, ärgerlicher als die hanebüchene Auflösung des Ganzen ist allerdings Harlins Versuch, die Geschichte aus (pseudo-)dokumentarischem Material zusammenzusetzen. So ungekonnt habe ich das noch nicht gesehen, also echt jetzt! Bleibt zu hoffen, dass wir das alles auch bald hinter uns haben. Jedenfalls arbeiten Filme wie „Devil’s Pass“ hart daran, dass  bald aber auch wirklich niemand mehr „Found Footage“ sehen will.

Raze (Josh C. Waller, USA 2013)

Auf nahezu jedem Fantasy Filmfest gibt es einen Film, der heftige Kontroversen auslöst.  „Raze“ von Josh C. Waller, ein Film über Frauen, die gezwungen sind, sich in illegalen Wettkämpfen zu Tode zu prügeln, könnte der diesjährige Kandidat sein. Handwerklich ist Wallers Film jedenfalls exzellent gearbeitet. Die Farbdramaturgie und der Scores haben mich ein wenig an Vincenzo Natalis „Cube erinnert. Inhaltlich sehe ich eher Parallelen zu „Martyrs“. Ob „Raze“ auf maximalen Effekt ausgerichtete Exploitation ist oder ein Film, über den es sich länger nachzudenken lohnt – das habe ich bis jetzt noch nicht entscheiden können. Ein intensives Kinoerlebnis war er ohne Frage. (Eine längere Kritik von mir gibt’s hier.)

Bild © Fantasy Filmfest
 

Fantansy Filmfest Nights 2013

Posted by – 28. März 2013

FFN13_Ein paar Sätze zu den Filmen, die ich auf den diesjährigen Fantasy Filmfest Nights gesehen habe.

American Mary (Jen Soska, Sylvia Soska, USA 2012)

Die Medizin-Studentin Mary Mason (Katharine Isabelle) braucht Geld und entschließt sich, einen Job in einem Nachtclub anzunehmen. Doch es kommt anders als sie denkt: Weil sich herumspricht, dass Mary gut mit dem Skalpell umgehen kann, häufen sich plötzlich die Anfragen nach illegalen Schönheitsoperationen. „American Mary“ beginnt stark und hat auch im Folgenden immer wieder seine Momente. Leider bleibt der gute erste Eindruck nicht die gesamte Zeit erhalten. Der Schwenk zum „Rape & Revenge“-Movie wirkt weniger wie die stimmige Fortentwicklung der begonnenen Geschichte, sondern eher wie ein Rettungssprung in sichere, aber auch irgendwie langweilige Genre-Gefilde. Trotzdem ein sehenswerter Film. Was bleibt ist die Gewissheit, dass Schönheit relativ ist. Und auch das hat keine festen Grenzen: Was Menschen mit ihrem Gewissen vereinbaren können und was nicht.

John Dies At The End (Don Coscarelli, USA 2012)

Als Dave (Chase Williamson) und John (Rob Mayes) Bekanntschaft mit einer neuen Droge, Sojasauce genannt, machen, ist nichts mehr wie vorher. Haben die beiden einfach nur schreckliche Visionen oder sind sie wirklich einer Weltverschwörung auf der Spur? Und wenn: Können ausgerechnet diese beiden Männer die Erde retten? Der Film verdient mit Sicherheit mehr Beachtung und ich werde mich demnächst auch noch mal länger dazu äußern. Hier nur in aller Kürze. Don Coscarelli hat sich in den letzten Monaten zu einem Regisseur gemausert, dem ich sehr viel Achtung entgegen bringe. Coscarelli hat etwas von einem spielwütigen Kind, das kompromisslos seinen Willen durchsetzt und alles was ihm in den Kopf schießt, schamlos in einen Film verwandelt. Und doch ist das Ganze nie prätentiös, sondern durch und durch ehrliche Fantasy. Das gilt auch für „John Dies At The End“, welches – und dies ist mein Ultrakurzfazit – ein verdammt guter Film ist!

Stoker (Chan-wook Park, USA / UK 2013)

Der Hollywood-Einstand gilt für Ausländer immer als schwer, aber für Park Chan-wook ist das anscheinend kein Problem. Mit „Stoker“ liefert er nicht nur einen rundherum stimmigen Film, sondern gleich auch eines seiner besten Werke überhaupt ab. Im Film geht es um die India Stoker junge India Stoker (Mia Wasikowska), die Nach dem Tod ihres Vaters (Dermot Mulroney) nicht nur mit ihrer Mutter Evelyn (Nicole Kidman), sondern auch mit ihrem wie aus dem Nichts aufgetauchtem Onkel Charlie (Matthew Goode) in einem Haus wohnt. Wer ist der Mann? Wo kommt er so plötzlich her? Und was will er? Toll an „Stoker“ ist nicht nur die Besetzung: Mia Wasikowska („Jane Eyre“) sehe ich wirklich sehr gern und Matthew Goode fast noch lieber. Auch Nicole Kidman war schon lange nicht mehr so gut. Das Drehbuch von „Prison Break“-Star Wentworth Miller, eine tiefe Verbeugung vor „Shadow Of A Doubt“, kann ich seit meinem kleinen Hitchcock-Ausflug auch richtig würdigen. Vermutlich einer der besten Thriller des Jahres.

The Bay (Barry Levinson, USA 2012)

Die Hafenstadt Chesapeake Bay im Bundesstaat Maine lebt überwiegend vom Tourismus. Zumindest bis giftige Substanzen im Wasser nachgewiesen werden. Während der Bürgermeister John Stockman (Frank Deal) noch abwiegelt, treten schon die ersten Erkrankungen auf. Als Wissenschaftler herausfinden, dass der Grund ein durch Wachstumshormone mutierter Parasit ist, ist es schon zu spät. Insgesamt ist „The Bay“, der Found-Footage-Beitrag von Oscar Preisträger Barry Levinson, kein schlechter Film. So richtig überzeugend ist er allerdings auch nicht. Dabei hätte die Idee sowohl im Bereich des realitätsnahen, ökologisch orientierten Tierhorrors als auch als selbstreflexive Medienkritik einiges an Potenzial geboten: Wenn irgendwann einmal die Welt untergeht, dann hätten wir zumindest alles auf Band. Eine längere Kritik gibt’s auf Kino-Zeit.

Bild © Fantasy Filmfest
 

Fantasy Filmfest 2012

Posted by – 8. September 2012

Seitdem ich in Berlin wohne, gehört das Fantasy Filmfest (neben Weihnachten, Geburtstag und Urlaub) zu den Höhepunkten meines Jahres. Umso bedauerlicher, dass mir eigentlich fast immer etwas dazwischen kommt. Nicht so in diesem Jahr. Ich habe mir zwar nicht besonders viel angesehen, hatte aber mit den Filmen fast durchweg Glück.

In Anfang in diesem Jahr machte „Game Of Werewolves“ (mehr dazu hier).  Nachdem ich kürzlich soviel Freude an „Howling III: The Marsupials“ und auch „The Undying Monster“ mir Spaß gemacht hat, dachte ich, ich müsste mal mehr Werwolf-Filme guten. Der spanische „Game Of Werewolves“ hat mich ebenfalls nicht enttäuscht. Für mich war der Film sogar nach Neil Marshalls „Dog Soldier“ einer der originellsten und charmantesten Werwolf-Filme der letzten 20 Jahre.

Etwas weniger Freude hatte ich mit dem „Thale“. Wie auch schon im grandiosen „Trollhunter“ steht hier auch ein Stück norwegische Folklore im Zentrum, aber anders als André Øvredal schafft es Aleksander Nordaas meines Erachtens selten, den Zuschauer auch nur ansatzweise ähnlich zu verzaubern.  Eine ausführliche Review von mir findet ihr hier.

„Girls Agains Boys“ habe ich mir ehrlich gesagt nur wegen des Titels angeschaut. Ein Glücksgriff. Vordergründig mag es sich um ein normales „Rape And Revenge“-Movie handeln. Unter der Oberfläche steckt in ihm aber soviel mehr! Ich weiß, das ist schnell behauptet und müsste weiter ausgeführt werden, damit deutlich wird, was ich damit meine und bei Gelegenheit werde ich das vielleicht auch mal tun, z.B. anlässlich des DVD-Starts des Films, der hoffentlich kommen wird.

Mein Highlight des Fantasy Filmfests 2012 war aber „Excision (meine Lobdudelei gibt’s hier). Direkt nach dem Screening dachte ich noch, „Excsion“ wäre gut, aber nicht wirklich toll. Doch je mehr ich über den Film nachgedacht habe, desto mehr ist mir über ihn ein- und an ihm aufgefallen. Der Film tut erst, als wäre er dein Freund. Aber dann! „Excision“ ist eine einzige, blutige Erziehungsmetapher, die sich lange geschickt als schwarze Komödie tarnt, obwohl er doch ein galliges Drama ist.  Und tut richtig weh. In a good way.

Zum Abschluss gab es noch „Cockneys vs. Zombies (meine Rezension auf Kino-Zeit). Falls ich es in diesem Blog noch nicht erwähnt habe: Ich kann lustigen Zombiefilmen nichts abgewinnen. Das liegt schon daran, dass ich sie in der Regel nicht lustig finde. Insofern hatte es der Film Matthias Hoene bei natürlich auch schwer, auch wenn ich zugegeben muss, dass sein Film bestimmt nicht die schlechteste ZomCom ist. Meiner Meinung nach ist das Comedy-Virus ansteckender und ungleich gefährlicher als jede Zombie-Epidemie, es wird irgendwann jedes Genre infizieren und einen qualvollen Tod sterben lassen. Der Zombie-Film ist auf dem besten Weg dahin.

Bild © Rosebud Entertainment