Tag: Florinda Bolkan

Footprints On The Moon (Luigi Bazzoni, Italien 1975)

Posted by – 9. Juni 2012

Erfreulicherweise haben wir es geschafft, unseren Videoabend wiederzubeleben. Da treffen wir uns zu dritt oder zu viert, essen was Leckeres und schauen danach bei einem Gläschen Chatreuse einen Film auf großer Leinwand. Letzte Woche war dann „Footprints On The Moon“ (OT: Le Omre) an der Reihe.

Immer wieder träumt Alice Cespi (Florinda Bolkan) von einem Film, in dem ein Astronaut auf dem Mond zurückgelassen wird. Selbst Beruhigungsmedikamente helfen ihr nicht. Als sie eines Tages zur Arbeit kommt, erfährt Alice, dass sie anscheinend seit ein paar Tagen gefehlt hat. Wo sie in der Zwischenzeit war, weiß die verunsicherte Frau allerdings nicht. Eine Postkarte, die Alice in ihrem Mülleimer findet, führt sie schließlich auf die türkische Insel Garma. Überrascht muss sie feststellen, dass man sie hier anscheinend kennt.

Derzeit versuchen wir beim Videoabend, uns in die Welt des Giallo einzusehen. Bei  „Footprints On The Moon“ mussten wir dann aber feststellen, dass wir es nicht mit einem typischen Vertreter besagten Genres zu tun hatten. Was nicht weiter schlimm war, denn Bazzonis Film entpuppte sich allem Schubladendenken zum Trotz als düstere Variante des „Alice im Wunderland“-Themas und als wunderbar trauriges Filmerlebnis. Und das aus mehreren Gründen. Zum einen ist der Handlungsverlauf kaum vorhersehbar. Manch einer mag eine vage Ahnung haben – wie alles schlussendlich zusammenhängt, ist dann aber wirklich überrascht. Zum zweiten versteht es Bazzoni meisterhaft, für Atmosphäre zu sorgen. Selten war Einsamkeit so spürbar. Mit den grellen Stilmitteln normaler Gialli hat das alles nichts zu tun. Schon eher orientiert sich Bazzoni bei „Footprints“ an der Stimmung älterer Gruselfilme, meidet es allerdings geschickt, zu dick aufzutragen. Ein weiterer Grund, den Film zu mögen, ist Florinda Bolkan. „Footprints“ ist nach „A Lizard in a Woman’s Skin“ erst der zweite Film, den ich mit ihr sehe, aber schon jetzt glaube ich sagen zu können, dass es sich um eine ganz hervorragende Darstellerin für Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs handelt. Zu guter Letzt – und das ist es, was mich an diesem Film am meisten fasziniert hat – ist es Bazzonis Art, das Thema anzugehen. Ich habe mich schon immer für die unterschiedlichen Darstellungsformen psychischer Erkankungen interessiert, welche die sogenannte Realität als Konstrukt denunzieren. „Footprints“ geht hier erfrischend eigene Wege.

Zum Schluss bekommt der Zuschauer ein besseres Verständnis dafür, was es mit Alices Träumen auf sich hat. Was genau die neu enthüllten Informationen allerdings bedeuten, bleibt ein Geheimnis. Für mich war der Film deswegen nach dem Abspann noch lange nicht vorbei.

 Bild © Shameless
 

A Lizard in a Woman’s Skin (Lucio Fulci, Frankreich/Italien/Spanien 1971)

Posted by – 24. März 2012

Es ist schon einige Zeit her, dass ich mir das letzte Mal etwas von Lucio Fulci angesehen habe. Mit seinen Splatterfilmen bin ich bisher noch nicht so richtig warm geworden. Und „Don’t Torture A Duckling“ (OT: Non si sevizia un paperino) habe ich irgendwann mal todmüde nachts gesehen, ohne ihn richtig genießen zu können. Jedenfalls war ich schon fast dabei, Fulci unter „nicht mein Ding“ weg zu sortieren. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich jetzt die Gelegenheit hatte, seinen Giallo „A Lizard In A Woman’s Skin“ (auch bekannt unter dem Namen “Schizoid”, OT: Una lucertola con la pelle di donna) zu erleben. Nach diesem formidablen Film habe ich große Lust, mich im Werk von Fulci noch etwas weiter umzutun.

Wenn Carol Hammond (Florinda Bolkan) träumt, dann von ihrer Nachbarin Julia (Anita Strindberg). Julia führt ein ausschweifendes Leben, während Carol, Tochter eines angesehenen Politikers (Leo Genn), in einer Ehe mit ihrem Mann Frank (Jean Sorel) fest sitzt. In ihren erotischen Träumen haben die Frauen ein Verhältnis – bis die Stimmung umschlägt und Carol Julia ersticht. Und anscheinend nicht nur im Traum: Auch im wirklichen Leben wurde  Carols Nachbarin umgebracht..

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Giallotypisch werden dem Zuschauer eine Reihe von Verdächtigen präsentiert. Ist Carol selbst die Täterin? Hat ihr Mann etwas damit zu tun?  Oder ihre Tochter? Oder vielleicht ihr Vater? Auch Carols Psychiater, dem die Frau ihre Träume erzählte, wirkt nicht ganz unverdächtig. Oder war es doch der rothaarige Hippie, dem recht schnell ein Geständnis zu entlocken ist? Man weiß es nicht. Und das gehört sich in einem Giallo ja auch so. Sicherlich trägt auch bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ das Rätsel um die Frage, wer denn nun die Nachbarin ermordet hat, viel zur Spannung des Films bei. Zumal die Story hier – im Gegensatz zu manch anderen Gialli – nicht bloßes Beiwerk ist. Trotzdem, auch wenn die Substanz stimmt, die psychologische Geschichte erzählenswert ist, ist der Stil, den Lucio Fulci hier offenbart, Wahnsinn. Dario Argento („Deep Red“) wird – zu recht – für sein Stilbewusstsein über den Klee gelobt, aber genauso oft für seine flachen Geschichten kritisiert. Was Fulci und Kameramann Luigi Kuveiller (übrigens auch Kameramann bei Argentos „Deep Red“) hier zeigen, muss sich hinter keinem Film von Argento und wahrscheinlich auch keinem anderen Giallo verstecken.

Es sind nicht nur eine Handvoll guter bis großartiger Szenen – wie Carols Traum zu Beginn des Films, oder die grandiose Fluchtsequenz, die von atemraubenden Settings bis zu surrealen Szenen (Stichwort Hunde) alles bietet –, sondern es ist der durchweg anspruchsvolle „Kitt“, der die Highlights zusammenhält und den Film als Ganzes, stimmig, anspruchsvoll und visuell berauschend macht. Hier trüben keine mäßigen Darstellerleistungen den Gesamteindruck. Florinda Bolkan („Don’t Torture A Duckling“) reißt nichts an sich. Mich hat ihr Spiel dennoch gefesselt, irgendwas ging von ihr aus, das mich durch den Film geführt hat und sie, trotz ihrer Zurückhaltung zum körperlichen und geistigen Zentrum der Geschichte gemacht hat.

Letztlich faszinierte mich an „A Lizard In A Woman’s Skin“ auch, dass ich mir zum Schluss nur zum Teil erklären konnte, was genau ich an ihm eigentlich so gut finde. Zumindest nach dem ersten Sehen wirkt er, als wäre er mehr als die Summe seiner Teile. Die Geschichte ist komplex und die Bilder scheinen nicht immer die Wahrheit zu erzählen, es bleibt Unsicherheit darüber, was man eigentlich gesehen hat, was stimmt und was nicht, was Traum, was Wirklichkeit war. Ich persönlich mag diese Offenheit sehr gerne, sie führt dazu, dass ich länger über den Film nachdenke, ihn wirken lasse, mir Fragen stelle, auf ihn zurück komme. All das ist bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ der Fall. Und zusätzlich gehen mir einige der Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ohne den Film jetzt hier nach einer ersten Sichtung abfeiern zu wollen – was will man mehr?

Bild © Umbrella