Tag: Found Footage

Notizen #10

Posted by – 24. April 2016

Neuer Job, wieder weniger Zeit, deswegen nur ganz kurz:

Captain America: The Winter Soldier (Anthony Russo, Joe Russo, USA 2014)

Zweitsichtung. Schon das erste Mal mochte ich ihn sehr.Vermutlich bisher mein Lieblingsfilm aus dem Marvel Cinematic Universe. Und das, obwohl ich mit Captain America eigentlich gar nichts anfangen kann. Aber die Russo-Brüder haben da einen echt feinen Film hinbekommen, der sich sowohl gut in die bisherige Reihe einfügt als auch eigene Akzente setzt. Das Superhelden-Genre ist noch nicht ausgelutscht, da ist noch was drin! Habe übrigens vor ein paar Tagen „Captain America: Civil War“ gesehen, ebenfalls von Anthony Russo & Joe Russo. Ein längerer Text, in dem ich vermutlich so was schreiben werde, wie, dass der Film gut, aber eben doch nicht ganz so gut wie „Winter Soldier“ ist, folgt.

The Bling Ring (Sophia Coppola, USA 2013)

„The Virgin Suicides“ und „Lost in Translation“ finde ich toll und auch die allgemein nicht mehr ganz so gut aufgenommenen Folgefilme haben mir gefallen. „The Bling Ring“, eine von wahren Ereignissen inspirierte Geschichte über Jugendliche, die in die Villen von Prominenten einbrechen und Luxusartikel stehlen, ist der erste Film von Sophia Coppola“ mit dem ich nicht so viel anfangen konnte. Oberflächlichkeit hat sie mit „Marie Antoinette“ schon einmal wesentlich interessanter in Szene gesetzt.

The Visit (M. Night Shyamalan, USA 2015)

Wenn man hinterher mal ein wenig genauer darüber nachdenkt, macht die Geschichte von M. Night Shyamalan über zwei Kinder, die zum ersten Mal ihre Großeltern treffen und in deren Haus Zeuge allerlei gruseliger Geschehnisse werden, nicht besonders viel Sinn. Währenddessen ist „The Visit“ aber äußerst spannend und mit angenehmer Ironie erzählt. Und die beiden Kinderdarsteller Olivia DeJonge und Ed Oxenbould machen ihre Sache wunderbar. Ich bleibe dabei: Shyamalan ist ein einfallsreicher, fähiger und ungeheuer vielseitiger Regisseur, dem der Ruf als One-Hit-Wonder absolut zu Unrecht angehängt wird.

10 Cloverfield Lane (Dan Trachtenberg, USA 2016)

Weil „The Witch“ auf den Fantasy Filmfest Nights ausverkauft war, habe ich kurzerhand umdisponiert und mir „10 Cloverflied Lane“ angesehen. Zwar hatte mir „Cloverfield“ damals gar nicht gefallen, aber über den Nachfolger habe ich viel Gutes gehört. Leider ist mir so wieder bewusst geworden, wie wenig man sich doch auf den Geschmack anderer verlassen kann. Nicht, dass ich Trachtenbergs Debüt schlecht fand, aber für mich war das wieder ein Fall von einem zum Langfilm aufgeblasenen Kurzfilm, der außer seiner Grundidee nicht viel zu bieten hat. Ja, John Goodman spielt – wie immer gut – prima, aber dass seine Figur jetzt besonders vielschichtig angelegt und ihr Verhalten überraschend wäre, habe ich nicht gesehen. Insofern war ich von „10 Cloverfield Lane“ milde gelangweilt.

Midnight Special (Jeff Nichols, USA 2016)

Ups, den neuen Film von Jeff Nichols habe ich schon Mitte Februar gesehen und eigentlich wollte ich dazu etwas aufschreiben. Aber die damals frischen Gedanken sind im Licht der letzten Tage zu Staub zerfallen. Wie alle Filme von Nichols ist auch „Midnight Special“ wieder ein subtil eigenartiger Film, aber diesmal einer, zu dem ich nicht so richtig Zugang gefunden habe. Nur als Science-Fiction-Beitrag gesehen, ist das alles in der Tat etwas mager. Wenn man die Geschichte allerdings als Metapher auf das Sterben und den Tod eines Kindes und der Trauer seiner Eltern sieht, gewinnt sie an Bedeutungsreichtum und Intensität. Was mich möglicherweise von der großen Liebe zu diesem Film abhält, ist einfach die Tatsache, dass man zu viel denken muss, um genügend zu fühlen.

The Sacrament (Ti West, USA 2013)

Posted by – 25. November 2014

the sacramentDie Vice-Reporter Sam (AJ Bowen), Jake (Joe Swanberg) und Patrick (Kentucker Audley) reisen in den Urwald, wo Patricks Schwester Caroline (Amy Seimetz) in der Gemeinde der Eden Parish lebt. Obwohl sich die Mitglieder der sektenartigen Kommune anfangs durchaus freundlich zeigen und ihr geistiges Oberhaupt (Gene Jones) in einem Interview die Vorzüge der Gemeinschaft betont, wird bald deutlich, dass hinter der glücklichen Fassade doch nicht alles so gut ist, wie alle behaupten.

Ti West ist längst kein Newcomer mehr, sondern gehört aktuell zu den interessantesten US-amerikanischen Filmemachern. Mit „House Of The Devil“ und „The Inkeepers“ lieferte der 1980 in Wilmington, Delaware geborene Filmemacher zwei erwachsene, äußerst eigenständige Horrorfilme ab, wie man sie im Genre-Einerlei nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Mit seinem neuen Werk, dem Sekten-Drama „The Sacrament“, überrascht West erneut. Angelehnt an den Massensuizid von Jonestown, bei dem im Nordwesten Guyanas 1978 über 900 Menschen ums Leben kamen, lässt der Film den Zuschauer sprachlos zurück. Zumindest für mich gilt das zu einhundert Prozent. Noch Tage nach dem Kinobesuch, saß der Schrecken tief. Aber es ist auch nach der kürzlichen Zweitsichtung gar nicht so leicht, den Finger darauf zu legen, warum der „The Sacrament“ mich zu mitgenommen hat.

West setzt weder auf die Standardrezepte des Horrorfilms noch hat er seinen Film als packendes Drama mit markigen Charakteren inszeniert – ja sogar eine gewöhnliche Dramaturgie geht ihm völlig ab. Patricks Suche nach seiner Schwester Caroline, aber auch diese Verbindung löst sich schnell auf, schließlich wird er gleich am Anfang des Films fündig und spielt darüber hinaus etwas später selbst kaum noch mit. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, West interessiere sich nicht für seine Figuren und so ganz falsch ist das sicherlich nicht. Er hat es vielmehr auf den Zuschauer abgesehen: Diesem zeigt er, was man bei einem Besuch in Jonestown oder Eden Parish, wie es im Film heißt, zu sehen bekommen würde: nicht viel. Durch seine Unerklärlichkeit wird das Grauen, für welches das Kamerateam in gewisser Weise als Initiator fungiert – ganz groß: das Interview zwischen dem Vice-Reporter und dem Sektengründer Vater (Gene Jones) – sogar noch größer. Dabei zu sein, fühlt sich nicht an, wie ein spannender Spielfilm, es sind Wahrnehmungsfetzen, fast banale Fragmente, die im Augenblick des Erlebens keinerlei Hinweise auf das Große und Ganze, geschweige denn dessen Bedeutung geben. Diese Erfahrung macht West dem Zuschauer durch seinen Film zugänglich, und wahrscheinlich ist es auch dieses Gefühl der unvollkommenen Unmittelbarkeit, aus dem der Film seine Stärke und seinen Schrecken zieht.

Mit „The Sacrament“ ist West ein Lehrstück über Perspektivität gelungen, und er zeigt, dass Found-Footage doch noch nicht restlos ausgelutscht ist. Für mich einer der wichtigsten Horrorfilme der letzten 10 Jahre, ja Ausnahmewerk, das glücklich macht, aber auch nachhaltig verstört.

Bild © Highlight
 

Trollhunter (André Øvredal, Norwegen 2010)

Posted by – 23. April 2012

Ich hatte einen schönen Abend. Die Erkältung klingt ab, die Lasagne hat in freundlicher Gesellschaft noch besser geschmeckt und im Anschluss gab es einen tollen Film, von dem ich hier kurz berichten will.

Zuerst halten die drei Filmstudenten Thomas (Glenn Erland Tosterud), Kalle (Tomas Alf Larsen) und Johanna (Johanna Mørck) Hans (Otto Jespersen) für einen Wilderer, doch als sie ihn mehrere Tage beschatten finden sie heraus: der Mann hat einen ganz anderen Job. Denn Hans ist Trolljäger. Im Auftrag der norwegischen Regierung erledigt er Trolle, die aus ihrem Revier ausgebrochen sind. Und Hans hat keine Lust mehr, zu schweigen und nimmt die drei Studenten deswegen mit auf einen irren Trip quer durchs Land, um sich bei seiner Arbeit filmen zu lassen.

Found-Footage-Filme waren noch nie so richtig mein Fall. „Blair Witch Project“ fand ich gut, alles was danach kam, weniger. Vielleicht, weil ich das Genre als erzählerisch limitiert empfinde und der Doku-Look bei Spielfilmlänge auf mich gezwungen wirkt. Bei Trollhunter (OT: Trolljegeren) von André Øvredal allerdings hatte ich all diese Probleme nicht. Im Gegenteil. Ich bin gerade immer noch wie elektrisiert und ganz verknallt in diesen wunderbaren wunderbaren Film.

„Trollhunter“ überführt die Sagengestalt in die reale Welt und deutet gleichzeig die norwegische Wirklichkeit so, dass ganz alltägliche Dinge, wie Hochspannungsleitungen, Steinschläge und umgestürzte Bäume, auf einmal Indizien für etwas Phantastisches werden. Bei ihrer Reise durch Norwegen, die auch durch fabelhafte Landschaftsaufnahmen besticht, bekommen die Studenten – und mit ihnen der Zuschauer – eine ganze Reihe von Informationen über die Geheimnisse des Landes. Dazu zählt natürlich vor allem ganz viel Insiderwissen über Trolle im Allgemeinen und das Leben und Sterben von Trollen in Norwegen im Besonderen. Vieles davon ist irre komisch, anderes einfach nur absurd, wieder anderes richtig ans Herz gehend. Aber alles trägt dazu bei, dass „Trollhunter“ eine ganz eigene Stimmung hat.

Von zwei, bis drei kleine Problemchen abgesehen, z.B. Thomas’ T(r)ollwutinfention, die irgendwie im Sande verläuft, oder der neuen Kamerafrau, die sich zu nahtlos ins Geschehen einfügt, war „Trollhunter“ eine der schönsten Entdeckungen der letzten Zeit und ein Film, für den ich von nun an richtig die Werbetrommel rühren werden.

Und jetzt habe ich vor lauter Schwärmerei ganz vergessen, etwas über den großen, den einzigen, den tragischen Trolljäger Hans zu schreiben, der schon allein Grund genug wäre, den Film toll zu finden. Hätte ich diesen Film als Kind gesehen, wäre mein Berufswunsch wahrscheinlich auch Trolljegeren gewesen.

 Bild © Universal