Tag: Gangsterfilm

Familiye (Kubilay Sarikaya, Sedat Kirtan, Deutschland 2017)

Posted by – 6. Mai 2018

Dass Familie nach Luther, Martin, die Quelle allen Segens und Unsegens sein soll, kann man, wie noch so einiges, gut in Kubilay Sarikayas und Sedat Kirtans, quer zu allen Stimmungen liegender, dramötischer Multikulti-Kraut-und-Rüben-Ghetto-Gangster-Glosse „Familiye“ beobachten. Familie ist hier Ursache und Lösung für allen Murks der Protagonisten. Und gleichzeitig ist sie auch wieder so ein bißchen egal, weil es ja auch noch um soviel anderes geht. Man kann den Film wohl überfrachtet finden, ich fand ihn aber ganz nett. Für Kino-Zeit etwas zum Film geschrieben.

Eastern Promises (David Cronenberg, Großbritannien / Kanada 2007)

Posted by – 28. Dezember 2015

Eastern PromisesVom frühen Body Horror über das neue Fleisch bis zum heutigen Spiel mit den Identitäten sind fast 40 Jahre vergangen. Und trotzdem wirkt das Kino des David Cronenberg alles andere als angestaubt. Im Gegenteil! Die Filme des Kanadiers dürfen zu den vitalsten gehörten, die die Filmwelt derzeit zu bieten hat. Cronenbergs Themen haben sich im Laufe der Jahre scheinbar gewandelt, doch wer genauer hinsieht, erkennt nach wie vor den rote Faden seines Schaffens. Nachdem die körperlichen Verwandlungen als Sujet seiner Filme mit dem neuen Jahrtausend ausklangen, widmete sich der Filmemacher mehr und mehr psychischen Transformationen und der Fragilität von Identität. „Eastern Promises“ und handelt von der Russenmafia in London. Kein Cronenberg Thema? Auf den ersten Blick nicht, doch unter der grandios inszenierten Oberfläche warten Schicht um Schicht alternative Realitäten auf den Zuschauer.

Die Story: Vor den Augen der Krankenschwester Anna Khitrova (Naomi Watts) stirbt die schwangere Tatiana (Sarah-Jeanne Labrosse). Das Baby überlebt. Anna nimmt daraufhin das russische Tagebuch der Toten an sich und forscht darin nach einer Kontaktadresse. Im Buch findet sie auch die Adresse eines russischen Restaurants. Den Besitzer Semyon (Armin Mueller-Stahl) bittet sie um Übersetzung des Tagebuches, nicht ahnend, dass sie an einen Paten der Londoner Vory V Zakone, einer mafiösen Vereinigung geraten ist.

Cronenberg interessiert sich im weiteren Verlauf weniger für den vordergründig konventionellen Genreplot als viel mehr für die Personen – Personen, die auf den ersten Blick wirken, als wären sie leicht zu durchschauen: Die hilfsbereite Krankenschwester, die fiesen Gangster der Russenmafia… Doch wie so oft bei Cronenberg trügt auch hier der Schein. Sicherlich hat „Eastern Promises“ auch als Gangsterfilm seine Stärken; doch wer  einen normalen Spannungsbogen oder auch nur genre-typische Action erwartet, wird –von einem denkwürdigen WTF!-Scharmützel in einem Dampfbad einmal abgesehen – möglicherweise enttäuscht. Ein wenig erinnert der Film an einen guten Tee, der sich erst nach und nach, mit jedem Aufguss in wenig anders und die vollständig offenbart, sondern bis zuletzt einige seiner Geheimnisse bewahrt.

Nach „History Of Violence“ und vor „A Dangerous Method“ ist „Eastern Promises“ der zweite Cronenberg-Film, in dem Viggo Mortensen die Hauptrolle übernahm. Er spielt Nikolai, den Chauffeur und Bodyguard von Semyons Familie. Wie schon im Vorgänger läuft Mortensen zu Höchstleistungen auf und präsentiert sich als einer der interessantesten und wandlungsfähigsten Schauspieler des jungen Jahrtausends. Sein Spiel, aber auch das der anderen Darsteller hat Oscarqualität. Hier seien vor allem der hier mal ultra-gruselige Armin Mueller-Stahl als gefährliches Familienoberhaupt wie Vincent Cassel als sein Sohn Kirill genannt, die alle anders sind als sie auf den ersten Blick erscheinen. Aus diesem Grund, weil in „Eastern Promises“, diesem ruhigen, hypnotischen Thriller mit mehr als einem doppelten Boden, nichts ist wie es ist, sondern alles zwischen alternativen Möglichkeiten oszilliert, kann ich ihn mir immer wieder mit großem Genuss ansehen.

Bild © 20th Century Fox

Schoolgirl Hitchhikers (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by – 26. November 2014

Schoolgirl HitchhikersNoch einmal Youtube. Aber diesmal konnten weder das kleine, pixelige Bild noch die mäßige Synchronisation den Filmgenuss wesentlich schmälern. Was für ein Film! Und das ganz ohne Clowns, Friedhöfe und Vampire.

Die Schülerinnen Monica (Joëlle Coeur) und die blonde Jackie (Gilda Arancio) campen im Wald, aber als sie ein scheinbar verlassenes Haus finden, können sie nicht widerstehen und machen es sich dort für die Nacht bequem. So unbewohnt ist das Haus allerdings doch nicht. Weil Monica nach dem Liebesspiel nicht schlafen kann, schlendert sie ein wenig durchs Haus und entdeckt in der Wohnstube den Gangster Fred (toll: Willy Braque mit Streichholzbeinen und Puschelbart), den die noch nicht vollständig gesättigte Schülerin auch sofort vernascht. Das Liebes- hat allerdings ein Nachspiel. Als tags darauf die Gangsterkollegin Béatrice (Marie Hélène Règne) und ihr Handlanger (François Brincourt) erscheinen, sind die im Haus versteckten Diamanten verschwunden. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf Monica und Jackie…

Friedhöfe und Vampire fehlen, einige Erkennungszeichen eines Rollin-Films hat „Schoolgirl Hitchhikers“ (OT: Jeunes filles impudiques, was besser passt, weil die Mädchen zwar ziemlich unkeusch sind, wahrscheinlich weder Schulmädchen sind noch per Anhalter fahren) aber doch. Das – meist weibliche – Pärchen, das in ein mysteriöses Abenteuer stolpert, scheint so etwas wie die Blaupause für die meisten Filme des Regisseurs zu sein. Ausgeprägter als die in den anderen Filmen, die ich bisher kenne, ist allerdings der Humor. Irgendwann hatte ich einfach nur noch ein breites Grinsen im Gesicht. Der Film wirkt auf mein erwachsenes Ich wie ein jugendlicher, feuchter Fiebertraum aus der Rubrik „Räuber und Gendarm“. Die Party findet direkt im limbischen System statt. Selbst die ein oder andere härtere Szene, z.B. wenn die wütenden Gangster eine Peitsche oder Zange an den Mädchen applizieren, kommt zu freundlich und unbekümmert daher, ja wie eine leicht infantil-pubertäre Phantasie eben, und man stellt es sich gar nicht so schlimm vor, selbst einmal von Béatrices Zangen bearbeitet zu werden. Die schöne Kameraführung von Jean-Jacques Renon, mit der Rollin auch in „La Rose de Fer“ gearbeitet hat, taucht das Ganze in ein Traumlicht und der jazzige, frivole Score von Pierre Raph tut sein übriges, dass man „Schoolgirl Hitchhikers“ nicht allzu ernst nehmen mag.

Vergleiche? Schwierig. Natürlich hat er Ähnlichkeit mit anderen Rollin-Filmen, wobei ich nach jetzigem Kenntnisstand sagen würde, dass dieses 60-minütige, knackige Teil hier ein Stück heraussticht. Dass mich „Schoolgirl Hitchhikers“ manchmal ein ganz klein wenig an Rainer Werner Fassbinders „Liebe ist Kälter als der Tod“ erinnert hat, liegt wohl weniger an der tatsächlichen Ähnlichkeit als daran, dass ich in diesem Genre nicht besonders zu Hause bin und dass sich mein Hirn etwas zu verkrampft nach Vergleichen umgesehen hat. Lediglich das Schauspiel, dass in beiden Filmen wie gehobenes Schülertheater wirkt, das aber perfekt mit der einfachen Geschichte harmoniert, könnte man vielleicht als Gemeinsamkeit heranziehen. Ein Klaps auf den Po des Gangsterfilms an sich ist „Schoolgirl Hitchhikers“ auf jeden Fall.

Kritik? Ganz ehrlich: Habe ich nicht. Der Film ist in seiner unperfekten Art ganz und gar makellos. Mir fällt nichts ein, das ich lieber anders gehabt hätte, das ist wohl das Qualitätskriterium. Und wenn Jean Rollin (der diese Auftragsarbeit unter dem Pseudonym Michel Gentil gedreht hat) dann am Ende sogar noch persönlich erscheint und für die trotteligen Gangster, den ebenfalls nicht allzu cleveren Cop Harry (Pierre Julien) wie auch für den Zuschauer den Fall löst, dann gehört der letzte Lacher wohl dem Film.

Bild © Salvation Films 
 

The Raid 2 (Gareth Evans, Indonesien 2014)

Posted by – 30. Juni 2014

Kaum ein Film hat mich in den letzten Jahren so durchgerüttelt wie „The Raid“ (OT: Serbuan maut). In diesem irren Gewalttrip des walisischen Regisseurs Gareth Evans prügelten sich Polizisten und Gangster in einem Hochhaus fast 100 Minuten gegenseitig ins Nirwana. Anstelle des klaustrophobischen Szenarios setzt die Fortsetzung auf eine wesentlich komplexere Story sowie ein elaborierteres künstlerisches Konzept. Mehr noch als der Vorgänger wird der zweite Teil so zu einer Reflexion über das Wesen des Kämpfens an sich. Das hat durchaus seinen Reiz. Die Wucht und die Dringlichkeit des ersten Teils aber bleiben in der – mit zweieinhalb Stunden etwas langen – Fortsetzung ein wenig auf der Strecke. Mehr dazu, was mir an „The Raid 2” (OT:The Raid 2: Berandal)  gefallen hat und was nicht, gibt’s zu lesen auf Kino-Zeit.de.

Zinksärge für die Goldjungen (Jürgen Roland, Deutschland / Italien 1973)

Posted by – 2. März 2014

ZinksärgeEin Jahr nach Francis Ford Coppolas „The Godfather“ erschien dieser wunderbar wilde, deutsche Film. Auch in Jürgen Rolands „Zinksärge für die Goldjungen“ geht es um einen Paten, der herausgefordert wird. Doch damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten der beiden Filme auch schon. Obergangster Otto Westermann und der stilvolle Mafiaboss Don Vito Corleone haben nicht viel miteinander gemein.

In Rolands Film plant der italo-amerikanische Gangster Luca Messina (Henry Silva) Hamburgs Unterwelt zu übernehmen, gerät dabei aber mit dem lokalen Gangsterboss Otto Westermann (Herbert Fleischmann) und seine loyalen Truppe aneinander. Während die Anzahl der Opfer auf beiden Seiten immer größer wird, kommen sich Westermanns Sohn Erik (Horst Janson) und Messinas Tochter Sylvia (Patrizia Gori) plötzlich näher.

Ein wenig erinnert „Zinksärge für die Goldjungen“ an Romeo und Julia, nur dass die verliebten Kinder hier nicht den Freitod wählen, sondern im Gegensatz zu ihren Erziehungsberechtigten früh genug die Kurve kriegen. Ihre störrischen, Koteletten-Toupets tragende Eltern ballern sich derweil gegenseitig in die ewigen Jagdgründe. Ich mochte den Film von Roland, weil er einerseits, meist freiwillig, sehr witzig ist und weil er andererseits das seine Geschichte ernst nimmt. Sicherlich, sowohl Luca Messina und seine Spaghetti mampfende Mutter als auch Otto Westermann und seine Spießgesellen inklusive Treffpunkt Kegelbahn schrammen hart an der Karikatur vorbei.  Es fällt jedoch auf, dass sich Roland für die Figuren und die inneren Prozesse ihres Konflikts interessiert und Wert auf plausibles Verhalten legt. Besser noch: Wir verstehen nicht nur die Beweggründe von Otto, Luca, Erik und Sylvia – aus ihrem nachvollziehbaren Verhalten entsteht ein echtes Drama und damit wirklich spannender Film.

Der Vergleich zum anfangs erwähnten „The Godfather“ hinkt nicht nur – er kriecht auf allen Vieren durch eine Bierpfütze in einer versifften Hafenspelunke. Doch ist es gerade dieser Kontrast zu Coppolas perfektem aber auch glatten und deswegen schwer fassbaren Meisterwerk, der die Stärke des manchmal ungelenken gleichwohl immer vor Lebensenergie strotzenden „Zinksärge für die Goldjungen“ deutlich macht. Sich mal wieder richtig beömmeln oder ob der nervenzerfetzenden Spannung ungestüm Nägel kauen – bei Rolands Film geht beides. Und selbst wer für solche Schattierungen der Filmkunst nicht empfänglich ist, bekommt  hier immer noch einen Haufen skurriler Figuren, Hamburger Lokalkolorit und zwei wirklich starke Action-Szenen: Zum einen das tragisch-komische, zum Martial-Arts-Fight ausufernden Scharmützel auf dem Schrottplatz, zum anderen eine der besten deutschen Motorboot-Verfolgungsjagden überhaupt. Darauf ein Astra, prost!

Bild © Media Target Distribution GmbH