Tag: Giallo

Malastrana (Aldo Lado, Deutschland / Italien / Jugoslawien 1971)

Posted by – 22. März 2016

MalastranaMal gleich mit der Tür ins Haus gefallen: „Malastrana“ (OT: La corta notte delle bambole di vetro) ist einer der besten Filme, die ich in den letzten Monaten gesehen habe. Auf meiner Liste der bereits gesehenen, gemeinhin als „Gialli“ bezeichneten italienischen (Psycho-)Thriller, würde ich in spontan zu den Top-10 zählen. Lado Aldos Geschichte ist ein unglaublich pessimistischer, über alle Maßen deprimierender Alptraum, gegen den sich die Romane von Franz Kafka fast schon heiter erweisen. Selbst ein paar Tage nach meiner ersten Begegnung mit diesem Film sitzt mir die Erfahrung tief in den Knochen und lässt mich frösteln.

Das fängt schon mit der Prämisse des Films an: Der Protagonist, ein amerikanischer Journalist namens Gregory Moore (Jean Sorel), liegt tot auf dem Tisch des Leichenbeschauers. Scheinbar tot! Ist er aber nicht, er hat nur keine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Die Obduktion ist bereits angesetzt. Die Geschichte von „Malastrana“ entspinnt sich an Gregorys Erinnerungen, sein eingesperrter Verstand versucht dahinter zukommen, was ihn in diese Lage gebracht hat. Gregory erinnert sich: Seine Freundin Mira (Barbara Bach) hatte ihn besucht. Als er nach einer Party, bei der er Mira eine Reihe Leuten vorgestellt hat, noch einen Arbeitstermin wahrnehmen muss und wieder nach Hause zurückkehrt, ist sie fort. Er macht sich auf die Suche, Polizei und Kollegen sind ihm dabei kaum eine Hilfe. Bei seinen Recherchen findet er heraus, dass seit jüngst eine ganze Reihe von jungen Frauen vermisst wird. Je tiefer er gräbt, desto größer werden die Widerstände. Bald gibt es die ersten Toten…

„Malastrana“ (= ein Stadtteil Prags, tschechisch: Malá Strana) ist natürlich auch eine Parabel auf den totalitären Staat, in dem die Reichen elitäre Geheimbünde, unterstützt von korrupten Polizisten, die Herrschaft übernommen haben. Ein Menschenleben ist hier nicht viel wert – das eines einheimischen Mädchens allerdings noch weniger als das eines amerikanischen Journalisten. Das Gleichnis ist allgegenwärtig, doch ich hatte nie das Gefühl, dass Lado die Parallelen zwischen dem paralysierten Journalisten und dem ohnmächtigen Individuum im Faschismus übertreibt, sondern dass ihm in erster Linie daran gelegen ist, seine ungewöhnliche Geschichte möglichst effektiv zu präsentieren. Die Bilder von Kameramann Giuseppe Ruzzolini vermitteln das Gefühl von Einsamkeit und Schwere, die tieftraurige Cello-Musik von Meister Ennio Morricone tut sein Übriges, den Zuschauer immer tiefer in den Abgrund zu reißen. Es ist kaum übertrieben, Lado zu bescheinigen, dass er mit „Malastrana“ der Stadt Prag ein ähnlich atmosphärisches Denkmal gesetzt hat, wie es zwei Jahre später Nicolas Roeg mit „Don’t Look Now“ für Venedig gelingen sollte.

Von Aldo kenne ich bisher „Night Train Murders“ und „Who Saw Her Die“, die mir beide ebenfalls sehr gut gefallen haben. „Malastrana“ – oder auch „Short Night of the Glass Dolls“ wie er international heißt – ist meiner Meinung nach aber noch einmal ein Stück stärker, weil er das Gefühl der Machtlosigkeit sehr eindrucksvoll einfängt. Wenn man sich mal klar macht: Die Geschichte, die wir sehen, besteht ja lediglich aus den Erinnerungen des paralysierten Protagonisten. Jede Entdeckung, die er macht, jedes weitere Puzzlestück des Rätsels, schafft lediglich ein Gefühl von Fortschritt. In Wirklichkeit aber ist alle Souveränität in diesem Film eine Illusion. Ein besseres Verständnis seiner Situation ist die einzige Freiheit, die dem unfreien Individuum bleibt. Bitterer kann die Moral der Geschicht’ wohl nicht.

Bild © Camera Obscura

The Psychic (Lucio Fulci, Italien 1977)

Posted by – 20. März 2016

The PsychicUnter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung versteht man eine Vorhersage, die nur deswegen eintritt, weil sie ausgesprochen wurde. So ergeht es auch Virginia (Jennifer O’Neill) in Lucio Fulcis „The Psychic“ (OT: Sette note in nero), die eines Tages die Vision eines Mordes an einer Frau hat. In der Villa ihres Mannes Francesco (Gianni Garko) erkennt sie Fragmente daraus wieder – und ruft die Polizei. Diese findet eine eingemauerte Leiche. Allerdings ist das nicht die Frau aus Virginias Vision. Zusammen mit dem Parapsychologen Luca Fattori (Marc Porel) stellt sie Nachforschungen an, bis sie der Wahrheit gefährlich nahe kommt…

Seit zwei Jahren lag eine DVD von Luci Fulcis „The Psychic“ bei mir ungesehen im Regal. Dabei gab es in letzter Zeit kaum einen Film, auf den ich mich mehr gefreut habe. Warum das lange Warten? Ich hatte mir den Film dooferweise in der RC1-Version gekauft, die meine Playstation leider nicht abspielen kann. Auf der letzten Filmbörse habe ich mir dann das Mediabook aus dem Hause „84 Entertainment“ von „The Psychic“ bzw. „Die sieben schwarzen Noten“, wie er hierzulande heißt, gegönnt. Das hat sich als ausgezeichnete Entscheidung herausgestellt, denn es ist bestimmt auch der an Extras reichen Veröffentlichung (vor allem dem Audiokommentar von Marcus Stiglegger) zu verdanken, dass ich den Film nicht nur nett, sondern schlussendlich sogar ziemlich gut, wenn nicht sogar toll fand.

Von Beginn an hat „The Psychic“ einen ganz eigenartigen Sog. Eigenartig deswegen, weil ich ihn zuerst gar nicht richtig wahrgenommen habe, sondern erst am Ende – vielleicht sogar erst richtig, als der Film schon vorbei war. Man kann den Zuschauer in gewisser Hinsicht mit der Protagonistin vergleichen, der, wie Virginia in ihrer Vision, irgendwie in diesem Film gefangen, ihm sozusagen ausgeliefert ist. „The Psychic“ hat in mehrfacher Hinsicht etwas Geschlossenes. Die Protagonistin ist ganz mit ihren Nachforschungen befasst, diese „Welt“ verlässt sie nie. Doch jedes Puzzleteil des Verstehens, ist gleichzeitig ein Stein, aus dem sie ihr Schicksalsgefängnis baut. Das ist inszenatorisch von Fulci sehr geschickt umgesetzt, so dass sich das Gefühl der Unausweichlichkeit subtil ins Hirn des Zuschauers fräst. Wie die Protagonistin wird auch er wie auf Autopilot durch die Geschichte gezogen, wie sie ahnt auch er zumindest eine Zeitlang nicht, welches Ende die Autoren Dardano Sacchetti und Roberto Gianviti unter der Mithilfe des Regisseurs vorgesehen haben.

Überhaupt ist auch dieser Film Fulcis wieder sehr schön. Durch Gegenlicht-Aufnahmen von Kameramann Sergio Salvati erhalten viele Momente etwas träumerisches, eine ganz eigene Aura und Schönheit, die im Kontrast zu der düsteren Geschichte steht. Gleiches gilt für den stimmungsvollen Score und die einprägsame, Titelmelodie von Franco Bixio, Fabio Frizzi und Vince Tempera. Wie schon in „A Lizard In A Womans Skin“ geht es in „The Psychic“ – das hat er mit mehreren Filmen von Dario Argento gemeinsam – um die Rekonstruktion und anfänglichen Fehlinterpretationen einer Wahrnehmung; und wie auch in Fulcis anderen Gialli ist auch „The Psychic“ wieder ein untypischer Vertreter des Genres, dessen Standards ihm in mehrfacher Hinsicht abgehen, ohne dass dieses Fehlen in irgendeiner Hinsicht ein Mangel wäre. Im Gegenteil, der freie Umgang mit dem Netzwerk an Giallo-Stilismen, macht diesen Film so reich und reizvoll. Und dass er mit der tückischen, sich selbst erfüllenden Prophezeiung bzw. Vision ein – wieder nicht ganz genretypisch – ein echtes Thema hat, das er spannend, originell und formal stimmig umsetzt. Ich sage jetzt auch mal etwas voraus: Wenn das so weiter geht, werde ich noch zum Fulci-Fan..

Bild © 84 Entertainment

Libido (Ernesto Gastaldi, Vittorio Salerno, Italien 1965)

Posted by – 19. März 2016

LibidoNicht so werden zu wollen wie seine Eltern – darüber wird der ein oder andere bestimmt schon nachgedacht haben. Und auch mir fallen da spontan gleich mehrere Menschen einen, die diesen Wunsch mal geäußert haben. Auch der Protagonist im frühen Giallo von Ernesto Gastaldi & Vittorio Salerno möchte auf keinen Fall in die Fußstapfen seines Vaters treten. Denn als Kind musste Christian mit ansehen, wie dieser eine Frau umbrachte und hinterher Selbstmord beging. Die nächsten Jahre verbringt Christian unter psychiatrischer Aufsicht. Um seinen gesundheitlichen Zustand zu testen kehrt er als Erwachsender (Giancarlo Giannini) zusammen mit seiner Gattin Eileen (Dominique Boschero), seinem Anwalt Paul (Luciano Pigozzi) sowie dessen Frau Brigitte (Mara Maryl) zum Haus seiner Kindheit zurück. Schon bald findet Christian immer mehr Anzeichen dafür, dass irgendetwas in dem alten Haus nicht stimmt. Lebt sein Vater etwa noch?

„Libido“, der kurz nach Mario Bavas Klassiker „Blood And Black Lace“ entstanden ist, ist, noch kein typischer Giallo, wenngleich die Elemente des Genres, eine Mordserie, ein unbekannter Killer, schwarze Handschuhe, sexuelle Traumata, einprägsame Musik u.ä. hier durchaus vorkommen. Auch das Thema Beobachten spielt, wie vor allem in den Gialli Dario Argentos, eine Rolle wichtige eine Rolle. Lediglich die Kamera des in schwarz-weiß gedrehten Films agiert bis auf wenige Ausnahmen eher giallo-untypisch einfallslos. Wenn „Libido“ optisch auch nicht gerade brillant daher kommt, ist die Geschichte mit Spuk-Touch trotzdem sehr spannend umgesetzt und psychologisch nicht ganz abwegig. Man merkt, dass sich der Schreib-Profi Ernesto Gastaldi und Vittorio Salerno (der Regisseur von „No il caso è felicemente risolto“, den ich mir die nächsten Tage ansehen möchte), die sich neben der Regie auch für das Buch verantwortlich zeichnen, hier ernsthaft einen Kopf gemacht und versucht haben, die Motivation der Figuren plausibel zu machen. Geglückt, würde ich sagen. Dass das recht gut funktioniert, liegt auch an den Darstellern, die mich hier, von Giancarlo Gianninis leichtem Overacting mal abgesehen, wirklich überzeugt haben. Der Zuschauer bleibt bis zum Ende im Unklaren, wer hier was aus welchen Gründen tut, doch wenn schließlich die Auflösung präsentiert wird, ist das, anderes als in vielen späteren Filmen, in denen der Täter unvermittelt aus dem Hut gezaubert wird, ist das Ergebnis nachvollziehbar und stimmig. Mir hat es gefallen, dass gerade die wahnsinnige Figur letzten Endes die wahrhaftigste war.

Schade, dass ein Film wie „Libido“ so wenig bekannt ist, nicht nur, weil man ihn in vielerlei Hinsicht als Wegbereiter des in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren aufblühenden Giallo begreifen kann. Das Thema, nicht wie die eigene Eltern werden zu wollen, ist universell und nachvollziehbar und hier wird hier filmisch auf eine sehr spannende Weise präsentiert. In Christians Fall klappt das, soviel sei verraten, wenn auch auf eine andere Weise als erwartet, nicht so ganz. Ich hoffe, das ist jetzt kein Spoiler, sondern ein Aspekt, der neugierig macht und alle, die das hier lesen motiviert, diesem kleinen aber feinen Früh-Giallo eine Chance zu geben.

Bild-Quelle: IMDB

Notizen #8

Posted by – 13. März 2016

Spectre (Sam Mendes, GB 2015)

Schon von „Skyfall“ war ich enttäuscht, aber mit „Spectre“ hat der Craig-Run für mich seinen Tiefpunkt erreicht. Autor Paul Haggis scheint bei „Casino Royale“ und „Quantum Of Solace“ eine Ahnung gehabt zu haben, was der neue Bond sein könnte, Neal Purvis und Robert Wade, die zusammen mit John Logan für die letzten beiden Filme verantwortlich sind, geht dies leider völlig ab. Der aktuelle Teil führt die losen Handlungsfäden zwar irgendwie zusammen, so richtig beeindruckt davon, dass hinter allem eine beleidigte Leberwurst mit Komplexen steht, dürfte aber niemand sein. Der Held? Craigs Bond ist mittlerweile ein arroganter Gockel und widerlicher Witwentröster geworden, der sein Hirn durchbohrende Nadeln besser wegsteckt als andere Leute Mückenstiche. Und selbst die bemüht imposanten Bilder von Kameramann Hoyte van Hoytema, lassen den „Spectre“ auf magische Weise nur noch peinlicher wirken.

Der grüne Bogenschütze (Jürgen Roland, Deutschland 1961)

Damals fand ich sie gruselig, heute nehme ich die Edgar-Wallace-Filme eher als verspielt, witzig und selbstironisch wahr. Den grünen Bogenschützen hatte ich zwar schon einmal vor urlanger Zeit gesehen, meine Erinnerung war aber dementsprechend nebulös. Beim erneuten Sehen präsentiert sich der fünfte Film der Wallace-Reihe (1959 bis 19729) als noch nicht ganz so elaboriert, wie spätere Vertreter, doch durchaus unterhaltsam, wenn auch für meinen Geschmack etwas Bogenschützen-arm. „Der grüne Bogenschütze“ ist bestimmt kein Highlight der Reihe, aber wegen seiner gelungenen Bösewichte – Gerd Fröbe als cholerisches Ekelpaket, Stanislav Ledinek als sein unangenehmer Handlanger –, finde ich ihn auch heute noch ganz nett.

Seven Blood-Stained Orchids (Umberto Lenzi, Italien 1972)

Ob man den Film, der in Deutschland unter dem Titel „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ bekannt ist (OT: Sette orchidee macchiate di rosso), eher als konservativen Giallo oder als progressiven Versuch betrachtet, der Wallace-Reihe neues Leben einzuhauchen – schlecht ist er jedenfalls nicht. Er handelt von einer Mordreihe, bei welcher der Killer immer ein Schmuckstück in Form eines silbernen Halbmonds am Tatort zurücklässt. Giulia (Uschi Glas) und ihr Mann Mario (Antonio Sabato) forschen nach und geraten bald selbst in Gefahr. Was den Film so tragisch und damit auch gut macht: Zum Schluss erweisen sich die Morde als eine Kettenreaktion tödlicher Irrtümer. Der Versuch, die Wallace-Reihe hierdurch wiederzubeleben ist allerdings gescheitert. „Seven Blood-Stained Orchids“ war das 38. und letzte Wallace-Kapitel.

Spotlight (Thoms McCarthy, USA 2015)

Wenn der Film vorüber ist, kommt einem wahrscheinlich sofort folgende Frage in den Sinn: Was ist eigentlich aus der Katholischen Kirche geworden? Nach dem riesigen Missbrauchsskandal und dessen Aufdeckung durch ein paar couragierte Journalisten des Boston Globe im Jahr 2001 müsste die Kirche doch in den letzten Zügen liegen. Schließlich hatte der Missbrauch sowie dessen Vertuschung Methode. Dann der Schreck und einem klar, dass sich nichts geändert hat; und diese Erkenntnis ist in gewisser Weise noch furchterregender und trauriger als die zahllosen Vergewaltigungen Jugendlicher durch ein paar notgeile Würdenträger. Die katholische Kirche hat in den letzten zweitausend Jahren schon ganz andere Dinge ausgesessen, was soll ihr ein so kleines Skandälchen schon anhaben? Ehe ich zynisch werde, möchte ich einfach noch sagen, dass mir der Film sehr gut gefallen hat, die Musik Howard Shore ebenso. Nur die deutsche Synchronisation klingt leider, als wären da nur zwei Sprecher am Werk gewesen.

I Spit On Your Grave 3 (R.D. Braunstein, USA 2015)

Nachdem sie brutal vergewaltigt worden ist, hat sich Jennifer (Sarah Butler) ein neues Leben aufgebaut. Um die furchtbaren Erinnerungen zu verarbeiten, besucht sie eine Selbsthilfegruppe. Als ihre Freundin auf brutale Weise umgebracht wird, sieht Jennifer rot… – „Rape & Revenge“-Filme befriedigen in der Regel gleich zwei niedere, voyeuristische Interessen: Die Lust an Gewalt und die an nackter Haut. Das Perfide an Filmen dieser Art ist, dass sich der Zuschauer durch die Rache irgendwie auf der richtigen Seite fühlen darf und schnell den ästhetisierten Gewaltakten auf den Leim geht. Diesen Vorwurf kann man „I Spit On Your Grave 3“, der die Geschichte des Remakes weiterführt, allerdings kaum machen. Braunstein geht sehr zurückhaltend mit den exploititativen Elementen seiner Geschichte um, er verzichtet auf nackte Haut und meidet, von zwei, in der deutschen Fassung noch mal entschärfte Ausnahmen abgesehen, brutale Szenen. So richtig gelungen ist der Film, der es offensichtlich gut meint, allerdings trotzdem nicht. Zwar wird durch die Figur der Jennifer deutlich, dass Opfer häufig auch Tätermuster entwickeln. Den anderen Figuren des Films bleibt ein differenziertes Profil allerdings versagt.

Projekt X (Nima Nourizadeh, USA 2012)

Weil seine Eltern übers Wochenende verreist sind, wollen Thomas (Thomas Mann) und Kumpels eine große Party schmeißen. Die anfängliche Angst, dass niemand kommt, erweist sich als unbegründet. Das gute Marketing seines Freundes Costa (Oliver Cooper) geht voll auf. Zum Schluss zählt die Party beinahe 2000 Gäste – und läuft völlig aus dem Ruder. – Inspiriert von einer wahren Begebenheit, bei der ein Teenager in den USA über Facebook einlud und von Partygästen förmlich überrannt wurde, erzählt die Regisseurin Nima Nourizadeh in ihrem im Food-Footage-Stil gedrehtes Debüt die Geschichte einer Eskalation ohne Gefühl. Die Kritiken zum Film waren sehr gemischt. Ich würde den Film auch scheiße finden, wenn ich ihn als den Versuch einer Komödie betrachten würde. Doch wenn man ihn als Horrorfilm sieht, geht’s eigentlich. Mir haben diese Menschen im Film jedenfalls ziemlich Angst gemacht.

On The Top Of The Other (Lucio Fulci, Frankreich / Italien / Spanien 1969)

Posted by – 12. März 2016

una sull'altra

Als seine Frau Susan (Marisa Mell) stirbt, erbt der Arzt George Dumurrier (Jean Sorel) eine hohe Geldsumme, was den Verdacht der Polizei und der Versicherung auf ihn lenkt. Kurze Zeit später lernt Dumurrier die Stripperin Monica Weston kennen, die seiner verstorbenen Frau zum Verwechseln ähnlich sieht.

Zunächst: Der unter dem internationalen Titel „On The Top Of The Other“ (OT: una sull’altra) vermarktete, aber auch unter den Namen „Perversion Story“ und „Nackt über Leichen“ bekannte Erotikthriller von Lucio Fulci, ist ein wahnsinnig gut aussehender, stilvoller, aber auch perfider Vertreter seiner Gattung. Es geht um Intrigen der Reichen und Schönen. Und schön und musikalisch reich ist der Film auch – schon alleine optisch sowie durch den jazzigen Score von Riz Ortolan bestens unterhält. Fulci und seinem Kameramann Alejandro Ulloa sind nicht nur etliche einprägsame Aufnahmen geglückt, welche die Besonderheiten des Krimiplots subtil untermauern, sondern ebenso viel stimmungsvolle Bilder von San Francisco. Wir sehen die Personen oft durch Glas oder ihre Reflektion in einem Spiegel; und auch sonst gibt es etliche schräge Perspektiven, experimentierfreudige Collagen und originelle Regie-Einfälle zu bewundern.

Doch es sind weniger seine offensichtlichen Reize, die den Hitchcock-inspirierten und an die Themen und die Ästhetik Brian de Palams erinnernden Thriller so interessant machen. Zum einen ist er der erste Ausflug Fulcis ins Giallo-Genre, zum anderen gehört er zu den wenigen Gelegenheiten, den Regisseur als rationalen, mehr oder weniger kohärenten Geschichtenerzähler zu erleben. Und noch ein dritter Aspekt macht diesen Giallo für mich spannend: Die Mechanismen der Zerstörung, die in Fulcis späteren Filmen vor allem körperlicher Natur sind, werden hier auf das gesamte Leben eines Mannes angewandt. Nach und nach gerät alles, letzten Endes selbst verschuldet, aus den Fugen, bis er schließlich in der Todeszelle landet. Doch ist es nicht nur die Destruktion selbst, sondern auch die Art ihres Voranschreitens, die Zwangsläufigkeit, die den Ereignissen dieses Films zugrunde liegt, die Unausweichlichkeit jedes einzelnen Schrittes bis hin zum Finale, die ein Charakteristikum vieler Filme Fulcis wie auch anderer Gialli sind. Hierzu passt übrigens auch sehr gut das Schauspiel von Jean Sorel, der mit kaum bewegter Mine seinen Alptraum durchlebt, so als wüsste er stets, dass er sein Schicksal verdient und keine Chance hat, die Geschichte von sich aus zu wenden.

„On The Top Of The Other“ ist ein Film, in dem Fulcis Werk noch nicht aus den Fugen geraten ist, in dem die Verhältnisse noch stimmen und die drei bisher vom mir beobachteten, inneren Prinzipien seines Schaffens – Zerstörung, Fatalismus und Sühne – mit dem Primat der Ästhetik im Einklang stehen. Fulci wirft einen Blick hinter die Fassaden der oberen Zehntausend und zeigt, wie selbstsüchtig, niederträchtig und intrigant es dort zugeht. Zum Schluss bekommt jeder, was er verdient. Wer Fulci vor allem wegen seiner inkohärenten Geschichten, der fiebrigen traumartigen Atmosphäre seiner Filme und der heftigen Gewalteruptionen mag, wird mit diesem Film möglicherweise zunächst fremdeln. Meiner Meinung nach ist das aber ein Grund mehr, ihn sich anzusehen und andere Seiten dieses vielfach unterschätzten Filmemachers kennenzulernen. Hier ist Fulcis Welt noch in Ordnung, „On The Top Of The Other“ ist eine runde Sache!

Bild © X-rated

Notizen #7

Posted by – 11. März 2016

The Paris Sex Murders (Ferdinando Merighi, Deutschland / Italien 1972)

Um meine derzeitige Giallo-Begeisterung wieder ein wenig zu dämpfen (Texte zu den gesehenen Filmen folgen..), habe ich mir den Rohrkrepierer „The Paris Sex Murders“ (OT: Casa d’appuntamento) angesehen, der in Deutschland unter dem Namen „Das Auge des Bösen“ von filmART / Media Target Distribution herausgebracht wurde. Alles was über ihn gesagt wird, stimmt. „The Paris Sex Murders“ ist billig, weitgehend sinnfrei, unfokussiert, mit überflüssigen Szenen vollgestopft… Und der Hauptdarsteller (Robert Sacchi) sieht tatsächlich aus wie der erfolglose Bruder von Humphrey Bogart. Das Beste ist tatsächlich die Veröffentlichung, die immerhin in gutem Bild, ungekürzt und mit allerlei (mehr oder weniger interessanten) Extras auf den Mark kam. Der Film ist je nach Standpunkt Zeitverschwendung oder ein großes Trash-Vergnügen. Oder, wie Stefan Dabrock freundlich auf Kino-Zeit.de schreibt, „die Kehrseite der Edelgiallos eines Dario Argento, der die Schönheit seiner Bilder zu künstlerischen Höhepunkten führte. Merighi zeigt, was unter der Oberfläche liegt“.

High Lane (Abel Ferry, Frankreich 2009)

Dass „High Lane“ nicht gut ist… Ich weiß nicht mehr genau, ob ich es irgendwo gelesen oder mir ganz alleine eingebildet habe. Jedenfalls habe ich überhaupt nichts erwartet. Aber so kann man sich irren. Zumindest die erste Hälfte des französischen Survival-Horror-Films über eine Gruppe Kletterer, die in Not geraten, war richtig stark. Sicherlich spielte meine Höhenangst auch eine Rolle dabei, dass ich während des Films Schweißperlen auf der Stirn hatte und die Armlehnen meines Sessels immer noch Spuren meines stählernen Griffs aufweisen. Als „High Lane“ (OT: Vertige) dann ab ca. der Mitte eine sehr konventionelle Richtung einschlägt, ist dieser Hybrid aus Bergsteigerdrama und Backwood-Slasher immer mindestens noch solide Genrekost.

The Clouds Of Sils Maria (Olivier Assayas, Deutschland / Frankreich / Schweiz 2014)

Hach, war der gut. Doch ebenso erregend wie den Film, finde ich aber die Rezeption über ihn. Während sich bei jedem 08/15-Blockbuster die unterschiedlichsten Meinungen finden lassen, scheinen alle Kritiker Olivier Assayas ziemlich ähnlich zu beurteilen – nicht nur hinsichtlich seiner Qualität, sondern der Deutung der Geschichte. Wenn es in den Texten nicht darum geht, wie toll Kirsten Stewart ist (sie ist sehr toll!), dann geht es um die „widerhallenden Echos der Bedeutungsebenen“ (Artechock), „Frauenkonstellationen in Psychospiegeln, ausufernde Echos, Kunst und Welt, Liebe und Ehrgeiz, Herz und Ellenbogen“ (FAZ), „die Spiegel von tieferliegenden Konflikten, die um Flüchtigkeit und Verstetigung, um Pop versus Klassik, um Angriff und Abwehr kreisen“ (Critic.de), „den ewigen Doppelcharakter des Kinos zwischen Anspruch und Kommerz“ (taz) und darum, wie in Assayas Film „die dunklen Seiten unserer Transparenzgesellschaft“ (SPON) analysiert wurden. Mein Lieblingssatz kommt auch aus der genannten FAZ-Kritik: „Die Wolken von Sils Maria“ ist Ingmar Bergmans „Persona“ für altkluge Halbwüchsige.“ Gut, dass Dietmar Darth im nächsten Satz gleich schreibt, dass das gar nichts Böses bedeutet. Ich finde übrigens auch genau das, was alle schreiben und schließe diesen wolkigen Text voller Bedeutungsebenen mit einem zweiten Hach.

Clown (Jon Watts, USA / Kanada 2014)

Ich habe schon lange keinen Schocker mehr gesehen, der mich gleich von Beginn an so begeistert hat. Eigentlich sollen uns Clowns ja zum Lachen bringen. Aber spätestens seit Stephen Kings „It“ will das nicht mehr so recht funktionieren. Im Gegenteil – immer häufiger fungiert der Clown als Symbol für das Böse, das hinter den Fassaden der scheinbar heilen Welt lauert. Ziemlich unsymbolisch, sondern explizit und schmerzhaft geht es in Jon Watts Clown-Horrorfilm zu, in dem ein fürsorglicher Papa (Andy Powers) seinen Sohn (Christian Distefano) zum Geburtstag erfreuen will, indem er sich selbst als Clown verkleidet. Doch dann will sich das Kostüm nicht mehr ausziehen lassen, weil es nämlich eigentlich die Haut eines Dämons ist, der sich auf den Verzehr von Kindern spezialisiert hat. Und so dauert es nicht lange, bis Papa ziemlichen Hunger bekommt. Wer unter „Coulrophobie“ – der krankhafte Angst vor Clowns – leidet, sollte sich Watts Film vorsichtshalber nicht ansehen. Wer gute (Body-)Horrorfilme mag, hingegen schon. „Clown“ lässt nach den großartigen ersten 20 Minuten zwar gehörig nach, aber am Ende ist er auf alle Fälle immer noch ein Film, dessen rote Clownsnase deutlich aus der trüben Masse herausragt.

Notizen #3

Posted by – 10. Januar 2016

Mal wieder nur kurz.

Fantastic Four (Josh Trank, USA 2015)

Nachdem ich so widersprüchliche Dinge über diesen Film gelesen habe, bin ich schließlich doch neugierig geworden und muss sagen, dass ich die sich eindeutig in der Minderzahl befindlichen Verteidiger von Josh Tranks „Fantastic Four“-Reboot zumindest verstehen kann. Denn vom Marvel-Einheits-Superbrei hebt er sich ab. Probleme gibt es natürlich auch. Es ist wahrscheinlich müßig, Superhelden-Filmen fehlenden Realismus vorzuwerfen, wobei das doch gerade ein Markenzeichen dieses Genres ist, aber ich muss sagen, für mich hatte der Film tatsächlich ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Z.B. als die vier beschließen, auf eigene Faust in die neue Dimension aufzubrechen; oder als sie, nachdem Reed wieder eingefangen wurde, unvermittelt wieder ins Jenseits geschickt werden. Aber gut. Meckern könnte man noch lange. Zum Beispiel lang und leidenschaftlich über das gruselige CGI, die holprige Erzählung, der man anmerkt, dass nicht nur eine Hand daran herumgewerkelt hat, oder das versemmelte Finale. Doch man kann nicht ignorieren, dass Trank versucht, etwas anders zu machen. Im fertigen Produkt ist seine verwässerte Vision – eine düstere Mischung aus Coming-of-Age Geschichte und Body Horror – immerhin noch zu erahnen.Alles in allem? War das nix. Aber der Film war mir trotzdem nicht unsympathisch. Ich würde mir eine Fortsetzung wünschen

Case of the Scorpion’s Tail (Sergio Martino, Spanien / Italien 1971)

Obwohl mir bisher kein Film von Sergio Martino so richtig gut gefallen hat, gebe ich nicht auf. Diesmal war „Case Of The Scorpion’s Tail“ (OT: La Cola del escorpión), ein früher, aber doch nicht ganz gewöhnlicher Giallo an der Reihe. Die Geschichte beginnt mit Lisa Baumer (Ida Galli), die sich gerade mit ihrem Liebhaber im heimischen Bettlager dem Höhepunkt entgegenkuschelt als das Flugzeug ihres Mannes hoch oben in den Lüften explodiert. Die Witwe kommt damit in den Genuss der Lebensversicherung von einer Millionen Dollar, die ihr in Griechenland ausgezahlt werden soll. Weil die Versicherungsgesellschaft der Dame nicht traut, wird Lisa durch den Privatdetektiv Peter Lynch (George Hilton) beschattet. In Athen lauern außerdem noch andere Anwärter auf das Geld. Bald gibt es die ersten Toten. Auch dieser Film von Martino war für meine Begriffe jetzt keine Offenbarung, trotzdem will ich nicht leugnen, dass er weder ein 08/15-Giallo ist, noch sich überhaupt so leicht in das Genre einfügen lassen will.. Eine recht spannende Geschichte, Bruno Nicolais schräger Score und wirklich haufenweise seltsame Kamera-Perspektiven machen ihn auf jeden Fall sehenswert. Noch etwas mehr Freude macht der Film, wenn man sich zuvor mit dem schönen Booklet von Rochus vom kinderfilmblog einstimmt, der mir die DVD freundlicherweise ausgeliehen hat.

Captain Phillips (Paul Greengrass, USA 2014)

Ja, spannend. Ich mag Greengrass’ Filme eh und auch „Captain Phillips“, den ich nun endlich nachgeholt habe, hat mir wieder gut gefallen. Es geht um ein Containerschiff, das in der Nähe von Somalia von Piraten angegriffen und schließlich gekapert wird. Mich haben die Verhältnisse und Kontraste fasziniert, wenn ich das mal so abstrakt sagen darf – die Reichen und Armen, die Schwarzen und Weißen. Die großen Schiffe und die kleinen. Wer hätte gedacht, dass man ein großes Containerschiff einfach so kapern kann? Nun gut, so einfach ist das nicht, aber mit der richtigen Portion an Verzweiflung und Wagemut, über die die Piraten ohne Frage verfügen, ist es möglich. Den Teil des Films, der auf dem Frachter spielt, fand ich sehr mitreißend, den Teil, in dem sich die Piraten mit Captain Phillips (Tom Hanks) in einem Rettungsboot auf der Flucht befinden, etwas weniger, keine Ahnung warum. Vielleicht hat mich in dem Teil die gleiche Schockstarre überfallen, wie den gebeutelten Captain, der erst im sehr emotionalen Finale, wie ich dann auch wieder, die Fassung verliert. Starker Film jedenfalls.

21 Jump Street (Phil Lord, Chris Miller, USA 2012)

Zweitsichtung. Diesmal mit Frau und Eltern vor dem heimischen Fernseher. Interessantes Meinungsspektrum nach dem Film, das von 2/10 Punkten (Mutter) bist hin zu 8/10 Punkten (Papa) reichte. Ich sortiere mich irgendwo dazwischen ein. Ich fand ihn ähnlich gut wie bei der Erstsichtung (hier etwas mehr dazu) und sogar auf Deutsch war er nicht unlustig. Diesmal ist mir sogar noch mehr klar geworden, was für ein Glücksfall dings und dings sind. Die beiden harmonieren so prächtig, dass der Film nur so flutscht und sich die Gags quasi von selbst schreiben. Lediglich das Ende, der Genitalschuss, den ich geschmacklos und billig finde, stört mich nach wie vor.

Inside Out (Pete Docter, Ronnie del Carmen, USA 2015)

Es ist natürlich ganz wunderbar, wie die Innen- und Gefühlswelt der jungen Protagonistin in diesem Animationsfilm dargestellt wird. Ihre Gefühle – Freude, Wut, Angst und Ekel – sind hier agierende Figuren, die in der Psyche der Hauptfigur allerlei anstellen und schließlich wieder richten. Und ich würde auch sagen, dass dieser Pixar mal wieder zu den stärkeren Filmen des Studios gehört. Dennoch kann ich nicht so ganz in den allgemeinen Lobgesang einstimmen, weil ich „Inside Out“ erzählerisch als sehr konventionell und damit von den visuellen Attraktionen abgesehen fast schon als langweilig empfunden habe. Die Prämisse und die optische Seite sind ohne Frage toll, aber mir fehlte da irgendwie noch etwas, das die Geschichte spannender macht wie auch ein wenig mehr dazu, was die Behauptung des Films, dass – unsere Persönlichkeit und unsere Handlungen – vollständig durch die Mechanik unserer Innenwelt bestimmt werden, für unser Selbstverständnis als Mensch bedeutet.

Trauma (Dario Argento, Italien / USA 1993)

Posted by – 19. Juni 2015

TraumaAls sich Aura (Asia Argento) das Leben nehmen will, kommt ihr der Zeichner David (Christopher Rydell) zur Hilfe. Kurze Zeit später wird die junge Frau von der Polizei festgenommen und zu ihren Eltern (Piper Laurie & Dominique Serrand) gebracht. Als diese in der darauf folgenden Nacht von einem Killer umgebracht werden, ruft Aura David um Hilfe. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Mörder.

Und wie so oft bei Dario Argento liegt auch hier des Rätsels Lösung um den traumatisierten Killer tief in der Vergangenheit begraben; und wie z.B. auch „Sleepless“, der 8 Jahre später folgen sollte, wirkt „Trauma“ schon wie eine Art Best-Of oder vielleicht besser – wie eine thematische Zusammenschau von Argentos Schaffen. Sein erster amerikanischer Film mutet zwar insgesamt etwas anders an als seine italienischen Vorgänger, ist aber immer noch unverkennbar ein Werk des Regisseurs, über das es viel Positives zu sagen gibt: Tolles Licht, eine eigenartige Stimmung, das sympathische Hauptdarsteller-Pärchen, einige recht spannende Momente, eine Handvoll fieser Morde… Bis der Zuschauer weiß, wer der Killer ist, muss er viele falsche Fährten und Holzwege beschreiten, aber das ist – wie so oft – gerade das Schöne bei den Filmen des Italieners.

Komplett in den Bann gezogen, wie manches seiner anderen Werke, hat mich „Trauma“ trotzdem nicht, wobei ich auf keinen Fall sagen würde, dass der Film in irgendeiner Hinsicht unzulänglich wäre. Er ist nur eben nicht ganz so eigen wie einige der Vorgänger, mit denen sich Argento seinen Ruf erarbeitet hat. Er ist eher ein Querschnitt seines Werks für ein anderes Publikum, das sich, wie der Titel schon sagt, mit einem Grundthema des Filmemachers auseinandersetzt: dem Trauma als einer seelischen Verletzung, die häufig einer körperlichen Verwundung nachfolgt und in dem Opfer zu einer Stressspannung führen kann – die es oftmals als weitere Folge selbst zum Täter bzw. zur Täterin werden lassen. Diese Kausalität ist in seinen Filmen nicht selten zu beobachten, auch wenn sich Argento weniger für die psychologischen Facetten des Themas zu interessieren scheint als für die Tatsache, dass frühkindliche Verletzungen und die – zeitlich weit auseinanderliegenden – Folgen überhaupt zusammenhängen, ohne dass wir es auf den ersten Blick wahrnehmen können. Oftmals ist dieser Zusammenhang genau vor unseren Augen, doch von unserem auf Autopilot geschalteten Wahrnehmungsapparat nicht gleich zu erkennen. Auch in „Trauma“ liegt das Geheimnis im Unbewussten verborgen und auch hier ist es eigentlich offensichtlich – wenn man nur in der Lage gewesen wäre, genau hinzusehen. Dieses Gefühl zu vermitteln, dass da etwas ist, das sich aber knapp außerhalb des Sichtfelds versteckt, beherrscht Argento meisterhaft.

An „Trauma“ ist ansonsten noch auffällig wie verkopft er daher kommt. Zumindest wenn man Argentos neues Faible für Enthauptungen so deutet. Die Köpfe sprechen nach der unfreiwilligen Entfernung vom Halse sogar gelegentlich noch ein wenig, was einige Zuschauer bereits als die ersten Anzeichen der in den 1990er Jahren einsetzenden Trashisierung des einstigen Meisterregisseurs deuten. Ich für meinen Teil mochte es, auch wenn ich nicht mit Sicherheit sagen könnte, was das bedeuten soll. Vielleicht dass das Leid sowohl über das Individuum als auch den Tod hinausreicht, was ja sowohl im Hinblick auf Argentos Gesamtwerk als auch für einen Film mit dem Titel „Trauma“ Sinn machen würde.

Bildm © Optimum Home Entertainment

The Strange Vice Of Mrs. Wardh (Sergio Martino, Italien / Spanien 1971)

Posted by – 15. April 2015

der killer von wienIn Wien geht ein Rasiermessermörder um. Als Julie Wardh (Edwige Fenech), Frau eines wohlhabenden Geschäftsmannes (Alberto de Mendoza), von dem Killer bedroht wird, fällt ihr Verdacht sofort auf ihren brutalen Ex-Liebhaber Jean (Ivan Rassimov). Könnte er der Killer sein? Oder vielleicht ihr neuer Liebhaber George (George Hilton)?

Für den Killer und die Morde, die, fürs Genre untypisch recht kurz, fast schon lieblos abgehandelt werden, interessiert sich Sergio Martino in „The Strange Vice Of Mrs. Wardh“ herzlich wenig. Wer dem Giallo vor allem wegen dessen Schmuddelflair und blutigen Einlagen zugetan ist, für den dieser hier möglicherweise nicht der perfekte Film. Das gilt etwas anderen Gründen auch für mich. Ich bin in Kladde gesprochen vor allem an der Ästhetik der Gewalt interessiert und daran, wie das Böse beinahe schon in abstrahierter Form in die oft nur rudimentären Geschichten eindringt. Aus diesem Grund gehört der Film, ehrlich gesagt, auch nicht so richtig zu meinem Beuteschema. Dennoch erkenne ich durchaus an, wie geschickt Sergio Martino seinen Psychokrimi-Plot webt. Zum Schluss macht all das, was sich während des Sehens für den ein oder anderen vielleicht etwas unzusammenhängend oder sogar wirr anfühlt, richtig Sinn. Und ich denke, Martino ist es durch den starken Fokus auf seine Hauptfigur hier sogar gelungen, einen bestimmten Aspekt vieler Gialli, der mit dem Verhältnis Täter-Opfer zu tun hat, besonders schön herauszuarbeiten. Damit gefällt mir Film, der mich ein wenig  Lucio Fulcis „A Lizard In A Woman’s Skin“, wesentlich besser als Martinos zwei Jahre jüngerer„Torso“.

Neben einschlägigen Werken von Dario Argento und Mario Bava ist „The Strange Vice Of Mrs. Wardh“ wahrscheinlich einer der hierzulande bekanntesten Gialli. Zumindest kannte ich schon bevor ich meine ersten Erfahrungen mit diesem Genre machte den deutschen Titel „Der Killer von Wien“. Wie so oft – und das ist mir neulich bei meiner Zweitsichtung des Films noch einmal aufgefallen – passt der Originaltitel weitaus besser, und das nicht nur weil der deutsche Name aus Gründen, die zu nennen einem Spoiler gleichkäme, irreführend ist. Nein der Originaltitel (OT: La strano vizio della Signora Wardh) passt einfach so gut, geht es in Martinos Film doch wirklich vor allem um Mrs. Wardh und ihr Laster. Ob man darunter ihre masochistische Neigung oder ihre schlechte Angewohnheit, sich immer mit den komplett falschen Männern einzulassen, verstehen will, bleibt jedem selbst überlassen.

Bild © Media Target Distribution

Hatchet For The Honeymoon (Mario Bava, Italien / Spanien 1970)

Posted by – 4. Januar 2014

hatchetUahhhr, so ein schöner Titel. Und eigentlich wollte ich deswegen den Film von Meister Bava auch schon viel früher geguckt haben. Aber nachdem die DVD wie ein Gespenst aus meinem Regal verschwunden war, ist von der Suche bis zur Entscheidung der Neuanschaffung etwas Zeit ins Land gegangen. Dass sich die DVD in Luft aufgelöst hat, mich der Film trotzdem nicht losgelassen hat, passt jedenfalls gut zum Thema von „Hatchet For Honeymoon“ (OT: Il rosso segno della follia).

Die Geschichte wird aus der Sicht des unglücklich verheirateten Chefs eines Salons für Brautmode, John Harrington (Stephen Forsyth), erzählt, der, neben seinem Job auch noch der Beschäftigung des Frauenmörders nachgeht. Die vielen hübschen Models auf seiner Arbeitsstelle kommen ihm da sehr gelegen. Ein Problem bekommt der smarte Mann, als er sich eines Tages dazu hinreißen lässt, seine lästige Ehefrau Mildred (Laura Betti) aus dem Weg zu räumen. Denn fortan verfolgt ihn selbige als Geist und nun geht sie ihm sogar noch mehr auf die Nerven als zu Lebzeiten.

Als Vorläufer von „American Psycho“ wird dieser Ghost Giallo von Bava manchmal bezeichnet. Ich würde ihn eher als direkten Nachfahren von Alfred Hitchcocks „Psycho“ sehen, der sich ironisch mit dem Thema des unter ödipalen Komplexen leidenden Killers  auseinandersetzt. Ich bin fast geneigt, ihn als freundliche Parodie auf Hitchcocks Film und schon etwas weniger nette Verhohnepipelung auf den 1970 in voller Blüte befindlichen Giallo zu bezeichnen (den Bava ja maßgeblich mitprägte). Ich weiß auch nicht, vielleicht bin ich mit meinem Gefühl, Bava würde mit diesem Film dem Giallo nicht gerade Beifall klatschen, völlig auf der falschen Fährte. Die Erkennungszeichen des Genres sind jedoch so süffisant eingesetzt, unterlaufen und partiell auch ad absurdum geführt, dass ich es einfach nicht mehr loswerde.

Wie dem auch sei. Das Ergebnis kann sich – ob als farbenfrohes Gruselfilmchen oder, je nach Interpretation, mehr oder weniger böse Satire – aufgrund der exzellenten Kameraarbeit, den atmosphärischen Sets und des spitzbübischen, aber nie aufdringlichen Humors auf jeden Fall sehen lassen. So richtig wollte der Funke bei mir trotzdem nicht überspringen, ich kann gar nicht so genau sagen wieso, so dass bei mir als persönliches Fazit eher ein freundliches „ganz nett“ als ein begeistertes „Toll!“ steht. Abschließende Nachricht an mich selbst: „Psycho“ mal wieder gucken.

Bild © Odeon Entertainment