Tag: Gothic

Daughter Of Darkness (Harry Kümel, Belgien, Frankreich, Deutschland 1973)

Posted by – 4. November 2013

Marquis_Schuber_Druck:Layout 1#horrorctober 9

Stefan (John Karlen) und Valerie (Danielle Ouimet) sind frisch vermählt und auf dem Weg zu Stefans Familie nach England. Weil sie jedoch die Fähre verpassen,  müssen sie eine Nacht in einem menschenleeren Hotel im belgischen Ostende verbringen. Dort treffen sie auf Gräfin Elisabeth Bathory (Delphine Seyrig) und ihre Begleiterin Ilona (Andrea Rau). Die beiden Frauen zeigen ein großes Interesse an dem jungen Ehepaar.

„Daughter Of Darkness“ (OT: Les lèvres rouges) von Harry Kümel ist eine sehr interessante Variation des Vampirthemas, schon allein weil hier keine Vampire  vorkommen. Kümel beschränkt sich auf Andeutungen, wie die einer Mordserie im nahen Brügge, der schon mehrere Frauen zum Opfer gefallen sein sollen oder auch den Namen der Gräfin (Bathory war eine ungarische Adlige, die dem Volksmund zufolge für zahlreiche Morde an ihren weiblichen Bediensteten und Frauen aus der Umgebung verantwortlich gewesen sein soll). Doch spannend ist der Film nicht in erster Linie wegen dieser Andeutungen, sondern wegen der Beziehungen der Personen. Jede Szene – sei es zwischen Stefan und Valerie, Elisabeth und Ilona oder allen vieren zusammen – saugt den Zuschauer förmlich hinein, weil zwischen den Figuren etwas passiert. Mal unterschwellig, mal ganz offensichtlich verhandeln sie ihre Beziehung(en). Stefan und Elisabeth scheinen während dieser Machtspiele, in denen sich der Mann zusehends als der Unterlegene erweist, um die Gunst von Valerie zu buhlen. Zumindest insofern verstehe ich schon, warum, wie ich irgendwo gelesen habe, Kümels Film von Kritikern heteronormativer Beziehungskonzepte so gefeiert wird. Als Plädoyer für bestimmte Lebensstile oder sogar politischen Film will ich „Daughter Of Darkness“ trotzdem nicht sehen, denn ein Opfer der Besitzansprüche anderer ist Valerie in beiden Fällen – sowohl als Stefans Frau als auch als Elisabeths Konkubine.

Möglicherweise muss man Kümels Film auch gar nicht unter der Fahne des Kriegs der Geschlechter stellen, sondern hat mehr von ihm, wenn man ihn einfach als unglaublich atmosphärische, optisch brillante und stark gespielte Variation des Vampirthemas sieht, die ihm durch Fokus auf Themen wie Macht und Begierde neue Facetten abringt. Mir gefällt „Daughter Of Darkness“ derzeit vor allem in seiner unmittelbaren Wirkung, beim Wahrnehmen seiner Stimmungen, die von Eiseskälte bis hin zu Leidenschaft  und im Untergrund brodelnden Emotionen reichen. Er gefällt mir weniger, wenn ich anfange, ihn zu rationalisieren. Aber ich will ihn unbedingt bald noch einmal sehen und mir auch Kümels Audiokommentar anhören, der sich noch auf der mir vorliegenden DVD von Bildstörung befindet. Vielleicht sehe ich die Sache dann anders.

Bild © Bildstörung
 

Fascination (Jean Rollin, Frankreich 1979)

Posted by – 8. Mai 2013

Fascination

Der Betrüger Mark (Jean-Pierre Lemaire) flüchtet sich, von seinen ehemaligen Komplizen verfolgt, die Taschen voller Gold, in ein verlassen aussehendes Schloss. Ganz verlassen ist es dann aber doch nicht: Neben ihm befinden sich in dem Gemäuer auch noch Eva (Brigitte Lahaie) und Elisabeth (Franca Maï). Die beiden hübschen jungen Damen versuchen ihren Gast zu überreden, bis zum Abend zu bleiben, denn da kommen weitere Besucher in das Schloss und Mark könnte der Ehrengast bei dieser mysteriösen Zusammenkunft sein.

Jetzt bist du in der Welt von Elisabeth und Eva, in der Welt von Wahnsinn und Mord.

Im Zentrum des mitternächtlichen Fests – ich glaube, ich verrate hier nicht zu viel – steht natürlich ein Menschenopfer. Inspiriert wurde Jean Rollin, wie er in den Extras der DVD berichtet, zu seinem Film dadurch, dass es früher für einen Teil der Oberschicht wohl gang und gäbe war, regelmäßig ein Schlückchen frisches (Tier-)Blut zu trinken. Dadurch sollte der Alterungsprozess aufgehalten werden. Die Frauen in „Fascination“ wollen sich aber nicht mehr mit Ochsenblut begnügen, sondern opfern lieber einen Menschen. Die Rolle des Opfers war für den Strolch Mark vorgesehen, doch weil Elisabeth sich  in den hübschen, selbstsicheren Mann verguckt, läuft nicht alles ganz nach Plan.

„Fascination“ ist trotzdem wahrscheinlich kein Film über Frauen, die dem Schönheitswahn verfallen sind (obwohl – das vielleicht auch?), sondern eher einer – wie schon der Titel suggeriert – über die Anziehung des Verbotenen. Diese funktioniert reziprok: Trotz aller Warnungen und Anzeichen von Gefahr – schließlich hat Eva ihre Widersacher mal kurzerhand mit der Sense weggesäbelt – will Mark unbedingt bleiben und an der mitternächtlichen Zeremonie teilnehmen. Nicht nur er ist fasziniert vom Schloss, den schönen Frauen (auch ich habe mich etwas in Brigitte Lahaie verliebt), der geheimnisvollen Veranstaltung um Mitternacht und der Gefahr, in der er sich offenkundig befindet. Auch die Frauen, zumindest Elisabeth, für welche die Welt aus „Wahnsinn und Mord“ Normalität darstellt, ist angezogen vom Anderen in Form des jungen Mannes, der für eine Welt steht, die ihr ganz unbekannt ist. Insofern geht es in „Fascination“ meiner Ansicht nach weder um Gut und Böse, noch um Liebe wie hier und da zu lesen ist. Es geht um den Reiz des Unbekannten, den Magnetismus des Fremden, den Wunsch, dass es noch irgendetwas jenseits sattsam Bekannten geben möge. In einer der plakativsten aber trotzdem schönsten Szenen des kommt das Ying und Yand des Films sehr gut zum Ausdruck: Da steht  Eva, nackt und unschuldig wie die erste Frau, auf der Brücke zum Schloss – und schwingt die Sense. Leben und Tod, Lust und Grauen, Rein- und Verdorbenheit – all das steckt in diesem Bild. Auf der anderen Seite – und das ist, soweit ich mir das Kino von Rollin  bisher erschlossen zu haben glaube, eine etwas versteckte aber dennoch ebenfalls wesentliche Aussage des Films – geht es hier nicht um die naive Sehnsucht einer (schwarzen) Romantik. Rollin scheint sehr genau zu wissen, dass die Vorstellung oft prunkvoller ist als die Wirklichkeit. Vorfreude ist die schönste Freude, heißt es ja auch. Und so müssen sowohl Mark als auch Elisabeth schließlich erkennen , dass am Ende der Suche nach dem verheißungsvollen Unbekannten nur Enttäuschung steht.

Der Film hat mich zwar insgesamt etwas weniger fasziniert als „The Iron Rose“ und als es mich der Titel vermuten ließ. Gefallen hat er mir aber trotzdem. Im Moment scheint mir, dass man sich bei  diesem Film am besten einfach fallen lässt – und genießt. „Fascination“ war meine zweite Begegnung mit Jean Rollin. Nächste Station: „The Night Of The Hunted“.

Bild © X-NK
 

The Iron Rose (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by – 14. April 2013

The Iron RoseIn „The Iron Rose“ verliert ein Pärchen zunächst eine Uhr, dann die Zeit und schließlich sich selbst. Und ich bin verwirrt, möchte aber trotzdem ein paar Sätze zu diesem faszinierenden Film loswerden.

Die Handlung von „The Iron Rose“ (OT: La Rose de Fer; in Deutschland als „Die Eiserne Rose“ oder „Friedhof der toten Seelen“ bekannt), meiner ersten, sehnsüchtig erwarteten Begegnung mit einem Film des französischen Enfant Terrible Jean Rollin, lässt sich so zusammenfassen: Ein frisch verliebtes Pärchen gelangt bei einem Fahrradausflug auf einen Friedhof, auf dem es beschließt zu picknicken – und verirrt sich. Wobei man hier schon einwenden dürfte, dass „verliebt“ vielleicht ein wenig übertrieben ist. Die beiden haben sich tags zuvor auf einer Familienfeier kennengelernt. Sie (Mireille Dargent) war fasziniert von ihm (Françoise Pascal), weil er der langweiligen Festivität durch ein morbides Gedicht etwas Leben eingehaucht hatte. Der anschließende Flirt mündete in besagter Fahrradtour. Doch obwohl ein gewisses Knistern zwischen den beiden unverkennbar war, werden erste Spannungen deutlich, als sie den Ausgang des Friedhofs nicht mehr finden. Während er die Sache herunterspielt und meint, dass man sich auf einem Provinzfriedhof ja wohl nur schlecht langfristig verirren könne, ist sie sichtlich nervöser, sogar ängstlich. Das unterschiedliche Verhalten der Figuren angesichts des Friedhofs und dem, wofür er steht, lässt sich meiner Meinung nach gut als Ausgangspunkt für einen Deutungsversuch nutzen.

Er, der anfangs noch wie ein Rebell und Freigeist wirkt, in dem er die Festgesellschaft mit seiner Einlage provoziert, weil er beim Flirt nichts anbrennen lässt und einen Friedhof als Picknickplatz wählt, der mutig in ein Grab hinabsteigt (wo er seine Uhr verliert) und die Frau überredet, ihm zu folgen, er, der mit dem Morbiden, dem Tod nur kokettiert – er bricht im Angesicht seiner Endlichkeit ein. In gewissem Sinne war er ein Betrüger und Materialist. Das zeigt sich im Film sehr schön daran, wie dringend er seine Uhr wiederfinden will. Sie hingegen ist empfindsam und ehrlich in Bezug auf das, was sie fühlt. Manchmal scheint sie fast wie ein Kind, das Fangen und Verstecken spielen will. Das Labyrinth des Friedhofs kostet sie fast den Verstand. Doch sie kämpft nicht dagegen an, sie akzeptiert und überwindet schließlich ihre Angst. Sie hat die Furcht hinter sich gelassen, aber damit auch weltliche Kategorien. Als er schließlich seine Uhr und damit die Zeit wieder findet, ist das für ihn das Ende. Und ein trauriges dazu. Sie tanzt noch eine Nacht beseelt über den Friedhof. Und als sie ihm dann folgt, tut sie es im Einklang mit sich, der Welt und der Unendlichkeit. Sie ist frei.

Wenn „The Iron Rose“ nicht diese Körperlichkeit und extreme Sinnlichkeit hätte, würde ich sagen, Rollin hat einen buddhistischen Film gemacht, in dem der immerwährende Leidenskreislauf, den das Leben bedeutet, nur überwunden werden kann, in dem das Selbst aufgegeben wird. Aber: Hätte sich Rollin, wäre das tatsächlich sein Anliegen gewesen, nicht etwas weniger an der nackten Haut seiner Hauptdarstellerin Dargent erfreuen müssen? Vielleicht ist genau das aber gerade der verschmitzte Witz des Films, durch den Rollin sich und seine Einstellung zum Leben sympathisch positioniert. Der Titel, die eiserne Rose als groteskes Symbol für unendliche, aber kalte, tote Liebe, würde diese Lesart noch einmal stützen.

Bild © VZ-Handelsgesellschaft