Tag: Guillaume Nicloux

Berlinale 2014: Meine Top 5

Posted by 26. Februar 2014

berlinale2014Das war sie, meine Berlinale 2014. Ich habe knapp 40 Filme aus dem Programm gesehen. Und auch wenn ich es in diesem Jahr nicht geschafft habe, kurz etwas zu jedem Film zu schreiben, möchte ich doch zumindest meine Highlights erwähnen.

Late Autumn (Yasujiro Ozu, Japan 1960)

Dass in diesem Jahr ein Film aus dem Programm der Retrospektive meinen Spitzenplatz bekleidet, ist natürlich etwas langweilig. Aber ich versichere, dass ich ihn nicht aus Respekt vor seinem Macher oder weitverbreiteter Klassikerdemut gewählt habe. Yasujiro Ozus „Late Autumn“ (OT: Akibiyori) war schlicht und einfach der Berlinale-Film, der mich am meisten berührt hat und immer noch beschäftigt. Ozu erzählt in seinem drittletzten Film die Geschichte von Akiko, die von der absolut wunderbaren Setsuko Hara gespielt wird und ihrer Tochter Ayako (Yôko Tsukasa) – und dem Versuch einiger Freunde, die beiden Frauen unter die Haube zu bringen. Freundlich und traurig ist dieser Film, warmherzig und abgründig zugleich. Aber vor allem ist er unglaublich einfach und gerade in dieser Einfachheit herausfordernd komplex. Ein Film über das – und ein Film für das Leben.

Black Coal, Thin Ice (Diao Yinan, China 2014)

Mein zweites Highlight war der Wettbewerbsfilm „Black Coal, Thin Ice“ (OT: Bai Ri Yan Huo), bei dem ich und die Berlinale-Jury ausnahmsweise mal den gleichen Geschmack hatten. Der chinesische Beitrag ist ein knirschendes Etwas von einem Film, das den Zuschauer nicht nur einmal aufs Glatteis führt. Die Geschichte startet Ende der 1990er-Jahre in einer Kleinstadt im Norden Chinas. Dort werden mehrere Leichenteile gefunden. Bei der Festnahme des vermeintlichen Mörders kommen mehrere Polizisten ums Leben. Fünf Jahre später findet der Ex-Cop Zhang Zili, der seinerzeit verletzt wurde, heraus, dass der Mörder von damals möglicherweise immer noch frei herumläuft. Diao Yinans eisiger, mit vielen irritierenden Momenten garnierter Film orientiert sich am klassischen Film noir, ist aber auch eine ätzende und auf eine verzweifelte Weise manchmal sogar ziemlich witzige Gesellschaftskritik. Ich MUSS mehr von Diao Yinan sehen!

The Kidnapping Of Michel Houellebecq (Guillaume Nicloux, Frankreich 2014)

Einen Film wie diesen hätte ich Guillaume Nicloux nach dem spröden und manchmal unfreiwillig komischen „La religieuse“, den ich auf der letzten Berlinale sah, nicht zugetraut. Aber die ironische Fake-Doku „The Kidnapping Of Michel Houellebecq“ (OT: L’enlèvement de Michel Houellebecq) ist absolut freiwillig komisch und sogar einer der lustigsten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Die Geschichte braucht gut 20 Minuten, bis sie in Gang kommt, aber wenn der unbeholfene Houellebecq erst einmal von den drei undurchsichtigen Muskel-Trotteln entführt ist, gibt es kein Halten mehr und Nicloux und Houellebecq fackeln ein unglaublich witziges, anspielungsreiches Feuerwerk der Ideen ab. Auf die Frage, wo er eigentlich seine Inspirationen herbekomme, antwortet der Autor, dass er sich hierfür in den Zustand einer absoluten, ich-bezogenen Langeweile versetzen müsse. Dann kämen die Worte zu ihm. So ist auch der Film: Mit rasender Langsamkeit arbeitet er nach vorne, bis er  in den letzten Szenen mit 240 Sachen seine Ewigkeit findet. Fertig ist das kleine, unscheinbare Meisterwerk.

The Little House (Yoji Yamada, Japan 2014)

Ein wenig eigenartig verhält es sich mit „The Little House“ (OT: Chiisai Ouchi) von Yoji Yamada, den ich während der Sichtung und kurz danach zwar durchaus gut, aber nicht großartig fand. Erst nach der Berlinale beim zusammenstellen dieser Liste ist mir aufgefallen, dass er mir doch besser als so vieles andere gefallen hat. Yoji Yamada erzählt in diesem unaufgeregten, trotzdem meisterlichen Film die generationsübergreifende Geschichte der jungen Taki, die ihre Jugend als loyales Hausmädchen bei Familie Hirai in Tokio verbringt. Doch als sie Zeugin wird, wie sich die Hausherrin in den jungen Kollegen ihres Mannes verliebt sieht sich schließlich gezwungen, heimlichen Affäre einzugreifen. Gezeigt wird die nüchtern erzählte und trotzdem zu Tränen rührende Geschichte über Loyalität, Disziplin und Verzicht anhand von Rückblenden, in denen der junge Takeshi die Tagebücher seiner Tante Taki liest und dabei immer mehr über ihre Vergangenheit und die schicksalhafte Zeit im Hause Hirai erfährt. Ein toller Film. Und einer, der noch lange sanft nachschwingt.

Boyhood (Richard Linklater, USA 2014)

Ob sich Richard Linklaters außergewöhnliches Projekt wirklich einen langfristigen Platz in meinem Herzen sichern kann, wird die Zeit zeigen, zu meinen fünf Highlights möchte ich ihn aber auf jeden Fall zählen. Trotz kleinerer Längen im letzten Drittel war es der mit Abstand kurzweiligste Film des Wettbewerbs, Patricia Arquette ist in der Rolle der alleinerziehenden Mutter famos, die Idee, eine Geschichte über einen Zeitraum von zwölf Jahren mit den gleichen Schauspielern zu drehen, ist mutig und gibt zusätzliche Disziplinpunkte. Wenn dieses Coming-of-Age-Zeugs ein wenig mehr mein Geschmack wäre, hätte es der Film vielleicht auch etwas weiter nach vorne in diesen Top-5 geschafft.

Lobende Erwähnung

In meine Top-5 haben sie es nicht so ganz geschafft – zwei Filme möchte ich trotzdem gerne noch lobend erwähnen. Beide haben erfreulicherweise einen Kinostart bekommen: Zum einen wäre da Maximilian Erlenweins „Stereo“, mit dem der Regisseur zeigt, dass deutsches Genre-Kino nicht nur möglich ist, sondern richtig toll sein kann. Kann Spuren von „Fight Club“ und „A History Of Visolence“ enthalten, ist aber trotzdem ein erkennbar eigenständiges, kraftstrotzendes Werk mit großem Stilwillen. Kinostart: 15. Mai 2014. Zum anderen „Über-Ich und Du“ von Benjamin Heisenberg – einem Film jenseits allem, was man erwarten kann. Ich verrate nichts über die Geschichte, weil man diesen freundlich-verrückten Trip besser unvorbereitet sieht. Heisenbergs Film, mit einem großartigen Georg Friedrich in der Hauptrolle, überrascht nicht mit einem großen Knall, sondern ist eher eine entspannte Reise ins Unterbewusste in einem schrill-bunten Heißluftballon. Kinostart: 08. Mai 2014.

Und hier noch ein paar Links. Denn es gibt ja noch drei Podcasts, in denen ich mich mit Patrick bzw. mit Patrick & Martin vom Raushau-Blog über die Berlinale 2014 unterhalten habe sowie ein schönes Interview mit Till Kleinert, dem Regisseur von „Der Samurai“ (hier meine Kritik). Und wer noch was zu „Tape_13“ lesen will, der mir leider gar nicht gefallen hat, möge hier klicken.

Bild © B. Helbig
 

Berlinale 2013 – Tag 4

Posted by 11. Februar 2013

IMG_7636The Nun (Guillaume Nicloux, Frankreich / Deutschland / Belgien 2012)

Frankreich im 18. Jahrhundert. Suzanne Simonin (Pauline Étienne) wird von ihrer Familie ins Kloster geschickt. Suzanne hat einen starken Glauben, hinter Klostermauern einsperren lassen will sie sich trotzdem nicht. Doch mit ihrer schonungslosen Ehrlichkeit und ihrem Freiheitsdrang eckt sie überall an und sie muss schnell lernen, dass auch Christen zu allerlei Grausamkeiten imstande sind. Nunsploitation im Wettbewerb der Berlinale? Oder doch, wie das Presseheft zum Film zu „The Nun“ (OT: La Religieuse) verrät, ein „leidenschaftliches Plädoyer für ein unabhängiges Leben, für Courage und die Kraft, die durch die Gewissheit entsteht, das Richtige zu tun“? Ich halte mich da raus, möchte aber zumindest anmerken, dass ich den Moment, als Suzanne zu guter Letzt auch noch auf eine lesbische Ordensschwester (Isabelle Huppert) trifft, als Bruch wahrgenommen habe. Wenn das kein Versehen war, verstehe ich nicht, was Nicloux hierbei im Sinn hatte. Wenn nicht, hatte der Regisseur seinen Film nicht unter Kontrolle.

Vic+Flo Saw A Bear (Denis Côté, Kanada 2013)

Nach „Gold“ der zweite Wettbewerbsfilm in dem eine Bärenfalle eine wichtige Rolle spielt. Nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen wurde, findet Vic (Pierrette Robitaille) zusammen mit ihrer Geliebten, Flo (Romane Bohringer), Unterschlupf bei einem Verwandten auf dem Land. Doch die Tage der Ruhe sind für die beiden Frauen gezählt. – Kein Film hat mich bisher so ratlos zurückgelassen, wie Denis Côtés „Vic+Flo Saw A Bear“ (OT: Vic+Flo ont vu un ours). Ich werde mich deswegen auch erst einmal mit einer Meinung zurückhalten und noch ein, zwei Nächte drüber schlafen. Falls jemand nicht abwarten kann und unbedingt jetzt schon eine Meinung hören will: Mein Daumen geht tendenziell eher nach oben.

Maladies (Carter, USA 2012)

Seit Ayassis „Vinzent“ habe ich die Theorie, dass Regisseure mit nur einem Namen keine guten Filme machen können. Carters „Maladies“ bestätigt ein weiteres Mal diese Regel. Der Film handelt von den Außenseitern James (James Franco), einem ehemaligen Seriendarsteller, Catherine (Catherine Keener) einer Maler- und Crossdresserin, der schweigsamen Patricia (Fallon Goodson) und dem verschrobenen Nachbarn Delmar (David Straithairn). Ich sehe diese Schauspieler gerne und ich finde es eine gute und liebenswerte Idee, einen Film über eine Gruppe von Leuten zu machen, im weitesten Sinne über Künstler, die in ihrer eigenen Welt leben. Kunst und Wahnsinn – das gehört irgendwie zusammen. Aber anstatt über Carters Film nachzugrübeln schweifen meine Gedanken immer wieder ab und ich denke an „Funny Bones“ von Peter Chelsom, der so wunderbar ist… Das spricht nicht für „Maladies“.