Tag: Jake Gyllenhaal

Notizen #12

Posted by – 4. August 2016

Eigentlich (wie ich dieses Wort liebe!) wollte ich nicht mehr kurz notieren, sondern immer einen zumindest etwas detaillierteren Text fabrizieren… Hier jedenfalls mal wieder nur ein paar schäbige Notizen.

The Assassin (Hsiao-Hsien Hou, Taiwan / China / Hong-Kong / Frankreich 2015)

Die schlechte Nachricht gleich zu Beginn: Ich fand den umjubelten „The Assassin“ nur so lala. Nennt mich einen Banausen, aber für die Kunst, die Hsiao-Hsien Hou hier darbietet, fehlen mir irgendwie die Antennen. Die zweifellos hübschen Bilder haben mir jedenfalls nicht geholfen, in die Geschichte zu kommen. Vielleicht sollte man das ja auch nicht, vielleicht sollte der Zuschauer irgendwie draußen bleiben; und vielleicht werden deswegen gefühlt die Hälfte des Films alle Figuren nur schemenhaft zu erkennen hinter wehenden Vorhängen gezeigt. Aber warum? Keine Ahnung. Ich war jedenfalls froh, als es vorbei war. Schon allein deswegen, weil zum Schluss noch mal ein richtig feines Stück Musik kommt. Für mich der Höhepunkt des Films.

Station Agent (Tom McCarthy, USA 2003)

Toller Film – eigentlich. Station Agent hätte ich wohl mal zu meinen Lieblingsfilmen gerechnet, ich habe irgendwo sogar noch eine Liste meiner Top 10 der ersten Dekade des neuen Jahrtausends und da ist er drauf, aber dieses Mal konnte ich mich nicht so richtig auf ihn einlassen. Vielleicht nutzen sich Filme irgendwann ab, drei, vier, fünf Mal funktionieren sie, aber bei sechsten Ansehen dann, plötzlich, mag das Gehirn nicht mehr. Vielleicht lag es ja daran, dass ich „Station Agent“ diesmal in sonderbarer Gesellschaft gesehen habe, so sonderbar, dass die Sonderbarkeit der Figuren im Film dagegen einfach nicht ankommt. Auf diese Theorie kann ich jetzt allerdings aus Respekt vor lebenden Personen, die das hier bestimmt nicht lesen, aber vielleicht ja doch (wer weiß das schon?) nicht weiter eingehen. Aber toller Film eigentlich.

Toni Erdmann (Maren Ade, Deutschland / Österreich 2016)

Zu diesem Film, für den der Ausdruck „Meisterwerk“ zu klein und damit völlig ungeeignet ist, nur einen Satz zu schreiben, das geht natürlich gar nicht.

The Shallows (Jaume Collet-Serra, USA 2106)

Wohin das Auge sieht: Haie! . „Supershark“, „Sharktopus“, „Dinoshark“ „Sharknado“ eins, zwei, drei usw. Selbst im Supermarkt ist man vor ihnen nicht sicher! Ich kann mir dieses ganze Zeug nur mit Mühe ansehen. Dass es sich bei „The Shallows“ um einen ernstgemeinten Hai-Horror handeln sollte, hat dann aber doch mein Interesse geweckt. Und wirklich, nicht übel, was „House of Wax“- und „Orphan“-Regisseur Jaume Collet-Serra hier abliefert, gar nicht übel. Dazu braucht er nicht mehr als eine junge Surferin (Blake Lively) und einen blutrünstigen Hai. Ich finde es jedenfalls super, dass sich jemand dieser Tage traut, einen unironischen Hai-Thriller zu drehen, zumal das Ergebnis durchaus sehenswert ist (spannend, toll fotografiert, überzeugende Hauptdarstellerin). Da kann ich auch verschmerzen, dass Zufälle die an sich sehr reizvoll reduzierte Geschichte etwas zu sehr dominieren und die existenzialistische Dimension von „The Shallows“ eher unterentwickelt ist.

The Lobster (Giorgos Lanthimos, Frankreich / Irland / Großbritannien, Niederlande / Griechenland 2015)

Ich frage mich seitdem täglich, welches Tier ich wohl wäre. Jedenfalls kein Hai.

Demolition (Jean-Marc Vallée, USA 2016)

Davis Mitchell (Jake Gyllenhaal) verliert seine Frau bei einem Autounfall. Statt ordnungsgemäß zu trauern, öffnet er sich in Briefen dem Kundenservice einer Automatenfirma – und erhält überraschend Antwort von Karen Moreno (Naomi Watts), die sich sehr interessiert an seinen Gefühlen zeigt. Die beiden lernen sich kennen. Nach und nach erkennt Davis, dass er zuerst sein altes Leben auseinandernehmen muss, ehe er ein neues beginnen kann. Dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, wird häufig behauptet. Der Protagonist des Films scheint diese Meinung nicht zu teilen oder der These zumindest von Grund auf nachgehen zu wollen, indem er zwanghaft alles auseinanderbaut, was ihm unter den Schraubenschlüssel kommt. Dieser Akt der Zerstörung ist die grundlegende Metapher dieses ambitionierten aber leider völlig überkonstruierten und unglücklicherweise auch bis zum Bersten vollgestopften Drehbuchs. Doch anders als in der Geschichte fügt sich der Film leider nicht wie durch ein Wunder zu einem kunstvollen Großen und Ganzen zusammen. „Demolition“ ist eins der raren Beispiele für etwas, das weniger ist, als die Summe seiner Teile.

Vor der Morgenröte (Maria Schrader, Österreich / Deutschland / Frankreich 2016)

Mal von „Toni Erdmann“ abgesehen, hat mich kein Film in den letzten Wochen so beeindruckt wie die Stefan Zweig Biografie von Maria Schrader. In „Vor der Morgenröte“ wimmelt es von Irritationen und ich denke, das ist Konzept und soll die Situation und Zerrissenheit seiner Hauptfigur zeigen. Der Film wird getragen von Josef Harder. Harder ist ein großartiger, aber – das vergisst man vielleicht ab und an, wenn man ihn nur als den Brenner kennt – auch sehr vielseitiger Schauspieler, der hier einen neuen Bereich seines Könnens demonstriert. Ich sage mal vorher, dass dieser Film in meinen Jahres-Top-10 sein wird.

Notizen #5

Posted by – 15. Februar 2016

Mission: Impossible – Rogue Nation (Christopher McQuarrie, USA 2015)

Seit „Originaltitel Mission: Impossible – Ghost Protocol“ habe ich ein Problem: Immer, wenn ich Tom Cruise sehe, sehe ich Jogi Löw. Das ist leider überhaupt nicht zweckdienlich, wenn man Film sieht, ihn eigentlich spannend finden will, aber die ganze Zeit Mission-Jogi-Kopfkino hat. Unabhängig davon halte ich den aktuellen, wie schon den Teil davor, für keinen besonders interessanten Film. Christopher McQuarrie legt einfach zu viel Wert auf die belanglosen Aspekte des neuen Abenteuers von Superagent Ethan Hunt (Cruise): Verfolgungsjagden, hübsche Bilder, vielsagende Dialoge, die eigentlich gar nichts sagen. Dabei versteckt sich im Film ein durchaus mitreißendes Drama um die heimatlose Agentin Ilsa Faust (Rebecca Ferguson), die für alle und niemanden zwischen den Stühlen agiert. Ihre Geschichte hätte ich gerne gesehen, nicht die von Team Jogitom.

Everest (Baltasar Kormákur, USA / Großbritannien / Island 2015)

„Everest“ von Baltasar Kormákur wollte ich eigentlich im letzten Jahr im IMAX sehen, aber es hatte nicht sein sollen. Nun habe ich ihn bei meiner neuen Stamm-Videothek „Amazon Prime“ nachgeholt und bin eigentlich ganz angetan: Atemraubende Kulissen, Einblicke in die Mentalitäten von Extrembergsteigern und letztendlich – in diesem Fall ist das wirklich wichtig – eine wahre Geschichte. Mit schnürt es jedenfalls immer noch die Kehle zu, wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen schon bei dem Versuch, den Mount Everest zu besteigen, ums Leben gekommen sind. Die Ereignisse, die im Jahr 1996 stattfanden und bei denen 8, teilweise sehr erfahrende Bergsteiger wie Rob Hall und Scott Fischer, starben, finde ich besonders tragisch. Dass sich Kormákur etwas zu wenig an den Fakten entlanghangelt und auf eindrucksvolle Bilder setzt, sich dabei aber meiner Meinung sehr zurückhält, was die Analyse der Situation angeht. Wie konnte das Unglück und geschehen? Eine sinnvolle Ergänzung zum Film sind somit sicherlich die Bücher von Jon Krakauer „Into thin air“ und „The Climb – Tragic Ambitions on Everest“ von Anatoli Nikolajewitsch Bukrejew. Zwar ganz ohne Bilder aber noch spannender als der Film!

Slow West (John Maclean, Großbritannien / Neuseeland 2015)

Nicht nur der Film des Musikers John Maclean, der sich wie seine Figuren durch die Wildwest-Landschaft mühsam und misstönend über die Zeit quält, war mir nicht angenehm. Irgendwie piekst es mich auch, dass ich beim im Internet Herumlesen fast überwiegend auf Texte gestoßen bin, in denen nicht nur sehr wohlwollend über „Slow West“ berichtet wurde – das gehört sich ja auch so –, sondern sogar beinahe verehrend und auf eine Art und Weise argumentierend, die mir nicht so richtig zugänglich werden wollte. Dass sich hier auf besonders clevere Art mit dem Gründungsmythos auseinandergesetzt wurde, dass hier Fantasien – vor allem männliche – entlarvt werden, dass hier das – angeblich tote – Genre „Western“ einen vitalen Lebensbeweis antritt… All das steht geschrieben. All das ist bestimmt nicht falsch. Aber des wegen gleich Juhu rufen? Ich verstehe schon, dass Junge Jake Cavendish (Kodi Smit-McPhee) einer verklärten Vorstellung über seine Möchtegernfreundin Rose Ross (Caren Pistorius) aufgesessen ist, wie er zum Ende hin unsanft erfahren muss. Interessant sind darüber hinaus sicherlich einige Brüche mit den Zuschauererwartungen. Meine Kritik, dass Maclean den Ton nicht trifft, dass die Aneinanderreihung von ausgestellt lakonischen Szenen, slapstickhaften Momenten und überraschend harten Gewaltausbrüchen, willkürlich wirkt und keinen erkennbaren Zweck hinsichtlich des Hauptthemas, der Dekonstruktion von Wunschträumen, erfüllt, lässt sich natürlich wie alles damit entkräften, dass der Regisseur bewusst die Erwartungen des Zuschauers unterlaufen will. Aber warum? Um zu zeigen, dass unsere Vorstellungen über den Wilden Westen eben nur Vorstellungen sind? Ahnten wir so etwas nicht schon?

Prison (Renny Harlin, USA 1987)

„Prison“ von Renny Harlin ist ein wunderbar sinnloser, aber extrem unterhaltsamer Film. Und sehr hübsch fotografiert ist er auch. Mac Ahlberg, der für „Re-Animator“ und „From Beyond“ oder dem – mittlerweile denke ich auch von mir – unterschätzten „King of the Ants“ als Kameramann verantwortlich ist, hat auch hier exzellente Arbeit geleistet. Auch Harlin als Regisseur wächst mir langsam ans Herz. Seine Filme sind direkt, effizient und pragmatisch. Und trotzdem haben seine mir bekannten Filme auch einen irgendwie verträumten Unterton, so als würde hinter der Oberfläche noch etwas anderes schlummern. Ein Bild, das mir gerade in den Sinn kommt: Einen Harlin-Film zu gucken ist, wie über einen zugefrorenen finnischen See zu laufen. Die Eisfläche ist glatt, perfekt und kühl, aber man spürt die Strömung unter seinen Füßen, fühlt den Abgrund des schwarzen Gewässers. Ich habe den Film zum ersten Mal gesehen und zwei Szenen entdeckt, die auch auf der in meinem Text zu „Slaughter High“ bereits erwähnten VHS-Kassette war: Die, als der eine Häftling von Metallrohren durchbohrt wird und die, als ein Wärter von Stacheldraht malträtiert wird. Was ich etwas schade finde ist, dass die Blu-Ray, die seit neuestem in meinem Besitz ist, keine nennenswerten Extras enthält. Über so einen Film gibt es doch bestimmt einiges zu erzählen, ein paar Interviews oder besser noch – ein Audiokommentar wäre entzückend gewesen!

Escape From Alcatraz (Don Siegel, USA 1979)

Nicht einfach ein Gefängnisfilm, sondern eine Art Prototyp des Gefängnis- und Ausbruchsfilms, an dem sich gefühlt alle folgenden Filme orientieren. (Harlins „Prison“ z.B.) Hat mir mal wieder Spaß gemacht, ihn zu sehen. Erkenntnisse: Auch wenn man Menschen entkleidet, sie aller Dinge entledigt, abschrubbt und in ein Gefängnis auf einem Felsbrocken sperrt, verlieren sie trotzdem nicht ihre Persönlichkeit. Sie bleiben, was sie waren, auch wenn sie die neue Umwelt natürlich zwingt, sich anzupassen. Faszinierend dabei ist auch, wie „professionell“ und mit welcher Ruhe sich Protagonist Frank Morris (Clint Eastwood) einen Überblick verschafft, die richtigen Leute kennenlernt und seinen Ausbruch vorbereitet und durchführt. Das wirkt fast ein wenig gelangweilt, vielleicht weil er tut, was er eben tut und das für ihn tatsächlich nichts Außergewöhnliches ist. Der Film hingegen ist in seiner Klarheit und Kraft schon etwas Besonderes.

Nightcrawler (Dan Gilroy, USA 2014)

Posted by – 1. April 2015

nightcrawlerJake Gyllenhaal… – ach nein, ich fange anders an: Dass Journalismus und die Sensationen, über die er berichtet, gemeinsam ein System bilden, in dem nicht einfach das eine ein Resultat des anderen ist, sondern dass die Zusammenhänge komplexer sind, weiß man nicht erst seit gestern. Trotzdem sind die Ausprägungen der Verflechtungen – vielleicht durch die neuen Medien, vielleicht durch den mentalen Wandel – heute weit stärker als noch vor 20 oder 30 Jahren. Vom Katastrophen- und Sensationsjournalismus und dem Wettrennen um mediale Aufmerksamkeit handelt Dan Gilroys Regiedebüt „Nightcrawler“. Oder besser gesagt um einen Soziopathen, der gleichzeitig Produkt wie Motor und Inovator dieser schönen neuen Medienwelt ist.

Gyllenhaal, Jake, spielt Louis Bloom, diesen Mann, der nur auf den ersten Blick unbeholfen wirkt, in Wirklichkeit aber, wie er selber sagt, ein „schneller Lerner“ ist – und dabei völlig ohne Skrupel. Das Credo des American Dream, den Willen zum Erfolg, hat er in sich aufgesogen und verinnerlicht, Werte des Zusammenlebens sind allerdings nur noch Variablen in seinem zweckrationalen Kalkül. Bloom arbeitet sich hoch, der Zuschauer verfolgt seine anfangs noch linkischen Versuche, zunächst überhaupt einen Job zu bekommen und sich dann als freier Journalist einen Namen zu machen, mit wachsendem Unwohlsein. Dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt, das wird schnell klar. Wie weit er für seine selbstgesteckten Ziele zu gehen bereit ist, das offenbart sich erst im Laufe dieses Thrillers.

Gyllenhaal ist das absolute, unhintergehbare Zentrum des Films, der Faktor, der dieses ambitionierte Stück Film zu einer besonderen Erfahrung macht. Seine Figur ist zweifellos ein Produkt der Leistungsgesellschaft, vgl. „Whiplash“, und beispielhaft eine Kreatur des amerikanischen Traums bzw. Albtraums in seiner schlimmsten Ausprägung. Schon zuletzt in „Prisoners“ hat Gyllenhaal mehr noch als alle anderen Darsteller einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach „Nightcrawler“ drängen sich Vergleiche mit Robert de Niro, der in „Taxi Driver“, „Raging Bull“ oder „Cape Fear“ unvergessliche Charaktere schuf, förmlich auf. Es ist wohl nicht übertrieben, zu sagen: Gyllenhaal ist derzeit einer der interessantesten Hollywoodstars. Und für mich der wichtigste Grund, warum ich „Nightcrawler“ sehr gerne gesehen habe.

Dass der Film als Ganzes bei mir etwas weniger Eindruck gemacht hat als dem medialen Echo zufolge bei einigen anderen, mag daran liegen, dass ich ihn für meinen Geschmack als etwas zu ausformuliert und damit teilweise redundant empfunden habe. Schon der Anfang, der zusätzliche Informationen über seine Hauptfigur liefert, wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen. Und auch das Grundthema, die Kritik am Sensationsjournalismus und die Analyse, wie er sich im Wechselspiel mit Charakteren wie Bloom herausbildet, ist nicht schlecht, aber doch irgendwie recht offensichtlich und ein wenig formelhaft umgesetzt. Das führt zu Abzügen in der B-Note und dazu, dass mir „Nightcrawler“ insgesamt etwas weniger gefallen hat, als der bereits erwähnte, wunderbar ambivalente „Whiplash“. Nichtsdestotrotz, ein feiner Film und wie gesagt: Gyllenhaal.

Bild © Concorde Filmverleih

Prisoners (Denis Villeneuve, USA 2013)

Posted by – 22. Februar 2015

Prisoners

Die Familien Dover und Birch feiern gemeinsam Thanksgiving. Nach dem Essen gehen die Töchter Anna Dover und Joy Birch draußen spielen – und sind kurz darauf spurlos verschwunden. Die Polizei nimmt zwar den Fahrer (Paul Dano) eines verdächtigen Wohnmobils fest, dem lässt sich jedoch nichts nachweisen. Während Detective Loki (Jake Gyllenhaal) weiterhin nichts unversucht lässt, den Täter zu finden, hält der Vater von Anna, Keller Dover (Hugh Jackman), den Mann am Steuer des Wohnmobils jedoch nicht für unschuldig – und entführt ihn.

Ich habe mich kurz gefragt, ob ich den Text mit dem Satz „Endlich habe ich den Film auch gesehen“ beginne. Weil mir „Enemy“ so gut gefallen hat, habe ich mich tatsächlich sehr auf „Prisoners“ gefreut. Nach dem Film ist die Stimmung allerdings eine andere, jetzt fühle ich mich gefangen in der Geschichte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. „Prisoners“ wird mitunter in einem Atemzug mit „Big Bad Wolves“ genannt. Und bin froh, dass Vielleneuves Film bis auf eine ähnliche Prämisse so gut wie gar nichts mit Aharon Keshales & Navot Papushados dümmlicher Selbstjustiz-Comedy gemein hat. Was hat er, was Filme ähnlichen Themas nicht haben, was macht gerade diesen Film zu einem schwarzen Loch, aus dem kein Lichtstrahl entweicht? Seit ein paar Tagen arbeitet es in mir, doch ich finde weder Eingang noch Ausgang. In seiner Absolutheit erinnert mich der Monolith „Prisoners“ an Filme wie „The Silence Of The Lambs“ oder „Seven“, nicht nur, weil dem Zuschauer ebenfalls ein klares Happy End verweigert wird. Villeneuves Film nach einem Drehbuch von Aaron Guzikowski ist in dieser Hinsicht sogar besonders perfide, weil eine Andeutung am Ende den geprügelten Zuschauer kurz die Illusion von Hoffnung geben mag.

In „Prisoners“ ist wirklich jeder ein Gefangener – im ganz wörtlichen Sinne oder auch im übertragenen: ein Gefangener seiner Geschichte, seiner Erziehung und persönlichen Traumata, seiner Weltanschauung und (falschen) Theorien etc. – und wahrscheinlich ist es auch der Titel, der am ehesten einen Weg in diesen hermetischen Film weist, der vordergründig ein reines Genre-Produkt, aber gleichwohl offensichtlich so viel mehr ist. Was genau, da bin ich mit meinen Gedanken noch nicht am Ende. Deswegen verbleibe ich mit der, bei Texten zu diesem unaufgeregt gleichwohl exzellent inszeniertem Film, unumgänglichen Feststellung, dass die Schauspieler durch die Bank wirklich Großartiges leisten. Jede ihrer Figuren ist plastisch und absolut glaubwürdig in ihren Ängsten, ihrem Getriebensein, und in dem vermeintlichen Akt von Freiheit, mit dem sie gegen die Mauern ihres Kerkers rennen.

Derzeit ist der Film noch ein mächtiger schwarzer Fels in der Brandung meiner Gedanken; aber er ist auch ein existenzielles Filmerlebnis, allerdings eines, das dem Zuschauer an die Substanz gehen kann. „Pray for the best, but prepare for the worst“, heißt es im Film. Aber auf das Böse, wie es im dort gezeigt wird, kann man nicht vorbereitet sein.

Bild © Universal Pictures

Enemy (Denis Villeneuve, Spanien / Kanada 2013)

Posted by – 8. April 2014

EnemyAlles beginnt mit einer Spinne: Ein Mann, von dem der Zuschauer später erfahren wird, dass es sich um den B-Movie-Darsteller Anthony Claire (Jake Gyllenhall) handelt, wohnt in einem Sex-Club einer seltsamen Darbietung bei: Er beobachtet, wie eine nackte Tänzerin eine große Spinne freilässt und sie hinterher zertritt. Schnitt. Der Geschichtsprofessor Adam Bell (ebenfalls Jake Gyllenhall) führt ein unspektakuläres, ja, freudloses Leben. Doch dann entdeckt er in einem Film auf einmal einen Schauspieler, der ihm aufs Haar gleicht. Adam beginnt Nachforschungen anzustellen. Er findet heraus, dass es sich bei dem Doppelgänger um den bereits erwähnten Anthony Claire handelt, der mit seiner schwangeren Frau Helen (Sarah Gadon) in einem unscheinbaren Apartment-Komplex wohnt.

Wem im Anschluss an „Enemy“ nicht gleich alles klar ist, muss sich nicht wundern. Dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve ist mit der Adaption des im Jahr 2002 erschienenen Romans „Der Doppelgänger“ des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago ein filmisch-psychologisches Rätsel gelungen, das sich rein rationalen Erklärungsversuchen enzieht. Am Ende steht keine Auflösung, sondern eine weitere Irritation. „A man who wants to leave his mistress and go back to his pregnant wife must confront his worst enemy: himself“ bringt Villeneuve in einem Interview mit der Zeitschrift Film Comment einen möglichen Interpretationsansatz ins Spiel. Doch stellt sich die Frage, ob der Bedeutungsspielraum der Geschichte nicht sogar noch größer ist und ob sich der Konflikt tatsächlich vor allem zwischen verschiedenen Versionen des Subjekts bzw. des Protagonisten verorten lässt. Da kämen für mich die anderen Figuren des Films wie die Ehefrau/Geliebten eindeutig zu kurz. Arachnida – Spinnentiere – werden nicht nur mit menschlichen Ängsten, sondern ebenso mit Weiblichkeit und Mutterschaft assoziiert. Es darf angenommen werden, dass ein Teil des Subjekts seine Zukunft als Familienvater als ebensolche Gefahr wahrnimmt wie ein anderer Teil seine zwielichtige Vergangenheit samt Sex-Clubs und Affären. Die Akzeptanz der einen Realität führt immer auch zur Aufgabe der anderen. Der Protagonist hat sich in einem klebrigen Netz verfangen, aus dem es keine leichte Flucht gibt. Überhaupt sind es neben den erwähnten Spinnen-Szenen auch Visualisierungen von (Spinnen)Netzen, die sich vielerorts in Villeneuves kunstvoll gewobenem Film auffinden lassen. Bedrohlich, aber gleichzeitig wunderschön. Wie eine Spinne. Die folgerichtig auch am Ende des Films auf den Zuschauer wartet.

Ein wenig führe ich diese Gedanken noch aus in der Mai-Ausgabe des AGM-Magazins.

Bild © Capelight Pictures
 

Source Code (Duncan Jones, USA 2011)

Posted by – 14. Dezember 2013

source codeDuncan Jones Debüfilm „Moon“ gilt schon wenige Jahre nach seinem Erscheinen als Science-Fiction-Klassiker. Jones trieb in diesem Quasi-Ein-Mann-Stück nicht nur seinen Hauptdarsteller Sam Rockwell („The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“, „Choke“) zu absoluten Höchstleistungen an, sondern präsentierte erzählerisch geschickt und inszenatorisch eigenwillig das schauriges Bild einer Zukunft, in der nur das zählt, was sich rechnet. Ich bin nicht uneingeschrenkt zufrieden mit „Moon“, weil mir der Film einfach zu sehr wie ein gestreckter Kurzfilm vorkommt, aber ich mag ihn trotzdem.

Noch viel besser finde ich allerdings „Source Code“, Jones zweiten Langfilm nach einem Drehbuch von Ben Ripley, der seinem Debüt in mehrfacher Hinsicht sehr ähnlich ist. Abermals findet sich ein Mann – und mit ihm der Zuschauer – in einer schwer zu durchschauenden Situation wieder, erneut werden philosophische Themen wie Identität, neue Technologien sowie Fragen nach dem Menschsein an sich mit einer gehörigen Portion Kapitalismuskritik zu einer reizvollen, aber auch herausfordernden Melange vermischt. Diesmal handelt die Geschichte von dem Soldaten Captain Colter Stevens (Jake Gyllenhaal), der sich unversehens in einem Zug Richtung New Jersey wiederfindet – jedoch nicht in seinem Körper, sondern in dem eines ihm fremden Mannes. Die anderen Passagiere, allen voran die Frau auf dem Platz vor ihm (Michelle Monaghan), scheinen ihn allerdings zu kennen. Ehe er das Rätsel lösen kann, detoniert eine Bombe in dem Zug – und Stevens findet sich in der gleichen Situation wieder, in der er vor ein paar Minuten war.

Mehr soll an dieser Stelle gar nicht über den Inhalt des Films verraten werden. Dem Leser dieses Textes sei weiterhin ans Herz gelegt, sich vorab möglichst wenig über den Film zu informieren. Denn „Source Code“, der wie eine Mischung aus Duncan Jones letztem Film, „Twelve Monkeys“, „eXistenZ“ und einer explosiven Variante von „Groundhog Day“ wirkt, hält noch einige Überraschungen bereit, denen man sich möglichst uninformiert aussetzen sollte, um in den Genuss des maximalen Guckspaßes zu kommen. Allerdings – und das macht Jones’ Neuen nicht nur zu einem sehr guten, sondern zu einem großartigen Film – lebt „Source Code“ nicht (nur) von seinen Twists, einem leidenschaftlichen Gyllenhaal sowie der bezaubernden Monaghan, sondern darüber hinaus von seiner exzellent umgesetzten, visionären Grundidee. Diese offenbart sich allerdings nicht auf den ersten Blick, sondern will gefunden werden.

Mit seinen ersten beiden Werken hat sich Duncan Jones, der Sohn von David Bowie, bereits als sehr fähigen und cleverer Filmemacher profiliert. Bei kaum jemanden bin ich derzeit so gespannt auf den nächsten Film. Im Falle von Jones ist das wohl die Spieladaption „Warcraft“, die irgendwann 2016 in die Kinos kommen soll.

Bild © Optimum Releasing
 

End Of Watch (David Ayer, USA 2012)

Posted by – 12. November 2012

Es ist nicht leicht ein Cop zu sein. Schon gar nicht in South Central L.A. Auf den Straßen herrscht Krieg. Der Ausnahmezustand ist zur Regel geworden.

Die beiden Streifenpolizisten Brian Taylor (Jake Gyllenhaal) und Mike Zavala (Michael Peña) verrichten ihren Dienst im Hexenkessel von South Central. Kein leichter Job, denn hier sind Verfolgungsjagden, Schießereien und Gewalt sind an der Tagesordnung. Trotzdem sind die beiden mit Leib und Seele bei der Sache. Als sie durch Zufall einen schweren Drogenkurier ins Netz geht, wittern die beiden die Chance, einmal etwas richtig Bedeutsames leisten zu können. Sie gehen der Sache nach – und geraten in einen Bandenkrieg, der vielleicht doch eine Spur zu groß für die eifrigen Streifenpolizisten ist.

Ich kannte von David Ayer nur „Training Day“ und „Dark Blue“, für die er das Drehbuch geschrieben hat. Von seinen Regiearbeiten war mir bisher nichts bekannt.  Nach „End Of Watch“ bin ich aber durchaus gespannt auf weitere Filme von ihm. Viel passiert in seinem aktuellen Film eigentlich nicht, aber das was passiert, ist sehr gut in Szene gesetzt – und auch die Stimmung des Films hat mir gefallen. Das Gefühl der Gefahr ist allgegenwärtig, und wie die beiden Polizisten, ist auch der Zuschauer in ständiger Alarmbereitschaft. Durch den Found-Footage-Ansatz ist man sehr nah dran an den von Gyllenhaal und Peña meiner Meinung nach äußerst überzeugend gespielten Figuren. Zwar erfahren wir nicht viel Neues über die Polizeiarbeit, aber zumindest wird uns die Geschichte einmal aus einer anderen Perspektive gezeigt. Inhaltich reicher wäre der Film mit Sicherheit noch geraten, wenn er nicht allein aus der Perspektive der beiden Haudegen erzählt worden wäre, sondern dem Zuschauer mehr „Kontext“ geboten hätte. Auf der anderen Seite ist bei mir gerade dadurch, dass das Ganze nicht eingebettet und ich sprichwörtlich daran gehindert wurde, über den Tellerrand zu schauen, ein seltsam beklemmendes Gefühl entstanden, das, finde ich finde, dem Film sehr gut zu Gesicht steht.

Nein, es ist nicht leicht ein Cop zu sein. Polizisten in South Central geht es wie Soldaten im Feindesland. Dass es trotzdem Frauen und Männer gibt, die diesen Job mit Hingabe tun, davon erzählt David Ayers „End Of Watch“ – und das tut er in tollen Bildern, atmosphärisch dicht, kurz: sehr gut. Wie man über den „Patriotismus“ und die sehr trennscharfe Einteilung in Gut und Böse denkt, steht auf einem anderen Blatt. Ich für meinen Teil bringe nach dem Beruf des Polizisten jedenfalls nach dem Film noch etwas mehr Respekt entgegen als zuvor. Ich hoffe, das hält auch noch so lange, bis mich mal wieder ein Wachmann zurückpfeift, weil ich eine rote Ampel überradelt habe.

Bild © Tobis