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V For Vendetta (James McTeigue, USA / GB / Deutschland 2006)

Posted by – 4. Januar 2014

v for vendettaWie stürzt man ein Terrorregime? Indem man das Regierungsgebäude in die Luft jagt!

Acht Jahre sind vergangen, seit ich James McTeigues gleichnamige Verfilmung der Graphic Novel „V For Vendetta“ im Kino gesehen habe. Gestern habe ich den Film zum zweiten Mal angeschaut und muss fesstellen, dass sich, verglichen mit meinem ersten Eindruck 2006, nicht viel verändert hat: „V For Vendetta“ hat neben einiger nicht zu leugnender Stärken (mindestens) ein gravierendes Problem.

Irgendwann im 21. Jahrhundert ist Großbritannien eine Diktatur, regiert von Großkanzler Adam Sutler (John Hurt) mit eiserner Hand.Doch dann regt sich Widerstand: Ein Mann, der sein Gesicht hinter einer Guy-Fawkes-Maske versteckt und sich V nennt, jagt Londons Old Bailey in die Luft. Die junge Evey (Natalie Portman), die von V vor einer Vergewaltigung gerettet wird, wird zur Komplizin des geheimnisvollen Maskierten.

Zunächst zum Positiven: McTeigues hat seinen Film nach dem Drehbuch des Matrix-Geschwisterpaars Andy & Lana Wachowski durchaus ordentlich inszeniert, es gibt – bis auf die plakative NS-Symbolik – ein zurückhaltendes, dennoch sehr stimmiges visuelles Konzept und auch sonst ist alles meist eher dezent als voll auf die Zwölf. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das für mich größte Pfund des Films ist ein absolut hervorragender Hugo Weaving als V, der maskenbedingt allein durch seine Bewegungen und Stimme überzeugt. James Purefoy, der eigentlich für die Rolle vorgesehen war, sprang wegen künstlerischer Differenzen ab – nach diversen Quellen wollte er nicht den ganzen Film über die Maske tragen (was er selbst allerdings bestreitet). Ein paar Purefoy-Szenen sind noch im Film, welche das sind, konnte ich auf die Schnelle nicht herausfinden. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht weiter relevant, da nach Produzent Joe Silver noch etliche weitere Darsteller V spielten. Jedenfalls glaube ich, dass Weavings Statur, die Art sich zu bewegen und vor allem seine Stimme, dem Ergebnis sehr zugutegekommen ist.

Aber Highlights hin oder her – für mich funktioniert der Film nicht. Das liegt vor allem an der Zeichnung des totalitären Regimes. „V For Vendetta“ hat einfach keine dystopische Wucht. Beispielhaft kann man die Schwächen an der Figur des Großkanzlers Adam Sutler festmachen, der in überlebensgroßen Projektionen wutpredigt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich John Hurt das letzte Mal mit so wenig Charisma habe agieren sehen. Doch Schuld sind vor allem die Sätze, die ihm die Wachowskis in den Mund gelegt haben. Aufdringlicher und plakativer geht es nicht. Doch nicht nur Sutler, auch sein ganzes Terrorregime, dessen Struktur und Mechanismen, bleiben blass und nebulös. Der Zuschauer erfährt nur, dass die Medien unter der Kontrolle der Regierung stehen, eine Kontrolle, die ein einzelner Showmaster allerdings spielend umgehen kann und hinterher nicht einmal mit Konsequenzen rechnet sowie, dass es eine geheime Staatspolizei gibt, deren Mitglieder Fingermen genannt werden und die Ausgangssperre kontrollieren. Als Evey in einer Szene zwei Vertretern dieser Spezies begegnet, agieren sie jedenfalls wie zwei gewöhnliche Verbrecher, ohne dass an dieser Stelle wirklich klar wird, dass sie für das System stehen.

Aber nicht nur die dunkle Seite der Medaille hat keinen Glanz, keine Finesse und Überzeugungskraft. Auch die vermeintlich gute Seite ist zu grob geschnitten, um Lust zu machen, sich ernsthaft mit ihrer Position auseinanderzusetzen. Dem namenlosen Helden ist durch das Terrorregime Unrecht widerfahren. Deswegen beschließt er, sich zu rächen. Wofür genau er kämpft, bleibt unklar. Der Mann kann schön reden (Sätze mit vielen Vs¹), doch hat er wirklich eine gestalterische Vision? Das lässt die Wahl seiner Methoden besonders zweifelhaft erscheinen: Systematisch rächt er sich an seinen Peinigern. Den Tod Unschuldiger nimmt er billigend in Kauf. Evey foltert er, um sie „zu befreien“. Einem Film, der das Wort „Vendetta“ im Titel trägt, vorzuwerfen, er sei nur ein Rachefilm, klingt etwas seltsam, doch ich glaube, ohne die Vorlage zu kennen, dass Alan Moores Graphic Novel mehr sein wollte.

Ein wenig erinnert „V For Vendetta“ an Christopher Nolans „Dark Knight“-Trilogie, wenn man einmal davon absieht, dass Batman im Gegensatz zu V das Töten seiner Gegner strickt ablehnt: Auch dort geht es um eine Idee. Doch während bei Nolan die Revolution ihr Gesicht in einem Helden findet, sind es bei McTeigues Film bzw. Moores Comics die Massen: Es ist nicht wichtig, wer V ist. Jeder kann die Maske tragen. Die Idee lebt in jedem einzelnen. Das Finale zeigt ein Volk, das in Massen auf die Straße geht ­– visuell sehr eindrucksvoll. Dass es zum Schluss zu den Fawkes-Masken greift und den Aufstand probt, zeigt aber nur einmal mehr, dass McTeigue mir die Welt des Films nicht glaubhaft machen kann. Entweder hat hier niemand wirklich Angst vor den Repressionen des Regimes, oder die Angst ist da, aber die Wachowskis haben vergessen, dem Drehbuch ein paar Szenen zu spendieren, die diesen Aufmarsch glaubhaft machen. Und dass man ein Terrorregime stürzt, indem man das Regierungsgebäude in die Luft jagt, glaube ich ebenfalls nicht. Außerdem bleibt bis zum Schluss die Frage offen, ob denn nun wirklich alle Macht vom Volke ausgeht oder ob es der Revolution eines maskierten Rächers bedarf, der die Drecksarbeit macht, damit sich niemand anderes die Finger schmutzig machen muss.

Das lasse ich als mein Fazit auch einfach so stehen: Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft sind die größten Probleme des eigentlich recht unterhaltsamen und auch farb- und formschönen Films. Mit einem intelligenteren Drehbuch hätte ich ihn echt gern haben können.

¹Voilà! In view, a humble vaudevillian veteran, cast vicariously as both victim and villain by the vicissitudes of Fate. This visage, no mere veneer of vanity, is a vestige of the vox populi, now vacant, vanished. However, this valorous visitation of a by-gone vexation, stands vivified and has vowed to vanquish these venal and virulent vermin vanguarding vice and vouchsafing the violently vicious and voracious violation of volition. The only verdict is vengeance; a vendetta, held as a votive, not in vain, for the value and veracity of such shall one day vindicate the vigilant and the virtuous. Verily, this vichyssoise of verbiage veers most verbose, so let me simply add that it’s my very good honor to meet you and you may call me V“ – V

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