Tag: Jean Rollin

Notizen #15

Posted by – 30. Oktober 2016

#horrorctober Film 8-12

Lisa And The Devil (Mario Bava, Italien / Deutschland / Spanien 1972)

Kurz nachdem Lisa (Elke Sommer) auf ihrem Spanien-Trip ein Wandgemälde betrachtet, das den Teufel zeigt, verläuft sie sich in der Stadt und findet sich kurz darauf in einer unheimlichen Halbwelt wieder, in der Leibhaftige selbst die Strippen zieht. – So oder auch ganz anders könnte man den Inhalt von Mario Bavas drittletztem Film beschreiben. Ich kenne mich mit Bava noch nicht genug aus, um diesen Film als Quintessenz seines Schaffens zu bezeichnen, aber man darf, denke ich, behaupten, dass sich in „Lisa And The Devil“ (OT: Lisa e il diavolo) viele Motive seines Schaffens wiederfinden und dieser stimmungs- und geheimnisvolle Film zumindest insofern ein Highlight seines Gesamtwerks darstellt. Gehört nach erster Einschätzung nicht zu meinen allerliebsten Bava-Filmen, ist aber weiter oben mit dabei.

Bad Biology (Frank Henenlotter, USA 2008)

Für jeden Topf ein Deckelchen: Eine Frau mit einer 7-fach Klitoris und unstillbarem Sexhunger gerät an einen jungen Mann mit mutiertem, mörderischem Riesenpenis. Dort, wo die Geschichte von (Charlee Danielson) und Batz (Anthony Sneed) eigentlich erst beginnt, ist sie auch leider schon wieder zu Ende. Und vorher passiert in Henenlotters Film leider auch nichts, was man von ihm nicht schon kennt und leider auch schon wesentlich besser in „Brain Damage“ oder „Basket Case“ (hier was zum ebenfalls guten zweiten Teil) gesehen hätte. Immerhin – und zumindest das muss man ihm zugutehalten – ist „Bad Biology“ eben auch kein Film von der Stange, sondern in seinem Zusammenspiel aus Komik, Tragik und Horror ein echter Henenlotter.

Lemora: A Child’s Tale of the Supernatural (Richard Blackburn, USA 1975)

Wenn Jean Rollin ein Vertreter der Tschechoslowakische Neuen Welle gewesen wäre und er in den späten 1960er Jahren in die USA geladen worden wäre, um unter völliger künstlerischer Freiheit eine Version von „Alice In Wonderland“ zu drehen, wer weiß, vielleicht wäre dann ein Film wie „Lemora: A Child’s Tale of The Supernatural“ dabei herausgekommen. Jedenfalls ist Richard Blackburns Film definitiv die Entdeckung meines diesjährigen Horrorctober. Es ist ein Werk, von dessen Existenz ich – und bestimmt noch ein paar andere da draußen – bis vor ganz kurzer Zeit keine Ahnung hatte. Sehr gerne möchte ich zu dessen wachsender Bekanntheit und Ruhm beitragen indem ich hier verkünde, was für ein wunderbarer und eigensinniger (im aller wohlmeinendsten Wortsinne!) Film Blackburns „Lemora“ doch ist. Anschauen und weitersagen!

Green Room (Jeremy Saulnier, USA 2016)

Nazis vs. Punks: Bei ihr Tour durch den Nordwesten der USA landet die Punk-Band Ain’t Rights in einer abgelegenen Nazi-Bar auf dem Land. Zwar geht das Konzert ohne größere Pannen über die Bühne, aber als die Band danach im Backstage-Bereich einen Mord beobachtet, ist die braune Kacke am dampfen. – „Green Room“ ist ein geradliniger, recht harter Thriller, aber mir will, wie schon bei Jeremy Saulniers Vorgängerfilm „Blue Ruin“, nicht wirklich einleuchten, warum er bei Kritik und Publikum so gut angekommen ist. Vieles an diesem Film ist gut, ordentlich, hier stimmt das Große und Ganze wie das Detail. Und trotzdem sträube ich mich, „Green Room“ wirklich zu mögen. Vielleicht weil ihr den alle mögt. Und ich hier der eigentliche Punk bin.

Textas Chainsaw Massacre 2 (Tobe Hooper, USA 1986)

WAHNSINN!!!1

 

Notizen #4

Posted by – 21. Januar 2016

Seraphim Falls (David Von Ancken, USA 2006)

Von der Regel, dass ich neben „Once Upon A Time In The West“ und „The Quick And The Dead“ keine Western mag, gibt es eine weitere Ausnahme. Aufgrund einer Empfehlung von vertrauenswürdigen Tipp-Gebern auf Twitter habe ich mir „Seraphim Falls“ angesehen – und für gut befunden. Ein Mann (Liam Neeson) jagt darin einen anderen (Pierce Brosnan). Warum, erfährt man erst viel später. Aber eigentlich ist der Grund auch egal, Von Ancken scheint es hier in seinem Rache-Western eher ums Grundsätzliche zu gehen. Der Film beginnt sehr realistisch – man spürt die Kälte, fühlt sie durch Mark und Bein gehen; später kommt die Hitze, der Durst, die Erschöpfung… – driftet aber immer mehr ab und wird zur Parabel, die uns in eindrucksvollen Bildern deutlich macht, dass Rache… – Ach, ich will nicht zuviel verraten, schaut euch den Film selber an.

The Shiver of the Vampires (Jean Rollin, Frankreich 1971)

Isa und Antoine geraten auf ihrer Hochzeitsreise in ein Vampir-Schloss. Isa gerät unter den Einfluss der Vampirkönigin Isolde, Antoine versucht seine Angetraute zu retten. – Warum „The Shiver Of The Vampires (OT: Le Frisson des Vampires) mancherorts im Internet als einer der besten Filme von Jean Rollin bezeichnet wird, weiß ich nicht. Im Prinzip steht überall das Gleiche, und zwar das, was bei allen Rollin-Vampir-Filmen steht: Irgendwas mit Kunst & Trash, Gothik & Erotik, psychedelisch & surreal. Ob bei Tageslicht, in der Morgendämmerung oder nachts, bei Kerzenschein – ich habe alles probiert – bei mir hat „The Shiver of the Vampires“ nicht funktioniert. Ich fand ihn beliebig. Aber ich will nicht ausschließen, dass das auch irgendwie an mir liegt. Schließlich fand ich bisher eigentlich alles, was ich von Rollin gesehen habe, gut bis sehr gut.

Coffy (Jack Hill, USA 1973)

Trash-Commando von Trash-O-Meter hat mir einen Stapel Filme mitgegeben, um mich in die Welt der Blaxpoitation einzuführen. Dann mal los! Den Anfang machte ein „sehr bedenkliches Action-Drama, das Selbstjustiz und das Recht des Stärkeren propagiert“ (Lexikon des internationalen Films) von Jack Hill. „Coffy“ war für mich gleich ein Volltreffer, was weniger an dem Film selbst lag – eine Frau nimmt für ihre abhängige Schwester Rache an der Drogenmafia –, sondern an seiner famosen Hautdarstellerin Pam Grier, die ich Ungebildeter bisher tatsächlich erst aus Quentin Tarantinos „Jackie Brown“ kannte. Ich mag Grier als Frau gerne leiden, aber ich fand auch ihre Figur der Coffy Coffin stark. Und ich möchte dem katholischen Filmdienst an dieser Stelle gerne widersprechen und behaupten, dass hier nicht das Recht des Stärkeren propagiert, sondern die Gewalt gegen den Schwächeren für ein B-Movie auf gar nicht so unclevere Weise thematisiert wird. Im Spannungsfeld Arm gegen Reich, Schwarz gegen Weiß, Mann gegen Frau erweist sich die Protagonistin nicht nur als jemand, der wegen der Umstände in den Widerstand geht, sondern eben auch als amoralisches Produkt eben dieser Umwelt, in der besagtes Recht des Stärkeren gilt. Doch ist dies keine Propaganda im Sinne von Werbung für ihr Handeln, sondern immer auch zutiefst tragisch, weil Coffys naiver Rachefeldzug für eine bessere Welt im Kern chancenlos ist. Ich danke Herrn Trash-Commando für die sehenswerte Leihgabe.

Shaft (Gordon Parks, USA 1971)

Gleich noch mal einen Dank in die gleiche Richtung. Björn goes Blaxpootaion Part II. Es ist schon ein bisschen witzig, dass ich diesen „Klassiker“ erst kurz vor der Rente sehe. Aber besser spät als nie bzw: eigentlich auch egal. Ich war noch nie ein großer Freund von Krimis, großen Wummen und coolen Sprüchen. Daran hat leider auch „Shaft“ nichts geändert. Aber die Musik, die war gut, und dass Isaac Hayes einen Oscar für den Besten Song gewonnen hat, leuchtet mir – auch wenn mir sonst wenig an den Oscars einleuchtet – voll uns ganz ein.

One, Two, Three (Billy Wilder, USA 1961)

Zum ersten Mal gesehen und – darf ich das hier sagen? – ich finde diesen Film ganz furchtbar. Ja, ich weiß, Billy Wilder und alle reden ganz schnell und lustig, har har, aber warum diese Zusammenschau von billigen nationalen Klischees einen so guten Ruf hat, verstehe ich beim besten Willen nicht. Ich finde „One, Two, Three“ nicht nur nicht lustig, ich finde ihn in seinem kaum verhohlenen Spott über alle nicht-amerikanischen Menschen bedenklich. Die meisten Witze gehen auf Kosten der Russen, aber auch gegen Bürger der DDR, gegen die Deutschen und Frauen wird ordentlich ausgeteilt. Ich bin niemand, der besonderen Wert auf politische Korrektheit legt, aber wenn auf Kosten anderer gelacht werden soll, dann bitte als Provokation und nicht in Form einer vermeintlichen Wohlfühl-Komödie.

 

Schoolgirl Hitchhikers (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by – 26. November 2014

Schoolgirl HitchhikersNoch einmal Youtube. Aber diesmal konnten weder das kleine, pixelige Bild noch die mäßige Synchronisation den Filmgenuss wesentlich schmälern. Was für ein Film! Und das ganz ohne Clowns, Friedhöfe und Vampire.

Die Schülerinnen Monica (Joëlle Coeur) und die blonde Jackie (Gilda Arancio) campen im Wald, aber als sie ein scheinbar verlassenes Haus finden, können sie nicht widerstehen und machen es sich dort für die Nacht bequem. So unbewohnt ist das Haus allerdings doch nicht. Weil Monica nach dem Liebesspiel nicht schlafen kann, schlendert sie ein wenig durchs Haus und entdeckt in der Wohnstube den Gangster Fred (toll: Willy Braque mit Streichholzbeinen und Puschelbart), den die noch nicht vollständig gesättigte Schülerin auch sofort vernascht. Das Liebes- hat allerdings ein Nachspiel. Als tags darauf die Gangsterkollegin Béatrice (Marie Hélène Règne) und ihr Handlanger (François Brincourt) erscheinen, sind die im Haus versteckten Diamanten verschwunden. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf Monica und Jackie…

Friedhöfe und Vampire fehlen, einige Erkennungszeichen eines Rollin-Films hat „Schoolgirl Hitchhikers“ (OT: Jeunes filles impudiques, was besser passt, weil die Mädchen zwar ziemlich unkeusch sind, wahrscheinlich weder Schulmädchen sind noch per Anhalter fahren) aber doch. Das – meist weibliche – Pärchen, das in ein mysteriöses Abenteuer stolpert, scheint so etwas wie die Blaupause für die meisten Filme des Regisseurs zu sein. Ausgeprägter als die in den anderen Filmen, die ich bisher kenne, ist allerdings der Humor. Irgendwann hatte ich einfach nur noch ein breites Grinsen im Gesicht. Der Film wirkt auf mein erwachsenes Ich wie ein jugendlicher, feuchter Fiebertraum aus der Rubrik „Räuber und Gendarm“. Die Party findet direkt im limbischen System statt. Selbst die ein oder andere härtere Szene, z.B. wenn die wütenden Gangster eine Peitsche oder Zange an den Mädchen applizieren, kommt zu freundlich und unbekümmert daher, ja wie eine leicht infantil-pubertäre Phantasie eben, und man stellt es sich gar nicht so schlimm vor, selbst einmal von Béatrices Zangen bearbeitet zu werden. Die schöne Kameraführung von Jean-Jacques Renon, mit der Rollin auch in „La Rose de Fer“ gearbeitet hat, taucht das Ganze in ein Traumlicht und der jazzige, frivole Score von Pierre Raph tut sein übriges, dass man „Schoolgirl Hitchhikers“ nicht allzu ernst nehmen mag.

Vergleiche? Schwierig. Natürlich hat er Ähnlichkeit mit anderen Rollin-Filmen, wobei ich nach jetzigem Kenntnisstand sagen würde, dass dieses 60-minütige, knackige Teil hier ein Stück heraussticht. Dass mich „Schoolgirl Hitchhikers“ manchmal ein ganz klein wenig an Rainer Werner Fassbinders „Liebe ist Kälter als der Tod“ erinnert hat, liegt wohl weniger an der tatsächlichen Ähnlichkeit als daran, dass ich in diesem Genre nicht besonders zu Hause bin und dass sich mein Hirn etwas zu verkrampft nach Vergleichen umgesehen hat. Lediglich das Schauspiel, dass in beiden Filmen wie gehobenes Schülertheater wirkt, das aber perfekt mit der einfachen Geschichte harmoniert, könnte man vielleicht als Gemeinsamkeit heranziehen. Ein Klaps auf den Po des Gangsterfilms an sich ist „Schoolgirl Hitchhikers“ auf jeden Fall.

Kritik? Ganz ehrlich: Habe ich nicht. Der Film ist in seiner unperfekten Art ganz und gar makellos. Mir fällt nichts ein, das ich lieber anders gehabt hätte, das ist wohl das Qualitätskriterium. Und wenn Jean Rollin (der diese Auftragsarbeit unter dem Pseudonym Michel Gentil gedreht hat) dann am Ende sogar noch persönlich erscheint und für die trotteligen Gangster, den ebenfalls nicht allzu cleveren Cop Harry (Pierre Julien) wie auch für den Zuschauer den Fall löst, dann gehört der letzte Lacher wohl dem Film.

Bild © Salvation Films 
 

Requiem For A Vampire (Jean Rollin, Frankreich 1971)

Posted by – 23. November 2014

Requiem For A VampireWahrscheinlich habe ich gar nicht das Recht, meine Meinung kund zu tun, schließlich habe ich den Film in schlechter Qualität im Originalton auf Youtube gesehen. Da ich des Französischen auch nach 5 Jahren Schulfranzösisch nicht mächtig bin, mögen mir einige inhaltliche Aspekte entgangen sein. Soviel habe ich verstanden bzw. mir zusammengereimt: Marie (Marie-Pierre Castel) und Michelle (Mireille Dargent) gelangen auf der Flucht nach einem Überfall zunächst auf einen Friedhof und dann zu einem Schloss. Entgegen dem ersten Anschein ist dieses allerdings nicht verlassen, sondern wird von einigen Vampiren und ihren menschlichen Helfern bewohnt. Die beiden Frauen sind dazu auserkoren, die Nachfolge der aussterbenden Rasse anzutreten.

Worum es genau geht ist aber wie so oft bei Rollin eh nicht so wichtig. Auch „Requiem For A Vampire“ (OT: Requiem pour un vampire bzw. Vierges et Vampires) lebt von seiner traumwandlerischen Atmosphäre und dieser typischen Rollin-Stimmung. Wenn man ein paar Filme des Mannes gesehen hat, fühlt man sich immer vertrauter mit seiner Symbolik und wiederkehrenden Mustern – ohne dass sich diese einem freilich komplett erschließen. Trotzdem, auch wenn Rollins Filme keine Rätsel sind, die man vollständig entschlüsseln könnte, so fühle ich mich bei meiner nunmehr vierten Begegnung mit diesem besonderen Regisseur auf seltsame Weise zu Hause in seinen malerischen Tableaus und Bilderwelten.

Was mir an „Requiem For A Vampire“ am besten gefallen hat, ist die Zeit, die sich Rollin für seine Geschichte nimmt. Wer einen Abgesang auf den Vampir dreht, der darf es nicht eilig haben. Bis die beiden freizügigen Freundinnen im Schloss ankommen, vergeht schon eine von seltsamer Stummfilmmusik umspielte Weile; bis dahin müssen sie sich erst einmal ihrer Clownskostüme entledigen, einen Kioskbesitzer verführen und ausrauben; und auf dem Friedhof, auf den es sie vor ihrer Ankunft im Schloss noch verschlägt, wird eine der beiden Frauen sogar lebendig begraben. Dort angekommen, fließt die Zeit wie ein Rinnsal Nektar durch Rollins Traumlandschaft. Wobei – das klingt jetzt süßer, als es gemeint ist. Denn der Film-Titel kommt nicht von ungefähr. „Requiem For A Vampire“ ist tatsächlich ein melancholisches „Adieu“ auf die Gattung der Blutsauger. Das Vampirdasein hat seinen Reiz verloren, die schief angeklebten Zähne, das karge, lediglich mit einigen billigen Requisiten bestückte Schloss, die tumben Gefolgsleute, die wahrscheinlich nur folgen, weil ihnen ab und an eine blanke Brust in die Hände hüpft – wer will da schon Vampir sein? Eben.

So ganz hat es „Requiem For A Vampire“ nicht geschafft, sich an die Spitze der mir bisher bekannten Rollin-Filme zu setzen – da thront immer noch unangefochten „The Night Of Hunted“ –, aber ich gebe zu, er hatte es auch schwer. Rollins Filme sind nicht dafür gemacht, sie auf einem kleinen Computerbildschirm zu sehen. Sie gehören ins Kino. Trotzdem hat mir auch diese Begegnung Lust gemacht, die Entdeckungsreise im Werk dieses wunderbaren Regisseurs fortzusetzen.

Bild © Redemption
 

The Night of the Hunted (Jean Rollin, Frankreich 1980)

Posted by – 22. Oktober 2013

NightOfTheHunted

#horrorctober 5

In „Perfect Sense“ hat David Mackenzie eindrucksvoll durchgespielt, was vom Menschen bleibt, wenn ihm seine Sinne abhanden kommen. Und auch in Jean Rollins „The Night Of Hunted“ (OT: La Nuit des Traquées) geht es um den Verlust von Wesentlichem: Der Erinnerung. Trotz aller Unterschiedlichkeit kommen Mackenzie und Rollin zu einem ähnlichen Ergebnis.

Eines nachts läuft Robert (Alain Duclois) eine Frau vors Auto, die nur mit einem Nachthemd bekleidet ist. Sie stellt sich als Elisabeth (Brigitte Lahaie) vor – an mehr kann sie sich nicht erinnern. Die beiden fahren in Roberts Wohnung und verbringen dort eine Nacht zusammen. Als Robert am nächsten Tag arbeiten geht, kommen plötzlich ein Mann und eine Frau in die Wohnung. Der Mann nennt sich Doktor Francis (Bernard Papineau) und erklärt der verwirrten Elisabeth, sie würde an einer Gehirnkrankheit leiden. Er überzeugt sie, ihn in die „Klinik“ zu begleiten.

„The Night Of Hunted“ ist nach „The Iron Rose“ und „Fascination“ mein dritter Film von Rollin. Auch wenn es thematische und stilistische Gemeinsamkeiten zwischen den dreien gibt, so überwiegen doch die Differenzen. Von der morbid-romanischen Stimmung und der dazu passenden Ausstattungen ist hier fast nichts geblieben. „The Night Of The Hunted“ spielt in der Anonymität einer sterilen, grauen Metropole und dort vor allem in einem schwarzen Turm, mitten einer Fabriklandschaft. Dort werden die „infizierten“ Menschen untergebracht. Was die Stimmung in diesem Gebäude-Komplex betrifft, hat mich Rollins Film eher an Cronenbergs „Shivers“ erinnert. Inhaltlich könnte man ihn aber auch mit Romeros Zombiefilmen oder vielleicht eher noch „Miracle Day“, der letzten Staffel des „Doctor Who“-Ablegers „Torchwood“ oder der französischen Serie „Les Revenants“ vergleichen. Es ist erstaunlich, mit welchen Ideenspektrum Rollin hier operiert und welche Weitsicht er im Bereich gesellschaftlicher und demografischer Entwicklungen er zeigt. Darin wirkt „The Night Of The Hunted“ sehr modern. Seine Themen bearbeite Rollin freilich nicht auf eine analytische, sondern eher auf eine intuitiv-assoziative Weise, er erklärt nicht, er zeigt es dem Zuschauer, lässt es ihn fühlen. Bei mir war das große und immer größere Traurigkeit. Die Figuren des Films sind so allein, und mit jeder Erinnerung, die zu Staub zerfällt wie ein Vampir im Sonnenlicht, werden sie noch einsamer. Trost finden sie weder drin, ihre nackten Körper aneinander zu reiben, noch durch erfundene, gemeinsame Erinnerinnungen, die sie sich gegenseitig erzählen. Denn ein paar Minuten später sind auch die wieder vergessen.

Zum Glück lässt wenigstens die Schlussszene von „The Night Of The Hunted“ soviel Interpretationsspielraum, dass man dort, vielleicht, wenn man will, ein kleines bisschen Hoffnung erkennen kann. Das Ende – Leute die besonders empfindlich auf Spoiler reagieren sollten vielleicht nicht weiterlesen – kann man auf zwei sehr unterschiedliche Weisen deuten. Die mittlerweile völlig „leere“ Elisabeth sowie der tödlich verletzte Robert torkeln nebeneinander, ja irgendwie sogar gemeinsam über eine lange, verfallene Brücke, die zur Stadt führt. Lesart eins: Die Stadt ist das Totenreich. In Elisabeth und Robert ist nichts mehr – und wo wären die beiden besser aufgehoben als im grauen, alles verschlingenden Moloch der Stadt? In dieser Lesart zieht Rollin dem Zuschauer zum Schluss auch noch das letzte Stück Boden unter den Füßen weg. Die Stadt wird zum Bild für eine entindividualisierte, durch und durch sinnlose Existenzform: Eigentlich sind die Lebenden schon tot. Aber nicht nur das Leben ist kalte, lieblose Mechanik – auch nach dem Tod wartet nichts auf den Gestorbenen. Lesart zwei: Obwohl die beiden alles verloren haben – sie sind nur noch leere Hüllen, lebende Tote – ist da doch irgendwo in ihnen noch ein Funke von dem, was Menschen ausmacht, eine Form von gegenseitiger, vielleicht nur körperlicher doch möglicher Weise auch seelischer Anziehung, Verbundenheit. Vielleicht sogar Liebe? So gesehen wäre „The Night Of The Hunted“ nicht der deprimierende Film als der er die meiste Zeit erscheint, sondern hätte mehr mit Mackenzies aller Traurigkeit zum Trotz auf eine gewisse Weise optimistischen „Perfect Sense“ gemein. Auch wenn alles verschwindet – etwas bleibt. Ich bevorzuge diese Lesart.

Bild © Redemption
 

Fascination (Jean Rollin, Frankreich 1979)

Posted by – 8. Mai 2013

Fascination

Der Betrüger Mark (Jean-Pierre Lemaire) flüchtet sich, von seinen ehemaligen Komplizen verfolgt, die Taschen voller Gold, in ein verlassen aussehendes Schloss. Ganz verlassen ist es dann aber doch nicht: Neben ihm befinden sich in dem Gemäuer auch noch Eva (Brigitte Lahaie) und Elisabeth (Franca Maï). Die beiden hübschen jungen Damen versuchen ihren Gast zu überreden, bis zum Abend zu bleiben, denn da kommen weitere Besucher in das Schloss und Mark könnte der Ehrengast bei dieser mysteriösen Zusammenkunft sein.

Jetzt bist du in der Welt von Elisabeth und Eva, in der Welt von Wahnsinn und Mord.

Im Zentrum des mitternächtlichen Fests – ich glaube, ich verrate hier nicht zu viel – steht natürlich ein Menschenopfer. Inspiriert wurde Jean Rollin, wie er in den Extras der DVD berichtet, zu seinem Film dadurch, dass es früher für einen Teil der Oberschicht wohl gang und gäbe war, regelmäßig ein Schlückchen frisches (Tier-)Blut zu trinken. Dadurch sollte der Alterungsprozess aufgehalten werden. Die Frauen in „Fascination“ wollen sich aber nicht mehr mit Ochsenblut begnügen, sondern opfern lieber einen Menschen. Die Rolle des Opfers war für den Strolch Mark vorgesehen, doch weil Elisabeth sich  in den hübschen, selbstsicheren Mann verguckt, läuft nicht alles ganz nach Plan.

„Fascination“ ist trotzdem wahrscheinlich kein Film über Frauen, die dem Schönheitswahn verfallen sind (obwohl – das vielleicht auch?), sondern eher einer – wie schon der Titel suggeriert – über die Anziehung des Verbotenen. Diese funktioniert reziprok: Trotz aller Warnungen und Anzeichen von Gefahr – schließlich hat Eva ihre Widersacher mal kurzerhand mit der Sense weggesäbelt – will Mark unbedingt bleiben und an der mitternächtlichen Zeremonie teilnehmen. Nicht nur er ist fasziniert vom Schloss, den schönen Frauen (auch ich habe mich etwas in Brigitte Lahaie verliebt), der geheimnisvollen Veranstaltung um Mitternacht und der Gefahr, in der er sich offenkundig befindet. Auch die Frauen, zumindest Elisabeth, für welche die Welt aus „Wahnsinn und Mord“ Normalität darstellt, ist angezogen vom Anderen in Form des jungen Mannes, der für eine Welt steht, die ihr ganz unbekannt ist. Insofern geht es in „Fascination“ meiner Ansicht nach weder um Gut und Böse, noch um Liebe wie hier und da zu lesen ist. Es geht um den Reiz des Unbekannten, den Magnetismus des Fremden, den Wunsch, dass es noch irgendetwas jenseits sattsam Bekannten geben möge. In einer der plakativsten aber trotzdem schönsten Szenen des kommt das Ying und Yand des Films sehr gut zum Ausdruck: Da steht  Eva, nackt und unschuldig wie die erste Frau, auf der Brücke zum Schloss – und schwingt die Sense. Leben und Tod, Lust und Grauen, Rein- und Verdorbenheit – all das steckt in diesem Bild. Auf der anderen Seite – und das ist, soweit ich mir das Kino von Rollin  bisher erschlossen zu haben glaube, eine etwas versteckte aber dennoch ebenfalls wesentliche Aussage des Films – geht es hier nicht um die naive Sehnsucht einer (schwarzen) Romantik. Rollin scheint sehr genau zu wissen, dass die Vorstellung oft prunkvoller ist als die Wirklichkeit. Vorfreude ist die schönste Freude, heißt es ja auch. Und so müssen sowohl Mark als auch Elisabeth schließlich erkennen , dass am Ende der Suche nach dem verheißungsvollen Unbekannten nur Enttäuschung steht.

Der Film hat mich zwar insgesamt etwas weniger fasziniert als „The Iron Rose“ und als es mich der Titel vermuten ließ. Gefallen hat er mir aber trotzdem. Im Moment scheint mir, dass man sich bei  diesem Film am besten einfach fallen lässt – und genießt. „Fascination“ war meine zweite Begegnung mit Jean Rollin. Nächste Station: „The Night Of The Hunted“.

Bild © X-NK
 

The Iron Rose (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by – 14. April 2013

The Iron RoseIn „The Iron Rose“ verliert ein Pärchen zunächst eine Uhr, dann die Zeit und schließlich sich selbst. Und ich bin verwirrt, möchte aber trotzdem ein paar Sätze zu diesem faszinierenden Film loswerden.

Die Handlung von „The Iron Rose“ (OT: La Rose de Fer; in Deutschland als „Die Eiserne Rose“ oder „Friedhof der toten Seelen“ bekannt), meiner ersten, sehnsüchtig erwarteten Begegnung mit einem Film des französischen Enfant Terrible Jean Rollin, lässt sich so zusammenfassen: Ein frisch verliebtes Pärchen gelangt bei einem Fahrradausflug auf einen Friedhof, auf dem es beschließt zu picknicken – und verirrt sich. Wobei man hier schon einwenden dürfte, dass „verliebt“ vielleicht ein wenig übertrieben ist. Die beiden haben sich tags zuvor auf einer Familienfeier kennengelernt. Sie (Mireille Dargent) war fasziniert von ihm (Françoise Pascal), weil er der langweiligen Festivität durch ein morbides Gedicht etwas Leben eingehaucht hatte. Der anschließende Flirt mündete in besagter Fahrradtour. Doch obwohl ein gewisses Knistern zwischen den beiden unverkennbar war, werden erste Spannungen deutlich, als sie den Ausgang des Friedhofs nicht mehr finden. Während er die Sache herunterspielt und meint, dass man sich auf einem Provinzfriedhof ja wohl nur schlecht langfristig verirren könne, ist sie sichtlich nervöser, sogar ängstlich. Das unterschiedliche Verhalten der Figuren angesichts des Friedhofs und dem, wofür er steht, lässt sich meiner Meinung nach gut als Ausgangspunkt für einen Deutungsversuch nutzen.

Er, der anfangs noch wie ein Rebell und Freigeist wirkt, in dem er die Festgesellschaft mit seiner Einlage provoziert, weil er beim Flirt nichts anbrennen lässt und einen Friedhof als Picknickplatz wählt, der mutig in ein Grab hinabsteigt (wo er seine Uhr verliert) und die Frau überredet, ihm zu folgen, er, der mit dem Morbiden, dem Tod nur kokettiert – er bricht im Angesicht seiner Endlichkeit ein. In gewissem Sinne war er ein Betrüger und Materialist. Das zeigt sich im Film sehr schön daran, wie dringend er seine Uhr wiederfinden will. Sie hingegen ist empfindsam und ehrlich in Bezug auf das, was sie fühlt. Manchmal scheint sie fast wie ein Kind, das Fangen und Verstecken spielen will. Das Labyrinth des Friedhofs kostet sie fast den Verstand. Doch sie kämpft nicht dagegen an, sie akzeptiert und überwindet schließlich ihre Angst. Sie hat die Furcht hinter sich gelassen, aber damit auch weltliche Kategorien. Als er schließlich seine Uhr und damit die Zeit wieder findet, ist das für ihn das Ende. Und ein trauriges dazu. Sie tanzt noch eine Nacht beseelt über den Friedhof. Und als sie ihm dann folgt, tut sie es im Einklang mit sich, der Welt und der Unendlichkeit. Sie ist frei.

Wenn „The Iron Rose“ nicht diese Körperlichkeit und extreme Sinnlichkeit hätte, würde ich sagen, Rollin hat einen buddhistischen Film gemacht, in dem der immerwährende Leidenskreislauf, den das Leben bedeutet, nur überwunden werden kann, in dem das Selbst aufgegeben wird. Aber: Hätte sich Rollin, wäre das tatsächlich sein Anliegen gewesen, nicht etwas weniger an der nackten Haut seiner Hauptdarstellerin Dargent erfreuen müssen? Vielleicht ist genau das aber gerade der verschmitzte Witz des Films, durch den Rollin sich und seine Einstellung zum Leben sympathisch positioniert. Der Titel, die eiserne Rose als groteskes Symbol für unendliche, aber kalte, tote Liebe, würde diese Lesart noch einmal stützen.

Bild © VZ-Handelsgesellschaft