Tag: John C. Reilly

Notizen #12

Posted by – 4. August 2016

Eigentlich (wie ich dieses Wort liebe!) wollte ich nicht mehr kurz notieren, sondern immer einen zumindest etwas detaillierteren Text fabrizieren… Hier jedenfalls mal wieder nur ein paar schäbige Notizen.

The Assassin (Hsiao-Hsien Hou, Taiwan / China / Hong-Kong / Frankreich 2015)

Die schlechte Nachricht gleich zu Beginn: Ich fand den umjubelten „The Assassin“ nur so lala. Nennt mich einen Banausen, aber für die Kunst, die Hsiao-Hsien Hou hier darbietet, fehlen mir irgendwie die Antennen. Die zweifellos hübschen Bilder haben mir jedenfalls nicht geholfen, in die Geschichte zu kommen. Vielleicht sollte man das ja auch nicht, vielleicht sollte der Zuschauer irgendwie draußen bleiben; und vielleicht werden deswegen gefühlt die Hälfte des Films alle Figuren nur schemenhaft zu erkennen hinter wehenden Vorhängen gezeigt. Aber warum? Keine Ahnung. Ich war jedenfalls froh, als es vorbei war. Schon allein deswegen, weil zum Schluss noch mal ein richtig feines Stück Musik kommt. Für mich der Höhepunkt des Films.

Station Agent (Tom McCarthy, USA 2003)

Toller Film – eigentlich. Station Agent hätte ich wohl mal zu meinen Lieblingsfilmen gerechnet, ich habe irgendwo sogar noch eine Liste meiner Top 10 der ersten Dekade des neuen Jahrtausends und da ist er drauf, aber dieses Mal konnte ich mich nicht so richtig auf ihn einlassen. Vielleicht nutzen sich Filme irgendwann ab, drei, vier, fünf Mal funktionieren sie, aber bei sechsten Ansehen dann, plötzlich, mag das Gehirn nicht mehr. Vielleicht lag es ja daran, dass ich „Station Agent“ diesmal in sonderbarer Gesellschaft gesehen habe, so sonderbar, dass die Sonderbarkeit der Figuren im Film dagegen einfach nicht ankommt. Auf diese Theorie kann ich jetzt allerdings aus Respekt vor lebenden Personen, die das hier bestimmt nicht lesen, aber vielleicht ja doch (wer weiß das schon?) nicht weiter eingehen. Aber toller Film eigentlich.

Toni Erdmann (Maren Ade, Deutschland / Österreich 2016)

Zu diesem Film, für den der Ausdruck „Meisterwerk“ zu klein und damit völlig ungeeignet ist, nur einen Satz zu schreiben, das geht natürlich gar nicht.

The Shallows (Jaume Collet-Serra, USA 2106)

Wohin das Auge sieht: Haie! . „Supershark“, „Sharktopus“, „Dinoshark“ „Sharknado“ eins, zwei, drei usw. Selbst im Supermarkt ist man vor ihnen nicht sicher! Ich kann mir dieses ganze Zeug nur mit Mühe ansehen. Dass es sich bei „The Shallows“ um einen ernstgemeinten Hai-Horror handeln sollte, hat dann aber doch mein Interesse geweckt. Und wirklich, nicht übel, was „House of Wax“- und „Orphan“-Regisseur Jaume Collet-Serra hier abliefert, gar nicht übel. Dazu braucht er nicht mehr als eine junge Surferin (Blake Lively) und einen blutrünstigen Hai. Ich finde es jedenfalls super, dass sich jemand dieser Tage traut, einen unironischen Hai-Thriller zu drehen, zumal das Ergebnis durchaus sehenswert ist (spannend, toll fotografiert, überzeugende Hauptdarstellerin). Da kann ich auch verschmerzen, dass Zufälle die an sich sehr reizvoll reduzierte Geschichte etwas zu sehr dominieren und die existenzialistische Dimension von „The Shallows“ eher unterentwickelt ist.

The Lobster (Giorgos Lanthimos, Frankreich / Irland / Großbritannien, Niederlande / Griechenland 2015)

Ich frage mich seitdem täglich, welches Tier ich wohl wäre. Jedenfalls kein Hai.

Demolition (Jean-Marc Vallée, USA 2016)

Davis Mitchell (Jake Gyllenhaal) verliert seine Frau bei einem Autounfall. Statt ordnungsgemäß zu trauern, öffnet er sich in Briefen dem Kundenservice einer Automatenfirma – und erhält überraschend Antwort von Karen Moreno (Naomi Watts), die sich sehr interessiert an seinen Gefühlen zeigt. Die beiden lernen sich kennen. Nach und nach erkennt Davis, dass er zuerst sein altes Leben auseinandernehmen muss, ehe er ein neues beginnen kann. Dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, wird häufig behauptet. Der Protagonist des Films scheint diese Meinung nicht zu teilen oder der These zumindest von Grund auf nachgehen zu wollen, indem er zwanghaft alles auseinanderbaut, was ihm unter den Schraubenschlüssel kommt. Dieser Akt der Zerstörung ist die grundlegende Metapher dieses ambitionierten aber leider völlig überkonstruierten und unglücklicherweise auch bis zum Bersten vollgestopften Drehbuchs. Doch anders als in der Geschichte fügt sich der Film leider nicht wie durch ein Wunder zu einem kunstvollen Großen und Ganzen zusammen. „Demolition“ ist eins der raren Beispiele für etwas, das weniger ist, als die Summe seiner Teile.

Vor der Morgenröte (Maria Schrader, Österreich / Deutschland / Frankreich 2016)

Mal von „Toni Erdmann“ abgesehen, hat mich kein Film in den letzten Wochen so beeindruckt wie die Stefan Zweig Biografie von Maria Schrader. In „Vor der Morgenröte“ wimmelt es von Irritationen und ich denke, das ist Konzept und soll die Situation und Zerrissenheit seiner Hauptfigur zeigen. Der Film wird getragen von Josef Harder. Harder ist ein großartiger, aber – das vergisst man vielleicht ab und an, wenn man ihn nur als den Brenner kennt – auch sehr vielseitiger Schauspieler, der hier einen neuen Bereich seines Könnens demonstriert. Ich sage mal vorher, dass dieser Film in meinen Jahres-Top-10 sein wird.

We Need To Talk About Kevin (Lynne Ramsay, UK/USA 2011)

Posted by – 21. Oktober 2012

Die ersten Tränen der Kinder sind Bitten. Wenn man nicht Acht darauf gibt, so werden sie bald Befehle.“ – Jean-Jacques Rousseau

Auf dem Fantasy Filmfest Nights verpasst, danach immer wieder Gutes über ihn gehört und nun endlich gesehen: „We Need To Talk About Kevin“ von Lynne Ramsay nach einem Roman von Lionel Shriver. Für mich als Pädagogen sind Filme über das Scheitern von Erziehung natürlich immer interessant und manchmal aufschlussreich. Doch in diesem Fall muss ich sagen, dass der Film als Film und als Kommentar zu einer Mutter-Kind-Beziehung mehr Fragen als Antworten produziert hat.

„We Need To Talk About Kevin“ ist ein Film über eine Familie – Frau Eva (großartig: Tilda Swinton), ihr Mann Franklin (naiv: John C. Reilly) und die beiden Kinder Kevin (eindimensional: Ezra Miller; in jungen Jahren gespielt von Jasper Newell und Rock Duer) und Celia –, aber vor allem ist es ein Film über eine Mutter und ihren Sohn. Kevin bleibt Eva von Anfang an fremd. Jeder gemeinsame Moment scheitert. Zum Beispiel als Eva dem Jungen – fast wie bei der Haustierdressur – einen Ball zurollt und erwartet, dass er ihn zurückrollt; oder als sie mit ihm rechnen übt, ihn dabei aber völlig unterschätzt und abermals brüskiert. Eva tut, wovon sie glaubt, dass es eine gute Mutter tun sollte, doch sie fühlt es nicht. Anders herum scheint Kevin kein Urvertrauen zu seiner Mutter entwickelt zu haben, denn schon in jungen Jahren spürt er, wie sie immer mehr von ihm wegtreibt.

Kevin ist immer außen vor. Er ist  nie Teil der Familie. Und am Ende wird er zum Amokläufer. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich war er ja auch schon die ganze Zeit ein Monster, ein Unmensch, einer, der außerhalb der Gesellschaft stand. Denn wer nach Außen gedrängt wird, das lehrt die (Film-)Geschichte, der trinkt irgendwann Blut, verwandelt sich bei Vollmond in ein Tier, oder macht – wie Kevin – mit Pfeil und Bogen jagt auf seine Mitschüler. So weit, so einleuchtend. Und trotzdem war der Antagonist, Kevin genau das, was mich an dem Film am meisten irritiert hat.  Warum hat sich Ramsay entschlossen, Kevin so diabolisch dar zu stellen? Die einzige Antwort, die mir einfällt wäre, dass wir den ganzen Film nur durch die Augen Evas sehen und ihr Sohn nun mal so teuflisch auf sie wirkt. Schließlich hat dieses Menschenkind ihr schönes Hippieleben zerstört. Doch „We Need To Talk About Kevin“ scheint mir kein Psychofilm zu sein, so dass mich diese Erklärung nicht befriedigt.

Im weitesten Sinne geht es vermutlich darum, wie man seine Monster selber produziert und das zusammen mit der Frage, ob man überhaupt Einfluss darauf hat. Evas Ablehnung ihres Sohns ist eine natürliche Reaktion, die sich aus ihrer Biografie und ihrem Charakter ergibt. Doch wenn Eva die Wahl gehabt hätte, anders zu fühlen und anders zu handeln – hätte sie den Amoklauf verhindern können? Eines ist sicher: Wer glaubt, dass alles ist wie es ist, weil alles war, wie es war, der wird sich immer seinem Schicksal fügen müssen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das nur meine Assoziationen sind, oder ob eine Auseinandersetzung dieser Art von Ramsay intendiert war. Ich vermute eher nicht. Aber worum genau geht es Ramsay dann? Um den Alptraum der Mutterschaft? Oder darum, dass Kevins frühe Tränen irgendwann zu Pfeilen werden? Die Thematik des jugendlichen Amokläufers scheint mir jedenfalls durch die unterkomplexe Darstellung des Antagonisten und die fragmentarische und zumindest auf mich gekünstelt wirkende Erzählweise nur noch weiter mystifiziert zu werden.

Bild © Euro Video