Tag: Kino

Über das Film-Glück gestern, heute und morgen

Posted by – 19. Dezember 2017

Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich in diesem Jahr einen kleinen Text geschrieben über… – ja was eigentlich? Der Überschrift nach geht es um das Film-Glück gestern, heute und morgen. Aber eigentlich geht es vor allem um mich – und um Unglück. Michael vom Schneeland-Blog hat den Text auf Twitter sehr schön aus der Hüfte beüberschriftet mit „Über das Filmeschauen in den Zeiten von totalitären Algorithmen“, was mir sehr gut gefällt und den Inhalt, finde ich, besser auf den Punkt bringt, als der gesamte Text. Hier geht es zu meinem Adventskalender-Beitrag.

Messiah Of Evil (Willard Huyck, Gloria Katz, USA 1973)

Posted by – 2. Mai 2016

Messiah Of Evil„Ein wenig seltsam ist es schon“, erinnere ich mich, diesen Text vor zwei Wochen schon einmal begonnen zu haben, „dass ich von „Messiah Of Evil“ zuvor noch nie etwas gehört habe“. Eigentlich hatte ihn, diesen Text, nämlich schon zu Dreiviertel fertig, aber dann ist er mir leider irgendwie verloren gegangen. Ich vermute technisches Versagen. Meine Lust, das Geschriebene zu rekonstruieren, hält sich in Grenzen. Aber der Film von Willard Huyck & Gloria Katz ist so gut, dass ich ihn auch nicht kompletten auslassen kann und zumindest ein paar Sätze tippen muss. Denn er enthält derart markante Szenen, dass es für Freunde des Phantastischen Films eigentlich undenkbar ist, wenn schon nicht den ganzen Film so noch nicht mal diese besagten Teile aus ihm zu kennen.

Der Inhalt ist schnell erzählt und ohnehin nicht das, was „Messiah Of Evil“ so besonders macht: Es geht um die junge Arletty (Marianna Hill), die auf der Suche nach ihrem Vater, einem Künstler, in das Küstenstädtchen Pointe Dune gerät. Das Haus ihres Vaters findet sie verlassen vor, dafür trifft sie im Dorf Thom, der sich für die örtliche Legende vom blutigen Mond interessiert, und seine beiden Begleiterinnen Laura (Anitra Ford) und Toni (Joy Bang). Die Dorfbewohner verhalten sich indes äußerst seltsam und scheinen mehr zu wissen, als sie zu verraten bereit sind.

Der Zuschauer ahnt zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig mehr, nämlich, dass die Dorfbewohner nicht nur seltsam, sondern durchaus gewaltbereit sind und, wie sich kurze Zeit später herausstellt, eine Vorliebe für rohes Fleisch haben. Die erste Szene, in der das ganz deutlich wird, ist gleich eines der Highlights des Films. Laura ist genervt von ihrer Gesellschaft und zudem ein wenig eifersüchtig auf Thom, der heftig Arletty umgarnt. Daraufhin macht sie sich auf den Weg ins Dorf, wo sie einer Fußgängerin in den Supermarkt hinterhergeht. Was folgt, ist wohl einer der besten in einem Einkaufstempel spielenden Momente, die es überhaupt gibt. Auch dem Kino wird im weiteren Verlauf noch eine längere Sequenz gewidmet (diesmal macht Toni Bekanntschaft mit den Dorfbewohnern), von deren Existenz nichts gewusst zu haben, für mich rückblickend irgendwie bizarr anmutet.

Doch „Messiah Of Evil“ ist nicht nur ein Film mit einer Handvoll herausragender Szenen, er ist auch allumfassend atmosphärisch – ja er ist Atmosphäre; und wenn ich jetzt Argentos „Suspiria“ als Vergleich heranziehe, ist das sicherlich einerseits irreführend, andererseits auch wieder nicht. Wer sich Huycks & Katz’ Film weniger als zusammenhängende Geschichte, sondern mehr als stimmungsvolle Geisterbahnfahrt vorstellt, liegt gar nicht so falsch. Und wo wir gerade beim Vergleichen sind: Auch wenn die Ausstattung tatsächlich ein wenig an Argento erinnert (das Haus von Arlettys Vater ist ein Traum!!), hat mich der Film gleich in mehreren Momenten an John Carpenter erinnert; und auch wenn ich noch nichts derartiges gelesen habe, möchte ich wetten, dass Carpenter „Messiah Of Evil“ kannte und sich in Filmen wie „The Fog“ (das isolierte Küstenstädtchen) „Prince Of Darkness“ (die vor der Kirche lauernden Besessenen) oder „Mouth Of Madness“ (die Atmosphäre in der Stadt und der sich ausbreitende Wahnsinn) davon inspirieren ließ.

Viel mehr will ich in dieser Textrekonstruktion auch gar nicht sagen, höchstens noch einmal herausstellen, dass „Messiah Of Evil“ meiner Meinung nach ein ganz wichtiger Film ist, den sich jeder Fan der Phantasik, sofern noch nicht geschehen, ganz dringend anschauen sollte. Ob er wirklich zu den großen, vergessenen Meisterwerken gehört oder ich einfach mal wieder keinen Plan hatte, dürft ihr mir gerne in die Kommentare schreiben.

Bild © Alive

Kino 2013: Meine Top 10

Posted by – 19. Dezember 2013

Knapp 100 Filme habe ich dieses Jahr im Kino gesehen. 100 Filme – das heißt natürlich auch, dass ich die große Mehrheit der Kinostarts verpasst habe. Gern gesehen hätte ich z.B. noch „La Vie d’Adéle“, „Captain Phillips“, „Prisoners“, „The Bling Ring“, „Finsterworld“, „Blue Jasmin“, „Die andere Heimat“… Aber da habe ich wenigstens schon mal was, auf das ich mich 2014 freuen kann. So, aber jetzt zu den Top 10 dieses Jahres. Folgende Filme haben mir am besten gefallen:

Rust And Bone (Jacques Audiard, Frankreich / Belgien 2013)

Vor drei Jahren hat Jacques Audiard mit „A Prophet“ (OT: Un prophète) meine Jahresliste angeführt. Jetzt steht er ein weiteres Mal auf dem Siegertreppchen. Dabei kann ich nicht einmal genau sagen, um was für eine Art Film es sich bei „Rust And Bone“ (OT: De rouille et d’os) handelt. Ein Liebesfilm? Ein Sozialdrama? Es geht um die Beziehung zweier Menschen, die das Schicksal an den Rand der Gesellschaft getrieben hat. Ein Problemfilm ist  „Rust And Bone“ trotzdem nicht – schon deswegen, weil Audiard Probleme zur Selbstverständlichkeit macht und sie so in die Normalität holt. „Rust And Bone“ überrascht, unterläuft die Erwartungen, ist schön und hässlich, brüllend laut und hingehaucht leise, ist so zart und gewaltig, dass es weh tut.

The Hunt (Thomas Vinterberg, Dänemark / Schweden 2012)

Thomas Vinterbergs „Das Fest“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Die darauf folgenden Filme haben mir dann aber nicht mehr so gefallen. Mit „Die Jagd“ (OT: Jagten) hat  er nun doch noch einmal einen Film gemacht, der mich gefesselt und nicht wenig verstört hat. Analytisch zeichnet Vinterberg die auf einen vermeintlichen Fall von Kindesmissbrauch folgende Kausalkette nach und legt dabei offen, wie aus besten Absichten Böses entsteht.

The Hunger Games: Catching Fire (Francis Lawrence, USA 2013)

Die Demütigungsmaschine des Capitols kommt erst im zweiten Teil der „Hunger Games“ so richtig auf Touren. Die Fortsetzung steht dem ersten Film in nichts nach, sondern treibt die todtraurige Geschichte in der grausamen Welt von Panem unbarmherzig voran. In der diesjährigen Blockbuster-Saison ist „The Hunger Games: Catching Fire“ mit Sicherheit der relevanteste Film. Panem et circenses – das hat im alten Rom funktioniert, das funktioniert im Film. Und vielleicht funktioniert das auch in der Jetztzeit gar nicht schlecht. Ein Blick auf aktuelle Reality-Formate legt diesen Schluss jedenfalls nahe. (Mehr dazu)

Oz: The Great And Powerful (Sam Raimi, USA 2013)

Eine Ode an die Schaffenskraft, die aber vor allem erst einmal zeigt, dass hinter jeder Illusion eine ganze Menge Arbeit steckt. Die eigentliche Pointe an Raimis Film ist allerdings noch eine andere: „Oz: The Great And Powerful“ ist ein Meisterstück über das Thema Täuschung. Nicht nur, dass alle Figuren sich gegenseitig belügen: Raimi führt auch den Walt-Disney-Konzern mit diesem trojanischen Pferd an der Nase herum und dazu das Publikum gleich mit. (Mehr dazu)

Stoker (Chan-wook Park, USA, UK 2013)

Mit seinem Hollywood-Einstand liefert Chan-wook Park nicht nur eine tiefe Verbeugung vor Hitchcocks „Shadow Of A Doubt“ ab, für mich ist ihm mit „Stoker“ auch gleich der beste Film seiner Karriere gelungen: Mia Wasikowska und Matthew Goode liefern sich in diesem fiebrigen Thriller ein Psychoduell sondergleichen. Es gibt bestimmt tiefsinnigere Filme in meiner Liste. Aber nur wenige, die mich so verzaubert haben wie Parks „Stoker“. Die Szene des Jahres: Das Klavierduett zwischen India und ihrem Onkel.

Zero Dark Thirty (Kathryn Bigelow, USA 2012)

Kathryn Bigelow ist mit Zero Dark Thirty ein sehr spannender, vielschichtiger Film gelungen, aber auch einer, der es dem Zuschauer nicht ganz leicht macht: Ähnlich wie David Finchers „Zodiac“ ist auch Bigelows Film ein Recherchethriller, der sich über viele Jahre erstreckt und dabei eher die Struktur der Suche und des zugrunde liegenden Konflikts analysiert, als auf konkrete Charaktere abhebt. Trotzdem: Es ist faszinierend anzusehen, wie es Bigelow gelingt, das große Ganze am Detail deutlich zu machen und dadurch die Mechanismen eines fast schon archetypischen Konflikts freizulegen. (Mehr dazu)

Gravity (Alfonso Cuarón, USA 2013)­­

Auf den ersten Blick wirkt „Gravity“ wie ein klassischer Katastrophenfilm, ein Weltraum-Abenteuer vor dem Hintergrund einer Havarie in der Umlaufbahn der Erde. Beim genaueren Hinsehen geht es aber vor allem um die Anziehungskräfte zwischen Menschen – Liebe, Freundschaft, Vertrauen –, die hier den Unterschied machen zwischen Objekt und Subjekt, Leben und Tod. Und die schlussendlich verhindern, dass wir in der Dunkelheit des Weltraums einfach verschwinden.  Ein großes, wichtiges und existenzielles Kinoerlebnis! (Mehr dazu)

Before Midnight (Richard Linklater, USA / Griechenland 2013 )

Nach „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004) ist „Before Midnight“ der dritte Teil von Richard Linklaters dialoglastiger Romanze um das Pärchen Jesse (Ethan Hawke) und Céline (Julie Delpy). Die beiden sind mittlerweile verheiratet und leben zusammen mit ihren beiden Töchtern in Paris. Während ihres Sommerurlaubs in Griechenland kommt es zwischen ihnen zu einer langen Diskussion um ihre gemeinsame und berufliche Zukunft – die in einem heftigen Streit mündet. Formal ist „Before Midnight“ den beiden anderen Teilen sehr ähnlich. Was den dritten Teil allerdings von den Vorgängern unterscheidet, ist die Fallhöhe, die beide Protagonisten mittlerweile haben. Es ist kein Urlaubsflirt, und die beiden haben nicht nur die Verantwortung für ihr eigenes Leben, sondern auch für das ihrer Kinder. Ihr Scheitern würde gleichzeitig eine Katastrophe für andere bedeuten. Für mich der düsterste, aber auch beste Film der Reihe.

The Act Of Killing (Joshua Oppenheimer, Dänemark / Norwegen / Großbritannien 2012)

Wie kann man einen Film ertragen, in dem sich Kriegsverbrecher, die in den 1960er Jahren für Massenmorde in Indonesien verantwortlich waren, ihrer Taten rühmen, mit stolzgeschwellter Brust und einem Lächeln im Gesicht erzählen, wie sie andere Menschen gefoltert und zu Tausenden umgebracht haben – und die dann sogar beginnen, ihre Verbrechen für Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm nachzustellen? Eine Antwort auf diese Frage habe ich nicht. Aber ich glaube, dass man sich diesen Film ansehen und es zu ertragen versuchen sollte. Alles andere wäre Verdrängen.

White House Down (Roland Emmerich, USA 2013)

Bis vor kurzem befand sich an diesem Platz noch Roman Polanskis „Venus In Fur“. Ohne Frage auch ein toller Film. Aber von Polanski erwarte ich auch Großes, von anderen hingegen nicht. Insofern widme ich den zehnten Platz auf dem Treppchen meinem persönlichen Shooting-Star des Jahres: Roland Emmerich. In „White House Down“ legt der Mann aus Sindelfingen zwar nur das Weiße Haus in Schutt und Asche, nimmt damit aber gekonnt das Herz der Vereinigten Staaten ins Visier. Das Ergebnis: sein bester Film überhaupt. „White House Down“ ist spannend, explosiv, komisch – und hat eine gehörigen Portion Chuzpe. (Mehr dazu)

Für alle, die lieber hören als lesen: Hier unterhalte ich mich mit Patrick und Michael über unsere Jahres-Top-10.

Kino 2012: Meine Top 10

Posted by – 13. Dezember 2012

2012 war ein guter Jahrgang. Etwas über 100 Filme habe ich im Kino sehen können (ca. 70 Filme waren reguläre Kinostarts, der Rest lief auf Festivals). Die 10 Filme, die mir davon am besten gefallen haben, sind folgende:

Life Of Pi (Ang Lee, USA 2012)

Eigentlich soll die Liste gar keine Reihenfolge angeben, dennoch steht dieser hier nicht zu unrecht ganz oben. Toller Roman, großartige Umsetzung. Einen so reichhaltigen Film wie Ang Lees „Life Of Pi“ habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Zwar ist er nicht ganz kitschfrei, aber er ist dennoch mitreißend erzählt, magisch fotografiert und grandios gespielt. Ein Film der zum Philosophieren einlädt. (–> Zur Kritik; wer es etwas ausführlicher will, kaufe sich die Januarausgabe der AGM.)

Sister (Ursula Meier, Frankreich / Schweiz 2012)

Der beste Film auf der Berlinale 2012 und aus dem diesjährigen Kinoprogramm. Von dem dümmlichen deutschen Titel „Winterdieb“ (was ist ein Winterdieb??) sollte sich niemand abschrecken lassen. Ursula Meiers „Sister“ (OT L’enfant d’en haut) ist ein grandioses Beziehungsdrama – und bestimmt ist er noch viel mehr als das. Mir fehlen die Worte.

The Hunger Games (Gary Ross, USA 2012)

Kinder, die sich in einer riesigen Arena gegenseitig umbringen müssen. Schon die Prämisse ist über alle Maßen deprimierend. Ich war zweimal im Kino und hatte jedes Mal feuchte Augen und einen Kloß im Hals. Wie es manche Leute schaffen, diesen Film mit einem Schulterzucken abzutun, ist mir ein Rätsel. Zumindest für mich war „The Hunger Games“ ein äußerst verstörender Film  und eines der intensivsten Filmerlebnisse dieses Jahres. (–> Zur Kritik)

The Turin Horse (Béla Tarr, Ágnes Hranitzky, Ungarn / Frankreich / Schweiz / Deutschland / USA 2011)

Die Apokalypse – bei Béla Tarr ist das die rückwärtslaufende Genesis. Am Anfang bockt ein Pferd. Am Ende ist da nur noch Dunkelheit. Dazwischen liegen sechs lange Tage, in denen der Zuschauer einen Bauern und seine Tochter dabei beobachten kann wie sie aufstehen, sich anziehen, essen, trinken, Wasser holen und wieder zu Bett gehen. „The Turin Horse“ (OT A torinói ló) ist ein verstörend toller Film, aber auch ein unglaublich deprimierender, weil er dem Zuschauer jede Hoffnung verweigert.

Cosmopolis (David Cronenberg, Kanada / Frankreich / Portogal / Italien 2011)

Limousinen spielten in diesem Kinojahr eine große Rolle. Die längste Zeit des Films sitzt der Protagonist in seinem Wagen. Er befindet sich auf dem Weg zum Friseur. Was einfach klingt, ist  eine verdammt komplexe Angelegenheit. „Was ist der Mensch?“, „Was kann aus ihm werden?“ fragt Cronenberg in seinem Film „Cosmopolis, der fast noch eigenwilliger ist als man es von ihm gewohnt ist. Der Film gleicht einer wissenschaftlichen Studie: nicht immer vergnüglich, aber bewusstseinserweiternd. (–> Zur Kritik)

Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA 2012)

Ich mag Filme von Wes Anderson eigentlich immer gerne,  diesen sogar ganz besonders. Mit „Moonrise Kingdom“ bleibt Anderson seinem Stil treu, erweitert aber gleichzeitig sein Œuvre um eine Geschichte, die es wirklich einmal wert ist, erzählt zu werden: Es geht um zwei Kinder und eine bedingungslose Liebe. Unter der sterilen Oberfläche der Bilder brodelt ein Vulkan. So deutlich habe ich das bei einem Anderson-Film noch nie empfunden.

The Raid (Gareth Evens, Indonesien / USA 2011)

Eine Gruppe unerfahrener Polizisten, ein Hochhaus und eine Horde blutgieriger Gangster. Mehr braucht es manchmal nicht. Offene Brüche, aufgeschlitzte Hälse, eingeschlagene Schädel, zerfetzte Leiber – Gareth Evens bietet in „The Raid: Redemtion“ Action Non-Stop. So was hat man noch nicht gesehen. Ich zumindest nicht. (–> Zur Kritik)

Holy Motors (Leos Carax, Frankreich / Deutschland 2012)

Der Preis für den ungewöhnlichsten Film müsste eigentlich an „Holy Motors“ gehen. Wer versucht, ihn zu verstehen, der hat ihn nicht verstanden. Ein Film, der auch noch weiter läuft, wenn sich der Vorhang schon geschlossen hat. Ein Film über Inspiration, über Kreativität und über das Kino. Wunderbar!

Tinker Taylor Soldier Spy (Tomas Alfredson, Frankreich / UK / Deutschland 2011)

Die John le Carré-Verfilmung von Tomas Alfredson („Låt den rätte komma in“) ist nur auf den ersten Blick dem Genre des Agentenfilms zuzuordnen. In Wirklichkeit interessiert sich Alfredson aber für ganz andere Dinge. Mit seinem Film fängt er das Echo einer vergangenen Zeit ein, einer Zeit, die es wahrscheinlich niemals gab und zeigt dem Zuschauer, wie es sich anfühlt, als Gespenst durch einen Carré-Roman zu wandeln. Die Agenten von damals sind wie die erstarrten Insekten in einem glitzernden Bernstein.

Anna Karenia (Joe Wright, USA 2012)

Kurz vor Jahresende erobert sich Joe Wrights Literaturverfilmung noch einen Platz in meinen Top 10. „Anna Karenina“ ist einziger  Rausch – opulent, intelligent, intensiv. Ich gebe zu: Filme, in denen das Spiel mit den Realitäten so kunstvoll betrieben wird, wie in diesem, haben es bei mir auch nicht schwer. Da kann auch Keira Knightley nichts dran ändern. Schon der Beginn, wenn die Schauspieler ihre Kostüme anziehen und auf die Bühne treten, die plötzlich zur filmischen Wirklichkeit wird, bringt mich zum Schwärmen. Und von solchen Momente wimmelt es. Trotzdem ist dieses Spiel mit dem Realitätsebenen kein Selbstzweck, sondern immer auch schlauer Kommentar zur Geschichte um Anna Karenina und ihrem (hoffnungslosen) Versuch, auszubrechen.

The Avengers (Joss Whedon, USA 2012)

„The Avengers“ ist lange nicht meine liebste Superhelden-Verfilmung, aber die mit Abstand beste in diesem Jahr. Leider wurde sie gestern von „Anna Karenina“ auf den 11. Platz verdrängt. Trotzdem. Joss Whedon ist und bleibt ein Zauberer. Egal, mit wie vielen Figuren er in einem Film jongliert – die Chemie stimmt immer.  Außerdem ist er in der Lage, tolle Geschichten und Dialoge zu schreiben. Etwas besseres als er konnte einem Film über die „Avengers“ gar nicht passieren. Nur das mit der Action, das sollte Whedon noch mal üben. (–> Zur Kritik)

Kino 2011: Meine Top 10

Posted by – 22. März 2012

Seit 2005 führe ich Listen über meine Kinobesuche und versuche mich am Ende des Jahres zu entscheiden, welche 10 Filme mir am besten gefallen haben. Leider sind die meisten Listen mit der unangekündigten Auflösung des Filmstarts-Forums im digitalen Nirwana verschwunden. Nur die von 2011 konnte gerettet – und soll hier aus archivarischen Gründen verewigt werden. Filme ungefähr in Reihenfolge des Gefallens.

Melancholia (Lars von Trier, Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland 2011)

Lars von Trier lässt die Welt untergehen wie noch keiner die Welt untergehen lassen hat. In „Melancholia“ verbinden sich die Experimentierfreunde des Dänen mit hohem ästhetischen und inhaltlichem Anspruch und exzellentem Schauspiel. Ich habe Kirsten Dunst noch nicht so gut gesehen. Gänsehaut. Und auch Kiefer Sutherland, Charlotte Gainsbourg, Alexander und Stellan Skarsgård, Charlotte Rampling und viele mehr spielen als ginge es wirklich um ihr Leben. Etliche Szenen lassen mich einfach nicht mehr los. Dass Beste an „Melancholia“ ist allerdings, dass man ihn sowohl als Drama über das Ende der Erde sehen kann, als auch dieses Ende als Metapher für die von der Hauptfigur durchlebten Depression sehen kann. Film des Jahres. Ohne Frage.

Super (James Gunn, USA 2010)

Ich habe „Super“ auf dem Fantasy Filmfest 2011 gesehen und war sprachlos. So einen mächtigen Film hätte ich von James Gunn nicht erwartet. Ich mag „Slither“, mir gefallen seine „PG-Porn“-Sachen und ich schmunzle ab und zu über seine Nachrichten auf Twitter. Aber „Super“ stellt mal all das in den Schatten und beweist, dass Gunn ein bemerkenswerter Filmemacher ist, hinter dessen albernem Auftreten ein kluger Kopf steckt, der bösen Witz mit sensiblem Ernst verbinden kann. „Super“ ist jedenfalls super.

Perfect Sense (David Mackenzie, UK, Schweden, Dänemark, Irland 2011)

Ein ein Film über die Liebe, einer, der sie in höchsten Tönen besingt, ja, ihr ein Mahnmal schafft – das Bildnis zweier Menschen, in eine Umarmung versunken –und dabei unglaublich traurig ist, so dass man mit dem Weinen gar nicht mehr aufhören mag. Vielleicht ein wenig auch aus Freude, schließlich ist David Mackenzies sechster Film ein ganz toller, einer, der trotz aller Tristesse doch etwas Hoffnung spendet. Denn vielleicht gibt es ihn ja wirklich, den perfekten Sinn?

Source Code (Duncan Jones, USA 2011)

Direkt nach dem Sehen kam mir „Source Code“ vor wie eine Mischung aus Jones’ erstem Film „Moon“, „Twelve Monkeys“ und einer explosiven Variante von „Groundhog Day“. Keine Ahnung ob diese Vergleiche weiterhelfen. Soviel ist sicher: „Source Code“ ist exzellente Science Fiction, die durch die gekonnt umgesetzte, visionären Grundidee besticht. Diese offenbart sich allerdings nicht auf den ersten Blick, sondern will gefunden werden.

Black Swan (Darren Aronofsky, USA 2010)

Für mich der beste Film von Darren Aronofsky: dicht, bild- und tongewaltig, unheimlich – und möglicherweise so nah dran an der Wirklichkeit manch geschundener Ballerina, dass man gleich doppelt Gänsehaut bekommen kann.

Das rote Zimmer (Rudolf Thome, Deutschland 2011)

Mein erster Film von Rudolf Thome war gleich eine kleine Offenbarung. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt weder etwas von dieser Art Liebesfilm, noch etwas davon, dass man Geschichten so leichtfüßig, beschwingt und trotzdem auch spannend erzählen kann.

Schlafkrankheit (Ulrich Köhler, Deutschland 2011) 

War mein Highlight auf der Berlinale 2011. Erst schön erdig, aber dann lässt Köhler seinen Film unvermittelt so richtig schön wegdriften. Am Ende steht ein Nilpferd. Und das muss da auch stehen!

Über uns das All (Jan Schomburg, Deutschland 2011)

Eigentlich erzählt Jan Schomburg in „Über uns das All“ eine sehr konkrete Geschichte: Eine Frau verliert ihren Mann. Und doch ist sein Film einer voller Leerstellen, Unschärfen & -tiefen, Geheimnisse und damit ein faszinierender Trip in den Möglichkeitsraum, der sich unsichtbar neben unserer Alltagswelt gefindet. Ein weiteres Argument für den Film: Die wie immer wundervolle Sandra Hüller. Längeren Text von mir zum Film gibt es hier.

Thor (Kenneth Branagh, USA 2011)

Ein wenig wundert mich ja schon, dass „Thor“ einen Platz in meinen Top 10 ergattert hat, aber so sagen es die Aufzeichnungen. Vielleicht hat sich schon 2011 eine gewisse Superhelden-Müdigkeit bei mir eingestellt, so dass der quietschbunte aber trotzdem mit dem nötigen Gespür für Drama ausgestattete Film einfach herausstach. Naja, schlecht ist er nicht.